Aquarium

Unwiederbringlich

Der in Alaska geborene Schriftsteller David Vann thematisiert auch in seinem zweiten, auf Deutsch erschienenen Roman «Aquarium» wieder gestörte Familienverhältnisse, die er erzählerisch hart, fast brutal zuweilen, aufdeckt und demaskiert, unübersehbar beeinflusst durch eigene Lebenserfahrungen. Wobei er hier, anders als bisher, der Düsternis seiner abgründigen Geschichte durch ein unerwartetes Ende überraschend eine eher versöhnliche Note gibt. Wie stilsicher der amerikanische Autor vorgeblich zu schreiben vermag, ergibt sich aus seinem Statement in der Financial Times vom 22. April 2017, er überarbeite keine Zeile seines Manuskriptes. Man darf als stilistisch orientierter Leser, zu denen ich mich unbedingt auch zähle, also gespannt sein auf das sprachliche Niveau dieses Romans.

Die problematische Familie besteht hier aus einer allein erziehenden Mutter Mitte dreißig mit ihrer zwölfjährigen Tochter Caitlin, deren Lieblingsbeschäftigung schon im Romantitel steckt, sie hat eine Dauerkarte für das Aquarium von Seattle. Dort wartet sie nach der Schule oft stundenlang auf ihre Mutter, die sie abends mit dem Auto abholt. Bei ihrem schlecht bezahlten, harten Job im Hafen aber, – anstrengende Verladearbeiten im Freien zwischen Containern und Kränen -, muss die Mutter häufig länger arbeiten und kommt oft erst spät zum Aquarium. Die beiden leben in prekären Verhältnissen, in einer heruntergekommenen kleinen Wohnung ohne jeden Komfort. Aber sie sind glücklich miteinander, sie lieben sich inniglich. Zu Beginn des Romans taucht ein neuer Lover der Mutter auf, Steve, ein lustiger, Mundharmonika spielender IT-Experte. Im Aquarium lernt das junge Mädchen schließlich einen alten Mann kennen, der ihre Begeisterung für die Fische teilt, stundenlang stehen die Beiden nun jeden Nachmittag dort und beobachten staunend die unglaubliche Vielfalt der Meeresbewohner. Als die Mutter von dieser neuen Freundschaft erfährt, wittert sie einen Kinderschänder in dem alten Mann und schaltet die Polizei ein.

Unglaublich raffiniert rollt David Vann hier ganz allmählich eine abgründige Familiengeschichte vor dem Leser aus, die zwanzig Jahre zurückliegt und deren bisher niemals verarbeitete, fürchterliche Tragik nun umso schlimmer wiegt. Man kann das damals Geschehene nicht rückgängig machen, man kann das Ungeheuerliche auch niemals verzeihen, darin liegt das Beklemmende von Vanns Story, ein unlösbares Dilemma seiner Protagonisten. Das aus der Ich-Perspektive der Zwölfjährigen schonungslos erzählte Ungeheuerliche wird immer wieder durch berührende Szenen der kindlich naiven Begeisterung für das Aquarium aufgebrochen. Dem besonders in der zentralen Schlüsselszene brutal zum Ausbruch kommenden Wutexzess, alles beherrschendes Element dieser spannenden Geschichte, werden damit also sanfte Töne abmildernd gegenüber gestellt.

Sprachlich ist der Roman den verbalen Ausdrucksmitteln seiner kindlichen Ich-Erzählerin angepasst, mit leicht lesbaren, kurzen, einfach strukturierten, gleichwohl metaphernreichen Sätzen. Angenehm gewürzt zudem mit einer kräftigen Prise Ironie, die vor allem in den stimmigen Dialogen zum Ausdruck kommt. Die wenigen Figuren sind glaubwürdig angelegt, es entsteht schnell Empathie zu ihnen. Lobenswert ist auch die scharfe Beobachtungsgabe des Autors, die sich besonders in den Aquarium-Szenen artikuliert. Der durchaus antiken Tragödien gleichende, familiäre Konflikt um Schuld, Vergebung, Wiedergutmachung, um Aufopferung und Liebe wird in diesem Roman bewundernswert locker, fast lässig verbalisiert. In bester amerikanischer Erzähltradition unterhaltend, immer zweckmäßig, geradlinig, ohne Schnörkel, ohne Pathos. Gleichwohl steuert diese Geschichte zielsicher auf eine Katharsis hin, -«Unwiederbringlich» lautet das fontanesche Stichwort -, auf ein kleinbürgerliches Idyll auch noch, womit David Vann denn doch recht konventionell bleibt, ein zeitgenössischer Autor also, der sich nichts traut, kein postmoderner.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Hargard

Symptom der Schwellenzeit

Als jüngstes der fünf Prosawerke des Schweizer Dramatikers und Schriftstellers Lukas Bärfuss erschien 2017 der Roman «Hagard», dessen kryptischer Titel auf die Falknerei verweist und einen schwer abzurichtenden Beizvogel bezeichnet. Erzählt wird die Geschichte eines urplötzlich zum Stalker mutierten Immobilienmaklers, der Zeit und Raum vergessend einer fremden jungen Frau in pflaumenblauen Ballerinas folgt und damit unentrinnbar in eine zunehmend bedrohlicher werdende Spirale des existentiellen Verfalls gerät. Als Szenario des Untergangs ein rätselhaftes Phänomen, dem Bärfuss in wechselnder Konstellation auch in anderen seiner Werke nachspürt.

Dramaturgisch geschickt steigert der Autor die Spannung seines Plots, indem er den zunächst harmlos scheinenden, männlichen Jagdinstinkt seines Helden immer mehr in Richtung eines beängstigenden Verfolgungszwangs fortentwickelt. Im Gedrängel einer Schweizer Großstadt folgt der Endvierziger aus einer erotisch inspirierten Laune heraus besagter junger Frau, nachdem er in einem Café vergeblich auf einen Kunden gewartet hatte. Was als Spiel mit dem Zufall beginnt, bei dem jederzeit ein vorschnelles Ende möglich bleibt, entwickelt sich hier allmählich zu einer Flucht aus dem Terminkalender, zu einer Obsession, in die sich Philip zunehmend rigoroser hineinsteigert. Immer absurder, immer surrealer reihen sich die Stationen dieser Verfolgungsjagd aneinander, gerät der manisch getriebene Held in groteskere Nöte. Er verwahrlost zusehends, irrt als Schwarzfahrer ohne Geld schmutzig und hungrig, zuletzt mit nur noch einem Schuh, seiner namenlosen Lichtgestalt hinterher. Er hat sie nicht angesprochen, und trotz aller Bemühungen hat er bisher noch nicht einmal ihr Gesicht gesehen, immer wieder sieht er sie nur von hinten oder aus weiter Ferne, – eine deutlich allegorische Anspielung.

Diese für den Helden ruinöse Hatz spiegelt in ihrer Sinn- und Ziellosigkeit treffend unsere gesellschaftliche Realität wieder. Dem Zeitkolorit dienend sind beiläufig diverse aktuelle Ereignisse in die Geschichte eingebaut, die Vogelgrippe zum Beispiel oder die Krimkrise. Geradezu leitmotivisch wird häufig auch das ungeklärte Verschwinden der Boeing der Malaysia Airlines am 8. März 2014 im Pazifik erwähnt. Der ebenso spannende wie bedrückende Roman stellt eine scharfsinnige Zivilisationskritik dar, in der aufgezeigt wird, wie durch einen fragwürdigen Impuls ein den gesellschaftlichen Notwendigkeiten perfekt angepasstes Leben unversehens total aus der Bahn geworfen werden kann, womit auf beängstigende Weise auch viele unserer fragwürdigen Gewissheiten zerstört werden. Die anderthalb Tage dauernde Story jedenfalls endet, wie nicht anders zu erwarten nach der erzählerischen Tonlage, tragisch für den Antihelden.

«Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen» lautet der erste Satz des Romans, – so manchem Leser wird es ähnlich ergehen! Verstörend fand ich die wechselnde Erzählhaltung, die leicht durchschaubar mit der scheinbaren Ahnungslosigkeit eines voyeuristischen Autors kokettiert. Einerseits nämlich schwadroniert da ein kulturkritischer Ich-Erzähler mit allerlei fragwürdigen Einlassungen, – recht betroffen scheinend -, über soziale Wirklichkeit, andererseits wird mit kritischer Distanz im Er-Modus von der fixen Idee eines vermeintlich Unbekannten erzählt, von dessen Geschick dann eher satirisch gefärbt berichtet wird. Die Abfolge der geisterbahnartigen Szenen jedenfalls erscheint slapstickartig aneinander gereiht, eine unpassende Leichtfüßigkeit, mit der das durchaus ernste Anliegen des Romans immer wieder störend konterkariert wird. Stilistisch zweifellos auf hohem Niveau, gelingt es Lukas Bärfuss leider nicht, seine literarische Intention halbwegs plausibel mit der Wahrheit in Einklang zu bringen, wenn er über die Brüchigkeit des modernen Lebens schreibt, – Symptom einer typischen Schwellenzeit übrigens, nach Einschätzung des streitbaren Autors.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Wallstein Göttingen

Weit über das Land

Warum nicht?

