Die siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte SprachfunktionLaurent Binet gelingt mit diesem abgedrehten Wissenschaftskrimi etwas Einzigartiges: Er führt seinen Leser mit vergnüglicher Leichtigkeit durch die hoch intellektualisierte Welt philosophischer und semantischer Theorien und entfaltet gleichzeitig einen faszinierenden Kriminalroman, in dem er raffiniert Fiktion, berühmte Zeitgenossen, Wissenschaftstheorie und Wirklichkeit vermengt. Wer glaubt, aus diesen Komponenten ließe sich kein schmackhaftes Gericht komponieren, darf sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen: Der Autor beschert mit seinem witzig-satirischen Krimi ein farbenfrohes Lesevergnügen.

Dem Leser, der keinen Schimmer hat von der von Ferdinand de Saussure begründeten Linguistik, der professoralen Gelehrsamkeit eines Michel Foucault oder den existentialistischen Anschauungen eines Jean-Paul Sartre, muss vor diesem Buch keineswegs bange sein. Ihm geht es möglicherweise ebenso wie dem Pariser Polizeikommissar Jacques Bayard, der sich für seine Ermittlungen eines jungen Semantik-Dozenten bedient, um die verschiedenen Akteure befragen und ihre teils hoch gestochenen Theorien begreifen zu können. Allein diese Figur ist ein genialer stilistischer Trick des Autors: Der Kommissar ist tumb und stockkonservativ; er reagiert konsterniert und mit innerem Abscheu auf die Szene und nimmt sich, weil er inhaltlich nur Bahnhof versteht, einen Fachmann, der ihm – und damit dem Leser – durch das eigentliche Thema Poststrukturalismus hilft.

Ausgangspunkt der Ermittlungen ist ein tatsächlicher Unglücksfall mit letalem Ausgang: Am 25. Februar 1980 wurde der 64-jährige Linguist und Schriftsteller Roland Barthes nach einem Essen mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand auf dem Weg in sein Büro von einem bulgarischen Lieferanten überfahren und tödlich verletzt. Hier setzt die Fantasie des Autors ein, indem er den Autounfall zu einem Attentat auf den Begründer des Poststrukturalismus erklärt, das wenig später an dessen Krankenbett vollendet wird. Danach wurde Barthes bei dem Mordanschlag ein Manuskript mit explosiver Sprengkraft entwendet.

Der stockkonservative Kommissar und sein akademischer Helfer beginnen nun eine abenteuerliche Recherche in von langhaarigen Hippies und selbstverliebten Revoluzzern aller Couleur beherrschten Seminaren, berühmten Caféhäusern und von schwulen Philosophen und ihren jungen Lovern bevölkerten Saunaclubs im Paris der 80-er Jahre. Dabei deutet sich eine Geheimbündelei an, die von zwei seltsamen Bulgaren, die Regenschirme mit sich führen und einen schwarzen Citroën DS fahren, angeführt wird.

Das Manuskript, das der ermordete Barthes bei sich hatte, bleibt spurlos verschwunden. Klar wird nur, dass es in Anlehnung an Roman Jakobsons Standardwerk »Linguistik und Poetik« über die sechs Sprachfunktionen eine siebte Sprachfunktion beschreibt. Demzufolge spielen in jeder sprachlichen Kommunikation sechs Faktoren eine Rolle: der Sender, der Empfänger, der Kanal, die Botschaft, der Kontext und schließlich der Code, den beide Teilnehmer beherrschen müssen. Die siebte Funktion, die der Autor das Mordopfer Barthes erfinden lässt, gibt Politikern die rhetorischen Mittel an die Hand, um öffentliche Rededuelle und damit auch die Wahlen, zu gewinnen. »Fake-News« könnten damit zur Wahrheit werden. Ohne Frage ist das ein Wissen, dass jeder Politiker und Wirtschaftsmagnat gern nutzen möchte, um sein Publikum zu manipulieren.

Eine heiße Spur führt die beiden Ermittler von Paris nach Bologna zu dem italienischen Semiotiker Umberto Eco. Aber auch der will sich nicht klar äußern, obwohl er von Barthes´ Forschungen weiß. Und auch im amerikanischen Städtchen Ithaka finden sich schließlich nur lose Ende weiterer Theorien und Hinweise auf Beteiligungen namhafter Philosophen. Der Leser selbst wird zum Detektiv, zum Spurensucher, zum Fragesteller.

Binets Roman ist ein großes Spiel mit fiktiven und tatsächlichen Figuren, eine Wissenschaftssatire im erzählerischen Gewand eines Krimis. Er überzeichnet stark, führt vor allem die verehrten Philosophen, Poeten und Linguisten mit einer Bravour und Kenntnis vor, dass man beinahe die Hochachtung von den großen Namen verliert. Seine Reflexionen über Sprache und Kommunikation machen diesen Roman gleichzeitig stark und spannend. Außerdem erfahren wir jetzt endlich, warum der Philosoph Louis Althusser seine Frau Hélène erwürgte: Sie hatte einen Werbe-Briefumschlag weggeworfen, in der ihr Mann einen wichtigen Hinweis auf die siebte Sprachfunktion sicher versteckt zu haben glaubte …


Kategorie: Kriminalromane, Romane
Verlag: Rowohlt

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