Forderung

Forderung von John Grisham

Drei amerikanische Studenten stecken in der Scheiße. Sie wollten Jura studieren und stinkreiche Anwälte werden. Dies ist in den USA ohne finanzielle Mittel jedoch kaum zu verwirklichen, und so landen sie am unteren Ende der universitären Bestenliste an der privaten »Foggy Bottom Law School«, einem Institut niedrigsten Niveaus, dessen Ausbildung gerade gut genug ist, um als Assistent besser qualifizierter Anwälte ein mageres Auskommen fristen zu können. Keinesfalls reicht es, um die enormen Kredite abzuzahlen, die jeder von ihnen aufgenommen hat, weil er auf die bunten Hochglanzbroschüren der Hochschule, die allen Absolventen tolle Jobs mit satten Gehältern suggerierten, hereingefallen war. – Soweit die Ausgangssituation von John Grishams Roman »Forderung«.

Grisham gilt als einer der erfolgreichsten amerikanischen Thriller-Autoren. Er veröffentlichte mehr als 30 Werke, die mehrheitlich Bestseller wurden und verdient höchste Plätze in den internationalen Verkaufsranglisten bekleideten wie »Die Jury«, »Die Firma« und »Der Klient«. Neben seinem Erzählstil gründete sein Erfolg wesentlich auf einer neuen Perspektive, nämlich der der Anwälte in mächtigen Großkanzleien und ihre Verquickung mit Politik, Wirtschaft und Justizapparat. Kurz: Grisham schuf den modernen Justizthriller. Nachdem er mit seinen letzten Romanen jedoch auf anderen Feldern pflügte und damit bei seinen Lesern durchfiel, kehrt er mit seinem neuen Opus in die Welt der Juristen zurück, in der er sich als langjährig aktiv tätiger Rechtsanwalt bestens auskennt.

Seine Protagonisten jedenfalls stehen kurz vor dem Examen und ahnen, dass sie in eine Schuldenfalle getappt sind, die geschickt von der Privatuniversität aufgestellt und kaschiert wurde. Als ihnen ein Kommilitone, der mit manischem Eifer die Zusammenhänge recherchiert hat, veranschaulicht, dass sich sowohl die Uni als auch die Bank, die ihnen den Kredit gewährt hat sowie die Anwaltskanzleien, die Absolventen zu Niedriglöhnen erneut aussaugen, samt und sonders in der Hand eines einzelnen Finanzmagnaten befinden und von ihm geschickt gesteuert werden, erlischt der schöne Schein ihrer künftigen Karriere und sie erkennen die bittere Realität. Sie schmeißen ihr Studium hin und wollen lieber als Barkeeper jobben als ein Leben lang Schulden abzustottern.

Der Freund, der ihnen die Augen öffnete, ist den eigenen Erkenntnissen nicht gewachsen und stürzt sich von einer Brücke in den Tod. Übrig bleiben zwei USB-Sticks mit seinen Rechercheergebnissen. Warum Grisham diese Nebenstrecke umfangreich behandelt, bleibt unklar, denn die Leiche des jungen Mannes wird bald gefunden und identifiziert. Statt vielleicht später noch einmal unter neuer Identität aufzutauchen und im Finale mitzuspielen, wird lang und breit die Familie des jungen Studenten mitsamt seiner ewigen Verlobten vorgestellt und in Kaugummi-Dialogen über moralische Verantwortung diskutiert. Dann kehrt der Autor endlich wieder zu seinem Plot zurück.

Angesichts der Ausweglosigkeit ihrer Situation gründen die drei Ex-Studenten unter falschen Namen eine Anwaltskanzlei über der »Rooster Bar« (so der englische Originaltitel des Buches), in der sie hinter der Theke jobben. Sie wollen sich als Winkeladvokaten Geld verdienen und suchen sich Mandanten unter Verkehrssündern, die sie auf Gerichtsfluren ansprechen und in Krankenhauskantinen finden, um Schadenersatzklagen für sie zu führen.

John Grisham © Bob Krasner, Heyne

Hier versteht John Grisham es meisterhaft, den schmierigen Typus des amerikanischen Winkeladvokaten, der sich mit seinesgleichen um mögliche Mandanten kabbelt, darzustellen. Wer die aus »Breaking Bad« hervorgegangene Anwaltsserie »Better Call Saul« kennt, der weiß, um was für heruntergekommen-pomadige Existenzen es sich handelt, die ihr Geld mit den Ärmsten der Armen machen, die mehrheitlich keinen vernünftigen Anwalt kennen oder bezahlen können.

Unsere selbst ernannten Rechtsvertreter lernen schnell durch Nachahmung und führen bald erfolgreich Gerichtsverhandlungen durch. Dabei kommt ihnen das enorme Gewusel an den Gerichten zugute, wo niemand nachfragt, ob denn eine anwaltliche Zulassung vorliegt oder ob denn der Herr Anwalt studiert hat. So geht es eine ganze Weile munter weiter, aufgrund ihrer bescheidenen juristischen Kenntnisse dämmern auch Schadenersatzklagen gegen sie herauf, aber die große Abrechnung mit dem kapitalen Scheusal, das ungestört Profite aus dem maroden amerikanischen Unterrichtssystem generiert und auf die der Leser seitenlang wartet, bleibt aus.

Grisham verschenkt die Chance, sein Thema furios enden zu lassen. Er streift lieber noch in einem weiteren Erzählstrang das Thema der Abschiebung ungeliebter Ausländer aus den USA, bis dann seine Protagonisten in einem verhältnismäßig kleinen Rahmen absahnen, brav ihre Schulden bezahlen und sich unter neuen Identitäten ins Ausland absetzen.

John Grishams Buch »Forderung« ist hinsichtlich des Erzählstrangs alles andere als ein Thriller. Auch in technischer Hinsicht erzählt der Autor seine Geschichte eher lustlos als die Empfindungen, Gedanken und Handlungen seiner Figuren zu zeigen. Insofern liest sich sein Text zwar schnell und geschmeidig, doch der Eindruck, den er hinterlässt, ist farblos und schal. Nun gibt es eine Reihe von Autoren, deren Neuerscheinungen blind gekauft werden, weil ihnen offenbar ein unveränderlich gegebenes Talent unterstellt wird. Auch Grisham zählt zu denen, die immer noch von ihrem einstigen Ruhm leben, ohne ihn mit jedem Buch neu verdienen zu müssen. »Forderung« schwimmt auf dieser Welle und erweist dem als »meisterhaften Erzähler« gerühmten Autor leider wenig Ehre.

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Genre: Justizthriller, Romane, Thriller
Illustrated by Heyne München

3 thoughts on “Forderung

  1. Ich falle stets aufs Neue auf Grisham rein: Erst wenn ich die neueste seiner „Bibeln“ angelesen habe, weiß ich, dass *er* es war, Grisham, den ich eigentlich nicht mehr lesen wollte. [By the way: Meine Abneigung ertreckt sich seit geraumer Zeit auch auf Patricia Cornwell und, länger schon, auf Kathy Reichs: „groß“ geworden mit ein, zwei superben Werken, versumpfen sie schon seit Jahren.]

    Wer mithalten, wer konstant lesenswert schrieb dank clever und immer wieder am Puls der (Wissenschafts-) Zeit agierender Plots, war der gute alte Michael Crichton (†2008).

    Und bei den Juristen-Thrillern darf einer nicht vergessen werden: Scott Turow (u. a. Aus Mangel an beweisen); aber auch er hatte sich rasch geleert genauso wie Philipp Kerr, der dieser Tage so jung gestorben ist.

    Ach ja, wo sind sie, die verlässlichen Autoren? Ein umso tieferer Seufzer, wenn ich an das gerade zu Ende gelesene Buch von Arne Dahl denke „Bußestunde“ (alles andere als: Es ist eine Sternstunde!)

    Danke also für die Warnung, Rupi!

  2. Danke Rupi, ich schließe mich der „Danke-Warnung“ an.
    Doch werde ich es (versuchen) zu lesen, um auch zu einer Meinung zu kommen. Michael Crichton interessiert mich, du hast mich neugierig gemacht.

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