1766-2016: 250 Jahre Prater Kino Welt

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prater2016 feierte der Wiener Prater sein 250-jähriges Jubiläum, nachdem Kaiser Joseph II. die ehemals kaiserlichen Jagdgründe öffentlich zugänglich gemacht hatte. 2005 – zum fünfzigjährigen Bestehen des Filmarchivs Austria – erschien die vorliegende Publikation mit dem Titel „Prater Kino Welt“, die sich mit dem Prater als Mythos und Heimat von Illusionen beschäftigt. Eine DVD, die auch heute noch erhältlich ist, sowie eine Ausstellung und ein Festival beim Riesenrad begleiteten das Jubiläum und feierten u.a. auch die ersten Filmvorführungen überhaupt die in eben diesem Prater erstmals Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden. Der Prater ist seit damals ein Raum zur Assimilierung der Moderne in dem Hochschau- oder Achterbahnen, Schiffs- und Aeroplankarusselle oder das Prater Hochhaus Hotel Mysteriös und Kaiserpanoramen ausgestellt wurden. Auch Reisen in fremde Welten wurden dort angeboten, etwa nach Venedig, Japan oder Afrika. Aber auch die literarische Repräsentation des Praters von Stifter, Salten und Zweig wird in vorliegender Publikation Rechnung getragen, sowohl in visueller als auch klanglich-auditiver aber sexueller Konnotation und Dimension.

Krystall-Kino und Milieu im Prater

Attraktionen wie Panoramen, Dioramen, Laterna-Magica-Vorführungen, Schnellfotografen oder Panoptiken und „Kunstkabinette“ und schließlich auch die Cinematagraphie hielten in dem Vergnügungsviertel am Wiener Stadtrand Einzug und begeisterten einerseits ein aristokratisches andererseits auch proletarisches Publikum. Der Prater wurde so schon sehr früh zu einer Begegnungsstätte unterschiedlichster Schichten und Klassen und das noch bevor es überhaupt so etwas wie eine bürgerliche Gesellschaft gab. 1904/05 gab es eine Art Gründerzeitstimmung im Prater, schreiben die beiden Herausgeber in ihrem Einleitungsessay zu vorliegendem Bilderbuch, das mit interessanten wissenschaftlichen Texten versehen auch zu einer Art intellektueller Lektüre der Vergangenheit wird. 1904 bis 1914 sei der Prater ein zentraler Ort des Kinos gewesen, in dem das „Krystall-Kino“ oder „Stiller“-Kino, das „Schaaf-Kino“ und andere Filmpaläste mit bis zu 700 Sitzplätzen ihre Heimat fanden. Einen Vergleich mit dem Lunapark Coney Island/New York unternehmen Siegfried Mattl und Schwarz, wenn sie die „verdrängte Natur wird durch groteske Mimesis zum Spektakel“ die beiden Vergnügungsparks beschreiben: „Die Nacht wird zum effektreich übersteigerten Tag“. Möglich machte dies allein die gerade erfundene Elektrizität. Dem Kaiser gefiel’s, denn ihm gehörte bis 1918 das ganze Gelände, das bei Kriegsende an die Stadt überschrieben wurde.

„Organlust“ mit Buffalo Bill im Prater

Die „Organlust“ bestand im Prater im Wandel der körperlichen Bewegung hin zum Auge und den Sinnen, denn die „kinästhetische Wende“ presste die Schaulustigen in ihre Sitze und machte aus dem „roller coaster“ des Körpers jenen des Gemüts. „Die Zuschauer wurden – im Kino – zwar physisch ruhig gestellt, ihre Sinne aber zugleich rasant mobilisiert“, wie die beiden sinngemäß schreiben. „Der Prater ist nicht das Delirium einer Welt der Simulcren, die konsumiert werden kann, sondern exaltiertes Schauspiel der Massen, die sich vor allem an der eigenen Fertigkeit zur Travestie erfreuen“, schließen Mattl/Schwarz ihren Beitrag ab. Ein anderes interessantes Phänomen wird von Ursula Storch angesprochen, die die Geburtsstunde des Wien Tourismus in einer Reise in den Prater versetzt. Anders als heute reisten aber die Wiener selbst in die nahegelegene Welt in den Praterauen, in der minutiös eben diese Welt repliziert wurde, deren Besuch sich damals nur Aristokraten leisten konnten. Reiseersatz und Reiseillusion sei der Prater damals gewesen und die erste elektrische Grottenbahn Europas zeigte die Wüste, den Nordpol, die Niagara-Falls und den Dogenpalast in Venedig. Buffalo Bill war 1906 mit 300 Reitern zu Gast und zeigte den Wilden Westen „wie er wirklich war“, obwohl es ihn so nie gegeben hatte. „Da man die ganze Welt an einem Punkt zusammenführt, erspart der Besuch der Weltausstellung die Weltreise“, sprach’s Werner Hofmann rund hundert Jahre später aus. Eindrucksvolle Fotografien zeigen etwa die Adria-Ausstellung und die Jagd-Ausstellung auf dem Gelände des Praters in den Zehner-Jahren des vorigen Jahrhunderts und beweisen, welch gigantischer Aufwand hier betrieben wurde.

Prater: „Venedig in Wien“ oder „Merry-Go-Round“

Die Sonderausstellung „Venedig in Wien“ hatte Repliken der Cá d’Oro, des Palazzo Dario, der Porta del Arsenale des Palazzo Priuli und Desdemona lebensgroß nachgebaut und einen ein Kilometer langen Gondelkanal mit 40 Gondolieri und 25 Gondeln. Oskar Marmore hatte es 1895 erbauen lassen, aber schon 1901 war es wieder verschwunden. Der Prater war damals das Las Vegas von Wien. Auch dort begegnen sich unterschiedliche Klassen und überwinden den Klassengegensatz wie etwa in dem aus dem Jahre 1923 stammenden Film „Merry-Go-Round“. Alexandra Seibel schreibt in ihrem Essay, wie „die rückwärtsgewandte Utopie“ Alt Wiens in Los Angeles für den Film eigens aufgebaut wurde und Wien als „Exportplatz für Sentimentalität“ diente. Der „wohltemperierte Genuss von Sex and Romance“ sollte klassenüberwindend und versöhnlich wirken, nachdem der Weltkrieg als melancholische Anekdote die beiden unterschiedlichen Liebenden wieder zusammenführt. Das Karussell des Praters wird in der amerikanischen Produktion zur Propaganda für die American Middle Class und eine Gesellschaftsform, die sich als sehr viel prosperierender und vielversprechender erweisen sollte als die des alten Kontinents Europa.

Christian Dewald/Werner Michael Schwarz (Hg.)
Prater Kino Welt. Der Wiener Prater und die Geschichte des Kinos
Filmarchiv Austria


Kategorie: Biografie, Dokumentation, Erinnerungen, Kino, Kinogeschichte, Kurzgeschichten und Erzählungen, Memoiren, Sachbuch, Wien

Victrix fortunae sapientia

Leben und Lieben in Zeiten des Krieges

Josef Formáneks zweiter Roman. In einer Straßenbahn auf die Welt gerutscht wurde der kleine Bernhard Mares von seiner Mutter bald weggegeben und seinem Schicksal überlassen. Mehr aus Zufall denn Überzeugung landet der „Sudetendeutsche“ bei der Waffen-SS und ist dort zwar nur der Fahrer, aber dennoch auf der Seite der Gewinner. Vorläufig. Als Kind hatten ihn seine tschechischen Klassenkameraden immer gehänselt, weil er der Deutsche war, als Erwachsener merkt er, dass er vielmehr Österreicher ist oder eigentlich sogar Tscheche. Und beinahe am Ende seines Lebens, auf der Suche nach seiner verschollenen Mutter in Caracas, findet er heraus, dass er eigentlich Jude ist. Sein ganzes Leben erzählt Mares – in einer Art Lebensbeichte – dem Schriftsteller Josef Formánek, der sich mit diesem auch im Buch im Dialog befindet. Selbst gezeichnet von seiner Alkoholsucht und dem gleichzeitigen Ekel und der Faszination an seiner Figur gelingt es Formánek ein wahrhaftiges Porträt eines Menschen zu zeichnen, das ehrlicher nicht sein könnte. Nicht umsonst lautet der Titel ja: „Die Wahrheit sagen“. formánek_mluviti-pravdu_cover

Wahre Liebe wartet

Der vielschichtige zweite Roman des tschechischen Schriftstellers, der gleichzeitig auch einen Verlag gegründet hat, um die Literatur seines Landes in der Welt besser bekannt zu machen, beginnt auf einer Müllhalde wo der Journalist dem Protagonisten begegnet. Der eine will eine Geschichte, der andere seine Sophie zurück. Die Liebschaft aus den Tagen bei der SS ist eigentlich auch der rote Faden dieses Lebens, denn eine wirkliche wahrhaft große Liebe kann einem tatsächlich das Leben retten. So geschehen im Falle Bernhard Mares, der zwanzig Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte um dann als „letzter deutscher Soldat des Zweiten Weltkriegs aus der Gefangenschaft entlassen zu werden“. Das war erst 1969, das Jahr in dem Josef Formánek gerade seinen ersten Schrei in die Welt abgab. Denn obwohl es Mares nach dem Krieg bis zum kommunistischen Kreissekretär gebracht hatte, holte ihn doch die Vergangenheit ein. Eine seiner Liebschaften hatte ausgeplaudert, dass er früher einmal bei der SS war. Aber die große Liebe, Sophie, die trifft er immer wieder, wegen ihr bricht er sogar dreimal aus dem Gefängnis aus, nur um sie wieder zu „im Heustadel zu lieben“ wie einst. Die Liebe ist aber genauso unmöglich wie sein Leben und am Ende, bei der letzten Begegnung in einem Prager Café muss wohl auch er einsehen, dass er sich getäuscht hat. Oder doch nicht? „Warum?“ frägt er sie zuletzt noch, ihre Antwort: „weil es sonst ewig so weitergegangen wäre“. Lesen Sie es selbst wie Mares rückwärts: „remmi rüf“.

Einsiedlerkrebs auf Quartiersuche

Die Sprache des Romans erinnert an Bukowski, Céline, Kafka und zuletzt auch Hrabal, denn sie ist geradlinig, ehrlich und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Stilistisch ist es als Dialog konzipiert, der immer wieder von lateinischen Zitaten und Sinnsprüchen unterbrochen wird. Der aufmerksame Leser wird auch bemerken, woher diese Sprüche stammen, wie sie den Krieg überlebten und wo er sie sich hinstecken kann. Die Reflektionen Formáneks, seine Gedanken über den Sinn des Lebens, die Liebe und den Tod, die er Mares in den Mund legt, sind prätentiös und wahrhaftig und reißen einen tatsächlich vom Hocker, etwa wenn er die Geschichte des Einsiedlerkrebses in seinem Kleiderkasten erzählt, der sich immer wieder größere Behausungen sucht, aber letztlich in seinem Schrank vertrocknet, weil er nichts größeres mehr findet. „Zum anderen, weil im Dunkel, in der Einsamkeit hinter dem Schrank, nicht nur Einsiedler sterben“, schreibt Formánek nicht ganz ohne Selbstmitleid. Immer wieder betont er auch, dass wir selbst die Meister unseres Schicksals wären und uns unser Leben ja auch selbst aussuchten, wie es auch in der psychologischen Richtung des Konstruktivismus heißt. „Nur in der Gegenwart, im einzelnen Augenblick kann man die Zukunft finden.“, alle Fragen nach dem Sinn seien aber sinnlos. Am Ende vergisst Josef Formánek auch nicht darauf eine von vielen Pointen einzubauen, denn als Mares von dem Buch erzählt in dem ein Computer die Wahrheit über den Sinn des Lebens errechnet und ihn dann ausspuckt lautet die Antwort im Gegensatz zum Original nicht „42“, sondern „48“, das Jahr in dem die Kommunisten die Tschechoslowakei für sich reklamierten.

Ein tiefsinniger Roman, den man gelesen haben muss, da er in seiner Vielschichtigkeit und Ehrlichkeit mindestens so viel über den Sinn des Lebens vermittelt, wie die lateinischen Zitate, die der Autor so gerne verwendet: Victrix fortunae sapientia (Siegerin über das Schicksal ist die Weisheit).

Josef Formánek
Die Wahrheit sagen. Brutaler Roman über die Liebe zum Leben.
Gekko Verlag
480 Seiten
ISBN-13: 978-8090635401
23 Euro


Kategorie: Biographien, Briefe, Dokumentation, Dystopie, Erinnerungen, Liebesroman, Memoiren, Politische Romane
Verlag: Gekko

Grosse Liebe

Kermani grosse Liebe Was löst Liebe aus bei einem Menschen und wie verändert er sich dadurch? Dieser Frage geht Navid Kermani in seinem Roman „Grosse Liebe“ in Gedanken nach. Die Liebe – so das Fazit des Romans – ist, muss es sein, was Menschen über alle Kulturen, Religionen und Jahrhunderte hinweg verbindet.

Navid Kermani erinnert sich an seine Schulhofliebe in den 80er Jahren. Fünfzehn Jahre war er alt und es waren nur wenige Tage, in denen er alle Phasen der Liebe durchlebte. Von der alle Sinne verwirrenden Schwärmerei für die Allerschönste aus der Raucherecke im gymnasialen Pausenhof über den ersten Kuss, die erste Aufopferungsbereitschaft bis schließlich hin zum radikalen Bruch, der schroffen Zurückweisung durch die Geliebte. Kermani erzählt von dieser Liebe vor dem Hintergrund der friedensbewegten 80er Jahre und verknüpft seine Erinnerungen mit Erzählungen islamischer Liebesmystiker aus dem 12. und 13. Jahrhundert.

Der zwischen Unschuld und Verzweiflung schwankenden Liebe des 15jährigen stellt er die Erzählung Ibn Arabis über die sagenhaft schöne Leila und den ihr verfallenen Madschnun gegenüber. Die Erkenntnis hier wie dort: Würdevoll und töricht zugleich ist die Liebe, sie adelt den Menschen und gibt ihn gleichzeitig der Lächerlichkeit preis. Nicht ohne Erleichterung kommt der erwachsene Erzähler dennoch zu der Erkenntnis, dass bei aller Narrheit des 15jährigen die hemmungslose Demut des Madschnun seiner Lebenswirklichkeit nicht entspricht und entsprach. „Ich glaube allerdings, der Junge hätte Ibn Arabi den Vogel gezeigt“.

„Grosse Liebe“ ist ein Roman, der von Erinnerungen eines ungestümen Jugendlichen lebt, doch das Buch ist weder als klassischer Liebesroman noch als Coming-of-Age-Geschichte angelegt. Auch die schwärmerische Huldigung an die Schönste ist nur mehr ein Mosaikstein zur Lösung des Rätsels der Liebe. Die Erzählungen der arabisch-persischen Liebesmystik sind das ureigene Metier des habilitierten Orientalisten Kermani. Es sind diese alten, aber zeitlosen Geschichten, mit denen er zeigt, dass sich Liebe nie ändert und mit denen er einen ganz eigenen, sehr behutsamen beschriebenen Beitrag zum Verständnis untereinander über alle Kulturen hinweg leistet.

Doch es ist nicht nur das Wesen der Liebe, das er mit der Erzählung dieser (von ihm als rein und wahrhaftig empfundenen) ersten Liebe erinnern will. Gleichzeitig reflektiert er auch die Angst vor dem Verlust, es ist ein Versuch, diese Angst in ihre Schranken zu verweisen. Er will nicht nur seinem eigenen 15jährigen Ich nachspüren, es ist auch sein Weg, seinen nunmehr 15jährigen Sohn zu verstehen.

Der Sohn entgleitet ihm jäh und unvermutet, er verschmäht den häuslichen Geburtstags-Frühstückstisch mit dem liebevoll gebackenen Schokoladenkuchen zugunsten eines Treffens mit Freunden in einer neumodischen Kaffeehaus-Kette. Kermani erinnert sich an den Kummer, den sein durch die Liebe verursachtes irrationales Handeln seinen Eltern bereitet hat. Nicht nur, dass er ohne Meldung über Nacht wegblieb, einmal musste der Vater ihn sogar aus einer Arrestzelle holen. Da ist die Kaffeehaus-Kette ja noch das kleinere Übel.

Kermani erzählt diese Geschichte auf allen Ebenen in einer sehr melodiösen, wohlgesetzten, gleichwohl leicht zu lesenden Sprache, die den Leser angenehm durch die Geschichte gleiten lässt. Wenn überhaupt etwas den Lesefluss unterbricht, dann seine gelegentlichen, bemüht wirkenden Abstecher in die Meta-Ebene. Einhundert Schreibtage habe er sich gegeben, einhundert kurze Abschnitte sollten es werden und sind es geworden. Doch nicht immer passt es so, wie es der um stete Perfektion bemühte Erzähler wünscht. Da wird der Plan mal nach vorne, mal nach hinten geschoben, solange bis die Schönste aus der Raucherecke auch genau in der Mitte der Erzählung ihre Schenkel öffnet. Die Geschichte wirkt dadurch gewollt harsch unterbrochen, warum der Erzähler das allerdings möchte, bleibt im Verborgenen. Vielleicht will er seine gelegentlich ins Schwärmerische abgleitenden Beschreibungen dadurch relativieren, doch das hätte es nicht gebraucht.

Navid Kermani gilt in der deutschen Kulturszene als bedeutender Intellektueller, nicht zuletzt auch durch die Gründung der Kölner Akademie der Künste der Welt. Er ist vielfach preisgekrönt, nicht immer unumstritten und hat sich sowohl als Wissenschaftler wie auch als Autor einen Namen gemacht. Er selbst sagt, seine Aufgabe als Autor sei die (Selbst-)Kritik und Versöhnung der europäischen und der islamischen Kultur. Im deutschen Bundestag hielt er eine vielbeachtete Laudatio zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Getreu seiner selbstgestellten Aufgabe konfrontierte er die Abgeordneten und mit ihnen das ganze Land mit Lob und Kritik gleichermaßen. Die Wichtigkeit solch besonnener Worte kann jederzeit kaum hoch genug geschätzt werden.

„Grosse Liebe“ ist kein politisch motivierter Roman, aber die Handlung ist eingebettet in die Zeit der Friedensbewegung, der Demos im Bonner Hofgarten, der Hausbesetzerkommunen. Bis ins kleinste Detail, vom Räucherstäbchenduft über selbstgetöpferte Teetassen bis hin zu den unvergessenen Latzhosen jener Tage lässt Kermani die Atmosphäre wieder auferstehen und rahmt seine Erinnerungen darin ein. Es sind Erinnerungen, die ein Teil seiner Generation kennt und die heute phantastisch naiv anmuten. Leider. Wie auch Kermani bedauernd anmerkt. Denn so unpolitisch sein Roman auf den ersten Blick daherkommt, ist er denn doch nicht.

Es ist eine der ganz großen Stärken des Erzählers, dass immer wieder ein Nebensatz, eine beiläufig gezogene Schlußfolgerung kommt, von der man erst Tage später merkt, dass man dauernd darüber nachdenkt. So zum Beispiel, wenn er aufrichtig bedauert, dass von der Zeit der 80er nichts im kollektiven Gedächtnis der heutigen Bundesrepublik blieb, so dramatisch und umstürzlerisch sie den Beteiligten auch damals vorgekommen sein mag. Er schätze diese Zeit, „weil sie eines nicht war, nämlich cool und ironisch„. Es sei „das bisher letzte Mal in der westlichen Welt gewesen, dass das Gutmeinen, Altruismus, Sanftmut als Tugend galt“ – genau wie in den traditionellen arabischen Geschichten.

Diejenigen aus Kermanis Generation, die seine Erinnerungen an etliche im Buch beschriebene Ereignisse teilen, werden – wenn sie ehrlich zu sich selber sind – zu der Schlußfolgerung kommen: Er hat recht. So idealistisch, so begeisterungsfähig, so vom Glauben an den Frieden beseelt war keine Generation mehr danach und auch diese Generation hat sich längst in den Zynismus geflüchtet. Was daraus resultierte und noch resultieren mag – diese Frage sollte man sich in der Tat stellen, diesen Gedanken in der Tat zu Ende denken.

Und so ist dieses Buch über die Liebe vielleicht auch grundsätzlich zu verstehen. Als Buch nicht nur über die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern auch zu den Menschen.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de 2014)


Kategorie: Erinnerungen, Romane
Verlag: Hanser Verlag München

Afghanistan. München. Ich: Meine Flucht in ein besseres Leben

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Ein eindrucksvoller Erlebnisbericht eines Kindes, das viel zu früh erwachsen wurde.Djan1

Hassan Ali Djan wurde 1989 als erstes Kind einer afghanischen Familie in dem kleinen Dorf Almitu geboren. In diesem Buch beschreibt er seine Geschichte, die eindrucksvoller kaum sein könnte.

Als er gerade mal elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater und Hassan wird damit zum Versorger für seine Mutter und die jüngeren Geschwister. Er arbeitet als Hirte und für die ortsansässigen Bauern, trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Deswegen beschließt er mit einigen erwachsenen Männern seines Dorfes in den Iran zu gehen, um dort als Tagelöhner zu arbeiten. Das verdiente Geld will er an seine Familie schicken. Dieses Unterfangen ist nicht nur gefährlich, weil lange nicht alle Iraner den Afghanen wohlgesonnen sind, es ist auch nicht sehr lukrativ. Für einen Jungen, der eigentlich noch ein Kind ist, ist es nicht leicht auf den Baustellen Teherans Arbeit zu finden.
Mit 15 beschließt er, nach Europa zu gehen um sich und seine Familie in Almitu versorgen zu können.
Mit Hilfe von Schleppern gelangt er über die Türkei nach Griechenland, mit dem Schlauchboot über das Meer, um hier festzustellen, dass es hier noch weniger Arbeitsmöglichkeiten gibt als in seinem Heimatort. Wie viele andere Flüchtlinge auch, lebt er am Hafen mehr schlecht als recht und immer in der Hoffnung, einen LKW nach Schweden, England oder sonst wo zu erwischen, als blinder Passagier natürlich. Nur nach Deutschland will er auf keinen Fall, hat er doch oft genug zu hören bekommen, dass die Flüchtlinge dort jahrelang nicht arbeiten dürfen.
Endlich schafft er es, stundenlang eingerollt in einem LKW-Ersatzreifen, weiter zu reisen. Und landet doch in Deutschland, ohne dies allerdings zu wissen.
Er wird in Massenunterkünften untergebracht und muss zwei Jahre lang auf sein Anhörungsergebnis warten, um dann seinen Abschiebebescheid in den Händen zu halten.
Glücklicherweise gibt es in den Heimen wohlwollende und hilfsbereite Sozialarbeiter, die ihm nicht nur schon während der Wartezeit zu einem Deutschkurs verhelfen, sondern ihn auch ermutigen, Widerspruch einzulegen.
Zwischenzeitlich erfährt er, was es mit dem Status der „Duldung“ auf sich hat, viele Bekannte hat dieses Schicksal getroffen. Das bedeutet, sie dürfen in Deutschland bleiben, aber erst mal nicht arbeiten und werden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt, sobald sich die Lage dort beruhigt hat.
Hier zeigt sich auch, wie willkürlich dieses System doch manches Mal ist. Ein Freund Hassans bekommt trotz sehr ähnlichem Schicksal ein ganz anderes Ergebnis seitens der Behörden.
Viel Hilfe erhält Hassan von einer deutschen Patin, die ihm auch die Gepflogenheiten der deutschen Gesellschaft näher bringt und von einer afghanischen Familie.
Nach vielen Jahren des Hin und Hers bekommt Hassan die Chance, eine Ausbildung abzuschließen, er fällt auf durch unbedingten Ehrgeiz und den Willen zu lernen. Zeitweise gerät er dabei sehr an seine Grenzen: Ausbildung, Nebenjob, um seinen Schwestern das Studium zu ermöglichen, Einsatz für andere Flüchtlinge und immer wieder lernen, lernen, lernen.
Trotzdem hat er seinen Weg nicht verlassen, sich vom geflüchteten Analphabeten zu einem vollwertigen, steuerzahlenden Mitglied der Gesellschaft gearbeitet und sich allen Schicksalsschlägen zum Trotz immer wieder aufgerappelt.

Bemerkenswert sind in meinen Augen vor allem zwei Dinge: das Alter des Protagonisten und seine Art, die ganze Geschichte sehr sachlich darzustellen. Kein Gejammer, kein Selbstmitleid und insgesamt keine sehr emotionale Sprache, einfach eine Berichterstattung. Nur die wenigen Momente, in denen er sich wirklich über etwas freuen konnte, sind ein bisschen überschwänglicher beschrieben. Er übt keine Kritik an irgendeinem politischen System oder Personen, sondern beschränkt sich auf reine Deskription, gerade diese Sachlichkeit macht das Buch umso eindrucksvoller.
Die gesamte Geschichte liest sich wie ein Roman, zeitweise musste ich mich wirklich daran erinnern, dass ich nichts Fiktives, sondern einen Erfahrungsbericht lese.
Ich habe ein paar neue Dinge über andere Kulturen gelernt und ich habe verstanden, warum es manchmal zu Missverständnissen kommt, die sich jedoch ganz einfach aus der Welt räumen lassen, wenn man offen aufeinander zugeht. Ich habe vor allem aber auch bestätigt gesehen, was ich vorher wusste: Jeder Mensch, egal woher er kommt, hat das Recht auf ein würdevolles und erfülltes Leben, wir haben nämlich nur eins davon.


Kategorie: Erfahrungen, Erinnerungen
Verlag: Herder Verlag Freiburg

Namen, die keiner mehr kennt

Ostpreußen ist die längst vergangene Heimat vieler Flüchtlinge des 2. Weltkrieges. Gräfin Dönhoff wurde 1909 auf Schloß Friedrichstein geboren. In Frankfurt / Main und Basel (dort promovierte sie auch) studierte sie Ökonomie. Nachdem sie in der NS-Zeit für einige Jahre das Familiengut geleitet hatte, mußte sie 1945 nach Westdeutschland flüchten. 1946 begann sie ihre journalistische Karriere bei der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit und sollte ihr bis zu ihrem Tod 2002 treu geblieben.

Dieses Buch ist eine Neuauflage einer Publikation aus dem Jahre 1961.

Die Adelige liefert damit ein sehr persönliches Buch ab. Darin verarbeitet sie ihre Familiengeschichte und persönlichen Erinnerungen genauso wie deutsche Geschichte.

Das Buch ist gut lesbar geschrieben und gibt ein lebendiges Bild ihrer Zeit. Wer sich für deutsche Geschichte begeistern kann, hält mit diesem Buch auf jeden Fall interessante Lektüre in den Händen.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek bei Hamburg

Positionen 1960-2012

Mit den „Positionen“ legt P.P. Wiplinger ein umfangreiches Werk vor, das sein schriftstellerisches Schaffen auf stimmige Art ergänzt. Er, der immer das Leben vor das Schreiben setzte, bzw. das Engagement vor die pure Kunst, lässt uns darin an seinem Briefverkehr mit zahlreichen Persönlichkeiten aus der österreichisch und internationalen Kulturlandschaft ebenso teilhaben, wie an kritischer und kämpferischer Korrespondenz mit diversen Amtspersonen. Zudem ist das Buch gespickt mit Essay, Referaten und Reden, gehalten zu nachlesenswerten Anlässen, verfasst alskulturpolitische Statements.

Die Briefform liegt Wiplinger literarisch. Seine direkte Art Dinge anzusprechen, dabei lebendig und poetisch bildhaft sein zu können, zählt zu den Qualitäten des Buchs. Schon 196o, also in einem der ersten der Briefe (an Melitta Mühlborn), postuliert er, daß Briefe eine Weise seien, die Persönlichkeit, das Denken mit jemandem zu teilen. „Jeder Brief ist ein Teil, ich möchte sagen: ein Spiegelbild unserer Persönlichkeit“.

Bevor ich auf das Werk näher eingehe, eine grundsätzliche Äußerung: eingedenk der schnellebigen Postmoderne, in der Information zur Ware verflacht wird, da in der rasenden Selbstüberholung der Berichterstattung das Vergessen bereits begründet liegt, fällt„Positionen 196o – 2012“ unter die zeitgeschichtlichen Dokumente. Fragen, die uns heute bewegen sind früh von Wiplinger in die Rinde des Baums der Ereignisse eingeritzt, und wir können anhand des Wachstums knorrige Auswüchse und Verzerrungen deutlich ablesen. Für den an Geschichte, Politik, Literaturgeschichte Interessierten ein wertvolles Nachschlagewerk, das tatsächlich aufgrund des umfangreichen gelungenen Indexes auch dementsprechend zu verwenden ist. Vollständige Themenbereiche freilich erschließen sich aufgrund der gewählten Form eher selten –will man Wiplingers Konflikt mit dem Österreichischen PEN Club verstehen, muss man wohl andere Quellen zurate ziehen. Selbiges gilt für ähnlich komplexe Themen, allerdings mögen die „Positionen“ als Einstiegsdroge gelesen werden, die Sucht auf mehr Wiplinger auslösen kann. Seine „Lebenswege“, dutzende andere Werke liegen ja vor, die quer zu den Briefen gelesen tiefe Einblicke in sein Denken sowie in kulturelle (Fehl-) Entwicklungen gewähren.

Immer wieder beeindruckt sein Anschreiben gegen den Braunen Sumpf in Österreich, ob er gegen fragwürdige Bürgermeister, FPÖ Politiker und/oder Holocaust Verharmloser ins Feld zieht. Seine Schriften entbehren jedoch herzhaft-kräftig der modern typischen Negativverliebtheit. Sein aufmunternder Ton lässt sich gut heraushören in einem Brief an die (ja erst kürzlich verstorbene) Ceija Stojka, als er ihr 1995mitteilt, „dass Sie sich, liebe Ceija Stojka, sowohl durch Ihre beiden Bücher literarisch, aber vor allem durch Ihr engagiertes öffentliches Eintreten für die Menschenrechte und die humanistischen Grundprinzipien und Ihr mutiges Auftreten gegen jede Art von Rassismus und Intoleranz für eine Mitgliedschaft […] qualifiziert haben.“ Und auch persönlich drückt Wiplinger seine Freude über einen möglichen Beitritt der Roma-Autorin zum PEN-Club aus.

Wunderschön klingt in einem Statement das grundhumane Selbstverständnis Wiplingers an (im Brief 2o12 an Dr. Johanna Agreiter): „Und die Rebellion war meine Dynamik, die mich getrieben hat. Veränderung wollte und will ich noch immer, nicht endlose Erklärungen […] Eines hat man aber trotz aller individuellen inakzeptablen Gegenpositionen jedem Menschen nicht nur zu schulden, sondern aktiv zu erweisen, nämlich Respekt; Respekt auch vor dem Andersdenkenden und dem Anderssein. … Dagegen schreie und schreibe ich mein ganzes Leben schon an: gegen diese Intoleranz, gegen diese Überheblichkeit, gegen dieses Sich-selbst-zum-Richter-Machen. Das geht einfach nicht! Liebe und Zuneigung überschreiten Grenzen, Grenzziehungen (die einen sowieso nur in das eigene Ghetto einsperren). Empathie sollte, nein muss unbedingt über Grenzen hinweg ausgebreitet und wirksam sein; sonst leben wir in einer von uns selbst enthumanisierten, zerstörten Welt.“

In einem frühen Brief Wiplingers ist der zackige Aufmarsch von Veteranen, die Gefallene aus den Kriegen zu ehren gedenken, nicht vergessen, wobei seine Wut betreffs des „Deserteurthemas“ saftig aufblitzt und das Dunkel erhellt: „Ein Jägerstätter, wegen Wehrdienstverweigerung zum Tod verurteilt und hingerichtet, hat mehr für die Heimat getan als ein ganzes Bataillon Frontsoldaten.“ Nicht dem Vergessen anheimgegeben ist Franz Fuchs, der Attentäter von Oberwart, sind die Tragödien des Bosnienkriegs mit den Massenmorden, ist die leidige Bush-Administration, sind der Fall des Eisernen Vorhangs und Hilfssendungen an Bulgarische Schriftsteller. Fast muss man sich als Rezensent schämen, weil so wenig von dem, was Wiplinger dokumentiert, in der Beschränktheit der Mittel auch nur angerissen werden kann…

Seine Liebe zur Musik sei den „Antworten auf die Fragen der Dissertantin Arletta Szmorhun, 2oo4“ entnommen, da dieseWiplingers skeptische Haltung gegen den Intellektualismus bekunden: „Auch wenn der Autor Camus heißt und einmal ein modisches Zeitgeist-Kultbuch geschrieben hat [bezogen auf „Der Mythos des Sisyphos“] mit dem abertausende Intellektuelle ihren geistigen Existenznachweis, ihre Legitimation zu erbringen versucht und sich dabei selbst entmündigt haben, der Schlusschor der Matthäus-Passion, von Johann Sebastian Bach, oder Mozarts Requiem sind mir näher als alles andere, weil sie mich wirklich zutiefst berühren, weil ihre Botschaft Ewigkeitswert hat und zeitlos gültig ist.“

An anderer Stelle warnt Wiplinger eindringlich vor dem Hineinstürzen in die Emotionen, auch wenn er selbst sie immer wieder suchte. Doch als Ratgeber seien sie oft unzuverlässig.
Wie sein Offener Brief aus dem Bezirksblatt in meinbezirk.at, vom 25.12.2o12 beweist, kämpft P. P. Wiplinger nach wie vor voll herrlicher und gescheiter Emotionalität: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister, waren Sie heute Nacht in der Mette? Hatten Sie mit Ihrer Familie […] einen schönen Heiligen Abend? Naja, sicherlich. Und haben sie eigentlich eine Ahnung (nein, ich glaube nicht), wie es Menschen geht, die aus ihrer Heimat flüchten mussten […] so sie nicht im Meer ersaufen?! […]. Was machen wir (Mühlviertler und andere Österreicher, wir alle eben) mit einem solchen Bürgermeister, der glaubt, derart menschenverachtende Einschätzungen haben zu dürfen und sie noch dazu ganz lässig und verantwortungslos von sich geben und damit manipulativ umgehen zu dürfen? […] Bei Menschenrechtsverletzungen gibt es keine Diskussion, ob richtig oder falsch, so als sei jede Meinung a priori durch die gegebene Meinungsfreiheit schon als richtig anzusehen und legitimiert! Formulierungen inhumaner Inhalte unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sind somit nicht der beurteilenden Kritik entzogen und sind nichts anderes als die Widerspiegelung einer inhumanen Gesinnung. Menschenrechtsverletzungen sind das, was sie sind, ohne jede langwierige Herumdiskutiererei, Interpretation oder was auch immer. Menschenrechtsverletzungen sind durch nichts und durch niemanden zu relativierende und so zu rechtfertigende Vergehen an Menschen!“ (Auszug aus dem Brief an den Bürgermeister Alfred Hartl, Bad Leonfelden /OÖ)

Manfred Stangl


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Löcker Wien

Ein ungarischer Herbst

Ein ungarischer Herbst

Ungarn, Herbst 1956. Der Volksaufstand und seine blutige Niederschlagung durch Truppen der Sowjetarmee und der Warschauer-Pakt-Staaten. Gleichzeitig die Suezkrise, die militärischen Aktionen von Großbritannien, Frankreich und Israel gegen Ägypten. Der Weltfrieden in großer Gefahr, gerettet und erhalten nur durch die Interessensaufteilung und lnteressenspolitik der Großmächte, der beiden übriggebliebenen Großmächte vor allem – USA und UdSSR. Dazwischen das eigentlich wirkungslos bleibende, politische ,,Spiel“ einzelner Staaten, Staatsführer, Regierungen. Und die einzelnen Menschen, Handelnde und Leidende im Ereignisprozeß der Geschichte, zielbewußt oder orientierungslos, hoffnungsvoll oder verzweifelt, am Ende – wie immer – die Opfer; die sinnlosen Opfer. Marionetten, die zerbrochen werden, von der Macht, von den Kräften der Geschichte; ob sie nun Imre Nágy oder Eva heißen in diesem Roman, in dieser literarischen Konstruktion aus Fiktion und Wirklichkeit des jugoslawisch-serbischen Autors Ivan lvanji, der nun in Österreich lebt.

Die Geschichte, die erzählt wird, ist einfach. Ein noch unerfahrener, jugoslawischer Sportjournalist fährt ein zweites Mal nach Ungarn, eigentlich nur, um seine Sommerliebe Eva wiederzusehen. Als der Volksaufstand losbricht, gerät auch er in den Strudel der Ereignisse, wird er mit entscheidenden politischen Fragen und Positionen konfrontiert, wird er zum Zeugen der Revolution beim Angriff der Aufständischen, aber auch ihrer Lynchjustiz an den Geheimdienstleuten als den Handlangern eines verbrecherischen Regimes. Und er wird zum Mitwisser und kleinen, aber wichtigen Mitakteur in diesem Drama der Weltpolitik, wenn auch nur für einen Augenblick, als er mit anderen jugoslawischen Journalistenkollegen eine wichtige Nachricht des ungarischen Kommunistenführers János Kádár an Marschall Tito weiterleitet, die später für dessen Geheimgespräch mit Chrustschow auf der Insel Brioni von Bedeutung und somit für die Zukunft Ungarns mitbestimmend ist. Für einen – für diesen -Augenblick tritt er aus der Anonymität seines Ich-Seins heraus in das Licht der Geschichte, der Weltgeschichte; so glaubt er, so fühlt er. Aber am Ende bleiben doch nur die offenen Fragen und der bittere Geschmack im Munde. Was war dieser Aufstand, diese Revolution? Und wer war Eva – dieses Mädchen, seine Sommerliebe, diese Aufständische, die sich am Ende erschießt?

Vierzig Jahre nach der Ungarnrevolution von 1956 und Ihrer Niederschlagung erzählt der Autor und Zeitzeuge Ivan lvanji diese Geschichte, fügt er Bild um Bild zu einem historischen Kaleidoskop zusammen, übermittelt er genau und sorgfältig recherchierte Fakten, erstellt er ein lebendiges Bild der Wirklichkeit. Die Frage nach der Wahrheit kann auch er nicht beantworten. Das kann niemand.

Ivan lvanji: Ein ungarischer Herbst. Roman. Picus Verlag, Wien, 1995, 234 Seiten, öS 298,–

Peter Paul Wiplinger
Wien, 7.11.1995


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Picus Verlag Wien

Der Krüppel

Živorad Mitras Ježavski wurde 1955 im ehemaligen Jugoslawien, in Serbien, geboren. Er hat in Italien und Frankreich gelebt und ist viel gereist. Unterwegs hat er auch ein paar Bücher geschrieben. Seit seinem Badeunfall 1990 in der Donau lebt er als Querschnittgelähmter ständig in Wien. Die Trilogie „Der „Krüppel“ ist sein erstes Prosawerk. Das erste Buch dieser Trilogie in deutscher Übersetzung erschien 2003 im Viza Edit-Verlag.

Ježavski schrieb in diesem Buch seine Erlebnisse nieder, seine Erlebnisse und Erfahrungen als Querschnittgelähmter: vom Unfall, der in seinem Geburtselement, dem Wasser – seine Mutter hatte ihn beim Baden in einem Bottich zur Welt gebracht – passierte, seine Zeit im Wilheminenspital und in Lainz.

Auch im zweiten Buch erleben wir Ježavski, wie er von einer Einrichtung zur anderen wandert (Club Nyance, wieder Lainz, Rehabilitationszentrum „Weißer Hof“), wie er lebt und leidet und trotzdem voller Hoffnung ist, seinem Schicksal trotzen zu können. Sein Optimismus ist unbesiegbar, der (Galgen)Humor ist sein Verbündeter, der ihm in schwierigsten Situationen hilft, nicht aufzugeben und weiter zu kämpfen.

Und so ist ihm eine eindringliche Prosa über seinen Weg vom Verunglückten zum ins Leben Zurückfindenden gelungen. Ježavski hat ein Buch geschrieben, das einem beim Lesen manchmal bedrückend vorkommen mag, in Wahrheit aber kein deprimierendes Buch ist. Auch das macht die Lektüre zur Herausforderung, daß man sich bei den doch oft bedrückenden Szenarien immer wieder die Lebensbejahung des Autors als Betroffener vor Augen halten muß. Es ist ein schwieriges Buch, wie das Leben als ,,Krüppel“ selbst, aber es lohnt sich wirklich, sich mit diesem Buch zu befassen und sich in diese Welt zu vertiefen.

„Es wurde vielleicht aus der Verzweiflung und aus einer aussichtslosen Situation heraus, von einer Endstation her geschrieben, aber es berichtet vom Lebens- und Überlebenskampf eines unbeugsamen Tapferen, der sich Tag für Tag sein Weiterleben erkämpft, gleichsam in einer Utopie Hoffnung (Ernst Bloch). Es ist das berührende und erschütternde Zeugnis eines Menschen, der einen aufrechten Gang hat, obwohl er an den Rollstuhl oder an sein Bett gefesselt ist. Der Krüppel verzichtet auf jede Mitleidsreaktion, lehnt eine solche ab. Sein Schicksal ist seine größte menschliche und zugleich schriftstellerische Herausforderung, der er sich stellt und in der er – auch mit Hilfe des Schreibens und der Literatur – besteht. Eine bewundernswerte Haltung: Eine große schriftstellerische Leistung. Ein wichtiges Buch.“ (P.P.Wiplinger).

Nach jahrelangen Zwischenstationen in Spitälern lebt Živorad Mitras Ježavski nun in einem Behindertenwohnheim in Wien und arbeitet weiter als Schriftsteller. Ježavski ist Mitglied des Österreichischen und des Internationalen P.E.N.-Clubs, des Literaturkreises „Podium“ sowie der IG Autorinnen Autoren. Im Jahr 2001 wurde ihm der Theodor-Körner-Preis verliehen.

2012 ist Živorad Mitras Ježavski (Mitrasinović) in Wien verstorben, sein Grab ist am Wiener Zentralfriedhof.

Peter Paul Wiplinger
Wien 2004


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Viza Edit-Verlag Wien

Leben ist, wenn man trotzdem lebt

Leben ist, wenn man trotzdem lebt

Vor uns liegt ein dickes, gewichtiges Buch, mit 800 Seiten Umfang. Es trägt den oben ge-nannten Titel, in Abwandlung eines geläufigen Ausspruchs („Humor ist, wenn man trotzdem lacht“). Der Titel ist als Titel für ein Buch eigentlich ungewöhnlich, denn er ist keine knappe Wortkombination, sondern ein Satz, eine Aussage, eine Formulierung mit manifestartigem Charakter, also eine Proklamation. Dahinter steht eigentlich ein gedachtes, mitformuliertes, wenngleich nicht geschriebenes Ausrufungszeichen. Ein Wort – eben das Wort „trotzdem“ – erhebt eine sonst banale Erkenntnisformulierung – Leben ist wenn man lebt – zu einem Be-kenntnis, zur Deklaration einer Haltung, zur Proklamation mit Anspruch auf Gültigkeit des so Erkannten, Gedachten und Formulierten. Eine Formel ist hiermit ausgedrückt; man könnte auch sagen: Eine Lebenserkenntnis, eine Lebensweisheit, vorallem aber eine grundlegende Lebensregel. – Dieses Wörtchen „trotzdem“, als kleine Einfügung, aber bedeutet und drückt aus: Widerstand, bereit sein zum Kampf, zum Lebenskampf, bedeutet: aktiv sein anstatt Le-ben passiv hinnehmen; bedeutet, im Leben ein Handelnder zu sein, nicht nur ein Betroffener. Und diese Haltung ist die Grundhaltung jenes Mannes, den der Autor hier schildert, dessen Lebensgeschichte er in diesem Buch erzählt.

Unter dem Titel ist noch in Klammer gesetzt eine Einfügung, nämlich jene: (Ein Roman …?). Wieder etwas Ungewöhnliches, aber sicherlich – jedenfalls bei diesem Autor – nichts Unüber-legtes. Hier wird eine Frage angedeutet, die ins Literarische geht, welche offen gelassen wird: vielleicht für den Leser – er soll selber entscheiden; vielleicht überhaupt. – Nun, bei allem Respekt für diese wissentlich und willentlich gesetzte Frage und die vielleicht einkalkulierte Antwort so oder so, gebe ich nun mal schon – als Leser ( und somit als zur Antwort Aufgeru-fener und Berechtigter) – eben meine Antwort auf diese offene Frage. Und diese lautet: Nein, dieses Buch ist kein Roman – im herkömmlichen und literarischen Sinn und einer daraus ab-geleiteten Wertung. Ein Roman ist das nicht. Es ist etwas ganz anderes; aber was dann? – Wo-bei hier weder Frage noch Antwort so sehr wichtig und wesentlich sind, nichts zum Buch hin-zufügen oder von ihm wegnehmen. Die eventuelle Antwort ist, was die formale Einstufung betrifft, eher belanglos; denn das Gesagte, Geschriebene ist und bleibt wichtig. Trotzdem ist diese aufgeworfene Frage, in ihrem rhetorischen Charakter, jedenfalls für mich, ein Zugang zur Charakterisierung dieses Buches.

Was da vorliegt, ist eine Lebenschronik, ein großes Erinnerungsbuch; das eines Menschen, der ein interessantes, spannendes, bewegtes Leben gelebt hat, davon berichtet, nun dieses aufge-schrieben, in literarischer Form wiedergegeben hat und so nun vorlegt. In dieser Rückschau wird nicht nur eine ungeheure Gedächtniskapazität und Gedächtnisleistung sichtbar, die ein Beweis dafür ist, wie intensiv, wie aufmerksam, aber auch wie umsichtig der Autor, der ja zugleich die Schlüsselperson des Geschehens ist, sich in die Ereignisse eingebunden hat, auch als Beobachter, als Interpret der Geschehnisse und seiner eigenen Rolle darin, sondern hier wird über einen solchen Lebenszeitraum hinweg sowohl für den Autor, den Chronisten, als auch für die Leser eine ganz wichtige Erinnerungsarbeit geleistet; jene, von der man weiß, daß sie nicht nur Bilanz zieht, nicht nur Abrechnung ist, sondern zugleich auch Bewältigungsver-such und Bewältigungsprozeß des eigenen Ich in Bezug auf das eigene Leben und das eigene Schicksal und alles, was damit zusammenhängt. Sich erinnern bedeutet, sich noch einmal al-les vergegenwärtigen. Bedeutet: Nachfragen, ob dieses oder jenes oder alles wirklich so war, wie es im Gedächtnis verblieben ist, oder nicht. Bedeutet auch, unter dem Schutt nach Ver-schüttetem, vielleicht auch nach Verdrängtem, nach Vergessenem zu suchen; sich dem als Suchender zu stellen. Bedeutet darüber hinaus aber auch noch: Das Gefundene und das im Gedächtnis Verbliebene zueinander in Beziehung zu setzen, in Zusammenhänge einzuordnen, ja schließlich auch zu werten; nach den eigenen Maßstäben. Bedeutet – für einen Kaufmann wie für einen literarischen Chronisten und Interpreten: Bilanz zu ziehen, eben abzurechnen; mit den Ereignissen, Geschehnissen, Personen; mit dem eigenen Leben. Daraus wiederum Erkenntnis zu gewinnen. Und auch: Diese dann mitzuteilen und weiterzugeben, an die Nach-welt auszuliefern. – Das ist der Sinn des Ganzen, so meine ich.

Darüber hinaus aber entsteht und vollzieht sich noch etwas; etwas, das über die eigene Persön-lichkeit, das eigene persönliche Schicksal, die eigene persönliche Lebensgeschichte, über das Ereignishafte und seine erzählerische Wiedergabe weit hinausgreift, in andere Bereiche und Dimensionen vordringt. – Immer, wenn von Menschen die Rede ist, geht es nicht bloß um Zufälligkeiten oder schon Schicksalhaftes. Hier geht es meist um Charaktere; darum, wie Menschen eben sind oder sein können; um ihre Veranlagungen, Wesenszüge, Eigenheiten, Dispositionen, ihr Verhalten; natürlich auch um ihre Meinungen, Haltungen, Grundsätze, Prinzipien; ihr Verankertsein in einer festgefügten, auch tradierten Wertordnung, einer jewei-ligen Moral, einer bestimmten Kultur, einer ethischen Grundhaltung; oder aber um ein Defizit in diesem oder jenem oder allem. Die Palette ist da reich, der Bogen weit gespannt: vom Gu-ten zum Bösen, von der Ehrlichkeit bis zur Niedertracht, von der Menschlichkeit bis zur Un-menschlichkeit und grauenhaften, menschenverachtenden Brutalität; auch und gerade von Ideologien, den daraus resultierenden diktatorischen Regimen, ihren Führern, Handlangern, Mitläufern, bis hin zu den Verrätern an der eigenen Sache. Und dazwischen eingestreut die nicht ausrottbare Dummheit und Borniertheit, aber vor allem auch immer die Anfälligkeit für Macht und Korruption. – Und dann noch die Opfer, oft Opfer für nichts; nur Geopferte, Aus-gelieferte, Ausgelöschte, Vernichtete. – Und die Frage: Wofür? Und die Frage und der Ruf nach Gerechtigkeit. Und die gewußte, entweder gegebene oder verschwiegene Antwort: Es gibt sie nicht! – Es darf aber auch nicht eine daraus abgeleitete Resignation, die Aufgabe, die Selbstaufgabe, das sich Hingeben an die Sinnlosigkeit geben. Irgendwo oder jeweils genau an einem bestimmten Punkt des menschlichen Lebens, der Schicksalsprüfung, spürt und weiß man genau, was es zu verteidigen gibt, trotz oder gerade wegen allem, da alles so ist wie es ist, nämlich: Die menschliche Würde; die Würde des Menschen. – Das andere, das ist das Unmenschliche, Unwürdige, das hat man erlebt und erkannt. – Ist für diese Erkenntnis viel-leicht alles so da, das Leben?

Von all dem spricht dieses Buch; auch im Gedenken an die lebensbegleitenden Personen – in der Familie, in der Schule, im Beruf; in der politischen Gesinnungsgemeinschaft, in der Schicksalsgemeinschaft durch die Zugehörigkeit zum Judentum, durch die Zugehörigkeit zum aktiven antifaschistischen Widerstand, der aus einem tiefen Gefühl, einer festen Überzeugung, aus einem Einstehen für die Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Anständigkeit, Ehre und Demokratie (S. 795) resultiert und lebenslang gelebt wird. – Dazu noch die Begründung seines Lebens und seiner Lebensordnung auf ethischer und moralischer Wertebasis. Davor und zugleich noch die Werteverankerung durch Erziehung, in der Familie, durch das gelebte Beispiel. Und die Beherzigung des Sprichwortes: „Dem Tüchtigen gehört die Welt“. – So et-was bildet und stärkt die Lebenskraft, den Lebenswillen, den man braucht, wenn man überle-ben will, weil man überleben muß. Überlebenswille wird da – bei diesem Georg Pressburger, bei diesem Robert Weinmann – und dann schon früh, vor allem aber wenn und noch bevor es darauf ankommt, auf Grund eines entwickelten, erfolgreichen Überlebensinstinktes zu einer Überlebensstrategie mit selbstgelernten, wichtigen, entscheidenden Überlebenstechniken. – Und so ist er eben, zum Beispiel, als einer der wenigen aus der jüdisch-kommunistischen Strafkompanie in Rußland am Leben geblieben, als einer jener neun von 192 Häftlingen – Schicksal und Leistung zugleich. – Für viele, die das nicht sind, setzt er ein Denkmal, in und mit diesem Buch. So durch die Schilderung der Erschießung von siebzehn Mithäftlingen, Freunden und Genossen, in Rußland, als Geiselexekution. Ein Dokument des Grauens, weil der unmenschlichsten Barbarei, aber auch ein Zeugnis für die Wahrheit; ein Vermächtnis, dieser Opfer, dieser Geopferten zu gedenken. – So lapidar der Hinweis im Buch auf das Mas-saker vom 23.1.1942 an der Donau in Novi Sad – die Ermordung von 5.000 Juden, Serben, Roma und Sinti bei der sogenannten „Razzia von Novi Sad“ – ist, so spürt man hier doch sehr deutlich eine oft nur mühsam zurückgehaltene, durch Disziplin unterdrückte Emotionalität des Autors und sein Betroffensein. Was vielleicht als kühle Zurückhaltung, ja manchem vielleicht sogar als Gefühlskälte erscheinen mag, ist in Wirklichkeit nichts anderes als Haltung, als Dis-ziplin; vielleicht auch eine notwendige Überlebenstechnik, Überlebensstrategie. – Mit Tränen in den Augen findet man nicht so leicht, nicht so sicher das Gesuchte, schreibt man auch keine Bücher; vielleicht solche Passagen der Erinnerung.

Am Anfang des Buches ein Foto, der Vermerk, daß dieses Buch dem Andenken des „unver-geßlichen und geliebten Bruders“ gewidmet ist. – Und auf Seite 353 im Gedenken an die 1944 ermordeten Eltern jener Ausspruch einer so tiefgreifenden und tiefempfundenen Erkenntnis, wie eine Inschrift auf ein Wolkengrab: „… Ihre Vorstellungen von Ehre, Gewissen, Mensch-lichkeit und Nächstenliebe …. aber auch die große Liebe zu ihren Kindern kostete beiden das Leben …..“

Wenn man dies liest und begreift, dann weiß man, weil man es spürt, daß dieser Autor Georg Pressburger, dieser Robert Weinmann, nicht nur einer ist, der in seinem Buch Geschehenes mitteilt, eine Erinnerungswelt, die es nicht mehr gibt, vor uns ausbreitet, nicht nur Bilanz zieht, abrechnet, sondern auch einer ist, der jenseits des gesetzten Zieles und etwaiger literari-scher Kriterien, in und mit diesem Buch auch ein Vermächtnis gibt; und daß er darin und da-mit nicht nur erinnernd mahnt, sondern auch trauert und liebt.

Georg Pressburger – „Leben ist, wenn man trotzdem lebt“
Edition Roetzer, Eisenstadt 1997, 800 Seiten, S 390,-

Peter Paul Wiplinger
Wien, 26.11.1997


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Edition Roetzer Eisenstadt/ Burgenland / Österreich

Črna dvorišta / Schwarze Höfe

Stimme aus dem Inferno

Stimme aus dem Inferno. Aufschrei des gequälten Menschen. Klage um die Zerstörung und den Verlust der Menschlichkeit. Traum von einer anderen Welt: jener jenseits des Stacheldrahtes. Spuren der Hoffnung. Zeugnis und Mahnung. Ort des Geschehens, On des Grauens: Keraterm. KZ der serbisch-jugoslawischen Volksarmee im Bosnien-Krieg; nahe bei Prijedor, der Heimat des Autors. Zeit: 1992.

Man weiß, was geschah: Krieg, Vertreibung, Terror; Systematische Vergewaltigung, Folter, Mord; Massaker (Srebrenica), ,,Ethnische Säuberungen“; Genozid. Im Angesicht der Weltöffentlichkeit, begleitet von sensationslüsterner Medienberichterstattung. Konferenzen. Politische Naivität und Unfähigkeit bis zur Schamlosigkeit, bis zur Lächerlichkeit. Währenddessen wird weitervertrieben, weitergemordet, weitergesäubert. Man schafft Realitäten.

Der Schrei der Gefolterten aber verhallt im Niemandsland. Einer, ein Dichter, Muhidin Šarić, schreibt eine Chronik dieses Grauens, eine seiner eigenen Qual, seines Erniedrigtseins; seiner Namenlosigkeit: Man ist Opfer; sonst nichts. Kein Mensch mehr. Was bleibt, ist Verzweiflung, untröstbare Trauer. Und nach dem Überleben: die Heimatlosigkeit; eine für immer.

Davon sprechen diese Gedichte: Von den schwarzen Höfen, von den Hinterhöfen, in denen menschliches Leben zerstört wurde, zerstört wird. Und von der Sehnsucht nach dem, was einmal war und was es nicht mehr gibt; nie mehr geben wird. Literatur, Poesie als Aufschrei, als Zeugnis, als Mahnung; auch als Überlebenstherapie. Und als Träumen von einer Welt jenseits des Irrsinns vom Menschen.

Muhidin Šarić lebt als Stipendiat der Institution ,,Städte der Zuflucht“ seit 1992 in Graz.

Muhidin Šarić: Črna dvorišta / Schwarze Höfe. Gedichte, bosnisch-deutsch, Drava Verlag: Edition Niemandsland, Klagenfurt/Celovec, 1999;80 Seiten, öS l97,- DM 27,-. Übersetzung aus dem Bosnischen durch Emina Šarić und Klaus Detlef Olof.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Drava Verlag Klagenfurt/Celovec in Kärnten / Österreich

Wir leben im Verborgenen

Ceija Stojka – Zeitzeugin und Mahnerin

Als das Buch „Wir leben im Verborgenen – Erinnerung einer Rom-Zigeunerin“, 1988 von Karin Berger herausgegeben, im Picus Verlag erschien, 1989 gleich in einer zweiten Auflage, war Ceija Stojka die erste Romni, die ihre Erinnerungen an die Leidensgeschichte ihrer Familie stellvertretend für die vom Nationalsozialismus verfolgten und in den Konzentrationslagern gepeinigten und massenweise ermordeten Roma und Sinti schriftlich niederlegte. Das Buch erregte großes Aufsehen und rückte somit die bis dahin vergessene und verdrängte Leidensgeschichte, aber auch die aktuellen Fragen und Probleme der ins Abseits, ins Verborgene gedrängten Volksgruppe der Roma und Sinti ins Licht der Öffentlichkeit.

Ceija Stojka wurde mit diesem Buch über Nacht bekannt. 1992 folgte, gleichfalls im Picus-Verlag, „Reisende auf dieser Welt“. Ausstellungen ihrer aussagekräftigen Bilder, die das frühere „Zigeunerleben“ und dann die Schreckenszeit in den Konzentrationslagern zum Thema hatten, und musikalische Auftritte, in denen sie die alten, mündlich tradierten Roma-Lieder der Lovara sang, erweiterten ihren Wirkungskreis und rundeten gleichzeitig das Erscheinungsbild ab. Immer stärker trat dabei ein bekenntnishaftes, charismatisches Mitteilungsstreben zu Tage, mit dem sich Ceija Stojka von der Zeitzeugin des Holocaust zur Menschenrechtsaktivistin entwickelte, die sich engagiert für ein friedliches Miteinander aller Menschen einsetzt und zugleich die Rechte für die Volksgruppe der Roma und Sinti, aber auch aller anderen einmahnt.

Peter Paul Wiplinger

Wenn man heute, nach fünfzehn Jahren, das neu aufgelegte Buch wieder liest, so hat es nichts an Eindringlichkeit und unmittelbarer Aussagekraft verloren. Es berührt und erschüttert, indem es die Ereignisse aus einer ganz privaten Sicht und in einer sehr einfachen, fast kindlichen Erzählweise schildert. Gerade diese Einfachheit, mit der Ceija Stojka den Leidensweg ihrer Familie und den ihres Volkes und später das Leben im Verborgenen der wenigen Überlebenden erzählt, ist es, die das Buch zu etwas so Besonderem macht. Wie hier im Rückblick, Jahrzehnte später und mit einem anderen, neuen Leben dazwischen, noch immer über das Unbegreifbare dessen, was Menschen anderen Menschen antun können, ohne geschichtsträchtige Pathosgeste, sondern ganz einfach aus dem eigenen Betroffen- und Verwundetwordensein heraus gesprochen wird, das ist zutiefst bewegend.

Alles was geschehen ist und erzählt wird, haben ja die Augen eines jungen Mädchens, fast noch Kind, gesehen: Die mitleidlose Gewalt, das Elend, das Leid, das alltägliche Sterben, den Tod; die aufgeschichteten Leichen, darauf der kleine, an Bauchtyphus gestorbene Bruder Ossi, dem Ceija das eigene Unterkleidchen als Totenhemd darüberbreitet. Ein kleines Mädchen, das inmitten des Grauens eine solche Geste setzt, ein Zeichen zur Bewahrung der Menschenwürde.
Jahrzehnte später sieht die erwachsene Frau Ceija sich selbst wieder als dieses kleine Mädchen, auch in diesem Augenblick. Da gibt es nichts zu begreifen, wie so etwas überhaupt möglich sein konnte – und auf der Welt immer noch möglich ist. Da spürt man rückblickend bei solcher Erinnerung nur die Trauer, in manchen Stunden vielleicht auch die Verzweiflung über den Menschen. Und trotzdem diese Liebe, diese Kraft des Lebens, diese Wärme und Herzlichkeit, die bei Ceija Stojka durch alles hindurch zu spüren ist. Und der Glaube, daß es besser werden kann; das Wissen um die Notwendigkeit, daß es besser werden muß auf dieser Welt.

Ceija Stojka: „Wir leben im Verborgenen – Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“.
Picus Verlag, Wien, 1988; vierte Auflage, Wien, 2003. 155 Seiten, gebunden, EUR 14,90-
Ceija Stojka – Zeitzeugin und Mahnerin

Neuauflage: 2003

Als das Buch „Wir leben im Verborgenen – Erinnerung einer Rom-Zigeunerin“, 1988 von Karin Berger herausgegeben, im Picus Verlag erschien, 1989 gleich in einer zweiten Auflage, war Ceija Stojka die erste Romni, die ihre Erinnerungen an die Leidensgeschichte ihrer Familie stellvertretend für die vom Nationalsozialismus verfolgten und in den Konzentrationslagern gepeinigten und massenweise ermordeten Roma und Sinti schriftlich niederlegte. Das Buch erregte großes Aufsehen und rückte somit die bis dahin vergessene und verdrängte Leidensgeschichte, aber auch die aktuellen Fragen und Probleme der ins Abseits, ins Verborgene gedrängten Volksgruppe der Roma und Sinti ins Licht der Öffentlichkeit.

Ceija Stojka wurde mit diesem Buch über Nacht bekannt. 1992 folgte, gleichfalls im Picus-Verlag, „Reisende auf dieser Welt“. Ausstellungen ihrer aussagekräftigen Bilder, die das frühere „Zigeunerleben“ und dann die Schreckenszeit in den Konzentrationslagern zum Thema hatten, und musikalische Auftritte, in denen sie die alten, mündlich tradierten Roma-Lieder der Lovara sang, erweiterten ihren Wirkungskreis und rundeten gleichzeitig das Erscheinungsbild ab. Immer stärker trat dabei ein bekenntnishaftes, charismatisches Mitteilungsstreben zu Tage, mit dem sich Ceija Stojka von der Zeitzeugin des Holocaust zur Menschenrechtsaktivistin entwickelte, die sich engagiert für ein friedliches Miteinander aller Menschen einsetzt und zugleich die Rechte für die Volksgruppe der Roma und Sinti, aber auch aller anderen einmahnt.

Wenn man heute, nach fünfzehn Jahren, das neu aufgelegte Buch wieder liest, so hat es nichts an Eindringlichkeit und unmittelbarer Aussagekraft verloren. Es berührt und erschüttert, indem es die Ereignisse aus einer ganz privaten Sicht und in einer sehr einfachen, fast kindlichen Erzählweise schildert. Gerade diese Einfachheit, mit der Ceija Stojka den Leidensweg ihrer Familie und den ihres Volkes und später das Leben im Verborgenen der wenigen Überlebenden erzählt, ist es, die das Buch zu etwas so Besonderem macht. Wie hier im Rückblick, Jahrzehnte später und mit einem anderen, neuen Leben dazwischen, noch immer über das Unbegreifbare dessen, was Menschen anderen Menschen antun können, ohne geschichtsträchtige Pathosgeste, sondern ganz einfach aus dem eigenen Betroffen- und Verwundetwordensein heraus gesprochen wird, das ist zutiefst bewegend.

Alles was geschehen ist und erzählt wird, haben ja die Augen eines jungen Mädchens, fast noch Kind, gesehen: Die mitleidlose Gewalt, das Elend, das Leid, das alltägliche Sterben, den Tod; die aufgeschichteten Leichen, darauf der kleine, an Bauchtyphus gestorbene Bruder Ossi, dem Ceija das eigene Unterkleidchen als Totenhemd darüberbreitet. Ein kleines Mädchen, das inmitten des Grauens eine solche Geste setzt, ein Zeichen zur Bewahrung der Menschenwürde.
Jahrzehnte später sieht die erwachsene Frau Ceija sich selbst wieder als dieses kleine Mädchen, auch in diesem Augenblick. Da gibt es nichts zu begreifen, wie so etwas überhaupt möglich sein konnte – und auf der Welt immer noch möglich ist. Da spürt man rückblickend bei solcher Erinnerung nur die Trauer, in manchen Stunden vielleicht auch die Verzweiflung über den Menschen. Und trotzdem diese Liebe, diese Kraft des Lebens, diese Wärme und Herzlichkeit, die bei Ceija Stojka durch alles hindurch zu spüren ist. Und der Glaube, daß es besser werden kann; das Wissen um die Notwendigkeit, daß es besser werden muß auf dieser Welt.

Ceija Stojka: „Wir leben im Verborgenen – Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“.
Picus Verlag, Wien, 1988; vierte Auflage, Wien, 2003. 155 Seiten, gebunden, EUR 14,90-


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Picus Verlag Wien

Das Kind, das ich war

Kinderschicksal – Kindheitstrauma
Der kärntner-slowenische Dichter Andrej Kokot auf den Spuren seiner Kindheit

Der 14. April 1942 ist ein bedeutender Tag im Leben des damals kleinen Buben und heutigen Schriftstellers Andrej Kokot. Denn da wird er mit seiner Familie, seinen Eltern und den zehn Geschwistern, so wie viele andere kärntner-slowenische Familien, vom elterlichen Hof in Oberdorf/Zgornja vas, in der Gemeinde Köstenberg/Kostanje, an der Südseite der Ossiacher Tauern gelegen, vertrieben. Grund: Sie sind Kärntner Slowenen; zu wenig deutsch, eigentlich gar nicht; sprechen eine andere Sprache, die zu sprechen verboten ist, für Volksgenossen, auf deutschem Reichsgebiet, das Österreich, das Kärnten jetzt ist.

Erst 1946 kehrt die Familie – nach langen und bitteren Jahren in der Fremde: in den Lagern Rehnitz, Rastatt und Gerlachsheim in Deutschland, nach Jahren der Freiheitsberaubung, der Erniedrigung, der ständigen Bedrohung, des Hungers und der Zwangsarbeit – wieder in das neuerstandene Österreich und nach Kärnten zurück; allerdings ohne den geliebten, ältesten Sohn und Bruder Josef/Jožek. Der war – wie die Familie erst sehr viel später erfährt – bereits am 24. September 1944 in KZ Mauthausen ermordet worden; durch Erhängen. Erst 1953, also neun Jahre später, erfährt dies die Familie durch einen per Boten des Gemeindeamtes Köstenberg überbrachten Brief, der die Sterbeurkunde von Josef Kokot enthält. „Jožek, unser Jožek ist tot“, stammelt die Mutter Magdalena Kokot. Dann bricht sie zusammen. Niemand von der Gemeinde kondoliert, spricht sein Beileid aus.

Im Gegenteil: Man gibt – so wie dem zurückgekehrten Buben Andrej Kokot in der Schule der Nachkriegszeit – den Rat „die Sache zu vergessen“. Schon längst hat im Nachkriegsösterreich die Tabuisierung der NS-Vergangenheit, die Verdrängung des eigenen Beteiligtseins, die große kollektive Verleugnung des getanen Unrechts, der eigenen Schuld und Verantwortung eingesetzt, hat alle Gesellschaftsbereiche erfaßt und durchzogen. Die Ausrede, die Verharmlosung, oder ganz einfach das Verleugnen sind die Instrumentarien der Verdrängung.

Mehr als fünfzig Jahre lang nach den Geschehnissen und der NS-Diktatur hört man in Kärnten, in Österreich kaum etwas von der Slowenenvertreibung; setzt man sich nicht mit diesem Kapitel der österreichischen Geschichte auseinander. Im Gegenteil: Die Kärntner-Slowenen werden nur als Problem begriffen, sowohl von der Politik, von verschiedenen Parteien und Organisationen (Kärntner Heimatdienst), als auch von der Gesellschaft überhaupt, der Bevölkerung; besonders der deutschsprachigen in Kärnten. Dies kommt am deutlichsten und beschämendsten beim sogenannten Ortstafelsturm 1972 in Kärnten zum Ausdruck; und darin, wie die Landes- und Bundespolitik damit umgeht, nämlich durch Beugung des Rechtsstaates, durch politischen Pragmatismus, durch letztendliche Kapitulation vor Raudis und Antidemokraten, den Slowenenhassern; durch Kapitulation vor der Gewalt.

Auch die Opfer unterliegen einer Verdrängung ihrer traumatischen Erfahrungen: Ihrer Erfahrung des Ausgesetztseins, der Bedrohung und der Gewalt, ihrer existenziellen Gefährdung, der Angst und Hilflosigkeit, ihrer Stigmatisierung durch das Anderssein – durch eine andere ethnische Zugehörigkeit; und somit auch der zu einer anderen Sprache. Dies ist und bleibt bedeutsam; vorallem für einen kleinen Buben, der sich plötzlich vertrieben in der Fremde wiederfindet, gewaltsam hinausgeworfen aus dem schützenden Nest und der Geborgenheit seiner Kindheit und Heimat. Dies gilt auch für den späteren kärntner-slowenischen Dichter und österreichischen Schriftsteller Andrej Kokot. Er verbleibt in seiner inneren Abkapselung, so wie viele seiner Volksgruppe, er bleibt in einem Ghetto, das er nur
mit seinem Schreiben und in seiner Sprache durchbricht.

Erst ein halbes Jahrhundert später begibt er sich auf die Suche nach seiner Kindheit, nach den Spuren in den Aussiedlungslagern Nazideutschlands. Er fährt mit seiner Frau und zwei seiner Schwestern an diese Orte der Vergangenheit und Verschwiegenheit. Viele Spuren sind getilgt; auch aus dem Bewußtsein der Menschen. Viele wollen sich nicht mehr erinnern, auch nicht an die eigene Geschichte; oder verleugnen sie; schreiben sie um; nennen NS-Konzentrationslager sogar Straflager (der jetzige Kärntner Landeshauptmann Dr. Jörg Haider). – Strafe wofür? – muß man ob der Ungeheuerlichkeit eines solchen Ausspruches (nicht Ausrutschers!) fragen; angesichts der Ermordung von Josef/Jožek Kokot durch Erhängen in Mauthausen.

Das Ergebnis der Spurensuche von Andrej Kokot ist dieses Buch „ Das Kind, das ich war“.

Ein berührendes, ein ernstes Buch, das nachdenklich macht und machen soll. Das Ergebnis einer Erinnerungsarbeit durch Wiedervergegenwärtigung traumatischer Kindheitserlebnisse, auch wenn diese damals nicht so sehr den Buben Andreas Kokot, sondern erst viel später den Erwachsenen Andrej Kokot geprägt haben. Darüber hinaus ist dieses Buch ein Stück österreichische Gegenwartsliteratur, die sich mit Vergangenheitsbewältigung befaßt; wenn es so etwas überhaupt gibt. Vorallem aber ist es eine Mahnung, ein Warnzeichen, das wir – auch aufgrund neuer Umstände in unserem Land, in unserem Staat – dringend brauchen.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Drava Verlag Klagenfurt/Celovec in Kärnten / Österreich

Für das Leben und gegen den Tod

Kärntner Partisan

„Für das Leben, gegen den Tod“ lautet der parolenhafte Bekenntnistitel eines Buches des kärntner-slowenischen Autors und ehemaligen Widerstandskämpfers Lipej Kolenik, in dem er seine sehr persönlichen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus und seinen Kampf dagegen mit dem Ziel der Befreiung Österreichs vom Faschismus zusammengefaßt hat.

Lipej Kolenik wurde 1925 in St. Margarethen bei Bleiburg/Šmarjeta pri Pliberku geboren und wuchs dort am elterlichen Bauernhof auf. 1943 wird er zur deutschen Wehrmacht einberufen, aus der er desertiert und sich den Partisanen anschließt. Im März 1945 wird er schwer verwundet. Nach Kriegsende ist er lange Zeit arbeitslos, wird – so wie viele andere österreichische Partisanen – diffamiert, wiederholt verhaftet, eingesperrt, als Verräter angesehen. Er bleibt politisch aktiv, ist heute im Vorstand des Kärntner Partisanenverbandes.

In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen ist er ein Chronist der Ereignisse, darüber hinaus aber ordnet er diese auch – seinem Welt- und Geschichtsbild entsprechend – zu einem Gesamtbild, sodaß ein facettenreiches Kaleidoskop der damaligen Zeit vor Augen geführt wird. Kindheit in ärmlichen Verhältnissen als Angehöriger einer in „Deutsch-Kärnten“ nicht geliebten und diffamierten Minderheit. Repressalien der nationalsozialistischen Machthaber. Vertreibung vieler kärntner-slowenischer Familien von ihren Höfen, Aussiedlung in Internierungslager in Deutschland, dort Zwangsarbeit. Unvorsichtige, Widerspenstige und Widerständler kommen gleich ins Konzentrationslager, zum Beispiel nach Mauthausen. Die wehrfähigen Männer werden zur deutschen Wehrmacht eingezogen, müssen dort in einer ihnen fremden und feindlichen Armee gegen andere Fremde und Feinde kämpfen. Manche desertieren, wenn sie auf Heimaturlaub sind, gehen zu den Partisanen; so auch Lipej Kolenik mit erfrorenem Fuß.

Er und seine Familie wissen um das lebensgefährliche Risiko. Trotzdem das Wagnis, die Entscheidung, gegen Hitler und die nationalsozialistischen Unterdrücker. Zu diesen gehören auch die fanatischen Ortsnazis aus Bleiburg, Völkermarkt, Klagenfurt. Partisanengebiet ist „Bandengebiet“. Gendarmerie und militärische Sondereinheiten durchkämmen die Wälder; durchsuchen die Höfe. Übergriffe, Massaker. Trotzdem Solidarität vieler Kärntner-Slowenen mit den Ihren, den Partisanen; aber auch Ablehnung und Verrat. Dann endlich Befreiung, Sieg.

Nach 1945 die große Enttäuschung. Die Engländer als Besatzungsmacht drängen die Partisanen zurück, paktieren sogar mit ehemaligen Nazis. Diese sind bald wieder oben auf, gesellschaftlich voll integriert. Die Partisanen sind es, die – weil viele von ihnen im Nationalen Befreiungskampf für der Anschluß an „Tito-Jugoslawien“ plädiert und auch dafür gekämpft haben und nun der „Osvobodilna fronta“, der politischen Organisation der slowenischen Partisanenbewegung angehören, die auch der KPÖ nahesteht – nun als Verräter und Nicht-Patrioten diffamiert und angefeindet werden; auch vom offiziellen Österreich.

Auf diesem Terrain vollzog sich das kämpferische, sozial-politische Leben des Lipej Kolenik. Er ist ein patriotischer Slowene, ein engagierter Mensch, ein Kämpfer gegen jede Form des Faschismus; ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit.

Lipej Kolenik: „Für das Leben und gegen den Tod. Mein Weg in den Widerstand“. Mit einem Vorwort von Janko Messner. Drava Verlag, Klagenfurt, 2001. 256 Seiten, EUR 19,50. Slowenische Erstausgabe im Drava Verlag, 1997.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Drava Verlag Klagenfurt/Celovec, Kärnten, Österreich

Im Moos

Jenisch wird nuvos mehr tibert
Jenisch wird nicht mehr gesprochen

„Im Moos“ – so auch der Titel des Romans – auf einem abgelegenen Flecken am Rande einer Kleinstadt im Süden Kärntens lebt eine Sippschaft der Jenischen. Angehörige des einst im Alltag da und dort noch sichtbaren Fahrenden Volkes der Hausierer und Händler, der Kesselflicker, der Scheren- und Messerschleifer, die sich von den Gatschi (den Nicht-Jenischen) abgrenzten, durch ihre Sprache, besser gesagt: durch den von ihnen verwendeten reichen Wortschatz, den keiner verstand und versteht außer sie selber, der jedoch nur untereinander verwendet wird und nicht im Gespräch nach außen, weil man sein Jenisch-Sein wie ein Geheimnis, für manche wie eine Schande hütet und verbirgt.

Sie sind nicht mehr verfolgt wie in den Zeiten des Nationalsozialismus, da sie als „Asoziale“ sogar in den KZ landeten. Ihre Kinder werden nicht mehr dem Familienverband entrissen und in Heimen weggesperrt. Aber sie sind nach wie vor Ausgegrenzte, auch aus der Geschichte der Verfolgung. Sie werden nie irgendwo erwähnt, nicht als Volksgruppe angeführt und anerkannt. „Jenisch wird nuvos mehr tibert“: Jenisch wird nicht mehr gesprochen, wie sie selbst sagen. Der Beruf des Hausierers ist in Zeiten der Selbstbedienungsmärkte auch auf dem Lande und der Versandkatalog-Einkäufe nicht mehr gefragt; ist unmöglich geworden, ein Anachronismus. Und so wie diese Berufe der Hausierer und Messerschleifer ausgestorben sind, so stirbt damit auch die Sprache und Kultur der Jenischen aus. Und es ist nur mehr eine Frage der Zeit und der Assimilation, wann das Jenische endgültig gepegert (gestorben) sein wird.

Eine junge Jenische hat die Geschichte ihrer Großfamilie aufgeschrieben, als Debutroman vorgelegt; und vorher mit dem Manuskript den ersten Preis bei dem schon sehr bekannten österreichischen Literaturwettbewerb (Amerlinghaus Wien) „Schreiben zwischen den Kulturen“ gemacht. In diesem Buch zeichnet sie sich selbst als Jenische und als Angehörige dieses großen Familienclans. Da ist zunächst der Patrus (der Vater), Janas Großvater, das Familienoberhaupt, früher ein Mordskerl, jetzt ein alter, kranker Mann. Dann seine Frau Josefine, die ewig mit dem Patrus Konratio in Streit ist, die mit der traditionellen Berufs- und Lebensform, ja mit dem Jenischen überhaupt nichts mehr zu tun haben will; die sich davon emanzipieren und ein „normales Leben“ leben möchte, von dem sie glaubt, daß dies auch für ihre Kinder und Kindeskinder besser wäre.

Es ist Weihnachten. Die Großfamilie hat sich versammelt. Alle sind da. Dreizehn Personen sitzen um den gedeckten Tisch; warten darauf, daß die Kerzen auf dem Christbaum angezündet werden. Alles in einem etwas chaotischen Durcheinander. So sind sie eben: alle ein wenig verrückt; aber jeder eine Persönlichkeit. Ein jeder hat seine Eigenheiten, auch seinen Dickkopf. Und jeder und jede hat ihre Geschichte. Und alle Geschichten zusammen ergeben die Familiengeschichte, die sich überschaubar über die letzten hundert Jahre erstreckt. Ein Familienstammbaum mit weit verzweigten Ästen und tiefen Wurzeln ist aufgezeichnet in diesem Buch. Man weiß nicht immer genau – vorallem am Anfang – wer nun wirklich wer ist. Die vielen Namen und Verwandtschaftsgrade sowie Zugehörigkeiten purzeln durcheinander, bis sie sich im Lauf der erzählten Geschichten klären. Hauptpersonen gibt es und Nebenakteure, auch Gatschi, die in die Familie eingeheiratet haben, wie der Mann von Jana, Pawel, der Kärntner-Slowene, der aber kein Slowenisch mehr kann, dafür aber ein Schriftsteller ist oder ein solcher werden will. Janas Bruder, Igor, wiederum ist musikalisch talentiert, er hat sogar die Musikschule abgeschlossen und gibt Unterricht. Er taugt aber – ebenso wie Jana – nicht zum Hausieren, hat nicht das Talent, an fremde Türen zu klopfen und fremden Leuten was aufzuschwätzen, ihnen die Ware anzudrehen. Jana selbst hat sich nach Reisen und Aufenthalten in anderen Ländern und einigem Herumprobieren – auch bei Männern – der Malerei zugewandt und in Pawel einen fixen Partner und mit dem gemeinsamen Kind Nana einen Ruhepunkt in ihrem unruhigen Leben gefunden. Die Unruhe ist es überhaupt, welche diese Personen treibt – in Abenteuer, in Liebschaften, ins Anderssein; so als würde diese Unruhe und dieses In-Bewegung-sein eben zum Jenischen gehören, als Wesensmerkmal und Charakterzug aufgrund einer jahrhundertelangen Prägung.

Alle haben sie aber nun doch in den einfachen, selbstgebauten Häusern, die nahe beisammen auf dem moosigen Grund stehen, den der Großvater von Josefine, also der Ur-Ur-Großvater von Jana mütterlicherseits, um 1900 beim Kartenspielen gewonnen hat, ein Zuhause, so etwas wie eine Heimat gefunden; eine Heimat unter sich. Die einen leben dort, Generationen übergreifend in der Familiengemeinschaft, die anderen, die auswärts arbeiten oder anderswohin gezogen sind, kehren immer wieder dorthin zurück, wo ihre Wurzeln liegen: im Moos. Alle haben sie eine enge Verbindung zueinander, auch wenn es oft turbulent und chaotisch zugeht, der eine schweigsam ist, die andere etwas hysterisch. Alle kennen einander und wissen, wie sie miteinander umzugehen haben. Denn das richtet sich nach so etwas wie einem Gesetz.

Ereignisse werden erzählt von dem und jenem, von der und einer anderen. Lebensgeschichten. Charaktere werden gezeichnet. Menschenbilder. So werden Zusammenhänge sichtbar und nachvollziehbar. Jana geht allem nach, spürt alles auf, hinterfragt das Geschehen und diese Menschen, ihre Leute, setzt sich damit auseinander, warum etwas so ist, wie es ist; und was dieses So-Sein begründet, begründet hat. Und sie tut das manchmal behutsam, dann wieder ungestüm, immer aber respektvoll und mit Liebe. Sie kommt diesen Menschen, sie kommt ihrer Familie – und damit auch sich selber – auf die Spur. Beziehungen und Bindungen über das bloß Familiäre und Persönlich-Emotionale hinaus entstehen, und damit ein anderes, tieferes Gefühl für das Leben; und ein Wissen und ein Verständnis.

Am Ende der erzählten Geschichte stirbt der Großvater. Man findet ihn, mit dem man kurz zuvor noch im Auto gefahren ist und geredet hat, vom Schlag getroffen im Vorhaus liegen. „Der Patrus ist gepegert“ (Der Vater ist gestorben) schreit seine Tochter ins Telefon. Und alle kommen. Halten Totenwache. Schwächen Gfunkten (trinken Schnaps). Beten. Verabschieden sich vom Toten mit Berührung, Kuß, Tränen, Worten, Schweigen. Dann wird der Tote aus dem Haus geschafft. Und plötzlich ist es so, als seien mit ihm als Familienoberhaupt, der alles ein Leben lang zusammengehalten hat, auch alle Familiengeschichten und mit ihnen zugleich die Substanz dieser Sippschaft gestorben. Jedenfalls gibt es wieder einen Jenischen weniger. Und alle wissen, was das bedeutet.

Es ist ein berührendes Buch; vielleicht gerade deshalb so sehr, weil hier ohne Pathos, sondern mit Humor, mit einem gewissen selbstironischen „Augenzwinkern“ erzählt wird. Alles in diesem Buch ist turbulent; und das bedeutet lebendig. Auch wenn hier von einer aussterbenden Kultur, von einem Volk, das im Verborgenem lebt (Ceija Stojka) erzählt wird. Dieser Debutroman ist keine Talentprobe einer Jungautorin, nein, das ist spannende und ausgezeichnet geschriebene österreichische Literatur.

„Im Moos“ von Simone Schönett. Roman. Publikation PN1/Bibliothek der Provinz.
Weitra, 2001. 123 Seiten. EUR 14,40,-


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Verlag Bibliothek der Provinz Großwolfgers/Weitra in Niederösterreich

Atsinganos (Die Unberührbaren)

Ein wichtiges Buch, ein berührendes Buch, ein großartiges Buch, ein gut geschriebenes Buch. Gerade durch seine Einfachheit und Schlichtheit; ohne jedes Pathos, obwohl es vom Leiden handelt, von der Stigmatisierung einer Menschengruppe, von Menschen, die vom nationalsozialistischen Rassenwahn zu „Untermenschen“, ja zu „Ungeziefer“ erklärt wurden, von burgenländischen Österreichern, von seit Jahrhunderten im Burgenland ansässigen Roma.

Ein Buch, in dem die schrecklichen Leidenstragödien bei den wenigen Überlebenden des auch an den Roma und Sinti verübten nationalsozialistischen Völkermordes, streiflichtartig erhellt, für kurze Zeit aufleuchten. Sie werden anhand von Einzelschicksalen der Überlebenden (von ca. 360 Personen nur ein Dutzend) aus der ehemaligen Oberwarter Roma-Siedlung geschildert, deren Familien systematisch ermordet worden waren. Dennoch sind diese Überlebenden in ihre Heimat zurückgekehrt, wo sie dann wiederum jahrzehntelang so wie vorher „ausgegrenzt“, d.h. gedemütigt, verachtet, entwertet, unerwünscht abgeschoben wurden, an den Stadtrand. Neben der rauchenden und stinkenden Mülldeponie, in miserablen Unterkünften mußten sie hausen, im sozialen Ghetto, im Elendsquartier, im Niemandsland; in einem neuerlichen harten und demütigenden Überlebenskampf. Das ist die Schuld des Mehrheitsvolkes, der Bevölkerung, der Stadt Oberwart, des Burgenlandes, der Regierung, überhaupt jene der Republik Österreich.

Ein Erinnerungsbuch, ein Gedenkbuch; in liebevollem Verbundensein mit dem eigenen Volk geschrieben. Das Buch eines zutiefst Betroffenen, auch durch den gewaltsamen Tod seines Sohnes infolge des Bombenattentats vom 4. Februar 1995. Die Großeltern samt ihren Geschwistern, Verwandten, Freunden waren in den Konzentrationslagern ermordet worden, der Vater hatte sechs Jahre in verschiedenen KZ überlebt. Alle Zurückgekehrten waren lebenslang Opfer der rassistischen Unmenschlichkeit und der erlittenen Leiden. Sie waren von schwersten Traumata aus ihrer KZ-Zeit stigmatisiert. Und das bestimmte ihr weiteres Leben. Da ist das, was mit dem Wort „Wiedergutmachung“ alles an Verlogenheit abdeckt wird, eine einzige Verhöhnung. Und jene, die einst beim Abtransport der etwa 360 Roma aus der Oberwarter Roma-Siedlung unter fanatischen „Heil-Hitler!-Rufen“ geklatscht und die Roma angespuckt hatten, die saßen „nachher“ noch immer genauso wohlbestallt und unbehelligt in ihren Häusern, in ihren Ämtern, an ihren Schreibtischen, an ihrem Arbeitsplatz; sie alle waren hochangesehene Bürger dieser Stadt. So wie das überall war. Der Krieg war zwar verloren, Millionen waren in den KZ umgebracht worden, aber das Nazi-Gedankengut und der Rassismus hatten überlebt und verbreiteten sich weiterhin wieder. Nein, ein neues Österreich wurde nicht aufgebaut, ein neues Österreich ist nicht entstanden, das gibt es bis heute nicht.

Das sind jetzt meine Gedanken, das ist mein Urteil. Der Buchautor spricht nicht direkt davon, er klagt nicht an, nein, er läßt diese Bitterkeit nur zwischen den Zeilen durchschimmern, sie kommt aber hoch, sie ist da in ihm, auch als Verstörung. Aber er rechnet nicht ab und keine Schuld auf. Er zeigt jedoch an den Einzelschicksalen und deshalb umso eindringlicher und berührender auf, wie dieses Ineinanderverwobensein von NS-Ideologie und gewöhnlichem Alltagsrassismus – im konkreten Fall gegen „die dreckigen Zigeuner, die der Hitler vergessen hat zu vergasen“ (so eine Stimme aus der Nachkriegszeit) – weiter bestand; und den Nährboden aufbereitete, auf dem dann die Briefbombenattentate eines Franz Fuchs geschehen konnten. Und doch erstarrt der Autor nicht in Verbitterung, sondern schreibt dieses Buch und ruft darin auf zur Versöhnung, weil er selbst ein bewundernswerter Versöhnungsmensch ist.


Kategorie: Erinnerungen