Bonjour Tristesse

9783550081385_coverMit 18 Jahren veröffentlichte die Autorin die Erzählung „Bonjour, tristesse“, die auch heute, 50 Jahre später, für das Selbstbestimmungsrecht der Frau steht. Das Klima in den 50ern war gezeichnet von einer Gesellschaft, die die Frauen hasste, schreibt Sibylle Berg in ihrem lesenswerten Nachwort zu vorliegender Neuübersetzung. Obwohl Frauen zwei Drittel der Gesellschaft ausmachten, mussten Frauen die Erlaubnis des Ehemannes einholen, um arbeiten gehen zu dürfen, und dann auch nur als „Dazuverdienerin“. Emotional, passiv und sozial sollten sie sein, die Männer dafür leistungsorientiert, durchsetzungsfähig und aktiv, so Berg. Sagans Protagonistin, Cécile, war in diesem gesellschaftlichen Klima „ein progressiv-feministischer Beitrag zu einem Wandel des Frauenbildes“. „Bonjour tristesse ist eine Reminiszenz an eine Zeit des Aufbruchs“, schreibt Berg, „als man von einer besseren Zukunft träumte“.

Vom Pochen des eigenen Blutes

Ausgehend von einem Gedicht Paul Éluards mit demselben Titel, beschreibt die junge, 18-jährige Protagonistin Cécile das Leben mit ihrem Vater Raymond. Sie beschreibt die „Tristesse“ als über die Wehmut und das Bedauern, die Reue hinausgehendes Gefühl, das sie umschließe wie Seide, „zermürbend und weich, und mich trennt von den anderen“. Ähnlich wie ihr Vater erlebt auch Cécile unterschiedliche Liebesabenteuer, als sie ihre Lust erstmals entdeckt: „Bis heute weiß ich nicht, ob sich hinter dieser Lust an der Eroberung ein Übermaß an Vitalität verbirgt, oder ob es das Verlangen ist, Einfluss auszuüben, oder aber das verstohlene, uneingestandene Bedürfnis nach Selbstbestätigung, nach Bestärkung“, denkt sich Cécile über ihre Abenteuer und Sagan beschreibt ihr Leben mit wunderbaren sprachlichen Bildern. Da sind einmal „die Sandkörner zwischen meiner haut und meiner Bluse“, die sie vor dem „zärtlichen Ansturm des Schlafes“ schützten oder das Herz ihres Liebhabers Cyril, „das im Takt der Wellen schlug, die sich auf dem Sand brachen (…) ich hörte das Meeresrauschen nicht mehr, aber in meinen Ohren das schnelle, fortgesetzte Pochen meine eigenen Blutes“.

Bonjour, tristesse: Intrige und Lust

Im zweiten Teil des Romans verändert sich die Konstellation, denn ihr Vater will heiraten und Cécile fühlt sich von der neuen verdrängt und so spinnt sie ihre Intrige mit einer alten Liebhaberin ihres Vaters, um wieder zu ihrem Recht, die einzige für Raymond zu sein, zu können. Denn alle Liebhaberinnen ihres Vaters waren bisher vorübergehend, nur sie, Cécile, blieb immer bei ihm. Plötzlich ahnt Cécile „diesen ganzen herrlichen Mechanismus der menschlichen Reflexe, diese Macht des Wortes“, sie ahnt sie im Moment der Intrige und sieht darin – auch wenn sie diese Erfahrung auf dem Weg der Lüge machen musste – ihre eigene Zukunft: „Eines Tages würde ich jemanden leidenschaftlich lieben, und ich würde auf diese (Hervorhebung JW) Weise einen Weg zu ihm suchen, behutsam, mit Zartheit und zitternder Hand…“. Ein Manifest der Intrige als letzte Waffe der Frau zu ihrem Recht zu kommen? Heutige Feministinnen wären mit Francoise Sagans Romandebüt wohl weniger zufrieden, denn alle Frauen kreisen immer um Raymond. Auch Cécile. Aber damals begann mit diesem Roman die Befreiung. So die Legende.

Francoise Sagan
Bonjour Tristesse
Aus dem Französischen übersetzt von Rainer Moritz
Mit einem Nachwort von Sibylle Berg
Ullstein Verlag, Internationale Literatur Literarische Wiederentdeckung
Hardcover mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN-13 9783550081385


Genre: Erfahrungen, Erinnerungen, Frauenliteratur, Liebesroman, Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Bonjour tristesse

sagan-1Eine Stilistin der Einsamkeit

Aus dem umfangreichen Œuvre der französischen Bestseller-Autorin Françoise Sagan ragt der Roman «Bonjour tristesse» besonders hervor. Ihr Erstling von 1954, den sie als siebzehnjährige Studentin in nur sieben Wochen geschrieben hat, ist nicht nur ihr erfolgreichstes, der Roman ist auch ihr bekanntestes Werk. In einer «Le Monde» Umfrage von 1999 nach dem besten Buch des Jahrhunderts liegt es auf Platz 41 der Bücher, die den 17.000 beteiligten Lesern im Gedächtnis haften geblieben sind. Man glaubt es kaum, dass dieser vielfach ausgezeichnete, millionenfach verkaufte, in viele Sprachen übersetzte und 1958 von Otto Preminger verfilmte Roman damals wegen seiner Unmoral heftiger Kritik ausgesetzt war, er verstieß gegen die drögen Moralvorstellungen konservativer Kreise in diesem katholisch geprägten Land.

«Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit». Der erste Satz enthält auch hier, wenn man Edgar Allan Poe folgt, schon die Quintessenz der erzählten Geschichte. Dem sorglosen Leben der 17jährigen Cécile, die mit ihrem Vater und dessen junger Gespielin Elsa unbeschwerte Sommerferien an der Cote d’Azur verbringt, droht ein jähes Ende, als plötzlich Anne auftaucht, eine Freundin der vor fünfzehn Jahren verstorbenen Mutter, die erfolgreich ihren Vater bezirzt. Spontane Heiratspläne der beiden Vierzigjährigen verändern schlagartig das bisherige dolce far niente, entfremden sie ihrem eine neue Ehe bisher strikt ablehnendem Vater, beenden auch abrupt das vertrauensvoll kumpelhafte Einverständnis zwischen ihnen, – Cécile ist unendlich traurig.

Aber sie ersinnt eine List, um die drohende Eheschließung  zu verhindern, wobei die schmählich abservierte Elsa und der von Anne aus dem Haus verbannte, deutlich ältere Jurastudent Cyril, Céciles erste Liebe, bei dem sie gleich auch ihre Jungfräulichkeit verliert, die entscheidende Rolle übernehmen. Sie geben sich nämlich als verliebtes Paar aus, um Eifersucht und den Jagdinstinkt des casanovagleichen Vaters zu wecken. Der Frauenheld fällt auch prompt darauf herein und löst damit ungewollt ein dramatisches Finale aus. In Paris dann scheint das unbeschwerte Leben von Vater und Tochter weiterzugehen, alles ist wie früher, wären da nicht die nächtlichen Erinnerungen an diesen Sommer, bei denen etwas in Cécile aufsteigt, wie es im letzten Satz heißt, «das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinem Namen nenne: Traurigkeit – komm, Traurigkeit». Ihr schlechtes Gewissen wird sie nun wohl ihr Leben lang begleiten, – vergleichbar perfide ist übrigens der intrigante jugendliche Held im deutlich amüsanteren Roman «Lob der Stiefmutter» von Mario Vargas Llosa mit gleicher Thematik.

Es ist die federleichte Sprache, in der diese melancholische Geschichte erzählt wird, aus einer fast noch kindlich naiven Perspektive der völligen Sorglosigkeit heraus, die ich besonders beeindruckend fand. Das Einfühlungsvermögen der Autorin in ihre damals gleichaltrige Protagonistin ist jedenfalls erstaunlich. Françoise Sagan zeichnet in kurzen Sätzen mit einfachen Worten, darin Hemingway ähnelnd, treffsicher ein psychologisch glaubwürdiges Bild ihrer sympathischen Romanfigur, deren entwaffnende Naivität ihre rücksichtslos egoistischen Ziele derart übertüncht, dass man ihr alles verzeiht als Leser. Der existentialistische Roman ist Ausdruck eines Lebensgefühls, welches die als «Stilistin der Einsamkeit» apostrophierte Schriftstellerin wie kein anderer mehrfach in ihren Werken beschrieben hat. Ihre von keinen Geldsorgen geplagten Figuren gehören der «armen, abgestumpften Rasse der Genussmenschen» an, wie es im Roman heißt, die damals, anders als in der Spaßgesellschaft unserer Tage, noch nicht derart dominant war. Insoweit ist «Bonjour tristesse» auch das Zeitzeugnis einer vergangenen Epoche, der schmale Band gehört ohne Zweifel zu den immer noch lesenswerten Klassikern der Weltliteratur.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin