1933 war ein schlimmes Jahr

john_fanteDer deutschstämmige US–Kultautor Charles Bukowski war einer seiner größten Fans. In höchsten Tönen lobte der »Mann mit der Ledertasche« seinen Schriftstellerkollegen John Fante und schrieb ihm sogar ein Vorwort für eines seiner Bücher. Grund für so viel Begeisterung: Beide Autoren schöpften ihre Geschichten direkt aus dem eigenen Erleben, sie schrieben klar und wahr, blieben stets authentisch und waren genauestens vertraut mit ihren meist gebrochenen Charakteren.

»1933 war ein schlimmes Jahr«, das Fante 1963 im Alter von 54 Jahren schrieb, ist weitgehend autobiografisch geprägt. Das mit 130 Druckseiten ausgesprochen schlanke Werk erzählt in fünf Kapiteln ähnlich einem Bühnenstück in fünf Akten die Geschichte eines 17-jährigen Jungen, der fest davon überzeugt ist, ein berühmter, hochbezahlter Baseballstar zu werden.

Dominic Molise, Spross einer italienischen Einwandererfamilie in den USA, lebt mit Eltern, Mutter und jüngerem Bruder in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater, ein arbeitsloser Maurer mit schwieligen Händen, treibt sich in Kneipen herum, betrügt seine Frau und versucht, das bescheidene Einkommen der Familie mit Glücks- und Billardspiel aufzubessern. Die erzkatholische Mutter versucht, ihren Stamm so gut es eben geht mit Gottglauben, Rosenkranzgebeten und spärlichen Mahlzeiten zu sättigen, die brabbelnde Großmutter wacht mit Argusaugen über Zuckerdose und Lichtschalter, um zu sparen. Beide Söhne teilen sich ein schmales Bett, Dom braucht nur noch ein Jahr, um die Highschool zu beenden. Danach solle er als Gehilfe seines Vaters auf dem Bau schuften. Er hat jedoch ganz eigene Pläne.

Dom träumt davon, ein berühmter Baseballstar zu werden. Dabei ist er kleinwüchsig und mit Blumenkohlohren, Säbelbeinen, Pickeln und roten Haaren nicht gerade der Prototyp eines erfolgreichen Sportlers. Doch Anerkennung im Schulsport beflügelt ihn, er ist überzeugt, einen linken Schlagarm zu haben, der ihm eine große Zukunft verspricht. Mehrmals täglich reibt er deshalb Den Arm mit einem stinkenden Massageöl ein, um ihn geschmeidig zu machen. Er ist fest davon überzeugt, dass Amerika der richtige Ort für arme junge Männer wie ihn ist. Auch Ken, sein einziger Kumpel, bestärkt ihn in seiner Ansicht. Lediglich das Fahrgeld für die Reise in die große Stadt, wo sein Traumteam spielt, fehlt. Vorher nehmen, wenn nicht stehlen?

Felsenfest von seinem späteren Triumph und dem damit verbundenen Geldregen beseelt, plant der Junge, den einzigen Besitz seines Vaters, eine klapprige Mischmaschine, zu veräußern. Ohne den geringsten Selbstzweifel geht er davon aus, dem Vater in Kürze eine sehr viel bessere Maschine kaufen sowie den gesamten Lebensunterhalt der Familie bestreiten zu können. Der Verkauf fliegt zwar auf, aber Dom bekommt immerhin die Hälfte der erforderlichen Fahrtkosten zusammen und kann nun nicht mehr zurück: Er muss in die weite Welt hinaus und seinen Traum als verwirklichbar beweisen.

Exakt an diesem Punkt endet die Geschichte. Es bleibt offen, ob die Phantasie in Erfüllung geht und der junge Mann seine Berufung findet. Doch der Leser ahnt, dass der Kosmos, in dem der Held träumend wandelt, nie von ihm überschritten werden wird. Gerade im Schildern des Ausbruchsversuchs des pubertierenden Jungen aus seiner sozialen Enge entfaltet der Text seine besondere Kraft. Der Autor weiß einfach, worüber er schreibt. Er hat alles am eigenen Leibe erlebt, und das spürt der Leser in jedem Satz.

John Fante jedenfalls schaffte den Ausbruch selbst, indem er sich dem Kommerz als Drehbuchschreiber in Hollywood verschrieb. Als Schriftsteller fand er postum Anerkennung, auch das hier beschriebene Werk erschien erst nach seinem Tod, weil kein Verlag es drucken wollte. Fante endete verbittert, schwer krank und sich selbst als »Hollywood-Hure« bezeichnend, am 8. Mai 1983. Es ist sicher auch das Verdienst des hervorragenden Übersetzers Alex Capus, uns den Autor erschlossen zu haben.


Kategorie: Biographien
Verlag: Blumenbar Verlag

Leaving Berlin

Leaving Berlin von Joseph Kanon

Leaving Berlin von Joseph Kanon

Januar 1949. Berlin liegt immer noch weitgehend unter Kriegsschutt und Trümmern begraben. Das Alltagsleben in den vier von den Besatzungsmächten errichteten Sektoren erholt sich mühsam. Ohne Schwarzhandel oder Beziehungen zu den Siegern lässt sich kaum ein halbwegs erträgliches Leben führen. Die Rote Armee hat einen eisernen Ring um die Stadt gelegt, im Minutentakt versorgen die Alliierten über eine Luftbrücke den Westen der einst so stolzen Reichshauptstadt. Stromausfälle gehören zum Alltag. Jeder bespitzelt jeden oder zieht Gewinn aus seinem Wissen über die Vergangenheit.

In dieser Situation versucht die sowjetische Militäradministration, Ostberlin mit berühmten Namen heimkehrender Exilanten zu illuminieren. Bertolt Brecht, Helene Weigel, Anna Seghers und Arnold Zweig haben sich für das neue Deutschland entschieden und wollen mit ihrer Kunst helfen, den Sozialismus aufzubauen.

Der (fiktive) halbjüdische Schriftsteller Alex Meier, kehrt ebenfalls heim. Meier war zuvor in Konflikt mit dem berüchtigten »Ausschuß für unamerikanische Umtriebe« geraten und wurde daraufhin vom US-Geheimdienst gezwungen, sowjetische Kultur-Offiziere auszuspähen. In der Hoffnung, dadurch seine Rückkehr in die USA sichern zu können, kehrt der in seiner Sprachheimat berühmte Autor in das zerbombte Berlin zurück. Dort wird er begeistert aufgenommen und mit Ehrungen überschüttet.

Bei einer Ehrung, die der Kulturbund für ihn veranstaltet, trifft Meier auf eine Liebe seiner Jugendzeit, die ein Verhältnis mit einem hohen Sowjet unterhält. Nun beginnt eine wilde Agentenstory zwischen den Sektoren, bei der viel Blut fließt und keiner sicher sein kann, wem er vertrauen darf. Als Doppelagent agiert Meier geschickt zwischen den Fronten und spielt die Parteien gnadenlos zum eigenen Vorteil gegeneinander aus.

Der für seine stets im düsteren Nachkriegsmilieu spielenden Spionageromane bekannte Autor Joseph Kanon versteht es, ein atmosphärisch dichtes Bild vom bombenzerfetzten Berlin östlich des Brandenburger Tores zu zeichnen. Sein auf choreographierten Dialogen basierender Spionagethriller ist packend und mitreißend aufgebaut. Er beginnt zwar schwerfällig, nimmt dann aber bereits im zweiten Kapitel Tempo auf, beschleunigt schnell und endet in einem furiosen Finale, das so wohl nur ein amerikanischer Autor entwerfen kann.


Kategorie: Spionageroman, Thriller
Verlag: C. Bertelsmann München

Elefant

Martin Suter Elefant

Pressebild_ElefantDiogenes-Verlag_72dpiMartin Suter erzählt eine bezaubernde Geschichte um einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunkeln phosphoreszierend schimmert. Dieses klitzekleine Wesen, das mit Holzscheiten statt Baumstämmen jongliert und das Herz jedes Kindes hochschlagen lassen würde, ist keine Schöpfung der Spielwarenindustrie. Es handelt sich um das Produkt geldgieriger Genmanipulateure, die an der Produktion von »glowing animals« (glühenden Tieren) arbeiten und dabei jeden Tier- und Artenschutz ausser Acht lassen.

In der Art eines Tagebuchs mit mehrfachen Vor- und Rückblenden erzählt Suter von dem Züricher Obdachlosen Schoch, der eines Tages in seiner Wohnhöhle staunend ein winziges Elefantenbaby entdeckt. Ihm wird sofort klar, dass es sich bei seinem neuen Mitbewohner, der in der Dunkelheit rosafarben leuchtet, um eine einzigartige Spezies handeln muss. Er nimmt Kontakt auf zu einer Tierärztin, die ihm hilft, das schwache Wesen durchzubringen und aufzupäppeln.

Gleichzeitig sind diejenigen, die den rosa Elefanten als Genmaterial in ihren geheimen Laboratorien entwickelt haben, dem Geschöpf auf der Spur. Das macht die Geschichte thrilling. Dr. Roux, eine Art Frankenstein der Genforscher, wird dabei von skrupellosen Großunternehmern aus China unterstützt, die mit allerlei technischen Gerätschaften dem Dickhäuter auf der Spur sind.

Entkommen ist der rosa Elefant dem Zirkus Pellegrini, dessen gleichnamiger Direktor den Niedergang seines Familienunternehmens dadurch aufzuhalten versucht, dass er seine Elefantenkühe als Leihmütter vermietet. Zu ihm kam eines Tages Frankenstein-Roux und ließ gegen Bares die Elefantenkuh Asha künstlich besamen. Den Erfolg der Aktion verhindern indes ihr Pfleger, der burmesische Elefantenflüsterer Kaung, und ein Tierarzt, dem Ethik mehr bedeutet als Geld. Beiden fällt im Heranreifen des Embryos dessen ungewöhnlicher Kleinwuchs auf, und als sie dann noch bemerken, dass der frischgeborene Minifant rosa leuchtet, behaupten sie, es handele sich um eine Totgeburt, dessen Überreste gleich in der Kadaverbeseitigung gelandet seien. Tatsächlich verstecken sie das Neugeborene und päppeln es in Handaufzucht auf.

Allerdings bleibt dies nicht lange verborgen, bald beginnt eine wilde Jagd auf das seltene Exemplar, das schließlich bei dem Stadtstreicher landet. Als einer seiner alkoholisierten Genossen eines weinseligen Tages davon faselt, einen rosaroten Elefanten gesehen zu haben, wittern die Verfolger eine heiße Spur …

Martin Suter ist bekannt für ausgezeichnet recherchierte Romane. Ihn elektrisierte die Erklärung eines Wissenschaftlers, es sei heute gentechnisch kein Problem mehr, einen rosa Elefanten zu erschaffen. Insofern steht seine Geschichte auf festem Grund, zumal er auch die Verhaltensweisen der Elefanten erforschte und sich intensiv mit dem auch in der reichen Schweiz existierenden Trebermilieu auseinandersetzte.

Zwischen dem Gegensatzpaar ärmster Stadtstreicher mit Herz und multinationaler Konzernherren, die nach Geld und Erfolg gieren, irrt nun das kleine Rüsseltier umher. Dabei schafft es Suter, das schutzbedürftige Wesen mit Hingabe zu schildern, dass der Leser es sofort an sich drücken, seine marzipanfarbene Haut streicheln und es beschützen möchte. Sein Roman vermag es, ein heißes Eisen wie die Genmanipulation schlicht zu veranschaulichen und zu einer farbenfrohen Fabel zu verschmelzen. Suters neuer Roman wirkt dabei wie sein Hauptheld, der rosa Elefant: Er leuchtet von innen.


Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Surabaya Gold. Haschischgeschichten

Surabaya GoldBernd Cailloux, Jahrgang 1945, zählt zu den Autoren, die um 1967 von der Hippie-Bewegung angetörnt wurden. Wie viele junge Leute ging auch er in jenen kulturell und politisch bewegten Tagen auf die große Sinnsuche und entdeckte – neben Musiklokalen wie Düsseldorfs »Creamcheese«, dem Hamburger »Star Club« und dem »Closed Eye« in Berlin – die verbotene Droge Cannabis.

Unaufgeregt spinnt Cailloux sechs feine Geschichten, die das Thema Haschisch eher zu streifen scheinen. Vordergründig geht es um Freundschaften, Beziehungen und Alltagsbegegnungen. Da gibt es den Seefahrtsoffizier, der seiner Gattin zuliebe zum Schmuggler wird. Wir treffen einen Kleindealer, der auf einen Schlag reich werden will, jedoch an die Falschen gerät. Und eine Verflossene macht ihre Privatpilotenlizenz und erwirbt einen Flugplatz in Oregon, wobei sie plötzlich ihren hanfgrünen Daumen entdeckt.

Elegant verpackt der Autor seine Geschichten in autobiographisch aufscheinende Erlebnisse. So begegnet er nach einem leichten Schlaganfall in der Reha einem anderen älteren Herrn. Ihm erzählt er eine seiner Geschichten, bis er lapidar aus dem Munde seines Gesprächspartners, eines Beamten, erfährt, dass dieser täglich kifft. Gemeinsam nehmen die beiden auf einer versteckten Bank hinter dem nächsten schützenden Buschwerk Platz, um einen traumhaft schönen Blick in den Sonnenuntergang zu genießen …

Wie weiche Wellen wogen die Erzählungen um die titelgebende Story »Surabaya Gold«. Bei dem »Gold« handelt es sich um zehn, zwölf Kilo feinsten Stoffes, den Bernds Freund Charly aus der indonesischen Hafenstadt mitgebracht hatte. Jener Seefahrer war dem größten Feind damaliger Freigeister, der Bundeswehr, entkommen, indem er zur See ging und eines Tages mit den besagten Souvenirs nach Hamburg zurückkehrte, wo er sich von seinem Kumpel abholen ließ. Wie die beiden nun durch den Zoll am Hafen rutschen, offenbart Klasse und entspricht vollkommen der unbekümmerten Naivität, mit der junge Leute damals mit den Gefahren des Alltagslebens umging.

Cailloux setzt mit seinen Geschichten dem Stoff, aus dem Träume entstehen, ein kleines Denkmal. Er macht dies vordergründig, um zu unterhalten. Gleichzeitig äussert er sich mit der Veröffentlichung auf seine Art gegen Reglementierungs- und Kriminalisierungsversuche, die dem freiheitlichen Geist der Droge widersprechen.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Pokémon Go. Das ultimative inoffizielle Handbuch

8002Pokémon Go ist statistisch betrachtet das erfolgreichste Handy-Spiel aller Zeiten. Um die Millionen deutscher Kids, die mit ihren Smartphones Pokémons jagen, mit erforderlichem Basiswissen auszustatten, legt der Loewe Verlag nun ein ansprechendes Handbuch vor. Damit können sich Anfänger die Grundlagen des Spiels aneignen und Fortgeschrittene erhalten nützliche Anregungen.

Jeder zehnte Deutsche jagt seit dem Spielstart am 14. Juli 2016 Pokémons (von englisch Pocket Monsters = Taschenmonster) mit seinem Smartphone. Täglich werden 533 Millionen der niedlichen kleinen Viecher weltweit gefangen. Dazu ist die Spielerschaft gemeinsam insgesamt mehr als 8,7 Milliarden Kilometer gelaufen. Das entspricht mehr als 200.000 Reisen um die Erde.

239 verschiedene Taschenmonster können aktuell eingefangen, ausgebrütet, entwickelt und in Arenen trainiert werden. Darunter sind seltene Fabelwesen, die nur in bestimmten Regionen oder Gegenden vorkommen ebenso wie solche, die sich an jeder Ecke tummeln.

Cara Copperman, die Verfasserin des Handbuchs, gibt eine gut aufgebaute Einführung in das Spiel. Sie vermittelt Tipps und Tricks, teilt Insiderwissen und entwickelt Strategien, die angehenden wie fortgeschrittenen Pokémon-Trainern nützlich sind. Das durchgehend vollfarbige Buch ist reich bebildert und ausgezeichnet layoutet. Aufgrund des exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnisses dürfte dem Handbuch eine hohe Auflage beschert werden.


Kategorie: Kinder- und Jugendbuch, Sachbuch
Verlag: Loewe Bindlach

Sehnsucht nach Nebudistan

Wer von den älteren Semestern Billy Mo und seinen Hit »Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut« erinnert und über den tiefschwarzen Jazz-Trompeter und Schlagersänger aus Trinidad, der sich zum Gaudi der Zuschauer in eine alpenländische Tracht zwängte, schmunzeln konnte, der ist bei Thaddäus Troll richtig. In seinem 1956 erschienenen, nahezu zeitlos wirkenden Roman »Sehnsucht nach Nebudistan«, zeichnet der schwäbische Humorist den ebenso schwergewichtigen wie sinnenfreudigen Vertreter eines Südsee-Königreichs, der sich bevorzugt mit grellbunten Hawai-Hemden, quietschgelben Socken und bayerischen Krachledernen ausstaffiert und damit das Aufsehen seiner Umgebung erregt. Doch es ist weniger der farbenfrohe Auftritt oder das handgeschriebene Schild »Raubmörder nach München«, das er zum Trampen umhängt, das den Drei-Zentner-Mann ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Es ist die stark kontrastierende Hautfarbe des geheimnisvollen Herren, der zu allem Überfluss das Amt des Aussenministers von Nebudistan bekleidet, denn Kara Kiri, so der Name des Diplomaten, ist dunkelhäutig, vielmehr: Er ist rabenschwarz. Die Exzellenz ist ein Neger!

Wohlgemerkt, das Buch ist ein halbes Jahrhundert alt! Damals konnten Autoren noch unbeschwert mit dem Begriff »Neger« hantieren, ohne gleich der politisch-korrekten Zensur zum Opfer zu fallen. Es war eine Zeit, in der Schokolade noch vom Sarotti-Mohr werblich serviert werden durfte, ohne gleich in die Schublade des nachtragenden Kolonialdenkens gesperrt zu werden, und in den Bäckereien leuchteten die Augen der Naschkatzen, wenn es Negerküsse und Mohrenköpfe gab. Der Roman ist aus heutiger Sicht also politisch unkorrekt und genau deshalb empfahl ihn mir Hans Peter Roentgen, ein befreundeter Lektor und Autorenkollege, der weiß, dass ich in Sachen politischer Unkorrektheit bewusst und leidenschaftlich gern in Fettnäpfchen trete.

Kara Kiri erscheint also eines schönen Tages an der Haustür der Familie Knesl in Bad Querfurt und macht seine Aufwartung. Haushälterin Schlebusch ist wie vom Donner gerührt ob der Hautfarbe des Gastes und fürchtet, er würde im Gästebett abfärben und Vogelspinnen oder Skorpione ins Haus bringen. Entsprechend distanziert geht sie mit dem vermeintlichen Kannibalen um, der dem Familienoberhaupt einen unwiderstehlichen Vorschlag macht: Die Exzellenz lädt Benvenuto Knesl samt Gattin ein, nach Nebudistan umzusiedeln und dem ehrenwerten König des Reiches als Kanzler zu dienen. Hintergrund der Einladung ist, dass Knesl Verfasser einer einzigartigen Kulturgeschichte von Nebudistan ist, die im Königreich an allen Schulen als Unterrichtsmaterial genutzt wird. Zwar war Knesl noch nie in Nebudistan, doch damit gleicht er Karl May und vielen anderen deutschen Gelehrten, die bevorzugt im Kopf reisen. Außerdem beherrscht der Stubengelehrte das nebudistanische Idiom wie kein zweiter und versteht auch die heimische Knotenschrift besser zu knüpfen als manch Einheimischer.

An der Einladung hängt nur ein Haken, und darum spielt der eigentliche Roman. Das Ehepaar Knesl muss nämlich einen leiblichen Erben mit ins ferne Königreich bringen. Bei drei Töchtern scheint das keine große Herausforderung, und so begleiten wir die Eheleute samt Kara Kiri auf eine Reise zu den Töchtern. Diese sind mit wunderlichen Herren verheiratet, die sämtlich gute Gründe hätten, nach Nebudistan auszuwandern und dort unbeschwert und sorgenfrei zu leben. Der eine ist ein frömmelnder Prediger, dessen missionarischer Eifer die eigenen Kinder vertreibt. Ein anderer ist ein erfolgloser Schriftsteller, der sich profaner Autorentätigkeit verweigert und seinen Stift lieber der brotlosen »hohen« Kunst leiht. Schwiegersohn Nummer Drei ist ein verrückter Erfinder, dessen Roboter und Automaten mehr Schaden als Nutzen anrichten. Doch vor Ort stellt es sich schwieriger als erwartet dar, Mitreisende nach Nebudistan zu finden. Als König Tonga dann auch noch als zusätzliche Ermunterung seinem künftigen Kanzler einen wertvollen Elefanten schickt, gewinnt die Geschichte an Tempo und Turbulenz.

Thaddäus Troll versteht es meisterhaft, skurille Typen zu zeichnen und zieht sie stellvertretend für die jeweilige Berufsgruppe bzw. Weltanschauung durch den Kakao. Ihm gelingt mit »Sehnsucht nach Nebudistan« eine Gesellschaftssatire, über die auch heutige Leser schmunzeln können. Tragender Moment dabei ist natürlich der buchstäbliche Schwarz-Weiß-Kontrast, der durch die wundervollen Auftritte von Kara Kiri, dessen lebenslustige und trinkfreudige Art sowie seine Anwendung der nebudistanischen Philosophie gestaltet wird. Das alles ist im Humor der Sechziger Jahre, der mit Namen wie Heinz Ehrhardt verbunden ist, gehalten.

Das Buch gibt es nur noch antiquarisch. Dabei hätte es – gerade wegen der politisch-unkorrekten Bezeichnungen und Formulierungen – eine Neuauflage verdient.

Thaddäus Troll: Sehnsucht nach Nebudistan. Ein heiterer Roman

Kindler Verlag München 1956


Kategorie: Gesellschaftsroman, Satire
Verlag: Kindler Berlin

Im diplomatischen Dienst

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41KYJ73ECEL._SX261_BO1,204,203,200_Auf Empfehlung eines Freudes, der im Berliner Auswärtigen Amt seinem Leben als Berufsbeamter frönt, habe ich dieses Buch verspeist. Im Vorfeld wurde mir gesagt, es sei erstaunlich, wie exakt der Autor den Zustand im Bauche der deutschen Diplomatie beschrieben habe.

Protagonist Harry von Duckwitz hängt seinen Beruf als Anwalt an den Nagel und tritt in den diplomatischen Dienst ein, der ihn unter anderem nach Kamerun und Ecuador führt. Er gibt sich dabei als Enfant terrible der Behörde und versucht auszuloten, wie weit man mit Indiskretionen und Provokationen gehen kann, um entlassen zu werden. Letztlich interessiert ihn jedoch nur die Damenwelt. Er heiratet Rita, eine bildschöne Inderin und pflegt eine Ménage-à-trois mit seiner alten Freundin Helene.

Beschrieben wird in dem Roman aus dem Jahre 1992 die Zeit von 1975-1990. Es endet mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und bietet Einblicke in einen Teil der jüngeren deutschen Geschichte, der schon größtenteils wieder vergessen ist.

Nach der insgesamt durchaus vergnüglichen Lektüre habe ich allerdings jeden Respekt vor Diplomaten verloren. Von Westphalen beschreibt sie als eine faule Bande, die neben dem Besuch von Parties ihr Tagewerk mit dem Verfassen von Berichten verbringen, die ungelesen in Leitz-Ordnern verschwinden. Ein Diplomat sei »ein typisches Exemplar der menschlichen Gattung, feige, falsch, vorsichtig, machtlos, untätig und mit vernageltem Gesichtskreis«, lässt er Harry von Duckwitz sagen. Ob sich in dieser Hinsicht etwas in den letzten 25 Jahren verändert hat, wage ich zu bezweifeln.


Kategorie: Romane, Satire
Verlag: dtv München

Ein Mann namens Ove

oveDer Mensch muss eine Funktion haben, findet Ove, die Hauptfigur dieses Romans aus Schweden. Und er hat immer funktioniert, daran kann niemand rütteln. Er hat alles getan, was die Gesellschaft von ihm verlangte: Er hat gearbeitet, ist nie krank gewesen, hat geheiratet, die Hypothek abgetragen, Steuern bezahlt, seine Sache gut gemacht, ein ordentliches (schwedisches) Auto gekauft und nun erfährt er mit 59 den »Dank« der Gesellschaft, indem sein Arbeitsgeber ihn funktionslos macht und vor die Tür setzt.

Ove ist damit eigentlich am Ende, zumal seine geliebte Sonja, mit der er 40 lange Jahre liiert war, an Krebs verstorben ist und ihn einsam und allein zurückließ. Er sucht Wege, seiner Frau zu folgen, doch dies misslingt immer wieder, weil seine Nachbarn ihn derart nerven, dass er nicht mal in Ruhe aus dem Leben scheiden kann. Dafür blättert aus der harten Maske des schrulligen Eigenbrötlers nach und nach ein durchaus liebenswerter Mann, der aufgrund zweier goldener Hände nahezu alles kann – von der Reparatur von Fahrrädern über das Entlüften von Heizungen bis hin zum fachgerechten Einparken von Fahrzeugen mit Hänger.

Frederik Backman hat ein wundervolles Porträt eines Kauzes geschaffen, den es wohl nicht nur in Schweden gibt. Durch geschickte Rückblenden erfährt der Leser viel über die Entwicklung seines Heldens und dessen Sichtweise der Welt, die immer wieder auf »die gute alte Zeit« zurückgreift, in der alles noch von Menschenhand gemacht und von Sachverstand geprägt war.


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Der goldene Handschuh

Strunck, HandschuhHamburger Berg Nr. 2. Goldener Handschuh. Eine Kneipe der untersten Art. In der schrundigen Spelunke trifft sich der Bodensatz des Abschaums. Ex-Knackis, Obdachlose, Spritter geben sich ein Stelldichein in dem Laden nahe der Reeperbahn. Rund um die Uhr ist geöffnet. Die Stammgäste tragen Namen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Samba-Eddy. Sie trinken nicht, sie saufen sich vom Delirium ins Tremens.

Einer der aktivsten Zecher ist Fritz »Fiete« Honka. Der kleine Nachtwächter mit großer Libido hat ständig Durst. Wird der Druck in seinem Untergeschoß zu groß, quatscht er eine der Säberalmas an. So heißen die völlig heruntergekommenen älteren Frauen, die um Verblendschnaps betteln und sich für ein Dach über dem Kopf abschleppen lassen. Er nimmt sie mit in seine Wohnung in der Zeißstraße 74 und befriedigt sich an ihren zerschundenen Körpern. Werden sie ihm nach einigen Tagen lästig, erwürgt er sie und zerlegt ihre Leiche. Den Verwesungsgeruch erklärt er mit den Kochgewohnheiten seiner griechischen Nachbarn. Erst bei einem Wohnungsbrand am 17.07.1975 stößt die Feuerwehr auf Leichenteile und macht damit dem Grauen ein Ende. »Honka, der Henker von Hamburg« schlagzeilt der Boulevard.

Autor Heinz Strunk ist tief in die Akten eingestiegen, um den Fall Honka zu schildern. Er wurde darüber hinaus selbst Stammgast im »Handschuh« und beschreibt anschaulich, was sich dort zwischen Pissepfützen und Blutlachen abspielt. Strunk offenbart einen Blick in das Leben von Menschen, die im Schmiersuff verschimmeln und sich selbst dabei noch untereinander erniedrigen. Dabei schildert er Honka als schwer alkoholkrankes Bürschlein, das auch noch das Pech hatte, zum Mörder zu werden.

Dagegen montiert der Autor die Geschichte der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Diese Leute haben sich zur Nazizeit so exzessiv an jüdischem Eigentum vergangen, dass sie vom feinen Rest der Hanseaten geschnitten werden. Lange wartet der Leser darauf, wie die beiden Erzählstränge zusammenlaufen. Indes ist der gemeinsame Nenner der »Handschuh«, dort finden sich beide Gestalten im Mahlstrom des Alkoholismus wieder. Verkommenheit ist damit keine Frage der sozialen Herkunft sondern Verfallserscheinung der jeweiligen Figur.

Strunks Buch ist viel mehr als die Geschichte eines Mörders. »Der goldene Handschuh« ist ein unglaublich dichtes und atemberaubend geschriebenes Sittengemälde. Stilistisch steht es in der Tradition des in Deutschland kaum gepflegten »New Journalism«. Dabei gelingt es dem Autor, bei aller unter die Haut gehenden Schilderung menschlichen Not und Leids auch noch eine Ebene des Humors einzubauen, die das Ganze erträglich macht.

Zum Thema: Neue Art des journalistischen Schreibens


Kategorie: Tatsachenroman
Verlag: Rowohlt

Palast der Winde

kayeDatura heißt eine Pflanze, die vor allem im Süden Indiens wild wächst. Die weiße Blüte ähnelt der der Lilie; sie duftet süß und ist wunderschön. Die runden grünen Samen der Pflanze allerdings tragen den Namen »Todesäpfel«. Sie sind ungemein giftig und dienen seit Jahrhunderten als Mittel, unliebsame Zeitgenossen auszuschalten. Das tödliche Gift wird gewonnen, indem die Samen zu Pulver zerstampft und Speisen – vornehmlich Brot – beigemischt wird. Je nach verabreichter Menge stirbt der Vergiftete schnell oder langsam.

Diese Information entnehme ich dem Roman »Palast der Winde« und erfahre gleichzeitig, wie das Gift in Palastintrigen eingesetzt wurde. Der farbenprächtige Historienroman bindet nämlich stimmige Landschaftsbeschreibungen und enorm viel kulturgeschichtliches Wissen in eine spannende Handlung ein. Wer in die Welt von Bollywood eintauchen will und dabei handfeste Informationen über Land und Leute sucht, der wird mit dem tausendseitigen Historienschinken großzügig bedient.

Mittels der Ostindischen Handelskompagnie unterwarf das britische Empire den Vielvölkerstaat Indien und kolonialisierte das Land. Die Autorin arbeitet geschickt in ihrem Roman den Widerspruch heraus zwischen der britischen Generalität, die von Land und Leuten keinen Schimmer hatte, sondern es nur formal verwaltete und der Bevölkerung, ihrer Mentalität und ihren Gewohnheiten. Sie steht insofern ausgesprochen kritisch zur britischen Kolonialpolitik.

Die Hauptfigur Ashton Pelham-Martyn jedenfalls ist das Ergebnis einer Liaison eines bekannten Indienforschers und seiner indischen Geliebten, ein »Halbblut«, das in Indien bei einer Leihmutter aufwächst und erst als Jugendlicher erfährt, dass er eigentlich ein »Sahib«, also ein Weißer ist. Der Junge wächst als Bediensteter am Hof des Rana von Gulkote auf, erlernt dort Sprachen, Dialekte und Gewohnheiten. Dabei bekommt er einen tiefen Einblick in die Intrigen, die am Hof des Maharadschas an der Tagesordnung sind. Nur männliche Nachkommen spielen eine Rolle, unliebsame Thronfolger werden mit Gift, durch vermeintliche Jagdunfälle oder Fensterstürze aus dem Weg geräumt, Frauen ziehen höchstens in Ausnahmefällen hinter den Kulissen an den Strippen.

Ashton spürt zwei Seelen in seiner Brust; er erlernt zwar, in England ein Sahib zu sein, aber die ersten elf Jahre seines Lebens in Indien haben ihn zu nachhaltig geprägt und er fühlt sich dem Land verbunden, als flösse indisches Blut in seinen Adern. Ergo wird er zwischen beiden Welten hin- und hergerissen. Seine britischen Vorgesetzten anerkennen zwar seine Sprachkenntnisse und auferlegen ihm komplizierte diplomatische Missionen wie eine Eheschließung zwischen zwei Herrscherhäusern, doch letztlich sehen sie in ihm nur den aufsässigen Sturkopf, der von seiner indischen Heimat träumt. Dort erklärt sich auch der Titel des Werkes: Der »Palast der Winde« ist ein schneebedeckter Gipfel im Himalaya, in den der Junge seine Hoffnungen und Sehnsüchte projizierte.

Natürlich gibt es in dem Roman auch eine schillernde Romanze, die das Werk durchzieht: Ashton trifft seine Armbandfreundin aus Kindertagen, eine Prinzessin aus Gulkote wieder, in die er sich unsterblich verliebt. Dummerweise lautet sein Auftrag, sie zu ihrem künftigen Gatten zu bringen, einem Rani aus einem anderen Staat. Hier kommt es später zu einem der großen Themen des Buches, der hinduistischen Witwenverbrennung. So stiegen die Witwen Verstorbener zu der Leiche ihres Gatten auf den Scheiterhaufen und ließen sich unter den Augen des Publikums stolz verbrennen. Was für indische Betrachter ehrenvoll und »normal« scheint, entsetzt die Engländer, die derartige Rituale zwar offiziell verbieten, jedoch nicht verhindern.

Das letzte Drittel des Romans widmet sich dem 2. Afghanischen Krieg und spielt in Kabul. Kenntnisreich werden die Hintergründe des Krieges erklärt. Allerdings fällt die Handlung des Romans zuletzt deutlich ab, zumal die Autorin offenbar ihrer Familie, der sie ihr Werk gewidmet hat, Referenz erweisen will. Darauf lässt auch eine Widmung an das britische Kundschafterkorps schließen, die dem Roman vorangestellt ist.

Zu den großformatigen Historienromanen, die uns die Literaturgeschichte in jüngerer Zeit schenkte, zählen Umbertos Ecos »Name der Rose«, Ken Folletts »Säulen der Erde«, Noah Gordons »Medicus« und »Die Päpstin« von Donna Woolfolk Cross. Ein ausgezeichnetes Beispiel bietet aber auch Mary M. Kayes »Palast der Winde«, die die Geschichte des indischen Subkontinents im 19. Jahrhundert ausbreitet. Wer sich mit Indien befassen und dabei gut unterhalten möchte, der wird mit diesem Wälzer optimal bedient.


Blutiges Afrika

afrikaHarry Kowalski ist ein ehemaliger Bundeswehr-Soldat, der in zahlreichen Afghanistan-Einsätzen zerschlissen wurde und mit 54 Lenzen bereits Frührentner ist. Posttraumatisches Belastungssyndrom, kurz PTBS, nennt sich seine Erkrankung. Er leidet darunter, zu einer bösartigen Waffe erzogen worden zu sein, zu einem Roboter aus Fleisch und Blut, programmiert zum Töten. Dabei war er ausschließlich des Geldes wegen Richtung Kabul gezogen, nicht, um den Helden zu spielen oder den Menschen in der Ödnis Demokratie bringen zu wollen; und das Leben am Hindukusch war besonders lukrativ, weil es als gefährlich galt.

Kowalskis Sohn Sven ist vor der Polizei nach Afrika geflohen. In Selbstjustiz hatte er den Mörder seiner Frau gerichtet, nachdem dieser von der Justiz verschont blieb. Inzwischen arbeitet er in Kenia im Grenzgebiet zum Südsudan als Arzt in einem Flüchtlingslager und kämpft dort gegen Pocken, Gelbfieber und Schlangenbisse. Hannes möchte den Sohn besuchen und reist nach Kenia.

Währenddessen werden in Genf Söldner rekrutiert, die zu einem Spezialeinsatz nach Afrika geschickt werden sollen. Es geht darum, ein Gebiet, in dem angeblich Uran gefunden wurde, abzusichern und diverse Geheimaufträge zu erledigen. Tatsächlich sollen die Mietsoldaten Angst und Schrecken verbreiten, um das Flüchtlingslager aufzulösen, in dem Sven Kowalski tätig ist, denn das Gelände wird für die Uransuche benötigt. Bis an die Zähne bewaffnet greifen sie die Flüchtlinge an, stoßen dabei auf unerwartete Gegenwehr, die der einstige Afghanistan-Kämpfer Harry Kowalski organisiert.

Mit seinem Roman schildert der Autor anschaulich das große Problem Schwarzafrikas: die künstlichen, jede ethnische Zusammengehörigkeit ignorierenden Trennungen durch die Kolonialherren und der Reichtum dieser Länder an Bodenschätzen, bei deren Ausbeutung die heimische Bevölkerung nur im Wege ist. Er schildert das anschaulich und kenntnisreich, hat er doch vor Ort selbst Land und Leute kennengelernt und auf seinem abenteuerlichen Lebensweg Afrika als Seemann, Globetrotter, Waffenhändler und Häftling im Jeep, auf dem Kamel und zu Fuß durchstreift.

Wer den packenden Roman liest, spürt, dass der Autor seine Figuren nicht erfinden muss; sie sind ihm in dieser oder jener Form konkret begegnet, sie sind Teil seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig schreibt Eddy Zack alias Detlev Crusius enorm kenntnisreich und so erntet der Leser aus diesem Roman mehr Informationen über Schwarzafrika als aus manchem Geschichts- oder Politikbuch.


Kategorie: Romane
Verlag: Kindle Edition

Cutter und Bone

Cutter_und_Bone_300Vom ersten bis zum allerletzten Satz liefert Newton Thornburg (1929-2011) mit »Cutter und Bone« einen Roman, der sowohl hinsichtlich seiner sprachlichen Eleganz wie auch in der Auswahl seiner morbiden Protagonisten weit aus dem Meer der Kriminalliteratur herausragt. Der im Freestyle geschriebene Krimi fasziniert und verstört gleichermaßen und zeigt, was in dem Genre abseits des Mainstreams schriftstellerisch möglich ist.

Die beiden Titelhelden sind zwei in einer seltsamen Symbiose gefangene Typen. Cutter ist invalide und schwer traumatisiert aus dem Vietnam-Krieg heimgekehrt. Ausgestattet mit nur einem Arm, Holzbein und Glasauge bringt er sich und seine Begleiter immer wieder in die unmöglichsten Situationen, aus denen ihn sein Kumpel Bone oft nur mit viel Zureden wieder herausbringt. Der wiederum verdingt sich als heruntergekommener Stecher bei Damen, die er dann um kleinere Darlehen angeht. Gemeinsam leben die beiden mit einer Freundin und deren Baby in einer Art Räuberhöhle, in der Alkohol in Strömen fließt und der Dreck von der Tapete tropft.

Kein Wunder, dass es immer wieder an nötigem Kleingeld fehlt, um auch nur Benzin für die fahrbaren Untersätze zu kaufen, ohne die auch ein amerikanischer Underdog nicht durchs Leben kommt. Als ihm in einer Nacht mal wieder das Benzin ausgeht und er deshalb zu Fuß nach Hause trabt, beobachtet Bone, wie ein ermordetes Mädchen in einen Mülleimer gestopft wird. Als er am kommenden Tag die Zeitung aufschlägt, meint er, in einem dort abgebildeten Industriellen denjenigen zu entdecken, der die leblose Fracht abgeladen hat. Die beiden Kumpels kommen auf die Idee, den Mann zum Opfer einer Erpressung machen zu wollen.

Der Roman schraubt sich nun wesentlich um den Versuch, den Magnaten zu erreichen, um die Forderung vorzubringen. Das ist kompliziert, weil die beiden Freaks teils aus Dummheit, teils aus Feigheit kaum über die Empfangssekretärin des vermeintlichen Täters hinauskommen. Sie begeben sich nun auf eine Reise in den amerikanischen Süden, um ihr Opfer persönlich aufzusuchen, stellen sich dabei aber so saudumm an, dass bald zur zentralen Frage wird, wie böse die Geschichte ausgeht.

Dass die Story dann wie eine Schrotladung im Gesicht des Lesers endet, ist eine der meisterlichen Wendungen, die diesem Roman eigen ist.

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Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Polar Verlag

Über Arbeiten und Fertigsein

ScanSebastian Lehmann ist ein paar Jahrzehnte zu spät ins wilde SO 36 geschleudert worden. Dieser nach dem Postleitsystem benannte ungezähmte Teil von Berlin-Kreuzberg hat sich mit dem Mauerfall 1989 von einem Lebensraum der Berliner Subkultur zu einem hippen Partybezirk verändert. Daher war er nicht dabei, als am 1. Mai Steine flogen, Sven Regener Schweinebraten in der Markthalle speiste und die »Einstürzenden Neubauten« live auf Mülltonnen trommelten. Lehmann mag sein Kreuzberg trotzdem und gewinnt dem legendären Szenebezirk neue Themen für lustige Kolumnen ab.

Er beschreibt den Trend, jeden freien Winkel an Touristen zu vermieten, um möglichst hohen Profit aus der eigenen Wohnstätte zu ziehen. Die vollkommen vom Partysound genervten Hauptmieter der Wohnungen treffen sich später in Hotels wieder, um wenigstens ruhig schlafen zu können. Vor allem Partys stehen im Mittelpunkt seiner Texte, wobei er mit gewisser Wehmut die Unterschiede zwischen 2005, wo es noch relativ wild zuging, und 2015 beschreibt, wo man bei Betreten der ökologisch-einwandfreien Wohnzellen unaufgefordert die Schuhe auszieht. Nur auf den Boden gekotzt wird offensichtlich auch noch Jahrzehnte danach.

Großen Respekt hat Lehmann vor seinem Mitstreiter Marc-Uwe Kling; so klingt mehrfach in den Texten ein klein wenig Neid für dessen Erfolge als Rampensau auf dem gemeinsamen Veranstaltungsformat »Die Lesedüne« durch. Klings Texte sind wesentlich geschliffene Dialoge mit seinem Herzensmenschen, den er »Känguru« nennt.

Neben den beiden Autoren treten ein Herr Julius Fischer und ein Maik Martschinkowsky auf. Letzter entspross den Texten zufolge der Punkszene; Herr Fischer sieht sich von immer älter werdenden Freunden und Bekannten umgegeben, er scheint damit Probleme zu haben.

Der Band sammelt durchaus lesenswerte Texte des literarischen Quartetts. Er sind Texte, die auf der Lesebühne geboren wurden und vermutlich ihre volle Wirkung erst dort auch entfalten. Gemessen am hohen Anspruch des Werkes, »das unvollendete Standardwerk des real existierenden Humors« sein zu wollen, erhält der Leser Texte, die Witz und Esprit haben und über dem Durchschnitt dessen liegen, was dem Zuhörer auf vielen Slam-Bühnen geboten wird. Das Buch hat indes die klassische Schwäche einer Anthologie, indem Texte unterschiedlich starker Verfasser hintereinander aufgereiht werden; sie bietet dafür einen Überblick über die Arbeit der »Lesedüne« und wird dort sicherlich von den Fans der Shows, die jeden zweiten und vierten Montag im »SO 36« stattfinden, begeistert aufgenommen werden.

Zum Bestellen klicken Sie bitte hier: Über Arbeiten und Fertigsein: Real existierender Humor


Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Voland & Quist

Dralle Drachen

prachettDer am 12. März 2015 im Alter von 66 Jahren viel zu früh verstorbene britische Fantasy-Autor Terry Pratchett wurde als Schöpfer der »Scheibenwelt« berühmt. In seinen Romanen erfand er eine vollkommen flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, die durch den Weltraum rudert.

Durch Pratchetts frühen Tod, dem die Fangemeinde teilweise mit Petitonen an den Tod, Pratchett wieder den Lebenden zurückzugeben, begegnete, veröffentlichen Verlage nun auch die frühen Werke des Scheibenwelt-Erfinders. Zu diesen Arbeiten zählen Dralle Drachen, eine Sammlung von Storys, die bereits viel vom Wortwitz und der phantastischen Gedankenwelt des Autors zeigen.

So gibt es zwei Geschichten vom Teppichvolk, einem Rudel extrem kleiner Lebewesen, deren Heimatplanet ein betagter Teppich ist. Das am Fransenrand lebende Teppichvolk erlebt jedenfalls eine Bedrohung ihrer Hütten und Paläste, da der Teppich auszufransen beginnt. Sie brechen ihre Zelte ab und unternehmen eine große Reise, auf der sie viele Zentimer weit durch unerforschte Teppichgegenden wandern und dabei erhebliche Gefahren meistern müssen. Schließlich schaffen sie es bis hin zur anderen Seite des Teppichs, um dort ein neues Leben zu beginnen. Einige besonders Wagemutige setzen sogar über das Linoleum-Meer und treffen auf einen Kontinent namens Läufer …

Eine andere Geschichte aus der Welt des Mikrokosmos behandelt den lediglich ein Hundertstel Millimeter langen Stern »Großes Staubkorn«. Auf diesem gibt es zwei Länder: Grabist auf der Linken und Posra auf der rechten Seite. Zwischen den Ländern erstreckt sich ein Gebirgszug. Auf dem höchsten Berg lebt ein Astronom namens Gwimper, der darüber philosophiert, ob es auf anderen Staubkörnern vielleicht ebenfalls Leben gibt wie auf dem Großen Staubkorn. Und als er eines Tages ein in der Nähe vorbeifliegendes Staubkorn beobachtet und dort Berge, Bäume und Tiere ausmacht, beschließen die Bewohner von Grabist eine Expedition auf den sich nähernden Stern. Allerdings haben auch die Bewohner von Posra den näherkommenden Staubplaneten entdeckt und wollen ihren Konkurrenten von der andren Seite des Berges zuvorkommen …

Diese beiden Beispiele mögen Zeugnis ablegen für die Art und Weise, in der Pratchett die Welt sieht, karikiert und beschreibt; und man stellt fest, dass diese gar nicht so sehr unterschiedlich ist von der Welt, in der wir leben.

Dralle Drachen ist als Sammlung früher Geschichten für Pratchett-Fans ein Muss. Für Pratchett-Beginner ist der Band ein guter Einstieg in die Scheiben-Gedankenwelt des Autors.


Kategorie: Fantasy
Verlag: Piper Verlag München