Der Mensch in der Revolte

camus-1Ein intellektuelles Abenteuer

In der 1951 erschienenen Essay-Sammlung «Der Mensch in der Revolte» befasst sich Albert Camus mit dem Kampf des Menschen gegen die Unterdrückung. Als Autor setzt er sich mit seiner Thematik aber nicht nur in Essayform auseinander, die Revolte wurde von ihm als Stoff auch in seinem berühmten Roman «Die Pest» und im Bühnenwerk «Die Gerechten» bearbeitet, ein Triptychon literarischer Formen. Bei seinem Thema, das man vereinfacht als klassische Herr/Knecht-Problematik bezeichnen könnte, distanziert sich Camus strikt vom autoritären Sozialismus, insbesondere dem Kommunismus stalinscher Prägung, was denn auch prompt zum Bruch mit seinem Freund Jean Paul Sartre führte. Das Nobelkomitee zeichnete Camus 1957 aus für ein «wichtiges literarisches Werk, das mit klarsichtigem Ernst die Probleme des menschlichen Bewusstseins unserer Zeit erhellt». Das vorliegende Buch leistete dafür einen nicht unerheblichen Beitrag.

«Zwei Jahrhunderte metaphysischer und historischer Revolte laden … zum Nachdenken ein» heißt es in der Einleitung. Der folgende Abschnitt beginnt mit der Frage «Was ist ein Mensch in der Revolte?» und der lapidaren Antwort: «Ein Mensch, der nein sagt». In den zwei großen Essays der Sammlung widmet sich Camus kenntnisreich zunächst der metaphysischen und dann der historischen Revolte, wobei er sich intensiv mit der Gedankenwelt vieler bedeutender Philosophen und den Werken berühmter Dichter auseinandersetzt, deren Figuren er zuweilen zur Verdeutlichung heranzieht, als Beispiel sei Iwan Karamasow aus Dostojewskis großem Roman genannt. Als Moralist ist Camus an der Frage interessiert, wie man in einer Welt ohne Gott überhaupt weiterleben kann und was den Menschen erwartet, wenn seine Revolte einen spannungslosen Endzustand erreicht hat. Aber weder die außerweltliche noch die innerweltliche Erlösung als Ergebnis der Revolte sind erreichbar, lautet sein deprimierendes Fazit.

Den Gedankengängen des Autors zu folgen setzt beim Leser volle Aufmerksamkeit voraus, macht bei nicht einschlägig vorinformierten Lesern umfangreiche Recherchen erforderlich und fordert darüber hinaus sehr viel Zeit und Muße. Alle diese Essays sind inhaltsschwere und hoch komprimierte Texte, so dass man als Leser, von philosophischen Insidern mal abgesehen, sich von Satz zu Satz vorantastet und zu verstehen sucht, welche Aussage, welche Anspielung, welcher Bezug darin enthalten ist. Wer sich dieser Mühe unterzieht, findet ein Füllhorn elegant und treffend formulierter Gedanken, an denen er sich abarbeiten kann bei einem wahnwitzigen Parforceritt durch zweihundert Jahre Geistesgeschichte. Vor allem aber wird er sich am Ende bereichert fühlen durch originelle Ideen und kluge Einsichten, denen man in diesem Buch so überaus reichhaltig begegnet.

Bleibt die Frage zu klären, ob dieser Essayband mehr als sechzig Jahre nach seinem Erscheinen nicht überholtes Gedankengut enthält. Was die metaphysische Revolte anbelangt kann man dies absolut verneinen, historisch allerdings ist der Erkenntnisstand inzwischen natürlich ein anderer, vor allem in Hinblick auf den Sozialismus, dem Camus nahe stand und dessen Niedergang er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht hat voraussehen können. Hinzu kommen die Entwicklungen der neueren Geschichte, vor allem die des Terrors als aggressivster Form der Revolte, gleichwohl sind in seinen Ausführungen bereits dessen Keime zu entdecken. In diesem Buch wartet also ein intellektuelles Abenteuer auf wissbegierige Leser.

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Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Rowohlt

Zu viel Glück

munro-1Literarische Miniaturen

Vielen Romanlesern dürfte es genau so gegangen sein wie mir, Alice Munro kam auf meiner Leseliste bisher nicht vor, Kurzepik als literarische Appetithäppchen ersetzen mir nicht die gedankliche Weite und thematische Vielfalt eines klassischen Romans. Aber wenn eine Autorin mit dem Nobelpreis geehrt wird wie Alice Munro in diesem Jahr, sollte man ruhig mal eine Ausnahme machen von der Leseroutine. Man muss denn auch mindestens zwanzig Jahre zurück gehen zu Toni Morrison (1993), um preisgekrönte Schriftsteller US-amerikanischer Herkunft zu finden. Kanada, immerhin nordamerikanisch, hatte bisher noch keinen Nobelpreisträger gestellt. Nach seinem Stifter soll den mit fast einer Million Euro dotierten Literaturpreis derjenige Autor erhalten, der «das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat», und für 2013 ehrte die Jury nun also eine «Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte». So betrachtet, das sei vorwegschickt, geht der Preis auch völlig in Ordnung.

Zehn recht unterschiedliche Erzählungen sind in dem Band «Zu viel Glück» enthalten, dessen Titel schon darauf hindeutet, dass jedem Übermaß potenziell Leid, Unglück, Enttäuschung, Scheitern gegenübersteht, das Glück auf ein bescheideneres Maß zurückstutzend. Als Protagonisten begegnet man fast ausnahmslos Frauen in mittelständisch geprägten, meist ländlichen Milieus Kanadas. Alle sind in wenigen Worten sehr treffend geschilderte Charaktere, die oft in prekären Verhältnissen leben und Konflikten vielfältigster Art ausgesetzt sind. Wen wundert’s, dass meistens Männer den Gegenpol bilden, Ursache der Probleme sind oder gar Katastrophen auslösen wie in der ersten, sehr beklemmenden Geschichte. Munro schreibt jedenfalls aus weiblicher Sicht, ohne dass man ihr Feminismus vorwerfen könnte, sie liefert lediglich ihren Beitrag zu der These «Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen». Als Konfliktpotential zieht die Autorin neben dem ziemlich dominant im Vordergrund stehenden Geschlechterkampf auch das Miteinander der verschiedenen Generationen heran sowie gesellschaftliche Umbrüche. Es gibt bei ihr innere Spannungen und menschliche Konflikte zuhauf, sie beschreibt unsentimental und mit viel Hintersinn gekonnt die vielfältigen seelischen Probleme des Menschen.

Wie ein Schlag ins Gesicht beginnt es gleich in der ersten Geschichte einer Frau, deren Mann ihre drei Kinder umgebracht hat, die sich aber trotzdem an ihn gebunden fühlt. Eine Musikschülerin geht ihre eigenen Wege und taucht plötzlich als Autorin wieder auf, eine Philosophie-Studentin liest einem reichen Lustgreis nackt Gedichte vor, eine Mutter steht ratlos ihrem völlig aus der Bahn geworfenen Sohn gegenüber, eine Frau verblüfft den in ihr Haus eingedrungenen Mörder mit einer Giftmord-Geschichte. Die tragische Liebe einer jungen Frau zu einem durch ein Muttermal abstoßend verunstalteten Mann wird ebenso knapp und pointiert erzählt wie die Zuneigung einer lebenslustigen Masseurin zu ihrem sterbenskranken Leukämie-Patienten, die kaltblütige Ermordung eines geistig zurückgebliebenen Mädchens durch zwei Schülerinnen oder ein Unfall im Wald, der ein Paar wieder näher zusammenbringt. Zuletzt folgt eine Geschichte aus dem Europa des 18. Jahrhunderts, in der eine Frau als erste eine Professur für Mathematik erhält, die längste und sicherlich auch schwächste Erzählung dieses Bandes.

