30 Jahre Wendy

wendy

Zum 30-jährigen Jubiläum hat Egmont Ehapa eine Wendy-Jubiläumsausgabe herausgegeben. Die Ausgabe wartet mit sechs hübschen Pferdepostern auf, darin enthalten eins, das Wendys Welt zeigt, sowie einem Extra, das an die Tamagochis der 90er erinnert: Die Spielerin kann zwischen 99 Tierbabys wählen und eines aufziehen. Dazu muss sie sich regelmäßig um das Tier und seine Bedürfnisse kümmern. Meine Meinung dazu ist zwiegespalten: Einerseits ist das sicher besser als ein echtes Haustier, an dem man früher oder später das Interesse verliert und das dann in einer Kinderzimmerecke dahinvegetiert und leidet, weil sich keiner mehr richtig um es kümmern will. Als Probe vor der Anschaffung eines echten Tieres wäre so ein Tamagochi evtl. geeignet. Auch für Nostalgiefans bestimmt nett, da das Tierbaby die typische alte Pixelung hat. Andererseits ist das Kind an das Digi-Tier gebunden, egal, was es gerade machen will/muss. Das könnte zur Sucht ausarten (und außerdem die Umgebung/Eltern mitterrorisieren). Und es gibt mit Handy, PC, Fernsehen usw. genug, um Kinder (und Erwachsene) von der Realität abzulenken. In Maßen genossen und kritisch damit umgegangen ist das alles sicherlich was Nettes und zuweilen Hilfreiches, aber momentan steckt die Gesellschaft bzgl. Digitalisierung noch in den Kinderschuhen. (Ich sehe mit Schaudern all die Handy-Zombies, die kaum noch das Handy aus der Hand legen können/wollen, und sowas muss man nicht unbedingt fördern, auch nicht mit der Neuauflage eines (Terror-)Tamagochis.)

Als weiteres Extra gratulieren Promis wie Rebecca Mir oder Helen Langehanenberg dem Magazin. Beim Durchlesen der Texte fragt man sich allerdings bei Lina Larissa Strahl, ob sie wirklich mit Wendy und Pferden viel am Hut hat. Der Text klingt eher nicht so. Für einen Oh-Effekt sorgen die Infos darüber, dass z.B. mit allen Wendy-Magazinen die Erde komplett bedeckt werden könnte. Das sind Infos, die zwar nicht unbedingt nötig, aber nett zu lesen sind. Etwas mehr Infos hätte ich mir dagegen über ein soziales Projekt gewünscht, das im Heft vorgestellt wird: Die Pferdeklappe hätte mehr Platz verdient als bloß unten auf der Seite nach einer Buch- und CD-Besprechung das Schlusslicht zu bilden. Als weiteres Extra wird You-Tube-Star Mia (11) von „Mias Welt“ vorgestellt und nebenbei bestimmte Begriffe bzgl. Videos erklärt. Ihr widmet Wendy eine ganze Seite, und durch ihr Alter und ihre Pferdebegeisterung spricht sie wohl die Zielgruppe der Sieben- bis Elfjährigen direkt an. Auf der Internetseite des Magazins gibt es noch viele weitere Extras wie ein Wendy-Expertenquiz, weitere Comics oder einen Charaktertest. Als Pferde werden diesmal zwei Gegensätze vorgestellt: Die Wasser liebenden Carmague-Pferde und die in der Wüste lebenden Namib-Pferde. Schon dieser Kontrast macht neugierig auf die Texte. Diese sind einfach gehalten und vermitteln die wichtigsten Infos im Einklang mit vielen Fotos. Schön auch der Artikel zu den Pferdekunststücken, der erklärt, dass die Dressur und viele Kunststücke auf natürlichen Bewegungen des Pferdes beruhen. Auch hier sind die Texte einfach, informativ und interessant gehalten. Bei der Rubrik „Wahre Geschichte“ zu wahren Begebenheiten, die neu im Heft ist, werden außergewöhnliche Geschichten von Leserinnen vorgestellt. Auch das liest sich gut.

Der Wendy-Comic basiert für meinen Geschmack zu sehr auf dem Gut-Böse-Schema: Vanessa ist die dumme Zicke und Wendy das liebe, reife Mädchen, das sogar noch für die Zicke ein gutes Wort hat. Wendy ist damit zwar ein Vorbild, aber ein recht realitätsfernes, denn nicht einmal Erwachsene verhalten sich so reif. Die Fotostory ist diesbezüglich etwas differenzierter: Die „böse“ Reiterin dort hat eine Hintergrundgeschichte, die ihr Verhalten verständlich macht und für deren Verhalten es eine Lösung gibt. Auch gut: Andere Reiterinnen sind bereit, hinter die Fassade zu blicken (und nicht gleich zu verurteilen), um sich ein realistisches Bild von einem Menschen machen zu können.

Das Gewinnspiel verspricht eine Woche Reiterferien wie auf dem Wendy-Hof. Für Leserinnen sicher eine schöne Sache.

Insgesamt ein schönes Heft. Es gibt zwar Makel, aber die sind behebbar. Was ich mir als ehemalige Leserin allerdings noch im Heft selbst gewünscht hätte: eine interessante Aufbereitung der 30-jährigen Geschichte von „Wendy“.

Anbei die Presseerklärung von Egmont Ehapa zum Jubiläumsheft:

Egmont Ehapa feiert das „Wendy“-Jubiläum: Am 3. Juni wird das erste
und zugleich erfolgreichste Pferdemagazin Deutschlands 30 Jahre alt!
„Wendy“ legte 1986 den Grundstein für das Genre der
Pferdezeitschriften im Mädchensegment und begeistert seit
Generationen zahlreiche sieben- bis elfjährige Leserinnen.

Wichtigster Bestandteil des Magazins war und ist die Vermittlung von
Grundlagenwissen über Pferde. Daneben finden die Leserinnen im Heft
auch tolle Reportagen über Haustiere und vor allem die realitätsnahen
Fotostorys sind sehr beliebt. Mit lustigen Spiel- und Spaßseiten
sowie tollen Postern und einem großartigen Extra aus der Pferdewelt
dreht sich bei Deutschlands beliebtestem Pferdemagazin „Wendy“ nach
wie vor alles um das liebste Hobby der Mädchen.

Ehapa veranstaltet im Rahmen des Jubiläumsmagazins einen aufregenden
Traumpferd-Contest und schenkt allen Lesern außerdem als Heftextra
ein digitales Haustier! Daneben überrascht das Magazin mit
zahlreichen spannenden Geschichten aus 30 Jahren „Wendy“ und erfreut
sich auch prominenter Glückwünsche.

In 30 Jahren stellte „Wendy“ so einige Rekorde auf: So gelangt man
mit allen bisher erschienenen „Wendy“-Magazinen übereinandergestapelt
bis Mond und sogar wieder zurück. Außerdem ließe sich mit allen
gedruckten Seiten der „Wendy“ die Erdoberfläche einmal komplett
verhüllen – Christo lässt grüßen!

„Wendy“ erscheint mit einer Auflage von 90.000 alle drei Wochen und
ist im Handel zu einem Preis von 3,50EUR erhältlich.“

 


Illustrated by Egmont Ehapa

Dr. Oetker Backen macht Freude

Dr. Oetker ist vielen von uns als Hersteller von Backrezepten bekannt. Daß sich das westfälische Unternehmen auch um lebensmittelkundliche Literatur bemüht ist daher schon naheliegend.

Es gibt einen einführenden Teil, in dem Ratschläge zu Themen wie Backzutaten, zweckmäßige Geräte, Maße und Gewichte, Backhitzen und das richtige Aufbewahren von Gebäck gegeben werden.

Rührteig, Biskuitteig, Knetteig, Hefeteig und andere Backformen werden hier vorgestellt. Christa Schlüter-Zeitz und Gisela Knutzen heißen die beiden Autorinnen des Buches. Sie bemühen sich schon um eine neutrale Darstellungsweise, die nicht allzu offensichtlich Werbung für die Dr. Oetker – Produkte macht.

Bei den Rezepten handelt es sich um gutbürgerliche Backwaren; Experimente gibt es hier keine. Bei dem Ratgeberteil wird sich um einen hauswirtschaftlichen und backwarenbezogenen Bezug bemüht. Wer sich an der Zubereitung von Kuchen und anderen Backwaren erfreuen kann, hält hier also schon sinnvolle Literatur in den Händen.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Ceres Verlag Rudolf-August-Oetker KG Bielefeld

St. Adelgundis in Emmerich am Rhein

St. Aldegundis in Emmerich am Rhein; Deutscher Kunstverlag München 2007; 24 Seiten; ISBN: 978-3-422-02103-7

St. Aldegundiskirche heißt eine katholische Kirche in Emmerich. Das Gebäude, das wir heute kennen, wurde in den Jahren 1449–1514 gebaut. Es trat an die Stelle der durch Brand zerstörten alten Pfarrkirche. Nach den Zerstörungen in Emmerich im Zweiten Weltkrieg wurde sie weitgehend in den alten Formen wiederaufgebaut. “

Die Emmericher Pfarrkirche präsentiert sich heute als architektonische Sonderform, und zwar als Stufenhalle. Der Außenbau ist von dem Rot des Ziegelmauerwerks und dem quadratischen Westturm aus Tuff geprägt. Im Inneren tragen ebenfalls aus Formziegeln gemauerte Pfeiler die Arkaden zwischen den Seitenschiffen. Durch die weißen Wände und viele teils klar verglaste Fenster wirkt der Raum dennoch hell. Zum Inventar der Kirche gehören eine Vielzahl gotischer Heiligenfiguren aus Holz und eine Kopie des Columba-Altars Rogier van der Weydens,“ stellt der Verlag sein Produkt auf seinem Internetauftritt vor.

Und vergißt dabei doch tatsächlich, den Autoren namentlich zu benennen.


Genre: Dokumentation
Illustrated by Deutscher Kunstverlag München

Das Buch ohne Staben


Das offizielle Verlagsvideo zum „Buch ohne Staben“

Virales Marketing nennt sich die Methode, mit der die Vertriebsleute des Bastei-Lübbe-Verlages antraten, „Das Buch ohne Staben“ bekannt zu machen: Dutzende Blogger und Online-Communities, die im weitesten Sinne mit Büchern zu tun haben, bekamen geheimnisvolle Post eines „Bourbon Kid“, der ein „Buch ohne Staben“ ankündigte. Kurz darauf flatterte ihnen dieses Werk auch ins Haus: es war ein vollkommen leeres Buch, das angeblich mit Geheimtinte bedruckt war. Es folgte ein geheimnisvolles YouTube-Video. Da niemand imstande war, die „unsichtbaren“ Buchstaben zum Leben zu erwecken, trudelte bald darauf ein neues „Buch ohne Staben“ ein, das jedoch im Unterschied zum ersten Opus großzügig mit „Staben“ bedruckt war. Nun durfte gelesen werden …

Der „Anonymus“ genannte Autor ohne Namen hatte zuvor bereits ein „Buch ohne Namen“ verfasst und damit gedroht, dass jeder, der das Buch lese, sterben müsse. Das erhöhte den Kitzel vor allem für junge Leseratten ungemein, und da es offenbar doch noch Überlebende gab, kommt der zweite Band der Saga um „Bourbon Kid“ gerade recht. Selbst schreibt der Verfasser über sein erstes Opus, es sei „im Grunde genommen ein Durcheinander verschiedener Geschichten und angeblicher Tatsachen, alles in einem einzigen Band zusammengewürfelt. Es ergibt kaum einen Sinn, größtenteils jedenfalls. … Der Autor ist eindeutig ein Volltrottel, was möglicherweise erklärt, wieso er nicht seinen Namen in das Buch geschrieben hat. … Obwohl das auch daran liegen könnte, dass es möglicherweise mehr als einen Urheber gibt.“

Wer auch immer der Urheber ist, es geht jedenfalls um eine wüste Geschichte, die in einem Städtchen namens Santa Mondega spielt. Eine Mumie aus dem städtischen Museum erwacht zu neuem Leben und verschlingt ihre Wärter. Ein Haufen wilder Vampire erwartet die Nacht. Werwölfe träumen vom Vollmond. Hohepriester halten ein junges Mädchen gefangen, um zu einem festgelegten Stichtag ihr Blut zu trinken. Ein Dunkler Lord geht um, ein kugelsicherer Mönch will Vergeltung, und korrupte Polizisten fordern ihren Anteil am blutigen Mahl. Es ist eine Gesellschaft, in der ein Menschenleben weniger zählt als ein Glas Pisse.

Ihnen allen geht es um den Heiligen Gral, einen goldenen Kelch, aus dem das Blut bestimmter Gestalten getrunken werden muss, um unsterblich und Herrscher über die Welt der Lebenden und Untoten zu werden. Um diesen Kelch sowie um das „Auge des Mondes“, einen blauen Stein mit mächtigen magischen Fähigkeiten, kämpfen die verschiedenen Parteien, die sich meistens in verruchten Kaschemmen, schummrigen Bars und schäbigen Diskotheken herumtreiben. Zwischen ihnen agiert ein geheimnisvoller Massenmörder namens „Bourbon Kid“, der bei jedem Auftritt zuverlässig ein infernalisches Blutbad unter den Anwesenden anrichtet.

Reihenweise werden Leute auf die denkbar brutalste Weise gefoltert und geschlachtet. Blut, Hirn, Gedärm und Scheiße spritzen durch die Kapitel, und es gibt kaum einen Akteur, der im Laufe der Ereignisse nicht zerfetzt am Boden liegt oder besudelt durch die Gegend taumelt. Bourbon Kid will Rache, weil einige seiner perversen Gegner seinen geistig zurückgebliebenen Bruder zu Tode gefoltert haben, und er nimmt sie auf grauenvolle Weise. Aber der Massenmörder hat noch ein anderes Motiv: ein Mädchen. Rahmenhandlung der Geschichte ist nämlich eine Liebesschnulze, die den Lonely Rider mit dem von ihm angebeteten Mädchen zusammenbringt. Sie ist natürlich ein hässliches Entlein, das von allen gemieden wurde, nie einen Freund hatte und jeweils an Halloween (31. Oktober) auf ihren großen Helden wartet. Doch auch ihr Traumtyp trägt seine Narben, und so passen sie in ihrem Einzelgängertum ideal zusammen.

Das „Buch ohne Staben“, im Original mit „Das Auge des Mondes“ wesentlich griffiger betitelt, ist eine Horror-Thriller-Fantasy-Vampir-Gothic-Liebesromanmixtur, in dem es um Rache, Vergeltung und die Einsamkeit im Dickicht der Menschen geht. Der Roman schwimmt auf der Welle okkulter Jugendliteratur, die derzeit starke Resonanz unter Teenagern findet. Dabei werden die Grenzen zwischen Gut und Böse vollkommen aufgelöst. Ordnungshüter entpuppen sich als sadistische Verbrecher, und Massenmörder werden zu Helden. Es ist eine Welt, die jede Bodenhaftung verloren hat, keine Moral kennt und Gemeinheiten zum täglichen Brot kürt.

Der Text hat die unwirkliche Realität und Geschwindigkeit eines Computerspiels, bei dem unbesiegbare Terminatoren und Superhelden mit dem Kroppzeug dieser Erde aufräumen. Verschont wird dabei allerdings kaum jemand, denn alle sind letztlich korrupt und schuldig. Es gibt keine moralische Instanz außer dem eigenen Ich, und das nackte Überleben im Weltuntergangsinferno wird zum puren Glücksspiel. So blutrünstig die Ereignisse in den Handlungssträngen aber auch sein mögen, sie werden vom Leser erstaunlich emotionslos angenommen. Rasanz und Spannung entsteht durch die üppige Verwendung von Cliffhangern, die sprachlich mitunter hölzerne (was aber auch an der Übersetzung liegen mag) 68 Kapitel miteinander verweben.

Aufgrund des Mangels an literarischer Qualität hat der Verlag gar nicht erst versucht, über das klassische Feuilleton Leser zu erreichen. Vielmehr wurde darauf gesetzt, das Web 2.0 zu nutzen, um vollkommen neue Schichten Buchleser anzusprechen. Die vielfältigen Reaktionen im Netz auf das Buch, beispielsweise in zahllosen Amazon-Leserrezensionen, lassen vermuten, dass die Rechnung aufgeht. Ob ein derartiges Buch möglicherweise auch die Gefühls- und Gedankenwelt derjenigen widerspiegelt, die mit einer Pumpgun die nächste Schule stürmen und Gleichaltrige niedermähen, um erlittene Erniedrigungen zu rächen, wäre eine Überlegung wert. Zumindest passt das Werk optimal zum Zauber, der um Halloween veranstaltet wird.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Horror
Illustrated by Bastei Lübbe Bergisch Gladbach