Wendekreis des Krebses

miller-1Surrealistischer Klassiker

Der in New York als Sohn deutscher Eltern geborene Schriftsteller Henry Miller hat 1934 mit «Wendekreis des Krebses» einen Roman vorgelegt, der schnell Kultstatus erreicht hat, woran der nach seinem Erscheinen wegen der vulgär sexuellen Textpassagen verursachte Skandal nicht unerheblichen Anteil hatte, das Buch stand lange auf dem Index. Dabei wurde völlig unterschätzt, welchen literarischen Rang der stark autobiografisch beeinflusste Roman in Wahrheit einnimmt, ist er immerhin mehr als achtzig Jahre später noch lange nicht in Vergessenheit geraten, vermag auch heute noch viele Leser zu begeistern. Eindeutig also ein literarischer Klassiker, welcher, folgt man der Definition von Heinz Schlaffer, «gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig» ist oder, wie es Vladimir Nabokov umschreibt, ein «zeitloses Kunstwerk, dem ein individueller Genius innewohnt».

Um es gleich vorweg zu nehmen, ein Klassiker sicherlich nicht der obszönen Stellen wegen, die heutzutage niemanden mehr «hinter dem Ofen hervorlocken können». Im Gegenteil, der Sex ist hier plump, vulgär, primitiv anatomisch, hat zudem einen derart beiläufigen Status, nichts Aufregendes, Ersehntes, Beglückendes, dass Voyeure eher abgeschreckt werden, – was da beschrieben wird hat keinerlei Reiz! Fast alle Frauenfiguren des Romans sind Prostituierte der untersten Kategorie, aus der Gosse, unattraktiv, oft abstoßend, der Umgang mit ihnen ist geschäftsmäßig, die Männer verachten sie abgrundtief. Eine unerträglich überhebliche, machohafte Perspektive des Autors, die selbst manche einschlägig geprägten südamerikanischen Kollegen noch weit in den Schatten stellt in ihrer rigiden Frauenfeindlichkeit.

In teils tagebuchartigen Fragmenten werden, ohne erkennbare Zusammenhänge und chronologisch plausible Abfolge, einzelne Episoden aus der Pariser Zeit des Autors erzählt, wobei Alltagsszenen durchmischt sind mit eigenen Reflexionen und philosophischen Betrachtungen. Der tägliche Kampf ums Dasein in einem prekären Milieu steht dabei im Vordergrund, vergebliche Jobsuche, das Schnorren um einen Drink, um Essen, Unterkunft, käuflichen Sex. Die drastischen Schilderungen sind oft grotesk überzeichnet und erzeugen mit häufig surrealistischen Einschüben erstaunliche Assoziationen, die so gar nicht den üblichen Leseerfahrungen entsprechen. Dieser originäre Stil unterstreicht die unverhohlene, aber auch verzweifelte Kritik des Autors an den gesellschaftlichen Zuständen, die zu ändern auch die Literatur aufgerufen sei, wie er mal angemerkt hat. Miller bezieht den Akt des Schreibens mit ein in seine Sinnsuche, benutzt seinen provokanten Erzählstil als Analogie für ein anzustrebendes, von allen äußeren Zwängen befreites Leben des Individuums. In diesem Sinne sind auch seine bewusst drastischen sexuellen Schilderungen zu verstehen, sie sind ein radikales Mittel zur Entlarvung des lebensfeindlichen Wertesystems der puritanischen Gesellschaft seiner Heimat.

Sprachmächtig und gedankenreich führt Miller seine Leser in eine Welt ein, die als extrem abstoßende Subkultur die schlechtesten aller menschlichen Lebensumstände jener Zeit darstellt, ohne ihr je, als Gegenpol sozusagen, behaglichere gegenüber zu stellen. Damit verstärkt er bewusst deren ohnehin niederschmetternde Wirkung, verstört aber zugleich sicherlich auch manchen Leser, den das trostlose Milieu irgendwann mental doch allzu sehr niederdrückt. Überraschende Begegnungen mit Settembrini oder Molly Bloom, überhaupt eine üppige Intertextualität, wirkten da erfreulich aufhellend: «Verloren war ich wie einst, als ich im Schatten junger Mädchenblüte im Speisesaal jener riesigen Welt von Balbec saß und mir zum ersten Mal der tiefere Sinn jener inneren Stille aufging, die sich durch die Verbannung von Sicht- und Greifbarem äußert». Ein philosophischer Streifzug also durch die nihilistische Gedankenwelt eines unkonventionellen Autors, dessen zeitloser Roman ein Klassiker ist, den man gelesen haben sollte.

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt