Das Frausein in den Sechzigern

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ferrante3Sich zu entscheiden, heißt jemandem wehtun“. Lena befindet sich in einem außergewöhnlichen Transformationsprozess, ganz so wie die bewegten Siebziger Jahre um sie herum. Es wird viel demonstriert und diskutiert und die Frauen werden sich ihrer unterdrückten Rolle im Patriarchat bewusst. Aber nicht nur die Arbeiter befinden sich im Ausstand, auch Studenten kommen zu ihren Prüfungen mit einer geladenen Pistole, um ein besseres Prüfungsergebnis zu erzielen. So ergeht es zumindest Pietro, dem Ehemann Lenas, der an der Hochschule in Florenz als Professor arbeitet. Der dritte Teil der Neapolitanischen Saga hat es in sich: privat und politisch.

Frausein unter Freundinnen

Mit dem Vorwurf konfrontiert „Liebesgeschichtchen“ zu schreiben räumt Lena in „Die Geschichte der getrennten Wege“ endgültig auf, denn sie zeigt sich zunehmend politisiert und wird sich ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft bewusst. Ihr zweiter Roman, den Lena während ihrer Ehe und zwei Schwangerschaften zu schreiben versucht, entpuppt sich zwar als Flopp, dafür thematisiert sie im dritten Buch ihr Frausein und die Rolle der Frauen in der (italienischen) Nachkriegsgesellschaft und davor: „Die Reduzierung meiner Person auf eine gedeckte Tafel für den sexuellen Appetit des Mannes, auf ein gut gekochtes Gericht, damit ihm das Wasser im Mund zusammenläuft.“ Und dennoch unterwirft sie sich der klassischen Stutenbissigkeit als sie ihrer Konkurrentin, Eleonara, der Frau ihrer Jugendliebe Nino, begegnet und misst sich mit ihr, um nicht gerade schöne Worte über sie finden. Aber das beruht bekanntlich auf Gegenseitigkeit.

Sprache der Klasse

Schöne sprachliche Bilder wie „Ich legte den Hörer auf, als hätte ich mich an ihm verbrannt“ oder „Mein Kopf war ein Tränenquell wie der des rasenden Rolands“ wechseln sich mit Überlegungen zur eigenen Sprachfindung ab. Denn der „Rione“ – das Viertel Neapels in dem Lena geboren wurde – nötigte ihr immer wieder dann seine Sprache auf, wenn sie nervös und unzufrieden war und das beeinflusste auch ihr Denken, obwohl sie längt in die höheren Sphären der Gesellschaft aufgestiegen ist und in Florenz lebt, mit einem hochangesehenen Ehemann, zwei Kindern und den Ariostas, einer einflussreichen Familie, im Hintergrund. Reife bestehe darin, denkt sich Lena, sich nicht zu sehr aufzuregen und die Wende zu akzeptieren, die das Leben nehme, „einen Weg zwischen der Praxis des Alltags und theoretischem Erkenntnissen einzuschlagen, zu lernen, sich anzusehen, sich zu erkennen, während man auf große Veränderungen wartete“. Mit einem gekonnt arrangierten Cliffhanger leitet Elena Ferrante zum vierten Teil der Neapolitanischen Erfolgssaga über, der aber auf Deutsch bei Suhrkamp erst am 5. Februar 2018 – mit dem Titel „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ – erscheinen wird. Man(n) kann es gar nicht mehr erwarten.

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege – Band 3 der Neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre)
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
D: 24,00 € /A: 24,70 € /CH: 34,50 sFr
2017, gebunden, 540 Seiten
ISBN: 978-3-518-42575-6


Kategorie: Belletristik, Biographien, Briefe, Emanzipation, Erfahrungen, Erinnerungen, Feminismus, Frauenliteratur, Gesellschaftsroman, Italien, Memoiren, Neapel
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Allein unter Juden

Tenenbom, Allein unter Juden

Wann ist ein Buch ein gutes Buch? Wann ist es ein schlechtes Buch?

Das Lesen sollte Spaß machen, es sollte einen Erkenntnisgewinn geben und das Buch sollte mich im besten Fall nachdenklicher zurücklassen als es mich vorfand. Und, ist dieses Buch „Allein unter Juden“ des israelisch-amerikanischen Autors Tuvia Tenenbom ein gutes Buch?

Nachdem ich sein erstes, mir bekannt gewordenes Buch „Allein unter Deutschen“, das monatelang in den Bestsellerlisten zu finden war, schon mit Interesse gelesen hatte, wollte ich auch dieses Werk nicht unbeachtet lassen.

Tuvia Tenenbom, 1957 in Bnei Berak, in der Nähe von Tel Aviv geboren, stammt aus einer deutsch-jüdisch-polnischen Familie und lebt in New York. Er studierte u. a. englische Literatur, angewandte Theaterwissenschaften, Mathematik und Computerwissenschaften sowie rabbinische Studien und Islamwissenschaften. Er arbeitet als Journalist, Essayist und Dramatiker und schreibt für zahlreiche Zeitungen in den USA, Europa und Israel, darunter für Die Zeit und The Jewish Daily Forward. 1994 gründete er das Jewish Theater of New York. In der „Zeit“ veröffentlicht Tenenbom regelmäßig eine Kolumne. Man kann also leicht erkennen, dass Tuvia Tenenbom nicht eindimensional, sondern vielfach interessiert durchs Leben geht.

Der Inhalt des Buches ist schnell umrissen: ein Mann fliegt nach Israel, er bereist dieses Land, das augenscheinlich so wenige wirklich kennen, und über das so viele eine feste Meinung haben, ja man gewinnt den Eindruck, dass selbst seine Einwohner dieses Land nur durch die ihnen eigene Brille zu sehen vermögen, und er erzählt von seinen Erfahrungen und Erlebnissen bei dieser Reise.

Das macht er witzig und oftmals auf eine kindlich unbelastete Art, die Fragen stellt, ohne voreingenommen zu sein. Oder zumindest den Eindruck erweckt unvoreingenommen zu sein. Und durch die Schilderung der Erlebnisse während seiner Reise merke ich als Leser sehr schnell, dass es mit der Beurteilung der Situation in diesem Land vielleicht nicht so einfach wird, wie ich mir das bisher vorstellte.

Und ich merke, dass meine Gewissheiten über Gut und Böse, über Wahr und Falsch zu Ungewissheiten werden, dass sich geradezu ein Paradigmenwechsel einstellt, die Sichtweiseauf dieses Land sich während der unterhaltsamen, oftmals witzigen Lektüre grundlegend ändert.

Die Lektüre ist erhellend, manchmal kann ich nicht glauben was ich lese, doch da dieses Buch seit 2014 auf dem Markt ist, muss ich wohl davon ausgehen, dass diejenigen, die in der Beschreibung des Tuvia Tenenbom nicht so gut wegkommen, wobei noch einmal betonen ist, dass es in dem Buch nur indirekt um Anklage geht, sich bei falschen Behauptungen in der Zwischenzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegen diese gewehrt hätten. Insoweit bleibt mein Mund nachhaltig offen vor Staunen ob des Geschriebenen.

Wenn man dann, getrieben von den Erkenntnissen der Lektüre, weiter voranschreitet auf dem Weg der Informationsbeschaffung über diese Situation, dann kommt man im Internet auf viele Seiten und stellt fest, dass es dort fast immer um eindimensionale Betrachtungen zum Thema geht. Jede Seite schaut durch die ihr eigene Brille und missachtet dabei den Fakt, dass die jeweils andere Seite vielleicht auch Recht haben könnte. Es gibt also keine Diskussion miteinander, es werden lediglich eigene Argumente und eigene Sichtweisen zu Wahrheiten erklärt. Vielleicht können wir Menschen nur so eine erträgliche Situation schaffen, die uns nicht ausschließlich in Ungewissheiten zurücklässt, sondern ein Gerüst von Sicherheiten schafft, das es uns ermöglicht morgens aufzustehen und uns dieser Welt zu stellen.

Und eine für mich sehr wichtige Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches hat der Autor selbst in einem Interview im Deutschlandradio geäußert hat:
Es gibt nichts Härteres auf dieser Welt, als ein gerechter Mensch zu sein, ein Liberaler durch und durch. In meinem ganzen Leben bin ich keinem begegnet. Liberal sein heißt, dass du jedermanns Meinung respektieren musst. Du hast über niemanden ein Urteil zu fällen.“

Das ist zugegebenermaßen schwer, doch nach der Lektüre dieses Buches will ich dennoch nicht nachlassen im Versuch auch gegenteilige Meinungen und Wahrheiten zuzulassen. Nein gerade nach der Lektüre des Buches will ich diesen Weg weiter beschreiten.

Kann ich dieses Buch empfehlen? Unbedingt! Doch ich gebe auch eine Warnung heraus. Wenn man sich auf dieses Buch einlässt, gibt es danach keine Gewissheiten mehr, nur mehr Fragen. Dieses Buch ist subjektiv, es ist anstrengend, es ist witzig.

Ist es ein gutes Buch? Ja, für mein Verständnis schon, denn es änderte meine Sichtweise, es machte mich interessiert, fragend, ratlos, wütend, hilflos, nachdenklich, es verstörte mich. Und das alles bei einem großen Lesevergnügen. Die Wut, die Ratlosigkeit und die Verstörung kommen mit der Süße des Spaß am Lesen wie bittere Medizin, die meine Mutter mir immer auf einem Stückchen Würfelzucker gab. Und wie damals wirkte die Medizin auch hier.


Kategorie: Erfahrungen, Sachbuch
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Der letzte Überlebende

ÜberlebendeSam war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch »Szlamek« hieß, war mittendrin. Er überlebte, auch den Todesmarsch nach Auschwitz, die Selektion durch Mengele, die Zwangsarbeit, den Schiffbruch auf der Cap Arcona. All das erlebte Sam in den kurzen Jahren seiner Kindheit und Jugend. Vierzehn Mal entging er dem Tod. Der Krieg ließ keine Möglichkeit, an ein Morgen zu denken. Und wen interessierte nach dem Krieg das Gestern? Am Ende seines unglaublichen Lebens gelingt es Sam Pivnik, einem der letzten Überlebenden von Auschwitz, darüber zu sprechen.

Sam wuchs in ärmlichen aber glücklichen Verhältnissen im oberschlesischen Städtchen Bedzin auf. Der Vater arbeitete als Schneider, die Mutter war Hausfrau. Sam und seine 5 Geschwister gingen zur Schule und freuten sich jedes Jahr auf den Sommer, den sie im ca. 80 Km entfernten Örtchen beim Onkel verbrachten.

Zwar gab es auch vor dem Krieg schon immer Reibereien mit nicht jüdischen Familien denn Juden waren noch nie besonders gut angesehen aber als am 1. September 1939 die Deutschen in Polen einfielen, änderte sich alles und plötzlich waren die Juden DER „Feind“ schlechthin.

Der Ort Bedzin wurde bombardiert, viele Leute flüchteten aber Sam und seine Familie blieben. Schon sehr bald herrschten Nahrungsmittelknappheit und bittere Armut aber als jüdische Familie brauchten die Pivniks gar nicht erst mit Unterstützung, egal von welcher Seite, zu rechnen. Die Lage wurde immer schlimmer und schon bald musste die Familie ihre Wohnung aufgeben denn auch in Bedzin wurden am Stadtrand die ersten Ghettos errichtet und Juden durften nicht mehr in ihren gewohnten Umgebungen wohnen. Auch in den wenigen Geschäften in denen sie vor kurzem noch Lebensmittel erwerben durften gab es für sie bald nichts mehr zu essen …

Dann wurde eines Tages auch das Ghetto geräumt und die Juden sollten „umgesiedelt“ werden. Es entstanden Tumulte und viele Familien die sich weigerten wurden erschossen. Sam und seine Familie versteckten sich mehrere Tage aber der drohende Hungertod und die Angst vor dem verdursten ließen sie schließlich kapitulieren und so wurde auch die Familie Pivnik in einen überfüllte Zug gepfercht und abtransportiert … Die Reise endete in Auschwitz-Birkenau, dem berühmtesten und grausamsten „Arbeitslager“ der NS Zeit.

Bereits bei der Ankunft an der „Rampe“ wurde Sam von seiner Familie getrennt denn er wurde nach rechts geschickt, seine komplette Familie aber nach links in die Gaskammern. Die nächsten Jahre erlebte Sam eine unvorstellbare Hölle und es ist bis heute noch unglaublich dass er diese überhaupt überlebt hat.

Die Geschichte beginnt mit Sams Erzählungen darüber wie er schwer erkrankt mit „Judenfieber“ (Typhus) auf der Krankenstation in Auschwitz-Birkenau erwacht und nur knapp dem Tode entkommt weil ihn der berüchtigte Dr. Mengele trotz seiner schweren Krankheit doch nicht in die Gaskammer bringen lässt.

Dann macht die Geschichte einen Sprung zurück und in den ersten Kapiteln wird über Sams Kindheit in Bedzin vor dem Krieg, den Sommern auf dem Land und seinem bisherigen Leben erzählt. Dann geht alles rasend schnell und die Geschichte entwickelt ein dramatisches Tempo! Mit unglaublich viel Detailgenauigkeit und einem enormen Erinnerungsvermögen (auch was Namen von Personen und Daten betrifft) durchlebt man quasi gemeinsam mit Sam die unvorstellbar schrecklichen Jahre der Gefangenschaft.

Selbstverständlich wird die Geschichte aus Sams Ich- Erzählperspektive erzählt, so dass man wirklich das Gefühl hat Sam zu begleiten! Man kann es sich eigentlich nicht vorstellen dass überhaupt ein einziger Mensch dieses Grauen und diese Willkür überlebt hat aber Sam hat es geschafft und er ist dem Tod unzählige Male nur ganz knapp entkommen.

Ich konnte das Buch kaum mehr aus der Hand legen, es war extrem spannend, hat mich extrem ergriffen und mehr als einmal sind mir Tränen in die Augen gestiegen. Unfassbar was Sam alles erleben und erdulden musste.

Natürlich haben wir alle schon unzählige Bücher über den Holocaust gelesen (in der Schule wurde man ja jahrelang mit fast nichts anderem überschüttet) aber dieses Buch war das Beste aber auch grausamste das ich je zu diesem Thema gelesen habe.

Jeder kennt mit Sicherheit auch unzählige Reportagen über die Judenvernichtung in den verschiedenen Konzentrationslagern aber es ist doch noch mal etwas ganz anders wenn es um Einzelschicksale geht und man die Figur/Person quasi auf einem jahrelangen Leidensweg begleitet, mit ihr mitfiebert und eine emotionale Bindung zu ihr aufbaut.

Sams Geschichte ist auch etwas ausgewöhnlicher als die anderer Juden, denn Sam hatte zumindest ein wenig Glück im Unglück. Während die meisten Juden nur kurze Zeit in Auschwitz arbeiten „durften“ und dann ins Gas geschickt wurden, kam Sam irgendwann raus aus Auschwitz und musste in einem alten polnischen Kohlebergwerk arbeiten. Auch dort war das Leben die Hölle auf Erden aber dort hat er überlebt.

Sehr interessant fand ich auch dass man durch Sams Erzählungen von vielen SS-Leuten erfährt, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat, einfach weil sie nicht so bekannt sind/waren. Sie standen den „hohen Tieren“ an Grausamkeit aber in nichts nach.

Sam überlebte nicht nur Auschwitz, das polnische Bergwerk und den Todesmarsch kurz vor der Befreiung, sondern auch die Bombardierung des Schiffes „Cap Arcona“ auf das er mit unzähligen anderen überlebenden Juden von der SS zusammengepfercht wurde. Es ist wirklich unglaublich wie oft Sam dem Tod entkommen ist, ich glaube es gibt keinen Menschen der mehr Schutzengel auf seiner Seite hat.

Auch von diesen Ereignissen erzählt Sam ausführlich, und ich habe jedes Wort verschlungen.

Sehr gut finde ich auch dass man auch viel über Sams späteres Leben nach dem Krieg erfährt. Man erfährt wie die erste Jahre verlaufen sind, wie es ihm ergangen ist, was aus ihm geworden ist und wie er alles verkraftet hat. Erstaunlich dass man so eine Jugend und solche Erlebnisse überhaupt verkraften kann.

Außerdem erfährt man auch, was aus gewissen SS-Monstern aus Auschwitz geworden ist, denn selbstverständlich haben Sam diese Jahre nie wieder losgelassen, und er hat immer versucht zu verfolgen, was aus seinen Peinigern geworden ist und hat auch einiges unternommen um zumindest ein paar dieser Monster zur Rechenschaft zu ziehen. Auch darüber wird in den letzten Kapiteln ausführlich berichtet und das hat mir ausgesprochen gut gefallen.

In der Mitte des Buches findet man 15 Seiten mit Originalfotos von Sam und seiner Familie, von der Befreiung und auch aus seinem späteren Leben. Diese Fotos haben mich auch sehr berührt und bringen einen das Buch NOCH einmal ein Stück näher.

Ich könnte noch ewig weiterschreiben aber irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Ich hoffe meine Rezension kann diesem Buch irgendwie gerecht werden denn es ist ein absolut großartiges Werk und unbedingt zu empfehlen!!

Allerdings ist es nichts für schwache Nerven, es ist extrem heftig.

Ganz, ganz großes Kino. Ich bin extrem begeistert!!

Sam Pivnik wurde 1926 in Oberschlesien geboren und lebt heute in einem Seniorenheim in London


Kategorie: Biografie, Erfahrungen
Verlag: Theiss

Tagtraumnotizen

Sicher eines der schönsten der zahlreichen Bücher des Autors. Und eines der persönlichsten. Die Kindheit im Mühlviertel wird geschildert, die Beziehung zu den Eltern, zu einer brachialen „Nazi“-Erzieherin, zu den religiösen Bräuchen am Land.
Gewohnt kritisch sieht Wiplinger die Vorgänge in seiner Heimat. Beschreibt rigide Erziehungsmuster, die schon traumatisierend wirken können, und einen lebenslangen Prozess zu verarbeiten und zu wachsen. Wiplingers menschliche Reife sowie sein feines Sprachgefühl scheinen offenkundig durch bei Aussagen über seinen Vater: „und er sagte darauf völlig hilflos und wieder einmal darüber sehr traurig, daß er mich eben nicht verstand was ihm auch schmerzlich bewußt war aber ich muß dich doch verstehen du bist doch mein sohn worauf ich ihm antwortete vater das ja aber mehr auch schon nicht du weißt doch überhaupt nicht wer ich bin ich weiß ja selbst noch nicht wer ich überhaupt bin“. Der Verzicht auf Interpunktion im Buch ist nicht der modernistischen Attitüde geschuldet, vielmehr trägt er zur sogartigen Wirkung des Textes bei, die sowohl der persönlichen als auch der politischen Kritik ziemliche Intensität verleiht…
Der Tod spielt eine wesentliche Rolle: der Unfall eines Bruders, das Ableben der Eltern, das still liebevolle Verständnis am Sterbebett der Mutter, das Ertrinken der Flüchtlinge im Mittelmeer – gekonnt spannt Wiplinger weite Bögen aus der vom Nationalsozialismus und rigidem Katholizismus geprägten Kindheit bis zur Gegenwart – immer wieder blitzt Respekt vor den Altvorderen auf, etwa wo beim Gestapoverhör der Vater sich nur durch Klugheit seiner Verhaftung entziehen konnte. Schwer wiegt die Anklage des engagierten Autors, was die stets rigider werdende Flüchtlingspolitik der Regierung betrifft, die Hetze des Boulevards, die Unmenschlichkeit rechter Recken: „nicht die millionen flüchtlinge brauchen schutz nein unsere heimat braucht schutz einen heimatschutz meint er und sein outfit ist topmodisch“.
Sehr deutlich auch die Kritik am europäischen Wohlstandsmodell, das auf der Ausbeutung ausgesourcter BilliglohnarbeiterInnen beruht; und wieder eine zutiefst menschliche und zugleich kluge Reflexion des Heimatbegriffs bezüglich der Flüchtlingskrise: „diesen armen Menschen helfen ein wenig etwas abgeben von unserer heimat weil das was wir abgeben und mit ihnen teilen ja gar nichts ist im vergleich zu dem was sie verloren haben weil uns in unserem leben nichts wirklich fehlt weil wir genug an heimat haben sodaß wir vieles auch mit anderen die keine heimat mehr haben doch teilen könnten“, zumal das Gedudel über Heimat bloß zudecke, wie unsere Heimat irreparabel beschädigt wird, vom Landschaftsbild bis zur Architektur und der Lebenskultur – diese durch massenmedialen Schwachsinn.

Bemerkenswert Wiplingers Haltung zu Gefühlen generell, die heutzutage ja als überholt bis bestenfalls permanent vom Intellekt zu sanierende Dauerbaustelle gelten: „und ich höre den gesang eines fremden mir zu herzen gehenden liedes lasse mir den text übersetzen stimme mich ein in das lied und in mich selber in die tiefe meiner gefühle in etwas das zu herzen geht und nicht irgendwo oben hängt in dem gestrüpp das man verstand nennt…“.
Im zweiten schmäleren Teil des Buches lesen wir die „Venezianischen Notizen“, Wiplingers Beschäftigung mit seiner Lieblingsstadt zwischen Tourismus und (Kunst-)Geschichte. Woraus ich, weils so exakt zum Thema dieser Pappelblatt-Ausgabe passt, folgende Stelle zitieren möchte: „von zeit zu zeit in eine kirche eintreten und dort eine längere zeit verweilen sich niedersetzen in eine bankreihe vielleicht hinten auf einem platz nichts denken nichts reden nichts wollen nirgendwohin streben nein einfach nur dasein nur schauen oder dann auch einmal die augen schließen vielleicht gibt es leise musik oder eben nichts außer stille sich dieser stille hingeben sich hineinversenken in sie versinken in dieser stille ankommen in dieser stille länger als nur für einen augenblick verweilen in einer stille in dir die botschaft der stille hören aufnehmen in dich diese wortlose sprachlose lautlose botschaft bereitwillig aufnehmen in dich“

Manfred Stangl

Peter Paul Wiplinger: „Tagtraumnotizen“, Wien 2o16, Löcker, 18oS, Tb, ISBN: 978-3-854o9-678-8


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Löcker Wien

Als ich unsichtbar war – eine wahre Geschichte über einen Jungen, der elf Jahre als hirntot galt

Als ich unsichtbar warMartin Pistorius, geboren 1975 in Johannisburg, war zwölf, als eine rätselhafte Erkrankung ihn aus seinem Leben riss. Elf Jahre blieb er gelähmt, seine Familie und die Ärzte gingen davon aus, dass er geistig auf dem Stand eines Babys war. Er konnte sich nicht verständigen und war doch innerlich hellwach. Niemand merkte, dass sein Gehirn sich vollständig erholt hatte. Seine Rettung verdankte er dem Zufall. 2001 konnte er mithilfe eines Computers wieder kommunizieren.
Ausschnitt aus dem Buch:

PROLOG

Im Fernsehen läuft wieder mal Barney, der Dinosaurier. Ich hasse Barney – und diese scheußliche Erkennungsmusik. Sie wird zur Melodie von ›Yankie Doodle Dandy‹ gesungen.

Auf dem Bildschirm sehe ich, wie Kinder in die ausgebreiteten Arme des riesigen violetten Dinosauriers hüpfen, hopsen und springen, und danach schaue ich mich in meinem Zimmer um. Die Kinder hier liegen regungslos auf dem Boden oder sitzen zusammengesunken auf ihren Stühlen. Ein Gurt hält mich aufrecht in meinem Rollstuhl. Mein Körper ist genau wie bei den anderen ein Gefängnis, dem ich nicht entrinnen kann: Wenn ich sprechen möchte, bleibe ich stumm, wenn ich meinen Arm bewegen will, gehorcht er mir nicht.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen mir und den anderen Kindern: Mein Verstand ist hellwach. Er schlägt Purzelbäume und macht Saltos in dem Versuch, seine Fesseln zu sprengen und einen Feuerstrahl prachtvoller Farben in meine graue Welt schicken zu können. Doch niemand weiß davon, da ich es niemandem erzählen kann. Die Leute meinen, ich sei eine leere Hülle, weil ich hier seit neun Jahren tagaus, tagein sitze und mir Barney oder Den König der Löwen reinziehen muss; und als ich dachte, schlimmer könne es nicht kommen, kreuzten auch noch die Teletubbies auf.

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, doch meine Erinnerungen an die Vergangenheit beginnen erst mit jenem Moment, in dem ich wieder zum Leben erwachte und aus irgendeiner Welt auftauchte, in der ich mich verloren hatte. Es war, als blendeten mich plötzlich Blitzlichter in der Dunkelheit. Ich hörte Leute über meinen sechzehnten Geburtstag reden und darüber diskutieren, ob sie mir die Bartstoppeln abrasieren sollten. Mir machte Angst, was ich da mit anhören musste, denn obgleich ich mich an nichts erinnern konnte und keine Vorstellung von der Vergangenheit hatte, war ich mir sicher, ein Kind zu sein, und die Leute unterhielten sich über einen Menschen auf der Schwelle zum Mann. Langsam wurde mir jedoch klar, dass sie mich meinten, genauso wie ich zu begreifen begann, dass ich eine Mutter und einen Vater, einen Bruder und eine Schwester hatte, die ich jeden Abend zu Gesicht bekam.

Haben Sie mal einen dieser Filme gesehen, in dem jemand als Geist aufwacht, aber die Menschen haben keine Ahnung davon, dass sie längst gestorben sind? So war das, als ich mitbekam, wie die Leute durch mich hindurch und an mir vorbei schauten, und ich verstand nicht, weshalb. Ich konnte anstellen, was ich wollte, ich konnte betteln und bitten, schreien und brüllen – durch nichts brachte ich sie dazu, Notiz von mir zu nehmen. Mein Geist war in einem nutzlosen Körper gefangen, Arme und Beine waren außer Kontrolle, meine Stimme blieb stumm. Ich konnte weder Zeichen noch Geräusche von mir geben, um irgendjemanden wissen zu lassen, dass ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Ich war unsichtbar – der Geisterjunge.

Als ich unsichtbar war: Die Welt aus der Sicht eines Jungen, der 11 Jahre als hirntot galt von Martin Pistorius

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Der Autor hat (s)eine Art Biografie geschrieben, die (mich) sehr berührt. Da ist ein junger Mann, der durch eine unbekannte Krankheit mit zwölf Jahren bewusstlos wird – und viele Jahre als hirntot gilt. Ärzte sind der Ansicht, dass der Junge keine Heilungschancen hat. Doch die Eltern kämpfen für ihren Jungen. Eines Tages wacht der Junge auf, kann aber, außer mit den Augen, kein Lebenszeichen von sich geben. Er bekommt alles mit, was mit ihm und auch rundherum geschieht. Erst als eine Pflegerin ihn als (lebenden) Menschen sieht und meint, in ihm stecke mehr als ein hirntoter junger Mann, wendet sich das Blatt.

Dieses Buch hat mich sehr berührt. Ich weiß nicht, ob man so etwas denken oder fühlen darf, aber ich habe eine große Hochachtung vor Martin Pistorius, wie er sich ins Leben zurückkämpft. Aber auch vor seiner Familie, die ihn nie aufgegeben hat und vor den Menschen, die ihm ‚zugehört‘ haben.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das man nicht mehr loslässt, hat man erst einmal angefangen, es zu lesen.

Martin Pistorius: Als ich unsichtbar war: Die Welt aus der Sicht eines Jungen, der 11 Jahre als hirntot galt
Taschenbuch: 344 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe (Bastei Verlag); Auflage: 9 (17. Dezember 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3404603567
ISBN-13: 978-3404603565
Originaltitel: Ghost Boy


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Bastei Lübbe

Papa fertig! Mein Leben als Vater

Papa fertigIch habe das Buch gelesen und kam zum Teil nicht mehr aus dem Lachen raus.

Magdi Aboul-Kheir erzählt sein Leben als Papa mit viel Humor, wobei er sich als Erziehender gerne auch selbst auf die Schippe nimmt. Sei es zu Themen, wie man seinen Kindern beibringt, wie man ein guter Verlierer wird, sei es, warum man lieber nicht in Gegenwart von Kindern mit Kraftausdrücken um sich wirft, sei es, wie man seinen Kindern erklärt, welches Benzin man für (s)ein Auto braucht, usw. usf.. Immer beschreibt er gleichzeitig seine eigenen kleinen Schwächen, die ihn sehr sympathisch machen.

Ich dachte oft bei diesem Buch: ‚Das kenn ich doch!‘ und musste unwillkürlich schmunzeln. Dieses Buch ist für jeden – und nicht nur für Papas – geeignet, der die Kindererziehung mit einem zwinkernden Auge betrachtet, sich selbst als Elternteil nicht zu ernst nimmt oder mit einem Lächeln an die Kindheit der eigenen Kinder zurückdenkt.

Magdi Aboul-Kheir, Papa fertig!: Mein Leben als Vater
Verlag: Egmont Vgs (15. März 2010)
Sprache: Deutsch, 140 Seiten
ISBN-10: 3802537041
ISBN-13: 978-3802537042


Kategorie: Erfahrungen, Humor und Satire
Verlag: Egmont VGS

Afghanistan. München. Ich: Meine Flucht in ein besseres Leben

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Ein eindrucksvoller Erlebnisbericht eines Kindes, das viel zu früh erwachsen wurde.Djan1

Hassan Ali Djan wurde 1989 als erstes Kind einer afghanischen Familie in dem kleinen Dorf Almitu geboren. In diesem Buch beschreibt er seine Geschichte, die eindrucksvoller kaum sein könnte.

Als er gerade mal elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater und Hassan wird damit zum Versorger für seine Mutter und die jüngeren Geschwister. Er arbeitet als Hirte und für die ortsansässigen Bauern, trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Deswegen beschließt er mit einigen erwachsenen Männern seines Dorfes in den Iran zu gehen, um dort als Tagelöhner zu arbeiten. Das verdiente Geld will er an seine Familie schicken. Dieses Unterfangen ist nicht nur gefährlich, weil lange nicht alle Iraner den Afghanen wohlgesonnen sind, es ist auch nicht sehr lukrativ. Für einen Jungen, der eigentlich noch ein Kind ist, ist es nicht leicht auf den Baustellen Teherans Arbeit zu finden.
Mit 15 beschließt er, nach Europa zu gehen um sich und seine Familie in Almitu versorgen zu können.
Mit Hilfe von Schleppern gelangt er über die Türkei nach Griechenland, mit dem Schlauchboot über das Meer, um hier festzustellen, dass es hier noch weniger Arbeitsmöglichkeiten gibt als in seinem Heimatort. Wie viele andere Flüchtlinge auch, lebt er am Hafen mehr schlecht als recht und immer in der Hoffnung, einen LKW nach Schweden, England oder sonst wo zu erwischen, als blinder Passagier natürlich. Nur nach Deutschland will er auf keinen Fall, hat er doch oft genug zu hören bekommen, dass die Flüchtlinge dort jahrelang nicht arbeiten dürfen.
Endlich schafft er es, stundenlang eingerollt in einem LKW-Ersatzreifen, weiter zu reisen. Und landet doch in Deutschland, ohne dies allerdings zu wissen.
Er wird in Massenunterkünften untergebracht und muss zwei Jahre lang auf sein Anhörungsergebnis warten, um dann seinen Abschiebebescheid in den Händen zu halten.
Glücklicherweise gibt es in den Heimen wohlwollende und hilfsbereite Sozialarbeiter, die ihm nicht nur schon während der Wartezeit zu einem Deutschkurs verhelfen, sondern ihn auch ermutigen, Widerspruch einzulegen.
Zwischenzeitlich erfährt er, was es mit dem Status der „Duldung“ auf sich hat, viele Bekannte hat dieses Schicksal getroffen. Das bedeutet, sie dürfen in Deutschland bleiben, aber erst mal nicht arbeiten und werden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt, sobald sich die Lage dort beruhigt hat.
Hier zeigt sich auch, wie willkürlich dieses System doch manches Mal ist. Ein Freund Hassans bekommt trotz sehr ähnlichem Schicksal ein ganz anderes Ergebnis seitens der Behörden.
Viel Hilfe erhält Hassan von einer deutschen Patin, die ihm auch die Gepflogenheiten der deutschen Gesellschaft näher bringt und von einer afghanischen Familie.
Nach vielen Jahren des Hin und Hers bekommt Hassan die Chance, eine Ausbildung abzuschließen, er fällt auf durch unbedingten Ehrgeiz und den Willen zu lernen. Zeitweise gerät er dabei sehr an seine Grenzen: Ausbildung, Nebenjob, um seinen Schwestern das Studium zu ermöglichen, Einsatz für andere Flüchtlinge und immer wieder lernen, lernen, lernen.
Trotzdem hat er seinen Weg nicht verlassen, sich vom geflüchteten Analphabeten zu einem vollwertigen, steuerzahlenden Mitglied der Gesellschaft gearbeitet und sich allen Schicksalsschlägen zum Trotz immer wieder aufgerappelt.

Bemerkenswert sind in meinen Augen vor allem zwei Dinge: das Alter des Protagonisten und seine Art, die ganze Geschichte sehr sachlich darzustellen. Kein Gejammer, kein Selbstmitleid und insgesamt keine sehr emotionale Sprache, einfach eine Berichterstattung. Nur die wenigen Momente, in denen er sich wirklich über etwas freuen konnte, sind ein bisschen überschwänglicher beschrieben. Er übt keine Kritik an irgendeinem politischen System oder Personen, sondern beschränkt sich auf reine Deskription, gerade diese Sachlichkeit macht das Buch umso eindrucksvoller.
Die gesamte Geschichte liest sich wie ein Roman, zeitweise musste ich mich wirklich daran erinnern, dass ich nichts Fiktives, sondern einen Erfahrungsbericht lese.
Ich habe ein paar neue Dinge über andere Kulturen gelernt und ich habe verstanden, warum es manchmal zu Missverständnissen kommt, die sich jedoch ganz einfach aus der Welt räumen lassen, wenn man offen aufeinander zugeht. Ich habe vor allem aber auch bestätigt gesehen, was ich vorher wusste: Jeder Mensch, egal woher er kommt, hat das Recht auf ein würdevolles und erfülltes Leben, wir haben nämlich nur eins davon.


Kategorie: Erfahrungen, Erinnerungen
Verlag: Herder Verlag Freiburg

Ich kann auch schlank: Mein Dukan-Diät-Tagebuch

51gjNYoK-XL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_

51gjNYoK-XL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Dieses Buch einen Ratgeber zu nennen, würde es nicht richtig beschreiben. Kirsten Wendt, übergewichtig, trotzdem gut aussehend, fühlt sich schon lange nicht mehr wohl in ihrer Haut. Sie hat, wie so viele in ihrer Situation, fast alle Diäten ausprobiert, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Über eine Bekannte erhält sie Informationen über die „Dukan-Diät“. Sie beschließt, dass dies ihre letzte Diät sein soll, egal wie sie endet. Um nicht den Überblick zu verlieren und ihre Ernährungsumstellung zu dokumentieren, verfasst sie ein Tagebuch, das sich verselbständigt und zu einem „Ratgeber“ mutiert.

Offen und kein bisschen selbstherrlich schildert Kirsten Wendt ihren schweren Weg vom Übergewicht zur Normalfigur. Und genau das macht dieses Buch so besonders. Es ist kein Bericht, wie sie zu Hunderten geschrieben werden, getreu dem Motto: alles war ganz einfach und ich habe nicht gehungert, es hat Spaß gemacht, ich war die ganze Zeit glücklich. Und jetzt habe ich endlich Untergewicht. Juhu.


Mitnichten. Die Autorin schildert einen steinigen, mit Entbehrungen, psychischen und physischen Belastungen einhergehenden und manchmal fast nicht aushaltbaren Weg. Wenn sie anklagt, jammert, euphorisch jubelt, strahlt und wieder am Boden zerstört ist, fühlt man jede Minute mit ihr. Die zum Kaffee bereitgestellten und zum gemütlichen Verzehr bei der Lektüre dieses Buches gedachten Kekse bleiben wortwörtlich im Halse stecken. Danke dafür, Kirsten Wendt.  😉 Trotz Leid, Qual und Hungerperioden behält die Autorin ihren Humor. Immer wieder blitzen witzige Einlagen auf, die den Leser daran erinnern, dass eine gewaltige Herausforderung nicht die lustige Seite in einem Menschen vergraben muss. Ganz nebenbei entdeckt Kirsten Wendt einen weiteren Vorzug dieser Ernährungsweise: Ihre Migräne, unter der sie seit Jahren leidet, verflüchtigt sich Stück für Stück und wird so deutlich erträglicher.


Dieses Diät-Tagebuch ist uneingeschränkt lesenswert, auch für die Menschen, die glauben, dass eine so gewaltige Abnahme ein Kinderspiel sei.

Phänomenal.

 


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Kindle Edition

Buddhas Kinder

Olvedi eröffnet mit diesem Buch interessante Einblicke ins monastische Leben exiltibetischer Klöster. Speziell der Alltag der Novizen wird beleuchtet, dabei stets auch kritisch hinterfragt.

Ungemein spannend ist des Weiteren Olvedis Charakteristik der tibetischen Medizin. Und gänzlich unglaublich liest sich die Begegnung mit einem Schamanen, den sie bei einer Heilungszeremonie beobachtet, wobei das Ergebnis der gelungenen Behandlung medizinisch überprüft wurde. Selbst Einblicke ins tibetische Totenbuch (und in eine berührende, auf die Wiedergeburt hingewendete Begräbniszeremonie) werden uns gewährt.

Erfreut erkennt der Leser Begebenheiten wieder, die Olvedi in ihren Büchern einarbeitete. Klar und schön spiegeln sich in „Buddhas Kinder“ die Quellen, aus denen die Romane der Meister-Autorin fließen. Auch die Herkunft des fundierten spirituellen Wissens wird fassbar, wenn sie von den großen buddhistischen Lamas unserer Zeit erzählt, bei denen sie studierte. Reich und prächtig bebildert ist dieses Buch ein Muss für jeden, den die mystischen Welten aus Olvedis belletristischem Werk faszinieren.

Naturgemäß nicht unproblematisch stellt sich die Schilderung des Klosterlebens der Kinder dar. Viele werden aus purer Armut von den Eltern „abgegeben“, anderen soll die umfassende Ausbildung im Kloster eine bessere Zukunft sichern. Nun scheint das Leben im exiltibetischen Kloster nicht vergleichbar mit den oft bösen Erfahrungen in katholischen Internaten. Disziplinär nötige Strenge wird durch die Weisheit der buddhistischen Lehrer abgemildert. Und Selbst-Disziplin stellt eine Tugend auf dem buddhistischen Pfad zur Erleuchtung dar. Klosterkinder spielen gern Fußball – vieles ist nicht ausdrücklich erlaubt, aber genauso wenig speziell verboten. Musik und Tanz zählen zu den Lehrinhalten der umfassenden spirituellen Tradition. Es scheint, als verstünden die erziehenden Mönche stets aufs Neue, die Balance zwischen nötiger Anleitung und dem Zulassen kindlicher Lebensenergie zu finden.

Ein Novize – Patenkind Olvedis – wendet sich an westliche Jugendliche. Er wirbt fürs Klosterleben, das ihm Halt, Sicherheit, Ausbildung und eine würdige Zukunft schenkt. Mönchen wird in buddhistischen Ländern hoher Respekt gezollt, und sie sind bei allerhand Zeremonien unerlässlich. Doch keines der Kinder ist gezwungen, nach seiner Zeit im Kloster, lebenslang Mönch zu bleiben.

Olvedi stellt den Buddhismus als philosophisch-psychologisches System dar, an das man nicht glauben muss bzw. soll, sondern das man nur mittels (Meditations-)Praxis sich erschließen kann. Den Unterschied zwischen Wiedergeburts-Überzeugung und Auferstehungsreligion erläutert sie präzise. Karma hat nichts mit Strafe zu tun, sondern mit den Chancen, aus den Fehlern voriger Leben zu lernen.

Dem Leben der Nonnen wird Olvedis besondere Aufmerksamkeit zuteil, (wie auch in ihren Romanen). Im Exil in Nepal und Indien zeigt der tibetische Buddhismus (der Vajrayana), weniger patriarchale Züge. Olvedi unterstützt die Entwicklung der Nonnen, wo sie nur kann, gerade natürlich im eigenen Verein, der sich zur Aufgabe machte, Klöster im Exil zu fördern.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Nymphenburger

Die Reise nach Jerusalem und 21 Siegerist-Kurzgeschichten

Jerusalem ist als Stadt Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen wichtig. Bedingt durch die biblischen Geschehnisse nennen Juden wie Christen gleichermaßen Israel das Heilige Land. Und auch wenn Jerusalem nicht im Koran vorkommt, ist Jerusalem auch für die Muselmanen eine heilige Stadt.

Jeder Fünfte der rund 8 Millionen EInwohner Israels ist Araber. Demgegenüber ist die jüdische Bevölkerung ihrer feindlich gesinnten umwelt technisch, militärisch und finanziell überlegen.

Das Buch ist nur schwer einzuordnen. Ein Reisebericht ist es nicht. Genausowenig wie ein politikwissenschaftliches oder religiöses Fachbuch. Es bietet Lebenserinnerungen von Siegerist – in Kürzestform.

Im ersten Teil des Buch bietet Pietrek ebenfalls Kürzestgeschichten, fast schon Episoden. Nach eigenen Angaben ist er mit Gruppen der Deutschen Konservativen im Gelobten Land gewesen. Sind die Geschichten real? Oder fiktiv-bellestristisch? Für den unbedarften Leser ist nur schwer erkennbar, ob hier jemand aus eigener Anschauung berichtet oder Texte zu Unterhaltungszwecken dargeboten werden.

Pietrek ist nicht nur katholischer Priester und Pfarrer, sondern auch in der christlich-fundamentalistischen Splitterpartei „Christliche Mitte“ aktiv. Da fällt es schon angenehm auf, daß er mal nicht gegen Moslems, Homosexuelle und sonstwen quertreibt.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Selbstverlag

Sinnliche Magie

Sadomasochismus, Fesselung und Disziplin, Rollenspiele, Dominanz und Unterwerfung sind die Themen dieses Buches. Es taucht damit in eine Welt der Sexualität ein, die vielen von uns unbekannt ist; der Leser lernt Sexualpraktiken wie Fesselspiele, Rollenspiele, Handsex und den Einsatz von Peitschen kennen. Im Bereich der Dominanz und Unterwerfung wird der zwischenmenschliche Rahmen aufgezeigt.

Califa führt aus ganz persönlicher Sicht in den S/M-Bereich ein. Dem Buch ist leider keine Biographie der US-Amerikanerin beigefügt. Es ist also schwierig, einzuschätzen, ob sie selbst aktive Anhängerin dieser Sexualpraktik ist und damit aus eigener Anschauung berichtet.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: ikoo Buchverlag Pullenreuth

Von der Kunst, Frauen zu lieben

In diesem Ratgeber erläutert die Autorin, wie und wo eine lesbische Frau ihre Wunschpartnerin findet, mit ihr flirtet, sie verführt und sie für sich gewinnt bzw. mit einer Abfuhr zurechtkommt.

Wie verhält sie sich in der erste Nach und am Morgen danach? Wie steht`s mit der Lust in der Liebe, Sex, Sinnlichkeit und Spiritualität? Wie arrangiert sie sich mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Charaktereigenschaften? Welche lesbischen Beziehungen sind zwischen Monogamie und Polyfidelie denkbar? Wie trennt man sich als Frau stilvoll? Und was kommt danach?

Celeste West (24. November 1942 – 3. Januar 2008) wurde in Pocatello, Idaho geboren. Sie machte ihren Bachelor in Journalismus an der Portland State University und ihren Master in Büchereiwissenschaften an der Rutgers Universität im Jahre 1968. Nach ihrem Umzug nach San Francisco arbeitet sie an der San Francisco Public Library. 1972 gründete sie zusammen mit ihrer damaligen Partnerinnen Sue Critchfied und Valerie Wheat den Booklegger Press Verlag. Zwischen 1989 und 2006 war West auch die Büchereileiterin am San Francisco Zen Center.

West schwadroniert in diesem Buch locker und flockig und damit gut lesbar über lesbische Lebenswelten. Für den unbefangenen Leser ist aber nicht ersichtlich, ob und inwieweit das Buch biographische Elemente enthält, West hier also auf eigene Erfahrungen zurückgreift.
Ein Sachbuch liegt hier nicht vor. Es gibt also keine sexual- oder sozialwissenschaftliche Ausführungen. Das Buch bietet bestenfalls amüsante Unterhaltung.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg Berlin

Warum fragt uns denn keiner

Melda Akbas, Warum fragt uns denn keinerIn fast allen Bundesländern sind die Sommerferien zu Ende und das neue Schuljahr hat begonnen. Neues Spiel – neues Glück? Manchmal scheint es so, als wäre Bildung Glückssache und als würde viel zu oft mit den Bildungswegen unserer Kinder gespielt. Deshalb gibt es passend zum Thema Schule eine der in diesem Blog seltenen Sachbuchvorstellungen: Warum fragt uns denn keiner? – Ein Buch von Melda Akbas, Untertitel: Was in der Schule falsch läuft.

Die Autorin ist von Haus aus Berlinerin, dort als Tochter türkischer Eltern geboren und zur Schule gegangen. Mit ihrem noch als Schülerin veröffentlichten Erstling So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock war sie 2010 eine der jüngsten Bestseller-Autorinnen überhaupt. In ihrem neuen Buch nun also die umfassende Thematik Bildung. Eine Thematik, die zwar viele in dieser Republik bewegt, die aber allzu oft zum Gegenstand diverser Sonntagsreden verkümmert.

Die heutige Jurastudentin Melda Akbas weiß, wovon sie redet. Bis zum Abitur erlebte sie Unterricht bei insgesamt 51 Lehrern in 15.522 Unterrichtsstunden. Sie war stellvertetende Schulsprecherin und engagierte sich im Landesschülerausschuss. Es sind ihre Erfahrungen und die von vielen anderen Schülern, die sie in ihrem Buch zusammengetragen hat und die sie immer wieder auf eine Kernfrage zurückkommen lassen: Warum fragt denn keiner mal die Schüler? Schließlich sind sie es, für deren Zukunft in der Schule die Weichen gestellt werden. Die Schülersicht auf Unterrichtsgestaltung, Zensuren, Unterrichtsausfälle und den Umgang der Pädagogen mit ihren Schutzbefohlenen ist schon eine ganz andere als die in Sonntagsreden der Politik verkündete, als die Sicht der Schulbehörden und auch der Lehrer. Aber es fragt sie keiner, die Meinung derer, die betroffen sind, wird zu selten noch wahrgenommen, ernst genommen oft erst recht nicht.

Schulpolitik wird in Deutschland traditionell von Behörden, sogenannten Experten und Politikern gemacht. Selbst wenn man ihnen nicht unterstellt, die Interessen der Schüler und der Lehrer zu ignorieren, sie haben auch andere Dinge im Auge zu behalten, die mit Bildung an sich nichts zu tun haben. Entsprechend weit sind die Vorschläge, Maßnahmen und die immer wieder mit heißer Nadel gestrickte Reformen vom Alltagsleben der Schüler entfernt. So nimmt es nicht wunder, dass viele Schüler und Lehrer demotiviert und frustriert sind. Melda Akbas betreibt mit den in ihrem Buch dokumentierten Gesprächen und Berichten Ursachenforschung, die sie in ihrem Hauptkritikpunkt, der mangelnden Schüler-Mitbestimmung bestärkt.

Bei ihren Befragungen kommen Schüler/innen, Lehrer und Bildungsbeauftragte aus verschiedenen Bundesländern und Schulformen zu Wort. Dabei kommt auch dem Thema Integration immer wieder eine große Bedeutung zu. Es ist in Deutschland leider immer noch zu oft ein Tabu, dieses Thema im Klartext anzugehen. Melda Akbas scheut sich da weniger. Sicher gut, dass da mal von einer Autorin klare Worte kommen, die sich auch in der türkischen Gemeinde engagiert. Generell malen die im Buch dokumentierten „Zeugnisse“ ein sehr viel klareres Bild vom Zustand der schulischen Bildung in unserem Land, als es sämtliche trockenen und rein theoretischen Berichte je könnten.

Melda Akbas ist dabei sehr bemüht, keine Einseitigkeit aufkommen zu lassen und den verschiedensten Blickwinkeln gerecht zu werden. Diese Vorgehensweise birgt naturgemäß die Gefahr der Schwammigkeit und dieser Gefahr erliegt die Autorin durchaus an manchen Stellen. Vor allem, wenn klar wird, dass es den alleinig selig machenden goldenen Weg wohl nie geben wird und dass einfach nicht alle Vorstellungen unter einen Hut zu bringen sind. Darüberhinaus ist ihre Herangehensweise sehr speziell, sie springt gerne zwischen Thesen und Erlebten hin und her, was dem Buch eine gewisse Unruhe und Unübersichtlichkeit gibt. So manche Lösungsansätze gehen schier unter in der Masse der Informationen. Da ist es gut, dass die Autorin zum Abschluß des Buches noch eine Sammlung ihrer Änderungsvorschläge dem Buch hintenanstellt.

Natürlich muss man auch sagen: Vieles von dem, was Melda Akbas fordert, gibt es schon. Viele Schulen bemühen sich sehr, Schüler mit einzubeziehen und die Schülervertretungen in ihrer Arbeit zu unterstützen, zu bilden und zu stärken. Doch bei allen Bemühungen bleibt dafür einfach nicht genug Zeit, da immer neue unausgegorene Reformen den Schulalltag erheblich erschweren. Man hat in der Tat den Eindruck, dass Schülerbeteiligung von „oben“ zu oft belächelt und als unwichtig abgetan wird. Unterstützung erfahren die in dieser Sache Engagierten definitiv nicht.

Warum fragt uns denn keiner ist mit viel Herzblut, viel Engagement und persönlicher Betroffenheit geschrieben, das macht es glaubwürdig. Es bleibt das ungute Gefühl, welches beim Thema Bildung immer mitschwingt. Denjenigen, die dazu wirklich etwas zu sagen haben, wird nicht zugehört. Könnte ja ein Ende der ach so bequemen Flickschustereien bedeuten. Das Buch bietet gute Einblicke, die viele Beteiligte sicher bestätigen können. Es wäre wünschenswert, dass diesem Buch Aufmerksamkeit von richtiger Stelle geschenkt wird. Auch wenn man sich manche Lösungsvorschläge konkreter erhofft hätte: Warum fragt uns denn keiner ist eine wirklich gute Diskussionsgrundlage

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Bertelsmann München

Der alte König in seinem Exil

51rWF+gDfLLDie ersten Alzheimer-Symptome können durchaus noch alltäglich sein, vorübergehender Verlust von Gedächtnis und Orientierung, aufkeimende Schrulligkeiten. Es dauert seine Zeit, bis die sichere Diagnose vorliegt und man endlich aufhört, mit der Person zu schimpfen und eigentlich die Krankheit zu meinen. Über das was dann kommt hat der österreichische Schriftsteller Arno Geiger ein sehr persönliches Buch geschrieben. Es erzählt über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters, darüber, wie einem geliebten Menschen, für den er immer noch viel an kindlichem Aufblick übrig hat, das geistige Navigationssystem abhanden kommt. Das Buch beginnt mit Szenen aus dem ganz alltäglichen und doch nie wieder alltäglich werdenden Umgang der beiden miteinander. Es sind Momentaufnahmen einer wegziehenden Vernunft. „Früher hatte ich auch Katzen“ entfährt es dem Vater beim Anblick einer Katze „nicht gerade für mich alleine, aber als Teilhaber“. „ Es geschehen keine Wunder aber Zeichen. Ohne Probleme ist das Leben auch nicht leichter“, lautet die Antwort auf die Frage seines Sohnes, wie es ihm geht. Solche und andere, immerhin im mittleren Stadium getane Äußerungen geraten zu Kartengrüßen aus einer ganz neuen Welt. Es ist eine Welt in der die Grundgesetze der Sachlichkeit und Zielstrebigkeit nicht mehr gelten, in der es dem Vater aber dennoch gelingt, sich über längere Zeit mit bewundernswerter Leichtigkeit zu behaupten.
Den Momentaufnahmen folgt die Chronologie. Es ist eine Abfolge von ersten, frühen Irritationen und Verstörtheiten, des Diagnoseschocks, des sich Arrangierens und schließlich des Annehmens einer Krankheit samt eines neuen Menschen. Man erfährt viel über den Vater, über das Trauma der Kriegsgefangenschaft. Er beschließt, sein ganzes restliches Leben in seinem Heimatort zu bleiben, nicht einmal Urlaubsreisen unternimmt er, um solch ein Heimweh nicht noch einmal erleben zu müssen. Tragikomischerweise kann ihn das nicht vor dem Heimweh bewahren, das ihn heimsucht, als er im fortgeschrittenen Stadium seiner Krankheit schlicht und einfach nicht mehr versteht, dass er doch im von ihm selbst erbauten Haus zu Hause ist. Man erfährt viel über die Lust seines Sohnes auf Wiederannäherung. Dazu
trägt mitunter eben auch jener skurrile Charme einer ganz eigenen Privatlogik des Vaters bei, auf die sich der Autor mit einer gewissen Neugier auch einlässt. Es ist überhaupt das Verdienst Geigers, den Krankheitsverlauf nicht als ein stetig voranschreitendes geistiges Ausbluten, sondern als ein Wechsel von lichten und dunklen, von tragikomischen und tragischen Momenten darzustellen. So mutet der Vater nicht selten wie ein leckgeschlagenes U-Boot an, dem vor dem endgültigen Absacken immer wieder unerwartete Auftauchmanöver gelingen. „Was soll ich mit dem Brot auf dem Teller?“ „Das musst du nur abbeißen“. „Wenn ich nur wüsste, wie das geht. Ich bin doch ein armer Schlucker. Es ist bei mir nichts wichtiges mehr vorhanden. Ich kann es nicht beweisen, aber das Gefühl habe ich.“ Solche und viele andere Passagen schärfen den Blick dafür, dass die Würde eines Menschen auch aus scheinbar noch so vernunftsgetrübter Ferne immer noch ergreifend herüberwinken kann.
Man merkt dem Autor den Romancier an, das Buch ist sprachlich geformt. Es ist eine intime Gefühlswelt, voller Eigendramatik, sensibler Dialoge und anreichernder Bilder. Die Melancholie wird zunehmend persönlicher, rührt sie doch von der schmerzhaften Erkenntnis der Unumkehrbarkeit her. Man mag dem Buch vorwerfen, kein Ratgeber zu sein. Dennoch, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann Wahrheit und Korrektheit aufgegeben werden müssen, weil sie keine argumentative Schwerkraft mehr haben, wann man mit unklaren Fragen weiter als mit klaren Antworten kommt, hat durchaus was Alltagstaugliches. Zum Schluss erweist sich die Heftigkeit der Umnachtungen doch als stärker als die Kräfte der Angehörigen und der Betreuer. Der Vater kommt ins Heim.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Hanser

In darkest Leipzig

Als der Autor anno 2004 für ein studienbegleitendes Praktikum nach Tansania aufbrach, vermutete der angehende Ethnologe noch, dass Fremdartigkeit und Exotik in anderen Kulturen beheimatet wären, und er mit jedem Flugkilometer diesem Phänomen näher kommen könnte. Doch nicht in der Weite des schwarzen Kontinents stieß er auf das Gesuchte. Die Fremde wartete vielmehr nach seiner Rückkehr direkt vor seiner Wohnungstür in Leipzig-Lindenau.

Lindenau ist ein Stadtteil im Westen der sächsischen Stadt Leipzig. Hervorgegangen aus einem vor rund 1000 Jahren von deutschen Bauern gegründeten Dorf entwickelte sich der Ort zu einer prosperierenden Industriegemeinde. Mit der Wende brach die Industrieproduktion zusammen, der Stadtteil zerfiel. Heute ist er von Industriebrachen und hoher Arbeitslosigkeit geprägt. In diesen Teil Leipzig verschlug es den jungen Ethnologen.

Während der Autor die Nächte dafür verwendete, die dunkle Romantik in den Ruinen von Lindenau aufzusuchen, war er tagsüber damit beschäftigt, die seltsamen Menschen zu beobachten, die den Gestalten mancher Albträume nicht unähnlich sahen. Es schien ihm, als trügen viele Bewohner eine dämonische Kraft in ihrem Innersten, etwas Böswilliges, Verbittertes. Etwas, das versuchte, die Träume derer, die noch an den Zauber der Welt glaubten, in der Bitternis der eigenen Unzufriedenheit zu ertränken. Horden von Säufern mit üblen Knasttattoos und fettigen Haaren lungerten auf den Straßen. Ihre aschbleichen Gesichtszüge mit den blutunterlaufenen Augen erschienen wie die Überreste einer fremdartigen Kriegbemalung für einen Feldzug, der schon lange verloren war.

Als Ergebnis seiner zwölfmonatigen Feldforschung liefert Schweßinger einen ethnografischen Bericht, der den Leser staunen macht. Denn die Lindenauer scheinen um ein Vielfaches exotischer als die Menschen im tiefsten Afrika. Er meint sogar, die Wilden, für die manche Afrikaner gern gehalten werden, seien eher in den Straßen Lindaus anzutreffen als in den Weiten des schwarzen Kontinents und schildert zum Beweis die Bewohner mit ihren bizarren Gesichtern und unbekannten Sitten.

Es sind Expeditionen in die Leipziger Finsternis, die den Leser des Buches erwarten. Nach der Lektüre der Schilderungen des begeisterten Ethnologen ist eines klar: Wanderer, kommst du nach Leipzig, meide Lindenau! Denn dieser Stadtteil ist keine Reise wert.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Edition PaperONE Leipzig