Holzfällen

bernhard-1Von Künstlerattrappen und geistlosen Poltermimen

«Eine Erregung» heißt der Untertitel dieses avantgardistischen Werkes von Thomas Bernhard, der damit einst seinen Ruf als Enfant terrible der Kunstszene Österreichs nachhaltig unterstrichen hat. Im Stil des inneren Monologs angelegt, dessen Gedankenfluss der Autor sprachlich durch einen absatzlos dahin fließenden Textstrom ohne jedwede Gliederung von der ersten bis zur letzten Seite abbildet, erlebt der Leser das Geschehen eines Tages aus der Sicht des Ich-Erzählers, mit unübersehbar autobiografischen Elementen allerdings, und zwar nicht nur, weil er ebenfalls Schriftsteller ist. Denn ob der Begriff Schlüsselroman hier berechtigt ist, mag man daran ermessen, dass kurze Zeit nach seinem Erscheinen der Verkauf des Buches gerichtlich gestoppt wurde von Leuten, die sich darin wiedererkannt hatten – und sich verunglimpft fühlten.

Dieser Text ist eine einzige, breit angelegte Suada, polemisch, sarkastisch, geradezu gallig, die vor niemandem halt macht, auch vor ihrem Urheber selbst nicht, dem «auf seinem Ohrensessel» sinnierenden, misanthropischen Schriftsteller. Er nimmt im Geist die kulturelle Schickeria Wiens aufs Korn, zu der auch die zu einem späten «künstlerischen Abendessen» im Hause des Komponisten Auersberger geladenen Gäste zählen, die nun geduldig auf einen Burgschauspieler warten, der nach seinem Auftritt in Ibsens «Die Wildente» sein Erscheinen zugesagt hat. Vormittags hatte der Schriftsteller noch am Begräbnis einer alten Freundin teilgenommen, seine Gedanken kreisen deshalb anfangs immer wieder um die «Bewegungskünstlerin» Joana, die sich erhängt hat. Mit ihr wie auch mit den Gastgebern hatte er schon vor Jahrzehnten den Kontakt abgebrochen, er war jetzt von London aus nur zu einem Besuch nach Wien gekommen und hatte ohne richtig nachzudenken diese Einladung angenommen, worüber er im Nachhinein entsetzt ist.

Denn ihn regt alles auf, er demaskiert geradezu niederträchtig den Kunstbetrieb Österreichs im Allgemeinen und Wiens im Besonderen, und ihm ist nichts heilig dabei, insbesondere die Burgschauspieler nicht. «Geistlose Poltermimen» und «kleinbürgerliche Popanze» seien sie allesamt, die denn auch «aus dem Burgtheater längst ein Siechenhaus ihres dramatischen Dilettantismus gemacht haben». Dieses Abbild der Künstlerszene und der durch die Auersbergers repräsentierten «Guten Gesellschaft» ist für Thomas Bernhard wahrhaft jämmerlich. Bei aller bitterbösen Kritik ist aber immer auch ein subtiler Humor nicht zu übersehen, mit dem er sein Kultur-Szenario vor dem Leser ausbreitet und dann gnadenlos demaskiert, ich musste jedenfalls öfter schmunzeln bei seinen «Erregungen». Detailliert beschäftigt sich der Ich-Erzähler mit den anwesenden Künstlern, allesamt gescheiterte Existenzen, denen nie der Durchbruch gelungen ist, deren Kunst er jedenfalls vehement in Frage stellt, die er recht uncharmant als «Künstlerattrappen» bezeichnet.

Was das handlungsarme Buch lesenswert macht ist vor allem die kreative Sprache, der in vielen Wendungen steckende Wortwitz, aber auch der raffinierte dramaturgische Aufbau mit seinen geradezu suggestiv eingesetzten Wiederholungen, von denen «dachte ich auf dem Ohrensessel» wohl das häufigste Element ist, man sitzt irgendwann buchstäblich selbst dort! Dieses literarische Ostinato wird auch musikalisch verdeutlicht durch Ravels «Bolero», der zu später Stunde vom Plattenspieler ertönt. In einem ziemlich langen letzten Satz erkennt der Schriftsteller selbstkritisch, dass er sich kaum unterscheidet von den Menschen um ihn herum mit ihren Lügen und Halbwahrheiten, und er beschließt spontan, über das «künstlerische Abendessen» zu schreiben, «sofort und gleich, bevor es zu spät ist». Das war gut so!

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *