Die Stadt der Diebe

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517ts1yumllWir schreiben das Jahr 1943. Die Stadt der Diebe von David Benioff – das ist Leningrad. Diebe haben Konjunktur, denn deutsche Truppen haben die Stadt eingeschlossen und die Bewohner sind kurz vor dem Hungertod.

„Am schönsten sind die Luftkämpfe.“ Das sagen Vera und Lew, wenn sie nachts auf den Dächern oder zwischen den Trümmern der Stadt kauern und zusehen, wie die Ju88 der deutschen Luftwaffe und die Suchois der sowjetischen Luftwaffe über der Stadt kreisen und versuchen, sich gegenseitig abzuschießen. Sie haben die kriegswichtige Aufgabe, den Kämpfen zuzusehen und Meldung zu erstatten, wenn ein deutscher Flieger abgeschossen wird. Pflichtgemäß erstatten sie auch Meldung, aber erst nachdem sie den toten deutschen Piloten ihre Notrationen abgenommen und ihnen die Fliegerstiefel ausgezogen haben. Die deutsche Schokolade und den Zwieback brauchen sie, um nicht zu verhungern, und die Stiefel sind sehr haltbar, da kommt kein russischer Stiefel mit.

Beinahe zwangsläufig landet Lew im Knast, dem Kresty. In der Dunkelheit der Zelle lernt er Kolja kennen, einen angeblichen Deserteur. Lew ist siebzehn Jahre alt und hatte Hunger. Kolja ist knapp zwanzig Jahre alt, Soldat der Roten Armee und ein Deserteur. Er war ein paar Kilometer zu weit von seiner Truppe entfernt. Beide erwarten ihre Hinrichtung am folgenden Morgen. Doch es kommt anders.

Am Morgen werden sie einem Oberst des NKWD vorgeführt, der andere Pläne mit ihnen hat. Des Oberst hübsches Töchterlein, sie können  dem Mädchen einige Minuten beim Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Newa zusehen, will in Kürze heiraten und zu einer standesgemäßen russischen Hochzeit gehört ein Kuchen. Zucker, Mehl und Honig hat die Frau Oberst erfolgreich requirieren können, nur die zehn Eier fehlen und ohne Eier ist ein Kuchen vielleicht ein Kuchen, aber kein Hochzeitskuchen.

„Besser zwölf“, sagt der Oberst, „zwei gehen sicher kaputt.“

Der Oberst schickt Lew und Kolja los, die zwölf Eier zu finden – ein schier unmögliches Vorhaben in einer Stadt, die seit mehr als zwei Jahren von deutschen Truppen belagert wird. Trotz der Aussichtslosigkeit machen sich Lew und Kolja auf den Weg, denn die Alternative ist, vor dem Erschießungskommando zu stehen.

Die mühsame Tour führt sie quer durch Piter, wie die Bewohner ihre Stadt immer noch in Erinnerung an den alten Namen Sankt Petersburg nennen. Stalin hat die Stadt umbenannt, aber man bleibt bei Piter. Vielleicht weil man ahnt, dass irgendwann, wenn der Große Vaterländische Krieg vorüber ist, man sich wieder des alten Namens erinnern wird. Das geschieht auch, wie wir alle wissen, wenn auch erst viele Jahrzehnte später als Gorbatschow die Weltbühne betritt.

Lew und Kolja ziehen derweil durch Leningrad und suchen zwölf Eier. Sie finden keine Eier, weil auch die Hühner mittlerweile gebraten und gegessen wurden, nicht einmal Spatzen, Mäuse oder Ratten gibt es. Alle haben ihren Weg in die ausgelaugten russischen Mägen gefunden. Sie schleichen sich durch den Belagerungsgürtel zu den Partisanen, aber die haben auch keine Eier. Immerhin erregen sie mit ihrer Geschichte so viel Heiterkeit, dass man sie nicht an den nächsten Baum hängt.

Stattdessen stoßen sie auf eine Fülle an Informationen, die alle nur ein Ziel haben – wie überlebt man. So lernt der Leser, welche Körperteile eines Menschen sich am besten zu Koteletts verarbeiten lassen – es sind die Gesäßbacken.

Was sich hier in dieser einen Zeile so unappetitlich liest, beschreibt der Autor David Benioff auf so humorvolle Weise, dass es beinahe seinen Schrecken verliert. Es ist überhaupt der Humor, die Lebensfreude, die dieses Buch mit diesen so entsetzlichen Beschreibungen auszeichnet. Der Leser bekommt auf knapp 400 Seiten eine Kurzlektion, wie man mit Humor und den Resten der Lebensfreude auf einem Trümmerhaufen, viel mehr war Leningrad nicht mehr, überleben kann. Er lernt auch, dass auf den Dächern der dunklen Stadt auch mit knurrendem Magen die Liebe einen Platz finden kann.

Es gibt nicht mehr viele Menschen, die Bombennächte in Deutschland erlebt haben. Aber da sind ja die Enkel, denen die Großeltern davon erzählt haben, von Dresden vielleicht, Hamburg oder Köln. Oder den vielen Städten, die militärische bedeutungslos waren, die nur bombardiert wurden, weil die Flieger ihre Bomben vor dem Heimflug loswerden mussten.

Die Deutschen waren nicht alleine. Das Grauen der Bombardierungen und der Hunger reichte vom Atlantik und der Nordsee bis zum Ural.


Kategorie: Roman
Verlag: Heyne München

Das Geständnis

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Der Roman „Das Geständnis“ von John Grisham spielt im Jahr 1998 und ist auf beängstigende Weise zeitgemäß. Es geht um die Todesstrafe und um zweierlei Recht in den USA – für Weiße oder für Schwarze. Es geht auch darum, dass in Texas, Mississippi oder Kansas auch heute noch die juristischen Uhren völlig anders ticken, als im Rest des Landes.

Bei einem Pfarrer einer Kirchengemeinde taucht ein Mann auf und bezichtigt sich des Mordes, begangen vor über neun Jahren. Brisant an seinem Geständnis ist, dass für eben diesen Mord in knapp einer Woche ein anderer Mann per Giftspritze – gängige Praxis in Texas – hingerichtet werden soll. Das einzige Vergehen des Todeskandidaten – wenn man es so nennen will – ist die Tatsache, dass er schwarz ist.

Als Schwarzer unschuldig in der Todeszelle, knapp eine Woche vor der Hinrichtung, da besteht wenig Anlass zur Hoffnung. Der Gouverneur von Texas, nur er kann einen Aufschub anordnen, hat vor allen Dingen seine Beliebtheit bei den weißen Wählern und seine anstehende Wiederwahl im Kopf. Das soll er für einen schwarzen Todeskandidaten, der auch noch dumm genug war, ein Geständnis abzulegen, aufs Spiele setzen? Auch wenn das Geständnis unter dubiosen Umständen zustande kam, und es eine amouröse Verquickung zwischen Richterin und Staatsanwalt gab. Die Geschworenenliste, ein ebenso brisantes Thema. Weshalb haben über einen schwarzen Angeklagten nur weiße Geschworene geurteilt?

Schließlich tauchen vor einer Hinrichtung immer wieder Spinner auf, die sich nur wichtig machen wollen. Nicht zu vergessen – der Mann, der sich als Mörder bezeichnet, steht kurz vor seinem eigenen Dahinscheiden – Hirntumor in fortgeschrittenem Stadium. Obwohl Weißer, ist er mit seinen Selbstbezichtigungen absolut unglaubwürdig, denn er hat sein halbes Leben wegen diverser Sexualdelikte im Knast verbracht.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Die immer noch für den Todeskandidaten aktive Anwaltskanzlei nimmt sich der Sache an und versucht einen Aufschub zu bewirken. Aber die Mühlen der Justiz mahlen stetig und unerbittlich, sind kaum aufzuhalten.

John Grisham schildert die Verwahrlosung – anders kann man es kaum nennen – der US-amerikanischen Justiz. Minutiös beschreibt er, wie hinter den Kulissen gemauschelt wird, wobei die Schuld oder Unschuld des Beklagten Nebensache ist. Da geht es um Wiederwahl des Bezirksstaatsanwaltes oder der Richter, Menschenleben sind zweitrangig. Überlegenswert ist höchstens noch die Frage, ob mit Rassenunruhen zu rechnen ist und ab wie vielen Hausbränden oder sonstigen Übergriffen die Nationalgarde alarmiert werden muss.

Wie bei jedem Roman muss auch hier im Epilog stehen – alle Personen und Sachverhalte sind frei erfunden. Das muss sein, will der Autor sich nicht selbst vor Gericht wiederfinden. Andererseits sind die Schilderungen der Abläufe derartig detailgenau, dass man annehmen darf, der Autor hat sich als Vorlage wahrer Begebenheiten bedient. Naheliegend, denn John Grisham war selbst Anwalt für Strafrecht in Southaven/Mississippi. Er kennt die Südstaaten und das US-Strafrecht aus eigenem Erleben.

Beschrieben wird auch das geltende Wahlgesetz, ein durchaus aktuelles Thema. Der Mensch, der nichts oder wenig besitzt, hat kaum Chancen, sich in die Wählerlisten eintragen zu lassen und verständlicherweise hat er auch wenig Interesse daran. Er ist mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt und der ist in den USA ungleich härter als alles, was wir uns hier in Deutschland und Europa vorstellen können.


Kategorie: Thriller
Verlag: Heyne München

Ich habe ein Buch geschrieben – was nun?

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Bücher51X+aiRisQL._SX310_BO1,204,203,200_prinz Ruprecht Frieling plaudert aus dem Nähkästchen über die Themen, die jeden frischgebackenen Autor interessieren.

Das ist der erste Satz des Ratgebers. Als ich das las, dachte ich – wieder ein Buch, in dem mir weitschweifig und kostenpflichtig erklärt wird, wie ich schreiben, veröffentlichen und insbesondere auch verkaufen soll. Wie ein Eheratgeber zur Diamantenen Hochzeit, denn ich gehe diesem Gewerbe jetzt über zehn Jahre nach.

Mit einer gewissen Aversion las ich weiter – und habe das Buch in einem Rutsch bis zum Ende gelesen.

Falsch an dem ersten Satz ist, dass dieses Buch sich nur an den Anfänger wendet, sondern – vielleicht ganz besonders – an die alten Hasen, die schreiben und als Selfpublisher veröffentlichen, ohne zu wissen, welch eklatante Fehler sie machen können. Denn – es gibt unzählige rechtliche Vorschriften, die der Autor beachten muss, wenn er auf eigene Rechnung und eigene Verantwortung am Büchermarkt agiert.

Auf eigene Verantwortung – das ist der entscheidende Punkt, denn es gibt da eine Berufsgruppe, die nennen sich Rechtsanwälte, und innerhalb dieser gibt es eine Untergruppe, die nennen sich Abmahnanwälte. Die sitzen in ihren Kanzleien neben dampfenden Kaffeekannen und warten nur drauf, dass harmlose Mitbürger, in unserem Fall wir – die neuartigen Spezies Selfpublisher – Fehler machen.

Man kann lange diskutieren, ob alle Vorschriften, die unsere deutsche Ordnung regeln, wirklich sinnvoll sind. Man denke nur an die Verkehrsampeln, an vielen Straßenkreuzungen unsinnig, aber mehrheitlich sorgen sie dafür, dass wir halbwegs unbeschadet über die Straße kommen.

Praxisfern? Weit gefehlt. Es gibt da einen Rechtsstreit, den ich mit großem Interesse verfolge, den Streit des Alt-Kanzlers Kohl um den Besitz gewisser Tonbänder, Basis seiner Biografie. Ich will hier nicht den Fall aufrollen, aber eins ist sicher – es geht bei dem Streit um sehr viel Geld. Der Verlag musste ganze Lagerbestände einstampfen, Schadenersatz und Vertragsstrafen wurden gezahlt. Am Ende werden einige der Beteiligten viel Geld verloren haben, dürften pleite sein. Und warum das alles? Weil sie ein paar winzige rechtliche Kleinigkeiten, ein paar Nebensätze in den Verträgen, übersehen haben.

Was hat das alles mit uns Selfpublishern zu tun, die wir doch immer alles richtig machen? Abmahnanwälte lauern nur darauf, dass man Fehler macht. Sie lauern, ohne dass ihnen irgendwer einen Auftrag gegeben hat, und werden sie fündig, dann kostet das Geld. Macht der Verlag Fehler, benutzt für das Cover als Hintergrund ein Bild, an dem er keine Rechte erworben hat, übersieht der Lektor im Text ein unerlaubtes Zitat, dann kostet das auch Geld. Der Autor merkt es nicht, und der Verlag weiß es, hoffe ich zumindest. Mache ich als Selfpublisher solche Fehler, dann kostet das mein Geld und das kann schnell so viel werden, dass mir die Schreiberei keinen Spaß mehr macht.

Ich mache keine Fehler? Jeder macht Fehler und gerade in diesem Gewerbe hat man sie sehr schnell gemacht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ich kann jedem Autor, speziell dem Selfpublisher, dieses Buch nur empfehlen.

Um auf den Anfang zu kommen – Ruprecht Frieling plaudert. Er schafft es, zwingend rechtliche Vorschriften angenehm und verständlich zu vermitteln. Er schmückt das mit einem Cover, das ahnen lässt, wie ein Autor sich fühlt, wenn er unter sein aktuelles Buch endlich das Wort ENDE gehämmert hat. Dann ist er in Siegerlaune, nichts kann mehr schief gehen und die Sektkorken knallen. Von wegen!

 


Kategorie: Ratgeber
Verlag: Internet-Buchverlag Berlin

Die Meistersinger von Nürnberg

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51C-YT3X+GLIch muss gestehen, ich hatte es früher nicht so mit Opern und mit Wagner schon gar nicht. Das hat eine längere Vorgeschichte und dem Autor Ruprecht Frieling verdanke ich, dass ich beidem – Opern und Wagner – inzwischen auch eine fröhliche Seite abgewinnen kann. Hinzu kommt, dass gerade die „Meistersinger von Nürnberg“ mit die lustigste Oper ist, die Richard Wagner je geschrieben. Und – ebenso wichtig – der Wortwitz des Autors. Man kann durchaus sagen, Ruprecht Frielings Witz ergänzt sich mit dem Richard Wagners.

Vor sehr vielen Jahren, ich war etwa 13 Jahre alt, führten wir in der Schule ein Theaterstück auf. Ein wichtiges Ereignis, es war kurz vor Weihnachten. Entsprechend nervös waren alle Beteiligten, die Lehrer, wir – die Schauspieler (wenn der Ausdruck gestattet ist) und ich ganz besonders. Es war ein Stück von Hans Sachs, und ich weiß noch, dass ich die Hauptrolle hatte. Um was es in dem Stück ging, habe ich verdrängt, vielleicht war es eine Prosa-Version der Meistersinger.

Man könnte meinen, jetzt schließt sich der Kreis, aber gar nichts schließt sich, denn ich war der Einzige von den etwa zehn Buben auf der Bühne, der weitgehend seinen Text vergessen hatte. Meine Mitstreiter flüsterten mir die Ohren voll, ein Lehrer drohte aus den Kulissen – ich wurde noch nervöser. Hinzu kam das vor Scham rot angelaufene Gesicht meines Vaters in der ersten Reihe mir schräg gegenüber. Ein Stück von Hans Sachs mit einem mehr oder weniger stummen Hauptdarsteller! Zur Not wäre es noch als Parodie durchgegangen, hätte die Schulleitung es entsprechend angekündigt. So wurde es ein Desaster.

Anschließend gab es eine vorgezogene Weihnachtsbescherung auf der Bühne, wir durften jeder eine Weihnachtsgabe aus einem Sack ziehen und ich grabbelte im Dunkeln des tiefen Sacks solange herum, bis ich das größte Paket gefunden hatte. Zu Hause verpasste meine Mutter mir nachträglich eine Ohrfeige, aber das ertrug ich tapfer. Ich hatte ein Paket von den Abmessungen eines Schuhkartons voll mit Süßigkeiten ergattert.

Aber zu den Meistersingern und Ruprecht Frieling. Ich habe selten eine so anschauliche und fundierte Beschreibung einer Oper gelesen. Vergleichbar sind nur noch seine anderen Bücher zum Thema Wagner, wie der „Fliegende Holländer“, um nur eins zu nennen. Der Autor beschreibt sehr eindringlich, dass auch Götter der Musik, Wagner war es ganz sicher, normale Sterbliche sind, die Ängste und Schwächen haben, von Geldsorgen und Todesahnungen geplagt werden, eben Menschen sind wie Du und ich. Dazu kommen die Geheimnisse der Texte und Reime und was das mit der jeweiligen Sprache zu tun hat, aus der sie stammen. Ein französischer Reim ist eben anders, als ein deutscher und auch das erklärt der Autor. Denn – das ist der Wettbewerb der Sänger – darüber wachten die Merker und sie entscheiden, wann ein vortragender Sänger versungen hatte, oder sich Meistersinger nennen durfte.

So einen Merker kannte ich damals auch, unseren Musik- und Mathematiklehrer, der auch noch Chorleiter war. Wenn wir einmal wöchentlich zum Chorgesang antraten (freiwillig, aber wer nicht kam, dem waren schlechte Noten gewiss!), dann schlich unser Merker Dr. S… (ich lass den Namen weg, aber glauben Sie mir, ich weiß ihn noch!), durch die Reihen und ohne Rücksicht auf Stimmbruch oder ähnliche körperliche Einschränkungen bekam man eine 6 in Musik verpasst. Hatte der Stimmbruch besonderes Ausmaß, dann gab es „der guten Ordnung halber“ auch gleich eine 5 in Mathe, denn die Mathe-Zensuren standen in seinem Notizbuch den Musik-Zensuren gegenüber. Ein Ärgernis für das Halbjahreszeugnis.

Jetzt kommt Ruprecht Frieling mit den „Meistersingern von Nürnberg“, lässt mich zurückdenken – und schmunzeln. Denn – und das geht ja mit dem Stimmbruch meistens einher – auch in den Meistersingern geht es um das weibliche Geschlecht. Auf unserem Gymnasium gab es nur Buben, aber das Mädchengymnasium war nicht weit. Auch bei Hans Sachs führt das zu allerlei verwerflichen Handlungen, allesamt aber verständlich – aus der Sicht des edlen Ritters Walther von Stolzing und Eva Pogner, des Goldschmieds hübsches Töchterlein, die nur den Walther will, und nicht den alten Erbsenzähler und Pedanten Sixtus Beckmesser.

Hätte mein Vater mir doch rechtzeitig erklärt, was man mit Gesang bei Mädchen erreichen kann! Er spielte Violine und Klavier, ich nur Trillerpfeife. Was aber nichts mit Musik zu tun hatte, nur mit Fußball.


Verlag: Internet-Buchverlag Berlin

Der Bücherprinz oder: Wie ich Verleger wurde

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Dem ers51d4Wiy0R1Lten Teil seines Buches „Der Bücherprinz“ vorangestellt hat der Autor Ruprecht Frieling ein kurzes Gedicht von Tschingis Aitmatow. Zusammengefasst schreibt Aitmatow – nichts aus der Kindheit wird je vergessen, es begleitet uns bis ans Ende unserer Tage. Es war sicher Ruprecht Frielings Kindheit und Jugend, die aus ihm das machten, was er wurde – ein Revoluzzer, der er bis heute geblieben ist. Auch die langen Haare, das Wahrzeichen aller Widerständler der damaligen Zeit, trägt er heute noch.

Als Ruprecht 1952 in Oelde / Westfalen, das trübe Licht dieser Welt erblickte, gab es den Kaiser nicht mehr, auch Adolf Hitler war von der Weltbühne abgetreten, aber sie hatten in den Köpfen der Deutschen unauslöschliche Spuren hinterlassen, die – wenn man es genau betrachtet – bis heute nachwirken. Furzen in der Öffentlichkeit kostete zur Kaiserzeit 5 Mark Strafe, ersatzweise 1 Tag Haft. Conny Froboess packte damals gerade ihre Badehose ein, denn Nacktheit war untersagt, und ich kann mir vorstellen, dass die Hose, heruntergezogen am falschen Ort, mehr kostete, als 5 Nachkriegs-Mark und dass die Ersatzhaft, wenn man nicht zahlen konnte oder wollte, nicht in Tagen, sondern Monaten bemessen war.

noch angepasst mit fünf …

Noch angepasst mit fünf …

Ruprecht kam in ein – für damalige Verhältnisse – wohlgeordnetes Elternhaus. Sein Vater war streng, schließlich sollte aus dem kleinen Ruprecht ja mal was werden, ein angepasster Befehlsempfänger in den Fußstapfen seines Vaters. Und die Mutter, ebenfalls an die damaligen Vorstellungen von Familie, Recht und Ordnung angepasst (KKK – Kirche/Kinder/Küche), war ganz auf der Linie des Herrn Gemahls.

Strenge bedeutete das, Prügelstrafe, Ordnung. Gegessen wurde zu festen Zeiten, am zentralen Treffpunkt der Familie, einem ausziehbaren (wenn Gäste kamen) Holztisch im Esszimmer. Wenn ich das einfließen lassen darf – ich kenne diese Rituale auch. Wer bei uns abends um 7 Uhr nicht wartend mit gewaschenen Händen hinter seinem Stuhl stand, durfte gleich weiter ins Bett marschieren. Mit leerem Magen.

Menschliche Nähe? Dafür hatte man bei den Frielings Personal: Kinderfräulein, Zimmermädchen und für jegliche Arbeit, bei der man sich die Finger schmutzig machen konnte, gab es den Gärtner und hinter dem Lenkrad eines Autos sitzen war für den Herrn des Hauses nicht opportun; der Chauffeur war dafür zuständig. Das Kinderfräulein (das Fräulein war noch nicht aus der deutschen Sprache verbannt), hat mit einem aufgeschminkten Leberfleck zu Ruprechts ersten sexuellen Fantasien beigetragen und man darf annehmen, dass sie deshalb nur kurze Zeit im Hause Frieling arbeitete.

… mit 14 suchte er sich einen eigenen Weg …

Mit 14 bereits auf einem eigenen Weg …

Zu allen Negativpunkten gab es mindestens einen positiven, das waren die vielen Bücher, verstaubte Folianten in gut riechenden ledernen Einbänden. Ruprecht griff wie ein Ertrinkender nach allem, was in irgendeiner Form mit Buchstaben bedruckt war. Wie sagte Tschingis Aitmatow? Nichts aus der Kindheit wird vergessen! Die Bücher, auf Papier gedruckt, inzwischen auch auf elektronischem Papier, verfolgen Ruprecht bis heute, denn er wurde ein bekannter und zu Recht gefeierter Verleger. Auch der Siegeszug des eBooks in Deutschland und der Selfpublisher gehen – mindestens teilweise – auf ihn zurück.

Als ich das las, habe ich im ersten Moment gestutzt, weil ich glaubte, das eBook habe doch mit der elektronischen Vernetzung zwangsläufig in der Luft gelegen. Bis mir klar wurde, dass auch dafür Revoluzzer gefragt waren, die nicht bis in alle Ewigkeit auf der Mainstream-Welle der Verlage mitschwimmen wollten.

… mit 19 hatte er noch Träume …

Mit 19 hatte er noch Träume …

Wenn man es genau betrachtet, dann muss Ruprecht wohl schon als Nicht-Angepasster auf die Welt gekommen sein, denn bei aller Strenge der sich liebevoll gebenden Eltern, muckte er immer wieder auf. Nachhaltig kann man auf Neu-Deutsch ohne Übertreibung sagen. Nicht einmal Messdiener wollte er werden, obwohl das durchaus in der Tradition der Familie gelegen hätte. Allerdings – das muss man schon sagen – er hatte sich spitzbübisch, wie er nun mal ist, eines Helfershelfer bedient. Er hatte IHN da OBEN um ein Zeichen gebeten, dann hätte er ja gewollt. Dieses Zeichen kam nicht, womit sich Ruprecht sagte: nun denn – wenn es so sein soll …

Beinahe zwangsläufig führte sein aufmüpfiges Verhalten zu unerfreulichen Maßnahmen, aber es musste sein, schließlich sollte aus dem Jungen ja mal „was“ werden, was Respektable, wie der Herr Vater. Als dem prügelnden Vater und der geduldig dem brutalen Treiben zuschauende Mutter nichts mehr einfiel, wanderte Ruprecht in eine Jugendpsychiatrie. Treibende Kraft war die Mutter, aber man muss das verstehen, sie wollte ja nur das Beste für den Jungen und von den abfälligen Bemerkungen ihrer Freundinnen über Ruprechts Fehlverhalten hatte sie auch genug! Damit das alles auch Recht und Ordnung hatte, gab es auf Basis eines Gefälligkeitsgutachtens eines Kinderarztes (der ohne jegliche psychologische Erfahrung war) auch einen richterlichen Beschluss. Ein Chauffeur seines Vaters sammelte ihn ein und fuhr ihn im familieneigenen hochherrschaftlichen Mercedes in einer filmreifen Aktion in die Psychiatrie.

… mit 21 arbeitete er bereits im Steinbruch der Worte …

Mit 21 arbeitete er bereits im Steinbruch der Worte …

Der junge Ruprecht, gerade 15 Jahre alt, hatte Probleme mit den dunklen Nächten in der Irrenanstalt, dem nächtlichen Geheule inhaftierter Triebtäter, Mörder und sonstiger Unholde. Nicht gänzlich unerwartet, wie man zugeben muss. Die Pfleger verabreichten ihm viele grüne, blaue und gelbe Pillen, die ihm Schlaf verschaffen sollten. Das taten sie nicht, denn Ruprecht kotzte sie in unbeobachteten Momenten in die Toilette. Wen wundert’s, dass sein bester Freund und Beschützer während dieser Zeit ein noch junger Triebtäter wurde, der mehrere Verwandte mit einem Küchenmesser abgeschlachtet hatte.

Nach einigen Wochen kam es zu einer Revolte in der Anstalt, an der Ruprecht nicht beteiligt war, die aber wohl mit zu seiner Freilassung beitrug. Mindestens fielen den Ärzten keine weiteren Gründe mehr ein, ihn weiter festzuhalten und wohl oder übel musste man ihn freilassen.

Ruprecht ließ sich nicht kleinkriegen, Vater und Mutter schafften es nicht, die Psychiatrie nicht und auch nicht die Prügelstrafen der Lehrer in einigen darauf folgenden Gymnasien. Irgendwann wurde es ihm zu viel, vielleicht war er es auch satt, weiter seinen Eltern „Schande“ zu bereiten, und er ging auf Wanderschaft. Nach der ersten Station London, und dort ersten Kontakten zur Hippieszene, ging es weiter über Amsterdam, Paris, Dubrovnik und Kurdistan. Endlich trat das ein, was er sich wohl während seiner ganzen Kindheit und Jugend gewünscht hatte – Oelde, seine Heimatstadt, verschwand immer tiefer hinter dem Horizont.

Beinahe zwangsläufig setzte Ruprecht sich nach West-Berlin ab, denn der vom Kreiswehrersatzamt angekündigte Wehrdienst war nicht nach seinem Geschmack. Gemäß Berlin-Statut der Siegermächte war er dort sicher. In Berlin traf er auf alles, was damals im mehr oder weniger illegalen Untergrund Rang und Namen hatte, angefangen bei Fritz Teufel und vielen anderen. Auch normalisierte sich hier seine vom Oelder Elternhaus nachhaltig gestörte Beziehung zum anderen Geschlecht. In den dunklen Schlafräumen der WGs fand er bald heraus, dass es nicht so wichtig ist, mit wem man „es macht“, sondern, „dass“ man „es macht“.

Trotz aller Freiheiten in Westberlin, des links geprägten Denkens, merkte er bald, dass das Leben durchaus Schattenseiten haben kann, wenn man als eine Art Tagelöhner in aller Herr-Gott’s-Früh anstehen muss, um wenig Arbeit und noch weniger Geld zu bekommen. Diese Erkenntnis hatte ganz sicher nichts mit Anpassung zu tun, sondern schlicht damit, dass zu einigen Annehmlichkeiten des Lebens Geld gehört. Der Joint kostet Geld, das Bier, schmackhaftes Essen auch, und dafür muss man arbeiten.

Weil ihm der frühmorgendliche „Sklavenmarkt“ nicht behagte, sprich Anstehen nach Arbeit, wurde Ruprecht Fotograf. So ein richtiger mit Lehre, sprich fotografischer Ausbildung. Bis er endlich dort landete, was seiner eigentlichen Berufung entsprach – er wurde Journalist. Es waren wohl die dicken verstaubten Folianten seines Elternhauses, in Kalbsleder gebunden, die sich letztendlich bei ihm durchsetzten.

… wo er 40 Jahre später immer noch aktiv war …

… in dem er mehr als 40 Jahre später immer noch aktiv ist …

Es folgten prägende Episoden als Journalist in der DDR (damals durchaus keine Selbstverständlichkeit!), auf Kuba (auch nicht üblich) und in einigen Westberliner Redaktionen. Während dieser Zeit traf er auf viele Menschen, die sich wie das Who is Who der deutschen Nachkriegsära lesen. In der langen Liste seines Bekanntenkreises der darstellenden und bildenden Künste fehlen weder Fassbinder, noch Hanna Schygulla, um nur zwei zu nennen, mit denen er beruflich und freundschaftlich, schreibend oder als Fotograf, verbunden war.

Man kann sagen, der Sprung ins Verlagswesen und zum eigenen Verlag erfolgte wie unter Zwang. Er veröffentlichte nicht nur viele Autoren, sondern verfasste auch selbst Bücher. Und das mit viel Erfolg, denn trotz allen Revoluzzertums hat Ruprecht bis heute eine untrügliche Nase für das Geschäft. Dazu gehörten dann, einem Trend folgend, Sachbücher wie „Berlin okkult“, „Rock-City Berlin“ oder ein Stadtführer für Behinderte.

… um von seinen Freunden als »E-Book-Papst« apostrophiert zu werden

… um von Freunden liebevoll als »E-Book-Papst« bezeichnet zu werden

Mit zu seinem Erfolg gehört sicher auch, dass er sich sehr frühzeitig moderner Technik bediente. Das war ein Computer mit dem hübschen Namen „Lisa“, so benannt nach Steve Jobs Tochter, des Apple-Gründers. Vielleicht war es auch dieser in jenen Jahren gar nicht so selbstverständliche Umgang mit Technik, der ihn frühzeitig das Potential der eBooks erkennen ließ.

Das Buch „Der Bücherprinz“ ist eine Autobiografie, es ist darüber hinaus aber noch viel mehr. Es beschreibt die Zeit des Aufbruchs in Westdeutschland und in Westberlin. In diese Zeit fällt das Aufmucken der Jugend, die Proteste gegen den Besuch Schah Mohammad Reza Pahlavi, der diese Epoche der neueren deutschen Geschichte einläutete. Die Jugend hatte genug vom autoritären Staat, sie wollte frei sein und Ruprecht Frieling war einer von ihnen. Es ist gut, dass er mich, uns alle, daran erinnert, wie das damals war, was die Jugend in die Hippieszene, in den Widerstand getrieben hat.

Mit seinem »Bücherprinz« wirft Frieling einen Blick hinter die Kulissen

Mit seinem »Bücherprinz« wirft Frieling einen Blick hinter die Kulissen

Ich habe das Buch mit großer Begeisterung und vielen Erinnerungen und des Nachdenkens gelesen, denn mir scheint, Rupi, Du beschreibst auch etwas, was inzwischen so vielen Menschen abhanden gekommen ist. Weniger „Ja“ brüllen, weniger „Nicken“, mehr Revoluzzertum. Ein wenig nur wäre schon hilfreich, sonst landen wir alle noch in einer Ecke, die wir glaubten, 1945 hinter uns gelassen zu haben.

Abgesehen vom geschichtlichen Hintergrund dieser Autobiografie ist es auch die Sprache, die Rupis Buch überaus lesenswert macht. Es ist dieser nett klingende, zwischen den Buchstaben herausspringende Sarkasmus, der selbst unangenehme Erinnerungen, wie die Erlebnisse in der Psychiatrie, erträglicher erscheinen lassen.

Rupi, ich danke Dir für dieses Buch. Aus vielerlei Gründen hat es mir gut getan, denn ich bin auch nicht „angepasst“, wie Du weißt, bin auch abgehauen. Hurra schreien konnte ich auch nie, genauso wenig wie Du.

Zum Bestellen klicken Sie bitte hier: Der Bücherprinz


Kategorie: Biographien, Memoiren
Verlag: Internet-Buchverlag Berlin

Marionetten

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51XJKMEY8WL„Marionetten“ von John le Carré erschien 2008 in deutscher Sprache. Man darf annehmen, dass le Carré den Roman unter dem Eindruck der furchtbaren Ereignisse in New York etwa 2003, also heute vor über 10 Jahren geschrieben hat.

Im Januar 2002 entstand als Folge des 11. September 2001 das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba. Von diesem Zeitpunkt an sind alle Männer verdächtig, die ein arabisches Aussehen haben oder einen schwarzen Bart tragen, schlimmstenfalls beides. Die echten Terroristen rasieren sich und verschwinden unsichtbar in der Menge.

Issa Karpow, die Leidensfigur im Buch, ist jung. Er kommt aus Tschetschenien und einen Bart trägt er auch. Zumindest anfangs, bis ihn Annabel Richter, eine junge Rechtsanwältin der Organisation Fluchthafen in Hamburg, dazu überreden kann, sich wenigstens den Bart abzurasieren.

Issa hat zwei Probleme – er sieht aus wie Terroristen eben aussehen, und er ist so naiv, wie man nicht sein darf, will man sich nicht verdächtig machen.

Issa ist illegal von Tschetschenien über Russland, die Türkei, Schweden und Dänemark nach Hamburg gekommen. Auf der langen Reise ist er immer wieder im Gefängnis gelandet, weil er sich allein durch seine Naivität verdächtig machte. Sein verstorbener Vater war zu Lebzeiten Oberst der Roten Armee, der es durch allerlei undurchsichtige Geschäfte zu einem stolzen Vermögen gebracht hat. Issa hält seinen Vater für einen Verbrecher und Mörder (er glaubt auch, dass er Issas tschetschenische Mutter auf dem Gewissen hat) und deshalb will er das Erbe seines Vaters Hilfsorganisationen zukommen lassen, die sich dem Wohl der Menschheit verschrieben haben. Wenn es noch eines zusätzlichen Verdachtsmomentes bedurfte, Issa endgültig in die Ecke eines hochgradig gefährlichen Terroristen zu rücken, dann ist es sein Wunsch, das Erbe zu verschenken.

Das Geld liegt auf einer Bank in Hamburg und nur deshalb ist Issa in die Hansestadt gekommen. Er ist auch fest davon überzeugt, dass deutsche Behörden jedem Asylsuchenden freundlich gegenübertreten, wie es in einem Rechtsstaat üblich ist, und er glaubt auch, dass er in Hamburg Medizin studieren wird. Vielleicht auch Jura oder beides. Naiv, wie er ist, hat er sich noch nicht entschieden. Und ein ehrbares Leben wird er in Deutschland führen, anders als sein Vater, den er so abgrundtief hasst, dass er den Vatersnamen, den –witsch zwischen Issa und Karpow, nicht führt. Die Parallelen zu dem, was wir aktuell in Deutschland erleben (das Jahr 2015 wird als das Jahr der Flüchtlingskatastrophe in die Geschichte eingehen!), sind unverkennbar, was nur den zwingenden Schluss zulässt, dass John le Carré über hellseherische Eingebungen verfügt haben muss, als er das Buch schrieb. Wie er auch gewusst haben muss, dass demnächst Träger längerer schwarzer Bärte automatisch als Terroristen eingestuft werden und arabische Frauen mit stärkerem Leibesumfang sofort in Verdacht geraten, einen Sprengstoffgürtel zu tragen.

Die Verantwortlichen für den 11. September, zumindest nach allem, was man bis heute weiß, haben längere Zeit in Hamburg gelebt, weshalb man laut le Carré in der Hansestadt glaubt, eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung des Terrorismus leisten zu müssen. Folgerichtig gibt es eine Antiterroreinheit, die – unabhängig von den offiziellen deutschen Sicherheitsbehörden – undercover ermittelt. Dazu kommen die üblichen Geheimdienste und auch die CIA darf nicht fehlen.

Die Behörden stehen unter Erfolgszwang und dieser Druck führt dazu, dass man Erfolge vorzeigen muss, koste es, was es wolle. Man darf vermuten, dass in jenen Jahren das Wort Kollateralschaden erfunden wurde.

Issa gerät sehr schnell ins Visier der Ermittler. Wegen seines Bartes, den er anfangs trägt, wegen seiner tschetschenischen Herkunft, der illegalen Einreise in Deutschland und seiner Naivität, sehr viel Geld verschenken zu wollen, ist er prädestiniert, den Terroristen zu geben.

An dieser Stelle muss ich die Schilderung der von le Carré erfundenen Figuren beenden, es würde dem Leser zu viel der Spannung nehmen. Nur so viel sei gesagt – der Autor schafft es auf unnachahmliche Weise, den Nervenkitzel von Kapitel zu Kapitel zu steigern und man ist geneigt, laut zu rufen: „Merkt ihr nicht – wollt ihr nicht merken, dass ihr den Falschen jagt?“

Das ist die Kernaussage dieses Romans, wie beinahe aller seiner Romane – die Geheimdienste erschaffen Feinde, wo keine sind und verlieren dabei die tatsächlichen Feinde aus den Augen. Und – das kommt noch hinzu – gleichgültig ob fiktiv oder real, die Dienste bekommen von jeder Regierung so ziemlich jedes Budget zur Pseudobekämpfung genehmigt, und jedes durch das Grundgesetz garantierte Persönlichkeitsrecht wird abgeschafft. Auch das ist eine Entwicklung, die wir gerade in mehreren westlichen Ländern erleben.

Ein Wort zu John le Carré. Wer seine Biografie kennt, weiß, dass er selbst nach dem Krieg beim britischen Geheimdienst war. Einem Interview, das er einem Journalisten gegeben hat, kann man entnehmen, dass er seine damaligen Arbeitgeber (übrigens eine Außenstelle Londons in Bonn) nicht ganz ernst genommen hat. Wie er auch einmal angedeutet hat, keinen Geheimdienst richtig ernst zu nehmen. Wenigstens zwei Altbundeskanzler haben eine sehr ähnliche Einstellung geäußert – Helmut Schmidt und Helmut Kohl.

Von besonderem Reiz ist die Sprache des Autors. Es ist dieser in beinahe jedem Satz anklingende, so typisch britische Zynismus, mit dem le Carré die diversen Akteure der deutschen Geheimdienstszene bloßstellt. Le Carrés Schilderungen werden nur noch von der Realität übertroffen, die wir seit Edward Snowden über in- und ausländische Geheimdienste erfahren haben oder vorher bereits wussten.

An dieser Stelle sei ein Abstecher in die reale Welt erlaubt. Murat Kurnaz, Sohn türkischer Eltern, in Deutschland geboren und aufgewachsen, mit deutschem Pass, hat von 2002 bis 2006 in Guantanamo eingesessen. Wie wir inzwischen wissen, gab es keinen ausreichenden Anfangsverdacht, darüber hinaus wurde ihm jegliche konsularische Betreuung seitens der deutschen Behörden verweigert. Kurnaz hat trotz der in Guantanamo praktizierten Folter wie Waterboarding nie ein Geständnis abgelegt, denn es gab nicht zu gestehen. Er hat für seine unrechtmäßige Inhaftierung nie eine Entschädigung erhalten, nicht einmal eine Entschuldigung wurde ihm zuteil. Die deutschen Behörden gingen sogar soweit, ihm nach seiner Entlassung aus Guantanamo die Einreise nach Deutschland zu verweigern, und man wollte ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen. Das ließ sich letztendlich dann doch nicht durchsetzen. Soweit bekannt, war seine Festnahme letztendlich auf eine Verwechselung zurückzuführen.

Es gibt mehrere Parallelen zwischen der fiktiven Person Issa Karpow in John le Carrés Roman Marionetten und den Erlebnissen des realen Murat Kurnaz. Beide waren zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Beide sind naive Zeitgenossen, die rein zufällig ins Räderwerk der Ermittler geraten. Und beide haben sich schon deshalb extrem verdächtig gemacht, weil sie kein Geständnis ablegten, weil sie nichts zu gestehen haben.

Die Geschichte des Murat Kurnaz ist unter dem Titel „5 Jahre Leben“ verfilmt worden, ein ungemein spannendes 2-Personen-Kammerspiel – Murat Kurnaz und der ihn verhörende Offizier. Marionetten ist unter dem Titel „A Most Wanted Man“ verfilmt worden. Den Chef der Undercover-Abteilung in Hamburg, Günter Bachmann, spielt der erst kürzlich verstorbenen Philip Seymour Hoffman. Es ist seine letzte großartige Rolle.

Noch ein Wort zum Tag des 9/11. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Ich saß vor meinem Rechner, schrieb irgendetwas, rechts neben dem Editor hatte ich wie immer die Nachrichten aufgeklappt. Ich sah die Zwillingstürme des World Trade Centers, dann die schwarzen Wolken – und wollte es nicht glauben. Erst bei den Spätnachrichten abends begriff ich, was ich gesehen hatte. Der Tag hatte die Welt verändert.


Kategorie: Agentenroman, Belletristik, Spionage, Thriller
Verlag: Ullstein Berlin

Sag nicht, dass du Angst hast

»Samia Yusu91MRpPsRdgL._SL1500_f Omar, Leichtathletin.
Geboren am 25. März 1991, Mogadischu, Somalia; gestorben am 19. August 2012, im Mittelmeer
Größe 1,63 m, Gewicht 54 kg«

Hinter diesen kurzen Anmerkungen bei Wikipedia verbirgt sich ein Drama, das wie ein Spiegelbild zur aktuellen Diskussion um die Flüchtlinge passt. Aber ich will nicht politisch werden, mir geht es um das Buch.
Der Titel des Buches ‚Sag nicht, dass du Angst hast‘ drückt eindrucksvoll aus, was für ein Mensch Samia war, von welch unglaublichem Durchhaltewillen geprägt.

Samia wollte ihre Heimat bei den Olympischen Spielen vertreten und das erreichte sie auch. Bei der Olympiade 2008 in Peking trug sie die Flagge Somalias beim Einmarsch der Teilnehmer. Beim 200-Meter Lauf ging sie weit abgeschlagen als letzte Läuferin durch das Ziel. Trotzdem: Wenn jemals der Spruch „dabei sein ist alles“ eine Berechtigung hatte, dann war es Samias Lauf.

Dafür muss man wissen, wie sie trainierte, wie sie sich auf Wettkämpfe vorbereitete. Nachts am Strand, trotz Ausgangssperre und der permanenten Gefahr, marodierenden Soldaten in die Hände zu fallen, denn Somalia ist seit Jahrzehnten von Bürgerkriegen geschüttelt. In einem islamisch geprägten Land treibt eine Frau Sport? Das geht nur im Verborgenen, höchstens bei Mondlicht.

Die Mutter ist Gemüsehändlerin, Straßenverkäuferin, womit hinreichend beschrieben ist, wie die Familie lebt – von Gemüse und der Hand im Mund. Der Vater ist tot, umgekommen bei einem der vielen Straßenkämpfe.

Die Behörden stellen ihr keine korrekten Reisepapiere aus, sie wollen ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London verhindern. Samia fasst einen folgenschweren Entschluss. Sie will illegal nach Europa, wenn es anders nicht möglich ist. Sie macht sich auf den Weg – wie viele Afrikaner heute.

Der Autor Guiseppe Catozzella schafft es meisterhaft, das Leben der notleidenden Bevölkerung Somalias zu beschreiben. Wobei er – vielleicht unabsichtlich – die aktuelle Not vieler Afrikaner beschreibt. Er erzählt, wie man in einem über Jahrzehnte von Bürgerkriegen geschüttelten Land lebt, wie man zusammengepfercht wie auf einem Viehtransport auf der Ladefläche eines Lkws durch die Sahelzone und dann durch die Libysche Wüste an die Mittelmeerküste gelangt. Menschen fallen entkräftet von der Ladefläche, bleiben dem Tod überlassen am Wegrand liegen. Auf dem langen Weg sind Zwischenstationen eingerichtet, Mautstellen, wo die Schlepper zusätzliches Reisegeld kassieren, dass von den Angehörigen auf verschlungenen Wegen geschickt wird. Erst wenn gezahlt wird, geht die Reise weiter. Kommt kein Geld, ist der Hungertod gewiss.

An der libyschen Küste warten ausrangierte Fischerkähne und löchrige Schlauchboote, die ruhige See, keinesfalls Wind und höheren Wellengang überstehen. Gezahlt wird vorher und schaffen es die Boote wegen schlechter Wetterbedingungen gerade aus der Drei-Meilen-Zone und müssen umkehren, muss für den nächsten Versuch neue Passage bezahlt werden.

Das Buch geht wahrlich unter die Haut. Ich habe es an einem langen Abend gelesen, konnte es nicht aus der Hand legen. Es ist wohltuend unpolitisch, keine Anklage, die eindrucksvolle Beschreibung des kurzen Lebens einer tapferen jungen Frau.

Wer verstehen will – und jetzt werde ich doch etwas politisch – was die Afrikaner auf die lange Reise nach Europa treibt, wer erleben will, wie sich Flucht durch die Wüste anfühlt, der sollte dieses Buch lesen. Man begreift auch, dass wir nur einen verschwindend geringen Teil der Toten sehen, wenn in den Zeitungen steht, man habe gerade wieder fünfzig oder mehr Ertrunkene aus dem Mittelmeer gefischt. Das sind nur die Leichen, die bei uns angeschwemmt werden. Die vielen Toten über tausende Kilometer in den Wüsten und Halbwüsten Afrikas sehen wir nicht.

Samia Yusuf Omar hat es durch die Wüste geschafft, sie hat das Mittelmeer überquert, um dann eine Rettungsleine um eine Handbreit zu verpassen und im Mittelmeer zu ertrinken. Sie wurde 21 Jahre alt.


Kategorie: Biografie, Tatsachenroman, Thriller
Verlag: Albrecht Knaus Verlag