Radio Heimat – das Buch zum Film

radio-heimat

radio-heimat Wie heißt es doch so schön: Du kriegst die Leute zwar aussem Pott, aber den Pott nicht aus den Leuten. Heimat kann eben doch eine Lösung sein, vor allem für die Leute im Ruhrgebiet, liebevoll Ruhrpott genannt.

Diesem Lokalpatriotismus ein literarisches Denkmal gesetzt hat Ruhrgebietschronist Frank Goosen im Kurzgeschichtenband „Radio Heimat“, der seine gesammelten „Geschichten von zuhause“ beinhaltet. Die Erstveröffentlichung des Bandes war im Jahr 2010, dem Jahr, als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war.

Nun sind Geschichten aus diesem Buch und aus dem Roman „Mein ich und sein Leben“ als retroselige 80er-Jahre Hommage unter dem Titel „Radio Heimat“ als Film im Kino zu bewundern, gestartet diese Woche. Aus diesem Anlass wurde das Buch „Radio Heimat“ neu aufgelegt. Die Neuauflage enthält Bilder aus dem Film, versehen mit Goosens ganz persönlichen Erinnerungen. Und einer Neu-Interpretation des berühmten Slogans von Goosen seine Omma: „Damals war auch Scheisse„.

War es natürlich nicht, aber es war eben auch nicht alles Kohlenstaub, was sich auf unsere Lungen legte. Film und Buch erzählen in „Radio Heimat“ vonne Malocher-Idylle inne Schrebergärten, von schäbigen Schabracken und Kneipen und natürlich von den Menschen, die diese auch jetzt noch typischen Ruhrpott-Orte bevölkern.
Die „Radio-Heimat“-Sammlung ist ein ganz prima Einstieg in das Goosensche Universum und spannt den Bogen zeitlich noch etwas weiter als der Kinofilm. Er porträtiert die Menschen anne Ruhr schnoddrig, aber nie unter der Gürtellinie, melancholisch, aber nicht sentimental. Film wie Buch eignen sich prima, um zu erinnern, wie es früher mal war. Und um zu zeigen, was davon geblieben ist. Popkultureller Anschauungsunterricht sozusagen.

Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nein, das alles ist nicht nur was für verklärte „früher war alles besser“ Nostalgiker. Gerade hier im Pott, einem Gebiet, wo der Strukturwandel so tiefgreifend war wie sonst kaum irgendwo, interessieren sich viele junge Leute für ihre Wurzeln, wollen wissen, wie es früher hier war mit dem Kohlenstaub und den tausend Feuern in der Nacht. Das Bewusstsein für die Geschichte ist da, das Interesse auch. Und das ist doch schon mal ein guter Anfang. In diesem Sinne Glückauf für Film und Buch.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Heyne München

Förster, mein Förster

Förster

Förster Förster, Schriftsteller mit Schreibhemmung steht kurz vor seinem 50 Geburtstag. Tjanun, so kann es gehen: Gerade noch jung und knackig, das Leben liegt vor einem, findet man sich plötzlich in einem Alter wieder, in dem man einsieht, dass Stracciatella und Pistazie ganz schlecht zusammenpassen. Auch wenn er sich noch so oft einredet, dass es ein Geburtstag wie jeder andere ist und nicht wichtiger als der ein Jahr zuvor – Förster kommt doch ins Grübeln. Die Vollendung des halben Jahrhunderts ist einfach „der Tag, ab dem man sich nichts mehr vormachen kann“.

Wenn er mit sich selbst spricht, dann redet er sich gerne in der Tradition des berühmten Gedichts von Walt Whitman an: „Förster, mein Förster„. Zum Captain hat er es bis jetzt noch nicht so ganz gebracht; das gesteht er sich selber ein – aber wenigstens gehört er noch nicht zum Club der toten Dichter. Auch wenn in naher Zukunft eine Gewebeentnahme dräut. Seine Freundin Monika treibt sich auf den äußeren Hebriden herum, während die Ex Martina es zwar zur bundesweit beliebten Tatort-Kommissarin gebracht hat, am liebsten aber mit Förster zurück in die muffigen Theaterkeller ihrer Jugend möchte. Seine Freunde Brocki und Fränge, mit denen er seit der Schulzeit eine herzliche Männerfreundschaft pflegt, sind auch keine große Hilfe. Fränge ist kurz davor, seine Ehe an die Wand zu fahren und Brocki tut immer noch alles, um cool zu wirken. Auch die Gespräche mit dem alten Nachbarn Dreffke, der nicht mehr so genau weiß, wann er das letzte Mal tot war und dem wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen Finn bringen Förster nicht weiter.

Sie alle wissen nicht, wohin genau ihre Reise gehen soll. Das Einfachste wäre es abzuhauen, nach Iowa zum Beispiel oder am allerbesten ganz weit weg ins Outback. Aber zur Not tut es auch die Ostsee. An eben diese wird die leicht demente Nachbarin Frau Strobel von einer Jugendfreundin gerufen, die ganz dringend noch einmal die unvergessene Tanzkapelle Schmidt wiederbeleben muss. Frau Strobel kann zwar die Tücken des Alltags nicht mehr ganz so gut bewältigen, ein glasklares „Ganz Paris träumt von der Liebe“ aber entlockt sie ihrem Saxophon noch immer. Vorzugsweise mitten in der Nacht. Da gerade alle nicht viel Besseres zu tun haben, steigt diese ungleiche, bunt zusammengewürfelte Gesellschaft kurzerhand in Fränges halb fertig restaurierten Bulli und begleitet Frau Strobel bei ihrer Reise in eine ruhmreichere Vergangenheit. Und wie das eben immer so ist, wenn eine Geschichte zum Road Trip wird, ist der Weg das eigentliche Ziel. Zumal die Zwischenstopps „praktischerweise direkt auf dem Weg liegen„.

Der Bochumer Schriftsteller und Kabarettist Goosen wird gerne als Chronist der Ruhrgebiets-Gegenwart bezeichnet. Er schreibt aber auch noch eine ganz andere Chronik: die Chronik seiner Generation, der Generation der sogenannten Babyboomer. Goosens erster Roman „liegen lernen“ erzählte von einer ersten großen Liebe in den frühen 80ern, „Pink Moon“ und „Mein Ich und sein Leben“ erzählten vom Erwachsenwerden im sich wandelnden Ruhrgebiet, „so viel Zeit“ vom Angekommensein und sich Abfinden mit dem Erwachsensein rund um den 40 Geburtstag. Mit „Förster, mein Förster“ nun erzählt er von Freunden, die auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken – selbst erste Gedanken an die Rente werden zaghaft zugelassen. Begleitet von einer Mischung aus Melancholie und Wehmut nach diesem „Früher„. Auch wenn ihnen insgeheim klar ist, dass „Je weiter weg, desto schöner das Früher

Überhaupt dieser Bulli. Das knuddelige Gefährt hat in den letzten Jahren ein Comeback hingelegt, als Symbol der Sehnsucht nach vergangenen unbeschwerten Tagen. Erstaunlich, aber irgendwie auch logisch: Mehr Freiheit als in den 70ern und den frühen 80ern hatte diese Generation schließlich nie und wird sie auch nie wieder haben. So ziert der Bulli nicht nur in sattem Bochumer Blau-Weiß das Cover – er spielt auch eine tragende Rolle in Frank Goosens neuem Roman. Fränge, der von allen Freunden am stärksten mit der Midlife-Crisis zu kämpfen hat, hat sich diesen Bulli zugelegt. Hier ein Schräubchen festziehen, da etwas festklopfen, dann noch ein Gestell rein und ab dafür – weg, einfach weg, einem neuen Leben, einem neuen Aufbruch entgegen.

Keine Frage: Etliches kommt einem bekannt vor. Aber – das ist nun mal so heutzutage. Nichts, was nicht schon besungen, verfilmt oder erzählt wurde. Da hält Goosen es ganz pragmatisch mit der alten Weisheit: Man kann das Rad nicht neu erfinden, man kann ihm allenfalls neuen Schwung geben. Er dreht sein Rad im Surrealismus des Alltags, er sieht die Komik im Absurden. Allerdings kann man sich während der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren, dass Frank Goosen seine Romane mittlerweile durchaus mit Blick auf die weitere mediale Verwertungskette schreibt. Goosens Werke sind ja zusehends zu einer Art Gesamtkunstwerk avanciert. „liegen lernen“ wurde mit großem Erfolg verfilmt, „Radio Heimat“ und „Sommerfest“ sind gerade in der Kino-Mache, „So viel Zeit“ wurde mit kommerziellem Erfolg am Theater Oberhausen dramaturgisch aufbereitet und fester Bestandteil seiner eigenen Bühnenprogramme sind seine Bücher sowieso.

Förster, mein Förster“ bereitet dies schon vor. In dem ohnehin sehr dialoglastigen Roman wurde die ein oder andere Passage direkt schon als Drehbuch geschrieben. Das Buch verliert so zwischenzeitlich an Schwung und liest sich streckenweise hölzerner, als man es von Frank Goosen gewohnt ist. Die besten Passagen sind jene, in denen Förster seinen Gedanken freien Lauf lässt oder sich die Freunde in bewährter Manier kabbeln, eben immer dann, wenn er frei von der Leber weg schreibt. (Wie auch auf der Bühne seine stärksten Momente immer die sind, wo er vom Skript abweicht.)

Dennoch: Goosens Werke und auch der neue Roman „Förster, mein Förster“ sind Lichtblicke, weil sie ungebrochen hoffnungsfroh Zuversicht vermitteln. Seine Protagonisten kommen zwar bisweilen etwas melancholisch rüber, düstere Melancholie war jedoch noch nie Frank Goosens Ding. Bei ihm ist es eher eine sehnsüchtige, zuversichtliche Melancholie. Wenn irgendwann irgendwer in hoffentlich noch weit entfernter Zukunft in einer Retrospektive ein Fazit ziehen wird, was bleiben wird aus den Büchern von Frank Goosen: Es wird zum einen die fast schon mantrahaft vorgebetete Erkenntnis sein, dass Musik Leben nicht nur begleiten, sondern auch retten kann, zum anderen die Beschwörung der Kraft der Freundschaft. Der nach außen so kumpeligen, raubeinigen Freundschaft, die aber ohne jedes wenn und aber durch dick und dünn geht – Freundschaften eben, wie sie besonders im Ruhrgebiet gepflegt und zelebriert werden. Liebe auch – von Liebe ist auch immer wieder die Rede. Doch auch wenn Montagues und Capulets in allen denkbaren Entwicklungsstadien den Roman bevölkern, im Goosenschen Universum ist Liebe nicht das allein selig machende.

Zum guten Schluss feiert die Tanzkapelle Schmidt eine umjubelte Wiedervereinigung und Förster sieht zwei Dinge ein: Auch die Ostsee ist ein guter Platz und eine Welt,
in der „a horse with no name“ die neue Oppa Musik ist, kann nicht allzu schlecht sein. So lässt sich doch am 50sten die „grundlose Schwermut des modernen Menschen“ zelebrieren.

(Diese Rezension erschien – in gekürzter Form – bereits am Erscheinungstag des Romans, am 18.02.2016 in den Revierpassagen.de . Diese Version ist der gewünschte „Directors Cut“)


Kategorie: Romane
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Frank Goosen ist offensichtlich ein Fan von Ray Bradbury und dessen literarischem Meisterwerk »Der illustrierte Mann«. Bei Bradbury ist es die Idee vom illustrierten Mann, dessen Körper über und über mit lebenden Bildern tätowiert ist, die zu erzählen beginnen; bei Goosen bildet eine geheimnisvolle Schallplattenaufnahme die gedankliche Klammer.

»Raketenmänner« heißt die auf Vinyl geprägte »schönste deutsche Platte aller Zeiten«, die ein Musiker namens Stefan Moses in grauer Vorzeit mit dem Pianisten Wolff aufgenommen hat. Die beiden treffen in der letzten der 16 Episoden wieder aufeinander, und wie in einer Coda klingt Wolffs Leben aus.

Dazwischen treten Figuren auf, die immer wieder in der einen oder anderen Weise einen der Songs vom »Raketenmänner«-Album berühren und letztlich diejenigen sind, die den eigentlichen Gegenstand der Songs bilden. Ein altgedienter Ehegatte will wenigstens einmal im Leben seine Frau betrügen und schlägt dazu in einer Hotelbar auf. Ein junger Mann investiert sein Erbe in einen Schallplattenladen, der chancenlos vor sich hin dümpelt, um einen Traum zu verwirklichen. Ein einsamer Mann erhofft Zuneigung von einer Jugendliebe, die ihn seinerzeit tief beeindruckte. Ein Reisender kauft von einem Mädchen einen gefälschten Fahrschein und sehnt sich nach dem jungen Mädchen, obwohl es ihn in größte Schwierigkeiten bringt.

Goosen erzählt unaufdringlich schnörkellos vom täglichen Leben und seinen Absurditäten. »Raketenmänner« ist ein Werk, das die volle Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, der sich daran erfreuen vermag, die verschiedenen Fäden der einzelnen Episoden um die von einem anderen Leben träumenden Raketenmänner zu verknüpfen.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Sehr gespannt war ich auf dieses neue Werk und ich wurde nicht enttäuscht. Zum Inhalt muss ich mich nicht auslassen, die hier veröffentlichte vortreffliche Rezension von Britta Langhoff lässt keine Wünsche offen.

Bei Goosen schätze ich es, wie mich seine Protagonisten anrühren, obwohl sie auf den ersten Blick nichts Heldenhaftes oder Bewundernswertes an sich haben; im Gegentum: Man findet mehr Verlierer als Gewinner, aber es sind eben beautiful losers, die -liebenswert lakonisch charakterisiert und gewürzt mit melancholischem Humor (oder umgekehrt)- die allseits bekannten Alltagssituationen mehr oder weniger souverän meistern (müssen).

Auch wenn ich als gebürtiger und wohnhafter Bayer eigentlich ganz anders sozialisiert wurde, fühle ich mich den Raketenmännern auf geheimnisvolle Weise verbunden, und nicht nur wegen der Musik, die immer wieder Leben rettet (mit Grateful Dead konnte ich auch nie was anfangen, dafür finde ich Stevie Nicks toll!). Vielleicht ist das Blut der gemeinsamen Generation eben doch dicker als das Wasser der Regionalität… 😉

Manche werfen Frank Goosen vor, dass dieser Episodenroman nicht mehr exklusiv im Ruhrpott spielt; ich finde ich das engstirnig, denn er muss ja kein Heimatdichter sein und kann das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Mit der ihm eigenen unaufdringlichen Bescheidenheit wird er sicherlich seine Wurzeln weder vergessen, noch verlassen.

Ich liebe einfach die Geschichten, die der Autor in all seinen Werken langsam aber sorgfältig entwickelt und denke dabei dabei stets an eine Liedzeile von Altmeister F.J. Degenhardt:

„Da ist nichts großartig, das soll es auch nicht sein
weil wo was groß ist, ist es drumherum meist klein.“

Zum Schluss eine handwerkliche Anmerkung zu den Raketenmännern: Ein Personenverzeichnis fände ich hilfreich, da ich mir mit den gekonnt verknüpften Verflechtungen der Akteure bisweilen schwer tat, auch weil ich das Buch leider nicht in einem Rutsch durchlesen konnte.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Raketenmänner

Bei Elton Johns Song „Rocket Man“ heisst es : „I’m not the man they think I’m at home“. Frank Goosen selbst sagte in einem Interview*, diese Zeile sei ihm die Inspiration für seinen Buchtitel gewesen. So erzählt er in seinem neuen Buch Geschichten von Männern, die die Rakete starten wollten, aber mit diversen Fehlzündungen hadern. Er erzählt von geschiedenen Vätern, von Chefs, die in Konferenzen von einem Haus am Meer träumen, von alten Schulfreunden, die in grauer Vergangenheit leidenschaftlich gemeinsam in einer Band schrammelten, von Männern, für die das Leben eine einzige Spätpubertät ist.

Es sind kleine Geschichten, die doch von den großen Lebensthemen handeln: Wehmut, Ernüchterung, die Macht von Vergangenheit und Erinnerung, Träume, Pläne und was am Ende davon übrig bleibt. So erzählen Goosens Raketenmänner vom Leben und vom Tod sowie dem Frieden, den man damit machen kann – oder eben nicht. Geschichten, jede für sich stehend, aber doch zusammengehörig. Manche Männer treffen wir in einem anderen Umfeld, einer anderen Geschichte wieder. Manch loser Faden fügt sich wieder zusammen, so dass das Buch am Ende keine Sammlung von Kurzgeschichten ist, sondern ein in sich gut abgerundeter Episodenroman.

Im Buch ist „Raketenmänner“ der Titel einer vergessenen, unbekannten Schallplatte (für die jüngeren Leser unter uns: Das sind diese runden, schwarzen Dinger aus Vinyl). Die Raketenmänner tauchen aus dem Dunkel eines alten Plattenladens auf und stehen für das einzig Perfekte, das ein Musiker mit dem bezeichnenden Namen Moses je hervorgebracht hat. Wie ein roter Faden zieht sich diese Platte durch die Geschichten und spielt im Leben mehrerer Männer eine wichtige Rolle.

Goosens Stil in diesen Geschichten ist wie die Musik auf der Platte: „schlicht, ohne Show und Schnörkel. Da trifft einer, ohne zu zielen.“ Mit feinem Sprachwitz und trockenem Humor lässt Goosen zeitweilig auch Melancholie und Nostalgie zu. Rechtzeitig findet er aber immer wieder zurück zu ironischer Distanz, so dass Sentimentalität gar nicht erst aufkommt. „Raketenmänner“ ist ein wesentlich reflektierteres Buch als die beiden letzten des vor allem im Ruhrgebiet äußerst beliebten Autors.

Nach dem kommerziell völlig zu Unrecht nicht so erfolgreichem Roman „So viel Zeit“ konnte man bei Goosen ja die Befürchtung hegen, er würde sich mit Büchern wie „Radio Heimat“ oder „Sommerfest“ auf eine Art ruhrischen Heimatroman beschränken. Die „Raketenmänner“ nun zerstreuen diese Befürchtung, sie sind sozusagen die Quintessenz des lachenden Pokorny mit So viel Zeit. Die beliebten Gassenhauer legt Goosen nun klugerweise seinen Protagonisten in den Mund, der Erzähler selbst gönnt sich schöne einfühlsame Bilder wie die „vom Himmel über den abgeschlossenen Geschichten“ oder „vom Irgendwann, dem Land, in dem die schönsten Dinge passieren„. Sätze, für die man manche Geschichten schon vom ersten Absatz an mag, auch wenn man noch gar nicht weiß, worum es geht. Sätze, die so für sich alleine stehen bleiben könnten, eine ganze Geschichte, ein ganzes Leben, in einem Satz erzählt. (Er sollte twittern.)

Natürlich sind es wie immer Geschichten mit hohem Wiedererkennungswert. Eins der größten Talente des Autors ist seine exzellente Beobachtungsgabe. Der Tonfall eines jeden Charakters ist wunderbar getroffen, man hat sie sofort vor Augen: den schnöseligen Unternehmensberater, den träumerischen Schallplattenverkäufer, die Frau, die Mann nur noch als Frau Dingenskirchen in Erinnerng hat. Und so manche Szene – man fragt sich, wie kann der wissen, was bei uns zuhause abgeht? War er dabei? Dann fällt einem ein, ach ja, der Goosen, er hat auch zwei Söhne, wie tröstlich zu wissen, dass wir alle die gleichen Probleme haben. Woanders iss eben auch scheisse.

Wie so oft bei Frank Goosen werden viele Geschichten von Musik begleitet. Die lautlosen Geschichten, die keinen Soundtrack haben sind auch die hoffnungslosen. In den anderen Geschichten ist es die Musik, die Leben retten, begleiten und beenden kann. Wie in der letzten Geschichte, die ein würdiger Schlusspunkt geworden ist. Eine Geschichte wie ein Traum von einem Rockkonzert, einem Konzert von „einfachen Leuten“ für „Raketenmänner“ oder umgekehrt. So sind die Raketenmänner ihre eigene Hymne geworden: Auf die Freundschaft, für die Verwirklichung von Träumen und eine verständnisvolle Liebeserklärung an die Männer mit all ihren Bemühungen und all ihrem Scheitern. Kurze Geschichten, geschrieben von einem Mann über Männer, bei weitem aber kein Buch nur für Männer. Schließlich wollen auch wir Frauen gerne wissen, wie Männer ticken. Vor allem die, die so gerne Raketenmänner wären

Erstveröffentlichung von Teilen dieser Rezension am 13.02.2014 in den Revierpassagen.de


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

Sommerfest

Sommerfest/ GoosenDa steht er nun. Der Wahl-Münchner Stefan auf dem Sommerfest seines alten Bochumer Fußballclubs, die Tulpe mit frisch gezapftem „Pilsken“ in der Hand, ein Lokalderby im Blickfeld, im Kreise alter Freunde und Wegbereiter. Stefan, gebürtiger Bochumer und leidlich begabter Schauspieler, hat sich vor 10 Jahren gegen Halden und für die Alpen entschieden. Dummerweise wurde sein Theater-Engagement nicht verlängert, man hat wohl gemerkt, dass seine Kunst mehr leidlich denn begabt ist. Seine Beziehung zu Schauspielkollegin Anka hat auch schon bessere Zeiten gesehen und der einzig greifbare Strohhalm ist ein Casting-Termin für eine neue Vorabendserie. Just in dieser Phase seines Lebens verabschiedet sich Onkel Hermann von der Welt. Onkel Hermann hat in Bochum die Stellung im alten Bergarbeiter-Reihenhäuschen von Stefans viel zu früh verstorbenen Eltern gehalten. Stefan bleibt nichts anderes übrig, er muss tief in den Westen, wenigstens für ein Wochenende, um den Verkauf seines Elternhauses in die Wege zu leiten. „Vor manchen Dingen kann man sich nicht drücken, das hat er gelernt, das hat ihm sein Vater klargemacht, da muss man einfach durch. Schnell rein, schnell raus, keine Gefangenen. Das war der Plan.“ Nur einige wenige Leute, die es verdienen, will er treffen. Allen voran natürlich die geliebte Omma Luise, den alten Kumpel Frank und dessen noch immer verwirrend schöne Frau Karin, auch ein Besuch inne Bude vonne Tante Änne sollte drin sein. Zu allem Überfluss ist es das Wochenende der Sommerfeste. Nicht nur bei seiner alten Spielvereinigung wird gefeiert, es ist auch noch das Wochenende des größten Sommerfestes, dass der Pott je zelebriert hat. 60 km Tische und Aktionen auf der A 40, dem berüchtigten Ruhrschleichweg. Es ist das Wochenende vor der LoveParade, als das Ruhrgebiet noch trunken von seiner Kulturhauptstadtwichtigkeit war. Da Stefan jetzt schon mal da ist, muss er natürlich auch auf der Autobahn mitfeiern. Nicht, dass die alten Freunde denken, er hielte sich für was Besseres. Denn im Pott kann man „sich nämlich einiges zuschulden kommen lassen, aber sich für was Besseres halten, das ging nun gar nicht.“ Und so wird dieses Heimatwochenende für Stefan zur Tour de Ruhr, zum Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden und nicht zuletzt mit seiner unvergessenen Sandkastenliebe Charlie, der Tochter des „masurischen Hammers“, Kirmes-Preisboxer und lokale Berühmtheit. Charlie, die sich verändert hat und doch wieder nicht. Charlie, die immer schon wusste, was gut für ihn ist und die ihm auch heute noch seinen Weg zeigen könnte, wenn Stefan sie nur mal lassen würde.

Da sind wir nun. Der neue Goosen ist raus. Seit Wochen schon kloppen sich die Menschen im Ruhrgebiet um die letzten, vereinzelten Restkarten für seine Lesereise, in den lokalen Medien ist er omnipräsent, bei West-Art erleichtert der Autor höchstselbst die Recherche, indem er bestätigt, dass Sommerfest das erste Goosen Buch ist, in dem die Stadt Bochum explizit als Ort des Geschehens genannt wird. Und? Hält der Titel, was er verspricht? Von mir ein klares Ja. Der Titel ist das Programm. Sommerfest ist auch ein Fest für den Leser. Ein Fest, bei dem das Leben und die Freundschaft gefeiert werden, ein Fest, auf dem aber auch ernste und melancholische Gedanken ihren Platz haben. Heimat und der Platz, den man im Leben inne hat oder gerne hätte, die wiederkehrenden Themen des Frank Goosen. Ging es in seinen ersten Romanen noch ums Erwachsenwerden, sind es wie in „So viel Zeit“ nun auch in „Sommerfest“ die Weichenstellungen und Korrekturen, die der FortySomething noch vornehmen kann.“Einmal falsch abgebogen und dafür ewig und drei Tage auf die Fresse gekriegt“ – das muss ja nicht unbedingt so bleiben. Was unbedingt so bleiben sollte und was zu bewahren Goosen ein erklärtes Anliegen ist, sind „die bedrohte, schützenswerte Sprache“ und die Geschichten des Ruhrgebiets. „Man müsste all die schönen Geschichten mal aufschreiben, die Storys, die auf der Strasse liegen und die man nur aufheben muss“. So wünscht es sich Omma Luise im Buch. Genau das ist es, was Frank Goosen tut. Er schreibt nicht nur die Chronik der schönen Geschichten, er bewahrt uns Ruhrgebietlern auch all die schönen Wörter wie Killefit oder Klümpchen, „Wörter, die schon in Köln keiner mehr versteht.“ Nebenbei haucht er den alten Sprüchen, die nicht nur er seiner Omma verdankt, neues Leben ein. Und sei es auf den Souvenirs zum A 40 Event, worüber er seine Hauptfigur Stefan selbstironisch den Kopf schütteln lässt, denn sowas sei ja eigentlich „der Gipfel der Albernheit“.

Fazit: Auch in Sommerfest bleibt Goosen sich selber treu, ohne auf der Stelle zu treten. Sein Stil ist unverwechselbar, er wird mit jedem Buch allerdings klarer, behält seine Ironie und verliert an Lakonie, was seiner Intention durchaus zugute kommt. Einen Extrapunkt dafür, wie geschickt Goosen seine Figur Stefan nutzt, um die im Ruhrgebiet beliebte Sitte, das Gestern zu verkommerzialisieren oder zu „vergotten“, durchaus differenziert zu beleuchten. Sommerfest ist aber beileibe kein Buch, welches sich nur für hartgesottene Ruhrgebietler empfiehlt. Goosens Blick auf die Welt ist zwar vom Pott geprägt, aber seine Sicht der Dinge ist über lokale Grenzen und nebenbei bemerkt auch über Altersgrenzen hinaus lesenswert.

Der Autor: Frank Goosen, Jahrgang 1966, lebt in seiner Heimatstadt Bochum, aus der es ihn nicht einmal fürs Studium fortzog. Beliebt und bekannt wurde er im Ruhrgebiet mit dem Kneipen Literaturkabarett „Tresenlesen“, seit 1995 ist Goosen Gründungsmitglied und Vorstand des PrinzRegent Theaters in Bochum. 2001 erschien mit „Liegen lernen“ sein erstes Buch, welches ihn verdient über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus bekannt machte. Es folgten weitere Romane, Kurzgeschichten und natürlich Kolumnen in den einschlägigen Fußball-Magazinen, Herzenssache für den fußballverrückten stellvertetenden Aufsichtsrat des VFL Bochum. Mit Lesungen seiner Bücher, aber auch mit eigenen kabarettistischen Programmen tourt Frank Goosen regelmäßig. Wem es gelingt, eine Karte zu ergattern, seien seine Vorstellungen ans Herz gelegt. Der gelernte Tresenleser hat nichts verlernt, treffsichere Spitzen sowie seine Begabung für spontane Repliken machen solche Abende zuverlässig zum Erlebnis.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Romane
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

So viel Zeit

51l+gGmt2XL._SX314_BO1,204,203,200_Sagen, wie die Dinge sind. Klartext reden. Gerader Blick und offene Worte. Dafür sind wir berühmt berüchtigt. Wir hier im Ruhrgebiet. Geliebt, lange auch schon über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus ist dafür „unser“ Autor Frank Goosen.
Sein nach meinem Dafürhalten bestes Buch legte er vor zwei Jahren vor: „So viel Zeit“. Vor einigen Wochen nun legte ich dieses Buch dem geschätzten Mit-Rezensenten Ulrich Kretzler mit innigen Worten an sein Herz. Zu meiner Freude empfand er es genauso.

Bei Frank Goosen ist Fünf die magische Zahl, um Gefühle und Erinnerungen in den Griff zu bekommen.
Bei uns ist es die Zwei. Denn nun folgt: unsere gemeinsame Rezension zu diesem wunderbaren Buch. So viel Zeit muss jetzt einfach sein.

(Britta Langhoff in ruhrigem Schwarz, Ulrich Kretzler in bayerisch blau)
Konni, Bulle, Rainer und Thomas sind alte Bochumer Schulfreunde, die sich als inzwischen gestandene Mittvierziger mehr oder weniger eingerichtet haben in ihrem alltäglichen Leben, ohne jedoch selbst so richtig von dem überzeugt zu sein, was sie da tun. Allerlei Beziehungs- und andere Krisen tun ein Übriges, um nagende Zweifel zu schüren und so bleiben die regelmäßigen Doppelkopf-Abende einzige Konstante der gemeinsamen Freundschaft. Während einer dieser nicht immer harmonisch verlaufenden Veranstaltungen beschließen die vier – auch im Hinblick auf das bevorstehende 25-jährige Abiturtreffen – zu vorgerückter und feuchtfröhlicher Stunde eine Rockband zu gründen und sich so einen vermeintlichen Traum der verlorenen (?) Jugend zu erfüllen.

Gesagt, getan: Zügig werden die nötigen Instrumente (samt Roadie) erworben und allen Widerständen im jeweiligen persönlichen Umfeld zum Trotz die unvermeidlichen Übungen und Vorbereitungen aufgenommen. Die handwerklichen Grundlagen eignen sie sich vergleichsweise rasch an, aber dennoch müssen die Freunde feststellen, dass ihnen das gewisse Etwas fehlt und so erinnert man sich an den Schulfreund Ole, der früher genau dieses kreative Element verkörperte und damals direkt nach dem Abitur unter nie ganz geklärten Umständen nach Berlin geflohen ist. Man bricht also spontan auf in die Hauptstadt und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Leben aller Beteiligten vom Kopf auf die Füße stellen werden…

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Autor bis vor nicht allzu langer Zeit lediglich als Kabarettist, Hardcore-Fan des VfL Bochum und Kicker-Kolumnist ein Begriff war und so bin ich wieder einmal froh und dankbar, dass es hier in Blogsdorf Leute gibt, die wesentlich belesener sind als ich, denn sonst hätte ich definitiv etwas verpasst: Frank Goosen hat mit seinem vierten Roman nichts weniger als ein echtes Meisterwerk geschrieben.

Man spürt in seinem Buch viel Herzblut, was ja ein durchaus riskantes Unterfangen ist, denn allzu oft triefen solche Erzeugnisse von Pathos oder Wehleidigkeit. Der Autor vermeidet derartige Peinlichkeiten geschickt, indem er mit feinem Sprachwitz, ironischer Distanz und trockenem Humor bisweilen zwar Melancholie oder Nostalgie aufkommen lässt, sich dabei aber niemals in Sentimentalität oder falscher Verklärung der Vergangenheit verliert.

Es ist ein Buch, geschrieben von einem Mann über Männer, bei weitem aber kein Buch nur für Männer. Auch mich hat dieses Buch mitten ins Herz getroffen und von der ersten Seite tief in seinen Bann gezogen. Die Macht der Vergangenheit, beziehungsweise die Erinnerung an diese, treibt ja nun nicht nur die in einer Doppelkopfrunde konservierten Goosen’schen Protagonisten. Beruf erlernt, mehr oder minder Karriere gemacht, Ehepartner gefunden (und verloren), Kinder gezeugt und (v)erzogen, Eigenheim angeschafft, tolles Auto… – alles erreicht, was vor langer Zeit als „Lebensziele“ angepeilt war. Jetzt kommt die Ernüchterung und die Wehmut. Geht es nicht allen Forty-somethings so? Im Buch ist die wiederauferstandene Band ein demonstrativer Akt, dem Gefühl entgegenzuwirken, alt und verbraucht zu sein und damit zu der doch allgemeingültigen Gewissheit führt, „dass man immer noch Kontakt aufnehmen kann zu seinem früheren Ich“.

Ohne seine anderen alle von mir aufrichtig gemochten Bücher schmälern zu wollen: „So viel Zeit“ ist ein großartiger Roman mit hohem Unterhaltungs- und Wiedererkennungswert (nein, ich werde hier nicht verraten, in wem ich mich wiedererkannt habe), der neben Witz und ironischer Distanz auch Trauer und Gebrochenheit ohne Kitsch und Mitleidgedöns überzeugend zum Ausdruck zu bringen vermag.

Und so ist das Ergebnis rundum gelungen: Eine Hymne auf die Freundschaft, ein Plädoyer für die Verwirklichung von Träumen, eine Ode an die Musik, die Leben retten kann und last but not least eine Liebeserklärung an das Leben und die Menschen im Ruhrpott.

Ulrich Kretzler/ Britta Langhoff


Kategorie: Romane
Verlag: Eichborn Verlag