Unter der Hand

leupold-1Mensch, Dagmar

Mit einem Zitat aus «Tristram Shandy» von Laurence Sterne wird dieser moderne, aber auch melancholische Schelmenroman wunderbar stimmig eingeleitet. Und es wird auch gleich dramatisch: Minna liegt tot auf dem Bett, als ihr Nachbar sie findet, wie hindrapiert, an Dornröschen erinnernd. Neben ihr ein Manuskript, in Leder eingeschlagen. Er beginnt zu lesen … und taucht dann erst im letzten Kapitel wieder auf, er bildet quasi eine Klammer um das Ganze. Denn was wir da eigentlich lesen, so will es Dagmar Leupold, ist genau dieser nachgelassene Text, dessen Entstehung märchenhafte Züge trägt, ein von der Autorin kunstvoll eingesetztes Stilelement, auch wenn ihre Protagonisten der Jetztzeit entstammen und ein glücklicher Ausgang nicht recht passen würde dazu. Aber man wird doch noch träumen dürfen!

Während der Reha nach einem Zusammenbruch, der medizinisch unbenannt bleibt, trifft die an Melancholie leidende Minna, Single-Frau um die fünfzig, in der arkadischen Landschaft der Toskana auf Vico, einen mit dem Recycling von Abfall erfolgreichen, so gar nicht mafiosen Unternehmer, der ihr gleichwohl diskret dicke Geldumschläge zuschiebt, damit sie sich zu Hause schriftstellerisch betätigen kann, als Nachkur gewissermaßen. Ein eigenwilliges Mäzenatentum, der Italiener will nämlich sein reichlich vorhandenes Geld wenigstens zum Teil selbstlos einsetzen, um Freude zu stiften. Er hofft, dieses Glück möge sich dann auch weiter übertragen auf andere, und ihre Erfahrungen in diesem Prozess solle Minna aufschreiben. So beginnt eine turbulente Geschichte, mit viel Wortwitz ebenso zielstrebig wie kurzweilig und nachdenklich erzählt.

Kaum zurück in München, ihrer Wahlheimat, trifft Minna, die sich mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, auf Lotte, eine rüstige ältere Dame über achtzig, mit der sie schon bald eine liebevolle Freundschaft verbindet, ein unerhofftes Glück für die zurückgezogen lebende betagte Frau, die aus Schlesien stammt. Nach und nach erweitert sich Minnas dürftiges Beziehungsnetz, wir lernen ihren Liebhaber Franz kennen, dann zwei halbwüchsige Nachhilfeschüler und den ehemaligen Lehrer Heinrich, der sich als ihr Froschkönig erweist, wie aus dem grimmschen Märchen entsprungen, ihre wahre Liebe. Und ihr Glück wirkt in der Tat ansteckend, ihr kleiner Lebenskreis blüht auf, man findet fast familiär zueinander.

Die lakonischen Reflexionen einer erwachsenen Frau, die als Frühgeburt auf die Welt kam, ein Mängelexemplar nach eigenem Bekunden, zeigen die Ich-Erzählerin als gleichermaßen witzige wie scharfe Beobachterin des alltäglichen Wahnsinns um sie herum. Jeder bekommt da sein Fett ab in deren Gesellschaftskritik, ob das nun die treffsicher aufs Korn genommene Schickeria Münchens ist oder die wunderliche Fahrradgruppe in der Toskana. Der Schwung der Handlung flaut ganz zum Schluss hin leider etwas ab, es wird deutlich konventioneller erzählt, auch der Ausgang der Geschichte kann mich nicht wirklich überzeugen. Gleichwohl, alles was wir lesen in diesem Roman ist pointiert und geistreich formuliert, unterhaltsam, spannend, lebensklug, oft auch ironisch, manchmal gar zynisch. Die Figuren wirken allesamt sympathisch, trotz aller Melancholie gibt es komische Situationen und immer wieder amüsante Dialoge zwischen ihnen. Minna wirkt erstaunlich stark mittendrin, burschikos wie sie ist, es macht einfach Spaß, ihr als Leser durch diesen intelligenten Plot zu folgen. Und so flüstert sie einmal, ganz nonchalant, ihrem Franz beim Liebesakt zufrieden ins Ohr: «Mensch, Franz»!

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Kategorie: Roman
Verlag: Jung und Jung

Die Witwen

leupold-3Kein Highlight

Bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 hat es Dagmar Leupolds neuer Roman «Die Witwen» geschafft, weiter allerdings nicht. Mit der Ergänzung «Ein Abenteuerroman» und seinem frechen Cover mit engelsgleichen Frauengestalten lädt dieses Buch geradezu zum Lesen ein, verspricht doch beides eine vergnügliche Lektüre. Nach «Edmond» von 1992 und «Unter der Hand» von 2013, ihrem letzten Roman, war ich doch sehr gespannt, ob der neue ähnlich forsch und charmant erzählt ist, eventuell gar eine Steigerung darstellt gegenüber den zwei anderen Romanen. Ich wurde, um es gleich vorweg zu sagen, ziemlich enttäuscht.

Ein glückverheißendes Kleeblatt sind jene vier Schulfreundinnen aus Berlin, die auch nach dem Abitur eng befreundet bleiben. Penelope heiratet und folgt ihrem Mann Otto an die Mosel, wo die Schwiegereltern ein Weingut mit angeschlossenem Gasthaus betreiben. Sie haben einen Sohn, ihr Glück scheint perfekt, bis eines Tages Otto von einer Dienstreise nach Fernost nicht zurückkommt, er bleibt spurlos verschollen. Penny, wie die Freundinnen sie nennen, stellt keine Nachforschungen an, selbst nach vielen Jahren kann sie sich nicht dazu durchringen, ihn für tot erklären zu lassen. Sie ist de facto Witwe, de jure nicht, aber sie will dies einfach nicht wahrhaben, ignoriert hartnäckig die offensichtliche Realität. Nach und nach folgen ihr die drei anderen Freundinnen aus der quirligen Großstadt in den beschaulichen Winzerort Steinbronn. Sie wollen ihr Leben entschleunigen, zu sich selbst finden in der idyllischen Umgebung. Auch sie sind ohne Mann, waren nie verheiratet, haben sich beruflich als Gärtnerin, Joga-Lehrerin und Logopädin selbstständig gemacht und sich behaglich, aber illusionslos in ihrem Singledasein eingerichtet. Die vier unzertrennlichen Freundinnen verharren antriebslos in einer Art Wartestand, ohne recht zu wissen, worauf genau sie denn warten.

Eines Tages jedoch wachen sie auf aus ihrer Lethargie und beschließen spontan, mit dem Auto eine Reise ins Blaue zu machen. Da keine von ihnen den Führerschein hat, suchen sie einen Chauffeur, der den Mietwagen fahren soll, und entscheiden sich unter den Bewerbern einstimmig für Bendix, ein vor sich hin lebender Privatier aus dem Ort, geistreich aber wortkarg, ebenfalls alleinlebend, ebenfalls mit sich selbst nicht im Reinen. Es geht die Mosel aufwärts zum Col de Bussang, zur Moselquelle. Bei einer Panne in einsamer Lage der Vogesen beginnt eine der Frauen plötzlich von sich zu erzählen, und nacheinander legen alle vier eine schonungslose Lebensbeichte ab, reden sich wie im Rausch ihren Frust von der Seele. Die intime Beichte der Frauen offenbart ihre Verletzlichkeit, enthüllt Verdrängtes, zeigt die harte Realität ihrer so unterschiedlichen Lebensgeschichten auf, ihre zerplatzten Träume, ihre Illusionen über Männer, die sich stets als Enttäuschung erweisen.

Und auch ihr Chauffeur Bendix wird nachdenklich, hinterfragt grübelnd sein Einsiedlerdasein: «Er wollte von der Welt nicht mehr wissen als ein Säugling. Er wollte vergessen, was Angst war. Ja, das war die Schrebergartenfantasie, der Entwurf eines Gärtleins aus Wohlbehagen mit Rabatten, deren Geradlinigkeit wildgezackte Unruhen vertrieben. Und bucklicht Männlein auch. Und Lumpensammler. Auch Engel hatten dort nichts verlorenen.» Man wird mit lebensklugen Reflexionen konfrontiert, von Dagmar Leupold in einer amüsant saloppen Weise gekonnt erzählt, oft verblüffend direkt formuliert, ihrem sehr persönlichen Stil folgend. All das ist durchaus erfreulich zu lesen. Nicht gelungen jedoch sind die Figuren, alle Protagonisten bleiben merkwürdig blutarm, man kommt ihnen nicht näher, Sympathie gar entwickelt sich nicht zu ihnen. Und was den Plot anbelangt, so konnte er mich ebenfalls nicht überzeugen, zu weit herbeigeholt und konstruiert wirkt dieses Abenteuer, über das da so munter berichtet wird. Schade eigentlich, die Geschichte hätte von der Idee her das Potential zu einem lesenswerteren Roman gehabt.

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Kategorie: Roman
Verlag: Jung und Jung