Fahrenheit 451

bradbury-1Albtraum für Bibliophile

Im Œuvre von so manchem Schriftsteller dominiert ein einzelnes Werk, überragt die anderen und begründet explizit seinen Ruhm. Im Falle des amerikanischen Autors Ray Bradbury ist es der 1953 erstmals erschienene Science-Fiction-Roman «Fahrenheit 451». Dessen Dominanz wird deutlich, wenn man weiß, dass der 2012 verstorbene Bradbury schon zu Lebzeiten seine Grabstelle ausgesucht und mit einem Stein markiert hatte, auf dem er «Author of Fahrenheit 451» einmeißeln ließ. Der dystopische Roman wurde mehrfach überarbeitet, von François Truffaut verfilmt, diente ferner als Vorlage oder Inspirationsquelle für weitere Filme, für Hörspiele, Theaterstücke und Comics. Der Titel bezeichnet – nach einer irrigen Annahme des Autors – die Temperatur, bei der sich Papier ohne äußere Einwirkungen angeblich selbst entzündet. Und damit wird gleich auch auf die Thematik des Romans hingewiesen, es geht um papierne Bücher.

In einem utopischen Staat, der die Bevölkerung ungebildet und damit vor allem unmündig halten will, sind der Besitz und das Lesen von Büchern streng verboten, es gilt als destabilisierend für die Gesellschaft, darin sind sich alle einig. Die Feuerwehr wird nun, da sämtliche Häuser aus nichtbrennbaren Materialien gebaut sind, nicht mehr benötigt, sie hat die neue Aufgabe, Bücher aufzuspüren und zu verbrennen. Statt Wasserspritze ist jetzt der Flammenwerfer das Arbeitsgerät der Feuerwehrleute, die auf ihren Uniformen neben der Zahl 451 den Salamander tragen als Symbol, also jenes Tier, das der Legende nach im Feuer leben kann. Der Begriff «The Fire Man», wie der Titel der ersten Fassung lautete, ist übrigens doppeldeutig, er bezeichnet den Bekämpfer des Feuers ebenso wie den Feuerleger. Der Protagonist des Romans, der Feuerwehrmann Guy Montag, zweifelt zunehmend an dem unmenschlichen System. Er beginnt heimlich Bücher zu sammeln und lernt durch die Begegnung mit Clarisse, einem 17jährigen Mädchen, den Wert von Kultur und Natur schätzen. «Sind Sie glücklich?» lautet ihre scheinbar naive Frage, die ihn vollends aus der Bahn wirft bei seiner Sinnsuche. Als er in dem ehemaligen Literaturprofessor Faber dann auch noch einen Mentor findet, eskaliert seine innere Auflehnung und endet schließlich äußerst dramatisch. Er flüchtet in die Wälder und beobachtet von Ferne den schon lange vorausgesagten Kriegsausbruch, der diese fragwürdige Zivilisation denn auch mit einem Schlage vernichtet.

Von den Visionen des prophetischen Autors ist manches tatsächlich real geworden. Den Büchern als Quell von Wissen, das zu unterdrücken sei, entsprachen die Störsender, mit denen zum Beispiel in der DDR der Radioempfang aus dem Westen unterbunden wurde, und Westfernsehen war dort ebenfalls unerwünscht und mit Sanktionen belegt. Die «Fernsehwände» des Romans sind in den großformatigen Flachbildschirmen oder Beamern unserer Zeit schon fast realisiert, die winzige Abhörwanze im Ohr ebenfalls, selbst die heutigen mörderischen Autorennen durchgeknallter Jugendlicher finden bereits im Roman von 1953 statt. Und die gezielte Verdummung der Massen mittels geistloser Dauerbespaßung im Fernsehen ist heutzutage ebenfalls weitgehend Realität geworden.

Er habe, hieß es in einem Artikel zum Tode des 91jährigen Autors, «ein Mahnmal gegen staatliche Zensur» geschaffen. Der Roman ist in meinen Augen darüber hinaus vor allem eine harsche Gesellschaftskritik, völlig zeitlos in ihrer Anklage gegen die Unterdrückung der Massen durch eine unsichtbar agierende Elite. Im Nachwort unter dem Titel «Feuerspracht» hat Bradbury die Entstehungsgeschichte seines Romans ungewöhnlich detailliert geschildert, – aber auch deutlich zu eitel! Der Plot erscheint mir als einem das Genre generell ablehnender Leser, – Franz Werfels «Stern der Ungeborenen» sei ausgenommen -, geradezu hölzern und unplausibel, die sprachliche Umsetzung ist zudem ziemlich uninspiriert. Gleichwohl, ich zähle diesen Roman zu den Klassikern, die man gelesen haben sollte.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: Heyne München

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