Auch in dem Roman «Weit über das Land» greift der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erneut seine Thematik des spontanen Ausbruchs aus der Normalität des Alltags auf. Anders aber als in der inflationären Aussteiger-Literatur geht es bei ihm nicht um den Traum von der einsamen Südseeinsel oder der Holzhütte in Alaska, seine Helden entfliehen dem Alltagstrott und dem sozialen Geflecht, in dem sie sich gefangen fühlen. Es geht also nicht um ein Paradies an fernen Horizonten, der Autor widmet sich vielmehr der Frage, ob ein einmal eingeschlagener Lebensweg mit all den gesellschaftlich als erstrebenswert angesehenen Ausformungen letztendlich wirklich das ist, was zählt im Leben, was der menschlichen Existenz einen Sinn zu geben vermag. Ein hochinteressantes Thema also, dem literarisch beizukommen jedoch äußerst schwierig ist.

Nach der Rückkehr von einer Urlaubsreise mit den Kindern, die Koffer sind noch nicht ausgepackt, sitzt Thomas auf der Holzbank vor dem Haus und trinkt mit seiner Frau ein Glas Wein auf den schönen Urlaub. Nachdem Astrid ins Haus gegangen ist, erhebt sich Thomas, läuft durch den Garten, öffnet leise das Tor und spaziert die Straße entlang Richtung Dorfausgang, – und er kommt nicht mehr wieder. Aus wechselnder Perspektive von Thomas oder Astrid erzählt Stamm stimmig und nachvollziehbar von den ersten Stunden, Tagen, schließlich Wochen und Monaten dieses wortlosen Verschwindens. Es gab keinen Streit, man führt ein gutbürgerliches Leben ohne finanzielle Sorgen, die beiden Kinder sind wohlgeraten und absolvieren ihre Schule ohne Probleme. Astrid informiert nach einigen Tagen vergeblichen Wartens die Polizei, und tatsächlich gibt es ein Lebenszeichen von Thomas, er hat Geld abgehoben und mit seiner Bankkarte in einem Sportartikelladen eingekauft. Doch weder Astrid noch der Polizei gelingt es, diese Spur aufzunehmen und Thomas zu finden. Während die Frau sich erstaunlich gut und irgendwie auch recht gelassen in ihr neues Leben fügt, zieht der ehemalige Steuerberater wie ein fahrender Geselle «Weit über das Land», schläft im Wald oder findet Unterschlupf in Heuschobern und Almhütten. Als sein Geld schließlich verbraucht ist, verdingt er sich immer wieder mal für einige Zeit als Gelegenheitsarbeiter. Er bleibt uns, wahrscheinlich aber auch sich selbst, in seinen Motiven bis zum Schluss ein Rätsel, das zu klären der Autor nicht bereit ist, – oder vielleicht auch gar nicht imstande ist. «Das kann doch alles nicht wahr sein» ist immer wieder Astrids einziger Gedanke.

In lakonisch kurzen Sätzen ohne Ironie erzählt Stamm seine völlig unromantische Geschichte eines rigorosen Selbstfindungstrips. Wobei er das Innenleben seiner beiden Protagonisten, die hier so abrupt und endgültig auseinander gerissen werden, psychologisch feinfühlig auslotet und dabei ein dichtes Netz von Möglichkeiten aufzeigt. Realität und Imagination geraten zunehmend durcheinander, der Leser ist gefordert, sich im Labyrinth der angedeuteten Optionen zu bewegen und dabei all seine Intuition kreativ einzusetzen. Wo soll das hinführen, fragt man sich da immer wieder, während man der durchaus stimmigen und anschaulichen Schilderung des zunehmend zeitgerafft erzählten, weiteren Lebensweges der beiden Romanfiguren folgt.

Erschreckende Erkenntnis dieses ungewöhnlichen Ausbruchs aber dürfte dessen Folgenlosigkeit sein, der banale Alltag erweist sich als doppelbödig, die Realitätsebenen verschieben sich zu unplausiblen Traumbildern. Außerdem stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, die Moral als Instanz spielt nämlich bei alledem überhaupt keine Rolle, dementsprechend werden die Charaktere als weitgehend emotionslos beschrieben. Während Thomas von der schieren Freude an die Zukunft beseelt ist, führt Astrid ein Doppelleben als angepasste Witwe und Mutter, während sie innerlich komplizenhaft zu Thomas steht, an dessen Tod sie partout nicht glauben will. Und der Frage nach dem «Warum» steht hier die Frage entgegen: «Warum nicht?»

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Athena

Lug und Trug

Nach der Kopfgeburt des Zeus, nach der Göttin der Kunst also, hat John Banville seinen Roman «Athena» betitelt, dritter Teil der durch ihren Protagonisten lose miteinander verbundenen «Mördertrilogie». Der schon länger als Nobelpreiskandidat gehandelte irische Schriftsteller zeichnet sich insbesondere durch seinen sehr speziellen Schreibstil aus, der metaphernreich und voller philosophischer und mystischer Reflexionen immer wieder alles in Frage stellt, was gerade erzählt wurde. Als postmoderner Autor verwischt bei ihm endgültig der Unterschied zwischen Fiktion und Realität, vermag der Leser partout nicht mehr zu unterscheiden, was denn wahr ist und was unwahr, nichts mehr ist sicher. Er zählt mithin zu den schwierigen, – und zudem ganz unirischen -, Autoren, auf die man sich als geduldiger Leser ernsthaft einlassen muss, «Athena» sei nichts für Analphabeten, hat der begeisterte Marcel Reich-Ranicki süffisant dazu angemerkt.

Ein aus gutem Hause stammender Tunichtgut hat im ersten Band der Trilogie ein Dienstmädchen erschlagen, das ihn beim Diebstahl eines Gemäldes überraschte, und entwickelte sich im zweiten Band, während seiner zwölfjährigen Haft, scheinbar resozialisiert zu einem anerkannten Kunstsachverständigen. Im vorliegenden Band nun, der durchaus selbständig gelesen werden kann, soll er für einen Kunstsammler, – Transvestit und König der Dubliner Unterwelt -, Expertisen für acht gestohlene Gemälde niederländischer Meister zu mythologischen Themen aus Ovids Metamorphosen erstellen. Als Ich-Erzähler, der sich jetzt Morrow nennt, wie wir irgendwann beiläufig erfahren, schreibt er anfangs an seine Geliebte, die ihn verlassen hat, später wechselt zunehmend diese spezielle Erzählperspektive in die dritte Person.

In der leer stehenden alten Villa in Dublin, wo sich die Gemälde befinden, trifft er A., eine rätselhafte, ungehemmte junge Frau, die schon bald seine Geliebte wird und ihn zu exzessiven Liebesspielen verführt. Neben dieser dominanten Liebesthematik wird in einem zweiten, gleichermaßen bedeutenden Handlungsstrang von Tante Corky erzählt, deren Verwandtschaftsgrad ebenso fraglich ist wie ihre gesamte Lebensgeschichte. Morrow holt die greise, kauzige Dame aus dem Alternsheim zu sich nach Hause und betreut sie bis zu ihrem Tod, ein spontaner Akt der Menschlichkeit, den sie ihm völlig unerwartet mit einer hohen Erbschaft vergilt. Liebe und Tod mithin sind hier die beherrschenden Erzählstränge, zu denen sich, personifiziert durch Kommissar Hackett, eine kriminalistische Thematik ebenso gesellt wie die der Malerei, zwischen Kunstdiebstahl, Original und Fälschung.

In Banvilles surrealer Erzählwelt voller Chaos und rätselhafter Unbestimmtheit verwischen die Grenzen zwischen Liebe und Verrat, zwischen Lust und Ekel. Es herrscht darin eine beunruhigend morbide Dekadenz, die er mitunter durchaus ironisch in ausufernden Erzählbögen vor seinen Lesern ausbreitet, damit subversiv unentwegt Zweifel säend am bereits Erzählten. Dabei steht der freie Wille zurück vor dem unentrinnbaren Schicksal, nichts scheint determiniert, alles bleibt vage. Die wirren Obsessionen des Ich-Erzählers, von dessen Person der Leser letztendlich wenig erfährt, folgen unentwegt den Spuren antiker Mythen. All das ist in einer klaren, metaphern- und anspielungsreichen Sprache geschrieben, äußerst detailverliebt, in den Schilderungen der Figuren ebenso wie in denen der Orte, wobei die Geschichte auffallend wenig Dialoge enthält. Fast alles in dieser Erzählung ist ebenso eine Kopfgeburt wie Athena (oder A.?) selbst, es artikuliert sich recht pathetisch als nicht abreißender, oft ziemlich wirrer Gedankenfluss des sinnierenden Ich-Erzählers. Ein typischer Versager übrigens, von dessen Tätigkeit als Gutachter man (leider) gar nichts erfährt, immerhin aber werden den sieben Kapiteln des Romans jeweils kenntnisreiche Beschreibungen der gefälschten Bilder vorangestellt, – allesamt vermutlich ebenfalls Zitate, also auch Lug und Trug.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Speicher 13

Trau, schau, wem?

Der Klappentext von Jon McGregors Roman «Speicher 13» lockt den Leser in ein narratives Labyrinth, aus dem es lange keinen Ausweg zu geben scheint, in dem man sich anfangs fühlt wie «im falschen Kino». Unwillkürlich denkt man dabei «Trau, schau, wem?», denn den üblichen genretypischen Signalen zum Trotz ist dieses neue Buch des britischen Autors eben kein Krimi, sondern ein veritabler Gesellschaftsroman, der den sozialen Mikrokosmos einer kleinen, ländlich geprägten Gemeinde zum Gegenstand hat. Der in Deutschland bisher weitgehend unbekannte, kreative Schriftsteller benutzt dafür eine ausgeklügelte Erzähltechnik, die ganz ohne bedeutungsschwere Symbole und gängige Klischees auskommt und so gekonnt Atmosphäre erzeugt, dass man sich erstaunlicherweise bald schon als Mitbewohner des namenlosen englischen Dorfes fühlt.

Was vordergründig als Plot dient, ist schnell erzählt. Ein dreizehnjähriges Mädchen wird während des Urlaubs nach einer Wanderung mit ihren Eltern als vermisst gemeldet. Sie bleibt trotz intensiver Suche unauffindbar, und es kursieren bald allerlei Gerüchte unter den Dorfbewohnern. Fast schon sadistisch den Krimifans gegenüber streut der auktoriale Erzähler immer wieder mal einige knappe Sätze über die Suche nach der Vermissten mit ein in seine Geschichte, die aus dem Leben der Dorfbewohner berichtet. Denn genau das, nicht die Tragödie selbst, ist sein eigentliches Thema, der Alltag einfacher Menschen also im Ablauf der immer größer werdenden zeitlichen Distanz von dem albtraumhaften Ereignis.

Den dreizehn Kapiteln des Romans entsprechen dreizehn Jahre Erzählzeit. Gleich im ersten Kapitel findet sich schon der Satz «Um Mitternacht wurde das Neue Jahr in der Stadt hinter den Bergen mit einem Feuerwerk begrüßt», der dann jeweils variiert auch in sämtlichen folgenden Kapiteln als erster Satz fungiert, und zyklisch wiederholt sich hier auch vieles andere, Jahr um Jahr. Bevölkert wird diese Erzählung von mehreren dutzend Figuren, die wie beiläufig in den Erzählfluss eingeführt werden und vom Leser erst nach und nach, mit den sich allmählich ansammelnden Details zur Person, stimmig in das soziale Geflecht eingeordnet werden können. Ein Spickzettel ist unabdingbar, will man den Durchblick behalten über die verschachtelten Beziehungen der vielen Figuren. Wobei anzumerken ist, dass dieses üppige Figurenensemble keine signifikanten Unterschiede Einzelner in der Bedeutung für das Erzählte aufweist, es gibt nur dutzende Nebenfiguren, – oder Hauptfiguren, ganz nach Gusto! Das Kollektiv als solches also steht im Fokus des Autors, und es wird kein Aspekt des Lebens ausgespart dabei. Alle Generationen sind vertreten, Geburt, Liebe, Alter, Krankheit, Tod sind die ständigen Begleiter. Breiten Raum nimmt die Natur ein, immer wiederkehrend wird von Flora und Fauna berichtet, letztere wird von Füchsen, Dachsen, Rehen, Bussarden, Reihern und anderem Getier bevölkert. Ergänzt durch die allgegenwärtigen Schafe natürlich, man lebt von Schafzucht in diesem mittelenglischen Landstrich. Manche Details, manche Bräuche des dörflichen Lebens sind schwer zu verstehen ohne vertiefte regionale Kenntnisse.

Diese Chronik von der Monotonie des heutigen Dorflebens jenseits der ländlichen Idylle wird in einem auffallend distanzierten Ton erzählt. In strenger Form zudem, geradezu simpel im Satzbau, damit dem Leben ähnelnd, über das da mit zumeist kurzen Hauptsätzen trocken und wortkarg berichtet wird. Typische Merkmale dieser sehr zurückgenommenen Erzählweise sind darüber hinaus die ständigen, teilweise wörtlichen Wiederholungen von bereits Erzähltem, außerdem die schnellen erzählerischen Wechsel, die im gleichen Absatz oft mehrere Szenen ohne jedweden Kontext abrupt aneinanderreihen. Er wolle zeigen, hat der Autor erklärt, «wie sich Menschen ändern». Dafür aber sind äußerst aufmerksame Leser erforderlich, die sich von der sprachlichen Monotonie und den vielen bloßen Andeutungen McGregors nicht entmutigen lassen.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Liebeskind

Prawda

The fear starts here

Was der Buchtitel «Prawda» verheißt, «Wahrheit» nämlich, das findet sich in den eigenwilligen Romanen der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe eher selten, ihr literarisches Markenzeichen ist vielmehr ihre mit Komik angereicherte, überbordende Phantasie, – «Eine amerikanische Reise» ist also alles andere als ein touristischer Bericht. Auf den Spuren zweier russischer Schriftsteller, Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, folgt Hoppe achtzig Jahre später deren von der Zeitung «Prawda» initiierten Reise durch die USA. Die beiden waren damals als Autorenduo mit ihren satirischen Romanen überaus populär, und nach ihrer viermonatigen Amerikatour verfassten sie das amüsante Buch «Einstöckiges Amerika» sowie einen Fotoband. Ihnen zu Ehren wurde 1982 ein neu entdeckter Kleinplanet «3668IlfPetrow» benannt.

«Red Ruby» tauft die reiselustige Felicitas Hoppe im September 2015 den rubinroten Ford Explorer (nomen est omen), mit dem sie in weniger als sechzig Tagen die USA durchqueren will, den beiden Russen folgend, etwa zehntausend Meilen liegen vor ihr. Mit an Bord sind drei in einem skurrilen Auswahlverfahren selektierte Reisegefährten, deren Schrulligkeit allein dem Roman schon eine amüsante Färbung gibt. Da ist zunächst mal Foma, der einzige Mann der Gruppe, ein Landschaftsgärtner mit russischen Wurzeln «auf der Suche nach dem größten Kaktus der Welt». Er wechselt sich mit MsAnnAdams am Steuer ab, einer sich geradezu zwanghaft an ihre Handtasche klammernden und den «Distanzplan» in Händen haltenden Kettenraucherin aus Wien, die mit wahrhaft enzyklopädischem Wissen gesegnet ist. Jerry Miller aus Halle schließlich arbeitet an einem fotografischen Projekt mit dem beziehungsreichen Arbeitstitel «Bräute am Wegrand». Die zwar nicht führerscheinlose, aber fahrunwillige Autorin, die sich «Frau Eckermann» nennt, sitzt hinter dem Fahrer auf der Rückbank des geräumigen SUVs, in ihrem «Torcqueville-Erker», und zitiert immer wieder mal den französischen Historiker Alexis de Torcqueville, dessen berühmtes Hauptwerk «De la démocratie en Amérique» sich ebenfalls auf eine Amerikareise gründet.

Zu den Sehenswürdigkeiten, die das muntere Quartett ansteuert, gehören unter anderen die Niagarafälle, die Werkstatt von Thomas Edison, die Ford-Werke in Detroit, ein elektrischer Stuhl, der Zaun von Tom Sawyer, das kuriose Museum für den Wirbelsturm Katrina, zwischendurch hält Hoppe Vorträge bei «Radio Goethe». Sie besucht auch Frankensteins Haus, über dessen Eingang es aus dem Maul einer schaurigen Maske tönt: «The fear starts here», – ein Slogan, der sich noch öfter findet im Roman. Unfreiwillig verbringt die Ich-Erzählerin eine Nacht in einem Bergwerksstollen, trifft den Maler Brueghel den Allerjüngsten, den «Pharao» Barak Obama im Weißen Haus, schließlich die Regie-Legende Quentin Tarantino. «Schriftsteller halten sich niemals an Fakten», heißt es beziehungsreich im Roman, und so ist denn diese mit Skurrilem üppig angereicherte Reise in jeder Hinsicht weit eher ein Ausflug in poetische Sphären denn ein faktenbasierter Bericht.

Diese hoppesche Sicht der Dinge, ausschließlich literarisch bestimmt also, ist eine Art Gegenwelt zur schnöden, so gar nicht froh machenden Realität, ihre poetisch gefärbte Perspektive ist nur von eigenen Phantasien befeuert und artikuliert sich in einer kreativen, mit Sinnsprüchen, Neologismen und Zitaten durchsetzten Sprache. «Notieren Sie das bitte, Gentlemen!» fordert Hoppe schnippisch immer wieder ihre Leser auf. Erfreulich ist auch die komödiantische Intertextualität des Romans, deren amüsanteste für mich das immer wieder neu abgewandelte Zitat des berühmten ersten Satzes aus Tolstois «Anna Karenina» ist. Nicht alle Besonderheiten ihres spezifischen Schreibstils aber haben mich überzeugt, ihr «wirklich (tatsächlich)» beispielsweise hat mich sogar ziemlich genervt, manchen Leser dürfte zudem auch der furiose Wirbel mit wilden Phantasmagorien und Assoziationen schwindelig machen. The fear starts here?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Ragtime

Und das war gut so

Hoch geehrt, mit Preisen überhäuft geradezu, gehört Edgar Lawrence Doctorow zu den Maßstab setzenden Autoren Amerikas, ihm gelang 1975 der Durchbruch mit «Ragtime», dem besten seiner zwölf Romane, der Charly Chaplin zum Weinen brachte und vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama als sein Lieblingsbuch genannt wurde. Doctorow wurde von seinen Eltern dezidiert nach einem anderen literarischen Giganten benannt, Edgar Allen Poe nämlich, – nomen est omen! Zu seinen deutschen Fans zählt insbesondere Daniel Kehlmann, – auch kein literarisches Leichtgewicht übrigens -, der E. L. Doctorow in einem FAZ-Artikel so überschwänglich gelobt hatte, dass ich mich, neugierig geworden, spontan an die Lektüre von «Ragtime» machte. Und das war gut so!

Den Gattungsbegriff «Historischer Roman» hat der Autor abgelehnt für sein Buch, gleichwohl ist es mit seinen vielen realen Figuren eine ebenso informative wie amüsante Zeitreise durch das Amerika der Epoche zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg. Zu den prominenten Protagonisten zählen der Autopionier Henry Ford und der Banker J. P. Morgan ebenso wie die Anarchistin Emma Goldman und der Entfesselungskünstler Harry Houdini, aber auch der Polarforscher Robert Edwin Peary und der Pionier der Psychoanalyse Siegmund Freud. Ein nicht in die Handlung einbezogener, namenloser Ich-Erzähler berichtet in der Rahmenhandlung vom stereotypen Leben seiner Familie in der Kleinstadt New Rochelle unweit von New York, sein Vater ist Fabrikant von Fahnen und Feuerwerkskörpern. Held des Romans ist ein farbiger Jazzpianist, den der Autor, – offensichtlich nach erfolgter Kleist-Lektüre -, Coalhouse Walker jr. nennt, ein amerikanischer Michael Kohlhaas. Dessen Furor wird ausgelöst durch eine demütigende Begegnung mit einem rassistischen weißen Pöbel, den Männern der Feuerwehr, die seinen funkelnagelneuen Ford Model T in purer Bosheit übel zurichten. Und auch hier findet der gnadenlos Gedemütigte, wie sein deutsches Vorbild, keine Unterstützung, wird sein Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Bestrafung der Täter und Wiedergutmachung des Schadens, höhnisch abgewiesen. «Ein Mann sieht rot» lautet der Titel eines Spielfilms mit ähnlicher Thematik, und auch Coalhouse rächt sich auf unglaublich raffinierte und ebenso fürchterliche Weise.

Die leider heute noch bestehende Rassenproblematik und die skandalösen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», – welche ja auch im Negativen unbegrenzt sind -, stehen thematisch im Mittelpunkt des Romans. Sprachlich dem Titel folgend wird die Geschichte in einfachen Sätzen rhythmisch vorangetrieben, den Synkopen eines Scott Joplin vergleichbar, stakkatoartig eng aufeinander folgend. Die Charaktere sind stimmig beschrieben, sie stehen plastisch vor dem Auge des Lesers in parallelen Erzählsträngen, die klug ineinander verwoben den Plot voranbringen, wobei sich die Spannung, dramaturgisch geradezu mustergültig, ständig steigert bis hin zum letzten Kapitel. Dem bis dorthin geradezu zwingend vorgezeichneten und Amerika-typischen Showdown folgt ein kurzer, versöhnlicher Ausblick auf das weitere Schicksal der Figuren.

Die raffinierte Verknüpfung von historischen Fakten, die als Versatzstücke in den Roman eingebaut sind, mit den fiktionalen Erzählmotiven des Romans ist wahrhaft meisterlich, die deutlich durchscheinende Ironie gibt häufig Anlass zum Schmunzeln. Mit seiner in Episoden erzählte Geschichte ist der Roman eine kluge Abrechnung mit dem «American Dream», jenem laut Sigmund Freud «gigantischen Irrtum», dem die vielen Figuren gleichwohl unbeirrt nachjagen. Dieses breit angelegte Panorama mit New York als zentraler Bühne ist nicht nur beste Unterhaltung, ein Stimmungsbild dieser Epoche, es bietet auch einiges Wissenswerte. «Das Leben eines Schriftstellers ist so riskant, dass alles, was er tut, schlecht für ihn ist», soll Doctorow gesagt haben. Wie auch immer, «Ragtime» zu schreiben war jedenfalls gut für den Leser.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Nur ein Spielmann

Ein verkannter Poet

Wer Andersen sagt, meint Märchen, – und versäumt durch diese ebenso weit verbreitete wie voreilige literarische Zuordnung womöglich, auch den Romancier Hans Christian Andersen kennen zu lernen. Der dritte seiner insgesamt sechs Romane, 1837 erschienen, brachte ihm vor allem in Deutschland literarisch den Durchbruch, «Nur ein Spielmann» wurde ein Riesenerfolg. Es waren seine Romane, die den Dänen in Europa und im englischsprachigen Raum überhaupt erst bekannt machten, nicht seine 156 Märchen. Erfreut berichtet er 1852 in einer Tagebuchnotiz von einer Begegnung mit Amerikanern, die ihm erzählt hätten, «dass ich so weit verbreitet in Amerika gelesen werde, dass alle meine Romane an den Bahnhöfen verkauft werden». Vermutlich verdankt Andersen diese Popularität dem damals neuartigen Typus des Gegenwartsromans, der den ausländischen Lesern einen Einblick in das Alltagsleben eines fremden Landes ermöglichte, das zu jenen Zeiten die meisten niemals selbst würden bereisen können. Der Roman hat in seiner Modernität, in seiner Abkehr von der bis dahin üblichen, retrospektiv erzählten, biedermeierlicher Romantik, einen berühmten Landsmann auf den Plan gerufen, den Philosophen Søren Kierkegaard, der dem Werk einen wütenden, achtzigseitigen Verriss hat angedeihen lassen. Aber das war vor 180 Jahren!

Wir haben es mit einem melancholischen Entwicklungsroman zu tun, dessen beide Protagonisten ganz unterschiedliche Schicksale haben. Mit biografischen Bezügen zur eigenen Vita erzählt Andersen von Christian (sic!), dem Sohn eines armen Schneiders, der davon träumt, mal Musiker zu werden. Im herrschaftlichen Nachbarhaus wohnt ein reicher Jude, der seine Enkelin Naomi bei sich aufzieht. Der schüchterne Christian verliebt sich heftig in das schöne Mädchen. Auf dem Dach ihres Hauses nistet ein Storchenpärchen, und als das Haus eines Tages bis auf die Grundmauern abbrennt und auch die Störchin hoch oben im Nest verbrennt, weil sie ihre Jungen nicht verlässt, wird nur Naomi gerettet, – der Schneider nimmt die Waise vorerst bei sich auf. Leitmotivisch begegnet uns der Storch bis zum Ende immer wieder mal in dieser Geschichte, und zwar als Symbol für Reisen, für die Sehnsucht nach fernen Ländern, aber auch für Treue. Aus Christian und Naomi jedoch wird nie ein Paar, zu verschieden sind ihre äußeren Prägungen. Da ist die bittere Armut, in der Christian aufwächst und aus der er sich als mäßig begabter Geiger letztendlich nicht befreien kann. Auch zum Seemann taugt er nicht, wie er schnell erkennen muss, ihm fehlt ganz einfach der Mut zur kühnen Tat. Naomi hingegen, der das behütete Leben in Wohlstand zu langweilig wird, brennt mit einem Kunstreiter vom Zirkus durch und reist durch halb Europa, trennt sich schließlich aber von ihm. Der reiseerprobte Autor baut neben Kopenhagen auch die Metropolen Wien und Paris – kontrapunktisch zum einfachen Landleben – als Handlungsorte mit ein in seinen elegischen Roman. Weniger spektakulär und komfortabel hingegen ist Christians Weg, er schlägt sich recht und schlecht durchs Leben und ist am Ende des Romans «nur ein Spielmann».

Andersen erzählt seine berührende Geschichte mit ihrer Vielfalt an Motiven in einer betulichen Sprache und mit reichlich zeitbedingtem Pathos, durch die Neuübersetzung von 2005 ist sie aber flüssig lesbar. Immer wieder sind darin ziemlich naive religiöse Bezüge und nicht immer überzeugende, philosophische Reflexionen eingewoben, es finden sich aber auch wunderbar plastische Natur- und Landschaftsbeschreibungen, seine Figuren sind zudem sehr lebensecht beschrieben. Der linear und erfreulich stringent erzählte Plot lässt keine Langeweile aufkommen, die große Stärke jedoch ist das uns Heutigen zumeist unbekannte Lokal- und Zeitkolorit dieses Romans. Als hilfreich erweisen sich die fast zweihundert vom Autor selbst eingefügten Fußnoten und ein äußerst informatives Nachwort mit nützlichen Infos zu diesem sozialkritischen Roman und seinem als Romancier völlig verkannten Autor.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Hain

Codierte Verlusterfahrung

Das Genre «Nature Writing» möchte Esther Kinsky nicht gelten lassen für ihr als «Geländeroman» apostrophiertes neues Prosawerk «Hain», das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 prämiert wurde. Denn obwohl Landschaft und Natur darin einen breiten Raum einnehmen, dienen sie ihr vornehmlich als meditativer Hintergrund für einen Prozess der Trauerbewältigung, in dem die Möglichkeiten hinreichender verbaler Verarbeitung von individuellen Wahrnehmungen und Erinnerungen für sie das eigentliche Thema bilden. Handlung, ein irgendwo hinführender Plot gar, sind so gut wie nicht vorhanden bei dieser in sich gekehrten Prosa, die von ihrer schieren Beschreibungskunst lebt wie kaum ein anderer Roman, den ich je gelesen habe.

«In Olevano Romano lebte ich auf einige Zeit in einem Haus auf einer Anhöhe», beginnt eine namenlose Ich-Erzählerin, die um ihren Lebenspartner trauert, ihre dreiteilige Erzählung, «zwei Monate und ein Tag nach M.s Beerdigung». Der Roman ist in 59 kurze Kapitel mit jeweils aus nur einem Wort bestehenden, wunderbar deskriptiven Titeln unterteilt. Eine mosaikartige Erzählung mithin, die sich jedoch hier nicht zu einem Ganzen fügt, vielmehr schlaglichtartig nur die Sinneseindrücke einer melancholischen Hinterbliebenen aneinanderreiht. Und es sind Reisen nach einem Italien, das nicht als Sehnsuchtsland dargestellt ist, ganz im Gegenteil. Wobei dann auch noch die Jahreszeiten so unspektakulär wie möglich gewählt sind, es ist frostig, neblig, stürmisch, regnerisch, verschneit, alles andere als das Wetterklischee von Bella Italia also. Im zweiten Teil wird als zeitlicher Einschub von Erinnerungen an die Kindheit erzählt, hauptsächlich an Italienreisen in den siebziger Jahren mit der Familie, wobei der italophile Vater mit seinem sehr speziellen Faible für etruskische Nekropolen dominant im Blickpunkt steht, Mutter und Bruder werden kaum erwähnt. Im dritten Teil «Comacchio» reist die einsame Ich-Erzählerin ins Podelta, und auch dort sind es wieder die Dinge, das Gelände, die weite Lagune, die erzählerisch im Fokus stehen. Die schmuddeligen Ortschaften werden ungeschönt in ihrer wenig einladenden Alltäglichkeit beschrieben, ihre Friedhöfe aber ziehen sie geradezu magisch an.

Alles ist Grau in Grau in diesem statisch wirkenden, farblosen Szenario, in dem Menschen allenfalls als Statisten vorkommen, in dem die Leere scheinbar grenzenlos ist und die eifrig fotografierende Ich-Erzählerin fast unsichtbar bleibt als Person. Das reizarme Milieu steigert ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung ins beinahe Übersinnliche, selbst das kleinste Detail wird hier zum Ereignis, wobei der Erzählrhythmus allein ein wenig Bewegung in diese narrative Ödnis bringt. Über all dem liegt permanent die Trauer, verdüstert der Tod von M. und der des Vaters leitmotivisch das Geschaute, scheinbar Nebensächliche, das da ebenso präzis wie ausufernd beschrieben wird.

Als feinfühlig dargestellte Verlusterfahrung erfordert dieser erzählerisch fast schon asketische Roman einen ebensolchen, mithin geduldigen Leser, der aufnahmefähig ist für die zahlreichen subtilen Verweise und versteckten Symbole, aber auch für eine fein dosierte Intertextualität. Giorgio Bassani und dessen berühmter Roman «Die Gärten der Finzi-Contini» sind da vor allem zu nennen, wobei die Ich-Erzählerin diese Gärten vergeblich sucht im heutigen Ferrara, immerhin aber doch sein Grab findet. Pathetisch zwischen den Lebenden und den Toten schwebend, unentschieden zwischen Gegenwart und Vergangenheit oszillierend, ist Kinskys Hain der Ort, wo die Götter wohnen, von denen einer der übermächtige Vater ist. Vor den von ihm schwärmerisch beschriebenen Mosaiken in Ravenna stehend fühlt sie sich ihm seelisch zutiefst verbunden. Und man ahnt, dass die vordergründig spröde Erzählerin mit ihrer zuweilen fragwürdigen Semantik womöglich in ihrem «Geländeroman» eine Geheimsprache im Sinne Wittgensteins benutzt, für deren Code nicht jeder den passenden Schlüssel findet.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Kurze Interviews mit fiesen Männern

Ironisches Psychogewäsch

Drei Jahre nach dem Opus magnum von David Foster Wallace erschien 1999 eine Sammlung von Geschichten unter dem ebenso deskriptiven wie amüsanten Titel «Kurze Interviews mit fiesen Männern». Der wichtigste und innovativste US-amerikanische Schriftsteller der Postmoderne glänzt hier wieder mit seinem geradezu verwegenen Sprachstil, der in einigen narrativen Aspekten an James Joyce erinnert und wohl auf seine Mutter Sally Foster zurückzuführen ist, deren Sprachbegeisterung ihn, wie er trotz sonstiger Vorbehalte gegen sie einräumte, entscheidend geprägt habe. Es geht im Wesentlichen um abnorme Beziehungen zwischen den Geschlechtern in diesem Band, wobei, wie der Titel schon ahnen lässt, den Männern allein hier die Rolle des Buhmannes zugewiesen ist, ein feministischer Ansatz also.

Geradezu als Lehrstück, als Quintessenz aus den 22 Geschichten, die noch folgen, beginnt das Buch mit «Ein stark verkürzter Abriss des postindustriellen Lebensstils», eine halbe Buchseite nur, in der jemand einen Mann und eine Frau einander vorstellt. Ein kommunikativer Akt mithin, der grandios fehlschlägt, – die Drei verstehen nichts, weil sie unehrlich sind, weil sie sich verstellen. Probleme mit der Verständigung aber durchziehen alle diese Geschichten von der Suche nach Identität. Da ist der 13jährige Junge, der an seinem Geburtstag erstmals auf den Sprungturm im Freibad klettert und nun schlotternd vor Angst nach unten starrt, oder die Ehefrau, die nach dreijähriger Ehe das abgekühlte sexuelle Verlangen mit allerlei Hilfsmitteln aus der Adult-World wieder gehörig aufheizen will. Um Sex geht es in vielen der Geschichten, sei es um machohafte Protzerei, um brutale Vergewaltigung, um ausgeklügelte Methoden der Anmache. Unter den insgesamt vier Geschichten des Buches mit dem Titel «Kurze Interviews mit fiesen Männern» ist am Ende eine, bei der ein junger Mann erzählt, mit welchen Tricks er ein schönes Mädchen auf einem Stadtfest zu einem One-Night-Stand verführt hat. Postkoital berichtet sie ihm dann von dem schlimmen Erlebnis, wie sie mal als Tramperin unbedacht bei einem Mulatten ins Auto gestiegen ist und voller Entsetzen zu spät erkannt hat, dass der Mann offensichtlich ein pathologischer Lustmörder ist. Und wie sie mit purer Willensanstrengung zwar nicht der Lust, aber doch dem Mörder entkommen ist. Ihre «Anekdote», wie er es naiv nennt, beeindruckt den jungen Mann derart, dass er am Schluss aus seiner lieblosen Rolle als Frauen vernaschender Macho herausfindet und glaubt, sie könne ihn retten. «Ich wusste, ich konnte lieben. Ende der Geschichte».

In einem intellektuellen Feuerwerk erzählt Wallace, human und wütend gleichermaßen, von der Reizüberflutung des modernen Menschen, von dem informellen Dauerfeuer, unter dem er steht und bei dem sich Quantität und Qualität diametral gegenüberstehen. Er setzt seinen fulminanten Wortschatz und seine ebenso geschliffene wie komplexe Syntax mit beißender Ironie ein, wobei er auch in dieser Sammlung psychologischer Skizzen wieder die für ihn typischen Fußnoten verwendet, was seine ironische Intention oftmals ins verächtlich Sarkastische verschärft. All die Selbstdarsteller, Neurotiker, Depressiven in diesen Geschichten sind keine sonderlich markanten Figuren, denen man vielleicht sogar Empathie entgegenbringen könnte als Leser. Sie treten vielmehr narrativ deutlich zurück hinter das Geschehen, welches Wallace wie ein brillanter Diagnostiker mit Akribie psychologisch seziert, damit pathologische Marotten entlarvend, wobei er allerdings nicht selten gehörig übertreibt.

Zugegeben, DFW ist nicht leicht zu lesen, ein wenig muss man sich schon anstrengen, will man ihm gedanklich folgen. Gleichzeitig aber bietet die Lektüre beste Unterhaltung, wobei sich unter den oft schreiend komischen Erzählskizzen, unter dem «Psychogewäsch», wie es im Buch selbstironisch heißt, die depressiven Krüppel unserer Konsum- und Mediengesellschaft verbergen, und davon gibt es mehr, als man glaubt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Wie hoch die Wasser steigen

Die Bohrinsel als Metapher

Was literarische Debüts oft so spannend macht ist die Überraschung, die da manchmal auf den Leser wartet, eine neue Stimme, die womöglich auch neue Wege des Erzählens aufzeigt. In ihrem Erstling «Wie hoch die Wasser steigen» überrascht die bisher nur als Lyrikerin bekannt gewordene Anja Kampmann uns tatsächlich mit einer ganz eigenen Form des Prosa-Erzählens. Ihr schon vom Buchcover her an ein Roadmovie erinnernder Roman ist eine moderne Odyssee auf der Suche nach dem eigenen Ich, die sich im letzten Drittel des Buches dann auch real im Auto abspielt, der letzten Zuflucht eines total aus der Welt gefallenen Mannes. Sinnbild dieser Irrfahrt ist die Brieftaube, die hier als klug gewähltes Leitmotiv dient und deren Heimfindevermögen völlig konträr ist zur beklemmenden Unbehaustheit des ziellosen Protagonisten.

Matyás, der beste Freund eines 52jährigen polnischen Arbeiters auf einer Ölplattform vor der marokkanischen Küste, wird bei rauer See eines Nachts vermisst, – über Bord zu gehen aber bedeutet in dieser Situation nichts anderes als der sichere Tod. Ein schlimmer Schock für Waclav Groszak, denn der Ungar war geradezu symbiotisch mit ihm verbunden, vielleicht auch mehr, wie man ihre innigliche Beziehung – zwischen den Zeilen lesend – auch interpretieren könnte. Die Ölmanager schicken Waclaw daraufhin mit dem Hubschrauber aufs Festland zurück, in einen mehrwöchigen Urlaub. Er beginnt von Tanger aus eine Reise, die ihn zuerst nach Ungarn führt, um der Schwester seines toten Freundes dessen Hab und Gut zu überbringen. Im weiteren Verlauf seiner Reise, die in ihrer Planlosigkeit mehr einer Fahrt ins Blaue gleicht, wird ihm zunehmend bewusst, dass er niemals wieder zurückkehren wird auf eine Bohrplattform. Er reist nach Malta, wo er aus steuerlichen Gründen seinen Wohnsitz hat – und eine willige Seemannsbraut obendrein. Schließlich wandert er zu Fuß in die Alpen Norditaliens, wo Alois, der alte Freund des längst verstorbenen Vaters, als Rentner Brieftauben züchtet wie einst im Ruhrgebiet, wo die beiden früher als Kumpels im Bergbau gearbeitet hatten. Alois stellt ihm für die weitere Reise seinen alten Fiat Fiorino Pick-up zur Verfügung und gibt ihm im Transportkäfig Enni mit, seine beste Brieftaube, er soll sie in der alten Heimat auflassen. Aus Bottrop schließlich, wo er die Taube auf dem Gipfel einer Kohlenhalde auflässt, zieht es ihn zu Milena weiter, seiner großen Liebe, die er irgendwann verloren hat bei seinem gut bezahlten, aber einsam machenden, unsteten Bohrinselleben.

Im Epilog schildert die Autorin eine traumartige Szene, in der auch Waclav Flügel zu bekommen scheint und ebenfalls fliegt. Mit «alles war ganz leicht» endet denn auch dieser poetische Roman, dessen Figuren – der Protagonist eingeschlossen – blutleer bleiben, es baut sich jedenfalls keine Empathie auf zu ihnen. Was da auf 350 Seiten ebenso leicht wie wortreich geschildert wird, ist wenig konkret, so ziemlich alles bleibt im Vagen, Nebulösen. Immer wieder werden Szenen aneinander gereiht, die weder irgendwie miteinander verbunden sind noch irgendwo hinführen im Sinne einer stringenten Handlung. Die ausufernden, detailverliebten Schilderungen von Szenen, Orten, Landschaften, Behausungen, Haltepunkten auf dieser irrlichtartigen Reise weisen überdeutlich auf die Lyrikerin hin als Autorin, die sprachverliebt narrativ völlig Belangloses anhäuft in ihrem Prosadebüt.

Schön zu lesen ist dieser visuell kraftvolle Roman, in dem die Bohrinsel als Metapher dient, trotzdem, er wird mit den vielen Bildern, die er erzeugt, auch nie langweilig. Vieles wird in Rückblenden erschlossen, wie im Puzzle entsteht so allmählich das Gesamtbild eines im Hier und Jetzt verlorenen Mannes, der sich als Globalisierungsopfer ohne Zukunft total entwurzelt in die Vergangenheit flüchtet. Das ist durchaus berührend und bedingt wohl auch diese ungewöhnlich distanzierte, emotionslose Erzählweise, die dadurch aber bestens vor peinlichem Kitsch gefeit ist.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Dagny oder Ein Fest der Liebe

Leider nur absurdes Palaver

Ein Roman wie eine Wundertüte ist «Dagny oder Ein Fest der Liebe» des georgischen Schriftstellers Zurab Karumidze, geschrieben in Englisch, also nicht nur für Georgier, «sondern für die gesamte Welt», insbesondere die anglophone, wie er erklärt hat. Titelgebend ist Dagny Juel, norwegische Schriftstellerin, eine Femme fatale des Fin de Siècle, die in den Berliner Bohemekreisen um die Kneipe «Das schwarze Ferkel» verkehrte und Muse war von August Strindberg und dem Expressionisten Edward Munch, dem sie Modell gestanden hat für sein berühmtes Gemälde «Madonna». «Sie war ein Vorwand», hat der Autor im Interview gestanden, «ich bin einfach immer interessiert gewesen an interkulturellen Beziehungen. Daran, kulturelle Grenzen zu überschreiten», das Schicksal von Dagny Juel sei ihm vor zwölf Jahren lediglich Inspirationsquelle gewesen für sein Buch.

Denn seine zentrale Figur, die «nordischen Sphinx», deren reales Vorbild am 4. Juni 1901, drei Tage vor ihrem 34ten Geburtstag, von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen wurde, fungiert im Roman allenfalls als loser Handlungsfaden, an dem entlang sich ein ebenso rätselhaftes wie virtuoses narratives Spiel um Georgiens Mythen rankt. Es ist von historischen Gestalten bevölkert wie auch von diversen märchenhaften Figuren der Volkssage, die der Autor in erzählerischer Allmacht und einer wahrhaft überbordenden Fantasie aufeinander treffen lässt in unzähligen Begegnungen und endlosen Disputen, wobei immer wieder aus dem Norwegischen übersetzte Gedichte der realen Dagny Juel eingestreut sind in den Text. Zu den bekanntesten Figuren im Roman zählt der griechisch-armenische Esoteriker Georges I. Gurdjieff, der Naturphilosoph, Schriftsteller und Repräsentant der georgischen Nationalbewegung Wascha-Pschawela, der naive Maler Niko Pirosmani, ein tibetanischer Schamane, ein Scheinderwisch. Sogar der junge Revolutionär Koba tritt auf, der unter seinem Kampfnamen Stalin später traurige Berühmtheit erlangen sollte. Breiten Raum nimmt auch das georgische Nationalepos mit dem schier unaussprechlichen Namen Wepchisstqaossani ein, «Der Recke im Tigerfell».

Und auch ein außerirdischer Rabe vom Planet Saturn mit Namen Ferdinand hält große Reden: «Ja, Gornachur Harharch IV hat das gemacht, unter Zuhilfenahme seines Linguo-Chronotopos Beschleunigers, um metamusikalische Vibrationen im Geist des Führers der Sieben zu erzeugen; dabei benutzte er deinen schamanischen Kontrapunkt als transformative Substanz und den vegetozoopoetischen Diskurs des Hochländers als Grundmaterial. Ein Effekt, der demjenigen ähnelt, den deine Alchimisten anstrebten, aber nie erreichten. Doch wie ich sagte, handelt es sich hier um Rohaskokin. Um das richtige, das reine zu erhalten, brauchen wir den Code des Vlieses, den Almsnoschinu-Code von El’Azar – Die Auferstehung. Und den werden wir bei der Himmlischen Agape gewinnen, wenn wir das Pantherfell transformieren mittels des voll ausgespielten schamanischen Kontrapunkts der Johannespassion». Alles klar soweit?

Derart irreal zu sein ist das wesentliche Merkmal dieses postmodernen, esoterischen Romans, bei dem viele historische Zitate und häufige intertextuelle Bezüge allenfalls den einschlägig vorinformierten Leser erfreuen dürften, andere aber zu ständigem Recherchieren zwingt. Wenn sie denn nicht einfach über das hinweg lesen wollen, was ihnen «böhmisch» vorkommt – und was zu Teil genau das auch ist. Also oft purer Nonsens, reine Phantasmagorien, der Autor hat in seinem ebenso absurden wie ironischen Spiel den kulturellen Eklektizismus hier wahrlich auf die Spitze getrieben. Seiner Protagonistin allerdings, dieser in manchem durchaus mit Lou Andreas-Salomé vergleichbare Muse, hat Zurab Karumidze hier eine derart unbedeutende Rolle zugewiesen, dass der Romantitel den hoffungsvollen Leser völlig ins Leere führt. Man muss wohl selbst Esoteriker sein, um Gefallen zu finden an dem über weite Strecken absurden Palaver in diesem surrealen Roman.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Weidle Verlag

Reise ans Ende der Nacht

Ordinär originell

Als Enfant terrible der französischen Literatur wurde Louis-Ferdinand Céline mit seinem 1932 erschienenen Skandalwerk «Reise ans Ende der Nacht» schlagartig bekannt, er gilt seither als sprachlicher Neuerer und wird zuweilen sogar als Jahrhundert-Autor auf eine Stufe gestellt mit Proust. Sein nicht weg zu diskutierender Judenhass und die Kollaboration mit den Nazis belasten ihn politisch schwer, ästhetisch aber gilt der revolutionäre Stilist als rehabilitiert, mit erkennbarer Wirkung auf berühmte Schriftstellerkollegen. Der spätere französische Staatspräsident Macron höchstselbst hatte sich vor seiner Wahl in einem Gespräch mit Houellebecq über Céline dahingehend geäußert, von ihm «könne man lernen, die ‹Sorgen des Mannes auf der Straße› ernst zu nehmen». In Frankreich jedem Schulkind bekannt und als nationaler Kultautor hymnisch verehrt, wird der zwiespältige Schriftsteller hierzulande weitaus skeptischer beurteilt, er ist jedenfalls auch literarisch heftig umstritten.

Der mit über 650 Seiten dickleibige Roman ist eine polemische Abrechnung mit den französischen Eliten der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der auf den Börsencrash von 1929 folgenden wirtschaftlichen Depression. Ich-Erzähler dieses Episodenromans mit deutlichen Parallelen zur Vita des Autors ist Bardamu, der als junger Freiwilliger die Schrecken des Weltkriegs erlebt und dem es am Ende der ersten Episode gelingt, dem sinnlosen Abschlachten zu entkommen. In weiteren, verbindungslos und vom Plot her nicht stringent erzählten Episoden erleben wir den misanthropischen Helden auf einer fragwürdigen Mission in Afrika, in den USA anschließend, ein wirtschaftlich verheißungsvoller Fluchtpunkt, ehe er schließlich, desillusioniert zurück in Paris, Medizin studiert und sich als Armenarzt niederlässt. Auch diese Episode endet mit einer Flucht aus den prekären Verhältnissen, in denen er lebt, er findet zuletzt eine Anstellung in einer psychiatrischen Klinik am Stadtrand, wird schließlich deren kommissarischer Leiter. Auf all diesen Stationen seines Lebens taucht immer wieder überraschend sein ebenso skrupelloser wie bösartiger Freund Robinson auf, ein mephistophelischer Begleiter. Garniert, anders kann man es wirklich nicht sagen, werden diese Episoden außerdem jeweils mit Frauengestalten, die fast alle aus dem horizontalen Gewerbe stammen, ehe dann in der letzten Episode eine nymphomane Krankenschwester als Geliebte auftritt.

Literarisch wirkt der inhaltlich konturlose Roman wie eine einzige, hasserfüllte Suada, die Erzählerstimme verdeutlicht von der ersten Seite an, dass hier exemplarisch einer spricht, der «die Schnauze voll hat», der zutiefst frustrierte «kleine Mann» nämlich. Die vom Autor nicht nur in den Dialogen, sondern nahezu durchgängig benutzte Umgangssprache ist geradezu gespickt mit Argot, mit einer unflätigen Pariser Gossensprache, sie ist aber auch mit Hochsprache, sogar mit Wissenschaftssprache durchsetzt. Und die Welt, die Céline da schildert, besteht aus Dreck, Scheiße, Rotz, Eiter, Blut, Schweiß, Pisse, ekligem Ausfluss. Überall herrscht infernalischer Gestank, sind Flöhe, Wanzen, Ratten allgegenwärtig, begegnet man bitterster Armut. Alles ist verseucht, krank, desaströs, kaputt, und die titelgebende «Reise ans Ende der Nacht» führt unmittelbar in den Tod, wohin sonst?

So ist denn auch dieser als avantgardistisch geltende Roman letztendlich nichts anderes als Literatur gewordene, anarchistische Polemik, brutal, animalisch, völlig maßlos, – viel zu weitläufig angelegt zudem, geradezu geschwätzig. Was als Kunst gefeiert wird daran, was als authentisch gepriesen wird, ist tatsächlich nichts anderes als der antibürgerliche Furor eines unbelehrbaren, nihilistischen Hasspredigers, der mit seinem wüsten Rundumschlag radikal die Grenzen des guten Geschmacks negiert, jenseits aller Vernunft. Diese literarische Exkursion dürfte also bestenfalls von Lesern mit einem Faible für abseitig Sprachliches wirklich goutiert werden.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt , Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Justizpalast

Ein weites Feld

Eines muss man Petra Morsbach lassen, in ihren Romanen wagt sie sich mutig an große Fragen unserer Zeit, so auch in ihrem neuen, hoch prämierten Bildungsroman «Justizpalast», dem eine neunjährige Recherchearbeit der Nichtjuristin vorausging. Etwa fünfzig Juristen, unter ihnen dreißig Richter, hätten ihr mit Rat und Tat bei dieser Fleißarbeit auf schwierigem, mitunter auch vermintem Terrain geholfen, ließ sie wissen, jeweils mindesten zwei von ihnen haben Korrektur gelesen. Anders aber als in «Landgericht» stehen hier die Justiz und ihre ausführenden Organe selbst im Mittelpunkt, gespiegelt an der Vita einer extrem ehrgeizigen Juristin, und nicht, wie bei Ursula Krechel, das tragische Schicksal eines um Restitution kämpfenden jüdischen Richters nach dem Zweiten Weltkrieg. Der muss nämlich am eigenen Leibe erfahren, dass jenes von ihm immer so überkorrekt angewendete Recht rein gar nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Eine Erfahrung übrigens, die auch Morsbachs Protagonistin machen muss. Ein weites Feld also, wie sich der potentielle Leser denken kann.

Thirza wird als Kind aus einem desaströsen Elternhaus vom Großvater und zwei Tanten liebevoll großgezogen und antwortet irgendwann auf die Frage des Opas, eines pensionierten Richters alter Schule, was sie denn mal werden möchte, unbeirrt: Richterin. Und das intelligente Mädchen erreicht schließlich auch mit Intelligenz und Fleiß ihr Traumziel, sie landet im Münchner Justizpalast. Ihr Werdegang und die Karriere sind das literarische Rückgrad einer bereichernden Erzählung, aus der in unzähligen Verästelungen mit Zitaten aus Schriftsätzen oder Skizzen der Vita sämtlicher Figuren allmählich ein beeindruckendes Panorama des rechtsuchenden Bürgers und der Organe der Rechtsprechung entsteht. In ihrem selbstlosen Eifer lebt Thirza gründlich am Leben vorbei und genießt, nach wenig ermunternden Versuchen mit der Männerwelt, ein viel zu kurzes, spätes Glück. Schließlich meldet sich dann auch bei ihr das Leben, denn überdeutlich bekommt sie, ganz unerwartet, gesundheitlich einen Schuss vor den Bug.

In hunderten von Einschüben erzählt die auktoriale Erzählerin von Thirzas Kollegen und Vorgesetzten, von den Klägern und Beklagten, von den Ränkespielen und Intrigen im Justizapparat, und natürlich von den teils aberwitzig komplizierten Rechtsfällen, mit denen ihre Protagonistin befasst ist. All die unzähligen Figuren in diesem Roman werden detailliert beschrieben, schon das Äußere erscheint dabei oft als Indiz für die Psyche, aber auch ihre Vita wird skizziert, sie geht in das individuelle Bild ihrer Persönlichkeit mit ein. Das ist für Thirza dann hilfreich, wenn verzwickte, aussichtslos scheinende Fälle zu richten sind oder, im Zivilrecht, wenn Vergleiche anstehen. Und der Roman ist gespickt mit rechtsphilosophischen Aphorismen, deren Urheber bis zu Augustinus und in die Antike zurückreichen und die den Gesprächstoff bilden in vielen Debatten Thirzas mit den Kollegen.

Dabei geht es oft lustig zu, in geradezu funkelnden, schlagfertigen Disputen werden da die Klingen gekreuzt, und vieles davon ist unübersehbar ironisch angelegt von der Autorin. Die narrativ äußerst schwierige Symbiose zwischen emotional aufgeladenem Geschehen und völlig seelenloser Rechtssystematik ist hier jedenfalls gut gelungen, die Lektüre ist ebenso bereichernd wie unterhaltend. Mit seiner seriellen Erzählweise ist der Roman zudem vom unkomplizierten Plot her leicht lesbar, auch in Etappen, wobei allerdings gewisse Längen nicht übersehbar sind. «Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch» heißt es zum Schluss versöhnlich. «Wunderbar … wenn das ein Roman wäre, müsste er hier enden» antwortet Thirza daraufhin, und das ist dann tatsächlich auch der letzte Satz. En passant erhält der Leser hier also einen tiefen Einblick in unser für Laien ziemlich abstraktes und oft auch unverständliches Rechtssystem, und genau darin aber liegt der Verdienst dieser Lektüre.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Knaus München

Unter der Drachenwand

Zwischen Hoffnung und Horror

In seinem jüngst erschienenen Roman «Unter der Drachenwand» hat der österreichische Schriftsteller Arno Geiger, wie schon in früheren Romanen, wieder einen Antihelden in den Mittelpunkt gestellt, einen sympathischen Drückeberger diesmal, ein in Russland im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs mittelschwer verwundeter Soldat auf Heimaturlaub. Der Autor hat im Interview erklärt, dass er den Stoff für seine Geschichte einem lange zurückliegenden Zufallsfund verdankt, der umfangreichen Korrespondenz des Lagers «Schwarzindien» am Mondsee, eine Einrichtung der NS-Kinderlandverschickung. Ausgelöst durch diesen literarischen Impuls sei aus der Trouvaille nach zehnjähriger Vorbereitungszeit dann der vorliegende Roman entstanden.

Veit Kolbe ist nach Abitur und Wehrdienst lückenlos in den Zweiten Weltkrieg hineingeschlittert, er wird 1944, im letzten Kriegsjahr, nach seinem Lazarettaufenthalt, wehruntauglich geschrieben. Weil er in Wien die stupiden Naziparolen seines Vaters nicht mehr ertragen kann, flüchtet er zu seinem Onkel, der in dem kleinen Dorf Mondsee als Gendarm eingesetzt ist. Während der Krieg seinem damals schon deutlich absehbaren Ende zusteuert, genießt er, allmählich genesend, das überschaubare, ländliche Leben in seinem idyllischen Zufluchtsort am See unter der Drachenwand. Dort entwickelt sich zwischen dem sexuell noch völlig Unerfahrenen ein Liebesverhältnis mit der im gleichen Haus wohnenden «Darmstädterin». Die verheiratete Margot ist mit ihrem Baby aus der Großstadt hierher evakuierten worden, sie hatte bei Kriegsausbruch ihren Mann überstürzt geheiratet, weil der als verheirateter Soldat mit Kind dann deutlich mehr Anspruch auf Heimaturlaub hat. Trickreich, notfalls auch durch Urkundenfälschungen, gelingt es dem immer noch an seinen Verwundungen leidenden Veit mehrfach, Atteste über seine Wehruntauglichkeit zu bekommen, er will sich den Krieg so lange vom Leibe halten wie möglich. Als überzeugter Zivilist ist der 24Jährige nach fünf Jahren als Soldat nicht nur kriegsmüde, er sieht auch keinerlei Sinn mehr in den verlustreichen Kämpfen während der Endphase des aussichtslos gewordenen Krieges.

Dieser tagebuchartige Gesellschaftsroman über die Auswirkungen eines verbrecherischen Weltkriegs aus Sicht der so genannten «kleinen Leute» wird von verschiedenen Protagonisten multiperspektivisch im Ich-Modus erzählt, teilweise in abstrahierter Briefform. Außer der Hauptfigur Veit sind dies die Mutter von Margot, die glaubhaft naiv von den verheerenden Bombenangriffen auf Darmstadt berichtet, der siebzehnjährige Kurt, der aus seiner Heimatstadt Wien über seine Gefühle und die turbulenten Ereignisse an seine nach «Schwarzindien» evakuierte Freundin Nanni schreibt, ferner ein Wiener Zahnarzt, der von seinen verzweifelten Versuchen berichtet, als Jude in Österreich und später dann in Ungarn dem Zugriff der Nazi-Schergen zu entgehen.

Die titelgebende Drachenwand am Mondsee und die beinahe täglich darüber hinweg fliegenden Bomberstaffeln der Alliierten erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, wobei die Schilderung des Alltagslebens der verschiedenen, stimmig beschriebenen Figuren des Romans sehr realistisch wirkt, ja geradezu authentisch erscheint. Abgesehen von den wenig überzeugenden typografischen Mätzchen mit Schrägstrichen als weiterem Gliederungselement des Textes und den abrupten Erzählerwechseln, bei denen der Leser zunächst mal rätseln muss, wer denn da spricht, ist der angenehm lesbare Roman sprachlich sehr stimmig seiner Erzählzeit angepasst. Zwischen Hoffnung und Horror pendelnd endet er mit der so lange befürchteten Einberufung von Veit und seinem Weg zurück zu seiner Einheit. Es schließt sich trickreich eine, gekonnt historische Authentizität vorgaukelnde, kurze Nachbemerkung an, in der Geiger mit Autorenstimme das weitere Schicksal seiner Figuren skizziert, ein versöhnender Schluss mithin, der eigenen Spekulationen des Lesers wohltuend den Nährboden entzieht.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser