Der Lärm der Zeit

Mit einem Bild, das haften bleibt, charakterisiert Autor Julian Barnes seinen Titelhelden Schostakowitsch: Der weltberühmte Komponist wartet im Mantel auf gepackten Koffern vor seiner Wohnungstür darauf, dass ihn Stalins Geheimdienst abholt und in das »Hohe Haus« verschleppt, aus dem es kein Entrinnen gab. Der Musiker will seiner Familie den Schrecken des Eindringens grober Geheimpolizisten in seine Privatsphäre ersparen, darum sitzt er innerlich zitternd vor der Wohnung in Positur und wird letztlich doch nicht abtransportiert.

Barnes zeichnet in seinem biografischen Roman »Der Lärm der Zeit« Leben und Schicksal des 1906 in Sankt Petersburg geborenen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, der aufgrund seiner Leistungen im Bereich der sinfonischen Musik schon in jungen Jahren weltweit ebenso wie in seiner sowjetischen Heimat höchste Anerkennung fand. Inspiriert durch die Werke seiner Zeitgenossen Igor Strawinski und Sergei Prokofjew schuf er eine einzigartige Melange aus volkstümlich konventionellen und revolutionären Melodien, die fantasievoll instrumentiert durch eigene Harmonik beeindruckt. Das Sowjetsystem beauftragte ihn dann auch mit hymnischen Auftragsproduktionen zur Oktoberrevolution, für die er gefeiert wurde.

Schostakowitsch baute in seine Kompositionen gern feine Andeutungen auf den Zeitgeist und seine praktischen Auswüchse ein. 1931 fiel er damit erstmals der Zensur auf, die ein groteskes Stück über Industriesabotage, das er als Ballett verarbeitet hatte, absetzte. Der Tondichter verehrte die satirischen Werke Gogols und schuf nach dessen gleichnamiger Erzählung »Die Nase« seine erste Oper, die aber aufgrund der Anspielungen auf die russische Bürokratie gleich wieder vom Spielplan verschwand. Mit seiner zweiten Oper »Lady Macbeth von Mzensk« errang er hingegen in mehr als 200 Aufführungen triumphale Erfolge, die sich auch im Ausland fortsetzten.

Das Schicksal wollte es, dass Stalin, der sich als Freund der Künste verstand, am 16. Januar 1936 eine Aufführung der Oper im Moskauer Bolschoi-Theater besuchte. Dabei übertrieb es das durch den hohen Besuch aufgeregte Orchester und gab zu viel des Guten. Die unter der mit Stahlplatten abgeschirmten Regierungsloge sitzenden Blechbläser trompeteten dem Diktator in die Ohren, sodass sich dieser erhob und wortlos das Haus verließ. Als wenige Tage später in einem vermutlich von Stalin selbst geschriebenen Artikel unter der Überschrift »Chaos statt Musik« die Oper als »Getöse, Geknirsch, Gekreisch« und »Kakophonie« abgeurteilt wurde, begann eine Hetzjagd auf den Komponisten, die einer Exekution gleichkam. Journalisten, die zuvor das Werk in höchsten Tönen gelobt hatten, leisteten öffentlich Abbitte. Intendanten von Opernhäusern, die ihn zuvor umworben und mit offenen Armen empfangen hatten, entschuldigten sich in Erklärungen für ihren »Irrtum«.

Schostakowitsch war bislang von dem kunstsinnigen Marschall Tuchatschewski unterstützt und gefördert worden, jetzt geriet auch dieser hochdekorierte Offizier in das Visier der »Säuberer« und wurde angeklagt, ein Komplott zu Ermordung des Genossen Stalin angezettelt zu haben. Der Komponist wurde zum Verhör zitiert und unter Druck gesetzt, gegen den Marschall auszusagen. Da er aber beim besten Willen nichts sagen konnte und sich ausschließlich an Musik interessiert auswies, wurde ihm Gelegenheit gegeben, seine Erinnerungen über das Wochenende noch einmal »aufzufrischen« und am kommenden Montag erneut zu erscheinen. Pünktlich fand sich Dimitri Dmitrijewitsch im NKWD-Hauptquartier Lubjanka ein, doch der Beamte, der in verhören wollte, war inzwischen selbst in Verdacht geraten und kurzerhand liquidiert worden. So ging Schostakowitsch, der Folter und den erlösenden Genickschuss erwartet hatte, wieder heim und wartete jeden Abend auf gepackten Koffern vor seiner Wohnung darauf, dass sie ihn abholten. »Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon«, schrieb er selbst später über diese Periode.

