Schwarze Herde

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Schwarze Herde

Bob Blanchard ist aus seinem bisherigen Leben ausgestiegen. Zermürbt von sinnleerer Schreibtischarbeit und endlosen Meetings, in denen nur Bullshit verzapft wird, sehnt sich der erfolgreiche Werbefachmann nach Stille und Substanz, die er im bäuerlichen Leben zu finden glaubt. Er möchte wieder das Gefühl empfinden, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Bob gibt den Komfort von Job und Stadt auf und zieht mit Frau, Kind und seinem behinderten Bruder von St. Louis in die Ozarks, eine Region im südlichen Missouri. Dort will er sich als Rinderzüchter versuchen und investiert sein Vermögen in eine schwarze Herde mit Angus-Rindern. Continue reading


Kategorie: Roman
Verlag: Polar Verlag

Der Todesprophet

atb_Karlden_Todesprophet_rz.inddDer Berliner Boulevard-Journalist Ben Weidner arbeitet an einer Serie über Hellseher und Wahrsager. Dabei trifft er auf einen unheimlich wirkenden Vertreter dieses Fachs. Ein Mann mit schlohweißem Haar und langem Bart weisssagt ihm, zu einer bestimmten Nachtstunde geschehe Schreckliches. Und der Todesprophet behält Recht, denn tatsächlich ereignet sich zur genannten Zeit ein grauenvoller Mord: Eine Mutter wird vor den Augen ihrer Tochter in der Badewanne ertränkt.
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Kategorie: Thriller
Verlag: Aufbau Taschenbuch Berlin

Die siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte SprachfunktionLaurent Binet gelingt mit diesem abgedrehten Wissenschaftskrimi etwas Einzigartiges: Er führt seinen Leser mit vergnüglicher Leichtigkeit durch die hoch intellektualisierte Welt philosophischer und semantischer Theorien und entfaltet gleichzeitig einen faszinierenden Kriminalroman, in dem er raffiniert Fiktion, berühmte Zeitgenossen, Wissenschaftstheorie und Wirklichkeit vermengt. Wer glaubt, aus diesen Komponenten ließe sich kein schmackhaftes Gericht komponieren, darf sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen: Der Autor beschert mit seinem witzig-satirischen Krimi ein farbenfrohes Lesevergnügen. Continue reading


Kategorie: Kriminalromane, Romane
Verlag: Rowohlt

Warum die Sache schiefgeht

Warum die Sache schiefgeht von Karen Duve

In ihrem Buch »Warum die Sache schief geht« schildert Karen Duve, wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um unsere Zukunft bringen. Die Autorin geht dabei davon aus, dass die Menschheit in eine unkontrollierbare Katastrophe rast und sich letztlich selbst ausrottet. Vor allem Bankenwesen, Pharmakonzerne, Großindustrie und die ihre Interessen vertretenden Regierungen seien an dem unvermeidlichen globalen Kollaps schuld. Erforderlich sei eine sofortige radikale Änderung unseres Lebensstils und vor allem die Abschaffung des gedankenlosen Konsums, um anständig überleben zu können. Continue reading


Kategorie: Sachbuch
Verlag: Goldmann München

1933 war ein schlimmes Jahr

john_fanteDer deutschstämmige US–Kultautor Charles Bukowski war einer seiner größten Fans. In höchsten Tönen lobte der »Mann mit der Ledertasche« seinen Schriftstellerkollegen John Fante und schrieb ihm sogar ein Vorwort für eines seiner Bücher. Grund für so viel Begeisterung: Beide Autoren schöpften ihre Geschichten direkt aus dem eigenen Erleben, sie schrieben klar und wahr, blieben stets authentisch und waren genauestens vertraut mit ihren meist gebrochenen Charakteren.

