Ehen in Philippsburg

walser-3So einen Freund wenn er hätte

Seinen Ruf als «Chronist des Mittelstandes» hat Martin Walser gleich mit seinem ersten Roman begründet, 1957 erschienen unter dem deskriptiven Titel «Ehen in Philippsburg», womit das literarische Terrain bereits deutlich abgesteckt ist. Mag die Ehe als Institution in unserer Zeit ihren Alleinvertretungsanspruch auch eingebüßt haben, wie Soziologen versichern und Statistiken belegen, so war sie in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders noch weitgehend «alternativlos», um ein Schlagwort von heute zu benutzen. In seinem Entwicklungsroman schildert der Autor in vier Kapiteln einen umgekehrt zum wirtschaftlichen Aufschwung verlaufenden Niedergang der Moral, das Zerbrechen von festgefügt scheinenden Bindungen.

Der aus der Provinz stammende Journalist Hans Beumann kommt in die Großstadt, um dort seine erste Anstellung zu finden. Dank seiner Studienkollegin Anne erhält er bei deren Vater, einem Fabrikanten von Rundfunk- und Fernsehgeräten, einen Job und findet dadurch schnell Aufnahme in die höheren Kreise der Stadt. Als Anne von ihm schwanger wird und abtreiben soll, wendet sie sich an den Gynäkologen Dr. Benrath, dem in diesem wie ein Reigen aufgebauten Plot das zweite Kapitel gewidmet ist, an dessen Ende der Selbstmord seiner Frau steht, die sein Verhältnis zur schönen Cecile nicht länger ertragen kann. Als der treulose Arzt seine Frau tot auffindet, schaltet er den Rechtsanwalt Dr. Alwin ein, ein Karrierist mit politischen Ambitionen und notorischer Schürzenjäger, der dann beim Flirten einen Autounfall verursacht, bei dem ein Motorradfahrer zu Tode kommt. Der Nachbar von Hans schließlich, der erfolglose Schriftsteller Klaff, von seiner Frau verlassen, begeht Selbstmord, als er auch noch seinen Job als Pförtner verliert, und hinterlässt Hans seine Manuskripte. Nach der Verlobung mit Anne wird Hans in einer grotesken Zeremonie zum «Ritter des Nachtclubs Sebastian» geschlagen, dem Treffpunkt der Prominenz, und landet später mit einer der Animierdamen im Bett, ein Fremdgänger schon vor der Ehe.

Alle diese lose miteinander verbundenen Figuren wirken irgendwie unsympathisch, besonders die Männer erscheinen in keinem guten Licht. Sie werden als rücksichtslose Erfolgsmenschen beschrieben, denen Emotionen weitgehend fehlen, die nur hinderlich scheinen auf ihrem Weg nach oben, zu Ruhm und Macht, zu Geld und Genuss. Walser stellt die Frauen als Accessoire dieser Mannsbilder dar, allenfalls schmückendes Beiwerk, ob als Ehefrau oder als Geliebte. Er beschreibt all dies aus typisch männlicher Sicht und benutzt über lange Passagen hinweg durchaus gekonnt den Bewusstseinsstrom als Stilmittel, – und überrascht dabei mit kuriosen Reflexionen. «Er war ein Ein-Mann-Theater», schreibt er zum Beispiel über die Gedankenwelt des selbstgefälligen Gynäkologen. Und über die Befindlichkeiten des Rechtsanwalts heißt es: «Bei jeder Frau, die er für sich gewann, fragte er nach seinen Vorgängern und ließ sich bestätigen, dass er sie alle bei weitem übertreffe». Hand aufs Herz, wem kommt das nicht bekannt vor?

Leider fällt der erzählerische Schwung nach den ersten beiden Kapiteln spürbar ab, die heraufbeschworenen Bilder erscheinen allmählich klischeehaft, und manche Formulierung fällt denn doch merkwürdig schwäbisch aus: «So einen Freund wenn er hätte!» Man zuckt auch zusammen, wenn man diesen Satz liest: «Alle gegen alle, sagte er, das ist Freiheit». Satirisch überzeichnet hat Martin Walser hier den Ehebruch als fast zwangsläufig und naturgegeben dargestellt, allerdings nur als männliches Fehlverhalten, die Ehefrauen des Romans scheinen allesamt dagegen gefeit zu sein, sie gehen ganz einfach nicht fremd. Wunschdenken eines machohaften Autors? Auch wenn sich in der Sache noch manches andere einwenden ließe, eine vergnügliche Lektüre ist der ironisch erzählte Roman allemal, den drei Todesfällen als überstrapaziertes dramaturgisches Mittel zum Trotz, vielleicht aber auch gerade durch solcherart Übertreibungen.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Ein liebender Mann

walser-2So weit so gut, hätte Ulrike da wohl gesagt, s.w.s.g.

Walsers männlicher Protagonist, der 74-jährige Johann Wolfgang von Goethe, erschießt sich bekanntlich nicht, wie es seine berühmte Romanfigur, der junge Werther, aus Liebesgram getan hat, womit damals ja eine Aufsehen erregende Welle von Nachahmungstaten ausgelöst wurde. Gleichwohl leidet auch der greise Geheimrat im Sommer 1823 unsäglich an Liebeskummer, zum Ausdruck gebracht in der Marienbader Elegie, diesem Liebesgedicht aus «Glut, Blut, Mut und Wut». Martin Walser nutzt für den Stoff seines biografischen Liebesromans eine Informationslücke im ansonsten bestens dokumentierten Leben des großen Dichters, seine beim Kuraufenthalt in Marienbad aufgeflammte späte Liebe zu der 55 Jahre jüngeren Ulrike von Revetzlow. Altersunterschiede dieser Größenordnung waren und sind immer ein beliebtes Thema, denn nicht nur Charlie Chaplin ist ja im Opa-Alter noch Vater geworden, auch die Liste der Lustgreise unserer Tage ist ellenlang, in den bunten Blättern der Boulevardpresse stets süffisant kommentiert, die prominenten Namen setze ich mal als bekannt voraus. Im frühen Neunzehnten Jahrhundert hingegen ging es weitaus betulicher zu, wie wir bei Walser nachlesen können.

Der Roman ist dreiteilig aufgebaut und beginnt furios mit der Schilderung der Liaison, die sich da anbahnt, allerdings nur in der Wunschvorstellung des alten Herrn. Das ungleiche Paar versteht sich jedenfalls blendend und sprüht vor Lebensfreude, Walser erzählt das beinahe wie eine Komödie, mit Witz und Elan jedenfalls. Es gibt amüsante Dialoge zwischen den Beiden, überhaupt wird die Konversation zu jener Zeit und in diesen Kreisen als recht geistreich dargestellt, mit verschiedensten anspruchsvollen Themen befasst. Man gibt sich auch ganz genüsslich dem bei solchem Kuraufenthalte üblichen Reigen wiederkehrender Zerstreuungen hin, lange Spaziergänge auf der Promenade, gegenseitige Besuche, kleine Landausflüge, Dinner-Einladungen und pompöse Bälle. Und unser Lustgreis, der Geheimrat Goethe, geht dann doch tatsächlich so weit, seinen ebenfalls kurenden Landesherren zu bitten, für ihn bei der verwitweten Mutter um die Hand der nichtsahnenden 19-jährigen Ulrike anzuhalten. Und das läuft, man ahnt es gleich, gründlich schief!

Es folgt die übereilte Abreise der angehimmelten Jungfrau, von der wir so gut wie nichts erfahren, die der Autor jedenfalls wie einen unbedeutenden Kometen an der strahlenden Sonne namens Goethe vorbeifliegen lässt. Sicher ist nur ihr weiblicher Status, die Jungfräulichkeit also, denn mehr als ein überschwängliches, völlig unschuldiges Küsschen auf die geschlossenen Lippen ist nicht gewesen zwischen den Beiden, wie Walser uns erzählt. Wobei er sich, ohne Not allerdings, denn das alles ist ja nur Fiktion, streng an die Tatsachen hält, Ulrike von Levetzow hat sich dazu später nämlich sehr eindeutig erklärt. Der Autor beginnt nun zu schwadronieren im zweiten Teil seines Romans, Goethes Liebeskummer, diese seitenlange Rührseligkeit, oft in inneren Monologen oder fiktiven Briefen ausgedrückt, ist schwer zu ertragen. Man fühlt sich als Leser nach der erfrischenden Oase des ersten Teils plötzlich in einer öden Wüste und kämpft sich durch, begegnet Seite um Seite einer unsäglichen Larmoyanz, die regelrecht peinlich ist und langweilig obendrein.

Im dritten Teil greift Walser auf die Technik des Briefromans zurück und schildert so die langsam einsetzende Erkenntnis seines Protagonisten, dass er diese ja nur imaginierte Liebschaft aus seinen Gedanken streichen muss. Aber das gelingt nicht, lässt der Autor uns wissen, denn in Walsers vulgärer Pointe ganz am Ende des Romans wacht der Herr Geheimrat morgens auf und hält seinen Morgensteifen in den Händen, wir wissen also genau, wovon der 74-Jährige geträumt hat. So weit so gut, hätte Ulrike da wohl gesagt, s.w.s.g.

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Tod eines Kritikers

walser-1Zwischentöne sind eher unerwünscht

Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? so fragte Marcel Reich Ranicki 1976 in der FAZ unter dem Titel «Jenseits der Literatur» gleich zu Beginn seiner Rezension von Martin Walsers Roman «Jenseits der Liebe». Dem wollte ich natürlich auf den Grund gehen und habe den derart niedergemachten Roman nun auch noch gelesen – RR hat Recht, sei angemerkt. Im Jahre 2010 habe ich Martin Walser bei einer Lesung im Münchner Literaturhaus erlebt, in der er seinen dritten Band mit Tagebüchern vorgestellt hat. Walser, das war an diesem Abend deutlich zu spüren, leidet immer noch unter dem damaligen Verriss, bei ihm schwang seinerzeit, wie er ganz unverhohlen zugab, neben seinem gekränkten Ego auch die Angst vor einem Auflagerückgang seiner Bücher mit, also vor den finanziellen Folgen. Nicht nur für diesen Verriss, sondern auch für einige andere aus gleicher Feder, ist der heftig umstrittene Roman «Tod eines Kritikers» nun Martin Walsers späte literarische Rache.

Es ist ein amüsanter Einblick in den Literaturbetrieb, unverkennbar eine Satire, geschrieben von einem Insider, einem ausgesprochenen Vielschreiber zudem, dessen literarische Qualitäten mitunter recht kontrovers diskutiert werden. Wir erleben in Walsers Buch eine Abrechnung mit einer einzigen Person, dem tückischen und damit als sadistisch entlarvten Kritiker-Papst, dessen Selbstüberschätzung grenzenlos zu sein scheint. Hat er doch durch das Medium Fernsehen eine Bühne gefunden, einen Thronsaal vielmehr, wie Walser das äußerst süffisant beschreibt, die ihn geradezu allmächtig werden lässt. Leider wird vieles in dieser opulenten Geschichte, mancher Witz, manche Anspielung, nur Insidern verständlich sein. Und auch manche seiner anschaulich und mit allen ihren Macken beschriebenen Protagonisten, realitätsnahe Karikaturen ihrer selbst, werden nur intime Kenner der Literaturszene zutreffend demaskieren können. Aber das tut dem Lesespaß des Außenstehenden keinerlei Abbruch, wenn er denn aufnahmefähig ist für eine genüsslich erzählte, einem Kriminalroman nicht unähnliche Geschichte, die mit unendlich vielen Arabesken geschmückt langsam einem, wäre man nicht vorinformiert, durchaus überraschenden Ende entgegen treibt.

Walsers konjunktivträchtige Erzählweise mit durchweg indirekter Rede ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit findet man sich aber gut damit zurecht und empfindet sie schließlich sogar als wirkungsvolles Stilmittel in einem Roman, der ja die Literatur selbst zum Inhalt hat. Flüssig geschrieben ist dieser Roman jedenfalls nicht, er erfordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers, damit er seine Wirkung entfalten kann. Dann aber schwebt der Leser in einem literarischen Universum, in dem es vieles zu bestaunen gibt. Man begegnet Nietzsche und Goethe, die mit bewundernswerter Leichtigkeit treffsicher eingebaut sind, lernt ganz nebenbei Heinrich Seuse, den deutschen Mystiker aus dem Mittelalter kennen, der Bogen spannt sich weiter bis zu Homer und mitten in die griechische Götterwelt hinein. Walsers Gedankengänge sind eine bissige Persiflage auf die Literaturszene, als ein kleines Beispiel dafür sei hier eine skurrile Idee des Kritiker-Papstes genannt, der selber gelegentlich Gedichte schreibt. In seinem Wahn, immer der Beste zu sein, plant er seine Lyrik von seiner Frau ins Französische übersetzen zu lassen und unter Pseudonym zu veröffentlichen. Niemand Geringerer als ausgerechnet Hans Magnus Enzensberger würde dann diese Gedichte ins Deutsche zurück übersetzen, und er könne sich später als der wahre Autor zu erkennen geben und mit den Originalen zeigen, dass er die bessere Lyrik schreibe. Wer für Derartiges eine Antenne hat, der kommt auf seine Kosten bei diesem Roman. Er wird sich, wie ich, für einige Lesestunden vergnüglich unterhalten.

Der Medienrummel um dieses Buch war sicherlich hilfreich für Martin Walser, es kommt dem Autor letztendlich ja immer zugute, wenn sich die Kritiker mit ihm beschäftigen, jede Rezension ist besser als gar keine, sie erzeugt Aufmerksamkeit und erhöht damit die Auflage. Und dass die Meinungen diametral auseinandergingen bei den Kritikern gehört ebenfalls dazu, es ist business as usual. Womit eben auch bewiesen ist, dass es viele Reich Ranickis gibt, von denen entweder der gnadenlose Verriss oder das euphorische Hochloben von Literatur erwartet wird vom ratlosen Leser, Zwischentöne sind eher unerwünscht.

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt