Die Akazie

simon-1Vom innersten Menschsein

«Romane, die das Schaffen eines Dichters und Malers mit tiefem Zeitbewusstsein in der Schilderung menschlicher Grundbedingungen vereinen» nannte, begründete (wie sie das laut Satzung zu tun, bekannt zu geben verpflichtet ist) die Schwedische Akademie ihre (für die Fachwelt 1985 ziemlich überraschende) Vergabe (Verleihung) des Nobelpreises für Literatur an den französischen Romancier Claude Simon (dessen Werk sich vornehmlich mit den Themen Geschichte und Krieg befasst (Letzteres aus eigenen Erfahrungen, die der Familie (speziell des Vaters) eingeschlossen): seine Themen würden in der Familiengeschichte wurzeln, hat er dazu angemerkt), jenem dem Nouveau Roman (so die Literaturwissenschaft) zuzurechnenden Autor, der hier nun, in dem Roman «Die Akazie», einem Titel, dessen Bedeutung (die mit der erzählten Geschichte nichts, rein gar nichts verbindet, die allenfalls (oder bestimmt) als Katharsis verstanden werden kann, darf) sich erst auf der letzten Seite erschließt, Simon also, der hier eine Art Totenklage, besser ein Lamento über den Krieg anstimmt, zieht dafür alle Register seiner Erzählkunst, wofür typisch eben jene mehrfach verschachtelten (mit zusätzlichen mehrfachen Klammern: an komplizierte mathematische Formeln erinnernd), immer wieder unterbrochenen Endlossätze sind, die der Rezensent hiermit frech (und unzureichend: zugegeben!) nachzuahmen versucht, um den potentiellen Leser nicht etwa abzuschrecken, zu warnen, sondern ihn lediglich (am Beispiel verdeutlicht) vorzubereiten (denn dafür liest man ja Buchbesprechungen, Kritiken) auf das, was auf ihn zukommt: solche sprachlichen Eigenarten nämlich, die durch das stilistische Können (des Autors), die feine Beobachtungsgabe (wie sie Malern nun mal eigen ist), das (sein) Gespür für die Dramatik von extremen Situationen wie dem Krieg, doch mehr als ausgeglichen werden (sofern man in solchen Kategorien überhaupt argumentieren kann: es geht ja um Kunst!), wodurch das Lesen immerhin bereichernd wird (auch mehr?), ein gewisses Durchhaltevermögen vorausgesetzt.

Zwei namenlose Figuren stehen im Mittelpunkt, Vater und Sohn, und dem entsprechen auch zwei Erzählzeiten, die ersten Monate der beiden großen Kriege des 20ten Jahrhunderts. Während der Vater als Kavallerist gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 fällt, überlebt der Sohn 1940, ebenfalls in der Kavallerie, die verheerende Niederlage der französischen Armee, kommt in Gefangenschaft, kann aber fliehen und sich nach Hause, in den unbesetzten Teil Frankreichs durchschlagen. In zwölf jeweils mit Jahreszahlen überschriebenen Kapiteln wird wechselweise die Lebensgeschichte beider Männer erzählt, wobei ihre Erlebnisse im Krieg durch viele ausgedehnte Rückblenden ergänzt werden, die tief in die eigene und in die Familiengeschichte zurückreichen.

Simon versucht nicht weniger als das Grauen des Krieges, die Ohnmacht des Menschen als Objekt historischer Ereignisse, das Unsagbare mittels Worten zum Existierenden werden zu lassen, wobei der Plot nebensächlich wird, zurücktritt hinter die im Blickpunkt stehende Intention. In unglaublicher Gedankenfülle werden Gefühle, Absichten, Empfindungen, Befürchtungen, Ängste sprachlich detailreich beschrieben, werden Geschehnisse, Situationen, Handlungsorte, Landschaften bildhaft dargestellt, immer wieder durch Zeitsprünge unterbrochen und ohne in eine stringente Handlung eingebunden zu sein. Die Orientierung wird ein wenig erleichtert mit gelegentlich eingestreuten Rückgriffen auf bereits Erzähltes.

Ein schwer zu lesender Text ohne Zweifel, vom Duktus her das Unfassbare unterstreichend, über das da äußerst facettenreich berichtet wird. Wer die Konzentration aufbringt, sich einzulesen in diesen tiefgründigen Antikriegsroman, der wird das Menschsein aus einer Perspektive erleben, die kaum jemand literarisch so intensiv aufgearbeitet hat wie Claude Simon, der uns hier auch beklemmende menschliche Urinstinkte vorführt.

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Kategorie: Roman
Verlag: Süddeutsche Zeitung München