Die Yogini

Ich begann einen Aufsatz über Ulli Olvedis Werk (in: pappelblatt.at) mit dem Satz: „Olvedi lesen heißt Schatztruhen öffnen“. Mit dem folgenden Roman fügt sie den leuchtenden Kleinodien der Seele ein weiteres glänzendes hinzu.
Das allerdings, wenn man kritisch sein mag, erst aus dem Schiefer, dem Mutterstein, befreit werden muss, bevor das kostbare Stück vor den Augen erstrahlt. Und das vielleicht nicht als Einstiegsroman für spirituell weniger Gutbetuchte geeignet ist. Da machen andere Romane Olvedis, wie „Das tibetanische Zimmer“ oder „Über den Rand der Welt“ mehr Sinn.
Das fast 6oo-seitige Werk erzählt die Geschichte der Yogini Lenjam, die, als die weniger spirituell anmutende Schwester von Nyima, Tochter aus höherem Haus in der tibetanischen Vergangenheit, erst manchen materiellen Verlockungen erliegt – vor allem stark wirkenden Männern –, bevor sie ihre Berufung, durch eine Dakini vermittelt, erfährt.
Inhaltlich eröffnet uns Olvedi das tantrische Verständnis der Welt, das lehrt, aus allen Begebenheiten, jeder Kleinigkeit, jeder Skepsis, jedem Irrtum, jeder Emotion einen Wegweiser am spirituellen Pfad zu entdecken. Und – falls notwendig – greifen höhere Mächte ein, Zweifel zu bereinigen, um wieder klar schauen zu können. Bemerkenswert viele Details aus dem Alltagsleben, in denen die Protagonisten irrt, werden gezeigt – beachtenswert der Fundus, aus dem Olvedi schöpft, um Textpassagen aus Heiligen Schriften zu zitieren, oder eigene Erfahrungen einzubringen, um zu vermitteln, wie nun Lenjam aus ihren Fehlern zu lernen vermag. Zwangsweise ergeben sich daraus Längen, die ich aber, präziser denkend, nicht als solche bezeichnen mag. Am besten kann der schürfende Leser das Buch wohl mit einer Edelsteinmine vergleichen, in der man lange Stollen gräbt, um auf reiche Adern zu stoßen. Ein Menschenleben umfasst zwangsläufig immense Strecken, einige Abzweigungen, Irrungen, aus denen der geübte Mineur ableiten mag, wohin der Hauptstollen führen muss, um zum Schatz zu gelangen. Dieser allerdings steckt ebenso in den Nebenwänden der Schächte – eben aufgrund der detaillierten scheinbar unscheinbaren Einsichten Lenjams. Man wiegt diese in den Händen, schleift und poliert sie mit der Schärfe der eigenen Erkenntnis und schon liegen die Kostbarkeiten zauberhaft schön vor dem blaufunkelnden inneren Auge.
Uns allen gemeinsame Schwächen werden beleuchtet, Fehleinschätzungen untersucht, denen wir alle unterliegen können; vielleicht vermögen wir auf erstem Blick den Schatz im tauben Gestein nicht zu erfassen – andere Bücher Olvedis handeln von der leichter zugänglichen Gegenwart, arbeiten mit westlichen Protagonisten, in die wir uns geschmeidiger hineinfühlen können: nichtsdestotrotz findet sich in kaum einem ihrer anderen Werke solch hochkarätige Kollektion an Karfunkeln (oder doch: jedes ihrer Bücher ist faszinierend). Zumal Olvedi eine höchst reiche Zeit schildert: voller Tempel, meditierender Mönche in Klöstern, religiös authentischer Schriften. Eine Epoche, in der spirituelle Tugenden als erstrebenswert gelten, das „einfache Volk“ ob der Segnungen von echten Lamas und Yogis Bescheid weiß und diese aufgrund der dicht gewebten spirituellen Netze auch zu unterscheiden vermag von Scharlatanen oder den geistigen Kräften weniger hoher Würdenträger. Sehnsucht könnte einen packen, denkt man an die Gegenwart, in der nur der Zellophanschein der Verpackungen zählt. Doch – was uns Olvedi vielleicht auch sagt mit diesem Roman: der tantrische Weg nimmt die Gegebenheiten an. Wir können/müssen gerade in einer geistlosen Zeit Spiritualität unverbraucht und mutig wiedererlernen.
Der vorliegende Roman Olvedis erinnert an einen Stollen tief unter dem schweren Gebirge der trostlosen Gegenwart gebaut: durch den wir schlussendlich auf unser inneres Tal der Yoginis treffen, diesen Ort von innerer Schönheit, Weisheit und Tugend, wenn wir voll Vertrauen wahrhaft bereit dazu sid …

Manfred Stangl


Kategorie: Roman
Verlag: Arkana

Buddhas Kinder

Olvedi eröffnet mit diesem Buch interessante Einblicke ins monastische Leben exiltibetischer Klöster. Speziell der Alltag der Novizen wird beleuchtet, dabei stets auch kritisch hinterfragt.

Ungemein spannend ist des Weiteren Olvedis Charakteristik der tibetischen Medizin. Und gänzlich unglaublich liest sich die Begegnung mit einem Schamanen, den sie bei einer Heilungszeremonie beobachtet, wobei das Ergebnis der gelungenen Behandlung medizinisch überprüft wurde. Selbst Einblicke ins tibetische Totenbuch (und in eine berührende, auf die Wiedergeburt hingewendete Begräbniszeremonie) werden uns gewährt.

Erfreut erkennt der Leser Begebenheiten wieder, die Olvedi in ihren Büchern einarbeitete. Klar und schön spiegeln sich in „Buddhas Kinder“ die Quellen, aus denen die Romane der Meister-Autorin fließen. Auch die Herkunft des fundierten spirituellen Wissens wird fassbar, wenn sie von den großen buddhistischen Lamas unserer Zeit erzählt, bei denen sie studierte. Reich und prächtig bebildert ist dieses Buch ein Muss für jeden, den die mystischen Welten aus Olvedis belletristischem Werk faszinieren.

Naturgemäß nicht unproblematisch stellt sich die Schilderung des Klosterlebens der Kinder dar. Viele werden aus purer Armut von den Eltern „abgegeben“, anderen soll die umfassende Ausbildung im Kloster eine bessere Zukunft sichern. Nun scheint das Leben im exiltibetischen Kloster nicht vergleichbar mit den oft bösen Erfahrungen in katholischen Internaten. Disziplinär nötige Strenge wird durch die Weisheit der buddhistischen Lehrer abgemildert. Und Selbst-Disziplin stellt eine Tugend auf dem buddhistischen Pfad zur Erleuchtung dar. Klosterkinder spielen gern Fußball – vieles ist nicht ausdrücklich erlaubt, aber genauso wenig speziell verboten. Musik und Tanz zählen zu den Lehrinhalten der umfassenden spirituellen Tradition. Es scheint, als verstünden die erziehenden Mönche stets aufs Neue, die Balance zwischen nötiger Anleitung und dem Zulassen kindlicher Lebensenergie zu finden.

Ein Novize – Patenkind Olvedis – wendet sich an westliche Jugendliche. Er wirbt fürs Klosterleben, das ihm Halt, Sicherheit, Ausbildung und eine würdige Zukunft schenkt. Mönchen wird in buddhistischen Ländern hoher Respekt gezollt, und sie sind bei allerhand Zeremonien unerlässlich. Doch keines der Kinder ist gezwungen, nach seiner Zeit im Kloster, lebenslang Mönch zu bleiben.

Olvedi stellt den Buddhismus als philosophisch-psychologisches System dar, an das man nicht glauben muss bzw. soll, sondern das man nur mittels (Meditations-)Praxis sich erschließen kann. Den Unterschied zwischen Wiedergeburts-Überzeugung und Auferstehungsreligion erläutert sie präzise. Karma hat nichts mit Strafe zu tun, sondern mit den Chancen, aus den Fehlern voriger Leben zu lernen.

Dem Leben der Nonnen wird Olvedis besondere Aufmerksamkeit zuteil, (wie auch in ihren Romanen). Im Exil in Nepal und Indien zeigt der tibetische Buddhismus (der Vajrayana), weniger patriarchale Züge. Olvedi unterstützt die Entwicklung der Nonnen, wo sie nur kann, gerade natürlich im eigenen Verein, der sich zur Aufgabe machte, Klöster im Exil zu fördern.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Nymphenburger

Zanskar und ein Leben mehr

Zanskar, Ort und Kloster tief im tibetanischen Himalaya. Dorthin verschlägt es Dölma auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie wuchs bei Zieheltern in der Schweiz auf, Flüchtlingskind, nie richtig angekommen, auch als Ehefrau nicht oder in der Mutterrolle. Schreiben verschafft ihr ein Stück Heimat entdeckt Dölma, als sie im fremden Geburtsland ihrer Bestimmung folgt und sich einer Nonne anschließt, sodass sie Teil wird der Rituale, Gesänge und Gebete eines buddhistischen Klosters.

Nach zehn Jahren in denen Dölma als verschollen gilt benachrichtigt ein Brief aus Nepal ihre Tochter Pema-Marie, dass die Tagebücher in Kathmandu gefunden wurden. Pema-Marie begibt sich auf eine mannigfache Spurensuche: sie, die Wissenschaftlerin, begegnet einer spirituellen Glaubenswelt, Schamanen, ihrer Vergangenheit, verdrängten und verhärteten Schichten ihrer Psyche.

Facettenreich wie ein Juwel schillern die unterschiedlichen Ebenen des Romans. Gehalten in das Licht der diversen Betrachtungsweisen funkeln spirituelle Erfahrungen auf, glänzende Einblicke in das Wesen der Seele im Westen lebender Menschen, Ahnungen von Weite und Tiefe der Natur und den Räumen buddhistischer Gedankenwelten.

Feinfühlig geht Ulli Olvedi vor, nie schildert sie spirituelle Erlebnisse vordergründig blendend, nie zerrt sie ihre Protagonisten in ein kaltes Licht der akribischen Analyse, welches die Figuren bleich und hässlich aussehen lässt; selbst die typischen Verkorkstheiten Pema-Maries, ihre westlich-starren Denkmuster, die seelischen Verkrustungen beleuchtet die mitfühlende Art der Autorin so, dass Pema in einem sympathischen Licht erscheint.

Auch politisch bezieht der Roman Stellung: die chinesische Herrschaft über Tibet wird massiv angeprangert; und bei aller Klarheit und Schönheit, die das Leben der Nonnen im Kloster Zanskar bestimmt, übersieht die Autorin nicht die paternalistischen Formen des tibetanischen Buddhismus und lässt Dölma über die Freiheit der Frauen im Westen und die Emanzipation dozieren. Geschickt dann zeigt Olvedi anhand der Neurosen und Erstarrungen Pema-Maries, wie wenig wahre geschlechtliche Unabhängigkeit im Westen gelang, wie sehr die Frau vom leistungsfixierten Urteil des Vaters, sowie durch intellektuelle Selbstzensur von ihrem Leben abgeschnitten in ihrem wertenden überkritischen Denken dahinrotiert.

Olvedi zeigt Auswege, lässt ihre Figuren nicht in modernen Ohnmachtsphantasien abstumpfen und versumpfen.
Sie ist so weise, nicht auf alle Fragen willfährig zu antworten: das Konzept der Wiedergeburt beinhaltet die Gefahr, Hierarchien zu rechtfertigen, in die hinein man aus (vor-)bestimmten Gründen inkarniert wird; diesem Thema weicht Olvedi nicht aus… sie reflektiert die Opferbereitschaft der Nonnen, spricht das Für und Wider aus. Letztlich lässt sie einen jungen Rinpoche sagen, dass im Exil starre Strukturen sich zunehmend auflösen. Die Essenz des Inkarnationsgedankens wird ausgesprochen: man sei die Summe aller Wiedergeburten bis dato, es gehe nicht um Strafe oder Schuld, sondern besäße konkret jetzt die Möglichkeit, aus dem Vergangenen zu lernen und sein Leben zu ändern…
Bei all den subtil verpackten essentiellen Aussagen, die Olvedi trifft, ist ihr schriftstellerisches Talent so groß, Predigten von der Kanzel herab vermeiden zu können; nie sind Dialoge zu lang, weil Olvedi mittels ihrer Figuren belehren will, nie wird der Roman trocken oder langatmig. Im Gegenteil: stets zeichnet sie in ihrer einfühlsamen Sprache die Konturen der Landschaft mit, stets agiert der Mensch in die Natur eingebettet, bewegt sich darin wie in einem wundersamen Haus, auch wenn die Gefahren eines Lebens in den Riesen des Himalayas nicht verniedlicht werden: Nonnen murmeln Mantras, ihr Glaube an die Mutter der Buddhas beschützt sie – Tara wacht über ihre Töchter… doch das Sterben gehört zum Alltag wie das Sein.

Olvedis Sprache ist sanft und präzise: ihre Sätze stehen nicht als kalte Felsblöcke im Buch herum, uns als schroffe Lehrgebilde einzuschüchtern. Sie liefert Mimik, Gestik der Figuren mit, emotionale Färbungen, Stimmungen. Dadurch wird ihre Sprache so lebendig, menschlich, und anderseits eben geheimnisvoll, magisch, wo überwältigende spirituelle Erfahrungen faszinieren. Oder existentielle Erschütterungen, wie der Tod, abgemildert freilich durch das Wissen über die Wiedergeburt im Gewand des neuen Körpers, das nun besser um die gereifte Seele sich hüllt.
Oftmals scheinen Olvedis Sätze sich aus dem Buch auf einen Baum zu schwingen, wo sie Vögel werden und jubilierend trällern.

Ein Buch, wertvoll wie ein Diamant, wobei sich vermuten lässt, dass wohl die Sehnsucht des Lesers nach solch mystischen Räumen, die dieser Roman eröffnet, ihn drängt, sich selbst in spirituelle Bereiche, in die Meditation vorzuwagen…

Manfred Stangl


Kategorie: Romane
Verlag: O.W. Barth München