Allein unter Juden

Tenenbom, Allein unter Juden

Wann ist ein Buch ein gutes Buch? Wann ist es ein schlechtes Buch?

Das Lesen sollte Spaß machen, es sollte einen Erkenntnisgewinn geben und das Buch sollte mich im besten Fall nachdenklicher zurücklassen als es mich vorfand. Und, ist dieses Buch „Allein unter Juden“ des israelisch-amerikanischen Autors Tuvia Tenenbom ein gutes Buch?

Nachdem ich sein erstes, mir bekannt gewordenes Buch „Allein unter Deutschen“, das monatelang in den Bestsellerlisten zu finden war, schon mit Interesse gelesen hatte, wollte ich auch dieses Werk nicht unbeachtet lassen.

Tuvia Tenenbom, 1957 in Bnei Berak, in der Nähe von Tel Aviv geboren, stammt aus einer deutsch-jüdisch-polnischen Familie und lebt in New York. Er studierte u. a. englische Literatur, angewandte Theaterwissenschaften, Mathematik und Computerwissenschaften sowie rabbinische Studien und Islamwissenschaften. Er arbeitet als Journalist, Essayist und Dramatiker und schreibt für zahlreiche Zeitungen in den USA, Europa und Israel, darunter für Die Zeit und The Jewish Daily Forward. 1994 gründete er das Jewish Theater of New York. In der „Zeit“ veröffentlicht Tenenbom regelmäßig eine Kolumne. Man kann also leicht erkennen, dass Tuvia Tenenbom nicht eindimensional, sondern vielfach interessiert durchs Leben geht.

Der Inhalt des Buches ist schnell umrissen: ein Mann fliegt nach Israel, er bereist dieses Land, das augenscheinlich so wenige wirklich kennen, und über das so viele eine feste Meinung haben, ja man gewinnt den Eindruck, dass selbst seine Einwohner dieses Land nur durch die ihnen eigene Brille zu sehen vermögen, und er erzählt von seinen Erfahrungen und Erlebnissen bei dieser Reise.

Das macht er witzig und oftmals auf eine kindlich unbelastete Art, die Fragen stellt, ohne voreingenommen zu sein. Oder zumindest den Eindruck erweckt unvoreingenommen zu sein. Und durch die Schilderung der Erlebnisse während seiner Reise merke ich als Leser sehr schnell, dass es mit der Beurteilung der Situation in diesem Land vielleicht nicht so einfach wird, wie ich mir das bisher vorstellte.

Und ich merke, dass meine Gewissheiten über Gut und Böse, über Wahr und Falsch zu Ungewissheiten werden, dass sich geradezu ein Paradigmenwechsel einstellt, die Sichtweiseauf dieses Land sich während der unterhaltsamen, oftmals witzigen Lektüre grundlegend ändert.

Die Lektüre ist erhellend, manchmal kann ich nicht glauben was ich lese, doch da dieses Buch seit 2014 auf dem Markt ist, muss ich wohl davon ausgehen, dass diejenigen, die in der Beschreibung des Tuvia Tenenbom nicht so gut wegkommen, wobei noch einmal betonen ist, dass es in dem Buch nur indirekt um Anklage geht, sich bei falschen Behauptungen in der Zwischenzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegen diese gewehrt hätten. Insoweit bleibt mein Mund nachhaltig offen vor Staunen ob des Geschriebenen.

Wenn man dann, getrieben von den Erkenntnissen der Lektüre, weiter voranschreitet auf dem Weg der Informationsbeschaffung über diese Situation, dann kommt man im Internet auf viele Seiten und stellt fest, dass es dort fast immer um eindimensionale Betrachtungen zum Thema geht. Jede Seite schaut durch die ihr eigene Brille und missachtet dabei den Fakt, dass die jeweils andere Seite vielleicht auch Recht haben könnte. Es gibt also keine Diskussion miteinander, es werden lediglich eigene Argumente und eigene Sichtweisen zu Wahrheiten erklärt. Vielleicht können wir Menschen nur so eine erträgliche Situation schaffen, die uns nicht ausschließlich in Ungewissheiten zurücklässt, sondern ein Gerüst von Sicherheiten schafft, das es uns ermöglicht morgens aufzustehen und uns dieser Welt zu stellen.

Und eine für mich sehr wichtige Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches hat der Autor selbst in einem Interview im Deutschlandradio geäußert hat:
Es gibt nichts Härteres auf dieser Welt, als ein gerechter Mensch zu sein, ein Liberaler durch und durch. In meinem ganzen Leben bin ich keinem begegnet. Liberal sein heißt, dass du jedermanns Meinung respektieren musst. Du hast über niemanden ein Urteil zu fällen.“

Das ist zugegebenermaßen schwer, doch nach der Lektüre dieses Buches will ich dennoch nicht nachlassen im Versuch auch gegenteilige Meinungen und Wahrheiten zuzulassen. Nein gerade nach der Lektüre des Buches will ich diesen Weg weiter beschreiten.

Kann ich dieses Buch empfehlen? Unbedingt! Doch ich gebe auch eine Warnung heraus. Wenn man sich auf dieses Buch einlässt, gibt es danach keine Gewissheiten mehr, nur mehr Fragen. Dieses Buch ist subjektiv, es ist anstrengend, es ist witzig.

Ist es ein gutes Buch? Ja, für mein Verständnis schon, denn es änderte meine Sichtweise, es machte mich interessiert, fragend, ratlos, wütend, hilflos, nachdenklich, es verstörte mich. Und das alles bei einem großen Lesevergnügen. Die Wut, die Ratlosigkeit und die Verstörung kommen mit der Süße des Spaß am Lesen wie bittere Medizin, die meine Mutter mir immer auf einem Stückchen Würfelzucker gab. Und wie damals wirkte die Medizin auch hier.


Kategorie: Erfahrungen, Sachbuch
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

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