Der Komponist bemühte sich nun, nicht weiter negativ aufzufallen und schrieb sein wohl bekanntestes Werk, die 5. Sinfonie, die am 17. März 1941 unter deutschem Beschuss in Moskau erstaufgeführt wurde. Das Werk galt als Rückkehr des verlorenen Sohnes in die offizielle Kulturpolitik, der Schöpfer wurde mit dem Stalinpreis geehrt und sollte bald auch international für die sowjetische Kulturpolitik auftreten. Um dies zu erreichen, so erzählt Julian Barnes, rief Stalin den Komponisten persönlich an. Der erklärte, es könne kaum sein, dass er im Ausland auftrete, während seine Musik im Inland verboten sei. Es dauerte nur wenige Tage, da wurden seine Werke wieder gespielt und er selbst mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Es folgten noch einige Diskussionen wegen »Formalismus«, doch 1953 starb Stalin, mit dem Schostakowitsch in seiner 10. Sinfonie musikalisch abrechnete. In der folgenden Periode des »Tauwetter« wurde er auch offiziell rehabilitiert und schuf bis zu seinem Tode 1975 in Moskau noch zahlreiche Streichquartette, Konzerte und Filmmusiken.

Immer wieder schimmert in der Künstlerbiografie, die Julian Barnes verfasst hat, die Frage des Selbstverständnisses des Künstlers unter der Diktatur durch. Barnes beschreibt Schostakowitsch als weichen Menschen, der unter Folter alles ausgesagt hätte. Gleichwohl war er kein Feigling, denn sein Werk lebt von satirischen Anspielungen und Andeutungen. In einer seiner Sinfonien zitiert er sogar seine verbotene Oper »Lady Macbeth«, und auch die heroischen Momente seiner Musik lassen den Eindruck entstehen, dass Jubel oft nur unter Zwang entstand. Eine deutliche Sprache spricht schließlich ein Werk, das erst nach dem Ableben des Meisters bekannt wurde, bei dem zwei fiktive Genossen auf eine georgische Volksliedmelodie (Stalin) und einen Walzer (Schdanow) über die »optimistische« Grundstimmung der sowjetischen Musik singen.

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor. © Alan Edwards/f2 2images

Julian Barnes kommt in seinem biografischen Roman zu dem Schluss, dass Schostakowitsch keiner war, der sich als ein zum Helden geborenes Genie verstand. Vielmehr lebte der Komponist für seine Musik und wollte den »Lärm der Zeit«, so der Titel des Buches, möglichst weit von sich weghalten. Offenbar gab es keine Möglichkeit, die Wahrheit mit künstlerischen Mitteln zu sagen und dennoch zu überleben. Hinzu kommt in späteren Jahren sicherlich die Korrumpierbarkeit des erfolgreichen Künstlers, dessen »Lady Macbeth« mit Kürzungen von sexuellen Anspielungen sogar wieder aufgeführt werden durfte, nachdem er endlich unter sanftem Druck in die Partei eintrat und zum Vorsitzenden des Komponistenverbandes bestellt wurde.

Der Autor versucht in seinem äußerst dicht und eindringlich verfassten Roman, die Welt aus der Innensicht des Komponisten zu beschreiben. Dazu bedarf es vieler Fakten und der Herstellung historischer Zusammenhänge, die eingestreut werden müssen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Terror eine Seele zersetzen kann. Schade dabei ist, dass Julian Barnes nur sehr wenig über die Musik selbst schreibt, die doch in hohem Maße dazu beitragen könnte, das Profil des Komponisten zu schärfen. So bleibt nach der Lektüre die Frage im Raum stehen, ob Schostakowitsch ein feiger Mitläufer war. Der Leser mag sich selbst befragen, wie er in einer derartigen Extremsituation handeln würde. Schon die Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung allein macht das Buch lesenswert.


Genre: Biographien, Musik und Literatur, Zeitgeschichte
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Flauberts Papagei

barnes-4Ein Vexierspiel

Mit «Flauberts Papagei», seinem dritten, 1984 für den Booker Prize nominierten Roman, gelang dem britischen Schriftsteller Julian Barnes der Durchbruch. Inzwischen liegt ein stattliches Œuvre dieses Autors vor, der literarisch der Postmoderne zugerechnet wird. Kennzeichnend für seine subjektivistische Prosa sind zum einen die Betrachtungsweise aus einer dezidiert individuellen Perspektive, ferner seine häufige Beschäftigung mit historischen Themen sowie sein deutlich spürbares Faible für französische Lebensart und Literatur. Wobei Letzteres viele intertextuelle Bezüge mit einschließt, im vorliegenden Roman natürlich vor allem zu dem literarischen Olympier Gustave Flaubert. Und, – last, but not least -, gehört natürlich auch der typisch britische Humor dieses Romanciers dazu, dessen hintergründige Ironie ja schon im Titel des Romans aufblitzt.

Protagonist und Ich-Erzähler ist Geoffrey Braithwaite, Landarzt im Ruhestand und als Privatgelehrter ein geradezu fanatischer Flaubert-Forscher. Seine Spurensuche durch Museen  und Archive, durch Bibliotheken und Antiquariate bezieht auch jenen ausgestopften Papagei mit ein, der als Leihgabe zeitweise auf dem Arbeitstisch des Romanciers stand und ihm wohl als Inspirationsquelle diente. In «Ein schlichtes Herz», erste Erzählung des erfolgreichen Triptychons «Trois Contes» von 1877, jenem spöttischen Abgesang auf illusionäre Idealsuche, spielt der Vogel denn auch eine tragende Rolle. Barnes benutzt ihn als Leitmotiv in seinem Roman und erzählt in 15 Kapiteln von den laienhaften Forschungen des verwitweten Arztes. Dabei bleibt kein Aspekt aus der Vita des verehrten Schriftstellers ausgespart, seine Liebesaffären werden ebenso thematisiert wie seine zurückgezogene Lebensweise und diverse Marotten, zu denen zum Beispiel sein Hass auf die Eisenbahn gehört. Im Kapitel «Die Flaubert-Apokryphen» wird lebhaft über seine nicht geschriebenen Bücher spekuliert, in anderen stehen seine Beziehung zu Tieren im Vordergrund, und natürlich auch die gesellschaftlichen Anfeindungen, die der Roman «Madame Bovary» hervorgerufen hatte, ein gefährlicher juristischer Strudel damals, aus dem er glänzend rehabilitiert wieder aufgetaucht ist.

Selbstverständlich ist diese eindeutig bekannteste Romanfigur Flauberts im Roman allgegenwärtig, Julian Barnes lässt Emma Bovary geradezu lebendig werden, erhebt die Ehebrecherin beinahe zu einer historischen Figur. Und so wird denn auch die köstliche Anekdote erzählt, dass man in Hamburg schon ein Jahr nach Erscheinen des Romans eine «Bovary» mieten konnte, eine zum Kopulieren zweckentfremdete, ziellos herumfahrende Pferdedroschke, so benannt in Anspielung auf die berühmte Fiakerszene. Der Protagonist kann sich nach einem Museumsbesuch dann auch die Anmerkung nicht verkneifen, dass ihm die ausgestellten Droschken aus jener Zeit beängstigend klein vorgekommen sind und allesamt kaum geeignet seien für den von Flaubert ersonnenen, zweckentfremdeten Gebrauch. Typisch Barnes!

Mit seinem dilettierenden Literaturforscher Braithwaite karikiert der Autor gekonnt die ganze Zunft, weist auf Absurditäten und Hirngespinste hin, denen da so übereifrig nachgegangen wird. Ein Leser, der Flaubert nicht kennt, nichts von ihm gelesen hat, wird kaum auf seine Kosten kommen bei dieser Eloge auf den berühmten Romancier, zu häufig wird doch auf dessen Werk Bezug genommen. Das Fiktionale des Romans wird hier durch massenhaft Historisches unterfüttert, man glaubt sich beim Lesen zuweilen eher in einer Schriftsteller-Biografie angesichts der vielen Daten und Fakten, die da ausgebreitet werden. Aber die Rahmenhandlung mit ihrem Ich-Erzähler holt einen dann doch immer wieder ins Fiktionale zurück. Der experimentell aufgebaute Plot ist hervorragend durchdacht mit vielen stimmigen Verweisen, er wird in einer brillanten Sprache erzählt und vermittelt en passant eine Menge Wissenswertes über Gustave Flaubert. Einfach zu lesen ist dieses gekonnte Vexierspiel allerdings nicht.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Lebensstufen

barnes-3Ein literarisches Taj Mahal

In seinem neuen Buch «Lebensstufen» verarbeitet der englische Schriftsteller Julian Barnes seine Trauer über den Tod seiner innig geliebten Frau. «Zwischen Diagnose und Tod lagen 37 Tage», wie er schreibt, und diese wenigen Tage waren beherrscht von «Angst, Schrecken, Sorge, Entsetzen». Nun könnte jemand, der das Buch schon kennt, einwenden, es gäbe neben dem letzten Teil über die Trauerarbeit des Autors ja noch zwei weitere, vorangehende Teile, in denen es um Anderes geht. Und in der Tat, der für sein Romanwerk mit bedeutenden Literaturpreisen geehrte Autor hat im vorliegenden Band versucht, so Verschiedenes wie die Anfänge der Ballonfahrt und der Fotografie mit solchen Themen wie Liebe und Trauer zu verbinden. Dieser Versuch aber ist gescheitert, es würde dem Buch nichts fehlen, hätte er die beiden ersten Teile einfach weggelassen. Denn die wenigen Stellen, in denen vage Bezüge zwischen ihnen geknüpft werden, sind keineswegs überzeugend, sie wirken konstruiert und nur dazu bestimmt, die seltsame literarische Melange aus einem Essay, einer Kurzgeschichte und einem autobiografischen Bericht irgendwie zu rechtfertigen.

Unter der Überschrift «Die Sünde der Höhe» wird im ersten Teil von den Anfängen der Ballonfahrt erzählt, als kühne Männer den Traum vom Fliegen verwirklicht haben auf den Spuren von Ikarus. Der von mir ungemein geschätzte, ironische Erzählton von Julian Barnes, sein trockener britischer Humor, blitzt hier – aber leider nur hier – an einer Stelle kurz auf. Wenn nämlich die englischen Ballonfahrer nach glücklicher Landung in Frankreich dem Wind dankbar sind, der sie dorthin getrieben habe, der kulinarischen Genüsse wegen, denen sie bei der Begrüßungsfeier entgegensehen, kein Vergleich mit dem, was sie bei einer Landung irgendwo auf englischem Boden erwarten würde, erklärt der frankophile Autor. Auch «La divine Sarah» wagt sich in den Ballon, die legendäre Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Göttliche, und Gaspard Félix Tournachon alias Nadar macht aus der Gondel die ersten Luftaufnahmen. Zu den kühnen Aeronauten gehört auch Fred Burnaby, der sich im mehr fiktional angelegten zweiten Teil «Auf ebenen Bahnen» in die Diva verliebt und natürlich scheitert, eine Göttin heiraten zu wollen muss ja schiefgehen.

«Ein Buch über das Wagnis zu lieben» kündet der Klappentext an, und so ist denn schließlich, nach einem Zeitsprung von mehr als hundert Jahren, auch der dritte Teil das, worum es eigentlich geht: Die tiefe Liebe des Autors zu seiner Frau Pat Kavanagh und der Schrecken, als er sie nach dreißig Ehejahren plötzlich verliert. Es ist eine wahrhaft grenzenlose Liebe, die da vor uns ausgebreitet wird, man ist geschockt und tief gerührt als Leser über den unbewältigten Schmerz dieses Mannes, der mit seiner neuen Lebenssituation nicht umgehen kann, sie nicht akzeptieren will, auch nach mehreren Jahren noch nicht. Mit einer Fülle von Gedanken und leidvollen Erfahrungen als Hinterbliebener versinkt Julian Barnes in eine scheinbar nicht enden wollende Trauer, bei der ihn, der sich einmal selbst als glücklichen Atheisten bezeichnet hat, keine Jenseitsversprechen, kein Glaube an Wiedergeburt oder den Eingang ins Nirwana trösten.

In seiner posthumen literarischen Liebeserklärung, die souverän konventionelle Gattungsgrenzen ignoriert, hat Julian Barnes, den man der Postmoderne zuordnet als Autor, in beeindruckender Weise die Schrecken geschildert, die der Tod auf den hinterbliebenen Partner auszuüben vermag, ja die in seinem Fall sogar Gedanken an Suizid ausgelöst haben. Nicht alle seiner diesbezüglichen Reflexionen sind überzeugend, manche Vergleiche erscheinen mir missglückt in seiner sehr persönlich gehaltenen Geschichte. Er erzählt unpathetisch und atmosphärisch dicht von der unsäglichen Trauer um seine Frau, der er mit diesem intimen Buch eine Art literarisches Taj Mahal errichtet hat, das mir allerdings in etlichen Aspekten nicht als gelungen erscheint.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Vom Ende einer Geschichte

barnes-1Ein literarischer Spaltpilz

Fast so aufregend wie das vorliegende Buch von Julian Barnes ist die Flut ungewöhnlich konträrer Rezensionen, die ihrerseits en passant einen zusätzlichen Lesespaß bieten, der einen letzten Endes aber auch nachdenklich macht. Ist doch einerseits dieses, übrigens eindeutig der Novelle als epischer Gattung zuzurechnende Buch für die eine, geradezu hymnisch urteilende Fraktion, ein grandioses Meisterwerk ohne jeden Makel, so ist es für seine erbitterten Kritiker ein Wühltisch-Schmöcker allerschlimmster Sorte. Und genau diese sich diametral einander gegenüber stehenden Standpunkte machen die Novelle zu einer uneingeschränkt empfehlenswerten Lektüre, sie stellt nämlich eine bestens gelungene Synthese aus geistigem Anspruch und glänzender Unterhaltung dar. Unbedingt lesen, kann ich nur sagen!

Im unverkennbar britischen Ton einer Konversation mit der inseltypisch beiläufigen Komik wird eine rätselhafte Geschichte erzählt, deren Spannung sich laufend steigert und bis zur allerletzten Seite anhält. Der einsträngige Plot beginnt in der Schulzeit des Protagonisten, der als Ich-Erzähler von manchen übereifrigen Kritikern mit dem Autor gleichgesetzt wird, was natürlich völlig abseitig ist. Bei mir wurden gleich zu Beginn angenehme Erinnerungen an den berührenden Kinofilm «Der Club der toten Dichter» wachgerufen. Tony, der Held, hat es sich in seiner knapp erzählten Lebensgeschichte, nach einem angepassten und völlig unspektakulären Leben mit all den üblichen Details, bereits in seinem wohlverdienten Ruhestand gemütlich gemacht, als ein unerwarteter Brief ihn plötzlich aufschreckt. Seine Erinnerungen erweisen sich als brüchig, fragwürdig, ja als falsch, und seine ihm so sicher erscheinende Identität ist weitgehend eine Selbsttäuschung. Er ist aus dem Gleichgewicht und begreift die Zusammenhänge erst ganz zum Schluss der Geschichte, buchstäblich auf der letzten Seite, und nichts ist dann mehr so, wie es bisher schien. Eindrücklicher kann man die Subjektivität dessen, was wir zu wissen glauben über das Leben, wohl kaum darstellen.

Die Handlung ist klug konstruiert und in sich schlüssig, tiefgründig und zum Nachdenken anregend, sie vermittelt ganz nebenbei auch Einblicke in die wohl eher trockene, weniger emphatische Mentalität der Briten. Kein Wunder, dass Barnes damit den Booker-Preis gewonnen hat, in England, Irland und dem Commonwealth ja die wichtigste, fast dem Nobelpreis gleichkommende Ehrung. Diese Novelle ist amüsant und schwungvoll geschrieben, mit sympathisch geschilderten Figuren und stimmigen Dialogen, sie hat Tiefgang und regt zum Nachdenken an, nicht zuletzt auch über das eigene Leben. Vielleicht ist es genau das, was die erbitterten Kritiker so ärgert. Ich konnte das kleine Buch schon nach der ersten Seite nicht mehr aus der Hand legen und habe es an einem einzigen, verregneten Nachmittag gelesen, der nicht zu den schlechtesten zählt in meinem Leben!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Arthur & George

barnes-2Very british

Dem Roman «Arthur & George» von Julian Barnes liegt ein der französischen Dreyfus-Affäre ähnlicher Justizskandal zugrunde, die Edalji-Affäre in England, die sich ebenfalls in der Zeit des Fin de Siècle ereignet hat. Wie in Frankreich Émile Zola, so setze sich auch in England ein berühmter Schriftsteller für den offensichtlich zu Unrecht verurteilten George Edalji ein, Sir Arthur Conan Doyle nämlich, der Schöpfer des berühmten Sherlock Holmes. Der Autor verknüpft in seiner weitgehend auf Tatsachen gestützten Geschichte geschickt Wahrheit und Fiktion, zitiert umfangreich aus zeitgenössischen Quellen und lässt andererseits seiner Phantasie freien Lauf, erfindet das, was nicht überliefert ist, ungeniert, aber durchaus stimmig, hinzu. War in Frankreich unverhohlener Antisemitismus der Treibstoff des Skandals, so war in England ein latenter Rassismus im Spiel, das Justizopfer war Sohn eines anglikanischen Pfarrers indischer Herkunft.

In sequenzieller Erzählweise, in jeweils abwechselnd «Arthur» oder «George» betitelten Kapiteln, schildert der für seinen unterschwellig ironischen Schreibstil bekannte Autor in dem vierteiligen Roman den Lebensweg der beiden ungleichen Männer, beginnend in deren frühester Jugend. Arthur stammt aus prekären Verhältnissen und wird Augenarzt, wobei ihm die nicht gerade florierende eigene Praxis viel Zeit lässt zum Schreiben, dem er sich nach ersten Erfolgen denn auch bald ganz zuwendet, und mit seiner faszinierenden Detektivfigur wird er schließlich dann weltberühmt. George, lebensfern und lustfeindlich erzogener Pfarrerssohn, eifert nicht dem Vater nach, er studiert Jura und lässt sich als Rechtsanwalt nieder, lebt aber weiterhin bei seinen Eltern und entwickelt sich allmählich zum Sonderling. Er wird für Straftaten, die er nicht begangen haben kann, zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Als er sich mit seinem Fall hilfesuchend an Doyle wendet, erreicht dieser in an Sherlock Holmes erinnernder, deduktiver Ermittlungsarbeit und mit Hilfe einiger aufsehenerregenden Zeitungsartikel aus seiner Feder eine halbherzige Rehabilitierung Edaljis.

Neben dem zweifellos spannenden Kriminalfall gewährt dieser Roman auch einen aufschlussreichen Einblick in die englische Gesellschaft jener Zeit, entlarvt deren erschreckende Doppelbödigkeit. Barnes erzählt weit ausholend und genüsslich, man fühlt sich regelrecht in das Geschehen hineingezogen in bester Sherlock-Holmes-Manier, sitzt mit Zigarre und Brandy ebenfalls mit am Kamin. Der Disput von Doyle mit dem böswilligen Polizeichef, der die stümperhaften, vorsätzlich einseitigen, sich bewusst auf unqualifizierte Gutachten stützende Ermittlungen zu verantworten hatte, geführt an eben jenem Kamin, gehört für mich zu den Höhepunkten dieses Romans. Geradezu süffisant erzählt sind die köstlichen Passagen, in denen der atheistische Autor die biedere anglikanische Kirche und den rührend naiven Glauben ihrer zumeist engstirnigen Mitglieder karikiert. Amüsant zu lesen auch die Details einiger Séancen des im Alter zunehmend zum Spiritismus neigenden Sir Arthur Conan Doyle, deren Höhepunkt eine grandiose Gedenkfeier nach seinem Tode bildet, die in der Royal-Albert-Hall mit zehntausend Teilnehmern zelebriert wird, unter denen natürlich auch ein zeitlebens dankbarer George Edalji zu finden ist.

Barnes bislang umfangreichster Roman ist nichts für ungeduldige, ihre Lieblingslektüre verschlingende Krimi-Leser. Man muss sich Zeit nehmen dafür, darf auch scheinbare Umwege nicht scheuen, wird aber stets gut unterhalten in diesem spannenden und den eigenen Horizont erweiternden Gesellschaftsroman aus einer längst vergangenen Epoche. Geduld aber, die gehört nun mal zu den elementarsten britischen Tugenden.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by btb München