Deutschstunde

lenz-1Als ob man selbst dabei war

Ist es Zufall, dass der Höhepunkt der antiautoritären Bewegung in Deutschland im Jahre 1968, in Zeiten einer quasi oppositionslosen großen Koalition also, gleichzeitig das Erscheinungsjahr des wichtigsten und erfolgreichsten Romans von Siegfried Lenz war, der «Deutschstunde»? Das Buch passte jedenfalls genau in diese Zeit, war eine feinsinnige Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit gerade auch in Hinblick auf die Frage nach der Anpassung des Individuums an die jeweilige gesellschaftliche Situation. Was die Achtundsechziger damals bekämpften war ja nichts anderes als das Wiedererstarken einer kritiklosen, obrigkeitsgläubigen deutschen Bevölkerung, die beflissentlich das tut, was man ihr sagt, ohne weiter darüber nachzudenken.

«Die Freuden der Pflicht» heißt denn auch treffend der Deutschaufsatz, den Siggi, der in einer Hamburger Besserungsanstalt einsitzende Ich-Erzähler, schreiben muss. Die Entstehung dieses Aufsatzes, zu dem er fast unbegrenzt viel Zeit hat, bildet den äußeren Rahmen der Handlung. Im Aufsatz des geradezu schreibwütigen Siggi, der inneren Geschichte, lesen wir von seiner Jugend am Deich, von seinem Elternhaus und den Nachbarn in schleswig-holsteinischen Rugbühl, wo sein Vater als Dorfpolizist den «nördlichsten Polizeiposten Deutschlands» innehat. Die unbeirrbare, sture, geradezu unmenschliche Auffassung des Vaters von Pflicht gipfelt in der Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn und Freund Max, einem an Emil Nolde erinnernden, expressionistischen Maler, dem er 1943 das Malverbot aus Berlin überbringt, dessen Einhaltung er persönlich zu überwachen habe. Obwohl Max ihn als Jugendlicher vor dem Ertrinken gerettet hat, ist der Polizist geradezu zwanghaft bemüht, diesen Auftrag akribisch zu erfüllen, menschliche Regungen sind ihm völlig fremd in seiner unreflektierten Pflichterfüllung. Die übrigens noch lange über das Kriegsende hinaus fortdauert, nur weil man ihm nicht gesagt hat, dass damit auch sein Auftrag endet.

Lenz hat autobiografisch inspiriert in seiner schlichten, aber wirkmächtigen Sprache ein großartiges literarisches Portrait der Küstenlandschaft und ihrer Bewohner geschaffen, einer rauen Welt, die immer wieder äußerst detailreich und so liebevoll geschildert wird, dass sie selbst einem ortsfernen, süddeutschen Leser wie mir unwillkürlich ans Herz wächst. Der Plot ist raffiniert in Kapitel gegliedert, die das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und mit Zeitsprüngen voranbringen. So wird zum Beispiel mehrfach das Manuskript eines jungen Psychologen mit einbezogen, in dessen Diplomarbeit das Seelenleben des arretierten Helden analysiert wird. Sehr amüsant sind die Einschübe, in denen Siggi als Autor über den Fortgang seiner Geschichte sinniert und damit den Leser an seinen Überlegungen beim Schreiben teilnehmen lässt. Überhaupt ist in diesen Roman voller Trauer und Bitternis häufig ein trockener Humor eingewoben, der die Lektüre angenehm locker werden lässt, ein markantes Merkmal der großartigen und anrührenden Erzählkunst von Siegfried Lenz. Wie er zum Beispiel einen Geburtstagstisch schildert oder minutiös über ungewöhnliche Riten und seltsame Angewohnheiten seiner wahrlich illustren Figuren berichtet, das zeugt von großer Scharfsicht und Lebensklugheit.

Der ruhige und genüssliche, weit ausholende Erzählstil des Autors hat mich tief in eine ereignisreiche «Deutschstunde» hineingezogen, in der die Spannung bis zum Ende anhält. Man mag manche Naturschilderungen als zu langatmig empfinden, die gleiche Detailtreue aber ist bei den vielen Figuren höchst erwünscht, lässt die fast durchweg sympathischen Protagonisten geradezu lebendig werden, man fühlt sich, als ob man selbst dabei war. Mehr kann man von einem Roman nun wirklich nicht erwarten.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: dtv München

Teubner Handbuch Käse

Ein dicker Schinken über Käse.

Gut, dass auch in Deutschland Käse längst mehr ist als der Wurstersatz für den Stullenbelag. Noch besser ist es, dass es immer mehr Käsetheken gibt, in denen Käse aus vielen Ländern und Regionen angeboten werden. Käse, vornehmlich solche aus Rohmilch produzierte und dann fachmännisch gereifte, wurden durch „Mister Tagesthemen“, Ulrich Wickert, geradezu ein Thema der Massenkommunikation. Jedenfalls für kurze Zeit. Ein Vorgang, der für Deutschland mehr als unüblich war, aber in Ländern, in denen die Tradition der handwerklichen Käsetradition nicht so brutal abgebrochen wurde, durchaus üblich. Wer in Frankreich an einer Käsetheke lange genug verweilt, wird sich über die permanent geführte und von Kenntnis geprägte Diskussion über den zum Menü passenden Käse freuen.
Diese Kenntnis ist in unseren Regionen nicht so verbreitet, wenn doch das Wissen über die „Formen der Milch“, wie Käse in Italien auch gerne beschrieben wird, zunimmt.
Das Buch, das wir Ihnen heute empfehlen möchten, mehrt dieses Wissen. Aus dem Teubner Verlag kommen immer zuverlässige Handbücher – seit März diesen Jahres ist auch eines zum Thema Käse im Angebot. Von der Käsekunde, also dem Wissen um die Geschichte und Herstellung dieser Köstlichkeit ist ebensoviel zu erfahren, wie von vielen einzelnen Käsen selbst. Im Käselexikon werden in diesem Handbuch mehr als 280 Käse alphabetisch, immer mit Foto, vorgestellt und beschrieben. Eine Freude beim Betrachten die zudem das Wasser im Munde des Käseliebhabers zusammenlaufen lässt.
Aber auch der Frage, wie denn Käse richtig zu lagern sei wird nachgegangen, wie selbstverständlich derjenigen, welche Gerichte mit Käse zuzubereiten sind. Im Rezeptteil, der das Buch abschließt, werden rund 100 Gerichte beschrieben, in denen Käse eine Hauptrolle oder zumindest eine wichtige Rolle spielt.

Das Buch ist kein Leichtgewicht. In jeder Hinsicht. Der Schinken ist seinen Preis wert – wenn man das mal so salopp über ein Käsebuch sagen darf.


Kategorie: Lexika und Nachschlagewerke
Verlag: Edition Teubner München