Die siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte SprachfunktionLaurent Binet gelingt mit diesem abgedrehten Wissenschaftskrimi etwas Einzigartiges: Er führt seinen Leser mit vergnüglicher Leichtigkeit durch die hoch intellektualisierte Welt philosophischer und semantischer Theorien und entfaltet gleichzeitig einen faszinierenden Kriminalroman, in dem er raffiniert Fiktion, berühmte Zeitgenossen, Wissenschaftstheorie und Wirklichkeit vermengt. Wer glaubt, aus diesen Komponenten ließe sich kein schmackhaftes Gericht komponieren, darf sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen: Der Autor beschert mit seinem witzig-satirischen Krimi ein farbenfrohes Lesevergnügen. Continue reading


Kategorie: Kriminalromane, Romane
Verlag: Rowohlt

Twin Peaks 3.0.: Das langersehnte Wiedersehen

reclamMit dem Ausspruch „If you miss it tonight, you won’t know what everyone’s talking about tomorrow“ warb der amerikanische Sender ABC für die zweite Staffel der wohl besten Serie über einen der „wunderbarsten und zugleich seltsamsten Orte“ des Nordwestens der USA und wenn 2017 das Twin Peaks Fieber anlässlich der dritten Staffel wieder ausbrechen wird und alle Münder nach einem „Damn Good Coffee“ und Kirschkuchen verlangen werden kann man sich jetzt schon sicher sein, dass die TV-Landschaft danach wieder nicht mehr dieselbe sein wird. Schon vor 25 Jahren revolutionierte Twin Peaks nämlich das Genre indem es das Zeitalter der „Autorenserien“ eröffnete und das Ende des Mediums zweiter Wahl einläutete. Twin Peaks 3.0 wird von Showtime ausgestrahlt werden und wahrscheinlich wieder in 30 Episoden aufgeteilt sein. Mit dabei sind natürlich wieder die Gründer der Serie allen voran David Lynch und Mark Frost sowie Kyle MacLachlan als Special Agent Dale Cooper.

Twin Peaks: Hommage an den Cliffhanger

„I will see you again in 25 years“, sagte Laura Palmer in der surrealen Traumsequenz der finalen Episode vom 10. Juni 1991 und tatsächlich wird es nun beinahe auf den Tag genau zu einem Wiedersehen kommen. Grund genug dafür, das bisher Geschehene nochmals auf 100 Seiten zusammenzufassen und in die nunmehr ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Ereignisse erneut einzutauchen. Dabei hilft nun besonders der hier vorliegende kleine Reclam-Führer der nicht nur mit genauen Personenbeschreibungen, sondern auch schönen Grafiken zu Twin Peaks aufwartet. Zudem erfährt man natürlich auch, was in der Dritten Staffel geschehen wird und wer alles wieder mit dabei sein wird, aber auch was in den vergangenen 30 Episoden alles geschehen ist. Mit dem Satz: „Und da gibt es diesen Wind, der durch die Bäume streift“ soll David Lynch damals den ABC-Programmverantwortlichen davon überzeugt haben, sich an die Serie zu wagen, die damals alles bisher in der TV-Geschichte Dagewesene in den Schatten stellte. Leider war es dann auch ABC, die für den Einbruch der Einschaltquoten verantwortlich war, als der Mörder von Laura Palmer schon in der 18. Episode gestellt wurde. Natürlich war für den Einbruch auch die Sendeplatzverlegung auf den „graveyard slot“ verantwortlich, aber sicher nicht die Serie selbst, die man auch als Hommage an den Cliffhanger bezeichnen könnte.

2017: Give Peaks a chance!

Die vorliegende liebevoll zusammengestellte Publikation erzählt auch vom COOP (Citizens Outraged at the Offing of Peaks), die 1991 schon „All we are saying is give Peaks a chance“ skandierten. Auch Kritik an der zweiten Staffel ist zu vernehmen, die cinematographischen Vorbilder der Serie werden genannt sowie die Twin Peaks eigene Magie erklärt, etwa schon beim Vorspann: „mit seinen sanften Überblendungen steht für die Entdeckung der Langsamkeit, Entschleunigung, Kontemplation, für eine Traumreise, er erzeugt eine hypnotische Wirkung, lässt einen eintauchen in eine fremde Welt, entführt einen an einen idyllischen Meditationsort“. Wenn der Vorspann dann verklungen ist, sei man in einer Traumwelt angekommen, in der immer wieder die Gesetze der Wirklichkeit außer Kraft gesetzt würden.

Die Reihe „100 Seiten“ erscheint bei Reclam als Taschenbuch im Format 11,4 x 17 cm auf 100 Seiten und enthält auch einige Abbildungen. Weitere Themen der Reihe sind: Asterix, Superhelden, David Bowie, Reformation, JOhn F. Kennedy, Resilienz u.v.a. Themen mehr.

 

Gunther Reinhardt

Twin Peaks. 100 Seiten

Broschiert. Format 11,4 x 17 cm

100 S. 7 Abb. Reclam Verlag

ISBN: 978-3-15-020421-4


Kategorie: Agentenroman, Biografie, Biographien, FBI, Kriminalromane, Kult, Kulturgeschichte, Lynch, TV-Serien
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Fremde Gäste

Fremde Gäste

1922, London im Jahr 4 nach dem Ende des ersten Weltkriegs: Die Stadt ist geprägt von sozialen Unruhen, die hermetisch in Klassen abgeriegelte bürgerliche Welt ist im Umbruch. Im vornehmen Süden der Stadt sitzt die alte Mrs. Wray in einer hochherrschaftlichen Villa, die sie kaum noch halten kann. Ihre Söhne sind gefallen, ihr Mann vor Gram und Kummer verstorben, nicht ohne vorher noch das Familienvermögen durch gewagte Investitionen verschleudert zu haben. Geblieben ist ihr nur Tochter Frances, die auf dem besten Weg ist, eine alte Jungfer zu werden. Die beiden Damen müssen ohne Dienstboten auskommen, Frances übernimmt alle Arbeiten im Haushalt und seien sie noch so niedrig. Während die Mutter vor Scham vergeht, scheint es, als ob Frances sich mit der Fron für etwas selbst bestraft.

Fremde Gäste Die Damen Wray sehen sich in ihren schwierigen finanziellen Verhältnissen gezwungen, Mieter aufzunehmen. Ein junges Paar aus der Arbeiterklasse, Lilian und Leonard, zieht ein. Scheinbar modern sind sie, ausgelassen und jung, sie glauben an eine bessere Zukunft. Mit ihnen verändert sich alles, nicht nur die mühsam gewahrte Ruhe und Routine im Haus. Wecken Lilian und Leonard zunächst nur die Neugier der Damen Wray, üben beide bald schon auf Frances eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Sie zwingen sie, ihre eigenes Leben und einiges aus ihrer gar nicht so unbeschriebenen Vergangenheit neu zu überdenken. Hat sie ihre Verarmung, ihren Rückzug in traditionelle Werte und Pflichten nicht als eine Art Schutzschild mißbraucht?.Dazu kommt vor allem Leonards zupackende Art, mutig und ehrgeizig im Leben voranzukommen, die Frances zeigt, dass es auch in und an einem selbst liegt, was man aus seinem Leben macht.

Doch niemand hätte am Anfang gedacht, wie weitreichend und wie verheerend die Folgen wachsender Vertrautheit zwischen Frances und dem Paar seien könnten. Denn Frances will direkt etwas, was für die damalige Zeit undenkbar und unerhört ist und das führt schließlich zu dem sich entfaltenden Drama. Die Spannungen im Haus gipfeln in einem tödlichen Streit, der letztlich eine schwer vermeidbare Folge der neuen Ordnung und ihrer Möglichkeiten war. Ab diesem Punkt entwickeln die Ereignisse ein Eigenleben, es ist fast ein Schneeballsystem, das Lilian und Frances in Gang setzen. Die Frage ist zum Schluß nur noch, werden sie die Letzten sein in diesem System oder doch diejenigen, die damit durchkommen?

Mehr soll hier an dieser Stelle nicht verraten werden, denn Sarah Waters erzählt über fast 600 Seiten zwar eine fesselnde Geschichte, doch die Spannung speist sich hauptsächlich aus ihrer Erzählkunst. Der eigentliche Plot wirkt zusammengefasst betrachtet recht banal, aber Waters macht aus der zugrunde liegenden Situation, dem Verlust des Schutzes der Klassenzugehörigkeit, eine quälend spannende von Zärtlichkeit und Leidenschaft getragene Sozialstudie.

Waters große Kunst liegt in ihrer Detailgenauigkeit, man könnte fast sagen, Detailversessenheit. „Fremde Gäste“ ist ein minutiös aufbereitetes Kostümdrama in Schriftform, die Genres Krimi, Justizdrama und lesbischer Liebesroman als unerwartete, aber unerschrockene Beigabe dazu gemischt. Spannender als der eigentliche Plot ist die Schilderung der Atmosphäre, der Milieus im Nachkriegslondon aus weiblicher, noch dazu aus lesbischer Sicht. Eine Perspektive, ein Aspekt, über den man niemals in Geschichtsbüchern lesen wird. Genauso wie man in Geschichtsbüchern auch nie mit akribischen Schilderungen des Alltags und der Anstrengungen, die es kostet, den Schein bürgerlicher Ordnung wenigstens notdürftig aufrechtzuerhalten, konfrontiert wird. Als reine sachliche Beschreibung wäre dies wohl auch langweilig, aber eingebettet in den Kontext einer Romanhandlung entfalten gerade diese Teile des Romans einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Waters läßt sich viel Zeit, ihre Erzählung zu entfalten, aber es wird an keiner Stelle langweilig. Ein wenig erinnert ihre Erzählweise an die vielgelobten Serien wie Mad Men oder Downton Abbey, deren besonderer Reiz auch in der detailverliebten Zeitbeschreibung liegt.

Sarah Waters lässt mit den fremden Gästen eine verschwundene Epoche wiederauferstehen, mehr noch, sie zeigt die verborgenen Leben, die in dieser Epoche existiert haben und von denen man sonst ganz sicher nie etwas erfahren hätte. Dabei sind beide Milieus, sowohl das Arbeitermilieu als auch das der bürgerlichen Klasse akribisch genau rekonstruiert. Ihre Charaktere sind bis in die kleinste Nebenrolle scharf konturiert und durchweg glaubwürdig, wenn auch nicht immer sympathisch. Ein bißchen ins Lächerliche gezogen sind die Rollen der später hinzukommenden Polizei-Bediensteten, da wäre eine schärfere satirische Abgrenzung nicht verkehrt gewesen, um den teils arg an den Haaren herbeigezogenen Konstruktionen milde begegnen zu können.

Sarah Waters ist eine in Großbritanien sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Bekannt wurde sie mit Tipping the velvet, einem Roman, der auch sehr erfolgreich als Fernsehserie adaptiert wurde. In Deutschland ist sie eher einem Nischenpublikum bekannt. Leider wird sie oft auf die Rolle einer Autorin lesbischer Liebesromane reduziert, was ihrem Gesamtwerk meiner Meinung nach ganz und gar nicht gerecht wird. Um für mich zu sprechen: Ich persönlich bin ganz grundsätzlich kein großer Freund von reinen Liebesromanen, gleich welcher sexueller Ausrichtung. Aber ich lese sehr gerne Gesellschaftsromane und Sarah Waters beherrscht dieses Genre ganz eindeutig sehr gut.Ich würde daher die Beschreibung Autorin gut auserzählter und recherchierter Gesellschaftsromane, die (nicht immer) auch lesbische Themen behandeln, bevorzugen.

Auch in Fremde Gäste ist die lesbische Komponente für die Handlung nur insofern entscheidend, als sie die Außenseiterposition klärt und die zu dieser Zeit herrschende Moral literarisch einfängt, es ist keineswegs das entscheidende Merkmal des Romans. Was ich im übrigen gerade sehr gekonnt finde und was mit ein Grund dafür ist, diesen Roman uneingeschränkt zu empfehlen. Zumindest all jenen, die ebenfalls gerne episch lesen.


Kategorie: Historischer Roman, Kriminalromane, Romane
Verlag: Bastei Lübbe

Cutter und Bone

Cutter_und_Bone_300Vom ersten bis zum allerletzten Satz liefert Newton Thornburg (1929-2011) mit »Cutter und Bone« einen Roman, der sowohl hinsichtlich seiner sprachlichen Eleganz wie auch in der Auswahl seiner morbiden Protagonisten weit aus dem Meer der Kriminalliteratur herausragt. Der im Freestyle geschriebene Krimi fasziniert und verstört gleichermaßen und zeigt, was in dem Genre abseits des Mainstreams schriftstellerisch möglich ist.

Die beiden Titelhelden sind zwei in einer seltsamen Symbiose gefangene Typen. Cutter ist invalide und schwer traumatisiert aus dem Vietnam-Krieg heimgekehrt. Ausgestattet mit nur einem Arm, Holzbein und Glasauge bringt er sich und seine Begleiter immer wieder in die unmöglichsten Situationen, aus denen ihn sein Kumpel Bone oft nur mit viel Zureden wieder herausbringt. Der wiederum verdingt sich als heruntergekommener Stecher bei Damen, die er dann um kleinere Darlehen angeht. Gemeinsam leben die beiden mit einer Freundin und deren Baby in einer Art Räuberhöhle, in der Alkohol in Strömen fließt und der Dreck von der Tapete tropft.

Kein Wunder, dass es immer wieder an nötigem Kleingeld fehlt, um auch nur Benzin für die fahrbaren Untersätze zu kaufen, ohne die auch ein amerikanischer Underdog nicht durchs Leben kommt. Als ihm in einer Nacht mal wieder das Benzin ausgeht und er deshalb zu Fuß nach Hause trabt, beobachtet Bone, wie ein ermordetes Mädchen in einen Mülleimer gestopft wird. Als er am kommenden Tag die Zeitung aufschlägt, meint er, in einem dort abgebildeten Industriellen denjenigen zu entdecken, der die leblose Fracht abgeladen hat. Die beiden Kumpels kommen auf die Idee, den Mann zum Opfer einer Erpressung machen zu wollen.

Der Roman schraubt sich nun wesentlich um den Versuch, den Magnaten zu erreichen, um die Forderung vorzubringen. Das ist kompliziert, weil die beiden Freaks teils aus Dummheit, teils aus Feigheit kaum über die Empfangssekretärin des vermeintlichen Täters hinauskommen. Sie begeben sich nun auf eine Reise in den amerikanischen Süden, um ihr Opfer persönlich aufzusuchen, stellen sich dabei aber so saudumm an, dass bald zur zentralen Frage wird, wie böse die Geschichte ausgeht.

Dass die Story dann wie eine Schrotladung im Gesicht des Lesers endet, ist eine der meisterlichen Wendungen, die diesem Roman eigen ist.

Zum Bestellen klicken Sie bitte hier:  Cutter und Bone: Kriminalroman


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Polar Verlag

Alibi für ein Todesspiel

Wenn jemand neue Münster-Krimis ersinnen kann, dann ist es Bela Bolten. Der gebürtige Westfale fuhr jahrelang Taxi in der Metropole und kennt jeden Winkel rund um den Prinzipalmarkt. Entsprechend authentisch sind seine Tatorte, sei es das »Hotel Krautkrämer« oder das »Café Klatsch«.

Bolten erschafft in dem Piloten seiner Münster-Reihe ein Ermittlerpärchen aus einem vorbestraften und leicht verkommenen Jungunternehmer und einer brillant aussehenden Schauspielerin, die nach einem Motorradunfall querschnittsgelähmt ist. Die beiden betreiben eine Alibi-Agentur, deren Sinn und Zweck darin besteht, Fremdgängern ein hieb- und stichfestes Alibi für ihre Auszeit zu beschaffen. Dummerweise wird gleich der erste Doppelgänger erstochen, und da stellt sich die Frage, ob es sich um eine Verwechselung oder um Absicht handelte.

Der Autor erzählt flüssig und schafft es, den Leser in seinen Erzählstrang einzubinden. Hinsichtlich der Personenentwicklung überzeugt er mich – ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Krimis – nicht vollends. Auf der einen Seite kommt anfangs ein Herr Tom ins Spiel, der sich regelmäßig um das Liebesleben der behinderten Schauspielerin kümmert, dann aber bald vergessen wird und keine Rolle im Geschehen spielt.

Auf der anderen Seite entwickelt die arbeitssuchende Dame schon beim Vorstellungsgespräch eine derartige Dominanz, dass man sich sofort fragt, welcher Unternehmer sich das wohl bieten lässt. Und warum spricht die engagierte Arbeitssuchende nicht mit der gleichen Frechheit im Theater vor, denn auch dort gibt es viele Rollen, die Rollstuhlfahrern auf den Leib geschnitten sind, oder wendet sich gleich an eines der blühenden Inklusionstheater?

In der Diktion erzählt Bolten nüchtern und sachlich. Leidiglich bei Position 1075 wird er direkt leidenschaftlich, als er sich zur »Diktatur der Gourmets« äussert und gegen die »Schreckensherrschaft der Caffé-Latte-Despoten« wettert. Da spürt der Leser, dass der Autor sehr viel mehr kann.

Insgesamt ist »Alibi für ein Todesspiel« ein gut lesbarer Kriminalroman, der unbedingt in den Münsteraner Buchhandel gehört.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Kindle Edition

Golanhöhen

Bischoff

BischoffMan muss nur tief genug in der Vergangenheit des Kriminalkommissars wühlen, dann findet man schon den Mörder. So scheint seit einiger Zeit ein unumstößliches Krimi-Gesetz zu lauten. Egal, ob man „Tatort“ einschaltet oder einen Kriminalroman aufschlägt – ohne persönliche Verwicklungen der ermittelnden Personen geht es anscheinend nicht mehr. Der unbeteiligt ermittelnde Kommissar wurde wohl in Rente geschickt. Da macht auch der neue Roman „Golanhöhen“ von Marc-Oliver Bischoff aus der bewährten Dortmunder-Krimi-Schmiede (Grafit Verlag) keine Ausnahme. Aber soviel vorab: Dies ist auch schon der einzige zu bemängelnde Punkt und zugegebenermaßen auch persönlichem Überdruss geschuldet. Davon abgesehen ist das Buch ein außerordentlich gut gemachter Krimi, angemessen düster, intelligent aufgebaut und erzählt.

„Golanhöhen“ ist der dritte Teil von Bischoffs Frankfurt-Trilogie. Während in den ersten beiden Teilen noch Kriminalpsychologin Nora Winter ermittelte, steht aufgrund ihres Erziehungsurlaubs diesmal ihr Mann Gideon an der Spitze der Ermittlungen – zumindest so lange, bis er degradiert und suspendiert wird. Der Plot ist zum größten Teil angesiedelt in den heruntergekommenen Sozialbauten am Frankfurter Ben-Gurion-Ring, welche den unglücklichen „Spitznamen“ Golanhöhen tragen. Dieses Viertel gleicht in Frankfurt „einem schwarzen Loch. Armut zieht Armut an. Probleme bringen weitere Probleme mit sich“. Der noch positivste Lerneffekt, den ein Bewohner dort mitnehmen kann, ist Selbstmitleid. Selbstmorde sind alltäglich. So geht auch Gideon Richters Team zunächst von einer Selbsttötung aus, als sie zu einem Todesfall in den Sozialbauten gerufen werden. Doch Gideon hat Zweifel. Die Tote ist erst vor kurzem aus der Haft entlassen worden, warum sollte sie sich ausgerechnet jetzt vom Dach stürzen? Und was ist mit dem toten Baby, dass in der Mülldeponie gefunden wurde? Hängen die beiden Fälle zusammen?

Gideon allerdings tut sich ausnehmend schwer, sich auf die Ermittlungen zu konzentrieren. Den frischgebackenen Vater lassen Ermittlungen um ein totes Baby und eine Frau, die als Kindsmörderin inhaftiert war, ganz und gar nicht kalt. Dazu kommt eklatanter Schlafmangel, denn das Baby lässt Nora und ihm nicht viel Ruhe. Deshalb leidet er unter unerklärlichen Blackouts, von denen er befürchtet, dass sie nicht nur aus den schlaflosen Nächten resultieren. Und dann muss er sich auch noch besagten ungeklärten Dingen aus seiner Vergangenheit stellen, die plötzlich den Fall unerwartet tangieren. Gideon verliert Distanz und Objektivität und trifft einmal zu oft eine unhaltbare Entscheidung.

Bischoff beginnt den Roman zwar mit einem rasanten Prolog, läßt sich dann aber Zeit, den eigentlichen Fall ganz ruhig und detailliert, dabei aber an jeder Stelle spannend zu beginnen. Im weiteren Verlauf steigert er sein Tempo, die Brechstange bleibt dabei dankenswerterweise weggeschlossen. An jeder Stelle lässt er sich Zeit, alle Aspekte des Falls und der Ermittlungen in einem wohltuend unaufgeregten Schreibstil auszuleuchten. Ausführlichen Platz bekommt dabei auch die Betrachtung heutiger Arbeitsbedingungen. Unterbesetzte Teams, Stress, die Schwierigkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren, die stillschweigend vorausgesetzte Bereitschaft, auch über vertragliche Arbeitszeit hinaus bereitwillig parat zu stehen, auch und gerade bei Teilzeitkräften – Themen, die sicher nicht nur, aber eben auch Polizei-Teams beschäftigen. Bischoff zeigt am Beispiel von Gideons Team explizit und kritisch, wie sehr das so oft gehörte ungute „Sei froh, dass Du noch einen Job hast“ bereits gesellschaftlich akzeptiert ist. Dass dem Leser auch bei solchen Exkursen nicht langweilig wird, liegt nicht nur am Wiedererkennungswert, sondern sicher auch an der Fähigkeit des Autors, nicht nur geschliffen zu formulieren, sondern sich auch ohne Anbiederung in seinen Dialogen den jeweiligen Schichten gut und glaubwürdig anzupassen. Spannend zum Schluss der Mut des Autors, ausgerechnet eine Trilogie mit einem offenen Ende zu beschließen.

Marc-Oliver Bischoff kam über das Bloggen zum Schreiben, sein erster Krimi „Tödliche Fortsetzung“ wurde gleich mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Ludwigsburg und arbeitet dort als Technologieberater.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Grafit Dortmund

Die Stillen müsst ihr fürchten – Tatort Köln

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Ein psychopathischer Killer vergewaltigt und ermordet junge Frauen in Köln auf brutale Weise. Nach dem Mord stellt er Bilder der toten Frauen in die Facebook-Profile der Toten. Die Kripo Köln um Lasse Brandt ermittelt auf Hochtouren, da der Mörder bereits seine nächste Tat angekündigt hat. Zu allem Überfluss bekommt Brandt einen neuen, unerfahrenen Partner an seine Seite gestellt. Kann die Kripo Köln den Täter schnappen, bevor die nächste junge Frau ihm zum Opfer fällt oder wird Brandt selbst zur Zielscheibe des Psychopathen?

Nach zwei Frauenleichen, deren Fotos im social media auftauchen und die Kölner in einen Zustand der Schockstarre versetzen, scheint es für Kommissar Lasse Brandt und seinen neuen  Kollegen, als sei der Täter immer einen Schritt voraus. Der Täter jedoch lässt den Leser an seiner kranken Handlungsweise teilhaben und führt die Polizei weiterhin an der Nase herum. Fieberhaft versucht das Team der Ermittler eine Gemeinsamkeit herzustellen zwischen den Opfern. Bis dies gelingt, landet die Polizei immer wieder in Sackgassen. Selbst als Brandt dem Täter gegenüber steht, gelingt es ihm nicht, ihn zu verhaften.

Der Klappentext klang wie ein beliebiger Krimi, erschien typisch: ein Psychopath, junge Frauen, die ermordet werden und ein Bulle, der irgendwie nicht genug Abstand hat. So weit schon einige Male geschrieben und nicht wirklich spektakulär. Weit gefehlt. Je weiter man eindringt in die Psyche des Mörders, umso größer wird die Spannung. Salim Güler versteht es, den Leser ins tiefste Innere des Mörders zu führen. Am liebsten möchte man der Polizei zurufen, was der Psychopath als nächstes plant. Tatsächlich tappt der Leser im Dunkeln, um wen es sich handelt. Dies offenbart sich erst zum Ende. Der Spannungsbogen wird von der ersten bis zur letzten Seite gehalten, auch weil die agierenden Figuren sehr gut charakterisiert sind. Man hat das Gefühl, jeden einzelnen zu kennen und fiebert deshalb mit. Der Täter ist ein zutiefst krankhafter und brutaler Mensch, den man im Verlauf der Geschichte am liebsten selbst massakrieren möchte. Der Autor erweckt im Leser gleichsam dunkle Seiten zum Leben, die ihn selbst erschrecken.  Andererseits möchte man dem Täter zustimmen, wenn er über die Dummheit seiner Opfer philosophiert. Bis zum Ende habe ich versucht, Abstand vom Täter und allen beteiligten Personen zu bekommen. Es ist mir nicht gelungen. Kein Krimi der üblichen Sorte sondern außergewöhnlich und überaus bestürzend.

Großartig.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Kindle Edition

World Gone By

518+X7qqFfL._SX323_BO1,204,203,200_Tampa, Florida 1943: Der Gangster Joe Coughlin hat sich aus dem aktiven Kriminalgeschäft zurückgezogen und ist (fast) nur noch als Berater für die Mafia-Familie Bartolo tätig. Gemeinsam mit Sohn Tomas pendelt er zwischen Florida und Kuba, der Heimat seiner verstorbenen Frau. Die Geschäfte florieren nicht zuletzt dank des Bedarfs an Rohstoffen im Krieg und Joe genießt höchstes Ansehen, verkehrt nicht nur in der Unterwelt von Havanna und Tampa, sondern dort auch in den besten Kreisen.

Doch die Vergangenheit fordert ihren Tribut und als er einen Hinweis bekommt, dass auf seinen Kopf ein Preis ausgesetzt wurde ist es vorbei mit dem Ruhestand. Außerdem fügen die Gesetzeshüter dem Imperium empfindliche Verluste zu, denn sie scheinen Hinweise aus dem inneren Kreis der Familie zu bekommen. Joe ist gezwungen, in sein altes Leben zurückzukehren und zieht noch einmal in die Schlacht…

Im dritten Teil der Coughlin-Trilogie (Teil eins »The Given Day«, Teil zwei »Live By Night«) zieht Dennis Lehane erneut alle Register seines Könnens und begeistert den Leser mit faszinierenden Figuren (erinnern z.T. an die der TV-Serie »Sopranos«) und spannenden Geschichten von Freundschaft, Liebe und Verrat. Wie im richtigen Leben gibt es nicht nur schwarz oder weiß, sondern alle Schattierungen und Farben dazwischen und die Protagonisten handeln in dem stringenten Plot stets nachvollziehbar, wenn auch nicht immer fehlerlos.

Bei »World Gone By« handelt es sich zwar im Gegensatz zu den Vorgängern »nur« um einen Kriminalroman oder Thriller, aber der ist hochklassig geschrieben und die historischen Hintergründe sind dabei das Salz in der Suppe. Wir treffen in dem Buch u.a. die Mafia-Größen Lucky Luciano und Meyer-Lansky, sowie den korrupten kubanischen Präsidenten Batista; allerdings sind sie gekonnt eingebettet in die Handlung und nicht nur Staffage. Dennis Lehane liefert mit »World Gone By« einen krönenden Abschluss der Trilogie, schade, dass es vorbei ist.

P.S.: Das Buch ist noch nicht in deutscher Fassung erschienen.

 


Kategorie: Kriminalromane, Thriller
Verlag: William Morrow

Die Abtaucher

Als ausgewiesener Schalke-Fan in der „verbotenen Stadt“ Dortmund arbeiten zu müssen, dann noch ein wandelndes Beispiel für die alte Fußballer-Weisheit „Knie heilt nie“ zu sein und als krönende Dreingabe einen Assistenten, der sich trotz oder wegen seines Atze-Schröder-Stylings als unermüdlicher Playboy gefällt – Kriminalkommissar Georg Schüppe hat mehr als ein Problem. Da fällt sein ungeliebter Spitzname „Der Spaten“ schon kaum mehr ins Gewicht.

Derart vom Leben gebeutelt, macht er sich eher widerwillig auf zu seiner neuesten Ermittlung. Ein toter Einbrecher in einem Dortmunder Zechenhaus verspricht nun auch nicht gerade die dollste Ablenkung. Weder für ihn noch für Polizeireporter Tom Balzack, der sich mehr schlecht als recht mit seiner kleinen TV-Firma als Sensations-Zulieferer für den Boulevard durchschlägt. Doch nicht lange und der kleine Routinefall wird undurchsichtig. Drei weitere Morde folgen und an den weit voneinander entfernten Tatorten finden sich DNA-Spuren des Einbrechers aus dem Zechenhaus. Der jedoch befand sich zum Zeitpunkt der drei Morde schon in fortgeschrittener Totenstarre.

Wer legt da eine falsche Fährte und vor allem warum? „Der Spaten“ sieht die Zusammenhänge nicht, vielleicht will er sie auch gar nicht sehen. Die vage Ahnung, dass dieser Fall etwas mit ihm und seiner traurigen Vergangenheit zu tun haben könnte, lässt er zunächst nicht zu. Somit schlägt die Stunde des Reporters. Balzack ist chronisch pleite, der Konkurrenzdruck groß, ihn kann nur noch die eine, die ganz große Geschichte retten. Er erkennt den Zusammenhang zwischen den Morden, er kennt „Die Abtaucher“ aus der sogenannten guten Gesellschaft, die nun in der verqueren Logik eines Killers für einen Augenblick der Unachtsamkeit bezahlen müssen.

„Die Abtaucher“ ist das gelungene Krimi-Debüt des Journalisten Thomas Schweres und weit mehr als nur ein weiterer halbwegs gelungener Regional-Krimi. Der gebürtige Essener Schweres lebt als Schalke-Fan „undercover“ in Dortmund und treibt sich mit seiner TV-Firma vorzugsweise auf dem Boulevard herum. Ähnlichkeiten zum Protagonisten Balzack dürften also nicht rein zufällig sein.

Thomas Schweres ist ein genauer Beobachter, den versierten Rechercheur merkt man durchgängig. Er weiß genau, worüber er schreibt, in seinen langen Reporterjahren ist er zum genauen Kenner der Ruhrgebiets-Szene geworden. Die Liebe zum Pott schimmert durch, aber auf nett gemaltes Lokalkolorit beschränkt er sich dabei dankenswerterweise nicht. Schweres scheut sich nicht, auch die unangenehmen, schwierigen Seiten des Ruhrgebiets aufzuzeigen. Ob es um Schutzgelderpressungen, den Tagelöhner-Strich, die vergifteten Monte Schlackos geht – Schweres redet Tacheles. Wer jemals länger in einem Stadtteil gearbeitet oder gelebt hat, in dem ganz eigene Gesetze herrschen und der von der Obrigkeit als aufgegeben bezeichnet werden darf, weiß, wovon Schweres redet und liest die entsprechenden Seiten mit einem sonderbares Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass es endlich einer ungeschönt ausspricht. Dazu gönnt der Kenner des Boulevards dem Leser amüsante Einblicke in das umkämpfte Geschäft mit dem Sensations-Journalismus.

Thomas Schweres schreibt kurz, knackig und durchgehend flüssig. Wie man einen Plot aufbereitet und den Leser häppchenweise bei der Stange hält, weiß er aus seinem Tagesgeschäft und übertragt das gekonnt und mit gelegentlichem Augenzwinkern in die Romanform. Der Plot an sich ist stimmig, auch wenn man heutzutage anscheinend in keinem einzigen Krimi mehr auf persönliche Involvierung der ermittelnden Kommissare verzichten kann. Alles in allem spannende Lektüre, mit der nicht nur Ruhrgebiets-Liebhaber richtig aus dem Alltag abtauchen können.

Interessanterweise ist unter den Protagonisten kein einziger richtiger Sympathieträger, aber der Autor schafft das Kunststück, dass man dem Kommissar, dem Reporter und seinen Mitstreitern ein gutes Ende wünscht. Den meisten jedenfalls. Wahrscheinlich, weil man sie alle irgendwoher kennt. Im Zweifelsfall aus der Nachbarschaft.

Erstveröffentlichung in den Revierpassagen am 02.12.2014


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Grafit Dortmund

Die Katze im Taubenschlag

Meadowbank ist ein prominentes Internat für Mädchen irgendwo in England. Als in der Turnhalle der Höheren Töchterschule mehrere Morde passieren und eine Entführung bekannt wird, scheint die Revolution im Emirat Ramar bis in die beschauliche englische Provinz zu reichen.

Formal ist dies ein Hercule Poirot-Kriminalroman. Der belgische Meisterdetektiv kann hier erfolgreich einen mysteriösen Fall aufklären, bei dem die englische Dorfpolizei nicht weiterweiß. Doch – oh wehe: Sein Einsatz erfolgt erst zum Ende hin und hat einen gewissen Showcharakter. Die Vorgeschichte sowie die Ereignisse rund um die Mordfälle werden lang und breit erzählt. Dann kommt Poirot mit seinem Kurzeinsatz. Seine Ermittlungsarbeit wird – im Gegensatz zu vielen anderne Romanen – nicht geschildert. Poirot hat eher die Funktion, die Lösung zu präsentieren.

Der Roman gehört sicherlich nicht zu den bekannteren Krimis der Christie. Zu Recht? Sie hat sicherlich bessere Krimis geschrieben. Es wäre aber verfehlt, dieses Buch als schlecht und somit nicht empfehlenswert zu bezeichnen. Wer das Gesamtwerk der englischen Erfolgsautorin kennen möchte, sollte auch zu diesem Buch greifen.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Scherz Frankfurt am Main

John Flack

John Flack ist ein gerissener Ganove, der eines Tages aus der Irrenanstalt von Broadmoor ausbricht. Larmes Keep ist eine ganz besondere Pension in Siltbury. Dort befindet sich unerkannt seine Zentrale, von wo aus er seine Beutezüge steuert. Margaret Beltman ahnt von alledem nichts, als sie ihre neue Stelle dort antritt.

Dies ist Band 51 der Goldmann Taschen-Krimis. Er bietet die Art von Unterhaltung, die wir von Edgar Wallace gewohnt sind, actionreich, dramatisch und oberflächlich, eben gan auf die Ergreifung des Täters angelegt.

London und Larmes Keep sind die Orte, auf die sich die Handlung konzentriert. Auch die Zahl der Personen ist überschaubar. Neben Miss Beltman gibt es den verliebten und alleskönnenden Scotland-Yard-Inspektor J. G. Reeder. Deneben gibt es das Personal und die Gäste der Pension – sie alle gehören zum Dunstkreis von John Flack, sind seine Familie und Kumpanen. Wer sich bei Wallace auskennt,wird hier nur noch den verarmten Adeligen vermissen.

Was auf den ersten Blick so spektakulär aussieht, ist doch ein wenig vorhersehbar, weil eben für Wallace typisch. Nichts ist so, wie es scheint. Es gibt viele doppelte Böden und Wände. Viele Figuren aben eine doppelte Identität. Viele Elemente könnte man getrost als faulen Zauber bezeichnen.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Wilhelm Goldmann Verlag München

Tunnelspiel

Tunnelspiel_B640-189x300Ein grausiger Mord. In einem verfallenen Schlachthof wird ein nackter Toter angekettet aufgefunden. An seinen Klöten baumeln Christbaumkugeln.

Der Verblichene war Verleger. Seinen Mitarbeitern schuldete er Geld, seine Autoren pumpte er an und sein bester Kunde war der Gerichtsvollzieher. Aus reichem Haus stammend, verschwendete er sein Erbe zum Erwerb eines Adelstitels. Als »Graf von Externstein« versuchte er sich selbst in Nachdichtungen sadomaso-erotischer Texte, die keiner lesen wollte. Unternehmerisch war er erfolglos und galt als schwarzes Schaf der Familie.

Ira Wittekind, eine engagierte Lokaljournalistin, beschäftigt sich mit dem mysteriösen Mordfall. Ihre Recherchen führen sie in die Arbeitswelt des ermordeten Verlegers. Sie hört von einer geheimnisvollen Stalkerin und begegnet der Familie des Toten. Zu ihrem Glück war ihre Nachbarin früher als Domina tätig war und verfügt über umfassende Kenntnisse der Praktiken der Sado-Maso-Szene. So erfährt sie auch, was Tunnelspiele sind: Spielchen aus der BDSM-Szene, die von dem dominierten Part nicht selbst beendet werden können.

Bescherte vielleicht ein derartiges Tunnelspiel dem Herrn Verleger sein unschönes Ende? Schlug eine Domina zu hart zu? Lockten frustrierte Autoren den guten Mann in eine tödliche Falle? Wollten Verwandte eine offene Rechnung begleichen?

Carla Berling versteht es, den Spannungsbogen ihres Ostwestfalen-Krimis geschickt aufzubauen. Gekonnt lässt sie die Mentalität alteingesessener Ostfalen, die teilweise noch einem Ehrenkodex verhaftet sind, der Preußens Gloria hochhält, in die Romanhandlung einfließen.

Im Ergebnis liefert Carla Berling einen gut gebauten Krimi, der auch Lesern, die sich nicht in der Region auskennen, spannendes Lesevergnügen beschert.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Kindle Edition

Seidenstadtblues

Ulrike Renk: Seidenstadtblues Niederrhein Krimi; Hermann-Josef Emons Verlag Köln 2012; 207 Seiten; ISBN: 978-3-89705-991-7

Als der KEV am Freitagabend spielt, wird Sabine Thelen, Kommissarin aus dem KK11 in Krefeld, gerufen – sie hat schließlich Bereitschaftsdient. In einem Schrebergarten sind Schüsse gehört worden. Und tatsächlich: Die Polizei findet einen Toten. Der aber weist keine Spuren von Gewaltanwendung auf. War es doch nur ein Unfall? Kurze Zeit später ist Thelen spurlos verschwunden.

Renk ist Jahrgang 1967. Sie ist in Dortmund aufgewachsen, hat in Aachen studiert und lebt seit über 20 Jahren in der Seidenstadt Krefeld. Dies ist ihr fünfter Kriminalroman um Hauptkommissar Jürgen Fischer.

Der Roman ist ordentlich geschrieben und gut lesbar. Ein wenig Lokalkolorit und das weitestgehend gutbürgerliche, teilweise aber auch turbulente Privatleben der Polizisten machen weite Teile der Handlung aus (kennen wir das nichr irgendwo her?). Wäre da nicht die Besonderheit, daß eine Polizistin ohne ersichtliches Motiv verlorengegangen ist, könnte man die Geschichte auch oberflächlich nenen, zumal diverse Bestandteile der Handlung auch aus dem täglichen Leben gegriffen sein könnten. Die Mafia-Morde in dem italienischen Restaurant „Bruno“ seien hier als Beispiel genannt.

Aber egal. Das Ende versöhnt dafür.Es liefert den Täter der beiden Morde und die Täter der Polizistinnen-Entführung (deren Motive und Vorgehensweise auch ausbaufähig wären).

Kriminalromane wie diese sind was für Urlaube und lange verregnete Wochenende. Sie lassen sich gut in einem Rutsch durchlesen, ohne daß man viel darüber nachdenken müßte.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Hermann-Josef Emons Köln

Identität

Katharina Clausen kommt im Auftrag einer deutschen Firma nach Bogotá und trifft auf Señor Nicoljaro, der ein Unternehmen betreibt, das eine Alternative zur Verarbeitung tropischer Hölzer entwickelt hat. Der geheimnisvolle Unternehmer im Rollstuhl entfacht bald Gelüste der attraktiven Frau und lockt sie an seinen Kamin.

Doch da wird die Deutsche entführt und gelangt in die Hände eines Herrn, der ihrem kolumbianischen Vertragspartner »Menschenhandel« vorwirft. Als sie nach einigen Tagen wieder erwacht, hat sie nicht nur Handtasche und Handy, sondern auch ihr Kurzzeitgedächtnis verloren. Aber galt der Überfall vielleicht weniger ihr als den Telefonnummern, die ihr Smartphone gespeichert hatte?

Bald beginnt eine spannende Serie von Attentaten, Verfolgungsjagden und Schiessereien, in der immer wieder Akteure auftauchen, die Nicoljaros Geheimnis, das mit seiner Familiengeschichte zu tun hat, bröckchenweise enthüllen. Da Kolumbien ein Land zu sein scheint, in dem alles käuflich ist, sind auch bestechliche Ärzte und Polizisten mit im Spiel

Angela Planert versteht es, ihren komplexen Roman als Liebesgeschichte beginnen und als spannenden Krimi enden zu lassen. Sie schlägt in ihrem Werk einen grandiosen Spannungsbogen und verrät dabei nicht ein Gramm zu viel von dem, was der Leser unbedingt erfahren will und ihn bis zum Ende der Geschichte festhält.

Es ist eine Freude, zu lesen, wie die Autorin sich von Roman zu Roman sprachlich und stilistisch weiter entwickelt. Anteil daran haben sicherlich auch Korrektorat und Lektorat, die dem Werk gut getan haben. Des Guten zu viel finde ich lediglich, dass die im Spanischen üblichen umgedrehten Frage- und Rufzeichen vor der entsprechenden wörtlichen Rede gesetzt worden sind.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Kindle Edition

Karriere mit Schuß

Als sie Reporterin bei der örtlichen Zeitung wird, erfüllt sich für Chris Martin ein Jugendtraum. So ist es mit dem Leben als Putzfrau und Köchin für die Familie vorbei. Doch als Chris einen Toten und mit ihm einen Sumpf von Korruption entdeckt, ist Chris auch zugleich Detektivin.

Annette Roome ist Jahrgang 1946. Sie lebt in Guildfort, ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Dies hier ist ihr Erstlingswerk. Es ist ein angenehm lesbares Buch, das zwr kein Überflieger, aber auch nicht mißraten ist.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Unbekannter Verlag