Als Gast

Langmut als Lesertugend

Nicht weniger als das Konservieren der Zeit war das ambitionierte Ziel von Peter Kurzeck, der Roman «Als Gast» erschien als zweiter Band eines «Das alte Jahrhundert» betitelten und auf zwölf Bände projektierten Zyklus, von dem insgesamt aber nur sieben Romane erschienen sind, der letzte posthum in diesem Jahr. Der proustsche Dimensionen erreichende Romanzyklus stellt einen absoluten Schwerpunkt dar im umfangreichen Œuvre des mit vielen Preisen ausgezeichneten Schriftstellers. In dem ehrgeizigen, autobiografisch angelegten Romanprojekt berichtet der Autor in einer ganz eigenständigen, stilistisch ungewöhnlichen Erzählweise vom eigenen Leben und den Ereignissen in seiner hessischen Umgebung.

Der vorliegende Band behandelt dem Titel entsprechend die Zeit des Ich-Erzählers als Gast bei wohlmeinenden Bekannten, die dem finanziell abgebrannten Schriftsteller, der, von seiner Freundin verlassen, unter erbärmlichsten Bedingungen lebt, vorübergehend eine neue Bleibe angeboten haben. Die örtlich in Frankfurt am Main und zeitlich 1984 angesiedelte Geschichte, in Rückblicken dann auch auf die Jugend in einem hessischen Dorf im Jahre 1948 ausgedehnt, ist eine breit angelegte, detailversessene Erinnerung an die gelebte Zeit. Wobei es sich ganz offensichtlich überwiegend um eigenes Erleben von Peter Kurzeck selbst handelt, ergänzt um fiktionale Erlebnisse seiner Romanfigur, dem an seinem dritten Buch schreibenden Schriftsteller. Sehr oft, wenn er von ihm in der dritten Person schreibt, folgt relativierend hinter dem Komma ein ergänzendes, den Leser irritierendes «also ich». Als Chronist seiner Zeit hat Peter Kurzeck einen beinahe mikroskopisch präzisen Blick auf die Nachkriegszeit, von der er, häufig örtlich und zeitlich abschweifend, minutiös berichtet. Seine geradezu fanatisch penible, detailgenaue Erzählweise ist eine direkte Folge seines Kampfes gegen das Vergessen, auch gegen das Verschwinden von Gewohntem, Liebgewonnenem. Diese ständige Selbst-Vergewisserung ist ein geradezu manisches Inventarisieren der Gegenwart. Bei allem chronistischem Eifer wird im Roman aber auch deutlich Gesellschaftskritik geübt, ein Anschreiben gegen immanent scheinende Verhaltensmuster zudem. Hinter den deprimierenden Beobachtungen und Erkenntnissen aber bleibt in dem assoziationsreichen Text immer auch die Hoffung erkennbar, manchmal keimt sogar Humor auf.

«Müsste nicht der Mann von Sybilles Mutter jetzt draußen vorbei? Er heißt Peter wie ich. Kommt jeden Samstag aus Oberrad in die Stadt. Einkaufen. Lottozettel. Auf der Zeil die Schaufenster. Die Sonderangebote alle Samstage und Preise vergleichen. Neue Schuhe. Jeden zweiten Samstag zum Friseur. Eine neue Jacke. Vollwaschbar. Kochfest. Trockner geeignet. Indanthren. Soll man als nächstes einen Trockner zur Jacke dazu? Aber besser bringt man sie doch in die Reinigung. Werbewoche. Dann ist es billiger. Chemische Reinigung. Kleiderpflege. Sicher ist sicher. Haarspray. Mundwasser. Niveacreme. Sonderpreis. Zwölf Paar Socken. Ein paar Jahre lang jeden Samstag ein Hemd». In diesem Duktus ist der gesamte Roman verfasst, von der ersten bis zur letzten Seite.

Der praktisch handlungslose Roman wird in einem ununterbrochenen Bewusstseinsstrom erzählt, der immer wieder in sinnfreie Assoziationen mündet. Als akribisches Protokoll seiner Zeitgenossenschaft verzichtet der Autor völlig auf Spannung zugunsten seiner zuweilen auch pathetisch geäußerten Beobachtungen. Im Stil heutiger Minimal-Kommunikation via Internet findet der Autor seinen ureigenen, unverwechselbaren Ton. Im Stakkato eilt der Text in Einzelwörtern, Satzfetzen und prädikatlosen Wortreihungen voran, dem Prinzip der permanenten Wiederholung folgend. Auch wenn ich Siegfried Unseld ausdrücklich widerspreche, der ablehnend von «Kneipenliteratur» sprach, ist diese Prosa kaum goutierbar für das Lesepublikum, wie die Rezeption überdeutlich zeigt. Es ist schlicht ein Übermaß an Langmut, das dem Leser hier abverlangt wird.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Kintsugi

Nicht bewältigtes, narratives Chaos

Unter den drei Debüt-Romanen auf der Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises ist auch «Kintsugi» von Miku Sophie Kühmel, eine kammerspielartige Geschichte vom Zerbrechen langjähriger Beziehungen. Auf Brüche spielt schon der Buchtitel an, ‹kintsugi›, klärt das Nachwort auf, ist «das kunsthandwerk, zerbrochenes porzellan mit gold zu reparieren», wie dort in Kleinschrift? erläutert wird. Ein ästhetisches Zen-Prinzip, bei dem die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit im Mittelpunkt stehen, was, auf den Roman übertragen, auf die Brüche in langjährigen menschlichen Beziehungen verweist, eine ganz ähnlich schon von Goethe in seinen «Wahlverwandtschaften» thematisierte Problematik.

Das schwule Pärchen mit Max, einem charismatischen Archäologen, und Reik, einem nicht minder charismatischen und erfolgreichen Maler, beide im mittleren Alter, feiert das zwanzigjährige Bestehen seiner Beziehung in der Einsamkeit ihres kleinen Landhauses an einem See in der Uckermark. Als Gäste für das Wochenende haben sie nur den Klavierspieler Tonio eingeladen, ihren ältesten Freund, und dessen achtzehnjährige Tochter, für die sie seit ihrer Geburt liebevoll eine vaterähnliche Rolle übernommen haben. Pega, zweifache Ziehtochter also, hatte quasi drei Väter, aber keine Mutter. Sie ist das Ergebnis eines One Night Stands des damals noch völlig unerfahrenen Tonio mit einer älteren Frau, die er dann überredet hat, nicht abzutreiben und ihm das Kind zu überlassen, er wolle es allein aufziehen. Seither hat er sie nie wieder getroffen, und auch Pega kennt ihre Mutter nicht. Mit seinem Jugendfreund Reik hatte der bisexuelle Tonio früher ebenfalls eine Beziehung, bis der dann in Max seinen Partner fürs Leben gefunden hat.

Dem Figurenensemble entsprechend ist der Roman in vier Abschnitte aufgeteilt, mit jeweils einem anderen, sprachlich stimmig angelegten Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive über das Geschehen während dieses Wochenendes und, in Rückblenden, über die gemeinsame Lebenszeit berichtet wird. Zwischen diese Kapitel eingeschoben sind jeweils kurze, drehbuchartige Szenen im Landhaus, welche die Gespräche des Quartetts beim gemeinsamen Essen zum Inhalt haben. Die Erzählung legt den Schwerpunkt auf das psychologische Geflecht des patchworkartigen Figurenensembles, welches mit seinen Makeln und Rissen in den Beziehungen Fragen und Zweifel heutiger Liebesbeziehungen und Lebenskonzepte aufwirft. Es geht dabei neben der dominanten, psychologischen Nabelschau um Sexualität, Eifersucht, Bindungsfähigkeit, Elternschaft und Karriere. Leitmotivisch für die Brüche in den Beziehungen der vier Protagonisten steht dabei das von Max in einem Wutanfall zertrümmerte, wertvolle Teeservice, über das es im letzten Satz, nach der kunstvollen Reparatur, à la ‹kintsugi› heißt: «Und an den Stellen, wo die Risse waren, die Splitter, die Brüche, glänzt in verästelten Linien das Gold wie Adern aus Licht».