Munro vermag Empathie zu wecken, sie erzählt in einfachen Worten, unaufgeregt, fast lakonisch Dramen ohne Katharsis, vor allem aber ohne Happy End, was ja nicht ganz selbstverständlich ist für die Kontinenthälfte, auf der sie lebt. Dabei bewegt sie sich immer haarscharf an der Grenze zur Trivialliteratur, hat aber mit ihrem inzwischen abgeschlossenen Lebenswerk, ihr erklärtermaßen letztes Buch erschien ja vor wenigen Tagen, ihre epischen Form zur Vollendung gebracht. Wer Munros komprimierte, humorlose Erzählweise mag, kommt jedenfalls voll auf seine Kosten.

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Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Vor dem Gesetz

Im Mittelpunkt dieser kleinen Kunstsammlung steht Franz Kafkas Parabel \“Vor dem Gesetz\“, die seinem Roman \“Der Process\“ entstammt. Wie so oft bei Werken dieses Autors lässt der Text den Leser zunächst einigermaßen ratlos zurück, denn er bekommt keine einfachen Lösungen geboten, sondern muss schon selbst das Gehirn einschalten und dann lohnt sich das auch.

Passend zum Thema findet man 21 kritische Karikaturen des französischen Illustrators Honoré Daumier, allesamt gelungen, wenn auch wenig schmeichelhaft für die Jurisprudenz.

Der Herausgeber Rupi Frieling höchstselbst hat ebenfalls eine Geschichte beigesteuert; \“Die Sprengung\“, ein reichlich kafkaesker Text, der somit natürlich perfekt in den Rahmen passt.

Abgerundet wird diese anspruchsvoll gelungene Zusammenstellung von Kleinodien durch interessante Kurzbiografien der Beteiligten; es bleiben also keine Wünsche offen.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Internet-Buchverlag Berlin

Träume gehen nie in Rente

Aufgrund seiner liebevollen gestalteten Aufmachung springt dieses im Espresso-Table-Format produzierte Büchlein dem Leser sofort ins Auge. Dazu tragen vor allem die farbenfohen Collagen der DaDa-Künstlerin Ursula Bachmann bei, die der Publikation ein unverwechselbares Gesicht geben und sie zum Augenschmaus machen. Sie umspielen die Kurzprosa von KarlHeinz Karius, der sich mal als Aphoristiker, mal als Verseschmied präsentiert

Auf einem dem Buch beigefügten – ebenfalls grafisch perfekt gestalteten – Lesezeichen erfährt der geneigte Leser mehr über das vom Autoren ersonnene »Karius-Rating«. Damit sollen die einzelnen Aussagen des Buches hinsichtlich ihres Nutzens bewertet werden. Lege ich diese Latte an, dann bewegt sich der Band insgesamt zwischen »3 K« = »Olala! Schaun wir mal, dann sehn wir schon: prüfenswert!« und »Mega K« = »Hallelujah! PremiumErkenntnis! Kaum zu toppen!«


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: WortHupferl Leonberg

Best of E-Books Vol. 1

Der Siegeszug der Elektrobücher bringt nach und nach eine Demokratisierung des Literaturbetriebs mit sich, auch wenn manche Kulturbeamten hierzulande in Feuilletons oder Verlagen das nicht begreifen (wollen). Jeder, der sich dazu aufgerufen fühlt, kann nun seine Werke der bestimmt schon gespannt darauf wartenden Leserschaft präsentieren und zwar ohne Risiko, denn außer Hirnschmalz beim Schreiben muss nichts aufgewendet oder eingesetzt werden. Die Kehrseite der Medaille: Nicht alle, die auf den Markt drängen sind bisher unentdeckt gebliebene Literaturnobelpreisanwärter; ein großer Teil der selbst verlegten Bücher ist schlichtweg Schrott, nicht allein wegen fragwürdiger literarischer Qualität; vielen „Autoren“ fehlt es einfach schon am Handwerkszeug (Orthografie, Grammatik etc.)

Was also soll der potenzielle Leser tun, der dem schier unübersehbaren Angebot zwar aufgeschlossen gegenüber steht, aber weder Zeit noch Geld verschwenden will um unter tausend Glasperlen den einen Diamanten zu entdecken? Dieses Buch liefert wertvolle Hilfe, da es auf ca. 350 Buchseiten 23 deutsche Autoren mit von ihnen selbst ausgewählten Texten (länger und individueller als die Amazon-Leseproben) vorstellt und dem Leser damit Gelegenheit gibt, sich zu einem Spottpreis selbst ein Bild zu machen über die diversen Inhalte und Schreibstile der Gladiatoren.

Etliche der hier versammelten Schriftsteller gehören zu den Stars der deutschen Indie-Szene und sind/waren in den Kindle-Bestsellerlisten vertreten; ebenso findet man die verschiedensten Genres einträchtig aneinander gereiht. Ich hatte jedenfalls viel Freude mit der Auswahl der Texte und holte mir direkt im Anschluss an die jeweilige Leseprobe einige komplette Bücher auf meinen Kindle runter.

Herausgeber Wilhelm Ruprecht Frieling (der in dieser Sammlung natürlich ebenfalls nicht fehlt) ist selbst ein Veteran der Verlagsszene und stets in der ersten Reihe zu finden, wenn sich neue Möglichkeiten im Literaturbetrieb auftun. Schon früh erkannte er auch das Potenzial der Kindle-Revolution und ist seit Beginn als Pionier aktiv mit dabei. Mit dieser großartigen Idee (die hoffentlich bald fortgeführt wird) ist er nicht mehr nur der „E-Book-Pate“ (Die Zeit), sondern vielmehr der „E-Book-Papst“ (Spieler7).


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Internet-Buchverlag Berlin

Ich bin ein Geschichtenzerstörer

Eins ist klar: Thomas Bernhard ist alles andere als ein Geschichtenzerstörer, mag er sich selbst auch mal in einem seiner gern provozierenden Interviews als ein solcher bezeichnet haben. Der schreibende Sonderling aus Oberösterreich ist vielmehr einer der größten Erzähler, die der deutsche Sprachraum aufzuweisen hat, und das beweist der vorliegende kleine Auswahlband mit dem provozierenden Titel anschaulich.

Bernhard hasste die idyllische Prosa, er schauderte vor belanglosen Erzählungen und wollte, »wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe«, diese gleich »abschießen«. Dabei erzählte er selbst gern in dem ihm eigenen giftig-monologisierenden, mit atemlosen Bandwurmsätzen gefüllten Stil Geschichten, die er geschickt in seine Romane einbaute. Einige dieser Geschichten wurden für diesen Band aus ihrem bisherigen Umfeld ausgelöst, sie wurden quasi entbeint und funkeln nun wie Edelsteine im literarischen Raum.

Bernhards Geschichten verstören den Leser, wenn er mit ihm auf Pfaden der Kindheit zur Forchlermühle wandert, wo die Müllersöhne einem halben Hundert exotischer Singvögel, die zuvor Jahrzehnte lang in einer weitläufigen Voliere gehegt und gepflegt wurden, den Hals umgedreht haben, um sie auszustopfen und dann in das Zimmer ihres einstigen Herrn auszustellen. Das Geschrei der Exoten sei ihnen nach dem Tod des Onkels, der die Tiere betreut habe, auf die Nerven gegangen, wird dem Besucher beschieden, jetzt kehre wieder Ruhe ein in das Tal am Ende der düsteren Schlucht. Dem macht es der Geruch der Vogelleichen unmöglich, länger zu bleiben, er geht hinaus.

Großartig ist Bernhards Beschreibung einer Autofahrt, um ein Exemplar der Neuen Zürcher Zeitung mit einem ihn interessierenden Aufsatz zu erwerben. Rund 350 Kilometer fährt er mit zwei Freunden zuerst in die »sogenannte weltberühmte Festspielstadt« Salzburg, wo sie die Zeitung jedoch nicht bekommen, dann in den »weltberühmten Kurort Bad Reichenhall« sowie weitere kulturell hoch notierte Orte, um feststellen zu müssen, dass es dieses von ihm hochgeschätzte Blatt nirgendwo gibt. In einer meisterhaften Suada entzündet sich aufgrund der Nichterhältlichkeit der Zeitung sein Zorn gegen Österreich, »dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land«. Er wolle sich nur noch dort aufhalten, wo er wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekomme, tobt der Dichter, und dann bleibe in Österreich in Wirklichkeit nur Wien, denn in allen anderen Städten die vorgeben, das Blatt zu haben, bekomme man sie gerade dann nicht, wenn man sie unbedingt brauche.

Ein erzählerisches Kabinettstückchen liefert der Gmundener Autor, wenn er »Im Aufmachen der Kommode« eine gelbe Papierrose entdeckt und schwallartig erzählt, wie er mit einem Studienfreund ein Musikfest in Altensam besucht habe, wo sie sich »durch rasches Austrinken mehrerer Gläser Bier und Schnaps gleich in die für ein solches Musikfest notwendige gehobene Stimmung gebracht« hätten, dann jedoch von diversen bekannten Gesichtern endlos ausgefragt wurden, warum sie nicht in ihrem Heimatort geblieben, ja, ob sie überhaupt noch Österreicher seien, um sich dann schließlich, als sie es nicht mehr aushielten, einen Weg durch hunderte betrunkene Leute zu einem Schießstand zu bahnen, an dem der Freund, der doch ebenso wie Bernhard den Schießsport ebenso wie die Jagd verachtete, im Grund sogar hasste, eine Reihe Papierrosen abschoss, worauf er von den Umstehenden als der beste Papierrosenschütze, den sie jemals auf einem Musikfest getroffen hätten, bezeichnet wird.

Wer sich dem Bernhardschen Duktus vorsichtig annähern möchte und keine Angst vor meisterhaft gemachten, oft seitenlangen Satzungetümen hat, der wird mit dieser klitzekleinen Auswahl bestens bedient.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Abschalten

Können Menschen, die sich für unverzichtbar halten, abschalten? Müssen sie Gefahr laufen, dass ihre Unentbehrlichkeit hinterfragt wird, wenn sie ein paar Wochen ausnahmsweise nicht ihren Arbeitsplatz verteidigen? Verlieren Sie an Ansehen, falls sie den Stress unterbrechen wollen? Dürfen sie überhaupt abschalten?

Martin Suter beantwortet diese Fragen mit Porträtminiaturen aus dem Management hierarchischer Unternehmen. Es geht um Manager, denen das Undenkbare widerfährt: Sie sollen Ferien machen!

Ein Entscheidungsträger, der sich wichtig nimmt, so lesen sich zumindest Suters Geschichten, setzt alles daran, seinen Urlaub zu verhindern. Er erfindet notfalls Projekte, um seiner Familie zu suggerieren, dass sie leider ohne ihn in Urlaub fahren müsse. Falls es dennoch gemeinsam auf Reisen geht, terrorisiert er seine Umwelt mit dem zwanghaften Versuch, die Freizeit zu managen. Denn das ist das Schlimmste: zur Untätigkeit gezwungen zu sein.

Dabei hält er ständig Kontakt mit seinem „Back Office“. Es könnte schließlich sein, dass der Betrieb untergeht, während er fort ist. Oder, noch krasser: Die Firma will nicht untergehen, obwohl er durch Abwesenheit glänzt. Am allerschlimmsten aber wäre, laut Suter, das Unternehmen wächst und gedeiht, gerade weil der angeblich Unentbehrliche nicht vor Ort wirbelt.

Mit seinen Geschichten beweist Suter, dass er sich in oberen Managementetagen auskennt. Seine Miniaturen lesen sich vergnüglich, wenngleich ihnen kräftigerer Biss gut bekommen würde. Der Autor erweist sich als ausgezeichneter Beobachter. Er kennt die sich häufig nur um sich selbst drehende Welt der Manager; er beherrscht ihren inhaltsleeren Jargon.

„Abschalten“ ist ein hübsches Geschenk für Zeitgenossen, die an der „Managerkrankheit“ zehren. Sie werden sich in manchen Storys wiedererkennen und darüber schmunzeln. Viel mehr allerdings auch nicht. Zudem sind die meisten der Texte bereits in anderen Suter-Büchern veröffentlicht: Lediglich 13 von den insgesamt 58 Kurztexten, also weniger als ein Viertel, wurden bislang noch nicht bei Diogenes veröffentlicht.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Diogenes Zürich

Divina commedia

Ein mächtiges Maß legt Autor Norman Nekro an, wenn er mit den drei in diesem Buch versammelten Episoden um Tod und Wiedergeburt direkt auf Dantes „Göttliche Komödie“ und damit eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur Bezug nimmt.

Wie bei Dantes „Divina Commedia“ macht der Leser auch bei Nekro eine Reise durch drei Reiche der jenseitigen Welt. Er führt ihn durch die Hölle, in der die Sünder in ewiger Verdammnis büßen, durch das reinigende Fegefeuer bis zum Paradies.

Schrieb Dante seine Erzählung in symbolisch arrangierten, gereimten Elfsilblern, die bei der abstoßenden Beschreibung der Hölle beginnt und bei den Freuden des Paradieses endet, so bedient sich Nekro der Prosa.

Der Autor beginnt mit der rabenschwarzen Betrachtung eines Unfallopfers, in dessen Eingeweide sich soeben das Blech einer herrlich metallic-orangefarbenen Motorhaube gefressen hat.

Er schildert einen Heiligabend auf der Intensivstation, wo ein zwölfjähriger Junge, den ein Gewirr von Schläuchen, Kanülen und Kabeln ans Bett fesselt, in andere Sphären gleitet.

Den poetischen Höhenflug aber liefert Nekros Beschreibung des Tanzes eines Pfauenauges zur Sonne. Er beschwört Himmel und Erde ebenso wie die glühende Farbenpracht des nahen Waldes oder das archaische Rot der reifen Äpfel. Die ganze Welt besteht für den Falter nur noch aus reiner Seligkeit, er erlebt seinen irdischen Garten Eden. Ermattet und glanzlos sinkt er schließlich zu Boden, stumpf, grau und leblos ähnelt er dem verwelkten Blatt, das der kräftig auffrischende Wind gerade vorbeiweht. Mit einem Seufzer schließt der Schmetterling die Augen und dämmert hinüber in die Unendlichkeit des himmlischen Paradieses.

Allein für diese letzte Geschichte lohnt sich der Erwerb des Buches.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Kindle Edition

Von Küchenpunk und Oberelend

Egidius Rosenzweig hatte in seinen knapp sechzig Jahren schon so einiges gesehen, doch dieses halbnackte Wesen mit den spitzen Ohren und den dünnen Beinchen unter dem runden Bauch, das auf seinem Bett saß, war ihm bisher noch nie begegnet. Mit dieser Szene beginnt Andreas Dresen seine Kurzgeschichte „Herr Rosenzweig trinkt Tee“.

Verzweifelte Vampire gehören zum Alltag des freundlichen älteren Herrn, aber auch Hexen und Kobolde sind keine Seltenheit. An einem ruhigen verregneten Nachmittag war sogar einmal ein Einhorn vorbeigekommen und hatte seinen Rat gesucht. Nun soll Rosenzweig einem Ocko auf der Flucht helfen, und schon dringen brutale Häscher in seinen Laden, die ausssehen wie eine Kreuzung aus Schäferhund und verfaulten Lederlappen …

In Dresens zweiter Geschichte beäugen zwei Küchenkobolde einen jungen Mann, der seine Wochenenden mit immer neuem Damenbesuch versüßt. Diese One-Night-Stands werden allerdings ausschließlich zur Nachtschicht ohne Frühstück gebeten. Doch eine Besucherin ist hartnäckiger als ihre Vorgängerinnen und lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Das ist der Punkt für die Heinzelpunks, einzuschreiten …

Auf den ersten Blick haben die beiden lustigen und angenehm lesbaren Kurzgeschichten lediglich den Auftritt außergewöhnlicher Wesen miteinander gemein. Auch der Titel der Sammlung erschließt den literarischen Kern nur bedingt. Denn unter „Küchenpunk“ und „Oberelend“ hatte ich mir schon etwas ganz anderes vorgestellt. Die Geschichten sind auf der anderen Seite aber wieder so launig und amüsant, dass dies dem Lesevegnügen keinen Abbruch tut.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: epospresse

Der Stimmenimitator

Ursprünglich nannte Thomas Bernhard seine Sammlung kurzer Prosatexte, die heute den Titel »Der Stimmenimitator« trägt, »Wahrscheinliches – Unwahrscheinliches«. Der Originaltitel beschreibt ziemlich genau das, was das Wesen der Veröffentlichung kennzeichnet: Es handelt sich um rund einhundert Texte im Stil lokaler Pressenachrichten, die ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich klingen.

Sachlich wird berichtet von denkbaren und undenkbaren, von möglichen und unmöglichen Ereignissen, die der Autor blitzlichtartig aufnimmt und wiedergibt. Fast immer münden die Kurzberichte im Unglück, und die Trennwand zwischen Komödie und Tragödie ist hauchdünn.

Bernhards Hauptfiguren sind Höhlenforscher, Professoren, Bürgermeister, Feuerwehrleute, Dompteure, Schauspieler, Wahrsager, Postboten, Chorknaben, Bankangestellte und Präsidenten. Es sind recht unterschiedliche Gestalten. Manche Berichte lesen sich wie Anekdoten, manche werden zur Parabel für die Zeit, in der wir leben. Immer aber scheinen die Ereignisse eindringlich und unausweichlich auf ein Ende zuzustreben, das zufällige Unglück wird notwendig, der Tod unumgänglich.

Ein Schauspieler verkörpert die Rolle des bösen Zauberers in einem Kinderstück so überzeugend, dass die kleinen Zuschauer die Bühne stürmen und ihn zu Tode trampeln. Zwei Herren füttern im Tierpark Schönbrunn die Affen, bis die Tiere die Futterreste sammeln und es den Zoobesuchern durch das Gitter hinaus reichen, die darauf entsetzt dem Tiergarten entfliehen. Höhlenforscher kehren aus einer unerschlossenen Höhle nicht zurück, Rettungsmannschaften werden ausgeschickt, bleiben aber ebenfalls verschollen, worauf die Behörde den Höhleneingang zumauern lässt.

Ein Denker tauscht mit dem Wirt eines vorzüglichen Gasthauses die Rollen, worauf naturgemäß weder Wirt noch Denker in ihren neuen Rollen funktionieren. Die Bürgermeister von Pisa und Venedig landen in ihren jeweiligen städtischen Irrenhäusern, weil sie, um die Touristen vor den Kopf zu stoßen, heimlich den schiefen Turm von Pisa mit dem Campanile von Venedig tauschen wollen.

Zum engen Wechselspiel von Tragödie und Komödie sagt Bernhard selbst: »Man kann in Verzweiflung, sage ich, gleich, wo man ist, gleich, wo man sich aufhalten muss in dieser Welt, von einem Augenblick auf den anderen aus der Tragödie (in der man ist) in das Lustspiel eintreten (in dem man ist), umgekehrt jederzeit aus dem Lustspiel (in dem man ist) in die Tragödie (in der man ist).«

Die feine Textsammlung eignet sich vorzüglich, um in die Gedankenwelt Bernhards einzusteigen.


Kategorie: Kurzprosa
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main