Philosophia von Iliazd

Philosophia: aus Liebe zur Hagia Sophia
Philosophia: aus Liebe zur Hagia Sophia

Philosophia: aus Liebe zur Hagia Sophia

Philosophia oder Philo Sophia: Die Handlung des vorliegenden Romans spielt in Konstantinopel in den Jahren 1920/21 als der Verfasser selbst dort lebte. Vom russischen Bürgerkrieg vertriebene Flüchtlinge überschwemmten die Stadt und es wurde sogar ein weiteres Vordringen der Roten Armee befürchtet. Aber auch Vertreter Aserbaidschans, Georgiens und die armenische Regierung tagten in jenen Tagen in Konstaninopel, ganz zu schweigen von den Griechen. Iliazd ist im Roman nicht nur der außenstehende, allwissende Erzähler, der mehr weiß als die Person Iliazd selbst, sondern auch der Protagonist Iliazd, der in die Wirren dieser Zeit eingebettet wird. Die „Verdoppelung gebrochener Persönlichkeiten“ ist ein Stilmittel der Erzählung, denn auch Alemdar wird plötzlich zu Sinejchina, dem Blauerblauen und man weiß bis zuletzt nicht, ob er ein reaktionärer Würdenträger des Istanbuler Islams oder ein Agent des Leninismus ist, wie auch Régis Gayraud im Nachwort schreibt. Den jahrhundertalten Traum, Großrussland wieder aufleben zu lassen, gab es übrigens tatsächlich, die Stadt sollte sogar in „Zargrad“ umbenannt werden, sobald der neue Kaiser wieder das Kreuz auf der Hagia Sophia errichtet und das christliche Byzanz wieder aufgebaut hätte.

Konstantinopel 1921: Kak s rusju oder kak srusju?

Tatsächlich hatte nämlich nicht nur England als Schutzmacht Interesse an Konstantinopel, sondern auch die Sowjetunion und in der Person Suwarows des Romans auch die USA: „Das Bild von Suwarow entsprach so genau den orthodoxen, einstudierten Formeln über die Persönlichkeit von am Krieg verdiendenen und deshalb in den Krieg treibenden Geschäftsleuten, dass man sich keine Gedanken über einen etwaigen Denkfehler machen musste.“ Aber Suwarow war Iliazd von Anfang an suspekt, weil er ihn mit Almosen kaufen wollte. Dabei wollte er ihn sich nur für seine schmutzigen Pläne nützlich und gefügsam machen. Doch Iliazd durchschaut bald, dass das angezettelte Komplott zur Eroberung der Hagia Sophia allein dazu dient, die russischen Flüchtlinge noch mehr in ihr unverschuldetes Elend zu stoßen. Auch wenn Iliazd seine Heimat eigentlich genauso hasst wie die Weisheit, will er doch helfen und man darf gespannt sein, was dem spitzfindigen Philosophen einfällt, um die Verschwörung der Kriegstreiber zu verhindern. „Philosophia“ ist nämlich nicht nur ein Roman, der die Philosophie und das damit verbundene Philosophieren liebt, sondern drückt auch seine Liebe zur Sophia aus, also zur Hagia Sophie, der größten christlichen Kirche nach dem Petersdom in Rom. Iliazd bedient sich dabei einer oft deftigen Sprache, etwa wenn er den Zuammenhang zwischen Onanie und Orthodoxie oder semantische Unterschiede zwischen geschriebenem und gesprochenem Russisch zum Besten gibt.

Iliazd, der futuristische Georgier bei Chanel

Ilja Sdanetwisch alias Iliazd alias Eli Eganbjuri lebte zwischen Oktober 1920 und November 1921 in Konstantinopel. In seiner Geburtsstadt Tbilisi/Georgien hatte er 1917 die Gruppe „41°“ gegründet, die sich lose mit den Dadaisten in Zürich oder den Futuristen vergleichen lässt. Sein Bruder Kirill war kubistisch-futuristischer Maler, der in Paris auch mit Picasso verkehrte, was auch für Iliazd Bedeutung hatte. Iliazd organisert ausschweifende Bälle inm Bohème-Viertel Montparnasse und entwirft Stoffdesigns für Chanel, die nicht unähnlich dem Grundriss der Hagia Sophia sind, denn diese hatte er selbst bei seinem Aufenthalt in Konstatninopel öfter gezeichnet. Gemeinsam mit Picasso gestaltete er aber auch bibliophile Bände, die von Matisse, Chagall, Max Ernst, Giacometti oder Miro gestaltet wurden. Von den 341 Seiten des Manuskripts fehlen etwa zwanzig Seiten aus dem Mittelteil und auch das 15. Kapitel, das aber auch einfach auf eine falsche Durchnummerierung durch den Autor selbst zurückzuführen sein könnte. Der Roman wurde nämlich auf die Rückseiten der großen grauen Kartons mit Schnittmustern für Chanelkleider geschrieben.

Iliazd aka Ilja Sdanetwisch
Philosophia
Aus dem Russischen von Regine Kühn
Mit einem Nachwort von Régis Gayraud und Anmerkungen von Sergej Kudracev, Régis Gayraud und Regine Kühn
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-95757-475-6


Kategorie: Historischer Roman, Humor und Satire
Verlag: Matthes & Seitz

Vintage. Eine Reise zum Blues

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vintage-9783257608120Der 25-jährige Thomas Dupré arbeitet in einem Gitarren-Shop in Paris als Aushilfe. Gitarren sind für ihn keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern „Waffen, an denen noch das Blut der Revolution klebt“, denn wie so viele seiner Altersgenossen, träumt auch Thomas davon ein Rockstar zu werden. Ein Vintage-Roman aus Frankreich? Da bekommt er eines Tages plötzlich das Angebot des Jahrhunderts: er soll für seinen Chef Alain de Chévigné eine Gitarre nach Inverness in Schottland liefern, denn der Käufer legt Wert auf Diskretion. Lord Charles Dexter Winsley – so sein voller Name – ist ein Gitarrensammler, der im mysteriösen Boleskine House nahe des Loch Ness, wo schon Aleister Crowley und Jimmy Page gewohnt haben sollen, mehrere Gitarren im Wert zwischen 300.000 und einer Million Dollar an den Wänden hängen hat, darunter etwa auch eine Les Paul Deluxe mit gebrochenem Hals zusammen mit einer Notiz „Für Charlie von Pete.“ Hervier macht damit eine zärtliche Verneigung vor Pete Townshend von The Who, der es bevorzugte, seinen Gitarren auf der Bühne den Hals zu brechen. „Man muss glauben, um zu sehen“, gibt Lord Winsley seinem neuen Schützling mit auf den Weg. Oder ist es etwa doch umgekehrt?

Vintage: „Sur la route de Memphis“

Der dritte Roman des französischen Schriftstellers aus Villeneuve-Saint-Georges hat alles was sich ein Leser wünschen kann. Er ist zugleich Roadmovie und Kriminalroman und so spritzig, frivol und elegant geschrieben, dass es eine wirkliche Freude macht, ihn von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchzulesen. Denn die Reise von Thomas Dupré führt von Schottland auch in den mystischen Süden der USA, dort wo der Blues einst geboren wurde und der eigentliche McGuffin der Story, die Gibson Moderne, einst hergestellt wurde. Denn Thomas muss für Lord Winsley Beweise für die Existenz dieser Gitarre finden, die ihm von einem Gitarrenbauer gestohlen wurde. Und von dieser Gibson Moderne soll es drei Stück gegeben haben, aber einzig ein Musiker aus der Nähe von Kalamazoo soll sie virtuos beherrscht und gespielt haben. Die Reise von Thomas Dupré ist auch eine Reise in den tiefen Süden der USA, die Sümpfe des Missisippi und in die Lebensbedingungen der Schwarzen in den Dreißiger Jahren, die in sog. Juke Joints ihrem einzigen Vergnügen nachgehen konnten: dem Blues.

Blues aus dem Bayou als Vintage

Virtuos geschrieben und voller Liebe zum Detail eröffnet Grégoire Hervier dem Leser die Welt des schwarzen Amerika mit Martin Luther King, den „Little Rock Nine“, James Meredith, der NAACP und dem legendären Robert Johnson, der damals, 1938, an der Kreuzung des Highway 61 und 49 seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Robert’s son Li Grand Zombi Robertson wird sogar exhumiert, aber die Details dazu sollte lieber jeder selbst nachlesen, denn die Geschichte ist haarsträubend witzig und voller Liebe zum Detail, ganz abgesehen von den erstaunlichen Sachkenntnissen, die Hervier über Gitarren im Allgemeinen und die Geschichte des Blues im Speziellen zu Protokoll gibt. Geschickt verknüpft Hervier Realität und Geschichte mit seiner Fiction, die so amüsant zu lesen ist, dass man auch sehr oft erleichtert auflachen kann, etwa über den White Trash Amerikas. Denn im 40. Todesjahr des King, darf natürlich auch der „King“ nicht fehlen, der in „Vintage“ eine Hommage in Form des Elvis-Imitators Bruce und seiner „The Bruce Pelvis Presley Band“ bekommt, als Thomas eine Spur in Memphis, Tennessee verfolgt. Einige Seitenhiebe auf das Pärchen Bruce und Shelby und deren europäische Geographiekenntnisse sowie die Lebensbedingungen des White Trash inklusive.

Die rasanteste Suche nach der Nadel im Heuhaufen – oder der Gitarre im Bayou – ist einer der wohl besten Rock`n´Roll Romane der Literaturgeschichte, voller Verve und dramatischer Schwingungen, ganz so wie die Gibson Moderne von Li Grand Zombi Robertson. Eine fulminante Hommage an einen Lebensstil.

Grégoire Hervier
Vintage
Roman
Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs
2017, Diogenes, 391 Seiten
ISBN: 978-3-257-07002-6

 

 


Kategorie: Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Humor und Satire, Kriminalromane, Roadtrip
Verlag: Diogenes Zürich

Belgravia

Belgravia von Julian Fellowes

Lady Mary ist glücklich, Lady Edith ist glücklich, Carson und Mrs Hughes auch, das vom Schicksal so gebeutelte Ehepaar Bates ist glücklich, wenn sie nicht gestorben sind und selbst Unter-Butler Thomas ist geläutert und belohnt. Alle sind glücklich, nur das Publikum nicht. Aus dem einfachen Grunde, dass eine der grandiosesten Fernsehserien der letzten Jahre zu einem unwiderruflichen Ende gekommen ist. Die Rede ist – natürlich – von Downton Abbey. Dieses einzigartige Vergnügen zu verdanken hatten wir in erster Linie Julian Fellowes, aus dessen Feder die epische Geschichte der Crawleys floss. Doch Abhilfe naht. Es gibt ein Trostpflaster und ein gar nicht mal so kleines:

Belgravia, der neue Roman des mittlerweile selbst in den Adelsstand erhobenen britischen Kultautors. Mit der Veröffentlichung wurden neue Wege beschritten. Belgravia ist als digitaler Fortsetzungsroman komponiert, eine Serie zum Lesen. In Deutschland wurde Belgravia seit Anfang Oktober digital in insgesamt 11 Folgen veröffentlicht und ist seit kurzem auch als kompletter Roman verfügbar, digital und klassisch.

Belgravia von Julian Fellowes

Belgravia ist seit dem Beginn der Industrialisierung der Londoner Stadtteil, der wie kein anderer für Luxus und adeligen Lebensstil steht. Dort leben Lady und Lord Brockenhurst, die ihren einzigen Sohn in der Schlacht von Waterloo verloren und deren Erbe nun der nichtsnutzige Neffe sein wird. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Oder besser gesagt, geschah. Denn es gibt ein Geheimnis, von dem sie lange nichts ahnen.

Die Geschichte um dieses Geheimnis nimmt seinen Anfang am Vorabend der Schlacht von Waterloo, in Belgien auf einem Ball der Herzogin von Richmond. Ein Ball, dem bis heute der Mythos des Legendären anhaftet. Auf der anderen Seite des Geheimnisses steht die Familie Trenchard, durch geschäftlichen Erfolg zu Geld und einem luxuriösen Lebensstil gekommen, allerdings nicht zu gesellschaftlichen Renommee. Denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts steht man erst ganz am Anfang einer Zeit, in der sich die adelige Gesellschaft von Belgravia mit der der Emporkömmlinge und abschätzig als Kriegsgewinnler bezeichneten Neureichen überschneidet. Der Großteils des Romans ist der Aufdeckung eben jenes Geheimnisses gewidmet, ein Geheimnis, dessen Aufdeckung die Lebenswege aller Beteiligten unwiderruflich verändern wird.

Wer an die Vielfalt des Downton Universums gewöhnt ist, wird auch hier nicht enttäuscht. Alles da, alles drin: Die prunkvollen Häuser, Teenachmittage, Dinnerpartys, die Bediensteten, die mal loyal, mal intrigant in das Leben ihrer Dienstherren eingreifen. Liebe, Hass, Ehrgeiz, Intrigen, Mordversuche. Fellowes lässt auch in Belgravia nichts aus, gewohnt historisch genau, detailverliebt – nur, dass man sich den Film zum Geschehen diesmal selbst vorstellen muss. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Eine der Nebenwirkungen der Veröffentlichung in Episoden ist das Geühl, ein fast fertiges Drehbuch zu lesen.

Zunächst einmal profitiert aber der Roman davon, dass das Buch nicht in klassischen Kapiteln, sondern episodisch erzählt wird. Befreit von üblichen Kapitelbögen kann sich die Dynamik der Geschichte bestens entfalten, die Erzählung hat eine stark vorwärts treibende Kraft und lässt genug Platz für die von seinem Publikum so geliebte detailgetreue Zeichnung des Settings. Gleichzeitig liegt darin aber auch die Schwäche des Romans. Die Episoden konzentrieren sich zu sehr darauf, die Entwicklung der Geschichte voranzutreiben und vernachlässigen die Entwicklung der Charaktere.

Die handelnden Personen kommen über eine eindimensionale Ebene nicht hinaus, sie bleiben entweder grundgut oder unauflösbar böse. Die Entwicklung und Vielschichtigkeit der Charaktere war auch ein Grund mit für den enormen Erfolg von Downton Abbey und wird in Belgravia schmerzlich vermisst. Dennoch ist die Geschichte schön zu lesen, ein guter Schmöker für trübe Herbsttage und ein Trost für die trauernde Downton Abbey Fangemeinde. Denn in einem bleibt Fellowes sich treu. Die Zeit, eine Moral von der Geschicht‘ zu vermitteln, hat er sich genommen: Belgravia zeigt, wirkliche Liebe überwindet alle Hürden.


Kategorie: Belletristik, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Romane
Verlag: C. Bertelsmann München

Fremde Gäste

Fremde Gäste

1922, London im Jahr 4 nach dem Ende des ersten Weltkriegs: Die Stadt ist geprägt von sozialen Unruhen, die hermetisch in Klassen abgeriegelte bürgerliche Welt ist im Umbruch. Im vornehmen Süden der Stadt sitzt die alte Mrs. Wray in einer hochherrschaftlichen Villa, die sie kaum noch halten kann. Ihre Söhne sind gefallen, ihr Mann vor Gram und Kummer verstorben, nicht ohne vorher noch das Familienvermögen durch gewagte Investitionen verschleudert zu haben. Geblieben ist ihr nur Tochter Frances, die auf dem besten Weg ist, eine alte Jungfer zu werden. Die beiden Damen müssen ohne Dienstboten auskommen, Frances übernimmt alle Arbeiten im Haushalt und seien sie noch so niedrig. Während die Mutter vor Scham vergeht, scheint es, als ob Frances sich mit der Fron für etwas selbst bestraft.

Fremde Gäste Die Damen Wray sehen sich in ihren schwierigen finanziellen Verhältnissen gezwungen, Mieter aufzunehmen. Ein junges Paar aus der Arbeiterklasse, Lilian und Leonard, zieht ein. Scheinbar modern sind sie, ausgelassen und jung, sie glauben an eine bessere Zukunft. Mit ihnen verändert sich alles, nicht nur die mühsam gewahrte Ruhe und Routine im Haus. Wecken Lilian und Leonard zunächst nur die Neugier der Damen Wray, üben beide bald schon auf Frances eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Sie zwingen sie, ihre eigenes Leben und einiges aus ihrer gar nicht so unbeschriebenen Vergangenheit neu zu überdenken. Hat sie ihre Verarmung, ihren Rückzug in traditionelle Werte und Pflichten nicht als eine Art Schutzschild mißbraucht?.Dazu kommt vor allem Leonards zupackende Art, mutig und ehrgeizig im Leben voranzukommen, die Frances zeigt, dass es auch in und an einem selbst liegt, was man aus seinem Leben macht.

Doch niemand hätte am Anfang gedacht, wie weitreichend und wie verheerend die Folgen wachsender Vertrautheit zwischen Frances und dem Paar seien könnten. Denn Frances will direkt etwas, was für die damalige Zeit undenkbar und unerhört ist und das führt schließlich zu dem sich entfaltenden Drama. Die Spannungen im Haus gipfeln in einem tödlichen Streit, der letztlich eine schwer vermeidbare Folge der neuen Ordnung und ihrer Möglichkeiten war. Ab diesem Punkt entwickeln die Ereignisse ein Eigenleben, es ist fast ein Schneeballsystem, das Lilian und Frances in Gang setzen. Die Frage ist zum Schluß nur noch, werden sie die Letzten sein in diesem System oder doch diejenigen, die damit durchkommen?

Mehr soll hier an dieser Stelle nicht verraten werden, denn Sarah Waters erzählt über fast 600 Seiten zwar eine fesselnde Geschichte, doch die Spannung speist sich hauptsächlich aus ihrer Erzählkunst. Der eigentliche Plot wirkt zusammengefasst betrachtet recht banal, aber Waters macht aus der zugrunde liegenden Situation, dem Verlust des Schutzes der Klassenzugehörigkeit, eine quälend spannende von Zärtlichkeit und Leidenschaft getragene Sozialstudie.

Waters große Kunst liegt in ihrer Detailgenauigkeit, man könnte fast sagen, Detailversessenheit. „Fremde Gäste“ ist ein minutiös aufbereitetes Kostümdrama in Schriftform, die Genres Krimi, Justizdrama und lesbischer Liebesroman als unerwartete, aber unerschrockene Beigabe dazu gemischt. Spannender als der eigentliche Plot ist die Schilderung der Atmosphäre, der Milieus im Nachkriegslondon aus weiblicher, noch dazu aus lesbischer Sicht. Eine Perspektive, ein Aspekt, über den man niemals in Geschichtsbüchern lesen wird. Genauso wie man in Geschichtsbüchern auch nie mit akribischen Schilderungen des Alltags und der Anstrengungen, die es kostet, den Schein bürgerlicher Ordnung wenigstens notdürftig aufrechtzuerhalten, konfrontiert wird. Als reine sachliche Beschreibung wäre dies wohl auch langweilig, aber eingebettet in den Kontext einer Romanhandlung entfalten gerade diese Teile des Romans einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Waters läßt sich viel Zeit, ihre Erzählung zu entfalten, aber es wird an keiner Stelle langweilig. Ein wenig erinnert ihre Erzählweise an die vielgelobten Serien wie Mad Men oder Downton Abbey, deren besonderer Reiz auch in der detailverliebten Zeitbeschreibung liegt.

Sarah Waters lässt mit den fremden Gästen eine verschwundene Epoche wiederauferstehen, mehr noch, sie zeigt die verborgenen Leben, die in dieser Epoche existiert haben und von denen man sonst ganz sicher nie etwas erfahren hätte. Dabei sind beide Milieus, sowohl das Arbeitermilieu als auch das der bürgerlichen Klasse akribisch genau rekonstruiert. Ihre Charaktere sind bis in die kleinste Nebenrolle scharf konturiert und durchweg glaubwürdig, wenn auch nicht immer sympathisch. Ein bißchen ins Lächerliche gezogen sind die Rollen der später hinzukommenden Polizei-Bediensteten, da wäre eine schärfere satirische Abgrenzung nicht verkehrt gewesen, um den teils arg an den Haaren herbeigezogenen Konstruktionen milde begegnen zu können.

Sarah Waters ist eine in Großbritanien sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Bekannt wurde sie mit Tipping the velvet, einem Roman, der auch sehr erfolgreich als Fernsehserie adaptiert wurde. In Deutschland ist sie eher einem Nischenpublikum bekannt. Leider wird sie oft auf die Rolle einer Autorin lesbischer Liebesromane reduziert, was ihrem Gesamtwerk meiner Meinung nach ganz und gar nicht gerecht wird. Um für mich zu sprechen: Ich persönlich bin ganz grundsätzlich kein großer Freund von reinen Liebesromanen, gleich welcher sexueller Ausrichtung. Aber ich lese sehr gerne Gesellschaftsromane und Sarah Waters beherrscht dieses Genre ganz eindeutig sehr gut.Ich würde daher die Beschreibung Autorin gut auserzählter und recherchierter Gesellschaftsromane, die (nicht immer) auch lesbische Themen behandeln, bevorzugen.

Auch in Fremde Gäste ist die lesbische Komponente für die Handlung nur insofern entscheidend, als sie die Außenseiterposition klärt und die zu dieser Zeit herrschende Moral literarisch einfängt, es ist keineswegs das entscheidende Merkmal des Romans. Was ich im übrigen gerade sehr gekonnt finde und was mit ein Grund dafür ist, diesen Roman uneingeschränkt zu empfehlen. Zumindest all jenen, die ebenfalls gerne episch lesen.


Kategorie: Historischer Roman, Kriminalromane, Romane
Verlag: Bastei Lübbe

Piratinnen: Das ruchlose Leben der Anna Zollinger

PiratinnenAnna Zollinger wächst zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Tochter eines Seidenhändlers am Zürichsee auf. Sie ist rebellisch und unbeugsam. Ihre Stiefmutter schickt sie ins Kloster nach Rüti, wo sie abscheuliche Dinge erlebt und den Glauben verliert. Sie brennt mit einem deutschen Pilger durch, der aus Eifersucht einen Reisläufer erschlägt und fliehen muss. Anna trifft auf die attraktive Dirne Brida, mit der sie zusammen lebt und erste Diebeszüge unternimmt. Die beiden begegnen einer Fischerstochter, mit deren Boot sie auf dem Zürichsee Handelsschiffe überfallen. Eines Tages entern sie ein Boot, das sie bereits einmal überfallen hatten. Dessen Besatzung erkennt die Frauen, und es kommt zu einem tödlichen Handgemenge. Es sollte nicht das letzte gewesen sein.

Tja eigentlich brauche ich gar keine Rezension mehr zu schreiben denn viel mehr gibt es zu diesem Buch auch fast nicht zu sagen. Ich habe noch nie erlebt dass ein Klappentext so viel über den Inhalt eines Buches aussagt/preisgibt wie hier. Anna hat in Ihrem Leben wahrhaftig viel erlebt und auch viele, schlimme Dinge ertragen müssen aber der Autor hat sich dazu entschlossen diese ganzen Ereignisse und Schicksalsschläger im Zeitraffer durch zu knüppeln.

Ich stehe total auf ausschweifende Geschichten in Form von dicken Schmökern, bei denen man sich richtig in die Figuren hineinversetzen, mit ihnen mitfiebern kann und sogar das Gefühl hat mit Ihnen auf Reisen zu sein aber leider ist das hier absolut nicht der Fall.

Das schlechte Verhältnis zu Ihrer egoistischen und heimtückischen Stiefmutter, der Aufenthalt im Kloster und die damit verbundenen Qualen aus Missbrauch und Prügel, die kurze Liebe zu einem Pilgerer, die romantische Beziehung zu einer Hure, der Einstieg in das Leben als Gesetzlose und die Rache am Kloster, das alles packt der Autor auf gerade einmal 280 Seiten. Er hetzt geradezu durch die Geschichte, ich hatte das Gefühl dass er möglichst viel Abwechslung rein bringen möchte, erreicht damit aber nur Oberflächlichkeit.

Man bekommt keinen richtigen Draht zu den Figuren und hat teilweise wirklich das Gefühl eine Zusammenfassung und keine komplette Geschichte zu lesen. Der Autor hätte entweder mehr Herzblut in die Geschichte legen und sie wesentlich intensiver erzählen sollen, oder er hätte ein paar Stationen in Annas Leben einfach weglassen sollen um den anderen Stationen dafür wesentlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Weniger ist halt manchmal mehr, das wird hier wieder einmal ziemlich deutlich. Mich hat das Buch jedenfalls nicht wirklich gefesselt und ich war auch nicht traurig als ich es durch hatte, was bei guten Büchern sonst oft der Fall ist.

Leider kann ich dieses Buch nur als mittelmäßig einstufen, obwohl man bestimmt einiges aus der Geschichte hätte machen können.

Kann man lesen, muss man aber absolut nicht…


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: novum premium

Was wir nicht wussten

Waswirnichtwussten

WaswirnichtwusstenDa traut eine Autorin sich aber was. Mit „Was wir nicht wussten“ legt die Amerikanerin TaraShea Nesbit ein ganz erstaunliches Debüt vor. Sie wagt sich an ein totgeschwiegenes Thema und nutzt dafür eine überaus seltene literarische Form.

Ihr Thema ist das Manhattan Project: Während des zweiten Weltkriegs schickten die Amerikaner Tausende Physiker und Techniker in die Wüste, nach Los Alamos. Ihr geheimer Auftrag: Der Bau der Atombombe. Mit den Wissenschaftlern kamen ihre Frauen und Kinder. Sie kamen von überall auf der Welt und ihre Gemeinsamkeit bestand in einem Geheimnis, welches sie selbst nicht kannten. Zwar brauchten sie nicht um an der Front stationierte Männer bangen, doch diese relative Sicherheit bezahlten sie mit einem improvisierten Leben hinter Stacheldraht. Die Geheimhaltung war absolut und durchdrang alle Aspekte ihres Lebens. Namen wurden geändert, Kontakte zu Familien und Freunden rigoros unterbrochen. Ihr Alltag definierte sich nur durch das , was sie nicht tun konnten. Briefe, die sie nicht schreiben durften, Freiheiten, die sie nicht mehr hatten, Dinge, über die sie nicht reden durften, Fragen, die nicht gestellt werden durften, nicht einmal Mutmaßungen waren gestattet.

Und doch oder gerade deshalb etablierte sich in der unwirtlichen Gegend, der im Nichts aus dem Boden gestampften Forschungsstadt eine Gemeinschaft. Man zog in identische olivgrüne Häuschen, kämpfte mit Wasserknappheit und um das Privileg einer Badewanne. Freundschaften entstanden, Kinder wurden geboren, der Alltag behauptete sich, man feierte Partys, lernte Klavierspielen und Reiten. Es waren vor allem die Frauen, die zusammenwuchsen, während ihre Männer an einer bis heute unvorstellbaren Zerstörungskraft arbeiteten. Erst als im Sommer 1945 Hiroshima und Nagasaki dieser Zerstörungskraft zum Opfer fielen, begriffen die Frauen, woran ihre Männer gearbeitet hatten. Und sie wussten, dass sie es aller Geheimhaltung, allem Bemühen um Normalität zum Trotz schon immer gewusst hatten.

An dieser Stelle endet die Erzählung. Was aus den Frauen, aus den Familien wurde, wie sie mit diesem Wissen weiterlebten, ist nur eine der vielen Fragen, die dieser erstaunliche Roman aufwirft. Man erfährt gerade so eben noch, dass bei aller Unfasslichkeit doch auch ein hoffnungsvoller Gedanke durch die Köpfe der Frauen ging, der fromme Wunsch, dass nun endlich alles vorbei sein könnte. Neben allem anderen Entsetzen entsetzt auch diese Erkenntnis: dass zu jeder schrecklichen, grausamen Tat eben auch die Menschen gehören, die diese umsetzen und am Randgeschehen ihre Familien.

TaraSheaNesbit erzählt von den drei Jahren in Los Alamos als einer unwirklichen Zeit . Was ihren Roman so berührend macht, ist die Tatsache, dass er auf historischen Ereignissen beruht. Sie erzählt von Geschehnissen, die bis heute von Mythen und Geheimhaltung umrankt und schwer zu begreifen sind. Wie sehr diese Zeit im Nebel des Mythos verschwunden ist, wieviel Recherchearbeit nötig war, um wahrhaftig zum Kern vorzustoßen, lässt die Danksagung am Ende des Romans erahnen. Wie sie diese Schicksale und die Ausnahmesituation schildert, ist dabei erstaunlich spröde und distanziert. Sie erzählt nur Bruchstücke, es gibt Dutzende Personen, deren Schicksal man nur streift. Doch Tara Shea Nesbit schafft es, in einem einzigen Satz eine ganze Geschichte zu erzählen. Ihr eigenwilliger Stil entfaltet einen sehr besonderen Sog, dem sich der Leser nur ganz schwer entziehen kann.

Ausgesprochen ungewöhnlich ist die Form des Erzählers. So wie es im gesamten Buch nicht DIE eine Hauptperson gibt, so gibt es auch nicht DIE eine Erzählerin. Erzählt wird durchgehend in der 1.Person Plural. Sehr ausgefallen, sicher auch nicht leicht zu erlesen. Und ganz sicher nicht jedermanns Fall. Lässt man sich aber darauf ein, ist es toll. Nicht nur, weil es anders ist. Wahrscheinlich ist es gerade die literarisch so ungewohnte Wir-Form, welche den Sog des Buches ausmacht. „Wir kamen als Jungvermählte oder im verflixten siebten Jahr“, heißt es, „manche von uns waren noch nicht US-Bürgerinnen; wir kamen aus Feindesland, aus Deutschland, aber wir waren nicht der Feind“. „Unsere Kinder logen wir an; wir packten, behaupteten wir, um den August bei den Großeltern zu verbringen oder wir sagten, wir wüssten nicht, wo es hinging, was ja auch stimmte oder wir sagten, es handle sich um ein Abenteuer“ oder oder oder. Oder ist das meistgebrauchte Wort in diesem Roman, das Wort, welches den Leser immer wieder an die Hand nimmt und ihn gleichzeitig bei der Stange hält, weil er erfahren will, wo der nächste Weg hinführt.

Man kommt keiner einzelnen Frau, keiner einzigen Familie wirklich näher, ist aber tief berührt von den Geschehnissen. Das „oder“ und die „Wir-Form“ arbeitet die Unterschiede zwischen all den Frauen genau heraus, zeigt aber so die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der Gemeinsamkeiten. Glasklar erkennt der Leser, dass es Situationen gibt, die man nur gemeinsam bestehen kann, auch wenn man dennoch alleine bleibt im tiefsten Inneren. An keiner Stelle wertet die Autorin die Geschehnisse oder die Gefühle der Frauen. Das überlässt sie dem Leser. Gerade dadurch aber wirkt das Buch lange nach.

Ich fand das Buch ohne Wenn und Aber großartig und habe es relativ gierig gelesen. Dennoch ist der Stil der Autorin ausgesprochen gewöhnungsbedürftig und ganz sicher nicht jedermanns Fall. Meine Empfehlung: Leseprobe runterladen und wenn man mit dem Stil klar kommt, unbedingt weiterlesen. Dann gehört dieser Debütroman zu den Büchern, die man nie mehr vergisst. Man muss sich aber darauf einlassen.

TaraShea Nesbit ist Dozentin für Creative Writing an der University of Denver und der University of Washington. Texte von ihr erschienen bisher lediglich in zahlreichen Literaturzeitschriften. Die Geschichte der Frauen von Los Alamos ist ihr erster Roman.Die Handlung beruht auf historischen Ereignissen.


Kategorie: Historischer Roman, Romane
Verlag: dumont Köln

Der Schatz des Herrn Isakowitz

Der Schatz des Herrn isakowitz, Danny Wattin Jede Familie hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Geheimnisse, so sagt man. Der schwedische Autor Danny Wattin kannte die seiner Familie lange nicht. Kam das Thema zur Sprache, hieß es immer „Das willst Du nicht wissen“ oder auch „wir hatten keine Kindheit“. Seine Verwandten waren ihm immer ein Rätsel, waren sie doch so ganz anders als die pragmatischen Schweden und im Vergleich zu diesen geradezu übergeschnappt.

Lange wusste er nicht einmal, dass all die Leute, die zu den Familientreffen kamen, gar keine Verwandten, sondern Leidensgenossen aus dem Konzentrationslager Dachau waren und wie seine Großeltern jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland mit an Dramatik kaum zu überbietenden Lebensgeschichten. Die Familie war ihm ein Rätsel, das er unbedingt ergründen wollte. Die Einzige über die Jahre eifrig weitergestrickte Familienlegende kündete von einem Schatz, den Ururgroßvater Hermann Isakowitz dareinst vergrub, bevor er im besetzten Polen von den Nazis ermordet wurde.

Es war Danny Wattins Sohn Leo, der den Stein schließlich ins Rollen brachte. Mit der Selbstverständlichkeit eines Siebenjährigen erkannte er das Offensichtliche: „Wenn man von einem Schatz weiß, muss man ihn ausgraben“. Logisch. Und damit beginnt eine abenteuerliche Unternehmung und eine unvergeßliche Reise. Danny Wattin macht sich mit seinem Sohn und seinem Vater auf. Bewaffnet mit einer Unmenge Butterstullen, einem uralten Straßenatlas und Opas hochmodernem Navi reisen sie nach Polen, in die Stadt Kwidzyn, der einstigen Heimat der Familie, wo der Schatz vergraben sein soll. Es wird ein Roadmovie der Generationen, in dessen Verlauf sich nicht nur die Bilder der Famkiliengeschichte klären.

Der Schatz des Herrn Isakowitz ist ein Dokumentar-Roman mit stark autobiographischen Zügen. Die Reise hat es wirklich gegeben sowie die Menschen, deren Geschichten Danny Wattin in Rückblenden erzählt. Es sind Geschichten, die sowohl in Schweden als auch in Deutschlang selten erzählt wurden. Von Schweden weiß man eigentlich nur, dass es im Krieg Neutralität bewahrt hat. Eine Neutralität, die Vielen auch zum Verhängnis wurde. Andererseits – so konstatiert Sohn Leo trocken – „sei es ja auch ganz gut gewesen, dass die Schweden so feige waren“. Somit mussten zumindest sie nicht kämpfen und eben auch nciht sterben. Eine Erkenntnis, der viele ähnliche folgen in diesem Buch. Denn je näher man sich etwas anschaut, desto weniger offensichtlich wird das, was es erzählt.

Danny Wattins Buch setzt historische Kenntnis voraus, allerdings nur in einem Rahmen, der den Meisten geläufig sein dürfte. Er berichtet weniger explizit von den Gräueltaten, die seine Familie und ihre Freunde durchlebten als davon, was diese Taten aus den Menschen gemacht haben. Was die Gräuel umso wahrhaftiger und schrecklicher erscheinen und den Leser schnell Empathie und Mitgefühl entwickeln lässt. Empfindet man die Verwandschaft zunächst als versponnen und zumindest im Ansatz nervtötend, findet man sie und ihre Schrullen auf einmal nur noch liebenswert.

Danny Wattin vermittelt aber auch, was viele aus der Enkelgeneration immer noch spüren: Wie sehr das, was unsere Vorfahren durchlebten, uns prägt. Die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration und wie die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs und des Holocaust bis heute in den Familien nachwirken – es ist dies ein Thema, von dem in der letzten Zeit öfter zu hören und zu lesen ist. Danny Wattin findet im „Schatz des Herrn Isakowitz“ die warmherzigsten Zeilen, die ich dazu bisher gelesen. habe. Traurig, ergreifend und zwischendurch auch immer wieder liebenswert, charmant und lustig ist dieses Buch gleichermaßen demütig wie stolz. Es ist ein Buch, das Ehre versteht und Ehre erweist. Ein Buch, das man mit Tränen in den Augen und einem Schmunzeln auf den Lippen liest.

„Der Schatz des Herrn Isakowitz“, ist das vierte Buch des in Uppsala lebenden, 1973 geborenen Schriftstellers und das Erste, welches auch in Deutschland erschienen ist. Seit mehr als zwanzig Jahren befragte und interviewte er seine Verwandten und ihre Freunde zu ihren Geschichten. Genauso lange hegte er auch den Wunsch, diese zu erzählen. Doch er musste erst älter werden und vor allem auf diesen MehrGenerationen-Roadtrip gehen, um wirklich verstehen zu können. Er führte während der Reise ein Tagebuch, welches ihm nun einen würdigen Rahmen gab, um die anvertrauten Geschichten schlüssig und stimmig zu erzählen..

Was auch immer die Drei auf dieser Reise gefunden und welchen Schatz auch immer sie nun gehoben haben, es sei hier nicht verraten. Nur soviel: Seit dieser Reise wissen Leo, sein Vater und sein Großvater genau, was ein Schatz ist und wie man ihn behüten muss. Und ganz sicher ist dieses Buch, dass er allen Überlebenden gewidmet hat, ein echter Schatz, den man nur wünschen kann, dass möglichst viele ihn aus dem Dickicht der Bücher zu diesem Thema zu heben vermögen.

Kommentare zu dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift 


Kategorie: Historischer Roman

Ein Diktator zum Dessert

Ein Diktator zum Dessert

Rose liebt gutes Essen, Sex und Rockn’Roll, jungen Männern blickt sie nur zu gerne hinterher und wenn sie sich nicht gerade unter dem reizenden Nickname „rollige Mieze“ auf Datingportalen herumtreibt, bekocht sie tout Marseille in ihrem Restaurant am Hafen.

Das alleine wäre noch nicht besonders, wenn da nicht ihr biblisches Alter wäre. So manches ihrer Rezepte hat sie bereits vor 100 Jahren erlernt, denn sie selbst blickt auf stolze 105 Jahre zurück. Das hindert sie aber nicht daran, ihren Colt immer griffbereit an der Frau zu tragen. Nicht etwa, weil sie Angst hätte. Rose hat vor nichts und niemanden Angst. Sie hat ein mörderisches Jahrhundert überlebt, ihr Leben gleicht einem Extrem-Ritt durch blutrünstige Epochen. Den Genozid an den Armeniern, die Terrorherrschaft der Nazis, den Exzeß des Maoismus – immer und überall war unsere Rose durch einen mal mehr, mal weniger glaubwürdigen Zufall nach dem anderen mittendrin. Das einzige, worauf sie nun noch sinnt, ist Rache. Daher der Colt. Eines Tages erhält sie eine rätselhafte Todesanzeige. Der von Rose mit Nachforschungen beauftragte Nachbarsjunge ist pfiffig genug, das Rätsel zu lösen, findet allerdings auch noch andere Geheimnisse heraus. Wird Rose erzählen, wieso sie 1942 und 1943 unauffindbar war und vor allem, welchen Diktator sie zum Dessert verspeiste?

Soweit zum Inhalt. Manch einer wird zurecht aufmerken und ein Deja-Vu vermelden. Noch in der Einleitung des Romans beleuchtet der Autor sein Sujet selbstironisch, indem er seine Protagonisten folgenden Dialog führen lässt: „Einen Arbeitstitel habe ich auch >Meine ersten hundert Jahre< , „Guter Titel. Die Leute lieben Hundertjährige. Dieser Markt wächst im Moment rasend schnell.“ Das war es dann leider allerdings auch schon mit der Selbstironie. Das Gefühl, dass da ein Autor bewußt auf einen Erfolgszug aufgesprungen ist, verläßt einen von da an nicht mehr. War etwa der hundertjährige Fensterspringer in Frankreich nicht so erfolgreich und dachte sich da der in Frankreich für seine kontroversen Schriften bekannte Autor Franz-Olivier Giesbert, es wäre eine gute Idee, der Grande Nation ihre eigene hundertjährige Lichtgestalt zu geben? Wie auch immer – die selbst errichtete Meßlatte ist zu hoch. Was wohl in erster Linie der Hauptfigur geschuldet ist.

Man würde Rose gerne mögen, aber der Funke springt nicht über. Sie wirkt in allem zu aufgesetzt und übertrieben, dazu seltsam holzschnittartig. Nicht einmal für Mitleid reicht es, dafür hat Rose einfach von allem den berühmten Tacken zuviel. Vor allem von Opportunismus, der weit über den von ihr beschworenen Pragmatismus hinausgeht. So sorry, aber ein Diktator ist eben nichts, was man mal so eben zum Dessert weghappst. Auch über die Flatulenzen des „GröFaz“ haben sich schon andere wesentlich gekonnter lustig gemacht. Und zwar ohne überflüssigerweise zu versuchen, Sympathien für „den Mensch hinter den Gräueltaten“ zu erwecken. So nimmt es nicht Wunder, dass eine Salamanderdame stets ihre einzige Freundin bleibt. Schwer vorstellbar, dass irgendjemand sonst Rose zur Freundin hätte haben wollen. Vor allem auch, weil es bei Rose noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Sie hat ihr Leben nach der Maxime „Fehler verzeiht man am schnellsten, wenn du sie gar nicht erst zugibst“ ausgerichtet. Das galt aber ausdrücklich nur für ihre eigenen Fehler. Der Umkehrschluß – Vergebung – ist für sie vollkommen undenkbar, Rache ist die einzige Gerechtigkeit, die für sie zählt.

Einem großen Irrtum unterliegt sie auch, wenn sie sagt „In der Vergangenheit hätte ich mehr als genug Grund gehabt, mein Schicksal zu beweinen, aber ich habe mich stets dagegen gewehrt„. Dieser Satz wird nicht richtiger, je gebetsmühlenartiger sie ihn wiederholt. Das Einzige, wogegen sie sich gewehrt hat, war das Weinen. aber während das Schicksal ihr geschah, hat sie sich oft genug einfach nur geduckt und ist mit dem Strom geschwommen. Um Ausreden nie verlegen. Eigentlich weiß sie, „Das Glück wird uns nicht geschenkt, man muss es erzeugen,„-  aber für ihr Unglück macht sie ihr wechselvolles Schicsal und nie sich selbst verantwortlich. So bleibt das Einzige, was Rose vermittelt Chuzpe und unbedingten Überlebenswillen. Sie zahlt einen hohen Preis dafür, aber zugeben wird sie das nie.

So sehr es den Figuren des Buches auch an Tiefe mangelt, auf der sachlichen Ebene leistet der Autor Überzeugungsarbeit. Die übermittelte Historie geht genug in die Substanz, um Überzeugungsarbeit zu leisten, aber nicht so en detail, dass es langweilig würde. Die „große“ Geschichte vermittelt er überzeugend, sicher ist es auch ein großer Verdienst, den weitestgehend vergessenen Genozid an den Armeniern zu thematisieren. Seine Liebe zu historischer Korrektheit zeigt sich auch im für einen Roman sorgfältig zusammengestellten Glossar am Ende des Buches. Aber die „kleine“ Geschichte, Rose‘ Geschichte bleibt blutleer und ist einfach zuviel des Guten. Weniger wäre da mehr gewesen. Franz-Olivier Giesbert hat eigentlich einen wunderbaren leichten, lockeren Schreibstil. Sein Buch ist gut strukturiert und klar aufbereitet, nie ist der Leser irritiert, er weiß immer, wo er sich befindet, obwohl das Buch zwischen etlichen Zeitzonen und Orten hin-und herspringt. Es krankt aber daran, dass der Autor sich nicht zwischen Tragik und Komik entscheiden kann. So verliert sich manches Kapitel in übertriebener Coolness. Ganz offensichtlich fällt es ihm nicht leicht, rüden Tonfall zu prononcieren, nachgerade wirkt es fast so, als sei ihm der in Dialogen verwendete Straßenslang peinlich.

Der Autor ist in Frankreich eine bekannte Medienpersönlichkeit. Als Journalist, Kolumnist, Fernsehmoderator und Autor ist Giesbert in Frankreich oft Tagesgespräch, nicht zuletzt berühmt durch seine scharf gezeichneten Enthüllungs-Porträts der Präsidenten Chirac und Mitterrand. Doch welche Motivation ihn zu „Ein Diktator zum Dessert“ trieb, erschließt sich nicht. Politisch inkorrekt zu sein alleine reicht nicht für Witz und verhindert in diesem Fall auch nicht, dass Etliches zu weichgezeichnet und verharmlost daherkommt. Oder wollte Giesbert das Jahrhundert der Massenmörder anhand einer Protagonistin begreiflich machen, die auf den ersten Blick harmlos daherkommt, auf den zweiten aber letztendlich auf einer Stufe mit diesen steht? Was auch immer ihn getrieben haben mag, man bleibt mit einem Gefühl der Irritation zurück. Und was die Hundertjährigen angeht: Um an Jonassons Held heran zukommen, fehlt dann doch vielleicht die Prise Wahnsinn.

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift 


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Carl´s Books

Schnee im November

Schicksal und Menschenbild
Zu Peter Ebners Schubert-Roman

Und er läßt es gehen Alles, wie es will.
(Der Leiermann, ,,Winterreise“)

Kaum erschienen, ist das Buch auch schon fast wieder vergriffen. Eine neue Auflage steht bevor. Das spricht für den Erfolg dieses Romans. Das spricht für den Erfolg des Autors. Doch ist dieser Erfolg auch schon gleichzeitig ein Nachweis für Qualität? Notgedrungen und von vornherein nicht. In diesem Falle aber, so meine ich, ergibt sich der Erfolg aus einer im Werk vorhandenen Qualität. Und worin besteht nun diese? Ich meine: In der eindringlichen, einfühlsamen, grundlegenden Art, wie Peter Ebner an dieses schwierige Thema herangeht; in der Fähigkeit kluger Beschränkung auf die einfache Schilderung des linear ablaufenden Geschehens während der letzten Lebenstage Franz Schuberts; in der Konzentration auf die innere Dramaturgie der Konstellation von Innen- und Außenwelt des ganzen Ereigniskomplexes; in der subtilen, einfühlsamen Psychologie und sprachlichen Ausgereiftheit dieser Erzählkunst, die Erinnerung, Phantasie, Erleben und Traum zu einem sprachlichen Kunstwerk von großer Schlichtheit verdichtet, wobei Peter Ebner den Leser zwar ins Geschehen miteinbezieht, ihn aber doch immer in einer gewissen Distanz zum Geschilderten hält, so als sei hinter dem ganzen Werk der Wille spürbar, dieses geschilderte Geschehen und somit auch die historische Persönlichkeit Franz Schubert bei aller Nähe doch letztlich für sich, autonom bestehen zu lassen.

,,Schnee im November“ ist nach den beiden anderen Romanen, ,,Der Erfolgreiche“ und ,,Das Schaltjahr“, der dritte Roman des Autors innerhalb relativ kurzer Zeit, in dem er sich diesmal, anders als in den beiden vorangegangenen, die im wesentlichen vielleicht doch zum Großteil aus subjektiv autobiographischem Erlebnismaterial hervorgegangen sind, mit einem, wenn man so will, historischen und noch dazu sehr bekannten Thema, oder sagen wir besser: mit einer historischen Persönlichkeit, eben mit Franz Schubert, beschäftigt.

Gleich vorweg gesagt: Es geht hier um keine neuen Enthüllungen im ,,Fall Schubert“, es geht um keine neuen musikwissenschaftlichen Erkenntnisse, die da publiziert werden, sondern es geht einfach um das Sterben Franz Schuberts, um seine letzten Lebenstage, um die Schilderung dieses äußeren Geschehnisablaufes in der Zeitspanne vom 11. bis zum 19. November 1828, in der das Leben des einunddreißigjährigen Komponisten und Musikers in einer ärmlichen Schlafkammer bei seinem Bruder Ferdinand in einem unnoblen Grätzel auf der Wieden, damals eine Vorstadt von Wien, langsam zu Ende geht und schließlich erlischt.

Schubert weiß aus innerer Gewißheit um dieses Zu-Ende-Gehen seines Lebens, er weiß, daß er bald sterben wird. Dagegen lehnt er sich auch nicht auf, er nimmt den bevorstehenden Tod genauso wie das Leben, als Schicksal, dem man sich zu unterwerfen hat. Noch einmal zieht in diesen Tagen sein Leben in Erinnerungsträumen vorüber, er mißt und prüft und beurteilt es. Noch einmal werden die wichtigsten Lebensabschnitte und Ereignisse in seinem Leben gegenwärtig.

Die Kindheit am Himmelpfortgrund in Wien: Das Leben dort ärmlich, ja armselig. Die Sängerknabenzeit im Konvikt, das erste Komponieren, schon recht früh. Der erste schnelle, eigentlich recht mühelos errungene Erfolg, der ihn bald zu einer gefeierten Figur des Wiener Gesellschaftslebens in adeligen und bürgerlichen Kreisen mit dem Ruf eines Bohemien macht, der ihn aber auch sozial aufsteigen läßt. Seine Künstlerfreundschaften und das damit verbundene gesellige, in den Augen der Moralisten: ausschweifende Leben, mit nächtelangem Sicht-Herumtreiben in den Cafés und Wirtshäusern dieser Stadt. Seine Ausflüge mit Freunden und Bekannten in die schöne Natur der näheren Umgebung von Wien, die er so liebte. Gefühlsverbindung und Gefühlsbindung in tiefen Freundschaften mit wenigen Auserwählten, wie den Brüdern Hartmann und Moritz von Schwind: bloßes unverbindliches Zusammensein mit vielen als Zeichen eines hellen Wachseins für die Fragen der Zeit, aber auch einfach als Flucht vor und aus der eigenen Einsamkeit und dem gefürchteten Gefühl des Verlassenseins. Seine Begegnungen und Verbindungen mit Frauen, stets leidenschaftlich, aber glücklos, romantisch-schwärmerisch, aber ziel- und ergebnislos, jedesmal in unausweichlicher Enttäuschung mündend, mit dem Ergebnis einer verbleibenden tiefen, ungestillten. unstillbaren Sehnsucht, die zum grundlegenden Schubertschen Lebensgefühl wird: zu einem Gefühlsfilter, durch den allein er letztlich seine eigene Existenz sieht, begreift und schmerzlich spürt. Dann kurzes, aufbrausendes Glücksgefühl. Selbsterfahrung, Selbstbestätigung, Selbstgewißheit. Schließlich die Ansteckung mit der tödlichen Geschlechtskrankheit. Behandlungsaufenthalt auf der venerologischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Die schmerzhaft spürbare soziale Diskriminierung. Das Bewußtwerden der einschneidenden Konsequenzen aus dieser Krankheit für das weitere Leben, der im doppelten Sinn jetzt begrenzten Lebenserwartung, das Wissen um seine maximale Lebensfrist, um den nahen Tod. Was bleibt, ist ein Rest von Leben unter dem Stigma einer tödlichen Krankheit.

Schubert erfährt das Leben von Anfang an als etwas vom Schicksal Bestimmtes, dem man sich nicht entziehen kann, das trotz einer Hinterfragung von eventuell doch vorhandenen Kausalzusammenhängen letztendlich doch rätselhaft und unerklärbar ist und bleibt. Er erfährt das Leben als das Wie seiner Existenz, als den Modus seiner eigenen Geschichte. Das bewirkt, vor allem ab dem Zeitpunkt seiner Erkrankung an Syphilis, an der er aber – Ironie des Schicksals? – nicht stirbt, einen tiefen Veränderungs- und Reifungsprozeß seiner Persönlichkeit, der kein rational-intellektueller ist, keiner mit einem präzisen, handgreiflichen Ergebnis, sondern der ein seelisch-metaphysischer ist, der sich vor allem in einem künstlerischen Neuansatz in seiner Musik ausdrückt, in der Entstehung seiner ,,neuen Musik“, wie Schubert sie selbst nennt.

,,Die Winterreise“, die ,,drei Sonaten für das Klavier“ und das „Quintett! sind für Schubert der Inbegriff dieser „neuen Musik“ und doch zugleich noch Stationen auf dem Weg zu ihr hin, zu einer neuen Musik, um die sein ganzes Denken, Träumen und Phantasieren in seinen letzten Lebenstagen kreist, die im Gegensatz zu früher eine solche sein soll, ,,die nichts mehr darstellt und nichts mehr will, die eben nur ist“; von der er überzeugt ist, daß von dieser ,,neuen Musik“ ,,jede einzelne Note mehr wert ist als alles andere“, was er vorher geschrieben hat. Was aber bedeutet all dies?

Hier mißt einer, der sich der Endgültigkeit seiner Situation bewußt ist, der weiß, daß nichts mehr hinzugefügt und nichts mehr weggenommen werden kann in seinem Leben, sein geschaffenes Werk an seiner künstlerischen Absicht, er stellt es in Frage, er verwirft die von ihm selbst in einem ganzen Leben erzeugte Realität und setzt an ihrer Stelle den Entwurf einer Utopie, von der er weiß, daß sie eine solche bleiben wird.

Er, dieser Franz Schubert, ist damit plötzlich als Mensch und Künstler genau das, was ihm in seinem ganzen bisherigen Leben widerstrebte: Er ist radikal. Er mißt sein Leben auch an seinem Lebensentwurf. Und erfährt dabei aus dieser doppelten Blickrichtung, aus dieser Einsichtnahme in seine Kunst und in sein Leben, daß die existentielle Dimension der Kunst in der Freiheit des künstlerischen Wollens, in einem individuell-subjektiven Befreiungsakt selbst liegt, gebunden freilich an ein strenges Ordnungs- und Gestaltungsprinzip, damit Geistig-Seelisches sinnlich erfaßbar wird. Und er erfährt, daß die existentielle Dimension des Lebens vor allem in der Schicksalhaftigkeit menschlichen Lebens liegt, in einer dem eigenen Wollen und der eigenen Ansicht letztlich entzogenen, ja oft geradezu entgegengesetzten, die Wirklichkeit bestimmenden, oft auch als reine Zufallswillkür erscheinenden, eigengesetzlichen Lebenskraft besteht. Er erfährt Freiheit und Beschränkung in ihrer existentiellen Dimension. Das Eine als das Prinzip des Göttlichen, das Andere als das Prinzip des Irdischen im Menschsein. Das Eine als einen Weg hin zur Ewigkeit und Unendlichkeit, das Andere in seiner Vergänglichkeit, als den Weg hin zu Sterben und Tod. Am Ende seines Lebens, in diesen seinen letzten Tagen, in diesem Lebens- und Sterbeprozeß und in der Gewißheit seines bevorstehenden Todes, erfährt Schubert die ganze Dimension der Wahrheit von Leben und Kunst, von Freiheit und Schicksalhaftigkeit, von Geist und Natur, indem er ihr Wesen beispielhaft an seinem eigenen Leben erschuf und ihrer Bedeutung für den Menschen einsichtig wird. Mit dem eigenen Sterben vollzieht sich für Schubert die Beendigung und Aufhebung einer lebenslangen Gefangenschaft in diesem grundsätzlichen Dualismus. Der Tod erscheint ihm als das, was er in Wirklichkeit ist: das Heraustreten des Menschen aus der eigenen Begrifflichkeit und aus der Begrifflichkeit der Welt, aus der eigenen Endlichkeit und aus der Endlichkeit der Welt in die Unendlichkeit personaler und universaler Freiheit. Das Sich-Loslösen von starren Gesetzlichkeiten einer scheinbar realen Welt, das Losgelöstwerden aus dem irdischen Bereich von Kausalität und Faktizität, das Geöffnetwerden für die letzte Sinngebung des Lebens in der Aufhebung aller Grenzen und aller Begrenzung von Existenz, als Erlösung aus der Gefangenschaft, als Übertritt aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit, aus der Zeit in die Ewigkeit, aus der Beschränkung alles Existierenden in die unbegrenzte Freiheit, aus der Qualität eines Etwas in die reine Existenz des Nichts. Seinserkenntnis vollzieht sich im Bewußtsein des Todes. Sterben ist der einzig wirkliche und wahre Befreiungsakt.

Schubert erkennt und begreift all dies und versteht es. Das sind seine Phantasien und Fieberträume: Die Einsichtnahme in das Geheimnis der Existenz. Seine ,,neue Musik“, diese ganz reine, unbegreifbare, undeutbare, übersinnliche Musik, die nicht mehr Melodie, sondern bloß Klang sein soll, die ihre Bedeutung allein in ihrer Existenz hat, diese Musik hört er bereits; er wird sie nicht mehr schreiben können, das weiß er, das fühlt er. Er weiß und fühlt: Diese Musik ist bereits ein Zeichen überirdischer Freiheit, ist bereits die Botschaft aus einer anderen Welt. Und er ist auf dem Weg zu ihr hin. Schubert ist bereit, in diese Welt aufzubrechen, sich dem Leiermann anzuvertrauen, mit ihm mitzugehen auf die Wanderschaft, von der keiner mehr zurückkehrt. Diese Ergebenheit, in der er sein Lebensopfer bringt, ist nur aus der Gewißheit einem für ihn angebrochenen, erkennbaren und fühlbaren Erlösungsgefühl erklärbar. Schubert fühlt und weiß es: Der Tod ist der einzige Weg in die Freiheit. Schuberts Ergebenheit ist kein menschlicher Akt und keine Haltung von Unterwürfigkeit und Demut, sondern eine aus einem Einsichtsprozeß in letzte Geheimnisse auf dem Totenbett gewonnene Bereitschaft zur eigenen Befreiung.

Das ist, so interpretiere ich es, das Schubert-Bild Peter Ebners in seinem Roman ,,Schnee im November“. Es ist ein Schubert-Bild weitab von jedem bekannten und gewohnten Klischee; weitab auch von der Unberührbarkeit und abstrakten Begrifflichkeit eines nur musikwissenschaftlich erfaßten und aufgebauten und nur in dieser engen Dimension gedeuteten Menschen- und Künstlerbildnisses Franz Schuberts. In diesem Roman, in der Schilderung der Romanfigur dieses Franz Schubert, geschieht etwas ganz Wesentliches: Hier wird einem weit verbreiteten Menschenbild und philosophischen Weltbild-Bekenntnis, das von der Endlichkeit und damit von der bloßen Irdigkeit der menschlichen Existenz aufgrund einer materialistisch-funktionalen Menschen- und Weltauffassung spricht, entschieden und überzeugend widersprochen. Dieser Roman und das darin entworfene Schubert- und Menschenbild sind überhaupt ein Widerspruch gegen das Gewöhnliche, das im Letzten nichts wirklich und nichts wesentlich und wahrhaft erfaßt, weil es immer nur innerhalb seiner sich selbst gesetzten Bahnen, Vorstellungen und Grenzen bleibt. Das Schubert-Bild Peter Ebners ist ein Menschenbild, das nicht im Irdischen begrenzt und eingesperrt ist, sondern das gezeichnet und geprägt ist von einem mehr als nur Schicksal genannten und benennbaren metaphysischen Geheimnis. Die wesentliche und so wichtige Mitteilung, die Botschaft, wenn man so will, ist diese: Leben und Kunst sind eine Einheit und in Wahrheit außerhalb unserer gewohnten, begrifflichen und konkret erfahrbaren Welt angesiedelt. Personalität und Universalität sind in der Existenz des Menschen untrennbar miteinander verbunden.

Es geht dem Autor Peter Ebner nicht um die Darstellung eines historisch gesicherten biographischen Lebensbildes von Franz Schubert, sondern er entwickelt, ausgehend vom musikalischen Phänomen Franz Schubert, ein Seelenbildnis, das darauf abzielt, diesen einzigartigen Musiker und Menschen Franz Schubert von einem ganz bestimmten künstlerischen und existentiellen Wendepunkt in seinem Leben her zu verstehen, eben von seinem Ende her, indem er uns miteinbezieht in Schuberts letztes Schauen der letzten Geheimnisse von Existenz überhaupt. Ebner führt uns in diesem Roman behutsam zu jenem Punkt der Berührung von Leben und Kunst Franz Schuberts, wo die Zusammenhänge zwar nicht erklärbar sind, aber das Geheimnis als etwas Wirksames offenbar wird. Die Frage nach der Wirklichkeit wird durch die viel wichtigere und wesentlichere Frage nach der Wahrheit ersetzt. Und es zeigt sich, daß die Wahrheit nicht in der Begrifflichkeit und nicht in der Faktizität oder Kausalität des Lebens liegt, sondern einzig und allein darin, daß das Seiende ist.

Wie die Wahrheit als etwas Universales nun persönlich erfahren werden kann und persönlich erfahren wird in der Wirklichkeit des Seins, das hängt sehr vom einzelnen Menschen ab. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens bescheidenermaßen nur in der Einsicht und Haltung, die aus jenem Satz spricht, den Peter Ebner in seinem Roman Franz Schubert kurz vor dessen Tod sagen läßt: ,,Es ist halt so, wie man es nimmt.“

Schnee im November. – Ein Franz Schubert Roman. Von Peter Ebner.
Mit einem Vorwort von Hermann Prey. Styria Verlag, Graz 1984.

Peter Paul Wiplinger
Wien, 16.-17.12.1984


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Styria Verlag Graz

Die Magie der kleinen Dinge

Die Magie der kleinen Dinge

Die Niederlande im 17. Jahrhundert: Die junge Nella Oortman wächst in tiefster holländischer Provinz auf, ihre Familie hat neben einem guten Namen nicht mehr viel zu bieten. Wie damals üblich, geht sie eine arrangierte Ehe ein, ihren Gatten kennt sie vorher nicht. Drahtzieher sind ihre Mutter und ihre zukünftige Schwägerin. Ihr Gatte Johannes ist ein reicher Kaufmann aus dem prosperierenden Amsterdam, ihn lernt sie erst bei einer schmucklosen Trau-Zeremonie in ihrem Heimatort Assendelft kennen und das auch nur kurz, weil wichtige Geschäfte ihn schnell fortrufen. Nella tritt die Reise in ihr neues Zuhause, ein altehrwürdiges Amsterdamer Kaufmannshaus alleine an.

Von der für sie ungewohnten Stadt ist Nella zunächst überfordert, noch schlimmer aber ist für sie der frostige Empfang im Haus ihres weiterhin durch Abwesenheit glänzenden Gatten. Ihre Schwägerin Marin begegnet ihr mit Hochmut und eisiger Distanz, sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihren Platz als Herrin des Hauses nicht räumen wird. Die Dienerschaft ist für Nella ungewohnt aufmüpfig, fremd und exotisch zugleich ist für sie Otto, der Diener ihres Mannes, ein ehemaliger Sklave.

Ihre Welt ändert sich, als Johannes ihr sein außergewöhnliches Hochzeitsgeschenk präsentiert: ein schrankgroßes Puppenhaus, eine exakte Replik ihres neuen Zuhause. Nella will wenigstens dieses mit Leben füllen und greift auf die Dienste einer Miniaturistin zurück. Die winzigen Kreationen der schwer fassbaren und rätselhaften Künstlerin spiegeln ihre echten Vorbilder in unheimlicher und unerwarteter Weise. Zunächst machen jagen die Geschöpfe der Miniaturistin ihr Angst ein, enthüllen ihre winzigen kleinen Dinge und Puppen doch die ungewöhnlichen Geheimnisse ihrer auf den ersten so frommen neuen Familie. Schon bald jedoch betrachtet sie die Miniaturistin geradezu als Prophetin und fiebert ihren versteckten Hinweisen und Ratschlägen entgegen. Die Frage, ob diese Frau eher der Schlüssel zu ihrer Rettung oder doch die Archtitektin ihrer Zerstörung ist, verdrängt sie zunächst. Es dauert nicht lange und das Unheil bricht über das Kaufmannshaus hinein. Nella jedoch wächst mit den Schwierigkeiten und letztlich ist sie es, die denen, die das Unheil überleben, mit ungewohnter Stärke neue Zuversicht gibt

Die Britin Jessie Burton hat mit „die Magie der kleinen Dinge“ einen ungewöhnlichen Debütroman geschrieben. Als Theater-Schauspielerin hatte sie wenig Erfolg und besann sich auf ihre Liebe zum Schreiben, eine Leidenschaft aus früher Kindheit. Die Fan-Gemeinde kenntnisreich geschriebener Historien-Romane wird es freuen. Inspiration für ihren Roman war ein antikes Puppenhaus, welches als Exponat im Amsterdamer Rijksmuseum zu bewundern ist. Auch Nella Oortman hat es wirklich gegeben, das von Jessie Burton beschriebene Geschehen haben wir allerdings ihrer Phantasie zu verdanken.

Die große Stärke der Autorin ist das atmosphärische Erzählen. Sie schreibt nicht nur über „die Magie der kleinen Dinge“, sie erschafft sie auch. Die Handlung des Romans ist überschaubar, das Erzähltempo ist auch eher gemächlich. Man fragt sich unwillkürlich, woran es dann liegt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Die Antwort liegt wohl vor allem im Flair dieses Buches, in der Welt, die Jessie Burton erschafft, bzw. wiederauferstehen lässt. Es ist, als ob all die Porträts, die man aus dieser Zeit kennt, diese ernst und humorlos dreinblickenden Menschen in dunkler Kleidung mit ihren gestärkten weißen Halskrausen und Hauben zum Leben erwachen. Die Autorin nimmt uns mit in eine Welt, so fern der heutigen – grausam und doch verlockend ob der klar aufgestellten Regeln, anziehend und abstoßend zugleich.

Spannend und sehr interessant ist daneben der Blick auf eine weitere Hauptdarstellerin: die Stadt Amsterdam. Der Roman zeigt Amsterdam auf dem Höhepunkt seiner frühen Blütezeit, die Stadt breitet sich immer weiter aus, „baut immer höher, obwohl durchaus die Möglichkeit besteht, dass alle im Morast versinken“. Die Stadt wird beherrscht von einer Melange aus Geld und Scham, man lebt eine Kultur des Widerspruchs. Die Liebe zu glltzerndem Reichtum und das Streben nach Wohlstand kollidieren allüberall mit der Furcht vor Todsünden, gepredigt wird gottesfürchtige Enthaltsamkeit – Bigotterie in Reinkultur. Keiner in dieser Stadt kann sich jemals sicher fühlen, die Fassade der Stadt wird dank gegenseitiger Überwachung aufrechterhalten. Die „in Wasser geschriebenen Regeln“ der Stadt und ihrer Bewohner ersticken die Seele der Menschen.

Wer heute die großen, so stark multikulturell geprägten Städte Hollands kennt, kommt selten auf den Gedanken, dass die Geschichte der Niederlande sehr lange nicht so bunt und tolerant war wie heute. Und auch heute noch kann man die Strenge bedrückender Religion gerade hinter den Fassaden der ländlichen, sehr calvinistisch geprägten niederländlichen Provinzen finden. Die akribisch recherchierte „Magie der kleinen Dinge“ sorgt da durchaus für ein besseres Verständnis des historischen Zusammenhangs.

Auch Nellas Ehemann Johannes und seine Schwester Marin verbringen ihr Leben in einem „unsichtbaren Käfig, dessen Gitterstäbe aus tödlicher Heuchelei bestehen“, Am Ende werden sie von der Stadt, die vor allem Johannes und seinem kaufmännischen Geschick so viel verdankt, verraten.. Wie es mit Nella und den ihr Anvertrauten weitergeht, bleibt offen. Gewagt für einen Debütroman, aber schlussendlich folgerichtig, Der Leser bleibt in dieser durchgehend im Präsens geschriebenen Geschichte immer auf dem Kenntnisstand von Nella, nie ist er ihr voraus. Und wer weiß – vielleicht gibt es ja ein Wiederlesen?

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift 


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Limes Verlag München

Schnee und schwarze Hunde

SMRT HEISST DER TOD
Sarajevo 1995: Persönliche Anmerkungen zu einem wichtigen Buch

Vor mir liegt ein Buch, eine Romantrilogie, umfangreich, fast 500 Seiten dick, gewichtig und wichtig. ein Denk- und Literaturwerk. Jeder sollte es lesen, vor allem jene, die über ,,Jugoslawien“ reden und nichts wissen, nichts begreifen. Die Politiker sowieso; aber die lesen keine Bücher, jedenfalls nicht solche. Seinen Autor kenne ich nicht. jedenfalls ist mir eine Begegnung mit ihm nicht in Erinnerung. Oder sind wir uns doch einmal begegnet, im ehemaligen Jugoslawien, als es Jugoslawien noch gab? Haben sich unsere Wege doch vielleicht irgendwann einmal gekreuzt, ohne daß wir es wußten?

,,Der Balkan ist ein Wahnsinn“, sagte ich damals auf die Frage, wie es war, nachdem ich, vor jetzt mehr als dreißig Jahren, von einer wochenlangen Reise kreuz und quer per Autostopp durch dieses damalige Jugoslawien, ebenso durch Bulgarien und Griechenland. zurückgekommen war; mit Ausgangspunkt Paris. Und ich meinte damit: Die Länder und die Menschen dort sind etwas Großartiges, etwas voller Gegensätze, etwas Unbegreifliches, etwas Schwieriges etwas Abenteuerliches, etwas Wunderbares, etwas Unberechenbares, etwas Nicht-Normales, etwas Wahnsinniges auch, wie ich es formulierte. Aber in dem Sinne, wie es Alexis Sorbas im gleichnamigen Film meinte, als er seine Lebensformel ausdrückte mit dem wunderbaren Satz: ,,Weißt Du. Boß. ein bißchen Wahnsinn gehört einfach zum Leben dazu!“

Heute hat sich der Wahnsinn, ein anderer Wahnsinn, auf dem Balkan, in Ex-Jugoslawien, vor allem in Bosnien-Herzegowina, politisch, militärisch, in einer unbegreifbaren Täter- und Opferbilanz, in unbeschreiblichen, millionenfachen menschlichen, besser gesagt. in unmenschlichen Tragödien konkretisiert und manifestiert. Der Wahnsinn durch völlige Verblendung und den Verlust aller Maßstäbe und der Menschlichkeit. Der grenzenlose Fanatismus ist sichtbar, ist wirksam, ist zur schrecklichen Wirklichkeit geworden. Von diesem Wahnsinn spricht der Autor in diesem Buch.

DER SCHNAPS
„Ich sehe den kotigen Bauernhof beleuchtet vom Feuer. das in seiner Mitte brennt, dort, wo einst, so scheint es, ein kleiner Garten mit Blumen war. Im Hintergrund steht ein niedriger Stall mit dunklen Fenstern und einem Tor, unbeschädigt. Das Feuer flimmert in der windlosen Luft, dunkle Schatten bewegen sich drohend überall ringsum. Vor dem Feuer, uns den Rücken zugewandt, sitzen drei Männer in Tarnuniformen. zurückgelehnt auf zerbrochenen, knirschenden Stühlen. Sie sind nur Umrisse ohne Gesichter, dunkle Massen vor dem Licht. Der vierte liegt vor ihren Füßen im Schlamm ausgestreckt und schläft. Er schnarcht, wie jeder Säufer. Und der fünfte hockt neben dem Feuer und schürt es mit einem angebrannten Holzstück. Von der Seite gesehen ist sein Gesicht stumpf, länglich. grimassierend und sein Schädel kahl. Um das Feuer herum haben sie geteerte Pfähle gestellt. Sie stützen ein Metallgitter. das das Feuer von unten beleckt. Hört es auf, legt der, der davorhockt, ein Scheit zu und schürt es. Und auf dem Metallgitter, festgebunden oder hilflos, liegt ein Mädchen, es ist klein, vielleicht nicht einmal zehn Jahre alt. Die eine seiner Hände kreist, als verteidige es sich, und sein Bein zuckt. Sein Fleisch riechen wir die ganze Zeit über, wie es brennt, wie es langsam gebraten wird. Aus seinem Mund kommt dieses langgezogene Jammern, das langsam schwächer wird. Sein Mund ist unbeweglich. offen, und das Winseln bricht hervor wie ein besonderer und unsichtbarer Schmerz, breitet sich aus und umfaßt uns alle. „Langsam geht das bei dir, Bruce Lee“, sagt einer von den Sitzenden. „Mensch. der Schnaps wird alle.“

Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Sind das überhaupt noch Menschen? Wie konnten sie zu solchen Monstern werden? Sind sie alle mitsamt Abartige. Perverse, grenzenlose Sadisten, Ungeheuer‘? Waren sie das schonimmer, haben sich da nur Gleichgesinnte zusammengetan zu einer infaernalischen Todesschwadron? Oder waren sie früher „normale Menschen“, zwar zum und zur Gewalt veranlagt, aber in den Schranken einer zivilisierten Gesellschaft gezwungenerweise diszipliniert, wie Raubtiere im Käfig? Und dann hat man die Gitter weggenommen. Und die Menschen-Raubtiere leben ihre Instinkte aus. Aber warum gegen ein wehrloses Mädchen, das man auf dem Feuer röstet und schmort, wie wie ein Schwein; das lebendig ist, das noch lebt!

So einfach diese Fragen gestellt sind, so einfach sind jedoch die Antworten darauf nicht. Und e i n e Antwort darauf gibt überhaupt nicht. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger. Die Wahrheit liegt nicht im Entweder-Oder, entweder gut oder böse. So einfach ist es nicht mit dem mit Menschen, mit der Wirklichkeit des Menschen, mit seiner Wahrheit, und dem, was wir oft so schlichtweg als „Wahrheit“ bezeichnen und benennen.

Denn auch diese Monster waren einmal ganz normale Menschen, sie waren einmal Kinder; vielleicht mit einer gewissen Disposition zu dem oder jenem, aufgrund von Wesens- und Charaktereigenschaften. Vielleicht hat jeder von Ihnen irgendein Kindheitstrauma, hatte Erlebnisse, die ihn geprägt, vielleicht traumatisiert und stigmatisiert haben. Jeder hatte ein anderes Lebensschicksal in seinem Vorleben. Aber irgendwann muß es etwas gegeben, haben, das entscheidend war dafür, daß ihr Weg in diesen Abgrund geführt hat. Was war das, was kann das gewesen sein? War das bei allen etwas Verschiedenes oder bei allen das Gleiche? Oder etwas von diesem und einem anderen? Oder gibt es ein Prinzip Gut und ein Prinzip Böse, das sich wahllos, aber bestimmend festsetzt in der Seele des Menschen, so seine Personifizierung vollzieht? Was ist dann mit der Freiheit des Menschen, mit seiner Verantwortlichkeit?

Oder ist alles anders? Ist alles Manipulation, Ergebnis einer ungeheheuerlichen Manipulation, die mit den Menschen, mit Einzelnen sowie mit der Masse geschieht? Wieweit ist der Mensch manipulierbar, über seine – angenommenen – Grenzen hinsud, und wodurch, womit. und wann, und wie; und unter welchen Bedingungen, mit welchen Lügen, mit welcher Propaganda; für welche Ziele?

Die Menschheitsgeschichte und dieses Buch geben die Antwort: Es gibt keinerlei Bescgränkung. Der Mensch ist zu allem fähig. Und er glaubt die Lüge eher als die Wahrheit. Und er ist begeisterungsfähig in seinem Wahnwitz bis zum Irrsinn. Und er ist zu allem bereit. Nicht jeder, nicht jeder Einzelne, aber doch auch so ungeheuer viele Einzelne, wenn es die Masse gibt. Und einen Führer. ,,Führer. wir folgen Dir!“ – egal. wie der Führer heißt. Und es gibt sie immer, es gibt sie immer wieder: diese Führer! Und ein Volk. das sie vergöttert. und das sie belügen. Und das sie in den Abgrund reißen. Aber das Volk, das ihnen und ihrer ihrer Propaganda glaubt. Das Volk liebt seine Führer, immer!

DER WAHNSINN
Die Führer in diesem Land und in diesem Buch heißen: der Präsident, der Kommandant, der Hauptmann, Duc; auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: der Meister, der den Gottesstaat predigt. Was für die einen die Masse, das Volk, die Brüder sind, das sind für den anderen die Glaubensanhänger, die Rechtgläubigen. Wie bei den einen ein völlig irrationaler, ja pathologischer, aber gezielt eingesetzter und mit allen Mitteln der Propaganda verbreiteter Blut-Boden-Heimat-Volk-Mythos voll bekannter rassistischer Ideologie zur Grundlage ihrer Denkstruktur und ihres Handlungsprinzips wird, aus dem sie alles weitere ableiten, so wird bei den anderen, dem Meister und seinen Anhängern des islamischen Fundamentalismus. die Struktur eines ebenso irrationalen Dogmatismus. hier jedoch noch mit göttlicher, überirdischer Dimension. sichtbar und wirksam. In beiden Fällen. beim völkisch-rassistischen Mythos ebenso wie beim politischen Religionsfundamentalismus, handelt es sich um das gleiche, kommt es auf das eine hinaus: Auf die Installierung einer absolut gesetzten oder sich selbst absolut setzenden Macht und Instanz über den Menschen, über den einzelnen Menschen, über das Individuum; auf die Schaffung eines Über-Ich. Das bedeutet den Kampf und die Zerstörung der Souveränität des Individuums mit allen Mitteln durch die Führer und Machthaber. Das bedeutet die zum Ziel gesetzte Vernichtung jeder individuellen Freiheit. Das bedeutet aber auch, daß der Einzelne keinerlei Verantwortung mehr in ethischer oder moralischer Hinsicht zu tragen hat. Die wird ihm abgenommen, von den Führern, von der Ideologie, von Gott; auf der Ebene dieser Dogmatik.

Aber es gibt auch Widerstand; und das bedeutet Hoffnung, jedenfalls einen Lichtblick. Der kommt von jenen, die frei sind, die innerlich frei sind, weil sie sich freigemacht haben von jeder Unterdrückung; weil sie die alles beherrschende Propaganda als ein Instrument der Vereinnahmung und Versklavung, der systematischen Verdummung, als das, was sie ist: eine einzige große absurde Lüge, erkannt haben und ihr nicht auf dem Leim gegangen sind; weil ihre Individualität, ihre selbst-gebildete Persönlichkeit stärker war als die Doktrin, als jede Demagogie. Eine dieser Individualisten ist in diesem Buch jene selbstbewußte junge Intellektuelle, die Geliebte eines islamischen Gotteskämpfers. der dieser hörig ist, von der er sagt: ,,Meine Geliebte – oder meine Freundin, wie sie selbst sagte – gehörte durch ihre Geburt nicht zu unserem Volk. Ihr Vater war seiner Herkunft nach ein Orthodoxer, ihre Mutter hatte katholische Vorfahren; beide Eltern waren, wie ich erfuhr, Ungläubige, Atheisten, wie einst ich auch. Meine Geliebte fühlte sich keinem Glauben zugehörig, sie wollte einfach nirgendwo dazugehören; sie hielt sich für eine Person ohne Volk, ohne Partei. sie kam aus einer bürgerlichen Welt.“ Und diese junge Frau sagt ihm ganz unverblümt und scharf das Richtige, die Wahrheit, die sie aus ihrer Wirklichkeit erkennt und ableitet: „Ich habe nie mit dem Volk Kaffee getrunken … Und ich habe mich nie von ihm ficken lassen. Es war immer ein einzelner eine Person, mein Lieber. Wir sind entweder Individuen oder nichts. Ich bin ich, du bist du. Warum willst du etwas Drittes sein, etwas Unpersönliches, Leeres?“ – Das also ist es, die Individualität allein, jedenfalls als ein souveränes Ich verstanden, die uns als Person, als Persönlichkeit ausmacht, die der Gegenpol zu Masse und Macht ist, die den menschlichen Grundwert individuelle Freiheit gegen jede Bevormundung, Entmündigung und Versklavung, sei es durch Ideologie oder religiösen Fundamentalismus und Fanatismus, gegen Führer. Volk und sogenannte Gottesmänner verteidigt. Sie ist die einzige Hoffnung, der einzige Lichtblick, die einzige Chance, vielleicht die einzige Möglichkeit zur Freiheit, zur Befreiung von und aus diesem Wahnsinn. Und das wissen die Führer und ihre Komplizen. Deshalb gilt ihr fanatischer und rücksichtsloser Kampf solchen Individualisten, die das Getriebe der Macht stören oder stören könnten. und die es auszuschalten gilt, um jeden Preis, mit allen Mitteln. Denn sie sind der einzige, wirkliche Feind, den sie nicht brauchen können, den sie nicht brauchen können im Krieg gegen den Menschen.

Die im Buch skizzierten Führerfiguren sind in ihrer Porträtähnlichkeit unschwer als historische bzw. als wirkliche Personen zu erkennen. Wir kennen sie aus der Geschichte, aus Zeitungen und vom Femsehbildschirm her, aus den Medienberichten. Wir kennen ihre Namen oder jene, die sie anstatt ihrer wirklichen von früher dann angenommen haben. Josip Broz Tito – als historische Legendenfigur. Slobodan Milosević – der Ministerpräsident. Radovan Karadžiž – der Dichter und Psychiater als Volksführer und Volkspolitiker. General Mladić – als Kommandant. Und Vojislav Šeššelj -der Ultranationalist, der aus dem Ausland kam. Und die Kriegsverbrecher als Kommandanten berüchtigter Sonderkommandos, autonomer Militäreinheiten; richtiger genannt: Mörderbanden. Ihre ruhmreichen (angenommenen) Namen kennt jedermann, kennt dort jedes Kind: Arkan und Dragan. Sogar ein früherer echter Staatspräsident kommt vor, als Zwischenszenespiel in diesem Buch sowie im wirklichen politischen Geschehen damals auch: Dobrica ČČosic, der „verborgene“ Präsident im Buch genannt, der große Schriftsteller seiner Nation. Dieser Präsident aus dem Buch sitzt allein in den Palastgemächern in seiner Residenz und brabbelt senil vor sich hin, aber formuliert wahnwitzige und somit verfühererische und gefährliche Denkinhalte, wenn er ,,unvölkische Elemente“ ausmacht und bekennt: ,,Das Volk hat immer recht.“ Und wenn er von den ,,Strahlen des Patriotismus“ faselt, ,,die jeden Menschen sofort zu neuem Leben erwecken und ihn mit seinen Ahnen verbinden.“ Und natürlich sieht er vor seinen geistigen Augen ,,die Wiedergeburt der Nation“ und den nahenden .,Endsieg“. Das alles erscheint uns sehr bekannt. Weniger bekannt zu sein scheinen die Studien des Nationaldichters und Zwischenpräsidenten, die dieser wirkliche Dobrica Čosić schon lange vor dem sogenannten ,,Krieg“ – welches Wort ja immer nur als Metapher, als Verschleierungsvokabel für staatlich sanktionierten Massenmord und Genozid verwendet wird – bei einer der sogenannten Kommissionen der Akademie der Wissenschaften und Künste in Belgrad eingereicht und damit große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Naja, solche „geistigen Wegbereiter“ gab es schon immer. Und fühlen sich auch nie mitschuldig und werden auch nie schuldiggesprochen.

Das sei gesagt, damit niemand glaubt, daß dieser Wahnsinn nur ein Wahnsinn von Dummen ist. Da ist große Intelligenz mit im Spiel. Aber diese schließt Verblendung eben nicht aus, den Verlust des normalen Verstandes, der eigenen kritischen Vernunft.

DER MORD
Da ist dieser Duc schon ein anderer, ein ganz anderer. Der braucht keine pseudophilosophische Absurddialektik, kein Geschwätz von Völkischem. Heroischem, von sogenannten historischen Rechten (,,Wo die Gräber der Unsrigen sind, dort sind unsere Grenzen.“). Der braucht keine Scheinargumentation für das, was er erreichen, besitzen, ausüben und behalten will, nämlich die absolute, ungeteilte Macht in seiner Hand. in seiner Person. Der meldet seinen Anspruch ohne Umwege und Verschleierung. ohne langes Herumgerede an. ,,Mein einziges Ziel ist die Macht‘, bekennt er. Er spuckt auf ,,diese Hohlköpfe, die das Volk ausmachen.“ Denn, so sieht er es, und vielleicht sieht er es richtig: daß das, ,,was Volk genannt wird, eigentlich aber nur ein schreiender Haufen ist. der etwas fordert und nimmt, was du ihm gibst, und schweigt und nichts sonst.“ Er scheint ein Zyniker zu sein in diesem Szenario, aber er ist der einzig ,,Normale“, ein Realist. Ein Machtmensch, vom Machtrausch und vom Machtstreben getrieben. aber er hat dieses unter Kontrolle, er ist zielbewußt, er hat seine ziel-führende Strategie, weil er nicht über die Macht philosophiert. sondern einen Instinkt für sie hat.

,,Wir schicken ein paar von unseren gut ausgebildeten Kerlen in feindliches Territorium, in die Dörfer oder kleinen Städte. Und dort werden sie offen, so, daß es alle sehen und hören können, möglichst viele Kinder, Frauen und Greise massakrieren. Bald danach werden feindliche Burschen sich in unsere Dörfer, unsere kleinen Städte schleichen und dasselbe tun, und wir werden das publik machen, im Femsehen zeigen und in den Zeitungen veröffentlichen. Und schon sind einige tausend Menschen auf beiden Seiten in den unzerstörbaren Kreis des Hasses, der Rache und des Blutes, das vergossen werden muß, hineingezogen. Man wiederhole das zehnmal und hundertmal, und schon haben wir einen prächtigen großen Krieg, der nie zu Ende gehen wird, weil ihn nicht nur Staaten und Völker und Heere führen, sondern einzelne, die stille Mehrheit … ,, – Das also ist die neue Strategie. Und sie ist wirksam. Die Wirklichkeit bestätigt es. Nicht Armeen gegen Armeen, die kämpfen. sondern Menschen gegen Menschen. Nachbar gegen Nachbar. Infernalisch! Aber gut für den Krieg. Und da gibt es dann noch den Hauptmann, den Kommandanten der Sondereinheit ,,Seven Up“, einer Mörder- und Killertruppe, mit einer besonderen Spezialität.

Sie schlachten nicht nur Menschen mit ihren Messern ab, sondem nehmen sie auch aus. wie Tiere: sie entnehmen die unverletzten inneren Organe zurWiederverwertung, für ein geheimes Syndikat, für eine Firma, die mit menschlichen Organen für Transplantationen handelt, ganz legal, versteht sich; eben eine der vielen Exportfirmen, wie andere auch. Nur das exportierte Produkt ist halt ein wenig etwas Besonderes, manche meinen Abartiges. Aber die Nachfrage ist groß und der Profit auch. Für alle. Ist es Fiktion oder Wirklichkeit‘? Jedenfalls wäre es eine Möglichkeit, dem ganzen Wahnsinn noch eine weitere Facette menschlicher Tollheit hinzuzufügen. Doch zuletzt gibt es vor allem die Opfer. Die Opfer eines von solchen Führern und Führerfiguren und ihren Komplizen und Helfershelfem entfesselten und praktizierten Wahnsinns des ,,Krieges“, des gegenseitigen Abschlachtens, vor allem auch der Zivilbevölkerung. ,,Freiwillig hatte ich das alles getan, was ich nie glaubte, tun zu können. Vielleicht weil ich mir das immer gewünscht und nur vor mir selber und anderen verborgen hatte“, bekennt einer von der Schlächtertruppe ,,Seven up“. Ist das eine schlüssige Antwort, nur für ihn, oder überhaupt‘? – ,,Er verachtete die ganze Welt. alles, worauf sein Totenblick fiel. Vögel und Bäume. genauso wie Kinder. Er liebte Motorräder.“ So charakterisiert dieGeliebte ihren Hauptmann. Und trotzdem, oder gerade deswegen, wegen der Brutalität und völligen Gefühllosiekeit, mit der er das junge Mädchen nimmt und entjungfert, wird und bleibt sie seine Geliebte. Die Geliebte eines Kommandanten einer Schlächter- und Mörderbande, der alles befiehlt. Vielleicht fasziniert sie gerade deshalb ,,diese weiße gepflegte Hand, die so geschickt mit dem Messer umgeht, als gehöre sie einem Zirkusartisten“, weil sie die Hand eines Mörders ist. Etwas ganz Gegenteiliges von ihr.

Vielleicht ist es gerade das Andere, das Gegenteilige, das. was wir nicht sind, das in uns den Wunsch erzeugt, das Andere, das Gegenteilige, wenigstens für einen Augenblick, zu werden, um uns loszulösen von unserem eigenen Ich. Vielleicht ist jedes Ich ein Gefängnis. Und es kommt der Augenblick wo es uns verhaßt ist. Vielleicht ist der Grund für den Haß unser Selbsthaß, ganz tief in uns, verborgen, verdrängt. aber fest in uns verwurzelt. Und wir wollen uns von unserem Selbsthaß befreien: durch Haß, durch Mord und Totschlag, durch Krieg und Gewalt. -Wer könnte auf diese Fragen eine Antwort geben‘? Wer kennt die Wirklichkeit des Menschen‘? Nur Gott‘? Warum läßt er diesen Wahnsinn, dieses Leiden zu? Oder müssen wir ihn heraushalten aus diesen Fragen? Ich weiß es nicht.

Vidosav Stevanović: „Schnee und schwarze Hunde“, Roman.
Aus dem Serbischen übersetzt von Ivan Ivanji. Europaverlag, Wien, 1995

Peter Paul Wiplinger
Wien, 29.3.1995


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Europavelag Wien

Rotbartsaga. Die Abenteuer eines legendären Schiffskaters

Im Mittelpunkt des literarischen Schaffens von Journalist, Online-Redakteur, Buchautor und Blogger Wolfgang Schwerdt steht seine ausgeprägte Vorliebe für Samtpfoten. Gern gelesen habe ich Schwerdts Bücher »Die Schwarzbärflotte. Wahre Geschichten über seefahrende Katzen« und »Die Abenteuer des legendären Schiffskaters Rotbart«. Doch wer hätte geahnt, dass gerade aus letzterem Werk ein umfangreiches literarisches Projekt erwächst, das die Kraft des Autors inzwischen in vollem Umfang fordert?

Schwerdt arbeitet nämlich daran, sämtliche Reisen von Rotbart aufzuzeichnen und taucht dazu tief in die oft ereignisreiche Geschichte der Seefahrt ein. Die Abenteuer des legendären Schiffskaters spielen in einer Zeit, als die noch kaum richtig entdeckte »neue« Welt bereits zwischen den europäischen Handelsmächten hart umkämpft war.

Geplant sind fünf Bände über die Seereisen des Schnurrbärtigen, der vorliegende erste Band bezieht sich sowohl auf die Story, wie Rotbart zum Schiffskater wurde, als auch auf die Entdeckung der Rotbartgeschichte selbst. Dieser Einstieg in die Geschichte macht – in der klassischen Papierausgabe – zugleich deutlich, was der eigentliche Pfiff des Projekts ist: Der Autor baute zahlreiche QR-Codes in den laufenden Text ein, mit dem der Leser mit seinem Smartphone sofort auf verlinktes Hintergrundwissen im Internet zugreifen kann.

Diese zusätzlichen Möglichkeiten sind für den Lauf der Handlung keinesfalls zwingend. Sie erlauben aber, sich bei Interesse sehr viel tiefer in den Hintergrund und die Welt der Seefahrt einzuarbeiten. Hinter den Pixelkästchen verbergen sich Links zu sorgfältig ausgesuchten Sachartikeln, Museumsvideos oder unterhaltsamen und informativen Geschichtsmagazinen seriöser wissenschaftlicher Institutionen, die als eine Art hochwertiger Zusatznutzen abgerufen werden können.

Neben einer spannenden Geschichte, die in einem kleinen Gasthof in Hessen beginnt, wo eine geheimnisvolle Karte auftaucht, erhält der Leser damit Zugriff auf eine Datenbank des Wissens, die ihn umfassend in die Welt entführt, die Schiffskater Robert bereist. SmartConEnt-Konzept nennt Wolfgang Schwerdt diese Art des neuen Lesens, die das reine Lesevergnügen keinen Augenblick lang beschwert. Denn die Rotbartsaga ist in erster Linie ein historischer Katzenroman, der voller humoriger wie abenteuerlicher Ereignisse steckt, die das Lesen zum Vergnügen machen.


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform

Krieg und Frieden

249.551 Wörter umfasst der Koloss, den uns Lew Tolstoi hinterlassen hat. Dividiert man diese Zahl durch 300 Wörter pro Minute, das ist die durchschnittliche Geschwindigkeit eines erfahrenen Lesers, dann ergeben sich insgesamt 831 Minuten, also 13,85 Stunden.

Lew (Leo) Nikolajewitsch Graf Tolstoi brauchte für den Schinken wesentlich länger. Er schrieb von 1863 bis 1869 an seinem durch seine erzählerische Weite und Tiefe beeindruckenden Panorama der Zeit zwischen 1805 und 1820 vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege.

Die Fertigstellung dieses monumentalen, über anderthalbtausendseitigen Romanepos ist undenkbar ohne die aufopferungsvolle Unterstützung durch seine kluge Frau Sophia Andrejewna, Tochter eines deutschstämmigen Arztes am Zarenhof. Sie übernimmt nicht nur die gesamte Organisation des Gutes, sondern findet ihre größte Freude darin, Tolstois unleserliche Manuskripte in Reinschrift zu bringen. In langen Nächten dechiffriert sie dessen Hieroglyphen, ergänzt unvollständige Sätze und Wörter und schreibt die von Tolstoi wieder und wieder überarbeiteten Fassungen insgesamt siebenmal ab.

Um sein Werk ungekürzt zu veröffentlichen, greift der Autor tief in die Tasche und zahlt dem Verleger P. I. Bartenjew einen Druckkostenvorschuß von 4.500 Rubel. Tolstoi ist damit einer der ersten Self-Publisher.

Sein Beispiel steht dafür, dass es sich lohnen kann, selbst aktiv zu werden und sein Werk mit eigener Kraft und auf eigene Kosten zu veröffentlichen. Die erste Auflage von »Krieg und Frieden« war jedenfalls binnen weniger Tage vergriffen, und noch heute lesen wir gern den Roman des Grafen, der die Moral und Lebensweise der Herrschenden seiner Zeit spiegelte und ihnen einen »christlichen Anarchismus« entgegensetzte.


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Null Papier Neuss

Sturz der Titanen, Winter der Welt, Kinder der Freiheit

Wenn man eins Ken Follett nicht vorwerden kann, sind es mangelnde Ambitionen. Immer schön, wenn auch vom Erfolg Verwöhnte noch Ziele haben. Nicht mehr und nicht weniger als die Chronik des letzten Jahrhunderts wollte er schreiben. Im September erschien nun weltweit mit „Kinder der Freiheit“ Teil drei seiner großangelegten Familiensaga. Zeit, das Gesamtkunstwerk zu beleuchten und die Frage zu stellen , ob dies ambitionierte Unterfangen gelungen ist. Die Antwort vorweg: Mit Abstrichen ja, im Großen und Ganzen kann sich das über 3000 Seiten starke Werk sehen lassen.

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Fünf Familien aus Amerika, Deutschland, Russland, England und Wales geleitet der Schriftsteller durch die weltbewegenden politischen Wirrnisse des letzten Jahrhunderts. Fünf Familien, die sich im Laufe der Saga auf die ein oder andere Weise miteinander verbinden oder zumindest begegnen. Teil eins, „Sturz der Titanen“ beginnt 1914 mit dem Aufstand der Bergarbeiter in Wales und führt den Leser bis kurz vor den Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Teil zwei „Winter der Welt“ beginnt mit Hitlers Machtergreifung und thematisiert hauptsächlich die dunklen Jahre des zweiten Weltkriegs. Teil drei „Kinder der Freiheit“ schließlich beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer und endet mit ihrem Fall.

Aufstieg und Fall des Kommunismus, Bürgerkriege allerorten, Spionage, Diktaturen, Freiheitskämpfe, Bürgerrechtsbewegungen – alles ist eingewoben in diese Trilogie, kein Kampf wird vergessen, kein Aufstand bleibt ungewürdigt. Dazwischen wird geliebt, gelitten, gefreut, geboren, gestorben in bekannter Folletscher Manier. Damit man als Autor wirklich die ganze Geschichte des letzten Jahrhunderts in Romanform unterkriegt, ist der Griff zum bewährten Forrest-Gump-Kniff das Mittel der Wahl und so bleibt es nicht aus, dass mancher Handlungsstrang sehr weit hergeholt und bemüht wirkt. Aber dessen ungeachtet bieten das epische Werk eine historische Grundlagen-Aufarbeitung und geschmeidige Lektüre.

Sorgfältig recherchiert, aber auch von Neugier getrieben, verbindet Ken Follett belegte Historie mit fiktionalen Geschichten. Seine strikte Regel „Immer herausfinden, was passiert sein könnte, aber niemals etwas Unmögliches geschehen zu lassen“ befolgt er dabei akribisch genau, hinterfragt auch kleinste Kleinigkeiten. Das führt einerseits zu unterhaltsamen Handlungssträngen, etwa bei Jack Kennedys amourösen Betätigungen, andererseits gehen etliche Details viel zu sehr in die Breite. Braucht es wirklich diverse Seiten, um die Kleidungsgewohnheiten der Upper class zu beschreiben oder hätten es nicht ein paar Nebensätze auch getan?

Gleiches gilt für die von Ken Follett anscheinend sehr geliebten Sex-Szenen, denen er nicht widerstehen kann. Gerade in Teil zwei finden sich eklatant viele, mancherorts wurden seine Romane gar schon augenzwinkernd als Männerromane bezeichnet. Dazu sei einmal mehr gesagt: Ja, natürlich, man kann auch über Vergewaltigungen schreiben, gerade im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg geht es wohl auch nicht ohne. Aber – muss es wirklich so offensichtlich als gewollt antörnende Vorlage dienen? Was sämtliche Sexszenen nebenbei bemerkt, auch nicht tun. So hölzern und technisch, wie es letzten Endes rüberkommt, ist vielleicht doch sogar die Lektüre einer Gebauchsanweisung für Waschmaschinen erotischer.

Ganz grundsätzlich ist auch die große Literatur Ken Folletts Sache nicht, da mag man es noch so gerne als „Literarisches Denkmal des Jahrhunderts“ bewerben. Oft ist seine Sprache holprig, in der Übersetzung finden sich zudem immer wieder kleinere Logikfehler, so etwa, wenn die Namen der Protagonisten durcheinandergewürfelt werden. Das ändert aber nichts daran, dass dem Leser durch die Romanhandlung die Möglichkeit gegeben wird, diese erst so kurz hinter uns liegende Epoche noch einmal mit anderen Augen zu sehen, sie dadurch greifbar und von der Abstraktheit des Geschichtsunterrichts befreit vor sich zu sehen. Dass man sich jederzeit denken kann, wie die jeweilige Storyline ausgeht, wenn man die Historie so halbwegs kennt, stört dabei eher weniger und nimmt der Spannung erstaunlich wenig.

Eher irritiert da schon die sehr unterschiedliche Gewichtung der politischen Ereignisse. Wenn in Teil drei beispielsweise gut fünf Jahrzehnte abgehandelt werden sollen, wundert man sich nach der Hälfte des Buches schon, warum Martin Luther King immer noch für seine Bürgerrechtsbewegung kämpft. Entsprechend wird manch anderes Nachfolgende hektisch abgehandelt und auch nicht jede handelnde Person bekommt ein auserzähltes Ende. Was aber auch nicht allzu schlimm ist, denn die Charaktere sind zwar alle nachvollziehbar, oft genug aber auch sehr eindimensional. Aber wenn jede Figur immer dem Zwang des Übergeordneten folgend in eine bestimmte Ideologie eingebunden werden muss, bleibt das wohl nicht aus. Dennoch verliert Follett nie den Faden, der Leser seinerseits greift zwischendurch sicher dankbar zu den sorgfältig gezeichneten Stammbäumen der einzelnen Familien.

Ungeachtet der Mängel sind die drei Romane (auch einzeln) gut lesbar und den beseelten Geschichtenerzähler nimmt man dem Autor jederzeit unberufen ab. Grundsätzlich muss man natürlich auch berücksichtigen, dass bei weitem nicht jeder Leser über ein ausreichendes geschichtliches Grundverständnis verfügt und es sicher dringend not tut, auch weniger versierten Lesern Zusammenhänge, die bis heute nachwirken, nahe zu bringen. Alleine diese Ambition ist zweifelsohne aller Ehren wert. Irgendwer muss es ja machen und wenn es Ken Follett ist. Wenn man sein Wissen aus Unterhaltungsromanen bezieht – auch gut. Hauptsache, man bezieht es überhaupt irgendwoher. Darüberhinaus macht es auch einfach Spaß, nachzulesen, wie komplett anders der Alltag der Menschen im Laufe der Jahrzehnte war, wie sich alles entwickelt hat – von den Anfängen der Motorisierung bis zu unserer heutigen nahezu unbegrenzten Reisefreiheit oder die Kommunikation von der ersten Depesche bis zu den Anfängen des Computerzeitalters.

Alles in allem ist diese Trilogie eine angemessene Würdigung des Wirkens der Menschen des letzten Jahrhunderts. Follett selbst sagt, dass ihm erst während des Schreibens klar wurde, dass der Leitgedanke des letzten Jahrhunderts der Kampf für die Freiheit war. Es war die gewalttätigste Epoche in dre Geschichte der Menschheit und erst durch die Rückschau erschließt sich, wieviel erreicht wurde von dem, was heutzutage für uns selbstverständlich ist. Die Trilogie zeigt unterm Strich eindringlich, wie schwer der Kampf für die Freiheit war, wie schwer erreichbar sie war und ist von daher sicher auch ein Mahnmal dafür, Errungenschaften wie Demokratie und Freiheit nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Interessanterweise ist der Epilog des dritten Teils genau dafür ein beredtes Beispiel. In diesem Epilog springt Follett in unsere Gegenwart und thematisiert die Vereidigung Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten der USA. Zeigen wollte Follett damit wohl eher den erfolgreichen Schlusspunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der er ja in der Gesamtgewichtung extrem viel Raum gegeben hat. Der europäische Leser hingegen wird wohl eher nicht umhin können, daran zu denken, dass gerdae dieser Präsident, in den so viele Menschen soviele Hoffnungen gesetzt haben, in mehr als einer Hinsicht enttäuscht hat, auch und gerade, was die Verteidigung der Freiheitsrechte angeht.

Ken Follett
Sturz der Titanen, 1038 Seiten, ISBN 978-3-404-16660-2
Winter der Welt, 1024 Seiten, ISBN: 978-3-8387-0907-9
Kinder der Freiheit, 1036 Seiten, ISBN: 978-3-8387-5778-0
Verlag Bastei Lübbe
Band 1 und 2 bereits als Taschenbuch verfügbar,
alle 3 Teile als E-Books und Hörbücher verfügbar.

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Bastei Lübbe

Barrikaden am Wedding

Berlin, April 1929: In der von ökonomischen Krisen geschüttelten Hauptstadt bereitet sich die Arbeiterschaft auf ihren hohen Feiertag vor, den 1. Mai. Allerdings droht in diesem Jahr Ärger, denn der Polizeipräsident, ein SPD-Mann, hat sämtliche Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten, die Herrschenden befürchten massive Proteste der Kommunisten gegen die »Hungerregierung«.

Im roten Wedding beratschlagen der Betonträger Kurt Zimmermann und seine Genossen von der KPD, wie mit dieser Situation umzugehen ist und beschließen, wie gewohnt ihre Demonstration abzuhalten. Immer noch besteht die leise Hoffnung, dass die Stadtregierung zur Besinnung kommt und das Verbot rechtzeitig aufhebt. Vergeblich, denn die Sozialdemokraten befinden sich auf knallhartem Konfrontationskurs und rüsten sich zur Schlacht mit den verhassten Konkurrenten von links; die tollwütige Polizei sorgt für ein tagelanges Blutbad.

Klaus Neukrantz hat mit seinem historisch detailgetreuen Kultroman um den »Blutmai« 1929 ein erstaunliches Buch geschrieben, eine atemlose Reportage, die klar Position bezieht und kaum Raum lässt für Zwischentöne. Es verwundert nicht wirklich, dass »Barrikaden am Wedding« sofort nach Erscheinen von der Obrigkeit verboten und der kommunistisch engagierte Autor später von den Nazis ermordet wurde.

Ein zentrales Thema ist (wie beispielsweise auch in Alfred Döblins »November 1918«) die unrühmliche Rolle der Sozialdemokraten in der deutschen »Revolution« von 1918, das Zurückscheuen der SPD immer dann, wenn sich eine wirkliche Chance zur Veränderung bietet und die Anbiederung an die Mächtigen, die diese Partei bisweilen zeitweise dulden (müssen), aber sie stets nur zum Nutzen der eigenen Interessen einsetzen und niemals bereit sind, echte Zugeständnisse zu machen. Wer dabei Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen entdeckt, liegt wohl so falsch nicht.

Natürlich ist das Buch auch eine Propagandaschrift für die damalige KPD, fein säuberlich werden die Lügen der (gegnerischen) Presse über die Ereignisse aufgelistet, die wehrhaften Arbeiter sind allesamt edel und heroisch, die Polizisten dagegen feige und brutal. Kurt und seine Frau erfahren am Ende eine Katharsis, die sie zu (noch) besseren Menschen und Klassenkämpfern macht. Allein, man würde dem Werk nicht gerecht, täte man es als bloße Agitationspolemik ab, denn es ist weitaus mehr: Ein packendes zeitgeschichtliches Zeugnis und ein verzweifelter Aufruf für Humanität und Gerechtigkeit.

Herausgeber Frieling hat zu »Barrikaden am Wedding« ein höchst informatives Vorwort verfasst, das die historischen Zusammenhänge aufzeigt und auch die Biographie des Autors beleuchtet. Erschienen ist der Roman in Frielings Reihe »Bücher gegen den Strom« und es bleibt zu hoffen, dass er bald noch mehr solcher Schätze hebt.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Historischer Roman
Verlag: Internet-Buchverlag Berlin