Die Entstehung des Doktor Faustus

mann-2Genese eines großen Romans

Äußerst selten bekommt man ja als Leser mal Gelegenheit, vom Autor höchstselbst ganz detailliert und mit der denkbar größten Kompetenz über das Erschaffen eines bedeutenden literarischen Werkes ins Bild gesetzt zu werden. Thomas Mann hat sogar eigens einen Roman geschrieben über die Entstehungsgeschichte seines Alterswerkes, das allein wäre schon Grund genug, dieses Buch zu lesen. Wer zudem aber den «Doktor Faustus» gelesen hat, wie ich das mit Vergnügen tat, den wird vermutlich schon die pure Neugier treiben, diese einmalige Chance zu einem Blick hinter die Kulissen zu ergreifen, in der Schreibstube des Dichters also dabei zu sein beim kreativen Akt des Schreibens, hier besser gesagt in dessen Arbeitszimmer. Denn dieser Poeta laureatus, hochgeschätzter Dichter zu seinen Lebzeiten und bis in die Gegenwart andauernd, mutmaßlich aber auch bis weit in die Zukunft hinein fortdauernd, dieser Schriftsteller also hat bekanntlich sehr diszipliniert und mit festem Tagesrhythmus regelrecht gearbeitet, einem Buchhalter nicht unähnlich, der sein Pensum zu absolvieren hat. Wer dabei das berühmte Bild «Der arme Poet» von Carl Spitzweg im Hinterkopf hat, liegt natürlich völlig falsch, nicht nur was die Räumlichkeiten für die kreative Tätigkeit des Dichters anbelangt, sondern auch was die schöpferische Arbeitsweise selbst betrifft.

Thomas Mann, schon als Sechsundzwanzigjähriger früh erfolgreich und damit relativ wohlhabend, konnte sich in der Tat ein recht behagliches Leben einrichten und hat das offensichtlich auch sehr bewusst genossen, wie man im Roman eines Romans, «Die Entstehung des Doktor Faustus», authentisch nachlesen kann. Entstanden ist dieses späte Werk ziemlich bald nach Erscheinen des «Doktor Faustus», an dem der siebzigjährige Autor im amerikanischen Exil knapp vier Jahre, von 1943 bis 1947, gearbeitet hatte. Er selbst sprich von seinem «wildesten Buch», dessen Geschichte er «für mich und die Freunde» zu rekonstruieren suche. Dem autobiografischen Text über die Entstehung des Buches lagen Tagebucheinträge zugrunde, diverse Werknotizen, eine umfangreiche Korrespondenz und viele persönliche Erinnerungen an Gespräche, ein reicher Fundus also, den der geniale Fleißarbeiter Thomas Mann, geplant zunächst in essayistischer Form, dann aber doch in Romanform niedergeschrieben hat.

Man erfährt viel über die Arbeitsweise des Autors, der mit zwei Zeitebenen arbeitend seinen Roman collageartig aus den verschiedensten Themenkreisen und Motiven zusammengesetzt hat, das Faust-Thema dabei natürlich im Mittelpunkt stehend. Hier aber abgewandelt auf einen Protagonisten, der sich als Komponist, der Autor nennt ihn altmodisch «Tonsetzer», dem Teufel verschreibt. Vorlage für diese Figur ist Friedrich Nietzsche, was Genie und Syphilis anbelangt, für die avantgardistische Musik der Komponist Arnold Schönberg. Und so wird man vielfach Zeuge für die Konzeption und die Hilfsmittel zur Umsetzung der literarischen Ideen. Für mich am plausibelsten war dabei die unabdingbare Assistenz von Theodor W. Adorno bei den musiktheoretischen Exkursen, um nicht zu sagen Exzessen, die im Roman einen relativ breiten Raum einnehmen und ein entsprechendes Fachwissen des Lesers voraussetzen. Thomas Mann hat sich voll auf die Kompetenz von Adorno gestützt, von dem er mutmaßt, er würde in der klassischen Musik wohl jede Note kennen, die da irgendwo auf Notenlinien geschrieben steht. Hauptsächlich aber, das sei hier betont, ist dies eine themenbezogene Autobiografie, in der einem fast die gesamte Exil-Prominenz des Zweiten Weltkriegs in den USA begegnet, viele großen Namen sind da vertreten. Das alles ist äußerst interessant zu lesen und eröffnet tiefe Einblicke in das Wesen dieses bourgeoisen Autors, eines Großschriftstellers, wie Berthold Brecht ihn hämisch tituliert hat.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Doktor Faustus

mann-1Ich kann es kaum erwarten

Im Olymp der deutschsprachigen Dichtung hält Thomas Mann, völlig berechtigt und auch unangefochten, von niemand Jüngerem erreicht also seither, einen Spitzenplatz ein. Außer ihm tummeln sich dort oben noch, meiner ganz persönlichen und sicherlich anfechtbaren literarischen Rankingliste zufolge, der ihm zeitlich vorausgehende, von ihm hochgeschätzte Theodor Fontane, und natürlich Goethe als literarischer Gigant. Während sich Manns Ruhm weitgehend, im Falle des Nobelpreises von 1929 sogar explizit, auf die 1901 erschienenen «Buddenbrooks» gründet, wurde sein als leichter lesbar beurteilter und damit von einer größeren Leserschar goutierbarer Roman «Der Zauberberg», 1924 erschienen, von der schwedischen Jury ganz bewusst nicht geehrt. Beide Romane habe ich vor vielen Jahren mit großer Freude gelesen, den Autor dann aber aus dem Blick verloren, bis ich kürzlich auf den «Doktor Faustus» stieß, das letzte bedeutendere Werk von Thomas Mann, sein im Jahre 1947, also gut viereinhalb Jahrzehnte nach den «Buddenbrooks» erschienenes großes Alterswerk.

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich der Fülle von gescheiten, fachkundigen Analysen und Besprechungen dieses großartigen Romans etwas hinzufügen. In diversen Essays und Aufsätzen, in literaturwissenschaftlichen Magisterarbeiten und Promotionen ist alles gesagt, natürlich auch zum Inhalt, all das leicht nachlesbar im Internet und in jeder gut bestückten Bibliothek. Meine Absicht ist vielmehr, dem heutigen Leser Mut zu machen, sich an diesen gewiss sehr anspruchsvollen Lesestoff heranzuwagen. Und, das muss besonders betont werden, dann auch durchzuhalten, die Lektüre also nicht nach fünfzig Seiten schon wieder abzubrechen, wie das der zeitgenössische, folglich also schnell ungeduldige, weil total reizüberflutete Romanleser nicht gerade selten tut, was ich den allenthalben veröffentlichten Laienkritiken immer wieder erstaunt entnehme. Action nämlich bietet dieser Faustroman nicht, wobei in der Handlung eine gewisse Dramatik und eine sich zum Ende hin stetig steigernde Spannung sehr wohl vorhanden ist. Aber auch hier ist wie so oft der Weg das Ziel, so gekonnt wie in diesem Buch ist noch kein mir bekannter Prosa-Autor mit der deutschen Sprache umgegangen, sprachsensible literarische Gourmets dürften ihre helle Freude daran haben.

Bei mir kam noch die Ehrfurcht hinzu, die der mystische Fauststoff generell auslöst, und dann natürlich auch die Neugier, wie denn Thomas Mann das Thema variiert hat. Vor allem im Vergleich mit Goethes Dichtung, dessen «Faust», stark von Dante beeinflusst und ihn teilweise plagiierend, ein sprachliches Fest ist für jeden empfindsamen Geist, für mich der Gipfel der deutschsprachigen Dramatik, auf Augenhöhe mit dem großen Shakespeare. Im «Doktor Faustus» nun geht ein junger Komponist den Pakt mit dem Teufel ein und wird dadurch zum musikalischen Genie, was der Autor in sprachlich unübertrefflicher Weise und mit einem genial konstruierten Plot in Prosa umgesetzt hat. Wer wie ich musiktheoretisch absolut unwissend ist, wird hier aber bald total überfordert und braucht nun einiges an Geduld, um durchzuhalten, wird jedoch nicht dümmer dabei, ganz im Gegenteil! Wie überhaupt mit diesem Roman durchgängig ein intellektuell äußerst anspruchsvoller Lesestoff vorliegt, der den Leser genau dadurch aber ohne Ende bereichert, en passant gewissermaßen, auch wenn er nicht immer alles bis in den letzten Wortsinn hinein versteht. Es wimmelt neben dem Musikalischen nämlich von kaum gebräuchlichen Fremdwörtern und epochebezogenem Vokabular, von Fachbegriffen verschiedenster Disziplinen, von philosophischen und historischen Anspielungen. Alles das, ich wiederhole es bewusst, macht den Leser nicht dümmer, spornt ihn vielmehr, wenn er sich seine Aufnahmefähigkeit denn bewahrt hat und geistig rege ist, seinen Horizont erweiternd zum Nachforschen, zum Mitdenken, aber auch zum Grübeln an.

Würde ich die vielen eingeklebten Merkzettel in meinem Buchexemplar hier alle abarbeiten, wäre der von mir selbst abgesteckte textliche Rahmen schnell weit überschritten, dann würde allein schon meine ausufernde Rezension potentielle Leser abschrecken, statt sie zu ermuntern. Denn genau das möchte ich hiermit tun: Dieses Leseabenteuer auf höchstem literarischem Niveau ist uneingeschränkt zu empfehlen, der Romancier Thomas Mann hat mit seinem «Doktor Faustus» ein absolutes, zeitloses Sprachkunstwerk geschaffen, man sollte keinesfalls versäumen, es genüsslich und mit Bedacht zu lesen!

Und noch ein Nachwort sei mir erlaubt: Der Autor selbst hat seine Tagebucheinträge, Briefe und Notizen zu einem zwei Jahre später erschienenen weiteren Buch verarbeitet, «Die Entstehung des Doktor Faustus» mit dem Untertitel ‚Roman eines Romans’. Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch schon neben mir liegt, während ich diesen Text hier schreibe, es wird meine nächste Lektüre sein, – ich kann es kaum erwarten!

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main