Forderung

Forderung von John Grisham

Drei amerikanische Studenten stecken in der Scheiße. Sie wollten Jura studieren und stinkreiche Anwälte werden. Dies ist in den USA ohne finanzielle Mittel jedoch kaum zu verwirklichen, und so landen sie am unteren Ende der universitären Bestenliste an der privaten »Foggy Bottom Law School«, einem Institut niedrigsten Niveaus, dessen Ausbildung gerade gut genug ist, um als Assistent besser qualifizierter Anwälte ein mageres Auskommen fristen zu können. Keinesfalls reicht es, um die enormen Kredite abzuzahlen, die jeder von ihnen aufgenommen hat, weil er auf die bunten Hochglanzbroschüren der Hochschule, die allen Absolventen tolle Jobs mit satten Gehältern suggerierten, hereingefallen war. – Soweit die Ausgangssituation von John Grishams Roman »Forderung«. Continue reading


Genre: Justizthriller, Romane, Thriller
Illustrated by Heyne München

Das Geständnis

51zfs8gnkfl-_sx317_bo1204203200_

Der Roman „Das Geständnis“ von John Grisham spielt im Jahr 1998 und ist auf beängstigende Weise zeitgemäß. Es geht um die Todesstrafe und um zweierlei Recht in den USA – für Weiße oder für Schwarze. Es geht auch darum, dass in Texas, Mississippi oder Kansas auch heute noch die juristischen Uhren völlig anders ticken, als im Rest des Landes.

Bei einem Pfarrer einer Kirchengemeinde taucht ein Mann auf und bezichtigt sich des Mordes, begangen vor über neun Jahren. Brisant an seinem Geständnis ist, dass für eben diesen Mord in knapp einer Woche ein anderer Mann per Giftspritze – gängige Praxis in Texas – hingerichtet werden soll. Das einzige Vergehen des Todeskandidaten – wenn man es so nennen will – ist die Tatsache, dass er schwarz ist.

Als Schwarzer unschuldig in der Todeszelle, knapp eine Woche vor der Hinrichtung, da besteht wenig Anlass zur Hoffnung. Der Gouverneur von Texas, nur er kann einen Aufschub anordnen, hat vor allen Dingen seine Beliebtheit bei den weißen Wählern und seine anstehende Wiederwahl im Kopf. Das soll er für einen schwarzen Todeskandidaten, der auch noch dumm genug war, ein Geständnis abzulegen, aufs Spiele setzen? Auch wenn das Geständnis unter dubiosen Umständen zustande kam, und es eine amouröse Verquickung zwischen Richterin und Staatsanwalt gab. Die Geschworenenliste, ein ebenso brisantes Thema. Weshalb haben über einen schwarzen Angeklagten nur weiße Geschworene geurteilt?

Schließlich tauchen vor einer Hinrichtung immer wieder Spinner auf, die sich nur wichtig machen wollen. Nicht zu vergessen – der Mann, der sich als Mörder bezeichnet, steht kurz vor seinem eigenen Dahinscheiden – Hirntumor in fortgeschrittenem Stadium. Obwohl Weißer, ist er mit seinen Selbstbezichtigungen absolut unglaubwürdig, denn er hat sein halbes Leben wegen diverser Sexualdelikte im Knast verbracht.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Die immer noch für den Todeskandidaten aktive Anwaltskanzlei nimmt sich der Sache an und versucht einen Aufschub zu bewirken. Aber die Mühlen der Justiz mahlen stetig und unerbittlich, sind kaum aufzuhalten.

John Grisham schildert die Verwahrlosung – anders kann man es kaum nennen – der US-amerikanischen Justiz. Minutiös beschreibt er, wie hinter den Kulissen gemauschelt wird, wobei die Schuld oder Unschuld des Beklagten Nebensache ist. Da geht es um Wiederwahl des Bezirksstaatsanwaltes oder der Richter, Menschenleben sind zweitrangig. Überlegenswert ist höchstens noch die Frage, ob mit Rassenunruhen zu rechnen ist und ab wie vielen Hausbränden oder sonstigen Übergriffen die Nationalgarde alarmiert werden muss.

Wie bei jedem Roman muss auch hier im Epilog stehen – alle Personen und Sachverhalte sind frei erfunden. Das muss sein, will der Autor sich nicht selbst vor Gericht wiederfinden. Andererseits sind die Schilderungen der Abläufe derartig detailgenau, dass man annehmen darf, der Autor hat sich als Vorlage wahrer Begebenheiten bedient. Naheliegend, denn John Grisham war selbst Anwalt für Strafrecht in Southaven/Mississippi. Er kennt die Südstaaten und das US-Strafrecht aus eigenem Erleben.

Beschrieben wird auch das geltende Wahlgesetz, ein durchaus aktuelles Thema. Der Mensch, der nichts oder wenig besitzt, hat kaum Chancen, sich in die Wählerlisten eintragen zu lassen und verständlicherweise hat er auch wenig Interesse daran. Er ist mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt und der ist in den USA ungleich härter als alles, was wir uns hier in Deutschland und Europa vorstellen können.


Genre: Thriller
Illustrated by Heyne München

The Confession

1998 verschwindet in einem Kleinkaff in Texas eine 17-jährige (weiße) Cheerleaderin spurlos. Natürlich ist der Druck auf die örtliche Polizei entsprechend groß und so nimmt es nicht Wunder, dass diese sich nach einem fadenscheinigen anonymen Hinweis auf den (schwarzen) Football-Spieler Donté Drumm stürzt. Mit allerlei faulen Tricks bekommen sie ein Geständnis (Vergewaltigung und Mord), das zwar umgehend widerrufen wird, aber der Grundstein ist gelegt. Der Staatsanwalt zieht den Prozess – auch ohne Leiche – durch und bekommt, unterstützt von der Richterin (die praktischerweise seine Geliebte ist), einen Schuldspruch der (rein weißen) Jury; Donté wandert in die Zelle und wartet auf die Exekution.

Zehn Jahre später wird bei Pfarrer Keith Schroeder in Kansas der Berufskriminelle Travis Boyette vorstellig und gibt nach einigem Hin und Her die Tat zu. Er leidet an einem inoperablen Gehirntumor, möchte die wenige verbleibende Zeit nutzen, um zumindest in dieser Sache reinen Tisch zu machen und ist zu einem Geständnis bereit. Keith packt ihn in seinen Wagen und sie machen sich auf den Weg nach Texas, wo die Hinrichtung trotz des unermüdlichen Einsatzes von Dontés Verteidiger Robbie Flak unmittelbar bevorsteht. Nun beginnt ein Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern ebenfalls gegen ein Justizsystem, das buchstäblich über Leichen geht und sich auch von derart banalen Fragen wie Schuld oder Unschuld nicht so einfach aufhalten lässt…

Altmeister Grisham scheint nach einigen Abstechern in fremde Gefilde endgültig zu seinen Wurzeln zurückgekehrt zu sein und das ist gut so, denn im Genre des „legal Thrillers“ macht ihm niemand etwas vor. Mit Vehemenz und Verve stürzt er sich dabei in eines seiner Lieblingsthemen, das dem erfahrenen Leser schon aus anderen Werken vertraut ist, den Feldzug gegen die Todesstrafe. Dabei bedient er sich eines geschickten Kunstgriffs, nämlich der Romanfigur Robbie Flak, ein kompromissloser Anwalt, der die staatlich sanktionierten Tötungen mit allen Mitteln bekämpft und seiner Wut auf ein zynisch korruptes und rassistisches System freien Lauf lässt, das gerade in Bundesstaaten wie Texas die Menschen- und Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung mit Füßen tritt.

Wie stets bei Grisham ist das Thema dabei in einen packenden Plot verpackt, er fesselt den Leser und setzt ihn unter Hochspannung. Selbstverständlich fehlt auch nicht die gebotene Empathie, die Schilderung der Leiden des unschuldig Verurteilten und seiner Familie rühren ans Herz. Manch einem mag das zu plakativ erscheinen, aber der exzellente Erzählstil des Autors lässt kein falsches Pathos aufkommen und der Kampf für die gerechte Sache ist es allemal wert. Der Roman ist nicht nur für Grisham-Fans ein Muss, sondern für alle Freunde der gepflegten anspruchsvollen Spannungs-Literatur unverzichtbar, klare Leseempfehlung!


Genre: Thriller
Illustrated by Random House UK

Der Gefangene

Als Anklage gegen das bestehende Rechtssystem in den USA sowie gegen die Verhängung der Todesstrafe liest sich John Grishams jüngstes Buch »Der Gefangene«.

In seinem ersten Sachbuch beschreibt der gelernte Jurist und bekannte Bestsellerautor den Fall eines unschuldig zum Tode verurteilten weißen Amerikaners. Elf Jahre saß Ron Williamson in der Todeszelle, weil ihn gewissenlose Polizisten, die unbedingt einen spektakulären Mordfall abschließen wollten, trotz eines Alibis und offenkundiger Beweise seiner Unschuld zu einem »Traumgeständnis« nötigten. Danach gingen die Beamten in gnadenlosen Verhören unter Androhung von Gewalt soweit, von dem psychisch labilen Mann eine Geschichte zu erpressen, wonach er geträumt habe, wie der Mord abgelaufen sein könnte. Gemeinsam mit »verdächtigen« Lügendetektorkurven und Berichten von Gefängnisspitzeln, die behaupteten, Williamson habe die Tat gestanden, reichte das aus, ihn anzuklagen und zum Tod durch die Giftspritze zu verurteilen.

Die Polizei des kleinen Städtchens Ada im »Bibelgürtel« von Oklahoma hatte zuvor schon zwei Männer, Tommy Ward und Karl Fontenot, auf diese Weise lebenslang ins Gefängnis befördert. Deren Fälle war wegen ihrer offensichtlichen Absurdität von dem Schriftsteller Robert Mayer aufgegriffen und in seinem Buch »The dreams of Ada« veröffentlicht worden. Beide Fehlurteile sind bis heute nicht aufgehoben.

Grishams Buch beschreibt das Leben eines depressiven Baseballprofis, der aufgrund von Krankheit und mangelnder finanzieller Mittel einem Fehlurteil zum Opfer fiel. Der Zufall wollte es, dass sich Mitarbeiter eines unabhängigen Bürgerrechtskomitees des Falles annahmen und in letzter Sekunde einen Freispruch erkämpften. Minutiös arbeitet Grisham schlechte Polizeiarbeit, pseudowissenschaftliche Methoden, irrtümliche Identifizierungen, schlechte Verteidiger, faule oder arrogante Staatsanwälte und parteiische Richter auf. Streckenweise liest sich sein Buch wie ein Krimi, wobei ellenlange Ausführungen über Baseball eher den amerikanischen Leser interessieren mögen.

Dennoch ist bei diesem Buch alles andere: Grisham, dessen bisherige Bücher packende Thriller sind, tritt mit diesem Werk unspektakulär auf. Obwohl die Bedeutung des geschilderten Falles ungleich dramatischer als jede Romanhandlung ist, fehlen die üblichen Grishamschen Fluchten und Verfolgungsjagden. Wer einen typischen Grisham erwartet, sollte dies vorher wissen, bevor er zu dem Buch greift.


Genre: Sachbuch
Illustrated by Heyne München