»1933 war ein schlimmes Jahr«, das Fante 1963 im Alter von 54 Jahren schrieb, ist weitgehend autobiografisch geprägt. Das mit 130 Druckseiten ausgesprochen schlanke Werk erzählt in fünf Kapiteln ähnlich einem Bühnenstück in fünf Akten die Geschichte eines 17-jährigen Jungen, der fest davon überzeugt ist, ein berühmter, hochbezahlter Baseballstar zu werden. Continue reading


Kategorie: Biographien
Verlag: Blumenbar Verlag

Leaving Berlin

Leaving Berlin von Joseph Kanon

Leaving Berlin von Joseph Kanon

Januar 1949. Berlin liegt immer noch weitgehend unter Kriegsschutt und Trümmern begraben. Das Alltagsleben in den vier von den Besatzungsmächten errichteten Sektoren erholt sich mühsam. Ohne Schwarzhandel oder Beziehungen zu den Siegern lässt sich kaum ein halbwegs erträgliches Leben führen. Die Rote Armee hat einen eisernen Ring um die Stadt gelegt, im Minutentakt versorgen die Alliierten über eine Luftbrücke den Westen der einst so stolzen Reichshauptstadt. Stromausfälle gehören zum Alltag. Jeder bespitzelt jeden oder zieht Gewinn aus seinem Wissen über die Vergangenheit. Continue reading


Kategorie: Spionageroman, Thriller
Verlag: C. Bertelsmann München

Elefant

Martin Suter Elefant

Pressebild_ElefantDiogenes-Verlag_72dpiMartin Suter erzählt eine bezaubernde Geschichte um einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunkeln phosphoreszierend schimmert. Dieses klitzekleine Wesen, das mit Holzscheiten statt Baumstämmen jongliert und das Herz jedes Kindes hochschlagen lassen würde, ist keine Schöpfung der Spielwarenindustrie. Es handelt sich um das Produkt geldgieriger Genmanipulateure, die an der Produktion von »glowing animals« (glühenden Tieren) arbeiten und dabei jeden Tier- und Artenschutz ausser Acht lassen. Continue reading


Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Surabaya Gold. Haschischgeschichten

Surabaya GoldBernd Cailloux, Jahrgang 1945, zählt zu den Autoren, die um 1967 von der Hippie-Bewegung angetörnt wurden. Wie viele junge Leute ging auch er in jenen kulturell und politisch bewegten Tagen auf die große Sinnsuche und entdeckte – neben Musiklokalen wie Düsseldorfs »Creamcheese«, dem Hamburger »Star Club« und dem »Closed Eye« in Berlin – die verbotene Droge Cannabis. Continue reading


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Pokémon Go. Das ultimative inoffizielle Handbuch

8002Pokémon Go ist statistisch betrachtet das erfolgreichste Handy-Spiel aller Zeiten. Um die Millionen deutscher Kids, die mit ihren Smartphones Pokémons jagen, mit erforderlichem Basiswissen auszustatten, legt der Loewe Verlag nun ein ansprechendes Handbuch vor. Damit können sich Anfänger die Grundlagen des Spiels aneignen und Fortgeschrittene erhalten nützliche Anregungen. Continue reading


Kategorie: Kinder- und Jugendbuch, Sachbuch
Verlag: Loewe Bindlach

Sehnsucht nach Nebudistan

Wer von den älteren Semestern Billy Mo und seinen Hit »Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut« erinnert und über den tiefschwarzen Jazz-Trompeter und Schlagersänger aus Trinidad, der sich zum Gaudi der Zuschauer in eine alpenländische Tracht zwängte, schmunzeln konnte, der ist bei Thaddäus Troll richtig. In seinem 1956 erschienenen, nahezu zeitlos wirkenden Roman »Sehnsucht nach Nebudistan«, zeichnet der schwäbische Humorist den ebenso schwergewichtigen wie sinnenfreudigen Vertreter eines Südsee-Königreichs, der sich bevorzugt mit grellbunten Hawai-Hemden, quietschgelben Socken und bayerischen Krachledernen ausstaffiert und damit das Aufsehen seiner Umgebung erregt. Doch es ist weniger der farbenfrohe Auftritt oder das handgeschriebene Schild »Raubmörder nach München«, das er zum Trampen umhängt, das den Drei-Zentner-Mann ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Es ist die stark kontrastierende Hautfarbe des geheimnisvollen Herren, der zu allem Überfluss das Amt des Aussenministers von Nebudistan bekleidet, denn Kara Kiri, so der Name des Diplomaten, ist dunkelhäutig, vielmehr: Er ist rabenschwarz. Die Exzellenz ist ein Neger! Continue reading


Kategorie: Gesellschaftsroman, Satire
Verlag: Kindler Berlin

Im diplomatischen Dienst

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41KYJ73ECEL._SX261_BO1,204,203,200_Auf Empfehlung eines Freudes, der im Berliner Auswärtigen Amt seinem Leben als Berufsbeamter frönt, habe ich dieses Buch verspeist. Im Vorfeld wurde mir gesagt, es sei erstaunlich, wie exakt der Autor den Zustand im Bauche der deutschen Diplomatie beschrieben habe.

Protagonist Harry von Duckwitz hängt seinen Beruf als Anwalt an den Nagel und tritt in den diplomatischen Dienst ein, der ihn unter anderem nach Kamerun und Ecuador führt. Er gibt sich dabei als Enfant terrible der Behörde und versucht auszuloten, wie weit man mit Indiskretionen und Provokationen gehen kann, um entlassen zu werden. Letztlich interessiert ihn jedoch nur die Damenwelt. Er heiratet Rita, eine bildschöne Inderin und pflegt eine Ménage-à-trois mit seiner alten Freundin Helene.

Beschrieben wird in dem Roman aus dem Jahre 1992 die Zeit von 1975-1990. Es endet mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und bietet Einblicke in einen Teil der jüngeren deutschen Geschichte, der schon größtenteils wieder vergessen ist.

Nach der insgesamt durchaus vergnüglichen Lektüre habe ich allerdings jeden Respekt vor Diplomaten verloren. Von Westphalen beschreibt sie als eine faule Bande, die neben dem Besuch von Parties ihr Tagewerk mit dem Verfassen von Berichten verbringen, die ungelesen in Leitz-Ordnern verschwinden. Ein Diplomat sei »ein typisches Exemplar der menschlichen Gattung, feige, falsch, vorsichtig, machtlos, untätig und mit vernageltem Gesichtskreis«, lässt er Harry von Duckwitz sagen. Ob sich in dieser Hinsicht etwas in den letzten 25 Jahren verändert hat, wage ich zu bezweifeln.


Kategorie: Romane, Satire
Verlag: dtv München

Ein Mann namens Ove

oveDer Mensch muss eine Funktion haben, findet Ove, die Hauptfigur dieses Romans aus Schweden. Und er hat immer funktioniert, daran kann niemand rütteln. Er hat alles getan, was die Gesellschaft von ihm verlangte: Er hat gearbeitet, ist nie krank gewesen, hat geheiratet, die Hypothek abgetragen, Steuern bezahlt, seine Sache gut gemacht, ein ordentliches (schwedisches) Auto gekauft und nun erfährt er mit 59 den »Dank« der Gesellschaft, indem sein Arbeitsgeber ihn funktionslos macht und vor die Tür setzt.

Ove ist damit eigentlich am Ende, zumal seine geliebte Sonja, mit der er 40 lange Jahre liiert war, an Krebs verstorben ist und ihn einsam und allein zurückließ. Er sucht Wege, seiner Frau zu folgen, doch dies misslingt immer wieder, weil seine Nachbarn ihn derart nerven, dass er nicht mal in Ruhe aus dem Leben scheiden kann. Dafür blättert aus der harten Maske des schrulligen Eigenbrötlers nach und nach ein durchaus liebenswerter Mann, der aufgrund zweier goldener Hände nahezu alles kann – von der Reparatur von Fahrrädern über das Entlüften von Heizungen bis hin zum fachgerechten Einparken von Fahrzeugen mit Hänger.

Frederik Backman hat ein wundervolles Porträt eines Kauzes geschaffen, den es wohl nicht nur in Schweden gibt. Durch geschickte Rückblenden erfährt der Leser viel über die Entwicklung seines Heldens und dessen Sichtweise der Welt, die immer wieder auf »die gute alte Zeit« zurückgreift, in der alles noch von Menschenhand gemacht und von Sachverstand geprägt war.


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Der goldene Handschuh

Strunck, HandschuhHamburger Berg Nr. 2. Goldener Handschuh. Eine Kneipe der untersten Art. In der schrundigen Spelunke trifft sich der Bodensatz des Abschaums. Ex-Knackis, Obdachlose, Spritter geben sich ein Stelldichein in dem Laden nahe der Reeperbahn. Rund um die Uhr ist geöffnet. Die Stammgäste tragen Namen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Samba-Eddy. Sie trinken nicht, sie saufen sich vom Delirium ins Tremens.

Einer der aktivsten Zecher ist Fritz »Fiete« Honka. Der kleine Nachtwächter mit großer Libido hat ständig Durst. Wird der Druck in seinem Untergeschoß zu groß, quatscht er eine der Säberalmas an. So heißen die völlig heruntergekommenen älteren Frauen, die um Verblendschnaps betteln und sich für ein Dach über dem Kopf abschleppen lassen. Er nimmt sie mit in seine Wohnung in der Zeißstraße 74 und befriedigt sich an ihren zerschundenen Körpern. Werden sie ihm nach einigen Tagen lästig, erwürgt er sie und zerlegt ihre Leiche. Den Verwesungsgeruch erklärt er mit den Kochgewohnheiten seiner griechischen Nachbarn. Erst bei einem Wohnungsbrand am 17.07.1975 stößt die Feuerwehr auf Leichenteile und macht damit dem Grauen ein Ende. »Honka, der Henker von Hamburg« schlagzeilt der Boulevard.

Autor Heinz Strunk ist tief in die Akten eingestiegen, um den Fall Honka zu schildern. Er wurde darüber hinaus selbst Stammgast im »Handschuh« und beschreibt anschaulich, was sich dort zwischen Pissepfützen und Blutlachen abspielt. Strunk offenbart einen Blick in das Leben von Menschen, die im Schmiersuff verschimmeln und sich selbst dabei noch untereinander erniedrigen. Dabei schildert er Honka als schwer alkoholkrankes Bürschlein, das auch noch das Pech hatte, zum Mörder zu werden.

Dagegen montiert der Autor die Geschichte der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Diese Leute haben sich zur Nazizeit so exzessiv an jüdischem Eigentum vergangen, dass sie vom feinen Rest der Hanseaten geschnitten werden. Lange wartet der Leser darauf, wie die beiden Erzählstränge zusammenlaufen. Indes ist der gemeinsame Nenner der »Handschuh«, dort finden sich beide Gestalten im Mahlstrom des Alkoholismus wieder. Verkommenheit ist damit keine Frage der sozialen Herkunft sondern Verfallserscheinung der jeweiligen Figur.

Strunks Buch ist viel mehr als die Geschichte eines Mörders. »Der goldene Handschuh« ist ein unglaublich dichtes und atemberaubend geschriebenes Sittengemälde. Stilistisch steht es in der Tradition des in Deutschland kaum gepflegten »New Journalism«. Dabei gelingt es dem Autor, bei aller unter die Haut gehenden Schilderung menschlichen Not und Leids auch noch eine Ebene des Humors einzubauen, die das Ganze erträglich macht.

Zum Thema: Neue Art des journalistischen Schreibens


Kategorie: Tatsachenroman
Verlag: Rowohlt

Palast der Winde

kayeDatura heißt eine Pflanze, die vor allem im Süden Indiens wild wächst. Die weiße Blüte ähnelt der der Lilie; sie duftet süß und ist wunderschön. Die runden grünen Samen der Pflanze allerdings tragen den Namen »Todesäpfel«. Sie sind ungemein giftig und dienen seit Jahrhunderten als Mittel, unliebsame Zeitgenossen auszuschalten. Das tödliche Gift wird gewonnen, indem die Samen zu Pulver zerstampft und Speisen – vornehmlich Brot – beigemischt wird. Je nach verabreichter Menge stirbt der Vergiftete schnell oder langsam.

Diese Information entnehme ich dem Roman »Palast der Winde« und erfahre gleichzeitig, wie das Gift in Palastintrigen eingesetzt wurde. Der farbenprächtige Historienroman bindet nämlich stimmige Landschaftsbeschreibungen und enorm viel kulturgeschichtliches Wissen in eine spannende Handlung ein. Wer in die Welt von Bollywood eintauchen will und dabei handfeste Informationen über Land und Leute sucht, der wird mit dem tausendseitigen Historienschinken großzügig bedient.

Mittels der Ostindischen Handelskompagnie unterwarf das britische Empire den Vielvölkerstaat Indien und kolonialisierte das Land. Die Autorin arbeitet geschickt in ihrem Roman den Widerspruch heraus zwischen der britischen Generalität, die von Land und Leuten keinen Schimmer hatte, sondern es nur formal verwaltete und der Bevölkerung, ihrer Mentalität und ihren Gewohnheiten. Sie steht insofern ausgesprochen kritisch zur britischen Kolonialpolitik.

Die Hauptfigur Ashton Pelham-Martyn jedenfalls ist das Ergebnis einer Liaison eines bekannten Indienforschers und seiner indischen Geliebten, ein »Halbblut«, das in Indien bei einer Leihmutter aufwächst und erst als Jugendlicher erfährt, dass er eigentlich ein »Sahib«, also ein Weißer ist. Der Junge wächst als Bediensteter am Hof des Rana von Gulkote auf, erlernt dort Sprachen, Dialekte und Gewohnheiten. Dabei bekommt er einen tiefen Einblick in die Intrigen, die am Hof des Maharadschas an der Tagesordnung sind. Nur männliche Nachkommen spielen eine Rolle, unliebsame Thronfolger werden mit Gift, durch vermeintliche Jagdunfälle oder Fensterstürze aus dem Weg geräumt, Frauen ziehen höchstens in Ausnahmefällen hinter den Kulissen an den Strippen.

Ashton spürt zwei Seelen in seiner Brust; er erlernt zwar, in England ein Sahib zu sein, aber die ersten elf Jahre seines Lebens in Indien haben ihn zu nachhaltig geprägt und er fühlt sich dem Land verbunden, als flösse indisches Blut in seinen Adern. Ergo wird er zwischen beiden Welten hin- und hergerissen. Seine britischen Vorgesetzten anerkennen zwar seine Sprachkenntnisse und auferlegen ihm komplizierte diplomatische Missionen wie eine Eheschließung zwischen zwei Herrscherhäusern, doch letztlich sehen sie in ihm nur den aufsässigen Sturkopf, der von seiner indischen Heimat träumt. Dort erklärt sich auch der Titel des Werkes: Der »Palast der Winde« ist ein schneebedeckter Gipfel im Himalaya, in den der Junge seine Hoffnungen und Sehnsüchte projizierte.

Natürlich gibt es in dem Roman auch eine schillernde Romanze, die das Werk durchzieht: Ashton trifft seine Armbandfreundin aus Kindertagen, eine Prinzessin aus Gulkote wieder, in die er sich unsterblich verliebt. Dummerweise lautet sein Auftrag, sie zu ihrem künftigen Gatten zu bringen, einem Rani aus einem anderen Staat. Hier kommt es später zu einem der großen Themen des Buches, der hinduistischen Witwenverbrennung. So stiegen die Witwen Verstorbener zu der Leiche ihres Gatten auf den Scheiterhaufen und ließen sich unter den Augen des Publikums stolz verbrennen. Was für indische Betrachter ehrenvoll und »normal« scheint, entsetzt die Engländer, die derartige Rituale zwar offiziell verbieten, jedoch nicht verhindern.

Das letzte Drittel des Romans widmet sich dem 2. Afghanischen Krieg und spielt in Kabul. Kenntnisreich werden die Hintergründe des Krieges erklärt. Allerdings fällt die Handlung des Romans zuletzt deutlich ab, zumal die Autorin offenbar ihrer Familie, der sie ihr Werk gewidmet hat, Referenz erweisen will. Darauf lässt auch eine Widmung an das britische Kundschafterkorps schließen, die dem Roman vorangestellt ist.

Zu den großformatigen Historienromanen, die uns die Literaturgeschichte in jüngerer Zeit schenkte, zählen Umbertos Ecos »Name der Rose«, Ken Folletts »Säulen der Erde«, Noah Gordons »Medicus« und »Die Päpstin« von Donna Woolfolk Cross. Ein ausgezeichnetes Beispiel bietet aber auch Mary M. Kayes »Palast der Winde«, die die Geschichte des indischen Subkontinents im 19. Jahrhundert ausbreitet. Wer sich mit Indien befassen und dabei gut unterhalten möchte, der wird mit diesem Wälzer optimal bedient.