Totenberg

hettche-1Wenn ein Kopf und ein Buch …

Durch Dennis Schecks Hymne in 3Sat-Kulturzeit neugierig geworden, bin ich recht euphorisch an diese Lektüre herangegangen. Teilt man mit ihm die sicherlich ganz subjektive Erwartung, ein gutes Buch müsse den Leser bereichern, dann ist der vorliegende Essayband von Hettche zweifellos ein gutes Buch. Denn es hat mich bereichert, hat mich mit zehn intelligenten Prosatexten teilhaben lassen an recht verschiedenartigen Begegnungen mit interessanten Zeitzeugen, all das überaus sprachmächtig erzählt und mit klugen Reflexionen des Autors zu seinen Themen angereichert.

Es beginnt denn auch gleich mit Literaturwissenschaft, ein Besuch bei seiner ehemaligen Professorin Christa Bürger nämlich. Sodann folgt ein Treffen mit Filmregisseur Hans Jürgen Syberberg in dessen glücklich zurückerworbenem elterlichen Gutshaus, als nächster Text frühe Kindheitserinnerungen des Autors in dörflicher Idylle mit dem nahegelegenen Berg, der dem Buch seinen Namen gab. Dem schwierigen Thema Ernst Jünger nähert sich ein weiteres Essay durch Gespräche mit dem Verleger Ernst Klett, ergänzt durch Reflexionen von Jan Philipp Reemtsma und einen anschließenden Besuch in Jüngers Haus bei dessen Nachlassverwalterin. Auch der Volkskrankheit Adipositas ist ein sehr informativer Essay gewidmet, in dem die vielen Facetten dieses neuzeitlichen Phänomens sachlich und emotionslos beleuchtet werden. Erste Begegnungen des Autors mit Literatur, sein Streifzug durch die Bibliothek seiner Deutschlehrerin, die Schüler zum Tee lud, um über Literatur zu sprechen, sind Thema des nächsten Essays, wobei Thomas Manns Doktor Faustus eine wichtige Rolle spielt. Nicht minder anregend ist die auf gleich zwei Kunstgattungen fußende Position der Schriftstellerin und Malerin Anita Albus zur Moderne, wobei die Recherche von Marcel Proust für ihre Betrachtungen herangezogen wird. Beim Besuch der Fotografin Angelika Platen erfährt der Leser so manche Anekdote von prominenten Kunden und Künstlern. Henriette Fischer wiederum erzählt dem Autor von ihrer Zeit als Buchhändlerin auf Sylt, wo sich Prominente bei ihr die Klinke in die Hand gaben. Mit einem Essay über Ursprung und Zukunft von Literatur, vom Papyrus zum Byte also, was ihre Darstellungsform anbelangt, endet diese geistreiche Sammlung.

Hettche hat mit Totenberg keineswegs eine uneitle Autobiografie vorgelegt, wie Scheck das behauptet, er zeigt sich vielmehr «als Wanderer zwischen den Welten», wie es im klappentextartigen Anhang heißt, «der autobiographische Skizzen mit theoretischen Diskursen verbindet». Genau das ist es, was den Leser erwartet, ein geistreicher Parforceritt durch eine grandiose Kulturlandschaft, brillant erzählt mit fundierter Sachkenntnis. Den im letzten Essay pessimistisch prognostizierten Geistesverfall durch den medialen Bruch, der ja bereits in vollem Gange ist, möchte ich jedoch bezweifeln. Gerade bei der Lektüre dieses Buches ist ein häufiges Recherchieren vonnöten, will man alle Anspielungen und Verweise wirklich verstehen, die Personen richtig würdigen. Dazu sind die beklagten neuen Medien sehr segensreich, man würde sich sonst im Dschungel der aufgelisteten Sekundärliteratur verlieren und viel Zeit sinnlos vertrödeln dabei. Und genau diese Möglichkeiten dürften dem befürchteten geistigen Verfall nicht nur entgegenwirken, sondern ihn eher ins Gegenteil verkehren.

Übrigens hat ja bereits Lichtenberg vor mehr als zweihundert Jahren derartige Defizite diagnostiziert und in seinen berühmten Aphorismen treffend und süffisant artikuliert, woraus Hettches Deutschlehrerin dann wohl oft und auch gern zitiert hat: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch? Ein paar verständige Leser werden sich also immer finden, nicht nur für dieses lesenswerte Buch, sondern auch für seine medialen nichtpapiernen Nachfolger.

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Kategorie: Essays
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Köln

Pfaueninsel

hettche-2Ein leises Buch

Als (schon etwas älteres) Berliner Kindl hat mir der Romantitel «Pfaueninsel» schöne und ferne Erinnerungen an ein beliebtes Ausflugsziel wachgerufen, die ich mit dem neuen Roman von Thomas Hettche nicht nur wieder auffrischen, sondern auch um viele interessante Details ergänzen konnte. Der Mythos der Insel in der Havel dient dem Autor als exotischer Hintergrund seiner Biografie des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Marie. Die Vorlage für seine Protagonistin bildet die historisch belegte Schlossjungfer Marie Strakow (1805-1878), deren Grabstein sich auf dem Friedhof Nikolskoe in Berlin-Wannsee befindet.

Marie Strakon, wie sie im Roman heißt, kommt als Kind mit ihrem kleinwüchsigen Bruder auf die Insel und verbringt dort ihr ganzes Leben, ohne sie je wieder zu verlassen. Nur an einem einzigen Tage ist sie, als ältere Frau schon, zu einem kurzen Besuch in Berlin, einer frisch aufgeflackerten Liebe wegen, die sich aber als Illusion erweist. Schockierend und sie ihr ganzes Leben verfolgend ist gleich zu Beginn der Geschichte eine überraschende Begegnung Maries mit Königin Luise, die auf der Suche nach einem verschlagenen Ball ihr im Wald plötzlich gegenübersteht und sie erschrocken «Monster» schimpft.

Den preußischen Königen diente die Pfaueninsel als Refugium, das sie zu einem künstlichen Paradies umgestalten ließen nach den naiven Vorstellungen der damaligen Zeit. Dazu gehörten denn auch neben den dort angesiedelten Pfauen und einer Vielzahl anderer freilebender Tiere eine Bepflanzung mit exotischen Gewächsen aus aller Welt sowie eine Menagerie. Hettche schildert in seiner auf umfangreichen Recherchen basierenden Geschichte die stetige Fortentwicklung dieser Insel im Neunzehnten Jahrhundert, erzählt von den Mühen und Rückschlägen bei dem Unsummen verschlingenden Versuch, mit Gewalt der Natur ins Handwerk zu pfuschen.

All dies ist eng mit der Lebensgeschichte von Marie verwoben, die als Zwerg zusammen mit ihrem Bruder ebenso zu der Kuriositätensammlung des Königs gehört wie ein Riese und ein Mohr. Es ist beklemmend zu lesen, wie Marie ihr Leben lang unter dem Fluch des bösen Wortes der Königin steht, als «Monster» eine Sonderrolle einnimmt. Als sie vom Neffen ihres Ziehvaters schwanger wird und einen gesunden Buben zur Welt bringt, muss sie enttäuscht erleben, wie sie allein gelassen wird, später wird ihr sogar das Kind weggenommen. Es gelingt Thomas Hettche, das subtile Beziehungsgeflecht seiner vielen, anschaulich geschilderten Figuren einfühlsam darzustellen, sie alle erscheinen geradezu leibhaftig vor dem Auge des Lesers.

Flora und Fauna nehmen einen breiten Raum ein in diesem ruhig erzählten Entwicklungsroman, in dem es um Naturfrevel, Schönheit, Menschenwürde und Seelenleben, aber auch um das Verrinnen der Zeit geht. Hettches minutiöse Naturbeschreibungen dürften allerdings nicht jedermanns Sache sein, und besonders langatmig wirken detaillierte Inventarlisten des Zoos mit Arten, die allenfalls Biologen etwas sagen. Absolut überflüssig aber und als Fremdkörper wirkend sind meiner Meinung nach die Gott sei Dank wenigen voyeuristischen Passagen, inzestuöse Spiele zwischen den beiden Zwergen zum Beispiel oder eine Orgie beim König, den Marie mit Fellatio beglückt. Das prächtige Palmenhaus der Pfaueninsel ist am Ende Schauplatz für den Tod der achtzigjährigen Marie. Sie trifft dort ein letztes Mal auf Peter Schlemihl, jener Figur von Chamisso gleich, dem Mann ohne Schatten, im Bunde mit dem Teufel. Ein verheerendes Feuer bricht aus, in dem Marie umkommt, – sie hat es selbst gelegt. Hettches Prosa lässt den Leser bei seinem Ausflug in eine fremde Welt ziemlich betroffen zurück, aber auch auf angenehme Weise bereichert von einem so wunderbar «leisen» Buch.

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Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag