Schneemann

Jo Nesbø zählt zu den bekanntesten Krimiautoren Norwegens. Die Krimis des 1960 geborenen Musikers und Autor stehen auch international auf den vordersten Plätze der Bestsellerlisten. »Schneemann« ist einer seiner Welterfolge, der von Hollywood nach Ansicht vieler Kritiker trotz der ausgezeichneten Romanvorlage missglückt verfilmt wurde.

Nesbøs Serienheld heißt Harry Hole, ein gebrochener Kommissar mit einem ungesunden Verhältnis zum Alkohol, schwierigem Temperament, zweifelhafter Moral und schlechtem Umgang. Der als einsamer Wolf agierende Ermittler hat sich auf Serienmörder spezialisiert, von denen es in Norwegen zu seinem Bedauern jedoch nur wenige gibt. Umso mehr erwacht die Jagdleidenschaft in dem analytisch und intuitiv ausgezeichnet befähigten Polizisten, als eine Reihe von brutalen Morden an jungen Müttern, die einem festen Schema zu folgen scheinen, auf seinem Schreibtisch landen.

Neben ihrer unglaublichen Brutalität haben alle diese Morde ein gemeinsamen Nenner: Sie werden jeweils mit dem ersten Schneefall im herannahenden Winter begangen. Und sie werden, da es in Norwegen trotz Klimaveränderung immer noch heftig schneit, mit einem fetten Schneemann verziert, den der Täter als Visitenkarte hinterlässt.

Es beginnt nun eine wilde Jagd nach dem Täter, der sowohl den Kommissar wie auch den Leser auf manch falsche Fährte führt. Dabei ist der Serientäter überaus gerissen, wenn es darum geht, Unschuldige in Verdacht zu bringen. Er bemüht sich, möglichst unmittelbar in den Bekannten- und Kollegenkreis Holes einzudringen, selbst vor einer engen Mitarbeiterin des Kommissars macht er nicht halt, wenn es darum geht, falsche Spuren zu legen.

Der mit Hole auf die Jagd gehende Leser weiß natürlich, dass bei einem rund 500 Seiten starken Buch der Übeltäter nicht bereits nach 150 Seiten hinter Schloss und Riegel gebracht wird, und so fiebert er mit dem Erzähler der Entschlüsselung des Geheimnisses, wer denn jener ominöse Schneemann ist, entgegen.

Jo Nesbø Foto: Ullstein/Thyron Ullberg

Nesbø versteht es, durch die dichte Beschreibung seines Personals und dessen Gewohnheiten deutliche Bilder zu zeichnen, die einen leichten Hang ins Voyeuristische spüren lassen, wenn es um die Schilderung sexueller Aktivitäten geht. So ist das Fremdgehen, folgt man dem Autor, ein gängiger Sport aller Norweger/innen, die in einer Beziehung leben. Im Ergebnis sind Kuckuckskinder an der Tagesordnung.

Nicht alle Fragen, die in dem dramatischen Ermittlungs-Tohuwabohu auftauchen, werden abschließend befriedigend beantwortet. Es bleiben ein paar Logiklücken, und der geübte Krimileser ahnt wahrscheinlich auch früher als vom Autor geplant, wer denn der tatsächliche Killer ist. Das nimmt dem Roman aber weder Rasanz noch Spannung.

Mit »Schneemann« dringt Nesbø tief in die Seelen seiner Darsteller ein. Er verzichtet auf soziale oder politische Bezüge, die sonst Markenzeichen vieler skandinavischer Kriminalautoren sind, um sich ganz auf die Geschichte der Ermittlung sowie auf seinen Haupthelden, Kommissar Harry Hole, zu konzentrieren. Auf diese Weise serviert er ein Lesevergnügen mit Gänsehaut-Garantie.

 


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.