Die psychologische Dominanz in Miku Sophie Kühmels außerdem auch noch ziemlich redundanten Roman schmälert das Leseerlebnis erheblich, was insbesondere deshalb bedauerlich ist, weil sie ihre Figuren und deren seelische Deformationen durchaus stimmig zu beschreiben versteht. Die komplexe Konstellation der Beziehungen, – schwules Paar, kumpelhafte Vater/Tochter-Beziehung, Pegas Verführungsversuch an Max -, lassen diese spirituell aufgeladene Geschichte deutlich überkonstruiert erscheinen, weniger wäre hier mehr gewesen. Fraglich ist auch, ob man einer mutmaßlich überwiegend heterosexuellen Leserschaft die schwulen Geschlechtspraktiken derart drastisch vor Augen führen muss, wie es die junge Autorin hier tut, – aus welchen Gründen auch immer! Mit seiner ausufernden Komplexität landet dieser überambitionierte Roman, in dem alles auserzählt ist ohne jede Leerstelle, zudem adjektiv- und metaphernlastig mit einer blumigen Sprache und überladenen Symbolik, in einem nicht bewältigten, narrativen Chaos. Schade!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Mein Jahr in der Niemandsbucht

Nichts für «Lesefutterknechte»

Im riesigen Œuvre von Peter Handke stellt «Mein Jahr in der Niemandsbucht» mit dem Untertitel «Ein Märchen aus den neuen Zeiten» das Opus magnum dar. Das 1994 erschienene Buch ist autobiografisch geprägt, es beschäftigt sich mit dem mühsamen Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers. Handke ist mit dem diesjährigen Nobelpreis geehrt worden «für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat». Als Enfant terrible der österreichischen Literatur ist er wegen seiner politischen – um ein auf Tolstoi gemünztes Wort von Thomas Mann zu benutzen – «Riesentölpelei», die Balkankriege betreffend, erneut heftig umstritten. Was die Spannung vor der Bekanntgabe der diesmal ja zwei Preisträger anbelangt, hat Dennis Scheck erklärt, er nehme an, «dass sich Reinhard Mey in der Nähe seines Telefons aufgehalten habe», damit süffisant auf die umstrittene Preisvergabe an Bob Dylan anspielend. Rein literarisch ist Peter Handke allerdings unumstritten, er ist geradezu eine Lichtgestalt der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, von niemandem übertroffen. Der vorliegende, als Märchen deklarierte Band aus der Mitte seiner Schaffenszeit ist ein eindrucksvoller Beleg dafür.

Gregor Keuschnig, der fiktive Ich-Erzähler, ist auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. «Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren», lautet der erste Satz, der verzweifelnde Held befindet sich in einer Lebens- und Schaffenskrise. In der nahen Zukunft 1997 angesiedelt, handelt es sich dabei in erster Hinsicht um ein zu schreibendes Buch, das der nahe Paris in einem Vorort allein wohnende, von seiner Frau verlassene Chronist zu schreiben gedenkt, er hat sich ein Jahr Zeit für diese Klausur über sein verfehltes Leben genommen. Als seine «Niemandsbucht» bezeichnet er das in einem Wald jenseits der Seine-Höhenzüge gelegene Tal, in dem der Österreicher sich vor Jahren ein Haus gekauft hat. In einem breit angelegten Erinnerungsprozess beschreibt der meist im Freien, an verschiedenen Plätzen im Wald sitzende Schriftsteller minutiös seine Suche nach dem Wesen der Dinge und Begebenheiten, dabei einer Ästhetik folgend, die den Prozess der Wahrnehmung als solchen im Fokus hat. Die erhabensten Momente sind für ihn die Augenblicke, in denen er sich mit dem, was er unermüdlich erschaut hat, in stillem Einklang befindet.

Im mittleren Teil dieses Buches vom Scheitern werden märchenartig die Geschichten seiner sieben auf der ganzen Welt herumstreunenden Freunde dargestellt, zu denen er auch seinen Sohn zählt. Auf die Kritik seiner Frau an seinem sehr speziellen, anspruchsvollen Schreibstil reagierte er gereizt: «Und wenn ich dann weiterwetterte gegen die Bücher, die keinen Erzähler mehr hätten, sondern einen Conférencier, gegen alle die Lesefutterknechte mit einem so aufbereiteten Stoff, dass daran mehr zu lesen bliebe, meinte sie, neidisch sei ich auch». Die Problematik dieser in sich selbst kreisenden, narrativen Form wird überreich kompensiert durch eine fast unglaubliche sprachliche Präzision, eine üppige, oft verblüffende Wortgewalt. Diese im Kern spröde Beschreibungskunst widmet sich gleichermaßen detailliert und gekonnt der Natur und den Dingen wie auch den Menschen und der Gesellschaft in ihrem Wesen, – Politik, Ökonomie oder Psyche werden dabei rigoros ausgeblendet. Letzteres aber gilt nicht für ihn selbst, als Solipsist beschäftigt er sich unablässig mit sich selbst, mit jeder noch so kleinsten Regung seines depressiv veranlagten Gemüts.

Diese Utopie des Erzählens ohne Handlung ist für den Leser ein strenges Exerzitium, in dem der langatmige Umweg das Ziel ist. Also nichts für «Lesefutterknechte», bei denen allein der Plot zählt und nicht eine Sprachkunst, welche die stimmigen Bilder im Kopf sinnlich durch Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken zu ergänzen vermag, – fürwahr eine selten anzutreffende narrative Fähigkeit!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Lavinia

Überstrapazierte Emotionslosigkeit

Den Romantitel «Lavinia» hat Dagmar Leupold, wie sie im Interview erklärte, dem Eneas-Roman des mittelalterlichen Schriftstellers Heinrich von Veldeke entlehnt. In dessen Geschichte wird die Figur der Lavinia, deren Minne in Form eines Monologs erzählt ist, einerseits als bezaubernd und rein, andererseits aber als selbstsicher und trotzig dargestellt. «Mein Roman ist sozusagen Echo auf diesen Minnemonolog», hat die Autorin erklärt.

«Wer ergründen will, muss herab» lautet beziehungsreich der erste Satz. Als Sturz durch die Zeit angelegt, enthält der Roman den «Fall» nicht nur im Wortstamm sämtlicher, rückwärts gezählter Kapitelüberschriften, beginnend mit «Überfallen» im 25. Stockwerk eines New Yorker Hochhauses und countdownartig endend bei «1. Wutanfall», sondern auch im Titelbild mit seinen senkrecht herab fallenden Buchstaben. Die solcherart Sprachspiele liebende Autorin benennt denn auch die Lebensstationen ihrer Heldin nicht mit Ortsnamen, sondern mit den Flüssen, an denen sie liegen. «Von der Lahn zum Neckar, vom Neckar zum Arno, vom Arno zum Hudson» heißt es da bei einem Resümee der Ich-Erzählerin. Das beherrschende Thema dieses Romans sind die Abgründe und Verluste im Leben von Lavinia, denen es sich zu widersetzen gilt, dargestellt als lawinenartiger – wenn mir dieses Wortspiel erlaubt ist – Rutsch durch die Zeit mit all den Spuren, die davon historisch zurückbleiben.

Gleich zu Beginn wird die Protagonistin zunächst aber erst mal von Besuchern um ihre preiswerte Sozialwohnung beneidet, mit traumhaftem «Blick über den Hudson im Westen und die Miss Liberty im Süden», sie sei ein Glückspilz, sagen alle. Dort im 25. Stock beginnt dann auch ihr Rückblick auf ein Leben, dessen berufliche Aspekte der Literatur-Wissenschaftlerin kaum Probleme bereitet haben, umso mehr aber die privaten. Dieser weit ausholende Prozess des Erinnerns schließt politische Ereignisse mit ein, die sich umso tiefer ins kollektive Gedächtnis einprägen, je stärker ihre Tragweite das Persönliche tangiert. Tiefwurzelnde Zeitgeschichte und allmählich formierte Lebensgeschichte verschmelzen hier quasi in einer Art körperlichem Prozess miteinander und bilden die Basis für den aufkeimenden und stetig anwachsenden Widerstandsgeist der Protagonistin. Als ein der Weiblichkeit gewidmeter Roman beschäftigt sich «Lavinia» mit den gefühlsmäßigen Zumutungen der ersten Liebe ebenso wie mit den folgenden, emotional bedeutungslos bleibenden, flüchtigen Liebschaften, aber natürlich auch mit der einen, der einzigen, großen Liebe. Die Pubertät der Heldin spielt sich in einem zeitbedingt prüden Umfeld ab, inmitten einer tendenziell frauenfeindlichen Gesellschaft, in der sie scheinbar unabwendbar Übergriffen der Männer ausgesetzt ist. Das setzt sich fort bis zum Schlusskapitel mit der Überschrift «Wutanfall», in dem es heißt: «Ihr Betatscher, ihr Zurauner, ihr Übergreifer. Ich suche euch heim». Die da bereits ältere Frau listet buchhalterartig in einem «Logbuch der Gewalt» all ihre Peiniger auf: den Pokneifer im Bus, den bösen ‹Onkel›, den übergriffigen Arzt, den ebenso übergriffigen Physiotherapeuten, die anzüglichen Kollegen, Chefs, Journalisten, den Busengrabscher und den geisteskranken Beinahe-Vergewaltiger in Syrakus. Als Belästigte ist sie in manche Fallen (sic!) immer wieder blindlings hinein getappt.

Erzählt wird dieser auch als Beitrag zur «Me Too»-Debatte anzusehende Roman äußerst distanziert in knappen Sätzen, in denen nicht alles ausbuchstabiert wird. Mit einem Übermaß an Andeutungen und einem permanenten Rückgriff auf das Assoziationsvermögen des Lesers, das auf gar manche schiefen Bilder trifft, wird die Lektüre ebenso erschwert wie durch die häufig eingeschobenen Minnesang-Verse aus dem 12ten Jahrhundert. Als Figur bleibt Lavinia zudem seelisch indifferent, sie verschwindet geradezu unter ihrem intellektuellen Habitus. An dieser überstrapazierten Emotionslosigkeit aber scheitert letztendlich der ganze Roman.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Jung und Jung

Gespräche mit Freunden

Geschichte ohne Fazit

Mit ihrem Debütroman «Gespräche mit Freunden» ist die Schriftstellerin Sally Rooney auf Anhieb zum Shootingstar der irischen Literatur avanciert. Sie könne nicht nachvollziehen, warum dieser ganze Hype um sie gemacht wird, hat sie erklärt. Die kürzlich erschienene deutsche Erstausgabe wurde hingegen von Feuilleton und Leserschaft deutlich weniger euphorisch aufgenommen als im englischen Sprachraum. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich um eine weitgehend dialogisch angelegte Erzählung, es wird also viel geredet in diesem Erstling der 28jährigen Autorin, die eine typische Vertreterin der im neuen Jahrtausend sozialisierten Millenium-Generation ist.

Der Roman wird chronologisch aus der Perspektive der 21jährigen Frances erzählt, einer Dubliner Literaturstudentin, die mit ihrer Freundin Bobbi als Schülerin mal eine lesbische Beziehung hatte. Die beiden nach wie vor geradezu symbiotisch verbundenen Studentinnen treten gemeinsam bei Spoken-Word-Events auf, wobei Frances alle Texte schreibt, während Bobbi die bessere Interpretin ist. Bei einer solchen Veranstaltung lernen sie die 37jährige Journalistin Melissa kennen, welche die Beiden anschließend spontan zu einem Drink zu sich nach Hause einlädt. Dort lernen sie ihren Mann Nick kennen, einen fünf Jahre jüngeren, charismatischen Schauspieler, der mit seiner auffallenden Präsenz auf Frances unwiderstehlich wirkt, – während Bobbi sofort mit Melissa zu flirten beginnt. Die sich andeutende Menage à Quatre ist denn auch das narrative Gerüst des Romans, der zeitweilig unter Depressionen leidende Nick und die noch jungfräuliche Frances landen im Bett und haben tollen Sex. Ob mit Melissa und Bobbi Ähnliches passiert bleibt offen. Der zweite Teil des Romans beginnt mit einer Zäsur, als Bobbi schließlich von der heimlichen Affäre mit Nick erfährt, es kommt irgendwann sogar zum offenen Bruch zwischen den beiden besten Freundinnen, die sich immer mehr entfremdet haben.

Die Adoleszenz der von Selbstzweifeln geplagten, introvertierten Ich-Erzählerin Frances steht im Mittelpunkt dieses modernen Entwicklungsromans, sie ist sich ihrer Gefühle nicht sicher. Ihre Beziehung zu Nick ist für sie ein intellektuelles Machtspiel. Er führt eine offene Ehe, hat Melissa irgendwann über seine Liaison informiert, kann von Frances aber ebenso wenig lassen wie sie von ihm. Emotional kommt sie nicht klar mit einer Situation, die nirgends hinführt, für die sich nicht mal andeutungsweise eine Lösung abzeichnet. Als Intellektuelle führen die vier Protagonisten endlose Gespräche über Literatur, Politik, Klassenunterschiede, Beziehungen, Freundschaften, Gleichberechtigung, – und über Liebe und Sex natürlich. Die sich selbst als Marxistin stilisierende Sally Rooney ist eine begnadete Rhetorikerin, die als 22Jährige den Debattier-Wettbewerb der europäischen Universitäten gewonnen hat. Entsprechend strotzt ihr für eine erklärtermaßen intellektuelle Leserschaft geschriebener, zeitgenössischer Roman geradezu von kämpferisch geführten, scharfsinnigen Diskursen.

Es sind diese endlosen Diskurse, die narrativ im Vordergrund stehen, die Figuren selbst bleiben charakterlich vage, sie irritieren oft durch ihr Verhalten in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht. Die Autorin beschreibt detailliert dieses Verhalten, überlässt es aber dem Leser, sich in das psychische Profil der Figuren hineinzudenken, was bei Frances mit ihrem fatalen Hang zu quälendem Reflektieren schwierig ist. Die als literarische Stimme des Millennials apostrophierte Sally Rooney hat einen leicht lesbaren Roman voller Klischees vom Typ Pageturner vorgelegt, bei dem man den Eindruck hat, dass sie beim Schreiben nicht genau wusste, wohin sie den Leser denn nun eigentlich führen will. Ihre Protagonistin Frances bezeichnet an einer Stelle einen ihrer Tage als zu peinlich, um erzählt zu werden, als eine «Geschichte ohne Fazit», – der ganze Roman ist genau das, er ringt seiner uralten Thematik keine neuen Aspekte ab!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Brüder

Ein Symptom der Zeit

Mit ihrem zweiten Roman «Brüder» hat Jackie Thomae ein Epos geschrieben, das keines sein will, obwohl viele der Merkmale dafür vorhanden sind. Es ist die breit angelegte Geschichte zweier gleichaltriger, unehelich in der DDR geborener Halbbrüder mit einem gemeinsamen afrikanischen Vater, den sie nie gesehen haben. Sie wachsen getrennt auf, wissen nichts voneinander und könnten ungleicher gar nicht sein. Es ist auch die Geschichte zweier Epochen, der Zeit vor und nach der Wende in Deutschland, vor allem aber, wie die Autorin im Interview erklärt hat, eine Hommage an West-Berlin, an Leute, die keine Rassisten sind, und an Alleinerziehende. Die autobiografischen Bezüge sind also unverkennbar. «Wer das Buch liest, wird feststellen, dass meine ‹Brüder› viele Begegnungen haben, bei denen sie eben nicht diskriminiert werden. Das war mir wichtig» hat sie leicht genervt über die immergleichen Interview-Fragen hinzugefügt, und so lautet ihre Widmung denn auch «Für euch, schwarze Schafe», – und damit ist hier wirklich nicht die Hautfarbe gemeint!

Ein solches schwarzes Schaf nämlich ist in diesem zweiteilig aufgebauten Roman Mick, ein sympathischer Taugenichts, gutaussehender Womanizer und arbeitsscheuer Hedonist, für den Partyfeiern der Lebensinhalt ist, der mangels Berufsausbildung allerlei fragwürdige Geschäfte betreibt und schließlich mit zwei Freunden einen Club aufmacht. Auch als er Delia kennenlernt, eine angehende Juristin, die ihn selbstlos mit durchfüttert, ändert das nichts an seinem unsteten Leben mit seinen schrägen Kumpels. Eine leichtfertig eingefädelte Drogengeschichte nimmt beinahe ein schlimmes Ende, und Delia verlässt ihn schließlich, als sie herausbekommt, dass er sich heimlich hat sterilisieren lassen, obwohl sie sich doch so sehnlich ein Kind von ihm wünscht. Er landet ziemlich abgebrannt auf einer thailändischen Insel, beschließt dort eine radikale Wende in seinem Leben und begegnet uns am Ende als Yogalehrer wieder. Ganz anders im zweiten Romanteil Gabriel, sein von wohlhabenden Adoptiveltern großgezogener Halbbruder, ein humorloser Kontrollfreak, dessen Leben immer nach Plan verläuft. Er geht nach London, wird ein weltweit erfolgreicher Stararchitekt und führt mit Frau und lustlosem, schwierigem Sohn ein luxuriöses, straff durchorganisiertes Leben. Bis ein zu Unrecht rassistisch gedeuteter, Burnout bedingter Ausraster den Workaholic aus seinem rastlosen Leben herausreißt und er unfreiwillig eine längere Auszeit in Brasilien nehmen muss.

Beide umfänglich etwa gleichen Romanteile sind chronologisch erzählt. Der erste Teil von Mick umfasst die Jahre von 1985 bis 2000, gefolgt von einem «Intermezzo» genannten Zwischenteil über den Vater der beiden Protagonisten. Im zweiten Teil dann wechselt die Perspektive, in kurzen, getrennt erzählten Kapiteln von der Jahrtausendwende an, jeweils zwischen Gabriel und seiner Frau Fleur als Ich-Erzähler. Es folgt ein im Jahr 2017 angesiedelter Epilog, der, ohne in ein kitschiges Happy-End abzugleiten, eine Art friedlichen Showdown beschreibt.

Die Charaktere der beiden Frauen sind ebenso verschieden wie die der Männer, die auf der Suche nach ihrer Identität, nach ihrem Platz im Leben sind. Jackie Thomae enthält sich dabei aller moralischen Wertungen, vergleicht nicht die sich diametral gegenüberstehenden Wege der Halbbrüder. Sie zeigt uns, geradezu beiläufig erzählt und durchaus ironisch, ein auf bürgerlichem Niveau angesiedeltes soziales Gefüge, das spätestens nach der Wende unaufhaltsam in einen Konsumfetischismus einzumünden scheint. Ein glaubhaft beschriebenes Figurenensemble begegnet dem Leser in diesem vielschichtig angelegten Roman, der in einer lockeren, flockigen Sprache das Zeitkolorit stimmig einfängt und dabei gut unterhält. Mehr aber auch nicht, gedankliche Tiefe sucht man vergebens, Anlässe zu eigenem Weiterdenken finden sich ebenfalls keine, alles bleibt sehr oberflächlich und wirkt dadurch auch nicht nach. Ein Symptom der Zeit?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Dubliner

Debüt eines literarischen Olympiers

Zu den drei bedeutendsten Werken des irischen Jahrhundert-Schriftstellers James Joyce, der als ein Wegbereiter der literarischen Moderne gilt, zählt «Dubliner». Die im Gegensatz zu den späteren Prosawerken noch konventionell erzählte Sammlung von fünfzehn Erzählungen fand erst 1914, nach Dutzenden von Ablehnungen und sieben Jahre nach ihrer Fertigstellung, schließlich doch einen Verleger. «Meine Absicht war es, ein Kapitel der Sittengeschichte meines Landes zu schreiben, und ich habe Dublin als Schauplatz gewählt, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien», hat er über seine Motive geschrieben. Die autobiografisch geprägte Hassliebe zu seiner Geburtsstadt, deren Mutlosigkeit er darin beklagt und deren Beengtheit er anprangert, spiegelt sich auch in dem später geschriebenen «Ulysses» wider, einige von dessen Romanfiguren tauchen hier schon auf.

Diese Schilderungen des Lebens in Irlands Hauptstadt seien in die Themenkomplexe «Kindheit, Jugend, Reife und öffentliches Leben» gegliedert, hat der Autor erklärt, soziologisch sind sie im Milieu des unteren und mittleren Bürgertums angesiedelt. Kaum eines der Probleme und Sorgen des Großstadt-Menschen fehlt in diesem psychologischen Panoptikum: Allzu strenge Erziehung, freche Lausbubenstreiche, unerfüllte Liebe, maßlose Prahlerei, verlorene Jungfräulichkeit, unstillbares Fernweh, ausbleibender Berufserfolg, späte Eheprobleme, zerstörerische Alkoholsucht, brutale Kindsmisshandlung, selbstlose Aufopferung, beengende Konventionen, politische Intrigen, überfürsorgliche Mütter, verlogener Klerus, die unehrliche Konversation auf dem Ball dreier Jungfern schließlich, und am Ende der Tod als Resümee des Lebens in der letzten und mit Abstand längsten Erzählung. Sie ist eine Art Epilog, der Motive der vorangehenden Geschichten erneut aufnimmt. Der Tod ist es auch, der kontrapunktisch als Klammer dient in der ersten und letzten Geschichte, beim Sterben eines alten Mannes und eines Jünglings.

Als «Karikaturen» hat James Joyce die «Dubliner» bezeichnet, sein Prosadebüt sei «von einer mit Bosheit gelenkten Feder geschrieben». Auffallend ist, dass die dominante letzte dieser Erzählungen ebenso wie im «Ulysses» und in «Finnegans Wake» mit einem Ausklang endet, bei dem ein Ehepartner über den neben ihm schlafenden anderen nachdenkt, was im vorliegenden Erzählband als durchaus versöhnlich interpretierbar ist. Man könnte die chronologische Anordnung der Geschichten inhaltlich auch als theologisch determiniert deuten: Als Verfall der Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe, als Exempel der sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Wollust, Neid, Zorn, Völlerei und Trägheit, oder als Verstöße gegen Kardinaltugenden wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Weisheit.

Heute mag man sich wundern über die Skepsis des Autors seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern gegenüber, die brutale Unterdrückung durch die Engländer und der erbitterte Kampf um die irische Unabhängigkeit als historischer Hintergrund machen diese Haltung jedoch verständlich. Die äußerlich handlungsarmen Geschichten mit ihren eher banalen Plots werden mit feiner Ironie aus einer skeptischen Distanz und aus wechselnden Perspektiven erzählt, oft in Form der erlebten Rede. Alle Erzählungen enden abrupt, vieles wird dabei offen gelassen, manches bleibt auch völlig unverständlich, – was dann natürlich reichlich Freiraum für die verschiedensten Interpretationen lässt. Narrativ prägend ist die detaillierte Zeichnung der vielen Figuren, deren physische Eigenschaften ebenso schonungslos – geradezu sezierend – beschrieben werden wie die jeweiligen psychischen Befindlichkeiten. Wobei sich James Joyce jedweder Moralisierung enthält, er ist der Chronist, mehr nicht. Neben der Paralyse als zentralem Thema erlebt jeder Protagonist seine ureigene Epiphanie in diesen Geschichten, – die dann seine Jämmerlichkeit offenbart. «Dubliner» ist ein idealer Einstieg in das Werk eines literarischen Olympiers!

Fazit: erstklassig

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Genre: Erzählungen
Illustrated by dtv München

Das flüssige Land

Schwarze Löcher als Metapher

Mit ihrem Roman-Debüt «Das flüssige Land» hatte Raphaela Edelbauer schon 2018 den Publikumspreis in Klagenfurt erhalten, nun kam sie damit sehr zu recht auf die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises. Als Jurymitglied hätte ich eher für sie als Preisträgerin gestimmt, aber das Migrations-Thema ist derzeit wohl gar zu übermächtig und verspricht wohl weit höhere Auflagen als ein surrealer Roman, auch wenn der literarisch besser gelungen erscheint und zudem deutlich unterhaltsamer ist.

Die 35jährige Wiener Physikerin Ruth steht kurz vor ihrer Habilitation, als sie die Nachricht erhält, ihre Eltern seien beide bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Deren schriftlich hinterlassener Wunsch, im Ort ihrer Kindheit beerdigt zu werden, bereitet der Ich-Erzählerin nun aber große Probleme, denn Groß-Einland ist nirgendwo in Österreich verzeichnet, obwohl doch ihre Eltern ihr viel erzählt hatten von ihrem früheren Leben dort. Irritiert macht sie sich mit dem Auto auf den Weg in die Gegend, wo nach den Erzählungen der Ort eigentlich liegen müsste. Und tatsächlich sieht sie nach tagelanger vergeblicher Suche, bei der ihr niemand irgendeinen Hinweis geben konnte, weil keiner je von diesem Ort gehört hat, im Vorbeifahren an einer Nebenstrasse plötzlich ein verwittertes Schild «Groß-Einland». Auf einem Feldweg, der irgendwann nur noch über Stock und Stein mitten durch den Wald führt, gelangt sie mit ihrem dadurch total ramponierten, werkstattreifen Auto tatsächlich in den Ort, den niemand kennt. Es stellt sich bald heraus, dass Groß-Einland auf einem riesigen Hohlraum steht, den ein ehemaliges Bergwerk hinterlassen hat. Dieses gewaltige Loch im Untergrund bewirkt ständige Erdabsenkungen, die gefährliche Schäden an den Häusern anrichten, manche sind schon unbewohnbar. Merkwürdig ist allerdings, dass die Bewohner kaum Notiz davon nehmen, die ständig auftretenden und immer breiter werdenden Risse werden einfach zugespachtelt, niemand verliert ein Wort darüber.

In diesem Szenarium stößt Ruth bei den Vorbereitungen für die Beerdigung der Eltern auf Einwohner, die sie zwar freundlich aufnehmen, die aber allesamt seltsam verschlossen sind und ihren Fragen ausweichen. Je tiefer sie in die eigene Familiengeschichte einzudringen versucht, desto verwirrender wird sie. Ruth beschließt, neugierig geworden, länger als geplant zu bleiben und die geheimnisvollen Hintergründe aufzudecken. In einer an Kafka erinnernden, surrealen Geschichte eines merkwürdigen Ortes gerät die Protagonistin immer tiefer hinein in die rätselhaften Strukturen der Einwohnerschaft, die von einer geheimnisvollen, alles beherrschenden Gräfin regiert wird. Ruth nimmt schließlich sogar deren Auftrag an, eine Lösung für das «Loch» zu finden, obwohl sie als theoretische Physikerin dazu überhaupt nicht qualifiziert ist. Die Habilitation rückt völlig in den Hintergrund, so sehr nimmt sie ihre Recherche in Anspruch, sie vermutet nämlich einen Massenmord der Nazis hinter dem hartnäckigen Schweigen der Bewohner, den sie partout aufdecken will. Und aus den paar Tagen, die sie ursprünglich zu bleiben gedachte, werden schließlich drei Jahre, in denen sie dieser merkwürdigen, kollektiven Verdrängung nachspürt!

Listig führt die kreative Autorin im Stil der unzuverlässigen Erzählerin den zunächst arglosen Leser, sprachlich souverän, ständig auf falsche Spuren. Sie brennt dabei ein wahres Feuerwerk ab an skurrilen Einfällen, die sie zuweilen mit komplizierten physikalischen Anmerkungen garniert, was dem surrealen Plot einen realistischen Anstrich gibt. Die Figuren erscheinen allesamt sympathisch, Landschaft und Ort sind bilderbuchartig als idyllisch beschrieben, womit das Thema Heimat als eine weitere falsche Fährte gelegt ist. So steht in dieser parabelhaften Traumwelt den Schwarzen Löchern der Astrophysik das mysteriöse «Loch» in Groß-Einland gegenüber als Metapher für ein auf schwankendem Boden errichtetes soziales Gefüge.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Tagebuch eines Lesers

Geschmälerte Lesefrüchte

Wie kein zweiter hat der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel sich mit dem Wesen des Buches auseinandergesetzt, «Das Tagebuch eines Lesers» gehört in eine Reihe mit ähnlichen Werken wie «Eine Geschichte des Lesens» oder «Eine Stadt aus Worten». Im vorliegenden Tagebuch nun verdeutlicht der Autor die Wirkung des Lesens am Beispiel seiner Eindrücke und Reflexionen beim Wiederlesen von zwölf seiner Lieblingsbücher. Jeden Monat, vom Juni 2002 bis Mai 2003, liest er eines dieser Bücher und hält tagebuchartig seine Gedanken dabei fest, es entsteht also gleichzeitig eine ergänzende Sammlung von «Notizen, Reflexionen, Reiseeindrücken, Charakterskizzen, öffentlichen und privaten Ereignissen». Jeder ernsthaft mit Literatur befasste Leser dürfte gespannt darauf sein, welche Wirkungen das Lesen bei diesem polyglotten Schriftsteller hervorzurufen vermag, und welche Bücher er denn aus seiner riesigen, mehr als 30.000 Bände beherbergenden Bibliothek für sein Vorhaben ausgewählt hat.

«Manche Bücher durchqueren wir im Fluge. Schon beim Umblättern vergessen wir, was auf der vorigen Seite stand.» schreibt Manguel im Vorwort. Andere lese man mit Ehrfurcht, manche dienten lediglich zur Information, einige wenige aber seien einem ans Herz gewachsen. Und er beginnt mit «Morells Erfindung» von Adolfo Bioy Casares, es folgt «Die Insel des Dr. Moreau» von H.G. Wells, «Kim» von Rudyard Kipling, «Erinnerungen von jenseits des Grabes» von Chateaubriand und «Das Zeichen der Vier» von Doyle. Extra für die deutsche Ausgabe geschrieben ist das Kapitel «Peter Schlemihls wundersame Geschichte» von Chamisso, womit deutlich wird, dass dieses Tagebuch nicht wirklich chronologisch angelegt sein dürfte, sondern wohl eher als fiktional anzusehen ist. Weiter geht es mit «Der Wind in den Weiden» von Kenneth Grahame, «Don Quijote» von Cervantes, «Die Tartarenwüste» von Dino Buzzati, «Das Kopfkissenbuch» von Sei Shonagon, «Der lange Traum» von Margaret Atwood, und zum Schluss «Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas» von Machado de Assis.

Neben den Anmerkungen zu diesen Lieblingsbüchern findet man eine Fülle von Querverweisen und Anekdoten zum jeweiligen Autor und seinem Werk, Vergleiche mit ähnlichen Büchern und anderen Schriftstellern, Berichte von Begegnungen mit Kollegen, aber auch jede Menge Zitate aus und Hinweise auf andere literarische Werke von Rang. Der nichtliterarische Teil des Tagebuches bezieht sich auf politische Ereignisse, Alltagsgeschehen, Reiseerlebnisse, Träume, eigene Erkenntnisse und philosophische Fragen. Bei Chateaubriand beispielsweise, der Lektüre des Monats September, fügt er anlässlich der Ereignisse von 9/11 erregt eine Tirade auf den Terrorismus ein. Mehrfach auch weist er auf den bevorstehenden Irak-Krieg hin und auf dessen fadenscheinige Begründung. Man erfährt aber wenig aus seinem Privatleben, er erwähnt nur beiläufig mal ein Gespräch mit seinem Sohn und versteckt hinter dem Kürzel C. verschämt seinen Lebenspartner Craig Stephenson.

Manguel bezeichnet sich selbst als eklektischen Leser, sein Tagebuch folge keiner Denklinie, sondern sei «fragmentarisch, ungeordnet», was ihm erlaube, «ohne vorgefasstes Ziel zu denken». Als leseversessener Buchnarr, der nebenbei auch schreibt, nimmt er insoweit eine Sonderstellung ein in der gehobenen Literatur. Ob sein Tagebuch allerdings inspirierend wirkt und eine Folgelektüre anzuregen vermag, das ist angesichts der eigenwilligen Buchauswahl mehr als fraglich. Neben einer kurzen Erwähnung von Thomas Mann und Kafka ist die deutsche Literatur mit Chamisso für ihn nämlich bereits abgehandelt. Der einzige moderne Autor im Buch ist Jonathan Littell mit dem Roman «Die Wohlgesinnten», – wie Manguel in einer kurzen Notiz schreibt, musste er den Auftrag für eine Übersetzung ablehnen. Diese einseitig einem südamerikanischen und angelsächsischen Literatur-Kanon folgende, rückwärts gewandte Buchauswahl schmälert leider die Lesefrüchte aus dieser speziellen Lektüre erheblich.

Fazit: lesenswert

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Fischer Verlag

Nicht wie ihr

Der Proll als Millionär

Das soeben erschienene literarische Debüt des jungen österreichischen Schriftstellers Tonio Schachinger, der Roman «Nicht wie ihr», der im Milieu des Profifußballs spielt, wurde überraschend auf die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises gewählt. Im Interview hat der Autor zugegeben: «Die Nominierung hat mich schon gewundert». Der Klappentext nennt ihn «Ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen». Der Autor selbst, der sich als Hobbykicker, nicht als Fanatiker bezeichnet, hat klargestellt: «Es ist kein Schlüsselroman, aber natürlich habe ich vorher auch dazu recherchiert», Realität und Fiktion sind also eng miteinander verzahnt. Kenner der Szene werden diverse der aus juristischen Gründen leicht verfremdeten Figuren wiedererkennen, es kommen aber auch etliche reale Personen vor. Ob auch «Fußballverweigerer» Freude an dem Roman haben, hängt davon ab, inwieweit die fußballfreie Erzählebene der Geschichte sie anzusprechen vermag.

«Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt», lautet der erste Satz. Protagonist des Romans ist Ivo Trifunović, ein 27jähriger, österreichischer Fußballstar mit bosnischen Wurzeln, der 100.000 Euro pro Woche verdient, eine attraktive Frau hat, die ihn sexuell sehr glücklich zu machen versteht, und zwei kleine Kinder, die er innig liebt. Er sieht gut aus, ist als cooler Typ bekannt, der auf dem Spielfeld wahre Wunder vollbringen, aber auch total versagen kann. Seine Form ist nicht konstant gut, seine Spielweise launenhaft und kaum vorhersehbar, für seine Gegner nicht, – und oft nicht mal für ihn selbst. Als er seine Jugendliebe nach langer Zeit wieder trifft und mit ihr Sex hat, kommt sein privilegiertes Luxusleben gehörig durcheinander, er merkt plötzlich, wie wenig Freiraum ihm sein durchgetaktetes Leben als Profifußballer und sein Bekanntheitsgrad in Österreich lässt. Dicht am Burnout, findet er durch ein Unglück am Ende wieder zu sich, gewinnt trotz der sportlichen Rückschläge und privaten Turbulenzen wieder neues Selbstvertrauen und endlich auch seine innere Ruhe.

Neben dem ausführlich und detailliert beschriebenen Spitzensport mit dem immergleichen Auf und Ab und all den knallharten Rangeleien hinter den Kulissen wird in der zweiten Erzählebene vom Seelenleben des Fußballhelden berichtet. Der auktoriale Erzähler bleibt immer dicht an seinem Protagonisten dran, schildert dessen Gedanken und Empfindungen in Form des Bewusstseinstroms und in ausgedehnten inneren Monologen. Dem Bildungsniveau des Helden, der lediglich die Hauptschule besucht hat, stimmig angepasst ist die rotzig-freche Proleten-Sprache des Romans. Neben dem Wiener Schmäh und dem derben Insider-Jargon der Kickerwelt ist dies auch der Neusprech der Digital Natives, deren Smartphones im Dauereinsatz sind. Ivo ist arrogant und charmant gleichermaßen, naiv und gutmütig, er kann sehr nett, aber auch sehr eigensinnig und böse sein. Als Mann ist er ein Macho durch und durch, ein Egozentriker zudem, er hat häufig Zukunftsängste, hadert zuweilen sogar mit seinem Migrationshintergrund, sein Hauptproblem aber ist die innere Leere, gegen die er lange vergeblich anzukämpfen versucht.

Obwohl nicht wirklich etwas Erzählenswertes passiert in diesem Roman, stellt er, aus der Proleten-Perspektive seines neureichen Helden erzählt, eine amüsante Gesellschaftskritik dar, in die auch der ungehemmte Turbokapitalismus einbezogen ist, der im Fußball-Business herrscht. Die vielen Klischees in diesem Roman stören erheblich, das Ganze findet in einem Goldenen Käfig statt, und richtig schief geht da eigentlich nie etwas, – außer auf dem Spielfeld mit den zweiundzwanzig Multimillionären, wenn der Ball partout nicht ins Netz will. Zwei Fragen also zum Schluss: Lehrt uns der Fußball etwas über das Leben? – Ganz im Gegenteil! Wird dieser Roman in zwei Tagen den Frankfurter Buchpreis erhalten? – Das kann ich mir auch beim allerbesten Willen nicht vorstellen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kremayr & Scheriau

Das babylonische Wörterbuch

Date mit einem Unbekannten

Der 2018 erschienene Erzählband «Das babylonische Wörterbuch» vom Joaquim Maria Machado de Assis ist eine Auswahl aus seinen insgesamt 226 ‹contos›, einer spezifischen Kurzprosa in Form von Erzählungen, Legenden, Fabeln und mythischen Texten. Der literarische Aufstieg des Brasilianers führte über den Journalismus zu einem äußerst vielseitigen Œuvre, er ist unumstritten der Urvater der modernen südamerikanischen Literatur. «Hinter Garcia Marquez steht Borges und hinter Borges als Quelle und Ursprung von allem Machado de Assis» hat Salman Rushdie geschrieben. Susan Sontag hat ihn 1990 als «großartigster lateinamerikanischer Autor aller Zeiten» gefeiert, Alberto Manguel fragt sich in seinem «Tagebuch eines Lesers», warum er –außerhalb Brasiliens – ein Unbekannter bleibt, denn «Es gibt keinen, der ihm vergleichbar wäre».

In dem vorliegenden, liebevoll editierten kleinen Band, 2018 erschienen, sind dreizehn der besten seiner zwischen 1880 und 1890 entstandenen Erzählungen enthalten, die thematisch wie stilistisch recht unterschiedlich sind. Deren deskriptive Titel allein machen schon neugierig! In «Die Akademien von Siam» tauschen Glühwürmchen mit den Sternen der Milchstraße akademisches Wissen aus, in «Der wahre Grund» wird der abstoßende Sadismus eines scheinbar selbstlosen Arztes entlarvt, und «Evolution» ist eine sozialkritische Skizze, die sich mit unglaublich hohlköpfigen Politikern befasst. Die biblisch konnotierten Erzählungen beschäftigen sich in «Adam und Eva» mit einer erstaunlichen Version der Genesis, in der nicht Gott, sondern der Teufel die Welt erschaffen hat, es gab also auch keinen Sündenfall. Die Geschichte «Auf der Arche» berichtet vom ersten Zwist unter den Menschen, in «Die Kirche des Teufels» gründet der Satan eine eigene Kirche in Konkurrenz zu Gott und erlebt damit eine Pleite, «Die Predigt des Teufels» schließlich ist als konträr angelegte Bergpredigt in biblischer Diktion eine ironische Abrechnung mit dem brasilianischen Kapitalismus jener Zeit. In einer konventionellen Geschichte vom Ehebruch unter dem Titel «Die Wahrsagerin» erfahren wir, dass ‹in jeder Verneinung noch eine Bejahung steckt›. Mit den Worten ‹Es war einmal› führt uns «Das babylonische Wörterbuch» in einen phantastischen Wettstreit, der im Erfinden einer obskuren neuen Sprache gipfelt. Auf Schillers Ballade basiert «Der Ring des Polykrates», und in «Die alexandrinische Geschichte» wird der Frage nachgegangen, ob die Essenz aller menschlichen Fähigkeiten und Empfindungen im Blut enthalten ist. In «Die durchlauchtigste Republik» hält ein Wissenschaftler einen Vortrag, in dem er von seiner bahnbrechenden Entdeckung berichtet, dass die Spinnen eine eigene Sprache haben, und «Der türkische Pantoffel» ist ein Traumsymbol, von dem in einem trivialen Theaterstück erzählt wird, dessen Held in einen Schlaf versinkt, aus dem aufwachend er erklärt, ‹dass das beste Drama nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauer selbst›.

Der Stil des umfassend klassisch gebildeten Autors ist geprägt durch eine präzise, knappe Sprache, die ungewöhnlich anspielungsreich und klug durchdacht fantasievoll seine anthropologische und philosophische Thematik behandelt und dabei souverän ganz ohne autobiografische Bezüge auskommt. Als wichtiger Wegbereiter der Moderne ist sein Nimbus als skeptischer Schriftsteller vor allem auf seine erzählerische Raffinesse gegründet, in der die Vertauschung und das Verschweigen die Mittel seiner Wahl sind.

Zum Lesevergnügen trägt insbesondere die niemals ins Sarkastische abgleitende, feine Ironie bei, man staunt als Leser immer wieder über die skurrilen Einfälle des Autors und seine absurden Herleitungen, aber auch über die oft erst nach einigem Nachdenken verständliche Katharsis. Man wird gut unterhalten und intellektuell gefordert mit diesen in Deutschland kaum beachteten Erzählungen, ein Date mit einem Unbekannten quasi, das womöglich eine Lücke schließt in der eigenen Belesenheit.

Fazit: erstklassig

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Genre: Erzählungen
Illustrated by Manesse Verlag München

Die Wasserfälle von Slunj

Der Poet als gottgleicher Schöpfer

Sein bekanntestes Werk ist «Die Strudelhofstiege», sein Opus magnum «Die Dämonen», sein bester Roman jedoch sei, wie manche meinen, «Die Wasserfälle von Slunj». Auf jeden Fall aber gehört Heimito von Doderer zu den bedeutendsten Schriftstellern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Er befindet sich mit seinem Bestreben nach einer möglichst allumfassenden Erzählweise vom narrativen Ansatz her durchaus auf Augenhöhe mit «Großschriftstellern» wie Thomas Mann oder Marcel Proust. Und ähnlich wie bei Fontane, dem Chronisten des Preußentums, kann man in Doderers Romanen wunderbar in vergangene Zeiten zurückreisen, hier in die bereits dem Untergang geweihte k. u. k. Doppelmonarchie. Das vorliegende, breit angelegte Epos ist als erster Roman einer geplanten Tetralogie 1963 erschienen, der zweite Roman erschien posthum und unvollendet. Anders als sein berühmter österreichischer Kollege Robert Musil aber ist der wegen seiner diversen Exzesse eher unsympathische, moralisch und politisch umstrittene Autor den deutschen Lesern weitgehend unbekannt geblieben. Schade eigentlich!

Der Roman beginnt mit der Hochzeitsreise von Robert Clayton, die ihn 1877 zu den imposanten Wasserfällen von Slunj führt. Er ist der Sohn eines britischen Industriellen, der in Wien ein Zweigwerk eröffnet. Aus dieser Ehe nun geht der Sohn Donald hervor, der nach dem Studium als Ingenieur in die österreichische Dependance eintritt. Für das Kaufmännische wird der eher unscheinbare Buchhalter Chwostik eingestellt, der in bescheidensten Verhältnissen lebt und zwei Untermieterinnen hat. Fini und Feverl betreiben in zwei kleinen Zimmern seiner Wohnung ihr Gewerbe als Prostituierte. Er selbst erweist sich als wahrer Glücksfall für die Firma und steigt zum Prokuristen auf. Die beiden Vorstadt-Huren retten beim Baden ein Kind und gehen aufs Land zurück, als ihnen die dankbare Mutter eine gutbezahlte Stellung auf einem ungarischen Gutshof verschafft. Der missratene Stiefsohn von Chwostiks Hausmeisterin landet glücklich als Postmeister in Kroatien, in der Schule bilden vier Schüler aus dem gehobenen Bürgertum den «Club Metternich» zur intensiven Vorbereitung auf die Matura, eine toughe Ingenieurin Mitte dreißig wirbelt die Männer gehörig auf und verändert nachhaltig das Leben von Clayton Senior und Clayton Junior, ihre verheiratete Freundin schließlich vernascht – in einer Reifeprüfung der besonderen Art – frohgemut einen der Jungs vom Club Metternich.

Mit seiner üppigen, anschaulich geschilderten Figurenschar aus Prekariat und Bürgertum zeichnet Heimito von Doderer ein drei Generationen umfassendes Kaleidoskop der Habsburger Monarchie. Dabei treffen die verschiedenen, ineinander verschlungenen Handlungsfäden immer wieder bei den Claytons zusammen, die titelgebenden Wasserfälle bilden eine narrative Klammer um das Ganze. Stilistisch elegant, in einer aus heutiger Sicht altösterreichisch wirkenden, der historischen Erzählzeit geschuldeten Diktion, breitet der Autor humorvoll plaudernd seine klug durchdachten Geschichten in prächtigen, farbenfrohen Bildern vor dem Leser aus.

Bei aller Ironie ist dem Plot jedoch eine beachtliche psychische Tiefe zueigen, die in vielen treffenden Metaphern zum Ausdruck kommt. Clayton Junior scheitert als erfolgreicher Ingenieur im Privatleben jämmerlich, er ist emotional geradezu verkrüppelt, sein verwitweter Vater sticht ihn mühelos aus bei der schönen Ingenieurin, in die Donald verliebt ist, wie er viel zu spät erst erkennt, – «man möchte ihm in den Hintern treten», schreibt der Autor dazu. Als Leser schaut man ihm zuweilen über die Schulter, so wenn er Figuren aus seinem Roman «herausschmeißt» wie Fini und Feverl. Leutselig erklärt er: «… und damit kommt der Augenblick, […] wo der Romanschreiber nicht an die Eigengesetzlichkeit seiner Figuren gebunden bleibt, sondern zuletzt noch mit diesen machen darf was er will», – der willkürlich agierende Poet also als gottgleicher Schöpfer seiner ganz eigenen Welt.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Winterbienen

Danksagung als raffinierte Ergänzung

In «Winterbienen», dem neuen Roman des als Eifeldichter apostrophierten Schriftstellers Norbert Scheuer, ist erneut jenes nützliche Insekt titelgebend, das vor zwei Jahren schon mal für Aufsehen gesorgt hat. Der in die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises gewählte Roman hat also womöglich Chancen, an den Riesenerfolg des Erstlings «Die Geschichte der Bienen» von Maja Lunde anzuknüpfen, dem 2017 in Deutschland meistverkauften Roman. Gemeinsam ist beiden Romanen, dass in den ineinander verschachtelten Handlungsebenen jeweils Bienen die Thematik bestimmen, an ihnen spiegelt sich das eigentliche Geschehen.

Der vorliegende Roman ist das Tagebuch eines frühpensionierten Gymnasial-Lehrers aus der kleinen Eifelgemeinde Kall, dessen Aufzeichnungen am 3. Januar 1944 mit dem Absturz eines amerikanischen Kampfbombers beginnen. Egidius Arimond ist wegen seiner Epilepsie vom Kriegsdienst befreit und widmet sich als passionierter Imker intensiv der Erforschung dieser Insekten. Er lebt bescheiden von seiner Bienenzucht, zusätzlich benötigt er viel Geld für Medikamente, die er bei seinen epileptischen Anfällen dringend braucht. Der Nazistaat kommt nach dem Verdikt vom «lebensunwerten Leben» nämlich nicht mehr dafür auf, er wurde nach den absurden Vorstellungen der «Rassenhygiene» sogar zwangssterilisiert und fürchtet, irgendwann auch noch der Euthanasie zum Opfer zu fallen. In ganz konkreter Lebensgefahr befindet er sich aber, weil er mit Hilfe seiner Bienenstöcke Flüchtlinge gegen Bezahlung über die Grenze nach Belgien schleust. Nicht ganz uneigennützig also, denn die Preise für die rezeptpflichtigen Medikamente, für die er ja kein Rezept bekommt, werden vom erpresserischen Apotheker des Ortes ständig angehoben, irgendwann gibt es sie dann kriegsbedingt gar nicht mehr.

Der Tagbuchschreiber hat einige Liebschaften mit Frauen aus der Gemeinde, deren Männer im Krieg sind, und er begibt sich schließlich sogar in Lebensgefahr, als er sich ausgerechnet in die Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP verkuckt. Ein Goldfasan also, wie der Volksmund diese Parteibonzen wegen ihrer Uniformen nannte, und dessen Frau wiederum beginnt tatsächlich ein Verhältnis mit ihm. Unter der Überschrift «Fragment» werden abwechselnd acht Notizen von Ambrosius Arimond, einem frühen Vorfahren des Tagebuchschreibers aus dem Jahre 1489, in diese Erzählung eingeschoben. Sie stammen aus einer nachgelassenen Klosterbibliothek, die Egidius im Archiv des Ortes entdeckt und mühsam übersetzt hat. Der Benediktiner-Mönch berichtet darin von einer desaströsen Alpenüberquerung, die er in jungen Jahren miterlebt hat. Später war er ebenfalls als Bienenforscher aktiv und hat eine widerstandsfähigere südliche Bienenart in der Eifel angesiedelt.

Bemerkenswert ist, wie souverän der Autor in Tagebuchform seine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive einer abgeschiedenen Ortschaft schildert. Dabei verknüpft er geschickt das wohlgeordnete Leben seiner Bienenvölker mit dem chaotischen Kriegsgeschehen, er beobachtet ebenso kenntnisreich die Flüge seiner Bienen wie das Getümmel der Bomber und Jäger am Himmel. Es gibt keinen wirklichen Helden in diesem Roman, die eher ambivalente Hauptfigur wirkt gerade durch das nicht Heldenhafte aber sehr glaubwürdig. Erzählt wird ganz unreflektiert, eher beiläufig, nüchtern und unaufgeregt. Der Krieg ist vorbei, als Egidius beim Einfangen eines Bienenschwarms plötzlich merkt, dass er mitten in einem Mienenfeld steht, lapidar lautet der letzte Satz: «Erstarrt blieb er stehen». In einer längeren Danksagung versteckt berichtet der Autor, wie ihm die vor Jahrzehnten in einem Bienenstock aufgefundenen Tagebücher und Dokumente eines gewissen Egidius Arimond übergeben wurden, aus denen sein Roman im Wesentlichen bestehe. Eine raffinierte Herausgeber-Fiktion also, durch die man dann auch noch erfährt, was nach dem letzten Satz des Romans passiert ist. So spannend kann eine Danksagung sein!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Fiktionen

Mehr Selbstkritik geht ja nicht

Als einer der großen Schriftsteller des Zwanzigsten Jahrhunderts hat Jorge Luis Borges mit «Fiktionen» einen Band von phantastischen Erzählungen vorgelegt, der als ein Schlüsselwerk des Magischen Realismus gilt. Der intellektuelle Argentinier hat mit diesem vielleicht wichtigsten Werk der hispanischen Literatur seit «Don Quijote», wie manche meinen, einen entscheidenden Impuls geliefert, – weg von der «postromantischen Erstarrung». Gabriel Garcia Marquez hat in seiner Nobelpreisrede explizit darauf hingewiesen, wie viel er selbst und andere bedeutende Autoren wie Mario Vargas Llosa oder Julio Cortázar ihm zu verdanken haben. Auch sein Bewunderer Umberto Eco verdankt ihm nicht nur die Idee der Klosterbibliothek als Handlungsort für seinen berühmten Roman «Der Name der Rose», mit der Figur des blinden Bibliothekars Jorge von Burgos hat er ihm auch noch unübersehbar ein literarisches Denkmal gesetzt.

Das Buch beginnt mit der Geschichte einer «Dynastie von Einsiedlern», die heimlich Beiträge über die frei erfundene Welt «Tlön» in einer Enzyklopädie veröffentlichen mit dem Effekt, dass durch die ständige Weiterverbreitung dieser Artikel die reale Welt bald immer mehr der fiktiven, irrealen Welt «Tlön» ähnelt. In einer weiteren Geschichte hat der Schriftsteller Pierre Menard einen «Don Quijote» geschrieben, der zwar wortwörtlich mit dem Text von Cervantes übereinstimmt, aus heutiger Sicht aber ganz anders interpretiert werden muss, – und damit auch eine ganz andere Bedeutung erlangt. In einer anderen Geschichte wird das Schicksal der Menschen in Babylon seit Jahrhunderten von einem Geheimbund durch eine Lotterie bestimmt, deren Einfluss letztendlich jedoch fraglich bleibt. Rätselhaft ist auch die Sprache eines Buches in der «Bibliothek von Babel», bis schließlich entdeckt wird, es handelt sich um einen «samojedisch-litauischen Dialekt des Guaraní mit Einschüben von klassischem Arabisch». In einer Spionage-Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg geht es um ein verwirrendes chinesisches Buch, das wie ein Labyrinth voller Symbole verschiedene Zeitabläufe darstellt. Durch die Ausführung einer der dargestellten symbolischen Handlungen erhält der deutsche Geheimdienst schließlich eine entscheidende Information, die der Spion auf andere Weise nicht hätte weitergeben können.

Jorge Luis Borges ist ein Schriftsteller der kurzen Prosa, ein dutzend Seiten reichen ihm meistens. Er hat im Vorwort dazu geschrieben: «Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen; auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende mündliche Darlegung wenige Minuten beansprucht. Ein besseres Verfahren ist es, so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits, und ein Resümee, einen Kommentar vorzulegen». Vargas Llosa lobt in einem Essay, Borges «sei zwar ein außergewöhnlicher Stilist, sein Übermaß an Intelligenz habe allerdings sein Verständnis für das Leben eingeschränkt». Dieser stilistische Disput verdeutlicht die radikale Form seiner kunstvoll komprimierten Prosa, die sich in einer ungewöhnlich hochstehenden, anspruchsvollen Diktion treffsicher artikuliert.

Imaginäre Bücher spielen in vielen dieser Geschichten eine wichtige Rolle, sie führen oft sogar ein Eigenleben als Buch in Buch. Häufig wiederkehrende Symbole, Anspielungen und Verweise in einer meist ort- und zeitlosen Szenerie geben viele Rätsel auf. Der Leser wird listig getäuscht, muss recherchieren und nicht selten zweimal lesen, was er beim ersten Lesen allzu flüchtig überlesen hat. Man sollte bei aller geradezu systemischen Aporie auch nicht übersehen, dass trotz der dominanten Metaphysik in diesen surrealen Erzählungen immer auch ein subtiler Humor mitschwingt. « Ich habe mich schon heimlich danach gesehnt, unter einem Pseudonym eine gnadenlose Tirade gegen mich selbst zu verfassen», hat Borges geschrieben. Das sei für manchen irritierten Leser tröstend angemerkt, – mehr Selbstkritik geht ja nicht!

Fazit: erstklassig

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Genre: Erzählungen
Illustrated by dtv München

Traum von China

Satirische Dystopie

Der neue Roman des chinesischen Schriftstellers und Dissidenten Ma Jian trägt seinen Titel «Traum von China» nach einer Losung von Xi Jinping, dem Präsidenten des asiatischen Riesenreichs, die sogar offiziell Eingang in die Verfassung gefunden hat. Sie zielt darauf ab, den «Schlafenden Löwen» China zur Weltmacht aufsteigen zu lassen und letztendlich auch die kommunistische Weltherrschaft zu erringen. Der seit zwanzig Jahren in London lebende und als berühmtester Exilautor seines Landes geltende Ma Jian wird als literarisches Pendant zu Ai Weiwei bezeichnet, dem weltbekannten Konzeptkünstler. Der hatte ihm bei einer Begegnung freundlich angeboten, das Cover für sein neues Buch zu gestaltet, – welche Ehre für Autor und Buch! Mit der Widmung «Für George Orwell, der alles vorausgesagt hat» wird deutlich darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine Dystopie handelt, – also eher Albtraum als Traum! Aber keine Sorge, auf den Leser wartet keine niederschmetternde Schreckensvision, es handelt sich um eine köstliche Satire bei diesem Roman, es gibt bei allem Horror also auch viel zu schmunzeln.

«In dem Moment, da Ma Daode, der Direktor des neugeschaffenen Traum-von-China-Amts, aus seinem Schlummer erwacht, stellt er fest, dass sein jugendliches Ich, von dem er eben noch geträumt hat, nicht verschwunden ist, sondern direkt vor ihm steht». In diesem ersten Satz steckt bereits die Problematik dieses Mannes, denn er hat für nichts weniger als dafür zu sorgen, dass ein kollektives Gedächtnis das individuelle jedes einzelnen Chinesen ersetzt. Eine schwierige Aufgabe, wie er an seinen eigenen Gedanken merkt. Denn die holen ihn aus seiner privilegierten Gegenwart als hoher Beamter mit repräsentativem Büro, zu dem auch ein Schlafzimmer mit Privatbad gehört, immer wieder ungewollt in die Vergangenheit zurück. Sie erinnern ihn an die Gräuel der von Mao Tse-tung ausgelösten Kulturrevolution. Er gehörte damals zu den Roten Brigaden, die Schrecken und Terror verbreitet haben, mit unzähligen Toten. Schon damals ging es darum, einen neuen Menschen zu schaffen, nun soll, mehr als vier Jahrzehnte später, durch die Traum-von-China-Bewegung die Vergangenheit komplett verdrängt werden, um das neue China zu schaffen. Dazu sind von seinem Amt viele verschiedene Maßnahmen geplant, erläutert Ma Daode in einer Sitzung der beteiligten Behörden, «… außerdem werden wir mit der Arbeit an einem Neuroimplantat beginnen, dem sogenannten Traum-von-China-Chip, der die privaten Träume der Menschen durch den kollektiven Traum von China ersetzen wird».

Der Plot des Romans schildert vordergründig die bevorstehende Räumung eines armseligen Dorfes, das als Bauland benötigt wird für eine Industrieansiedlung. Die Bewohner kämpfen mit allen Mitteln dagegen an, auch der Leiter des Traum-von-China-Amts vermag sie nicht von einer besseren Zukunft zu überzeugen. Viel Raum im Roman nimmt außerdem das ausufernde Liebesleben des Protagonisten ein, er hat unzählige Geliebte, die er demnächst auf zehn zu begrenzen gedenkt, eventuell sogar nur auf fünf, – der besseren Übersicht wegen. Das Narrativ wird durch häufige Rückblenden beherrscht, welche, als Bewusstseinsstrom erzählt, die Gedankenwelt von Ma Daode abbilden, mit den Schwerpunkten Politik und Weiber. Sprachlich dürfte die zweifache Übersetzung Chinesisch-Englisch-Deutsch dem Roman allerdings geschadet haben, brillant geschrieben ist er jedenfalls nicht.

Mit dem Mittel des schwarzen Humors prangert der Autor sarkastisch den Überwachungsstaat in seiner Heimat an, der seine Ziele mit methodischer Desinformation und brutaler Unterdrückung Andersdenkender zu erreichen sucht. «Ein Volk, das sich seiner Geschichte nicht erinnert, ist dazu verurteilt, sie erneut durchleben zu müssen», hat George Santayana dazu geschrieben. Daran wird auch das kommunistische China letztendlich scheitern, dieser zwischen viel Realität und sparsam eingesetzter Dytopie angesiedelte Roman gibt einen Vorgeschmack darauf.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt