Die Ordnung der Sterne über Como

Dance Me to the End of Love

Erfreulicherweise gibt es immer wieder Überraschendes auf dem Buchmarkt, denn Monika Zeiners Debütroman mit seinem zunächst kryptischen, auf eine Zäsur im Plot hinweisenden Titel, war für mich eine faustdicke Überraschung. Nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch an Thomas Mann erinnernd, behandelt dieser ambitionierte Künstlerroman elementare Fragen wie Glück, Liebe, Freundschaft, Alter, Tod, Trauer, und den Sinn des Ganzen natürlich. Die Kunst ist auch hier die Musik, von der Autorin kenntnisreich eingewoben in die Handlung, ist sie doch in ihrer zweiten Karriere unter dem Namen Mona Stinelli Gründerin der Italoband «marinafon». Und auch zum Thema Liebesleid weist sie reichlich Fachkompetenz auf, sie hat ja schließlich über mittelalterliche Liebesmelancholie promoviert.

Ihr radikal illusionsloser Roman dreht sich um den chaotischen Antihelden Tom, ein labiler, schwermütiger, lethargischer Pianist, der in einer studentischen WG im Berlin der neunziger Jahre lebt, zusammen mit seinem besten Freund Marc, einem hoffnungsvollen Komponisten moderner Musik, und mit Betty, die eigentlich Medizin studieren soll nach dem Willen ihrer Eltern, sich zeitweise aber eher als Sängerin sieht und mit den beiden zusammen gelegentlich in einer Jazzband auftritt. Marc und Betty werden ein Paar, Tom hat das selbstlos eingefädelt für seinen zunächst desinteressierten Freund, ist sich später aber nicht mehr sicher, ob das nicht ein Fehler war, auch er fühlt sich irgendwie zu Betty hingezogen. Und so endet diese Ménage-à-trois irgendwann am Comer See, als während Marcs Abwesenheit Tom und Betty doch noch zusammenfinden und dann nächtens den Sternenhimmel betrachten auf der Suche nach einer Ordnung dort oben. Am nächsten Tag kommt Marc bei einer Schneewanderung um, die Beiden sind entsetzt und gehen auseinander, sehen sich zehn Jahre lang nicht mehr.

Erzählt wird diese vielschichtige Geschichte von ihrem tragischen Kern aus, dem alles verändernden Tod von Marc, dieser fast als Lichtgestalt erscheinenden Figur. In Rückblicken schildert die Autorin anschaulich und metaphernreich das Leben der drei Freunde in Berlin, sie nimmt sich Zeit dafür, zuviel, glaubt man ihren Lektoren, denen angeblich auch 200 Seiten genügt hätten. Gottlob ist sie konsequent geblieben, es wären dem Leser sonst viele erfreuliche und behagliche Lektürestunden vorenthalten worden. Denn man würde, so man Gefallen an unaufgeregt erzählten Geschichten und die nötige Muße dafür hat, am liebsten ewig weiterlesen, freut sich immer wieder an philosophischen Betrachtungen, sympathisch gezeichneten Figuren, wird sogar, wie ich, zum Musikhören angeregt. Als nämlich Tom «Dance Me to the End of Love» am Klavier spielt und Betty spontan zum Singen auffordert, da konnte ich nicht anders und habe meine Lektüre unterbrochen, um mir mal wieder diesen wunderbaren Titel von Leonard Cohen anzuhören.

Man ist gespannt, wie die Geschichte ausgeht, denn nach langer Zeit treffen Tom und Betty am Ende in Neapel wieder zusammen. Bei diesem Showdown klärt sich der mysteriöse Tod von Marc als Freitod, Betty hatte ihm alles gebeichtet seinerzeit, und Tom gesteht, dass er zu lange gewartet hat damals, bis es für eine Rettungsaktion zu spät war. Beide, die sich nun wieder gefunden haben nach so vielen Jahren, sind unrettbar in ihrer Schuld verstrickt, es gibt selbstverständlich kein Happy End. Vielleicht liegt es an der weiblichen Perspektive der Autorin, dass die Männer in diesem Roman allesamt ein wenig trottelig wirken, die Frauen aber eher dominant sind wie die bourgeoise Anne zum Beispiel, die darauf besteht, beim «Sie» zu bleiben mit ihrem jugendlichen Liebhaber und Klavierlehrer. Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten aufzuweisen, er bietet Lesefreude pur auf einer genüsslichen literarischen Entdeckerreise, seine überaus positive Rezeption ist absolut gerechtfertigt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Taschenbuch Berlin

Villa Sternbald

Zuviel des Guten

Erst elf Jahre nach ihrem erfolgreichen Debütroman ist im Jahre 2024 ein zweiter Roman von Monika Zeiner unter dem Titel «Villa Sternbald» erschienen. Unter 600 Seiten tut es die Autorin nicht, denn auch dieses Buch ist mit seinen 669 Seiten wieder ein physisches Schwergewicht in der aktuellen Romanliteratur. Anders als bei ihrem ersten, thematisch eher beschwingten Debüt hat man es hier jedoch mit einem äußerst vielschichtigen, melancholischen Familien-Epos zu tun, das gleich zweimal an Thomas Mann erinnert: Als Familienroman an die Buddenbrooks, aber gleichermaßen auch an den Zauberberg, nicht nur was die Zeitdauer des geschilderten Besuchs betrifft, sondern auch was die philosophischen Diskurse und gedanklichen Höhenflüge anbelangt.

Protagonist des Romans ist der ziemlich erfolglose TV-Drehbuchautor Nikolaus Finck aus Berlin, der als schwarzes Schaf der Familie nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder in das fränkische Dorf seiner Kindheit nahe Nürnberg zurückkehrt, in die titelgebende «Villa Sternbald», um an der Geburtstagsfeier seines Großvaters teilzunehmen. Man bereitet dort gerade auch eine Ausstellung «Das Klassenzimmer im Wandel der Zeit» vor, um das 125jährige Firmenjubiläum ihrer Schulmöbelfabrik zu feiern, deren Columba-Schulbank einst den Wohlstand der Familie begründet hat. Aus dem geplanten Wochenende bei der Familie wird für Niki ein ganzes Jahr. Er, der sich selbst spaßeshalber als «Aerophonautiker» und «Schnurologe» bezeichnet, beginnt – angeregt durch den feierlichen Anlass – sich nun plötzlich für die Familiengeschichte zu interessieren. Beginnend mit seiner Kindheit taucht der Ich-Erzähler dabei immer tiefer in die Vergangenheit hinein, vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Er will den im Dunkeln liegenden Teil der über vier Generationen zurück reichenden Familiengeschichte aufklären. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Ur-Ur-Großvater aus seiner kleinen, aber immerhin schon dampfbetriebenen Schreinerei ideenreich eine Fabrik für Schulmöbel aufgebaut, die aber nach dem Ende der Wirtschaftskrise 1933 vor dem Konkurs stand. Durch die Arisierungs-Maßnamen der Nazis konnte der Großvater später für einen Spottpreis die erfolgreiche Möbelfabrik eines jüdischen Freundes kaufen. Damit begann der steile Aufstieg der Firma, die danach in eine exportstarke Aktiengesellschaft umgewandelt wurde.

In der Familie aber wird diese Geschichte anders erzählt! Erst der Kauf der Fabrik habe dem jüdischen Eigentümer überhaupt die Geldmittel verschafft, um mit seiner Familie zu emigrieren. «Leider sind sie alle gestorben» erzählt Nikis Mutter beschönigend. In Wahrheit aber wurden sie aus dem Exil in Frankreich in ein Konzentrationslager deportiert, das sie bis auf einen alle nicht überlebt haben, findet Niki heraus. Nach und nach entfaltet sich für ihn die wahre Geschichte seiner Familie, die von unternehmerischem Erfolgsdruck ebenso geprägt ist wie von innerer Kälte. Allein von seinem Großvater erfährt er die nötige Wärme und Zuneigung, die für ein Kind seelisch prägend ist. Ein scheinbar typisches Erbe, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Familiengeschichte zieht. «Ich kann nicht behaupten, dass meine Familie geschwiegen hätte. Es wurde, im Gegenteil, ununterbrochen geredet, und vielleicht reden sie so viel, damit sie keine Fragen beantworten müssen.»

Der dickleibige Roman wird in epischer Breite erzählt, anekdotisch hin und her springend und in häufig wechselnden Zeitebenen, die immer wieder ineinander verschwimmen, dem Untertitel «Die Unschärfe der Jahre» entsprechend. Dieses Schwebende der zuweilen unrealistischen Erzählung über Pädagogik und Opportunismus macht den Reiz aus beim Lesen, obwohl das Ganze thematisch doch ziemlich überfrachtet erscheint. Und auch die vielen Zitate, literarischen und philosophischen Verweise sind einfach zu viel des Guten. Ein störendes Manko ist auch die oberflächliche Figurenzeichnung, die keinerlei Emotionen entstehen lässt beim Leser. Wen wundert’s also, dass der von den Feuilletons erwartete Publikumserfolg ausgeblieben ist, – und auch die entscheidenden Buchpreise!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Ich, die ich Männer nicht kannte

Dystopisches Memoir

Zu den überraschend wenigen ins Deutsche übersetzten Romanen aus dem umfangreichen Œuvre der belgischen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman gehört «Ich, der ich Männer nicht kannte» als aktuelle Ausgabe. Es handelt sich dabei um ein dystopisches Memoir, das im Original 1995 erschienen ist und als feministischer Roman auch international überraschend erfolgreich war. Der Buchtitel «Moi qui n’ai pas connu les hommes» ist insofern doppeldeutig, weil er auf die zwei im Französischen möglichen Bedeutungen des Wortes «Hommes» anspielt, das sowohl «Männer» als allgemein auch «Menschen» bedeutet.

Die rätselvolle Geschichte beginnt in einem Kerker ohne Tageslicht, in dem 39 Frauen unter der Aufsicht von sechs Männern gefangen gehalten werden – ohne die geringste Andeutung, warum. Als vierzigste Gefangene gehört die namenlose Ich-Erzählerin dieses Memoirs dazu, die, zu Beginn noch ein Kind, erst in der Pubertät ihre Situation ernsthaft zu hinterfragen beginnt. Die anderen Gefangenen sind allesamt im Erwachsenenalter mit den entsprechenden Lebenserfahrungen, natürlich auch was Männer anbelangt. Sie alle können sich aber partout nicht daran erinnern, woher, wie und warum sie überhaupt in dieses unterirdische Verließ gekommen sind, und über ihr altes Leben haben sie allenfalls sehr vage Vorstellungen. Ohne Uhr oder Tageslicht haben sie auch kein Zeitgefühl mehr, ihr Leben verläuft deshalb weitgehend unstrukturiert. Alle Berührungen untereinander sind strikt verboten, das junge Mädchen hat in dieser unmenschlichen Umgebung keinerlei Emotionen entwickeln können und wird deshalb auch von den anderen Frauen völlig ignoriert, sie lebt ausgestoßen und isoliert ganz allein. Die heranwachsende, namenlose Erzählerin hatte noch keinen einzigen Kontakt zu Männern, sie ist auch noch nie einem begegnet, von den Wärtern mal abgesehen. Diese immer gleichen Männer aber sprechen kein Wort mit den Gefangenen, jeweils einige von ihnen umrunden turnusmäßig ununterbrochen und immer nur schweigend den Käfig, um den herum sie auch nachts auf einem schmalen Umgang patrouillieren. Ihre Befehle oder stummen Ermahnungen erfolgen immer nur mit der Peitsche, die sie dann drohend knallen lassen. Sie alle folgen ungeschriebenen Gesetzen, es gibt keinerlei Privatsphäre, die Frauen müssen sogar vor den Augen der Wärter auf die einzige Toilette gehen. Die Männer werden nur handgreiflich, um zu verhindern, dass eine der Gefangenen Selbstmord begeht, was angesichts der Sinnlosigkeit ihres Daseins in dem Verlies nahe liegend ist und wohl tatsächlich auch schon erfolglos versucht wurde.

Als nun eines Tages während der Essensausgabe ein Alarmsignal ertönt, sind die Wärter plötzlich alle verschwunden, die Tür zum Verlies bleibt offen. Die jugendliche Erzählerin wagt als erste den Schritt aus dem Käfig heraus, die anderen folgen ihr zögernd. Was sie draußen finden ist eine apokalyptisch anmutende Welt, die sie nicht kennen, in der auch niemand ist, mutterseelenallein müssen sie sich ab nun darin zurechtfinden. Sie haben lange Zeit wie Schlafwandlerinnen gelebt, bis sich irgendwann gewohnheitsmäßig bestimmte Regeln für das Zusammenleben ergeben haben. Wissen ist Macht, das sahen sie beispielsweise an den Wärtern. Deshalb hat die Ich-Erzählerin eines Tages begonnen, ihren Herzschlag zu zählen und so zur Kontrolle die Zeit zu messen. Sie ist es auch, die dann in den odysseeartigen Erkundungen der Frauen-Gruppe in einer unwirtlichen, toten Welt voller Ruinen und Leichenbergen beherzt die Führung übernimmt. Aus dieser jahrelangen Suche haben sich allerdings niemals irgendwelche Erkenntnisse ziehen lassen!

Zur völligen Hoffnungslosigkeit ihres Memoirs hat sicherlich die Holocaust-Erfahrung der Autorin einiges beigetragen, das Ausgeliefertsein der Frauen wirkt zudem geradezu kafkaesk. In einer klaren Sprache, ohne Schnörkel, immer eng am Thema bleibend, steuert dieses Memoir auf ein Ende zu, das all die darin aufgeworfenen Fragen unbeantwortet lässt und zu nichts hinführt. Als Dystopie keine erfreuliche, aber immerhin eine bereichernde Lektüre für aufnahmefähige Leser!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Transkription

Einladung zu kontemplativer Mitwirkung

Der vierte Roman des US-Amerikaners Ben Lerner, den ‹The New York Times› für den besten Schriftsteller seiner Generation hält, hat auch in den deutschen Feuilletons eine äußerst positive Resonanz erzeugt. Was dessen Thematik anbelangt könnte man glauben, er sei darauf angelegt, zu beweisen, dass es in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump tatsächlich noch so etwas wie ein Geistesleben gibt! Dazu benutzt der Autor beziehungsreich das Smartphone, dessen Wirkung und Bedeutung für das intellektuelle und soziale Leben der Gesellschaft er geschickt in seine Geschichte eingebaut hat.

«Ich putzte mir die Zähne. Das Wasser lief nicht richtig ab. Weil ich eine Zahnpastaschliere auf der Wange hatte, wusch ich mir das Gesicht. Dann griff ich nach meinem Handy, das ich in der kleinen, am Spiegel angebrachten Stahlschale abgelegt hatte. Irgendwie fiel mir das Gerät ins Waschbecken.» Dieses Missgeschick passiert dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans, einem Journalisten, der zu einem mutmaßlich letzten Interview mit dem Zug nach Providence im Staat Rhode Island an der amerikanischen Ostküste reist. Dort will er Thomas besuchen, seinen todgeweihten, inzwischen neunzigjährigen Mentor und Vater seines besten College-Freundes, ein wahrhaft bedeutendes «Urgestein der Kunstszene». Das unbrauchbar gewordene Smartphone bringt nun eine ganze Reihe von Schwierigkeiten mit sich: er kann auf die Schnelle kein neues Gerät auftreiben, und alle Adressen und Telefonnummern fehlen ihm jetzt auch, er kann sich nicht mal mehr schnell ein Taxi rufen, das ihn zu seinem kranken Mentor bringt. Und das gerade jetzt, er kommt sich völlig hilflos vor! Vor Allem aber kann er das Interview mit seinem Mentor nicht aufnehmen, was ihm derart peinlich ist, dass er davon nichts sagt. Stattdessen tut er so, als ob er aufnimmt, um später dann die Transkription des Gesagten notgedrungen aus dem Gedächtnis nieder zu schreiben.

Der Autor hat mit Thomas, dem Protagonisten des Romans und Mentor des Ich-Erzählers, eine Figur geschaffen, die ziemlich deutlich an Alexander Kluge erinnert. Als Vorbild für die Romanfigur wurde diesem Urgestein der Kunstszene hier literarisch jedenfalls ein ehrenvolles Denkmal gesetzt. Darauf angesprochen hat sich Kluge dahingehend geäußert, dass er den Roman als «freundschaftliche Geste» empfunden und seinen fiktionalen Tod darin ohne Schäden überstanden habe. Im Roman entwickelt sich aus dem Missgeschick des Ich-Erzählers mit seinem Smartphone eine turbulente Geschichte, in der es um die Frage geht, wie es in unserer vermeintlichen «Wirklichkeit» möglich ist, ein guter Mensch zu sein, sei es als Mentor, Vater oder Freund. Wobei Thomas geradezu als Dozent auftritt und in endlose Monologe verfällt, in denen der Interviewer kaum eine Chance hat, seine Fragen zu stellen. Es geht thematisch neben den Auswirkungen der Digitalisierung auch um die Folgen der Corona-Pandemie, die scheinbar schwindende geistige Aufnahme-Fähigkeit der Bevölkerung, soziale und familiäre Konflikte. Wobei vieles nur angesprochen bleibt und nicht wirklich auserzählt wird in all diesen kontemplativen Debatten.

Neben den Verweisen auf Alexander Kluge gibt es auch solche auf Franz Kafka, was wohl als eine Referenz des amerikanischen Autors auf europäische Geistesgrößen zu deuten ist. Akribisch arbeitet der Autor die Wirkung von Handys und Tabletts heraus, denen in seinem Roman ein inzwischen viel zu groß gewordener Einfluss auf das menschliche Miteinander attestiert wird. Die Transkription des Interviews aus dem Gedächtnis heraus führt auch zu Debatten darüber, inwieweit Wahrheit als Kriterium in den Medien denn überhaupt noch taugt. Zu wenig differenziert werden hier letztendlich aktuelle Streitthemen munter miteinander verwoben, deren gedankliche Grundlagen in der Philosophie keinesfalls unumstritten sind. In einer flüssig zu lesenden Sprache geschrieben wird hier der aufnahmefähige Leser zu kontemplativer Mitwirkung eingeladen, was ja das eigentlich Bereichernde ist beim Lesen!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Schnall dich an, es geht los

Blühende Landschaften?

Der zweite Roman von Domenico Müllensiefen mit dem Titel «Schnall dich an, es geht los» nimmt sich als Coming-of-Age-Geschichte den Verwerfungen in der ehemaligen DDR nach der Wende an. Der heute in Leipzig wohnende Autor ist auf einem Bauernhof in der Altmark aufgewachsen, er vermisst in der lauten, nervigen Großstadt die einstige Ruhe. In zwei parallelen Erzählebenen beschreibt er hier den Werdegang eines jungen Mannes, die erste von 1993 bis 2003 reichend, die zweite vom Jahre 2023 berichted. Der Protagonist und Ich-Erzähler, der als «Drehspießverkäufer» am Bahnhof arbeitet – nicht als Dönerverkäufer, darauf legt Marcel wert – ist in den Verhältnissen seiner Heimat gefangen und träumt von einem anderen Leben. Einst galt der Bahnhof als erste Station auf dem Weg nach Amerika, nun soll die einst wichtige Zugverbindung, die so genannte Ferkeltaxe, in Kürze völlig eingestellt werden, was den latenten Niedergang natürlich nur noch weiter beschleunigen wird.

Marcel gehört also zu jener Mehrheit von Verlierern, die nach vierzig Jahren Sozialismus und Unfreiheit den gesellschaftlichen Transfer hin zu ungewohntem Kapitalismus und demokratischer Freiheit tragen muss. Er ist keiner von den wenigen Profiteuren, er lebt vielmehr in einfachsten Verhältnissen im Prekariat, wird schlecht bezahlt, muss sich vom Chef rumschubsen lassen und hat so gut wie keine realistischen Zukunfts-Aussichten. Seine Zukunft existiert nur in seinen Träumen von einem Platz an der Sonne, denn dort, wo er wohnt und arbeitet, passiert ja nichts mehr, nichts Erfreuliches jedenfalls. Als typisches Mitglied der ersten Generation, die nach der Wende im nun wieder vereinigten Deutschland aufwuchs, klagt er resigniert an: «Wir waren die erste Generation, über die es nichts mehr zu berichten gab und für die sich niemand interessierte». Zu den augenfälligen Veränderungen gehört, dass seine Mitschüler sich auf dem Schulhof nun nach und nach in Naziklamotten präsentieren, – nur um aufzufallen? Die aktuellen Wahlergebnisse sprechen dagegen! Aber weder die Schule noch die Eltern interessieren sich wirklich dafür oder greifen ein, obwohl sie es ja eigentlich besser wissen müssten.

Zu den Kumpels von Marcel gehört vor allem Pascal, der alles andere ist als ein Vorbild, er säuft sich nur arbeitslos durchs Leben. Marcels einziger Lichtblick – und heimlicher Schwarm – ist Steffi, die Tochter seiner äußerst unbeliebten Klassenlehrerin, die in seine Klasse geht und ihn stets aus Neue mit ihrem Lächeln verzaubert. Am Tag vor der Abschlussprüfung ist sie, die Musterschülerin mit nur Einsern im Zeugnis, plötzlich spurlos verschwunden. Alle sind entsetzt – und Marcel seines ewigen Traumes beraubt. Eine weitere Zäsur in Marcels Leben ist der Tod von Vanessa, seiner Schwester. Aus einer Werkstatt, in der er gerade erst seine Lehre als Automechaniker begonnen hatte, hat er ein getuntes Auto «entliehen» und sie damit fahren lassen. In offensichtlich selbstmörderischer Absicht ist sie damit dann in hohem Tempo frontal gegen eine Mauer gefahren. Auch Marcels Vater ist vor langem spurlos verschwunden und hat die Familie allein gelassen. Die damaligen Väter haben fast alle versagt und damit das Leben ihrer Kinder ziemlich negativ beeinflusst. Auch wenn sie teilweise in dem zwanzig Jahre späteren Erzählstrang plötzlich wieder zurück sind wie Marcels Vater, können sie alle nicht begreifen, was sie ihren Familien in Wirklichkeit angetan haben damals. Auch als Steffi nach zwanzig Jahren mit ihrem Sohn als Fußballstar überraschend wieder auftaucht, bleiben nur Fragen offen.

Mit erkennbarer Lust am Erzählen schildert der Autor aus einer sehr persönlichen Sicht die mit der «Wende» einhergehenden, sozialen Verwerfungen im Osten Deutschlands, in dem von den prognostizierten «blühenden Landschaften« so gar nichts zu erkennen ist. Auch er aber kann die vielen Fragen, warum es kam wie es gekommen ist, nur stellen, nicht beantworten. Voller Klischees und mit einem kitschigen Ende reiht sich dieser Roman ein in die allseits bekannten Ossi-Romane, einem Genre, dem er leider keine neuen Facetten abgewinnen kann.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kanon Verlag Berlin

Toxibaby

Klug und bitterböse

Der dritte Roman «Toxibaby» der Schriftstellerin Dana von Suffrin sei «Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann», heißt es hinten auf dem Buchcover. Es handelt sich nämlich um eine destruktive Liebesgeschichte, was der Buchtitel ja schon andeutet, die in der Gegenwart angesiedelt ist und mit all den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten der Millennials verwoben. Kennzeichnend für den Stil, in dem die Autorin erzählt, ist eine ungehemmte Zuspitzung zwischen politischen Vorurteilen und desaströsen sozialen Bindungen, die hier in satirischer Schärfe erfolgt. Gleichwohl wird aber auch eine anrührende Liaison geschildert, die trotz allem Streit immer wieder auch mal sanfte, zärtliche Momente aufweist.

Ich-Erzählerin des Romans ist Herzchen Goldberg, eine erfolgreiche junge Schriftstellerin (sic!), die an einem neuen Roman schreibt und sich dabei schwer tut. Ihre euphorisch begonnene Beziehung mit dem vierzigjährigen Toxi, den sie, der titelgebende Kosename sagt es bereits, nur Toxibaby nennt, wird schon bald von einem ständigen Auf und Ab zwischen Liebe und Streit geprägt. Er ist politisch ein strammer Marxist, trinkt, nimmt häufig Drogen, lebt in prekären Verhältnissen oft ohne Job und ist ständig in Geldnöten. Sie verdient sehr gut, hat für ihren geplanten Roman sogar schon 160.000 Euro Vorschuss bekommen und übernimmt quasi alle Kosten, auch die für seine überteuerten Klamotten, die er sich selbst ja gar nicht leisten könnte. Beide sind Intellektuelle, die in Hingabe und Abhängigkeit eng miteinander verbunden sind, die aber auch ständig aneinander geraten und in endlosen Disputen die Klinge kreuzen.  Wobei er meist die Oberhand behält auch mit den absurdesten Thesen. Ihre Repliken beginnen dann oft mit «Aber Toxi», – oder sie gibt klein bei, um der Harmonie willen. Obwohl er bald nach Beginn ihrer Liaison zu ihr gezogen war, erweist sich die Zweisamkeit als brüchig, denn sie trennen sich immer wieder, mal nur für kurze Zeit, zuweilen aber auch monatelang. Herzchen benutzt diese Auszeiten als Zeitmarken, sie berichtet zum Beispiel, wie es ihr «nach der zwölften Trennung» ergangen sei. Meist kommt Toxi von allein zurück, aber wenn er gar zu lange wegbleibt, sucht Herzchen ihn reumütig wieder auf, ihr Gang nach Canossa sozusagen.

«Beide sind nicht geneigt, an ihren Problemen zu arbeiten», hat die Autorin dazu erklärt. Es ist die beklemmende Geschichte zweier Großstadt-Neurotiker, die Dana von Suffrin hier in einem amüsanten Stil – wohl ganz bewusst auch voller gängiger Klischees – erkennbar lustvoll erzählt. Mit Protagonisten, die intelligent sind, konsumorientiert und markenhörig, wie am Beispiel von Toxi deutlich wird, für dessen übersteigertes Stilbewusstsein das Beste gerade gut genug ist. Und er macht schlichtweg einfach die Gesellschaft für alle seine Probleme verantwortlich. «Wir sind die schwierigsten Leute überhaupt, es ist kein Wunder, dass es uns so schwer fällt» sagt Herzchen an einer Stelle selbstkritisch. Toxi selbst bleibt in seinem Wesen eine unerklärliche Figur, was ihn auf bestimmte Weise sogar attraktiv macht, – auch als Macho, der er ist. Herzchen hingegen durchläuft im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung zwischen Weltschmerz und ihrem Wunsch nach Romantik, zwischen Verzweiflung und Zuversicht, die für sie ganz persönlich die Entwicklung zu einer problemloseren Normalität andeutet.

Das Thema Jüdischsein in Deutschland, das in Dana von Suffrins Romanen bisher im Fokus stand, ist hier nur vage als Nebenstrang in die Erzählung eingeflochten. Zum eigentlichen Thema ihres Romans hat sie im Interview erklärt: «Die Generation vor uns sind Babyboomer, in den Wohlstands-Jahrzehnten nach dem Krieg aufgewachsen, mit großer materieller Sicherheit, mit ganz klaren Werten, mit einem klaren Arbeitsethos”, und dann hinzugefügt: «Das sind alles Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind». Ihre vom Zeitgeist geprägte Liebesgeschichte erzählt davon in langen, klug konstruierten Sätzen voller verblüffender Dialoge zwischen den Protagonisten. Trotz lästiger Längen ist Toxibaby mit seiner satirisch deutlich übertriebenen Erzählweise amüsant zu lesen, klug und bitterböse gleichermaßen, – eine vor allem aber nachdenklich machende Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Herz in der Faust

Menschenverachtung versus Menschlichkeit

Der neue Roman «Herz in der Faust» des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon ist in seinem Heimatland schnell zum Bestseller avanciert, es ist sein bis dato zehnter Roman. Auch als Journalist erfolgreich tätig, ist er zuletzt vor allem als Redakteur der Zeitung «Le Canard enchaîné», der bedeutendsten satirischen Wochenzeitung in Frankreich, bekannt geworden. Mit authentischem Hintergrund erzählt er hier die Geschichte eines Jungen, der als 13Jähriger in eine so genannte «Korrektionsanstalt» kommt, wo die jugendlichen Insassen derart brutal behandelt werden, dass ihre Wut darüber in pure Gewalt mündet. «Unsere Wut war überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül», heißt es im Roman. Wie schon der Buchtitel es ausdrückt, wurde ihr menschliches Herz nicht nur symbolisch durch die kämpferische Faust ersetzt.

Der von seinen Eltern verstoßene Jules war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde, eher Mitläufer als Täter, in das blasphemisch frech als «Korrektionsanstalt» bezeichnete Straflager für Jugendliche auf der Zitadelle der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer eingewiesen. Als Ich-Erzähler berichtet Jules, der von allen nur «Kröte» genannt wird, von der brutalen Gewalt, die dort allgegenwärtig ist. Sie wird von heimtückischen Aufsehern und Kapos ausgeübt, die sadistisch die jugendlichen Insassen misshandeln und oft völlig grundlos sogar krankenhausreif schlagen, ohne deshalb je zu Rechenschaft gezogen zu werden. Auch die dort tätige und mit all den mutwillig zugefügten Verletzungen der Jungens voll beschäftigte Krankenschwester Sophie kann an diesen vom Direktor der Anstalt ausdrücklich gutgeheißenen Strafmaßnahmen nichts ändern, – und der Anstaltsarzt drückt beide Augen zu. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten und werden gegen Entgelt sogar extern, zum Beispiel bei Erntearbeiten, eingesetzt. Alle Ausbruchsversuche sind bisher gescheitert, die Mauern sind hoch, und wer sie dennoch überwindet, der scheitert spätestens am Atlantik, denn die Insel zu verlassen ist völlig unmöglich. Gleichwohl, die verzweifelten jungen Inhaftierten versuchen es immer wieder!

So auch im August 1934, als nach einer Meuterei 56 Jugendlichen eine Massenflucht gelingt, unter ihnen auch der inzwischen zwanzigjährige Jules. An der Jagd auf die Häftlinge beteiligen sich auch viele Bewohner der Insel, immerhin ist ein Kopfgeld von zwanzig Franc auf sie ausgesetzt. Nach und nach werden alle gefasst, nur Jules nicht. Er kann sich schwimmend mit letzter Kraft auf ein ankerndes Fischerboot retten, wird dort aber frühmorgens von dessen Kapitän aufgestöbert, der zum Fang auslaufen will. Nach kurzem Kampf überwältigt der überraschte Käpt’n den Ausreißer, bietet ihm aber auch an, als Decksjunge mit zum Sardinenfang hinauszufahren. Den später eintreffenden vier Crewmitgliedern erklärt er, Jules wäre sein Neffe, der für den erkrankten Decksjungen einspringe. Diese nicht ganz ungefährliche Fluchthilfe des Käpt’n hat Jules dem Umstand zu verdanken, dass der Sardinen-Fischer zutiefst verärgert ist über die politischen Zustände im Lande. Er nimmt Jules auch mit nach Hause, wo der davon überrascht wird, dass Sophie, die Krankenschwester aus der Anstalt, die Frau des Käpt’n ist. Das Paar will dem jungen Mann eine Lebens-Perspektive geben, sie nehmen ihn auf wie Ersatzeltern und bringen ihn in einem nicht benutzten Zimmer ihres Hauses unter, das einst das Kinderzimmer ihres mit fünf Jahren verstorbenen Sohnes war.

Der nüchtern und sachlich ohne jedes Pathos, aber stets wütend und anklagend erzählte Roman bleibt mit seiner turbulenten Fluchtgeschichte bis zum Ende spannend, ab dem Ausbruch insbesondere natürlich durch die latent lauernde Gefahr einer Enttarnung des Protagonisten. Im Original trägt dieser Roman den Titel «L´Enragé«, was «Der Wütende» bedeutet und darauf hindeutet, das Jules wirklich nicht nur Opfer ist. Den auf Böses gefassten Leser erwartet eine hoch emotionale Lektüre, die um das Gegensatzpaar Menschenverachtung und Menschlichkeit kreist und im Epilog mit einem durchaus passenden Paukenschlag überraschend stimmig endet!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Absturz

Psychologische Nabelschau

Auch der neueste Roman «Der Absturz» des französischen Schriftstellers Eddy Bellegueule, der schon als Kind wegen seiner Homophobie häufig diskriminiert wurde und deshalb unter  dem Namen Édouard Louis schreibt, beschäftigte sich wieder mit emotionalen Verwerfungen innerhalb seiner in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Nach einem Band über seinen Vater und zwei weiteren über die Mutter wendet er sich nun auch noch seinem älteren Bruder zu. Wegen dieser speziellen Thematik und seiner rigiden Gesellschaftskritik gilt der Autor in den Feuilletons als einer der frühen und prägenden Schriftsteller politisierter, autofiktionaler Herkunfts-Erzählungen. Allerdings hat er erklärt, nie wieder über seine Familie schreiben zu wollen, «Der Absturz» wäre nun der Abschluss seiner literarischen Bearbeitung dieser Thematik.

«Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit, noch Verzweiflung, noch Erleichterung, noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkauf im Supermarkt erzählt». Mit dem verbalen Paukenschlag dieser beiden Sätze beginnt die beklemmende Geschichte einer posthumen Auseinandersetzung mit dem verstorbenen, 38 Jahre alten Halbbruder, den der Ich-Erzähler seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Er war drogensüchtig und ein schwerer Alkoholiker, nach einem Herzstillstand wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Völlig ungerührt fährt Édouard zu ihrer gemeinsamen Mutter, die mit ihm und seiner Schwester über die zu entscheidenden und zu erledigenden bürokratischen Schritte nach einem Todesfall beraten will. Es entbrennt schon bald eine heftige Diskussion, weil die Schwester ganz bestimmte Vorstellungen hat, wo er beerdigt werden soll und welche Feierlichkeiten angemessen wären. Als es dann um die Bezahlung der anfallenden Kosten geht, zu denen die in prekären Verhältnissen lebende Mutter rein gar nichts beitragen kann und die Schwester ebenso, kommt es zum Streit. Denn Édouard ist absolut nicht bereit, dafür zu bezahlen, die Kosten für die gesetzlich vorgeschriebene Beerdigung müsse der Staat tragen. Über den toten Bruder selbst aber verlieren sie alle in diesem Gespräch kein einziges Wort!

Nach und nach erzählt der Autor in Rückblenden, wie der zehn Jahre ältere Bruder schon als Kind auf die schiefe Bahn gelangt ist. Er hat die Schule geschwänzt und später die Ausbildung, wurde gewalttätig und kriminell und blieb immer öfter von zu Hause weg. Erst nur mal eine Nacht, dann mehr, und schließlich kam er irgendwann gar nicht mehr nach Hause. Édouard hingegen konnte den prekären Verhältnissen der Familie und der latenten Gewalt seines Vaters entkommen, ging aufs Gymnasium und hat dann in Paris studiert. Jetzt versucht er im Nachhinein, in Gesprächen mit der Familie und den ehemaligen Freundinnen seines Bruders zu verstehen, wie es überhaupt zu dessen tragischem Absturz kommen konnte.

In diesem zwischen Realität und Fiktion angesiedelten Roman geht es dem Autor um Wahrhaftigkeit. «Wenn ich schreibe, will ich so wahr wie möglich über die Welt schreiben. Ich habe immer den Eindruck, dass die Wirklichkeit selten vorkommt», hat er im Interview erklärt. Herausgekommen ist dabei eine psychologisch breit angelegte, analytische Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte, die gleichzeitig auch eine soziologische Anklageschrift ist, was die Probleme in Familien generell betrifft. Die eigene im Buch lässt er übrigens über seine permanente Nabelschau protestieren, – immerhin so etwas wie Selbstkritik! Die psychologisch bedeutsamste Frage aber, warum es denn so weit kommen musste mit dem ältesten Bruder, und warum ausgerechnet er auf die lieblose Erziehung derart heftig reagiert hat, die bleibt letztendlich leider offen. Allzu vieles wird hier nur vage angedeutet. Stilistisch, dem Thema entsprechend, kühl und emotionslos erzählt, ist dieser von herben Enttäuschungen und vielen Demütigungen erzählende Roman jedenfalls weder eine erfreuliche Lektüre noch eine kontemplativ bereichernde!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Nostromo

Der Mann für die Drecksarbeit

Der politische Roman «Ostromo» des in der heutigen Ukraine geborenen Schriftstellers Józef Teodor Konrad Korzeniowski gehört zu seinen drei wichtigsten Werken. In der Fachwelt zählt der unter dem Namen Joseph Conrad in englischer Sprache publizierende Autor zu den wichtigsten Schriftstellern des 19ten Jahrhunderts. Auch dieser komplexe Roman ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen auf Reisen in ferne Länder während der zu Ende gehenden Kolonialzeit, wobei ihm allerdings auch häufig Rassismus vorgeworfen wurde. Der Buchtitel leitet sich mutmaßlich ab von «nostro uomo», was als Verballhornung des Italienischen «Unser Mann» bedeutet, also ein für die Mächtigen nützlicher und verlässlicher Helfer, der für sie die Drecksarbeit macht. Wie der Autor in seinem Nachwort erklärt, wurde er für den Roman Nostromo durch eine wahre Geschichte inspiriert, bei der ein beherzter Mann während revolutionärer Wirren bei der Schiffsentladung einen ganzen Leichter voll Silber gestohlen hat – und nie erwischt wurde!

Schauplatz der Handlung ist die fiktive südamerikanische Provinz Costaguana, die zerrissen ist von ständigen politischen Umstürzen. In dieser nicht zu regierenden Bananen-Republik kämpfen verschiedene Cliquen der Reichen um die Macht, unterstützt zum Teil vom Ausland her, insbesondere von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Italien. Es herrscht ein rigides System von Unterdrückung in einer Vier-Klassen-Gesellschaft, wo die jeweils niedere Klasse gnadenlos ausbeutet wird. So verlangt denn auch die Provinz Sulaco für eine nahe am Meer gelegene Silbermine weiterhin ein einst vereinbartes jährliches Nutzungsentgelt, obwohl sie inzwischen längst eingestürzt und aufgegeben ist. Als der hilflose Eigentümer Gould vor lauter Gram stirbt, nimmt sich sein Sohn, der in England Bergbau studiert hat, beherzt der Sache an. Er findet einen potenten Investor, mit dessen Hilfe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Nach der für Joseph Conrad typischen Erkenntnis, dass die Gier nach Macht und Geld die Kraft hat, alles zu zerstören, muss allerdings auch diese Geschichte letztendlich scheitern.

Zentrale Figur in diesem ausufernden Epos ist der titelgebende Nostromo, als Exil-Italiener und ehemaliger Seemann ein Mann aus dem Volke, der in Sulaco gestrandet war. Er wurde als Adoptivsohn von einer Familie aufgenommen und arbeitet nun als Vorarbeiter der Schauerleute am Hafen, man nennt ihn dort ehrfurchtsvoll «Capataz de Cargadores». Als furchtloser Gewaltmensch wird er von allen geachtet, er ist ein Mann des Volkes, der Autor bezeichnet ihn sogar ausdrücklich als «Mann von Charakter». Gleichzeitig aber wird dieser gefürchtete Tatmensch von den jeweils Herrschenden als Mann für die Drecksarbeit instrumentalisiert. Sein Chef ist Kapitän Mitchell, der die örtliche Niederlassung einer englischen Schifffahrts-Gesellschaft leitet, die auch den Hafen von Sulaco betreibt. Für seinen Chef ist er «einer jener unbezahlbaren Untergebenen, die zu besitzen ein begründeter Anlass zur Prahlerei ist», – er leiht ihn sogar gern mal an Verbündete aus, für die er dann tätig werden muss. Ein nützlicher Idiot mithin, denn er steht in diesem korrupten politischen System immer auf verlorenem Posten, ohne es zu erkennen.

Stilistisch lebt diese komplexe Geschichte von ihrer alles beherrschenden Bildkraft, der Plot ist da fast schon Nebensache. Der Autor hat sich dazu auch ausdrücklich bekannt, seine Aufgabe sähe er darin, den Leser «sehen» zu lassen, hat er erklärt. Kein Wunder also, dass dieser cineastisch angelegte Roman als Melange aus einer Tragödie mit einem Abenteuerroman sowie gesellschafts-kritischen Elementen auch erfolgreich verfilmt wurde. Raffiniert aufgebaut und wortgewaltig geschrieben ist dieses Buch, das 1904 bei seinem ersten Erscheinen ein Misserfolg war, ein wahrer Genuss für den sprachlich orientierten Leser, an dem übrigens auch die neue Übersetzung ihren nicht zu unterschätzenden Anteil hat.. Eine weitere Stärke dieses zeitlosen Klassikers ist seine psychologisch tiefgründige Figuren-Zeichnung. Angesichts der schieren Textmasse erwartet geduldige Leser immerhin eine wahrhaft zeitlose Lektüre!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Ist es Liebe

Vom Zufall der Geburt

Der zweite Roman der Schriftstellerin und Schauspielerin Valery Tscheplanova weist mit seinem fragenden Titel deutlich auf seine Thematik hin, dem in der Belletristik scheinbar unerschöpflichen Genre der Liebe. Aber welche Facetten kann die in Russland geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Autorin denn diesem ewigen Thema noch abgewinnen? Im Interview hat sie zu ihrem neuen Roman erklärt: «Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen». Gemeint hat sie jene Altlasten, die ja in der Regel spätestens nach drei Monaten Liebestaumel erkennbar würden. «Dieses Mitgebrachte wollte ich porträtieren und sagen: Das ist erstmal kein Hindernis». Stimmt das, fragt man sich!

Anne hat ein Studium als Schauspielerin absolviert und sich am Deutschen Theater in Berlin beworben. Sie liebt ihre Freiheit über alles, was dazu geführt hat, dass sie auch in ihren Beziehungen zu Männern immer ungebunden geblieben ist. Ihrem letzten Lover, als Informatiker ein Nerd durch und durch, hat sie gerade den Laufpass gegeben. Als sie bei einer Fahrt mit der U-Bahn auf einen bunt gekleideten Farbigen aufmerksam wird, der in seiner selbstbewussten Präsenz alle Blicke auf sich zieht, setzt sie sich in seine Nähe. Dann steigt ein Typ mit einer Gitarre zu und beginnt zu spielen, Anne lauscht ihm fasziniert und wirft fünfzig Cent in den herum gereichten Pappbecher. Nachdem sie ausgestiegen ist, ruft ihr jemand nach: «Excuse me, Miss». Der Farbige erklärt ihr auf Englisch, dass ihm gefallen habe, wie sie gerade eben der Musik zugehört hat. Sie kommen ins Gespräch, beim Trennen schreibt er eine Nummer auf seine Hand, sie soll sie fotografieren, wenn sie möchte. Natürlich ruft sie Richard dann auch an, und sie werden sehr schnell ein Paar. Er arbeitet in einer Bäckerei und verwöhnt sie gleich beim ersten Treff mit leckeren Backwaren, sie ziehen dann auch schon bald zusammen. Als Anne bald darauf schwanger wird, entschließt sie sich erst in der Abtreibungs-Klinik, unmittelbar vor dem Eingriff, dass sie das Kind doch lieber austragen will, – Karriere hin oder her!

In Rückblenden wird erzählt, wie Anne als Teenager unter massiven Essstörungen gelitten hat. Zuerst an Bulimie, bei der sie bis auf die Knochen abgemagert ist, dann aber auch an unstillbarer Fresssucht, die sie immer fetter werden lies und immer unattraktiver. Richard erzählt ihr nur sehr ungern aus seinem Leben. Erst nach und nach kann sie ihm entlocken, dass er aus einem riesigen Slumviertel in Nairobi stammt und unter desaströsen familiären Verhältnissen groß geworden ist. Durch einen glücklichen Zufall gelangte er in die italienische Botschaft, wo man ihm bei der illegalen Einreise nach Deutschland geholfen habe. Er lebte nur mit Duldungsstatus in Berlin und rechnete jederzeit mit seiner Abschiebung, ein Trauma, unter dem er sehr gelitten hat, – das nun aber durch seine Vaterschaft beseitigt ist. Mit der Geburt des Kindes ändert sich auch fast alles für Anne, sie allein ist es, die nun das Geld verdient. Richard tut so gut wie nichts mehr, kauft sich teure Klamotten und ist oft tagelang weg, er feiert in Nachtclubs ab und betrügt Anne nach Strich und Faden. Auslöser für seine Hemmungslosigkeit ist seine traumatische Jugend, die er nun geradezu zwanghaft zu kompensieren sucht. Es ist sein «Päckchen», das er als Altlast mit in die Beziehung gebracht hat, was Anne, zum Schrecken aller, letztendlich akzeptiert.

Durchaus bereichernd sind die Passagen des Romans, wo vom Theater erzählt wird, vor allem als Anne die Hauptrolle in «Alice im Wunderland» spielt. Was da aber zum eigentlichen Thema erzählt wird, das hat psychologisch leider wenig Tiefgang. Die beiden Protagonisten bleiben nämlich im Verhältnis zueinander in ihrem schwierigen Alltag stecken, daran ändert auch das Kind nichts. «Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren» redet Annes Schwester ihr ins Gewissen. «Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus». Von wegen «erstmal kein Hindernis», wie die Autorin erklärt hat, eine Katharsis fehlt nämlich in ihrem überkonstruierten Roman vom Zufall der Geburt!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die letzte Patientin

Psychologischer Doppelroman

Mit ihrem aktuellen Roman «Die letzte Patientin» hat Ulrike Edschmid ein Werk vorgelegt, das im Umfeld der 68er-Bewegung angesiedelt ist. Es handelt von zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, und beide Figuren durchleben eine ganz unterschiedliche, komplizierte psychologischen Phase ihres Lebens. Es sind zwei Geschichten, die da erzählt werden, zunächst die einer erlebnishungrigen, unkonventionellen jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die erst nach jahrelangen abenteuerlichen Reisen als Psychotherapeutin sesshaft wird und sich dann gesellschaftlich integriert. Erzählt wird diegetisch von einer nicht in das Geschehen einbezogenen Ich-Erzählerin. Deren spätere Freundin, eben jene namenlose Indentitäts-Sucherin, war 1973 in ihre Frankfurter WG  eingezogen und hat nach ihren wilden Jahren dann spät noch Psychologie studiert. Deren Briefe und Notizen sind es denn auch, nach denen hier posthum erzählt wird. Ab der Mitte des  Romans trifft sie auf eine junge Patientin, die sehr lange sprachlos bleibt und nur «N» genannt wird, «N wie Niemand».

Der autobiografisch inspirierte Roman beginnt mit einer Taxifahrt in Barcelona, wo die im Endstadium krebskranke, dann etwa sechzigjährige Psychotherapeutin in Begleitung ihrer ehemaligen Patientin ins Krankenhaus fährt, aus dem sie nicht mehr zurückkommen wird. In vielen kurzen Rückblenden wird anschließend der Weg jener Sinnsucherin nachgezeichnet, die sich gleich nach dem Studium in einen spanischen Anarchisten verliebt, von dem sie nur den Tarnnamen kennt, von dem sie sich aber schnell wieder trennt. Sie versackt in ihrer zwanzigjährigen, odysseeartigen Tour durch Südamerika, die sie u. a. nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Bolivien und Argentinien führt und in die Betten sehr vieler, unterschiedlichster Männer, wird als Anhalterin auch zweimal vergewaltigt. «Wärme sei das Einzige, was sie von einem Mann wolle«, kann man da lesen. «Jedes Verlassen aber liefere sie aus an das Nichts. Und jedes Mal gehe eine Heimat verloren, die sie nie hatte. Sie zwinge sich, dieses Nichts auszuhalten, es genau zu betrachten, damit es seinen Schrecken verliere. Aber es verliere seinen Schrecken nicht. Es bleibe eine graue, kriechende Einsamkeit, kalt wie die Stube, in der ihr Kinderbett stand, sauber, ordentlich und leer». Alle ihre Beziehungen scheitern, aber das Alleinsein ist auch keine Option für die entwurzelte Frau.

Schließlich studiert sie auch noch Psychologie, eröffnet eine Praxis und erkrankt später an Brustkrebs, was sie als Zeichen deutet. Dann trifft sie auf «N», eine sechzehnjährige, drogenabhängige Patientin, die jahrelang sprachlos bleibt, zu der sie keinen Zugang findet, die aber ihrerseits unbedingt in therapeutischer Behandlung bei ihr bleiben will, so unsinnig das auch erscheint. Als Ausreißerin ähnlich wie ihre Therapeutin, war sie vor zwei Jahren aus ihrem Elternhaus in die Obhut des Sozialamts geflohen, vom Vater schwer traumatisiert und voller innerer Schreckensbildern, wie deren Leiterin erklärt habe. Diese kranke Innenwelt muss Außenstehenden jedenfalls unverständlich bleiben. Für die Therapie gilt es nun, heraus zu finden, durch welches äußere Ereignis dieses schreckliche Trauma bei «N» bewirkt worden sein könnte.

«Die meisten Menschen könnten Schicksalsschläge bewältigen oder verdrängen. Aber bei denen, die dazu nicht in der Lage sind, genüge irgendein Anlass, und ein Geschehnis aus der Vergangenheit breche mit aller Gewalt über sie herein». Ulrike Edschmid versucht in diesem Roman mit psychologischem Sachverstand möglichst präzise das Geheimnis des menschlichen Ichs zu erklären, auch wenn das laut Sigmund Freud von vornherein zum Scheitern verurteil ist. Der kurze Roman ist eine anregende Lektüre, die auf ein leider  etwas kitschiges Ende zuläuft, dabei zuweilen aber auch Zweifel aufwirft, was die Glaubwürdigkeit des Geschehens betrifft. Denn allein sechs Jahre wöchentliche Therapiesitzungen ohne ein Wort der Patientin «N» erscheint denn doch mehr als fragwürdig. Beides trübt das ansonsten positive, bereichernde Leseerlebnis.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Blautöne

Unisono praktiziertes Totschweigen

Der 2022 auf Deutsch erschienene Roman »Blautöne» der dänischen Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann beschäftigt sich mit dem Thema Trauer. Schon der Buchtitel weist versteckt darauf hin, denn der Blues gehört bekanntlich im Jazz zu den eher Traurigkeit ausdrückenden Varianten dieses musikalischen Genres. Im Buch nun geht es um die Frage, wie man medikamentös die Dauer verkürzen und die Intensität von Trauer verringern kann. Anders als bei ihrem erfolgreichen Debütroman «Agathe», der auch in den deutschen Medien durchaus positiv aufgenommen wurde, ist hier aber das beredte Desinteresse der Medien ziemlich rätselhaft. Das gab es hier nämlich noch nie in zwölf Jahren mit über tausend rezensierten Büchern, ist dieser Roman denn wirklich so schlecht, dass man ihn totschweigt?

Mitnichten, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Die psychologische Frage nach unserem seelischen Schmerz wird von Anfang an in einem klug konstruierten Plot auf zwei verschiedenen, aufeinander zulaufenden Zeitebenen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten geschildert. In dem universitären Setting des Romans geht es um ein neues Medikament, das ein dänischer Pharmakonzern über einen Zeitraum von mehr  als zehn Jahren hinweg entwickelt und auch international zur Zulassungsreife gebracht hat. In kurzen Kapiteln mit jeweils einer Zeitangabe als Titel werden nach und nach die verschiedenen Protagonisten eingeführt, beginnend im April 2011 mit «Elisabeth», leitende Forscherin dieses Pharmakonzerns. Ihr kleiner Sohn ist an einer unheilbaren, tückischen Krankheit verstorben, nachdem sie den Ärzten als Mutter zugestimmt hatte, die sinnlos gewordenen, künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Sie versucht sich in ihrer Trauer durch Kickboxen abzulenken und stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Dann tritt unter dem Datum September 2024 «Shadi» auf, eine mit ihrer Masterarbeit über Trauer beschäftigte Psychologie-Studentin. Mit «Thorsten» kommt dann ein Dozent ins Bild, der die mit Trauerforschung beschäftigte Gruppe betreut, zu der schließlich auch «Anna» stößt, die um ihren Vater trauert und zufällig auch über dieses Thema schreiben will. Er kann sie als Betreuer nicht mehr annehmen und schlägt ihr vor, sich mit Shadi zusammen zu tun, um eine umfangreichere Arbeit gemeinsam zu schreiben. Die kurz vor dem Abschluss stehende Studie der Uni Aarhus mit 400 Probanden soll Collacain, dem neuen Medikament, europaweit die für den Pharma-Konzern lukrative Zulassung sichern.

Intensive Trauerstörung wird unter dem Begriff «Prolonged Grief Disorder» seit geraumer Zeit dann als Krankheit anerkannt, wenn sie mit mehr als sechs Monaten zu lange dauert oder sogar überhaupt nicht mehr aufhört. Mit dieser Thematik entwickelt sich der Roman zunehmend zum Pharma-Thriller, denn die positiven Ergebnisse der universitären Forschungs-Gruppe für Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuen Medikaments lassen bei Teamleiter Thorsten Zweifel aufkommen. Ein von seiner Chefin für die Studien eingesetzter Statistik-Experte hat, stellt sich schließlich dann tatsächlich heraus, nachweislich ziemlich trickreich und kaum merkbar Ergebnisse manipuliert. Die Chefin will jedoch so kurz vor Abschluss davon partout nichts wissen und weist Thorsten als notorischen Skeptiker zurück, sie bangt nämlich um die üppigen Spenden des Pharma-Konzerns, vom wissenschaftlichen Skandal ganz zu schweigen!

In einer schnörkellosen Sprache mit stimmigen Dialogen wird in vielen Rückblenden eine gesellschafts-kritische Geschichte erzählt, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sehr lehrreich. Nicht jeder Leser dürfte allerdings die Geduld aufbringen, den vielen psychologischen Gedankengängen zu folgen, um dann die subtilen Erkenntnisse daraus wirklich nachvollziehen zu können. Sämtliche Figuren sind glaubhaft beschrieben, das geschilderte Geschehen ist plausibel und der geschickt angelegte Spannungsbogen hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Kein Grund zu erkennen also für das unisono praktizierte Totschweigen in den großen Medien!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Dr. No

Satirischer Denk-Marathon

Von dem voriges Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, amerikanischen Schriftsteller Persival Everett gibt es inzwischen einige weitere seiner 24 Romane, die auf Deutsch erschienen sind, so auch Dr. No. Es geht um nichts in diesem Roman, und zwar wortwörtlich, gilt doch sein Protagonist und Ich-Erzähler als renommierter Professor für Mathematik an der Brown University als Koryphäe für das «Nichts». Und wie man schon am Titel merkt, handelt es sich dabei um einen Spionage-Thriller, in dem nach bewährter James-Bond-Manier ein Bösewicht im Mittelpunkt steht, hier ein farbiger Milliardär, der es auf einen in Ford Knox aufbewahrten Schuhkarton abgesehen hat, in dem sich «nichts» befindet.

Prof. Ralph Townsend ist als Mathematik-Experte weltweit unter dem Namen Wala Kitu bekannt, wobei Vor- und Nachname jeweils das Gleiche bedeuten: Wala heißt in der philippinischen Sprache Tabalog «nichts», und Kitu in der Bantusprache Suaheli ebenfalls «nichts». Auch der Name seiner Kollegin, der Differenzial-Topologin Prof. Eigen Vector, ist mathematisch konnotiert, und wenn er seinen über alles geliebten, einbeinigen Hund Trigo nennt, weist er damit deutlich auf dessen fehlende drei Beine hin. Mit Trigo trägt er in seinen häufigen Träumen sogar oft hoch wissenschaftliche Dispute aus, sein Hund ist dabei äußerst schlagfertig und bleibt ihm keine Antwort schuldig. Der Plot als solcher mit seiner satirisch deutlich überzogenen Schurken-Thematik erhält erst durch die dauernden mathematischen Exkurse und philosophischen Höhenflüge sein besonderes Flair als typischer Nerd-Roman.

Als Running Gag dabei erweisen sich immer wieder die quasi auf jeder Seite auftauchenden Beteuerungen und Schwärmereien des Protagonisten sein Forschungsgebiet betreffend, welches er selbstbewusst für unangreifbar hält. Ständig tauchen dabei doppeldeutige Wortspiele wie «Ich habe von nichts eine Ahnung» oder «Mich treibt nichts um». Und es gibt auch etliche Witze um das Wort nichts, dessen köstlichster von Gott handelt: «Ein Mathematiker wird gefragt, ob er lieber eine Tasse kalten Kaffee haben oder Gott begegnen möchte. Er sagt, er möchte den kalten Kaffee». Man habe ihm nämlich erklärt, wird hinzugefügt, dass nichts besser sei, als Gott zu begegnen, dass aber kalter Kaffee besser sei als nichts! Als ausgesprochen metafiktionalem Roman wird in «Dr. No» ständig über Logik und Sprache referiert, wobei immer wieder köstliche und auch ziemlich verblüffende Zusammenhänge deutlich werden. Nach eigenem Bekunden leidet der autistische Held des Romans am Asperger-Syndrom, er hat erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühlslage seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und Beziehungen einzugehen, der Mittdreißiger war deshalb auch noch nie mit einer Frau intim.

Gleich zu Beginn engagiert als bondtypischer Bösewichtt der schwarze Milliardär John Sill den berühmten Prof. Wala Kitu – mit drei Millionen Dollar Vorschuss – als Experte für das «Nichts». Er soll helfen, einen Schuhkarton aus Ford Knox zu entwenden, in dem nichts ist, – genau damit aber könne man alles erreichen. Dieses wundersame «Nichts» will der Schurke benutzen, um aus Rache für den Tod seiner Eltern Amerika wieder zu nichts machen, er will quasi die Kraft der Negation einsetzen für seine Abrechnung mit diesem rassistischen Amerika. Das natürlich nicht ernst zu nehmende, turbulente Geschehen in diesem satirischen Roman wird bis zum metaphysischen Ende getragen von den komischen Dialogen, in denen eben «nichts» die Hauptrolle spielt. Allmählich wird durch ständige Wiederholung selbst den Nicht-Nerds unter den Lesern klar, welche Bedeutung nichts wirklich hat. «Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist», – alles klar? Das Spiel dieses popkulturell umtriebigen Autors mit den ständigen sprachlichen Mehrfach-Bedeutungen erweist sich mit der Zeit allerdings als anstrengender Denk-Marathon, der als Lektüre nicht jedermanns Sache sein dürfte! Gleichwohl, unterhaltsam ist das alles aber allemal, – und speziell für die Mathematik-affinen Nerds unter den Lesern kontemplativ bereichernd natürlich auch.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Macht

Dystopischer Öko-Thriller

Mit ihrem Roman «Macht» hat sich Karen Duve ein dystopisches Setting ausgedacht, bei dem ein bösartiger Psychopath seine Frau schon seit mehr als zwei Jahren im Keller seines Hauses eingesperrt hat. Das familiäre Geschehen wird gespiegelt am ökologischen und politischen des Jahres 2031, als streitbare, revolutionäre Feministinnen in einer Kontrollierten Demokratie das passive Wahlrecht auf Kandidaten beschränkt haben, die vorher eine strenge psychologische Prüfung bestanden hatten, mit der ihre Eignung für ein politisches Amt vorbehaltlos bestätigt wurde. Außerdem wurde eine ökologische Politik etabliert, bei der jedem Bürger ein streng reglementiertes, gleich hohes Kohlenstoffdioxid-Konto zur Verfügung steht, mit dem er den CO2-Verbrauch seiner jeweiligen Konsum-Ausgaben ausgleichen muss. Benzin zum Beispiel oder Fleisch kann man somit nur kaufen, wenn man dafür auch genügend CO2-Guthaben zur Verfügung hat, ein dem heutigen Emissionshandel ähnliches Verfahren.

Die von Olav Scholz als Bundeskanzler geleitete, überwiegend aus Frauen bestehende Regierung des Jahres 2031 betreibt eine streng ökologisch ausgerichtete Politik. Die Gegner dieser Politik sprechen von Öko-Faschismus, obwohl durch den Klimawandel bereits so schlimme Schäden entstanden sind, dass beispielsweise Häuser nicht mehr versichert werden können. Eine genmanipulierte Rapssorte hat sich so schnell und hartnäckig ausgebreitet, dass alles damit zuwuchert, eine schlimme Plage, der man nicht mehr Herr werden kann. Durch die Zulassung eines von fast allen Menschen begehrten Verjüngungsmittels sehen Sechzigjährige wie Zwanzigjährige aus, verkürzen durch das damit verbundene, extrem hohe Krebsrisiko ihre Lebens-Erwartung aber je nach Dosierung drastisch bis auf nur noch fünf Jahre. Man unterscheidet fortan zwischen bio-alt und chrono-alt, wobei fast nur die Fundamentalisten der wie Pilze aus dem Boden schießenden, öko-religiösen Sekten in dieser Endzeit-Stimmung auf jedwede medizinische Verjüngung verzichten, – und damit dann sprichwörtlich «alt» aussehen.

In der Nähe von Hamburg lebt in einer kleinen Gemeinde der Ökoaktivist Sebastian Bürger in einem bescheidenen Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Nostalgisch verklärt hat der machohafte Sonderling es im Stil der späten 1960er Jahre komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut, die dafür erforderlichen, originalen Baustoffe und Einrichtungs-Gegenstände wieder aufzutreiben. Seine Ehefrau Christine, Umwelt-Ministerin im Kabinett von Olav Scholz, ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden, ihre beiden Kinder leben seither bei der Oma. Niemand ahnt, dass er seine Frau in einem als Schutzkeller ausgebauten, schalldichten Raum gefangen hält. Er lehnt sich damit gegen den staatstragenden Feminismus auf und gegen die Dominanz seiner promovierten Frau in ihrer Ehe. In seinem Narzissmus genießt er lustvoll ihre Unterwerfung, er kettet sie an  und demütigt sie immer wieder. Als der Wutbürger bei einem Klassentreffen seine heimliche Jugendliebe Elli wieder trifft und sie überraschend schnell zueinander finden, hofft er, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können.

Im Interview hat Karen Duve zu ihrem Roman erklärt, sie wollte eine Geschichte schreiben, die in der näheren Zukunft angesiedelt ist, und dabei den Gedanken aufgreifen, dass früher alles besser gewesen sei. Ferner habe sie die grauenhafte Geschichte des österreichischen Inzest-Täters Josef Fritzl inspiriert. «Macht», der daraus entstandene Roman, fand in den Feuilletons ein überwiegend negatives Echo. Tatsächlich jedoch bietet dieser wegen seiner überraschenden Wendungen bis zuletzt spannende Roman trotz seiner beklemmenden Thematik einen hohen Unterhaltungswert, der nicht zuletzt auch von unterschwelligem Humor lebt. Wahrhaft prophetisch erscheint dabei, dass die Autorin in diesem 2016 erschienenen, gesellschafts-kritischen Werk Olav Scholz zum Bundeskanzler gemacht hat (sic!). Das hätte damals selbst in der SPD niemand für möglich gehalten, und es ist dann ja auch erst sechs Jahre später tatsächlich geschehen, – Chapeau!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Das Ereignis

Autofiktion aus der Knaus-Ogino-Zeit

Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis» auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von 2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt». Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt. Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer «Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie» zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch, aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke» beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, – diese Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen Vergangenheit schreiben solle.

In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam. Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter! Gleiches gilt übrigens auch für den Film.

Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, – moralischen Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin, die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin