Der Untergeher

bernhard-2Wertheimer war ausexistiert

Avantgarde ist ein in der Literatur wenig geschätzter Begriff, beinhaltet er doch meist eine Konfrontation mit unbekanntem Terrain, die, wenn nicht zum Umdenken, so doch zum zumindest zeitweiligen Verlassen des Vertrauten zwingt, also mühsam ist und nicht vorhersehbare Ergebnisse zeitigt. Der Österreicher Thomas Bernhard ist einer dieser avantgardistischer Schriftsteller, der in seinem Werk die bewährten (und ausgetretenen) Pfade der Prosaliteratur konsequent ignoriert, wofür «Der Untergeher» ein beredtes Beispiel ist. Wer also bereit ist, sich dem aus unendlich vielen Prosatexten vertrautem, konventionellem Erzählstil zu entziehen, wird hier auf ganzer Linie fündig. Der Leser begegnet nämlich einem sehr eigenwilligen Duktus, einem ganz besonderen sprachlichen Stil dieses polarisierenden Autors, an dem sich die Geister der Lesenden scheiden in glühende Bewunderer und abgrundtiefe Verächter. Nicht selten gesellen sich noch wutschnaubende Politiker und Künstler hinzu, die sich getroffen fühlen, weil Bernhard als Enfant terrible seinen Landsleuten überdeutlich die Leviten liest, im Roman wie früher auch in seinen gefürchteten Reden.

Thema dieses Romans mit dem eigenwilligen Titel ist die Frustration des Künstlers angesichts der Tatsache, dass es trotz aller Bemühungen fast immer andere, konkurrierende Künstler gibt, die tatsächlich oder vermeintlich besser sind, noch genialer, noch virtuoser. «Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus» lautet der erste Satz des Romans. Erzählt wird die Geschichte dreier Freunde, die zusammen am Mozarteum in Salzburg einen Klavierkurs bei Horowitz besuchen. Die Freunde des namenlos bleibenden Ich-Erzählers sind Glenn Gould und Wertheimer, dessen Vorname ebenfalls ungenannt bleibt. Angesichts des Genies von Gould resignieren die zwei Anderen, der Ich-Erzähler verschenkt spontan seinen Steinway, Wertheimer versteigert seinen Bösendorfer, beide rühren keine Taste mehr an. Gould sieht in Wertheimer einen, der untergehen wird und nennt ihn «Untergeher». Zwanzig Jahre später stirbt Gould beim Klavierspielen, Wertheimer erhängt sich wenig später.

Alles, was erzählt wird, ist in Form des Bewusstseinsstroms artikuliert, was der Autor durch ein ständig wiederkehrendes «dachte ich» zusätzlich verdeutlich. Damit wirkt er fast penetrant suggestiv auf den Leser ein, weist ihm strikt die Perspektive seiner Ich-Figur zu, zwingt ihm unentrinnbar deren endlosen Gedankenfluss auf. Lässt man sich darauf ein, entdeckt man viel Amüsantes, nicht nur in den deftigen Provokationen, für die Bernhard ja bekannt ist, sondern auch in den kreativen Wortschöpfungen, in der für ihn typischen erbarmungslosen Unduldsamkeit, und natürlich auch in seinen grotesken Übertreibungen. Salzburg sei die Stadt, schreibt er, «die im Grunde die kunst- und geistfeindlichste ist, die man sich denken kann, ein stumpfsinniges Provinznest mit dummen Menschen und kalten Mauern, in welchen mit der Zeit alles zum Stumpfsinn gemacht wird, ausnahmslos». Über die Motive für Wertheimers Suizid heißt es boshaft: «Er hatte sich zu Ende gelebt, war ausexistiert».

Der von mir über alles geschätzte, scharfsinnige Kabarettist Georg Schramm nannte eines seiner Bühnenprogramme «Thomas Bernhard hätte geschossen». Beide eint der scharfe Wortwitz, mit dem sie gegen den alltäglichen Wahnsinn zu Felde gezogen sind, die gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten angeprangert haben. Leider hat Schramm den Rückzug von der Bühne angetreten, man kann ihn dort nicht mehr erleben. Thomas Bernhard aber kann und sollte man lesen, er weitet einem auf wundersame Weise den literarischen Horizont, und auch wenn er dabei auf kabarettistische Art grob übertreibt, ist man nicht nur amüsiert, sondern en passant auch bereichert.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Holzfällen

bernhard-1Von Künstlerattrappen und geistlosen Poltermimen

«Eine Erregung» heißt der Untertitel dieses avantgardistischen Werkes von Thomas Bernhard, der damit einst seinen Ruf als Enfant terrible der Kunstszene Österreichs nachhaltig unterstrichen hat. Im Stil des inneren Monologs angelegt, dessen Gedankenfluss der Autor sprachlich durch einen absatzlos dahin fließenden Textstrom ohne jedwede Gliederung von der ersten bis zur letzten Seite abbildet, erlebt der Leser das Geschehen eines Tages aus der Sicht des Ich-Erzählers, mit unübersehbar autobiografischen Elementen allerdings, und zwar nicht nur, weil er ebenfalls Schriftsteller ist. Denn ob der Begriff Schlüsselroman hier berechtigt ist, mag man daran ermessen, dass kurze Zeit nach seinem Erscheinen der Verkauf des Buches gerichtlich gestoppt wurde von Leuten, die sich darin wiedererkannt hatten – und sich verunglimpft fühlten.

Dieser Text ist eine einzige, breit angelegte Suada, polemisch, sarkastisch, geradezu gallig, die vor niemandem halt macht, auch vor ihrem Urheber selbst nicht, dem «auf seinem Ohrensessel» sinnierenden, misanthropischen Schriftsteller. Er nimmt im Geist die kulturelle Schickeria Wiens aufs Korn, zu der auch die zu einem späten «künstlerischen Abendessen» im Hause des Komponisten Auersberger geladenen Gäste zählen, die nun geduldig auf einen Burgschauspieler warten, der nach seinem Auftritt in Ibsens «Die Wildente» sein Erscheinen zugesagt hat. Vormittags hatte der Schriftsteller noch am Begräbnis einer alten Freundin teilgenommen, seine Gedanken kreisen deshalb anfangs immer wieder um die «Bewegungskünstlerin» Joana, die sich erhängt hat. Mit ihr wie auch mit den Gastgebern hatte er schon vor Jahrzehnten den Kontakt abgebrochen, er war jetzt von London aus nur zu einem Besuch nach Wien gekommen und hatte ohne richtig nachzudenken diese Einladung angenommen, worüber er im Nachhinein entsetzt ist.

Denn ihn regt alles auf, er demaskiert geradezu niederträchtig den Kunstbetrieb Österreichs im Allgemeinen und Wiens im Besonderen, und ihm ist nichts heilig dabei, insbesondere die Burgschauspieler nicht. «Geistlose Poltermimen» und «kleinbürgerliche Popanze» seien sie allesamt, die denn auch «aus dem Burgtheater längst ein Siechenhaus ihres dramatischen Dilettantismus gemacht haben». Dieses Abbild der Künstlerszene und der durch die Auersbergers repräsentierten «Guten Gesellschaft» ist für Thomas Bernhard wahrhaft jämmerlich. Bei aller bitterbösen Kritik ist aber immer auch ein subtiler Humor nicht zu übersehen, mit dem er sein Kultur-Szenario vor dem Leser ausbreitet und dann gnadenlos demaskiert, ich musste jedenfalls öfter schmunzeln bei seinen «Erregungen». Detailliert beschäftigt sich der Ich-Erzähler mit den anwesenden Künstlern, allesamt gescheiterte Existenzen, denen nie der Durchbruch gelungen ist, deren Kunst er jedenfalls vehement in Frage stellt, die er recht uncharmant als «Künstlerattrappen» bezeichnet.

Was das handlungsarme Buch lesenswert macht ist vor allem die kreative Sprache, der in vielen Wendungen steckende Wortwitz, aber auch der raffinierte dramaturgische Aufbau mit seinen geradezu suggestiv eingesetzten Wiederholungen, von denen «dachte ich auf dem Ohrensessel» wohl das häufigste Element ist, man sitzt irgendwann buchstäblich selbst dort! Dieses literarische Ostinato wird auch musikalisch verdeutlicht durch Ravels «Bolero», der zu später Stunde vom Plattenspieler ertönt. In einem ziemlich langen letzten Satz erkennt der Schriftsteller selbstkritisch, dass er sich kaum unterscheidet von den Menschen um ihn herum mit ihren Lügen und Halbwahrheiten, und er beschließt spontan, über das «künstlerische Abendessen» zu schreiben, «sofort und gleich, bevor es zu spät ist». Das war gut so!

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Ich bin ein Geschichtenzerstörer

Eins ist klar: Thomas Bernhard ist alles andere als ein Geschichtenzerstörer, mag er sich selbst auch mal in einem seiner gern provozierenden Interviews als ein solcher bezeichnet haben. Der schreibende Sonderling aus Oberösterreich ist vielmehr einer der größten Erzähler, die der deutsche Sprachraum aufzuweisen hat, und das beweist der vorliegende kleine Auswahlband mit dem provozierenden Titel anschaulich.

Bernhard hasste die idyllische Prosa, er schauderte vor belanglosen Erzählungen und wollte, »wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe«, diese gleich »abschießen«. Dabei erzählte er selbst gern in dem ihm eigenen giftig-monologisierenden, mit atemlosen Bandwurmsätzen gefüllten Stil Geschichten, die er geschickt in seine Romane einbaute. Einige dieser Geschichten wurden für diesen Band aus ihrem bisherigen Umfeld ausgelöst, sie wurden quasi entbeint und funkeln nun wie Edelsteine im literarischen Raum.

Bernhards Geschichten verstören den Leser, wenn er mit ihm auf Pfaden der Kindheit zur Forchlermühle wandert, wo die Müllersöhne einem halben Hundert exotischer Singvögel, die zuvor Jahrzehnte lang in einer weitläufigen Voliere gehegt und gepflegt wurden, den Hals umgedreht haben, um sie auszustopfen und dann in das Zimmer ihres einstigen Herrn auszustellen. Das Geschrei der Exoten sei ihnen nach dem Tod des Onkels, der die Tiere betreut habe, auf die Nerven gegangen, wird dem Besucher beschieden, jetzt kehre wieder Ruhe ein in das Tal am Ende der düsteren Schlucht. Dem macht es der Geruch der Vogelleichen unmöglich, länger zu bleiben, er geht hinaus.

Großartig ist Bernhards Beschreibung einer Autofahrt, um ein Exemplar der Neuen Zürcher Zeitung mit einem ihn interessierenden Aufsatz zu erwerben. Rund 350 Kilometer fährt er mit zwei Freunden zuerst in die »sogenannte weltberühmte Festspielstadt« Salzburg, wo sie die Zeitung jedoch nicht bekommen, dann in den »weltberühmten Kurort Bad Reichenhall« sowie weitere kulturell hoch notierte Orte, um feststellen zu müssen, dass es dieses von ihm hochgeschätzte Blatt nirgendwo gibt. In einer meisterhaften Suada entzündet sich aufgrund der Nichterhältlichkeit der Zeitung sein Zorn gegen Österreich, »dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land«. Er wolle sich nur noch dort aufhalten, wo er wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekomme, tobt der Dichter, und dann bleibe in Österreich in Wirklichkeit nur Wien, denn in allen anderen Städten die vorgeben, das Blatt zu haben, bekomme man sie gerade dann nicht, wenn man sie unbedingt brauche.

Ein erzählerisches Kabinettstückchen liefert der Gmundener Autor, wenn er »Im Aufmachen der Kommode« eine gelbe Papierrose entdeckt und schwallartig erzählt, wie er mit einem Studienfreund ein Musikfest in Altensam besucht habe, wo sie sich »durch rasches Austrinken mehrerer Gläser Bier und Schnaps gleich in die für ein solches Musikfest notwendige gehobene Stimmung gebracht« hätten, dann jedoch von diversen bekannten Gesichtern endlos ausgefragt wurden, warum sie nicht in ihrem Heimatort geblieben, ja, ob sie überhaupt noch Österreicher seien, um sich dann schließlich, als sie es nicht mehr aushielten, einen Weg durch hunderte betrunkene Leute zu einem Schießstand zu bahnen, an dem der Freund, der doch ebenso wie Bernhard den Schießsport ebenso wie die Jagd verachtete, im Grund sogar hasste, eine Reihe Papierrosen abschoss, worauf er von den Umstehenden als der beste Papierrosenschütze, den sie jemals auf einem Musikfest getroffen hätten, bezeichnet wird.

Wer sich dem Bernhardschen Duktus vorsichtig annähern möchte und keine Angst vor meisterhaft gemachten, oft seitenlangen Satzungetümen hat, der wird mit dieser klitzekleinen Auswahl bestens bedient.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Meine Preise

Wer Thomas Bernhard von seiner witzigen Seite kennenlernen möchte, der ist mit dieser Persiflage auf Verleihungen diverser Literaturpreise an den schreibenden Genius aus Gmunden bestens bedient.

25 Jahre seines Lebens stiefelte Bernhard in denselben Klamotten durch die Gegend. Er trug sie daheim, unterwegs und auch bei gesellschaftlichen Ereignissen: Dies waren ein knallroter Schafswollpullover, den ihm ein gut gelaunter Amerikaner nach dem Krieg geschenkt und der schon fast alle Städte der Welt gesehen hatte sowie eine graue Hose aus Wolle. Doch am Tag, an dem ihm in der Akademie der Wissenschaften der Grillparzer-Preis verliehen werden soll, entschließt sich der Meister wenige Stunden vor Beginn der Veranstaltung, seine Lieblingsboutique „Sir Anthony“ aufzusuchen und einen Reinwollanzug in anthrazit anzuschaffen. Er wählt dazu passende Socken, ein graublau gestreiftes Hemd und eine Krawatte und behält die Neuerwerbungen gleich an. Die dienstbaren Geister der Kleiderstube packen seine alten Klamotten in eine Tüte mit Werbeaufdruck und Bernhard zieht fein ausgestattet von dannen.

Im Foyer der Akademie, in der ihm der Preis verliehen werden soll, hält er Ausschau nach einer Persönlichkeit, die ihn begrüßt – doch niemand beachtet ihn. Er geht in Begleitung seiner Tante in den Festsaal, in dem die Musiker bereits ihre Instrumente stimmen. Niemand kommt, ihn in Empfang zu nehmen und zu seinem Platz zu begleiten. Schließlich quetscht er sich in eine hintere Sitzreihe und beobachtet amüsiert die wachsende Unruhe, die Festkomitee und Veranstalter befallen. Alle scheinen jemand zu suchen. Bernhard weiß auch, wer das ist.

Endlich wird man auf ihn aufmerksam, stürzt herbei und bittet ihn in die erste Reihe. Bernhard besteht nun darauf, vom Festpräsidenten persönlich gebeten zu werden. Der platziert ihn neben die Kultusministerin, die ob der folgenden Elogen auf Grillparzer bald einschläft und „das bekannte Ministerschnarchen“ anstimmt. Bernhard nimmt die Auszeichnung entgegen, sagt aber einfach nur „Danke“ statt große Reden zu schwingen und verlässt die Veranstaltung, ohne dass es jemand bemerkt. Selbstbewusst geht der frisch gekürte Preisträger zu „Sir Anthony“ zurück und gibt den Anzug, der ihm plötzlich viel zu klein zu sein scheint, wieder zurück.

Andere Preisverleihungen an Thomas Bernhard gingen weniger glimpflich ab und motivierten ihn zu Schmähreden über die österreichische Ministerialbürokratie, unfähige Kulturbeamte und großkopferte Literaturfunktionäre. Er schaffte es mit seiner unvergleichlich trockenen Art, Preise und Auszeichnungen abzuräumen und gleichzeitig mit seinen Reden die offiziellen Gäste zum fluchtartigen Verlassen der Feststätten zu bewegen. In seiner Prosa liest sich das alles wie eine große Posse, wie Realsatire, die einem phantasiebegabten Hirn entspringt. Doch weit gefehlt: Bernhard erzählt nur unbekümmert, wie es zu dem ein oder anderen Eklat kam und stellt gerade damit sein unvergleichliches Talent unter Beweis. Spannend ist es schließlich, zu den Prosatexten die zugehörigen Festreden zu lesen, die dem Bändchen beigefügt sind.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Elisabeth II. Keine Komödie

Die Queen kommt nach Wien. Gegen Mittag wird die britische Königin Elisabeth II. in der Wiener Innenstadt erwartet. Vom Balkon des 87jährigen greisen Großindustriellen Herrenstein möchten sich auf Einladung seines Neffen Victors rund 40 Gäste das Ereignis ansehen.

Rudolph Herrenstein, durch einen Autounfall an den Rollstuhl gefesselt, ist ein Grantler und Menschenfeind. Der Waffenhändler lebt mit seinen Diener Richard und seiner Hausangestellten in einer riesigen Wohnung, in deren Musikzimmer auch ein Bösendorfer steht und ist jedem Besuch abgeneigt. In einer gewaltigen, sich ständig steigernden Schimpfkanonade zieht er über seine Gäste, über Wien, Österreich, Musik, Literatur und Kunst her.

Als endlich die Königin mit Verspätung naht, stürzen die inzwischen 90 Gäste auf den Balkon und winken mit dem Union Jack. Unter ihrer Last kracht der gesamte Balkon drei Stockwerke tief zu Boden und verschwindet in einer Staubwolke. Lediglich der Alte und sein Diener überleben.

Thomas Bernhard hat dieses tragikomische Stück zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht und seine Aufführung nicht mehr erlebt. Monologartig kotzt die zentrale Figur Herrenstein seinen gesamten Abscheu über Gott und die Welt aus sich heraus. Der Protagonist nimmt unter anderem auch Bezug auf verschiedene Komponisten und erklärt, Mozarts Oper „Cosi fan tutte“ sei die einzig genießbare Musik, während er bei der Aufführung von Johannes Brahms traditionell die „schwarze Fahne“ hisst. Goethe und Kleist zählen zu den wenigen Literaten, die ihm etwas gelten. Schopenhauer und Nietzsche seien Philosophen, mit denen er „in Urlaub“ fahren könne.

„Elisabeth II.“ ist ein großes Stück Bernhardscher Rhetorik, eine prächtige Suada, welche die Wortgewalt des Gmundener Dichters belegt.


Kategorie: Theater
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Einfach Kompliziert

Zeit seines Lebens misstraute Schriftsteller Thomas Bernhard dem Theaterbetrieb und seinen Akteuren. Ließ er sich aber von dem Einfühlungsvermögen eines Regisseurs überzeugen, dann entstand – wie bei Claus Peymann – eine intellektuelle Lebenspartnerschaft. Ähnlich hielt es Bernhard mit Schauspielern, so sie ihn denn faszinierten.

„Ritter, Dene, Voss“ heißt eines der Bernhard-Stücke, die bereits die Namen der drei Schauspieler (Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss) im Titel tragen und daraus quasi eine Verpflichtung ableitet, die entsprechenden Mimen auch zu besetzen. Thomas Bernhard schneiderte auch dem großen Bernhard Minetti ein Porträt des Künstlers als alter Mann auf den Leib und komponierte einen ähnlich sprachgewaltigen Monolog für Gert Voss, der unter dem Titel „Einfach kompliziert“ Theatergeschichte geschrieben hat.

In „Einfach kompliziert“ monologisiert ein Schauspieler (Gert Voss) über seinen größten persönlichen Erfolg in Shakespeares Drama „König Edward III.“ am Wiener Burgtheater. Inzwischen ist der Mime völlig heruntergekommen. Er haust in einem schäbigen Domizil, in dem die Mäuse auf dem Tisch tanzen. Als letzter Überlebende seiner Familie, auch seine Frau ist inzwischen verstorben, hasst er neben den Mäusen, die er mit Hingabe verfolgt und tötet, auch alle anderen Lebewesen um ihn herum: das Mausvolk, das es zu vergiften gilt.

Seit Jahren hat der Protagonist seine Klause nicht mehr verlassen und sich zwischen Selbstmitleid, Hass und Altersdepression zunehmend zu einem Sonderling entwickelt. Er beantwortet seit 13 Jahren keine Briefe mehr, hat das Telefon abgemeldet und studiert dennoch täglich die Stellenangebote einer Abonnementszeitung. Von seinem Erfolg als Edward III. ist ihm die billige Theaterkrone geblieben, die er in einer Truhe verwahrt und sich jeden zweiten Dienstag im Monat aufs Haupt drückt.

Höhepunkt des Werks in drei den Tageszeiten folgenden Szenen ist der Besuch eines neunjährigen Mädchens, Katharina, die ihm Milch bringt. Sie ist der einzige Mensch, den er zu sich lässt, mit dem er spricht. Ihr gesteht er, Milch zu hassen, diese wegzuschütten, und sie lediglich zu bestellen, um das Mädchen zu sehen. „Schauspieler sind wie Kinder, deshalb vertragen wir uns so gut,“ sagt er ihr und bittet sie zugleich, allen Leuten zu sagen, „der berühmte Schauspieler in der Hanssachsstrasse liebt Milch, und er trinkt Milch, er existiert nur, weil er jeden Tag Milch trinkt.“

Die maßgeschneiderte Textkomposition von Thomas Bernhard, deren beklemmende Wirkung sich optimal von Gert Voss, inszeniert von Claus Peymann, auf der Bühne darstellt, ist (so verrät es schon der Titel) ebenso einfach wie kompliziert. Ihr fehlt vielleicht der in vielen Texten des österreichischen Autors aufscheinende Bernhardsche Humor und auch dessen ätzende Gesellschafts- und Kulturkritik. Es handelt sich vielmehr um einen gedanklichen Sturzbach über das Altwerden, das Altwerden eines Schauspielers im Besonderen, über den Rückzug aus dem gesellschaftlichen Miteinander, über Wahn und Wahnsinn, und der Text bekommt eine zusätzliche philosophische Note in der Auseinandersetzung mit Thesen des „Urphilosophen“ Schopenhauer, die gelegentlich aufscheinen.


Kategorie: Theater
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

In hora mortis

Wild wächst die Blume meines Zorns
und jeder sieht den Dorn
der in den Himmel sticht
dass Blut aus meiner Sonne tropft
es wächst die Blume meiner Bitternis
aus diesem Gras
das meine Füße wäscht
mein Brot
o Herr
die eitle Blume
die im Rad der Nacht erstickt
die Blume meines Weizens Herr
die Blume meiner Seele
Gott verachte mich
ich bin von dieser Blume krank
die rot im Hirn mir blüht
über mein Leid.

Zum Frühwerk von Thomas Bernhard zählen rund 400 Gedichte. Sein Gedichtzyklus „In hora mortis“ („In der Stunde des Todes“) erschien erstmals 1958 und war der zweite Lyrikband, der von dem österreichischen Schriftsteller veröffentlicht wurde.

Der Titel ist dem „Ave Maria“ entlehnt und beschwört die Todesstunde eines Sterbenden. In Form eines direkt an Gott („Oh, Herr!“) gerichteten Stoßgebetes beschreibt der Dichter die Qualen, die er angesichts des Wartens auf seine Todesstunde empfindet. Thomas Bernhard stand aufgrund schwerer Lungenprobleme wiederholt auf der Schwelle des Todes und beschäftigte sich wohl auch deshalb immer wieder mit dem Thema Sterben.

Der Text beginnt mit der durchaus noch festen Klage „Wild wächst die Blume meines Zorn …“, um dann abzuklingen und in Traurigkeit zu verbrennen: „Ich bin vor Frost schon müd´ und traurig, weil mein Tag verglüht.“

Der Tod und die Relativierung aller anderen Werte angesichts dessen steter Nähe und Bedrohung ist eines der wichtigsten Motive des Zyklus. „Wo ist, was ich nicht mehr bin? – Die Zeit ist ausgelöscht“ schreibt der Dichter und stammelt schließlich am Ende des Textes: „zerschnitten ach zerschnitten ach zerschnitten ach ach ach mein Ach.“ Zerschnitten wird die Wahrnehmung der Außenwelt und des eigenen Ich. Der Tod erwischt alle, und keiner entkommt.

Deutlich klingt in dem Gebet auch die katholische Prägung Bernhards durch, wenn er mehrfach den Wunsch zu beten äußert und Gott als seinen Herrn preist. Später sagte er sich von der Amtskirche los und erklärte sie als eine der Hauptschuldigen für die Verkrüppelung des Individuums.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Insel Frankfurt am Main

Holzfällen

Thomas Bernhards Roman »Holzfällen« war kaum erschienen, das wurde das Buch in Österreich am 29. August 1984 gerichtlich beschlagnahmt und verboten. Der in dem Text angeblich dargestellte Komponist Lampersberg und seine Frau, die Sängerin Maja Lampersberg, meinten sich in dem Werk wieder zu erkennen und hatte die Klage ausgelöst. Erst im Februar 1985 konnte eine außergerichtliche Einigung erzielt werden, die Klage wurde zurückgezogen und der »Schlüsselroman« wieder frei gegeben.

In dem Text beschreibt der Erzähler, der von London nach Wien zurückgekehrt ist, wie er bei einem Spaziergang vom Ehepaar Auersberger angesprochen und zu einem »künstlerischen Abendessen« eingeladen wird. Obwohl er die Auersbergers hasst und überhaupt keine Lust auf eine derartig fragwürdige Geselligkeit hat, sagt er zu und erscheint.

Den Ablauf des Abends schildert Bernhard nun mit den für seinen Stil typischen Endlossätzen aus der sicheren Perspektive eines Ohrensessels, von dem aus er die Szene beobachtet. Er verflucht sich und seinen Leichtsinn, die Einladung der Auersbergers angenommen zu haben, da sich beide durch extreme Langeweile und Hohlheit auszeichnen. Frau Auersberger ist Sängerin, Herr Auersberger Komponist, ein »armseliger talentierter Spießbürger«, ein »vom Vermögen seiner Frau stumpfsinnig gewordener Gesellschafts-Kopist«.

Die geladenen Gäste, die er sämtlich von früher kennt und seitdem verachtet, seien ursprünglich alle nach Wien gekommen, um dort Karriere zu machen. Allerdings hätten sie es lediglich zu »Künstlerattrappen« gebracht. Die »leben und leben und leben und langweilen sich im Grunde durch ihr ganzes Leben und werden älter und älter und älter und sind nichts als nutzlos«.

Besonders stinkt dem Erzähler das mitternächtliche Erscheinen des Stargastes des Abends, einem selbst gefälligen Schauspieler vom Burgtheater, der an diesem Abend als Ekdal in Ibsens »Wildente« aufgetreten war. Die Figur des unentwegt psalmierenden und fressenden und psalmierenden Schauspielers gibt Bernhard Anlass zu einer giftigen Suada über die Wiener Theaterszene im Allgemeinen und das Burgtheater im Besonderen. Bei dem Stargast des »künstlerischen Abendessen« handele es sich um den »Prototypus des durch und durch fantasielosen und also völlig geistlosen Poltermimen«, gleichwohl das Publikum gebannt an seinen Lippen hänge, welchen Unsinn auch immer aus seinem Munde ströme.

Im Anschluss an das Nachtmahl legt der Burgschauspieler, der mehrere Gläser Wein getrunken hat, ein pathetisches Bekenntnis zur Natur ab: »Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen«, notiert Bernhard, der bald darauf als letzter Gast die Wohnung verlässt. Zuvor belügt er der Auersbergerin noch nach Strich und Faden. Es sei ein ganz besonders gelungener Abend gewesen, er fände den Burgschauspieler ganz einzigartig, und er schätzte ihr künstlerisches Abendessen über alle Maßen, schleimt er, wo die gesamte Veranstaltung ihm doch nichts weniger als abstoßend erschienen war.

»Um uns aus einer Notsituation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie.«

Angeekelt von sich selbst stürzt er schließlich nach draußen, einzig beseelt von dem Wunsch, sofort alles niederzuschreiben.

Bernhards »Holzfällen« ist ein tosender Sturzbach der Worte, ein endloser Satzschwall, den er erbricht, und der keine Gemeinheit und Niederträchtigkeit auslässt. Der Text ist eine ätzende Kritik an der feinen Wiener Gesellschaft, am Künstlertum, am Theater, an der Schauspielerei. Dem Autor ist die faszinierende Gabe des exakten Beobachtens gegeben, die bis in das sorgfältige Zerlegen eines Satzes beim Löffeln einer Suppe reicht.

Mit »Holzfällen« schleudert Bernhard seinen Hass auf die ihn umgebende Gesellschaft hinaus und macht zugleich deutlich, dass diese Verachtung Selbsthass ist, der ihn treibt. Seine Verachtung wiederholt er in immer wiederkehrendem Rhythmus, der Ravels »Bolero« angepasst ist, der wie als ein deutlicher Hinweis am Laufe des Abends auf den Plattenteller gelegt wird. Entsprechend der Musik schreibt Bernhard im Ostinato, in stetiger Wiederholung, die das Mahlwerk seiner Gedanken hervorbringt.

Dabei, und das macht die eigentliche Virtuosität Bernhards aus, ist es kein Klagegesang eines alten Grantlers, den er vorlegt. Der Text ist vielmehr in jeder Hinsicht komisch, er ist sogar dermaßen grotesk, dass der Leser nicht lächeln, nein, laut lachen muss, folgt er der Schilderung des Abends. »Holzfällen« ist eine gewaltig-geniale Schmähschrift auf den Kunstbetrieb und die Gesellschaft. Das Buch liest sich wie im Rausch, wenn man sich auf den eigenwilligen Stil Bernhards einlässt. Es ist gut nachzuvollziehen, dass die Veröffentlichung des urkomischen Werks diejenigen, die sich erkannten, auf die Palme getrieben hat. In Wien war es jedenfalls lange Jahre Mode, darüber zu spekulieren, wer denn der ein oder andere Protagonist in Wirklichkeit sei.


Kategorie: Romane
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Der Stimmenimitator

Ursprünglich nannte Thomas Bernhard seine Sammlung kurzer Prosatexte, die heute den Titel »Der Stimmenimitator« trägt, »Wahrscheinliches – Unwahrscheinliches«. Der Originaltitel beschreibt ziemlich genau das, was das Wesen der Veröffentlichung kennzeichnet: Es handelt sich um rund einhundert Texte im Stil lokaler Pressenachrichten, die ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich klingen.

Sachlich wird berichtet von denkbaren und undenkbaren, von möglichen und unmöglichen Ereignissen, die der Autor blitzlichtartig aufnimmt und wiedergibt. Fast immer münden die Kurzberichte im Unglück, und die Trennwand zwischen Komödie und Tragödie ist hauchdünn.

Bernhards Hauptfiguren sind Höhlenforscher, Professoren, Bürgermeister, Feuerwehrleute, Dompteure, Schauspieler, Wahrsager, Postboten, Chorknaben, Bankangestellte und Präsidenten. Es sind recht unterschiedliche Gestalten. Manche Berichte lesen sich wie Anekdoten, manche werden zur Parabel für die Zeit, in der wir leben. Immer aber scheinen die Ereignisse eindringlich und unausweichlich auf ein Ende zuzustreben, das zufällige Unglück wird notwendig, der Tod unumgänglich.

Ein Schauspieler verkörpert die Rolle des bösen Zauberers in einem Kinderstück so überzeugend, dass die kleinen Zuschauer die Bühne stürmen und ihn zu Tode trampeln. Zwei Herren füttern im Tierpark Schönbrunn die Affen, bis die Tiere die Futterreste sammeln und es den Zoobesuchern durch das Gitter hinaus reichen, die darauf entsetzt dem Tiergarten entfliehen. Höhlenforscher kehren aus einer unerschlossenen Höhle nicht zurück, Rettungsmannschaften werden ausgeschickt, bleiben aber ebenfalls verschollen, worauf die Behörde den Höhleneingang zumauern lässt.

Ein Denker tauscht mit dem Wirt eines vorzüglichen Gasthauses die Rollen, worauf naturgemäß weder Wirt noch Denker in ihren neuen Rollen funktionieren. Die Bürgermeister von Pisa und Venedig landen in ihren jeweiligen städtischen Irrenhäusern, weil sie, um die Touristen vor den Kopf zu stoßen, heimlich den schiefen Turm von Pisa mit dem Campanile von Venedig tauschen wollen.

Zum engen Wechselspiel von Tragödie und Komödie sagt Bernhard selbst: »Man kann in Verzweiflung, sage ich, gleich, wo man ist, gleich, wo man sich aufhalten muss in dieser Welt, von einem Augenblick auf den anderen aus der Tragödie (in der man ist) in das Lustspiel eintreten (in dem man ist), umgekehrt jederzeit aus dem Lustspiel (in dem man ist) in die Tragödie (in der man ist).«

Die feine Textsammlung eignet sich vorzüglich, um in die Gedankenwelt Bernhards einzusteigen.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Die Berühmten

Bernhards aus zwei Vorspielen und drei Szenen bestehende Komödie beleuchtet das Musiktheater und seine Protagonisten und nimmt den Festivalbetrieb zwischen Bayreuth und Salzburg kritisch aufs Korn. Der Text entstand 1975 und wurde am Theater an der Wien unter der Regie von Peter Lotschak am 8. Juni 1976 uraufgeführt.

Anlässlich seiner 200. Vorstellung als Baron Ochs von Lerchenau im »Rosenkavalier« von Richard Strauss lädt ein Bassist berühmte Künstler seiner Zeit ein, die ihm zu Freunden und Verbündeten geworden sind. Für sie stellvertretend stehen »Vorbilder« als Avatare bereit, zu denen sich die Anwesenden gesellen. Vertreten sind Richard Mayr (1877-1935), ein als »Ochs« berühmt gewordener österreichischer Bassist sowie der als »König des Belcanto« in die Musikgeschichte eingegangene österreichische Tenor Richard Tauber (1891-1948). Alexander Moissi (1879-1935) und Helene Thimig (1889-1974) repräsentieren die Zunft der Schauspieler. Der Regisseur und Intendant Max Reinhardt (1873-1943), der italienische Stardirigent Arturo Toscanini (1867-1957), die Pianistin Elly Ney (1882-1968) sowie Verleger Samuel Fischer (1859-1934) sind ebenfalls mit von der Partie. Lediglich die Sopranistin Lotte Lehmann (1888-1976) lässt auf sich warten und stößt erst im zweiten Vorspiel zu der Gruppe.

Im Mittelpunkt des Stückes steht der Bassist, der von den anderen in einem gewaltigen, selbstgefälligen Monolog über seine Karriere und seine Kunst unterstützt wird. Während er schlemmt, erzählt er die Geschichte eines Dirigenten, der bei seinem Auftritt kopfüber in den Orchestergraben gestürzt sei und sich dabei schwer verletzte. Damals sei noch echte Kunst auf der Bühne gezeigt worden. »Heute wird vom Fließband gesungen, alle singen und schauspielern vom Fließband, eine einzige riesige Massenfabrikation, pseudomusikalisch«, kritisiert er den Opernbetrieb. Es handele sich dabei um eine »perverse Vermögensbildung auf dem Konzertpodium und auf dem Theater«.

Der Verleger meint dazu, »das Genie soll sich hüten, der Mittelmäßigkeit etwas beibringen zu wollen«, und der Regisseur sieht die größte Leistung der Kunst nicht im absolut Schönen sondern im Verkrüppelten: »Von dem Verkrüppelten geht immer eine Faszination aus. In jeder Kunstgattung, ist es die Malerei, ist es die Literatur, ja selbst in der Musik fasziniert uns das Verkrüppelte.« Alle Großen und alles Große sei verkrüppelt. Die Großen, die Bedeutenden, die Berühmten seien verkrüppelt, sei dies nun sichtbar oder nicht. Bereits Theodor Adorno habe nachgewiesen, das Genie sei schon immer verkrüppelt gewesen, in körperlicher oder geistiger Hinsicht.

Im zweiten Vorspiel greift der Bassist diesen Gedanken auf: »Jeder hat seine Verkrüppelung. Nur wird sie nicht zugegeben. Der Künstler gibt seine Verkrüppelung nicht zu, aber er schlägt Kapital aus seiner Verkrüppelung.« Der Regisseur unterstützt ihn lautstark: »Das Genie ist ein durch und durch krankhafter und verkrüppelter Mensch und ein durch und durch krankhafter und verkrüppelter Charakter.«

In der ersten Szene geht es dann um das »Volksmärchen« von der Bescheidenheit der Künstler. »Der große Künstler fordert, und er kann nicht genug fordern, denn seine Kunst ist unbezahlbar. Es ist keine Summe zu hoch, um einen bedeutenden Künstler zu honorieren, ganz zu schweigen von den größten, von den bedeutendsten, von den außerordentlichsten, von den berühmtesten …«, so der Regisseur. Im Gegensatz dazu stehe der jammernde Staat und die »Mördergrube der Politik«, die »eine lebenslängliche Feindschaft von innen heraus« mit den Künstlern verbinde, analysiert der Kapellmeister, denn «die Künstler durchschauen die Politiker und durchschauen nichts als Dummköpfe, aufgeblähte Dummköpfe«. Die Künstler erschüfen jeden Tag die Welt, und die Politiker ruinierten sie.

Auf Anregung des Verlegers, der sich für Charakterforschung interessiert, treffen sich in der zweiten Szene die Figuren mit jeweils zu ihnen passenden Tierköpfen. Der Bassist wird zum Ochsen, der Kapellmeister zum Hahn, der Verleger zum Fuchs, die Schauspielerin zur Kuh, die Pianistin zur Ziege, die Sopranistin zur Katze. Sie gehen zum opulenten Nachtisch über und kommen gedanklich zum Schluss, dass Sänger und Schauspieler »Stimmbandkünstler« seien. Sie berichten von der enormen Abhängigkeit, die der gesamte Betrieb der Musiktheaters von ihren Stimmen und deren Anfälligkeiten habe: »Eine kleine Halsentzündung wirft eine ganze Opernsaison über den Haufen«.

Als Ratten gezeichnete Diener fahren schließlich Champagner auf, und die Berühmten steigern sich immer mehr in Selbstgefälligkeit und Eigenlob. Der Regisseur fasst es zusammen: »Von der Berühmtheit geht die größte Faszination aus. Man kann sagen, von diesem Tisch hier: Der Opernkünstler ist der eigentliche Herrscher der Kunstgesellschaft, und der Bassist an sich ist ihr König.« Die Stimmen der Akteure steigern sich immer weiter, bis sie in der Schlussszene nur noch Tierlaute von sich geben, die vom dreifachen Kikeriki des Hahnes übertönt werden.


Kategorie: Theater
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Ein Fest für Boris

Thomas Bernhards erstes Theaterstück, »Ein Fest für Boris«, entstand 1967. Diese rabenschwarze Komödie schrieb der österreichische Autor für die Salzburger Festspiele als »eine Art Anti-Jedermann, eine Tafel mit Leuten, ein Fest, aber Verkrüppelte«.

Zentrale Figur im Stück mit zwei Vorspielen und einer Festmahl-Szene ist die reiche »Gute«. Bei einem Unfall hat sie ihre Beine und den Ehemann verloren und lässt seither ihre Dienerin Johanna, die einzige Akteurin, die noch auf eigenen Beinen stehen kann, erbarmungslos nach ihrer Pfeife tanzen. Ihren zweiten Mann, den ebenfalls beinlosen Boris, hat sich aus dem benachbarten »Krüppel-Asyl« heraus geheiratet, wo sie durch reichliche Spenden auch ihre Titulierung als «Die Gute« erworben hat.

Bis zum Ende des Vorspiels probiert die Gute rote, grüne, gelbe, aber vor allem weiße und schwarze Handschuhe und große Hüte in denselben Farben. Johanna ist ihr dabei behilflich. Die Gute hält während der Anprobe einen langen Monolog. Sie bemitleidet sich selbst in ihrem beinlosen Zustand.

Das zweite Vorspiel handelt nach dem Maskenball, auf dem die Gute zusammen mit Johanna gewesen war, die Gute im Kostüm einer Königin, Johanna als Schwein. Als die Gute bemerkt, dass Johanna ihre Schweinemaske nicht mehr trägt, zwingt sie diese dazu, die Maske wieder aufzusetzen. Die Gute lässt sich gerade über den besuchten Maskenball aus und kommt dann auf Boris zu sprechen. Boris, ebenfalls beinlos, ist ihr Mann, den sie sich neulich aus dem »Krüppelasyl« ausgesucht und geheiratet hat, um nicht mehr allein zu sein. Doch Boris spricht kein Wort mit der Guten und ruft ständig nach Johanna.

Das Fest für den Geburtstag von Boris beinhaltet den Hauptteil des Stückes. Zum Geburtstagsmahl für Boris sind seine beinlosen Genossen aus dem Asyl geladen. Selbst Johanna muss an diesem Abend ihre Beine versteckt halten. Die zunehmend aufgeregten Gespräche über zu kurze Schlafkisten, schlechtes Essen und andere Miseren im Heim der Beinlosen untermalt Boris mit immer heftigeren Trommelschlägen, bis er – unbemerkt – tot nach vorne sinkt.

Als alle müde werden und sich für das Essen bedanken, bemerkt Johanna plötzlich, dass Boris tot ist. Alle mit Ausnahme der Guten entfernen sich aus dem Raum. Kaum ist die Gute mit dem toten Boris allein, bricht sie in ein fürchterliches Gelächter aus.

Die Kritik etikettierte Bernhard für diesen Text als »Alpen-Beckett«, und er selbst bestätigte den Einfluss von Genets »Zofen« auf sein Werk, das 1972 in der Hamburger Inszenierung von Claus Peymann als absurdes Theater uraufgeführt wurde. 2007 wurde es erstmals in Salzburg im Rahmen der Festwochen aufgeführt.


Kategorie: Theater
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Alte Meister

Um alte Meister und große Geister dreht sich Thomas Bernhards rabenschwarze Komödie, ein sich im Sprachwitz dramatisch entfachendes Feuerwerk. Reger, ein extrem negativ eingestellter Musikphilosoph, dessen Artikel in der britischen »Times« erscheinen und folglich in Österreich unbekannt bleiben, bestellt seinen Freund und Verehrer Atzbacher, einen Schriftsteller, der seit 17 Jahren an einem Werk schreibt, ohne auch nur eine Zeile davon veröffentlicht zu haben, ins Kunsthistorische Museum. Dort hockt er in fester Gewohnheit seit dreißig Jahren jeden zweiten Vormittag, um Fehler in den Bildern der alten Meister zu entdecken. Fast immer trifft man ihn im Bordone-Saal vor dem »Bildnis eines weißhaarigen Mannes« von Tintoretto, wo er auch seine Frau kennen lernte, deren Tod er nur durch Pflege seiner regelmäßigen Ticks zu überwinden glaubt. Hier sinniert Reger ungestört und bei stets gleicher Temperatur darüber, was in der Welt, besonders jedoch in Österreich, schlecht ist. Dritter im Bunde ist der Museumsaufseher Irrsigler, ein einfältiger Burgenländer, der sich im Laufe der Jahre Regers Sichtweise angeeignet hat und ihn immer wieder gern zitiert.

Reger philosophiert über die Unerträglichkeit der Staatskunst. Er zerfetzt das literarische Waldesrauschen eines Adalbert Stifters, diesem literarischen Umstandsmaler mit stümperhaftem und verlogenem Stil, als unerträglichen Kitschmeister. Er bezeichnet Anton Bruckner mit seinem religiös-pubertären Notenrausch und stupidem, monumentalen orchestralen Ohrenschmalz als einen Komponisten, der die Musik verwischt habe. Er nimmt den Philosophen Martin Heidegger aufs Korn, diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer und verheerend größenwahnsinnigen Voralpenschwachmatikus, der fremde große Gedanken mit der größten Skrupellosigkeit zu eigenen kleinen Gedanken mache. Lediglich die Toiletten im »Hotel Ambassador«, wo er jeden Nachmittag zu finden ist, haben es ihm wegen ihrer Reinlichkeit angetan.

Bernhard schafft mit seinem aus einem einzigen Gedanken gezogenen Text in Reger die Figur des Anti-Künstlers, eines Menschen, der sich darin versteht, anerkannte »große« Kunstwerke abzuwerten und in Frage zu stellen. Er greift damit direkt den überlebten Geniemythos des 19. Jahrhunderts an und versucht, ihn zu zerstören.


Kategorie: Theater
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Beton

Ich-Erzähler Rudolf versucht, eine Arbeit über Felix Mendelssohn-Bartholdy zu beginnen, auf die er sich seit einem Jahrzehnt vorbereitet. Doch es gelingt ihm nicht einmal, auch nur den ersten, alles Weitere auslösenden, Satz niederzuschreiben. Mal quält ihn die Hölle des Alleinseins, dann wiederum fürchtet er die Rückkehr der Schwester, die er selbst eingeladen hat, ohne sie ertragen zu können. Schließlich flieht er aus seiner Gruft nach Palma, wo er hofft, sein Werk endlich beginnen zu können. Dort erinnert er sich an eine zufällige Begegnung mit Anna, einer jungen Frau, die ihren erst dreiundzwanzigjährigen Mann verloren hatte, der auf dem Zentralfriedhof von Palma beigesetzt wurde. Rudolf besucht noch einmal den riesigen Friedhof und entdeckt entsetzt in den fürchterlichen, siebenstöckigen Betonschubladen, den letzten Ruhestätten der Palmenser, dass die Frau Selbstmord begangen hat und nun neben ihrem Mann im Beton ruht. Das versetzt ihn in lähmende Angst.


Kategorie: Romane
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Der Untergeher

In einem gewaltig langen Gedankengang spult der Autor sein Verhältnis zu den Klaviervirtuosen Wittgenstein und Glenn Gould ab. Dabei gelingt es ihm brillant, das Genie Goulds zu beschreiben und dazu die Verlorenheit des Pianisten Wittgenstein abzugrenzen, dessen Weltbild zusammenbrach, als er Gould erstmals hörte.

Es geht Bernhard bei dieser Arbeit um Talent und dessen Grenzen, um Fleiß und Ehrgeiz, um das Erkennen der eigenen Fähigkeiten und die Erschütterung bei der Erkenntnis, dass andere vielleicht viel mehr Talent haben. Insofern ist der Text übertragbar auch auf andere Künste, steht er quasi stellvertretend für die Welt der glücklos Talentierten, die von begnadeten Genies mühelos ausgestochen werden, und die Schwierigkeiten damit haben, ihren eigenen Platz zu finden.


Kategorie: Romane
Verlag: Süddeutsche Zeitung München