Die Fischtreppe

Endlich. Endlich, dachte ich mir, ein gut geschriebener profunder Roman, den man getrost ganzheitlich nennen mag, ohne sich zu schämen. Denn er ist wirklich schön geschrieben, eindrückliche Szenerien walisischer und schottischer Landschaften, Meeresbilder, Küsten- und Moorszenerien, sehr lebendig voll satter Impressionen. Zudem inhaltlich interessant: Die Autorin=Protagonistin sucht ihre Abstammung; will dabei, einem Lieblingsautor, dem Schotten Neil M. Gunn, folgend, den „Quell am Ende der Welt“ finden. Quasi einen Flusslauf vom Meer zum Ursprung rückverfolgen: Sinnbild ja auch ihrer leiblichen Suche. Und sie führt ihr Vorhaben durch; folgt dem Dunbeath in Schottland bis zum Quell. (Dunbeath übrigens ist auch als Geburtsort des von der Autorin verehrten Neil M. Gunn bekannt.)
Tief taucht sie dabei in keltische Mythen. Sie erzählt beiläufig die Geschichte Taliesins, des ersten britannischen Barden, der in walisisch dichtete. Auch dessen Leben begann an der Mündung eines Flusses. Am Meer, wo er seinen abenteuerlichen Weg als Findelkind begann.
Auch in andere mythische Erzählungen führt Norbury ein. Etwa in Life of St. Kentigern, in der die Geschichte einer Highland-Königin erzählt wird.
Der Pilgerweg durch Moore und die Highlands mäandert verwoben mit keltischen Sagen und Mythen durch eine überaus gefühlvolle, ruhige, feine Seelenlandschaft. Ihre Worte leuchten als bunte Farbtupfen vor den Nebeln, die sie zu durchqueren gedenkt, auch angesichts einer Brustkrebserkrankung mit schlechter Prognose.
Auf der Reise begleitet sie der Roman „Highland River“ Neil M. Gunns, der im ersten Weltkrieg traumatisiert, seinen inneren Frieden durch den Weg in der Natur wiederfinden wollte. Die Autorin sucht innere Eintracht, aus psychologischen Quellen informiert, dass adoptierte Kinder immer ein Trennungstrauma mit sich tragen, dessen sie sich oft nicht einmal bewusst seien.
Schließlich forscht sie sogar über zahlreiche Umwege ihre leibliche Mutter aus, knüpft über einen Halbbruder an ein mögliches reicheres Leben an, in ihrer leiblichen Identität gestärkt durch die Ähnlichkeiten zum Verwandten.
Das Buch kann ruhigen Gewissens allen ganzheitlich denkenden und fühlenden Lesern (und andern erst recht) empfohlen werden, denn es liegt ein leiser, feinfühlig verfasster Roman vor, optimistisch und holistisch, der niemals in platte esoterische Gewässer abdriftet, dennoch ganzheitlich genannt werden darf, – und, wie respektvoll festgehalten, zugleich ein gut geschriebenes Stück Literatur darstellt. Endlich.


Illustrated by Matthes & Seitz

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