Safa – Ufer oder Sprache

Regen, Gärten, Nacht, Leere, Vergessen, Schönheit: Begriffe um die die Gedichte Rudolf Kriegers kreisen. Bereits aus der Themenwahl lässt sich folgern, dass Krieger keine zeitgemäße Lyrik verfasst. Daher ist auch nachzuvollziehen, warum diverse Literaturbeiräte, die sich aus Universitätsprofessoren und anderen Beamten des Zeitgeists zusammensetzen, vermeinen den Druck seiner Lyrik nicht fördern zu sollen. Was sie wie üblich übersehen ist, dass Krieger seiner Zeit voraus ist – aber nicht im modernistischen ewig auf Neuerungen schneidig gerichteten Sinn, sondern im ganzheitlichen – in einem in Zyklen schwingenden – Geist, der kurzsichtige Betrachter glauben lässt, sie würden mit Althergebrachtem gelangweilt. Sie begreifen (noch) nicht, dass solch Lyrik exakt die Gegenwart erfasst einer Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach den Wurzeln, dem Licht und der Nacht, in der jenseits des gleißenden Scheinwerferlichts der Neuzeit Ewiggültiges sich birgt, heranreift, in zeitgültigen Formen offenbart.
Kriegers Gedichte mäandern bzw. kreisen um die oben erwähnten Begriffe; unberechenbar aber konstant kehren seine Worte zurück zum Ausgangsort; erweisen dadurch dem zyklischen, dem weiblichen Sein der Welt Respekt; das Einbergende, das Runde, das Wiederkehrende und Ewige wird gefeiert. Der Versuch des promovierten Holzbildhauers (der herrliche Arbeiten mit Eis und Feuer schuf) funktioniert: er haucht den Begriffen Leben ein. Der Bildhauer vermag keinen Baum zu bauen; selbst der Begabteste schafft dies nicht. Aber als Dichter gelingt es Krieger seine Worte wie Blätter an den Stamm der Begriffe zu pfropfen; so erschreibt er Wirklichkeit, Dasein, Schönheit. Veredelt als Schriftsteller sein bildhauerisches Werk.
Das zyklische Kreisen der Wörter um die Ausgangsbegriffe bedeutet solchen Linearitäts-Fetischisten natürlich wenig, die Alleen hinaus in das Nichts anlegen, parallel zu den Boulevards des Zeitgeists, der in Sinnlosigkeit, Nihilismus, Destruktion sich verflüchtigt. Die Abläufe der Natur, das Weiche, die Rundheit, der Mond, die Nacht erschrecken die Fortschrittsgläubigen zutiefst. Ihr Fortschritt führt ja fort von allem was lebt, gedeiht, reift, pulst und quillt. Diese „männliche“ Angst vorm Leben, vor dem Nicht-Herstellbaren, Nicht-wissenschaftlich-und-technisch-Herbeiführbarem, Nicht-Kontrollierbarem spiegelt sich kalt in einer seit dem Beginnen der Moderne (mit James Joyce, Gottfried Benn, Friedrich Nietzsche) mathematisierten und entmoralisierten Literatur. Die Vorstellung der Unendlichkeit als Funktion der Linearität schafft Destruktion, Narzissmus, Ich-Vergottung: Die Wörter der Modernismus-Apologeten toben eisig ins Vakuum der Nichtwiederholbarkeit, des Vergehens ohne Wiederkehr, des kalten, leeren Todes hinaus. Kriegers Sätze jedoch kehren um, zurück, ja – kommen uns entgegen. Und bringen den Regen mit, Gärten, Vögel, auch Angst und Irritation; verweigern sich aber nie dem Leben, verdorren nicht in den Dornenbüschen der Verdrängungsliteraten, aufgespießt wie funkelnde Käfer. Sie spreizen die Flügel, manche flattern los, andere bleiben auf den Blüten sitzen – wandeln sich und sind doch die gleichen. Entfaltung, Leben, Wachstum in der Bestimmung, dem eingeschriebenen Leben ist ihr Sinn und Ziel. Das I Ging inspiriert Krieger, mystische Schriften christlicher und jüdischer Meister. Seine Gedichte beweisen im schönsten Sinn des Wortes ebensolche numinose Qualität. Sie Umkreisen das lebendig Sichtbare, um das Unsichtbare, das dahinter wirkt und west, erkenntlich zu machen. Wie Weihrauch vor dem Tempel beglaubigen sie die Wirkung des Luftzuges, des Windes, der als göttlicher Atem seine Arbeit beeinflusst bzw. beeinwindet
Und Schönheit manifestiert: „ich würde meine Zehen ausbreiten / über diese Landschaft / als nicht enden wollende Spitzen der Zehen / auf denen ich gerade fliege / ich würde die Gespräche mit den Blumen vertiefen / und in ihre Augen tauchen / bis die Schönheit, die Verbundenheit aus mir quillt / ich würde die Bäume fragen / ob sie meine Lehrer sein wollen / und ob sie mir das Schweigen beibringen können / damit kein Mensch aus mir spricht…“, heißt es im Gedicht „wenn ich noch einmal leben könnte“.
Solch mystische, wurzeltief lebendige Literatur tut unserer entleerten, entseelten Zeit bitter not.
Manfred Stangl
Rudolf Krieger: „Safa – Ufer oder Sprache“, edition sonne und mond, Wien, 2o17, 12o Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-95o3442-2-6


Kategorie: Lyrik
Verlag: edition sonne und mond

Das Lächeln der Sterne

Was haben wir der Welt angetan, fragt die Autorin in einem ihrer Gedichte, „die reine Vernunft sie hat alles beschmutzt“, „der Diener hat sich selbst an die Spitze gestellt“, „es ist unglaublich – aber kehrten wir um die Erde würde uns noch immer alles vergeben“.
Wie gut Spiritualität, Politik und Poesie zusammenpassen – ja zusammengehören –zeigt dieser Gedichtband eindrücklich. Allen Unkenrufen moderner Ideologen zum Trotz. Denn Fischers Lyrik ist hoch politisch, im schönsten Sinn der Bedeutung: sie kritisiert Umweltzerstörung und die inhumane Vorgangsweise gegenüber Flüchtlingen ebenso, wie sie vor der Gefahr der Entfremdung von unseren Wurzeln warnt. In ihrem berührenden Gedicht an das Meer („Stern aller Sterne“), das wie die Flut an den Strand gischt, unser Gewissen wachrüttelt, unsere Versteinertheit aushöhlt, beweist sie anschaulich, wie gut sich Poesie und ganzheitliches Weltbild vertragen. Poesie und Sinnlichkeit finden desgleichen ein Emulgat in diesem Band, und wie schön Romantik in einem nachmodernen Sinn sein kann, zeigt das Gedicht: „Lösch das Licht aus“, das da weitertönt: „lass die Mondin sprechen/zart und stark//Lösch das Licht aus//Berühre meine Stirn/Ist sie fiebrig/lass mich nicht gehen//Zu viele Stolpersteine/Stolpersteine/welcher Weg?//Lösch das Licht aus/lass die Mondin sprechen/Wen schenkt die Nacht?//Lösch das Licht aus/lass die Mondin wählen/sternenbedacht.
Dass Spiritualität und Politik nicht zusammenpassen würden, reden uns die ein, die das heilige Ego an die Spitze stellen, meint Fischer – dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen. Außer, dass die Form, in der sie uns dies mitteilt, eine höchst kunstvolle, metrisch und sprachlich sehr genaue ist – worin sich das Talent der Dichterin (die nicht von ungefähr den Künstlernamen Lyreley trägt) erweist.
Manfred Stangl

Dagmar Fischer: „Das Lächeln der Sterne“, edition art science, Wien, 2o16, ISBN: 978-3-9o2864-62-8


Kategorie: Lyrik
Verlag: edition art science

Sprichst Du mit mir

sprichst-du-mit-mirsprichst du mit mir mit einem nicht gemachten nicht sichtbaren fragezeichen am ende dieses satzfragmentes oder nur lapidare feststellung mit einem nicht ausgesprochenen anschlußwort anschlußsatz als ergänzung beginnend mit einem dann oder als eine andere fragestellung mit dem wörtchen wann davor wann endlich sprichst du mit mir und worüber ist gleich angefügt nämlich über die heimat über die liebe über den tod über erlebtes über bekommenes über verlorenes über brüchiges über sich wandelndes über endgültiges versuche zur selbstsuche und selbstfindung bisweilen eine begegnung mit sich selber oder worte aus diesen begegnungen herausgeboren und zu einem gedicht geformt in einem „denken“ jenseits sprachlicher begrifflichkeiten bilderwelt gedankenwelt empfindungswelt eingeschrieben in erinnerung in das gedächtnis als bausteine der poesie gedichte als persönliche notate empfindungen erkenntnisse gefühle gefühlsstrukturen befindlichkeiten momentane vorübergehende jetztgefühle einbettung in eine gefühlswelt in die des eigenen ichs diese aber immer wieder infragegestellt durch das eigene ich oder durch etwas außerhalb von ihm aber auf dieses ich wirkend einwirkend spuren hinterlassend wo doch alles zugeich eine einzige spurensuche ist das leben die liebe nur der tod ist das letztlich endgültige, das einzig gültige überhaupt vielleicht mag sein oder auch nicht wer weiß es schon das gedicht als aufbewahrungsort von heimat und liebe doch am abgrund der tod das alles spüren und dann spuren legen und hinterlassen feststellungen machen von einem vorübergehenden hier- und jetztsein in sich wandelnden gefühlen und in vermeintlichen erkenntnissen denn gesichert ist nichts eben weil alles so ist wie es ist vermeintlich oder auch nicht und immer wieder nichtwissen unsicherheit schweigen antwortlosigkeit auch fremdsein und heimatlosigkeit im eigenen leben manchmal steigt sehnsucht auf sehnsucht nach unbekanntem nicht mehr erwartetem wird zur melancholie zur sanften trauer um das verlorene auch um das nie erlebte um das nie erreichte eine sehnsucht wie eine solche nach einem anderen ich nach einem anderen du nach einem anderen leben nach einer anderen welt denn so steht es an einem gedichtende geschrieben „dort ist das land das ich in diesem leben nie erreicht“

ein schmales gedichtbändchen sparsam konzentriert schön nur auf jeder zweiten seite ein gedicht die vorhergehende oder nachfolgende seite unbedruckt unbeschrieben unbenutzt und doch da in ihrer funktion der trennung der texte voneinander als ein zeichen des leeren raumes für jedes einzelne gedicht das freiraum braucht für die dichterin für die poesie 34 gedichte 19 skizzenhafte bleichstiftzeichnungen detailreich symbolhaft liebevoll 3 seiten anhang mit information und ikonographie poesie und zeichengebung zeichensprache

ausgelesen das buch eingetaucht in worte und bilder ins schweigen in den leerraum mitten in und zwischen einer begegnung in die spurensuche auch in die nach dem eigenen ich in aufzeichnungen die von einem damals und dort berichten von einem hiersein und jetzt von einem das ist und einem das nicht ist oder nicht mehr oder weil das überhaupt unerreichbar weil einem nicht gegeben ist sondern verweigert wird ohne grundangabe die frage nach der schicksalhaftigkeit des lebens nein das nicht so sehr weil man um die antwortlosigkeit weiß aber man nimmt das schicksalhafte doch zur kenntnis auch weil es manchmal schmerzt so im ganzen und weil man diesen schmerz bisweilen oder als lebensbegleitendes grundgefühl spürt „das herz schmerzt an der kette“

ich lege das schmale buch zum wievielten mal nun schon zu ende gelesen aus den händen es ist abend draußen ist es schon dunkel spätherbstzeit auch in mir mein blick hinauf zum weiß der zimmerdecke der durch die vorgegebene fläche begrenzte blick auch mein leben fast zu ende man weiß es man spürt es wo sind die großen einst mächtigen gefühle ich höre nicht mehr den wind rauschen in mir kein sturm aber auch keine völlige ruhe in mir irgend etwas unbenennbares aber mir bekanntes ist in mir vielleicht auch angst abgeschiedenheit was ist mit diesen gedichten und mir denke ich was und wie sprechen diese gedichte zu mir frage ich mich und finde keine klare eindeutige antwort weil es sie nicht gibt vieles bleibt chiffre wegen mir oder wegen dem gedicht das ist stets so in der poesie in ihrer bedeutung voll ausschöpfen kannst du sie nie denke ich aber ich weiß wie ich diese gedichte gespürt habe denn plötzlich sage ich zu mir „so wie ein hellgraues seidentuch das lautlos niederschwebt auf mich sind diese gedichte“ so sanft sind sie so lautlos und schön das schweigen hat darin seinen raum

Susanne Ayoub: „Sprichst Du mit mir“. Gedichte über die Heimat, über die Liebe, über den Tod.Mit Zeichnungen vonRima Al-Juburi. Löcker Verlag, Wien, 2016. 12,5 x 20,5 cm Broschur, 93 Seiten | € 19,80, ISBN 978-3-85409-800-3

Peter Paul Wiplinger – Wien, Dezember 2016

 

 

 


Kategorie: Lyrik
Verlag: Löcker Wien

Črna dvorišta / Schwarze Höfe

Stimme aus dem Inferno

Stimme aus dem Inferno. Aufschrei des gequälten Menschen. Klage um die Zerstörung und den Verlust der Menschlichkeit. Traum von einer anderen Welt: jener jenseits des Stacheldrahtes. Spuren der Hoffnung. Zeugnis und Mahnung. Ort des Geschehens, On des Grauens: Keraterm. KZ der serbisch-jugoslawischen Volksarmee im Bosnien-Krieg; nahe bei Prijedor, der Heimat des Autors. Zeit: 1992.

Man weiß, was geschah: Krieg, Vertreibung, Terror; Systematische Vergewaltigung, Folter, Mord; Massaker (Srebrenica), ,,Ethnische Säuberungen“; Genozid. Im Angesicht der Weltöffentlichkeit, begleitet von sensationslüsterner Medienberichterstattung. Konferenzen. Politische Naivität und Unfähigkeit bis zur Schamlosigkeit, bis zur Lächerlichkeit. Währenddessen wird weitervertrieben, weitergemordet, weitergesäubert. Man schafft Realitäten.

Der Schrei der Gefolterten aber verhallt im Niemandsland. Einer, ein Dichter, Muhidin Šarić, schreibt eine Chronik dieses Grauens, eine seiner eigenen Qual, seines Erniedrigtseins; seiner Namenlosigkeit: Man ist Opfer; sonst nichts. Kein Mensch mehr. Was bleibt, ist Verzweiflung, untröstbare Trauer. Und nach dem Überleben: die Heimatlosigkeit; eine für immer.

Davon sprechen diese Gedichte: Von den schwarzen Höfen, von den Hinterhöfen, in denen menschliches Leben zerstört wurde, zerstört wird. Und von der Sehnsucht nach dem, was einmal war und was es nicht mehr gibt; nie mehr geben wird. Literatur, Poesie als Aufschrei, als Zeugnis, als Mahnung; auch als Überlebenstherapie Übersetzung aus dem Bosnischen durch Emina Šarić und Klaus Detlef Olof.. Und als Träumen von einer Welt jenseits des Irrsinns vom Menschen.

Muhidin Šarić lebt als Stipendiat der Institution ,,Städte der Zuflucht“ seit 1992 in Graz.

Muhidin Šarić: Črna dvorišta / Schwarze Höfe. Gedichte, bosnisch-deutsch, Drava Verlag: Edition Niemandsland, Klagenfurt/Celovec, 1999;80 Seiten, öS l97,- DM 27,-.


Kategorie: Lyrik

Trockengebiet

Trockengebiet – oder – Von der Dürre der Welt

,,Auch wenn dies Land / gänzlich verwüstet sein wird, /
die Liebe…wird es noch ein wenig begrünen.“

Die ist ein Ausspruch der Hoffnung, ein Ausspruch tröstlicher Gewißheit. Oder aber auch ein Sich-Klammern an einen letzten uns doch gegebenen, uns aber verborgenen, verborgen bleibenden Sinn, einen Sinnzusammenhang des Lebens.

Davon sprechen, darum ringen Franz. Richters Gedichte aus der Gedichtsammlung „Trockengebiet“. Es sind stille Gedichte. Solche mit dem Rhythmus des Wellenschlages des Meeres. Man muß in sie hineinhören, um ihren Atem zu empfinden: den Atem der Zeit. Es sind Gedichte, die ein Land beschreiben, das zwischen Erinnern und Vergessen liegt. Ein dürres Land. Die Welt als eine ,,Schöpfung“, die „von uns verjuxt und zerstört“ worden ist. Und in ihr die Suche nach dem eigenen Ich, nach dem Du, nach der verbindenden Gemeinsamkeit als Bezugspunkt zu sich selbst, zum Anderen und zur Welt. Die Suche nach der eigenen Identität, nach dem Ich-Ereignis als Wahrheitsereignis, nach dem Wahrheitsereignis wiederum als Ich-Ereignis. Die Liebe als konkrete Möglichkeit dazu. Und dies alles als Lebensweg. Jede Berührung bedeutet ein Hinterlassen von Spuren, von der Abnützung; bedeutet Wunden, Verlust; aber auch ein Wachsen der Hoffnung. Ohne Hoffnung wäre die Gewißheit unerträglich. Die Fülle des Lebens in der Dürre der Zeit nehmen als Möglichkeit der Beteiligung, als Aufruf zum Aufleben. Denn: „Wem etwas zu viel ist, der hat zu wenig geliebt.“ Denn: „Ohne unser Zutun verliert uns die Zeit.“ Frage und Antwort: ,,Wo ist meine Zeit hingeraten? / Mein Herzschlag hat sie mir vertrieben“ – „Was also habe ich noch zu erhoffen?“ – „Ich trage meine Jahre. / Meine Jahre tragen mich..“

Ist dies das Gleichnis des Lebens, seine Erfüllung?“ Was erwarte ich noch / im Wissen, wie nah die zeitlose Stunde schon ist?“ Gedichte des Abschieds? Oder solche des Aufbruchs? Der Verzicht auf die Suche nach Kausal-Zusammenhängen deutet sich an, die Suche nach Sinn-Zusammenhängen wird sichtbar, spürbar. Die Vergangenheit wird zur Hilfe gerufen zum Weg in die Zukunft. Reflexion als Mittel zur Standortbestimmung. Angesichts der Erfahrung, daß so vieles zerbricht, zerbrochen wird, zurück zum Ansatz der Frage: Gibt es adäquat zum Gesetz des Werdens und Wachsens auch ein solches der Zerstörung, des Zerstörtwerdens? Die Antwort wird gesucht, auch eine auf die Frage: „Was nehmen wir mit, / wenn sich der Anker lichtet?“ aus diesem Leben, aus dieser Welt, aus dieser ,,Gemeinschaft Von Leben und Tod“ ? Und was hinterlassen wir als Vermächtnis? Und ist das Leben nur das, was uns zustieß? Dann, so Richtert, „Nimm an, was dir zustieß./ So wird an Dir Geschehnis zur Tat, / zur Gabe deine Ergehung!“

„Ich lebe auf, / wo mein Ich ablebt…“ Markiert diese Aussage Resignation, Ergehung, oder ist dieser Ausspruch eines scheinbaren Paradoxon nicht Zeugnis eines Wissens, daß gerade im Abschied die größte lntensität einer Gegenwart sich an uns vollzieht? Das Du als Weggefährte, um ,,gemeinsam zu verglühen.“ Ist diese Abschiedssituation, diese permanente als Lebensereignis in der Dürre des Daseins, in diesem Trockengebiet Leben, wirklich eine geeignete Position, womöglich nur die einzige, von der aus wir die Frage zurück und ins Nichts stellen können als eine Frage nach uns und der Welt. Oder ist es so, daß wir antwortlos bleiben, „niemals wissend, / ob unser Dasein sein wird, / denn unzuverlässig ist unser / Vertrag mit dem Gewesenen“?

Das Leben, jeder Versuch, sich seiner zu bemächtigen, mit seinen Auswüchsen der Zivilisation, mit seinen Wunden am eigenen Ich, am anderen Du, ist es ein einziger Verrat am Paradies, bedeutet es den Verlust der Heimkehr? Liegt gerade im Ereignis, im Ereignis des Lebens die Verwehrung der Antwort? Und die der Erkenntnis der Wahrheit?! Ist sie erst möglich, wenn überhaupt, erst ,,am Ende der Zeit“? Es scheint so. Denn „alles wird ungenau, / wenn es sein Unendliches einbüßt.“

Franz Richter ,,Trockengebiet“, Gedichte, , 1980, Band 14 der Reihe ,,Lyrik aus Österreich“, hrsgg. von Alois Verlag G. Grasl, Baden bei Wien Vogel und Alfred Gesswein.

Peter Paul Wiplinger
Wien, 27.7.1980


Kategorie: Lyrik
Verlag: Verlag G. Grasl Baden bei Wien

Versteckenspiel

VERSTECKENSPIEL
Gedichte von Hedwig Katscher

„Ein Traumfragment
das Leben.
Der Tod
ein Bruchstück Wahrheit“

(Aus dem Gedicht ,,Der Befund“)

„Meer und Himmel
sind mir Heimat.

In mir sind sie zuhause.
So bin ich ihre.“

(Aus dem Gedicht ,,Die Landschaft“)

„Versteckenspiel“ heißt der Titel einer Gedichtsammlung von 57 Gedichten der österreichischen Dichterin Hedwig Katscher, die als Band 23 der Reihe ,,Lyrik aus Österreich“ im Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1982 von den Exponenten des Literaturkreises Podium, Alois Vogel und Alfred Gesswein, herausgegeben worden ist.

Versteckenspiel – was hat dieses Wort, das gleichzeitig die Bezeichnung für ein Spiel aus unserer Kindheit ist, das wir alle gespielt haben – mit Spannung, Angst und Freude – als Titel eines Gedichtbandes zu bedeuten, was signalisiert es, wofür ist es als Chiffre gesetzt? Mit welcher Interpretation erfasse ich seinen Sinn, was ist damit gemeint? Etwas klingt da an, drängt sich als leicht verfügbare, weil gängige Assoziation auf: Rollenspiel, Rollenverhalten, Rollenzwang. Dies ist mit Sicherheit nicht gemeint, mit diesem Ansatz gehe ich fehl bei meiner Spurensuche, beim Versuch einer Interpretation dieses Wortes. Also hin zum Text und aus dem Text heraus zum einzelnen Wort (Zusammenhang) und von diesem zum Gemeinten und von da zum Sinn.

Einer Dichtung nachzuspüren, ihr auf die Spur zu kommen, bedeutet, den Weg des Denkens, den Weg des dichterischen Wortes einzuschlagen, den Weg zurückverfolgen, den Weg des Wortes zu seinem Ursprung. „Wohin?“ Dieses eine Fragewort steht als Motto auf einer leeren Seite allein dem Gedichtband voran. Also gleich am Anfang auch Fragestellung nach einem Weg, nach einer Zielrichtung, mit einer Zielgerichtetheit, nach einer (schicksalhaften) Bestimmung. In dieser einen Frage scheint sich die geeinte Bedeutung aller anderen möglichen Fragen als Einheit zu artikulieren. Sie eint in sich auch ein Gehvarianten eines Weges – des menschlichen Lebensweges – vom sich im Dunkel Vorwärtstasten bis hin zum zielgerichteten und zielbewußten Gehen.

Fragen werden gestellt, aus Situationen heraus, auch – ja vor allem – aus der eigenen Ich-Situation. Symptome werden hinterfragt, Zusammenhange werden abgefragt. Fragen, die nicht Ausdruck der eigenen Unsicherheit sind, sondern Orientierungshilfen sind, so wie ein Kompaß in einer unbekannten Landschaft. Anzeichen, Symptome, Zusammenhänge werden auf diese Weise sichtbar (gemacht). Schicksalsereignisse, Leidenswege und Leidenszustände werden aufgezeigt, Diagnosen werden gestellt. Und dann kommt (ähnlich wie bei der Diagnose: „Es ist Krebs!“) am Ende der Befund. Er ist nicht gleich das Todesurteil, sondern eine dem Leben entsprungene Erkenntnis, die einem nur nach langem Lebens- und Leidensprozeß, noch mitten im Leben, aber nahe am Tod, zuteil wird: die Erkenntnis als das gefundene Ziel eines Weges, den man gegangen ist.

Hier beginnt die tröstliche Gewißheit, der innere Friede. Man ist angelangt, am Ziel seiner Bestimmung. Alles, was zerrissen war, wird wieder ein Ganzes, man selbst wird wieder eingegliedert aus dem Chaos heraus in eine große, von uns unabhängig vorhandene, wirksame Ordnung der sich gegenseitig bedingenden Kräfte einer Einheit von Leben und Tod. Ein Zugehörigkeitsgefühl zum Ganzen der Schöpfung wird spürbar und einem bewußt. Die Splitter der Zeit werden zusammengefügt zu einer zeitlosen Gestalt, zu einer immer wiederkehrenden und einer immer wieder sich erweisenden Einheit alles Seienden. Die Ausweglosigkeit aus den Fragen wird zu einem tiefen inneren Frieden.

Die Frage nach dem Woher steht für Hedwig Katscher nicht am Anfang, sie wird von ihr erst am Ende des Weges in einer Art Rückschau gestellt; aus einer gewissen Verwunderung heraus darüber, daß diese Frage plötzlich am Ende auftaucht: die Frage nach der Herkunft. Diese Frage – eben nicht am Beginn stehend – hat den Weg nicht bestimmt, es erfolgte keine Einengung der Freiheit durch sie. Aber sie stellt sich nun – eben am Ende des Weges – in den Weg. Diese Frage will gestellt sein, auch wenn sie vielleicht nicht beantwortet werden kann, auch wenn keine weitere Frage auf diese Frage gegeben werden kann, vielleicht auch nicht gegeben werden muß, weil die Antwort auf das Woher unwichtiger ist als die Antwort auf die Frage nach dem Wohin.

,,Wie kam ich in dies Land?
Die Landschaft lächelt
im Traum von Kinderglück,
zärtlich singen die Vögel –
wie kam ich in dies Land
zum zweiten Mal,
wo Steine mir berichten
und die Menschen schweigen.“

(Aus dem Gedicht ,,Dies Land“)

Herkunft als etwas Vorbestimmtes, das sich unserer Verfügbarkeit entzieht, von der wir ein ganzes Leben lang ge(kenn)zeichnet sind, auch im Sinne einer Determination unseres Ichs, als Hemmnis und Verhaftetsein; und doch auch als Geborgenheit in ihr. Der Weg aufgrund der Fragestellung WOHIN?, diese Suche, ist ein Weg unter dem Zeichen der Freiheit, auch ein Weg unter der Bestimmung des Ausgesetztseins in Schutzlosigkeit; ein Weg, der als Irrweg in die Katastrophe, der aber auch ans Ziel fuhren kann. Auf jeden Fall ist er ein Weg der Freiheit, einer, auf dem wir nur auf uns selbst angewiesen sind. Ein Weg, den Menschen auch gemeinsam gehen können, ein Weg, der verbindet, der Gemeinsamkeit zeugt.

Lebensgefährte – Lebensweg. Wieder etwas Umspannendes, das mehr ist als bloß eine Station, als eine Zeiterscheinung. Wieder etwas Ganzes, etwas Gründliches, etwas Wesentliches, etwas Bestimmendes, etwas Wirkliches, etwas Wahres. Mit der Liebe als etwas Grundlegendem, als letztem (Beweg)grund des Seins. Und das ist mehr als ein soziologisches Phänomen. Die Liebe als Ausgangsbasis für eine mögliche gültige Antwort auf alle die Fragen nach dem Woher und Wohin, die Liebe als Wahrheitsereignis der Einheit von Leben und Tod, die Liebe, die, wie es im „Hohen Lied“ heißt, ,,stärker als der Tod“ ist.

Von dieser Liebe sprechen die Gedichte Hedwig Katschers. Von der personal erfahrenen, vom Verlust des Lebensgefährten; nicht vom Verlust der Liebe durch dessen Tod, im Gegenteil, aber doch vom Schmerz, der durch den Verlust seiner Gegenwart, seiner greifbaren Gestalt, ins Leben einschneidet. Dieser Schmerz ist die wahre Lebenswirklichkeit, die einen selbst im verborgensten Versteck aufspürt, der man sich durch kein Versteckenspiel entziehen kann. An ihm wird das volle Maß an erlebbarer Wirklichkeit als Grunderfahrung menschlichen Lebens überhaupt erfahren. Und die ,,Totenklage“ ist nicht nur ein Wehklagen als Ausdruck des Schmerzes über den Verlust des geliebten Menschen und der Ausdruck der Trauer über das Allein-Zurückbleiben, sondern sie wird auch zum Ausspruch der Erkenntnis von der Brüchigkeit der Zeit, von ihrer begrenzten Gültigkeit. Hier wird personale Leiderfahrung zur Erfahrung einer universalen Wahrheit des Seins.

„Gestern
vom Schlaf gepackt
und plötzlich wieder wach,
sprach ich zum Lehnstuhl hin:
,,Weißt Du, es ist schon spät!“
Da sah ich, daß er leer war.
Das war der tiefste Schrecken.
Das war die Wirklichkeit.
Dich gibt es nicht mehr.“

(Aus dem Gedicht ,,Totenklage“)

Eine solche Erkenntnis von Lebenswirklichkeit und Lebenswahrheit ist nicht das Ergebnis eines Erfahrungsprozesses und eines vollzogenen analytischen Denkprozesses in einem vollzogenen Bewußtseinsprozeß, sondern hier wird jemand schicksalhaft von der Wahrheit getroffen. Der ,,tiefe Schrecken“ ist wie eine Stigmatisierung. Aber auch er ist nichts Endgültiges, auch er ist nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Läuterung durch das Leid, auf dem Weg, den man gehen muß, bis man selber ,,reif wird“. Selbst der Tod, personal erfahren am Verlust der leiblichen Gestaltsgegenwart des geliebten Menschen, des Du, ist kein Ereignis absoluter Endgültigkeit, sondern bildet wiederum einen weiteren Ansatzpunkt im geistig-seelischen Wandlungsprozeß des von diesem Ereignis betroffenen Menschen, der nach dem Abbruch dieser Lebensgemeinschaft zurückbleibt. Die leibliche Gegenwartseinheit ist zerbrochen, nicht aber das Einssein in der Liebe.

,,Noch immer
nähr ich mich
von deinem Dasein …“

(Aus dem Gedicht ,,Noch immer“)

,,Ich muß Dich weitersuchen,
mit Dir sprechen.
Denk an die vielen Fragen,
die wir uns,
die wir einander stellten,
an Namenloses, Unbekanntes auch.
War ich ein Halm,
hast Du mir Halt gegeben.
Sah ich Dich schwanken,
hielt ich Dich umfangen.“

Die Erinnerung an den verstorbenen geliebten Menschen bahnt sich über das Wort, über das Gespräch, den Weg in die Gegenwart. Der Verstorbene ist nicht mehr leiblich anwesend, aber er ist gegenwärtig, ja er scheint immer mehr an bestimmender Gegenwart im Leben des ihn Betrauernden zu gewinnen. Aus der im früheren Zusammensein oft erlebten Sehnsucht nach der Gegenwart des anderen geliebten Du wird die immer stärker werdende Sehnsucht nach einer dauernden und endgültigen Vereinigung mit ihm, nach einer zeitlosen, ewigen Verbundenheit, die auf immer dem Zugriff der Zeit entzogen ist.

,,Und meine Asche
wird bei Deiner liegen.
Ohne Trennung
wird unser Beischlaf sein.“

(Aus dem Gedicht „Schneeflecken“)

Bis dahin aber gilt es auszuharren, die Fremdheit und die Heimatlosigkeit im weiteren eigenen Leben zu ertragen.

Aus dieser Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit heraus entstehen Hedwig Katschers Gedichte: aus Schmerz und Trauer, aus dem Gefühl und Bewußtsein der Heimatlosigkeit, der eigenen und der des Menschen überhaupt. Vor allem aber entstehen sie aus einer Gewißheit heraus, daß die Liebe stärker ist als der Tod; daß sie alles überwindet. Und daß wir auf diesem Weg, der von der Frage nach dem WOHIN vorgezeichnet ist, unser Leben erleben, erleiden, erfahren, erdulden, am Ende doch die ,,1ebendige Wahrheit“ finden und erfahren.

„Versteckenspiel – Gedichte von Hedwig Katscher“, Band 23 der Reihe „Lyrik aus Österreich“, herausgegeben von Alois Vogel und Alfred Gesswein. Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1982.

Peter Paul Wiplinger
Wien/Haslach, 25.-26. Dezember 1982


Kategorie: Lyrik
Verlag: Unbekannter Verlag

Gnadenfrist in einem fremden Land

GNADENFRIST von Alfred Gong

Als Vorwort zum Gedichtband „Gnadenfrist“ von Alfred Gong steht der Ausspruch eines lndianerhäuptlings: „Was ist schon ein Leben? / Ein winziger Schatten nur, der übers Gras huscht / und sich in den Sonnenuntergang verläuft.“

Von dieser poetischen Sentenz gelangt Alfred Gong in und mit seinen Gedichten zu einer konkreten, persönlichkeitsbezogenen Aussage schmerzlicher Gewißheit: ,,Ausgesetzt in einer fremden Zeit / … läuft die Gnadenfrist ab …,,, denn „der abruf ist unterwegs.“

Das gilt für jeden; aber in einem besonderen Maße und in einer bestimmteren Weise für einen aus dem auserwählten (!) Volk, einen Juden. Für einen, dessen Schicksal schon lange vor seiner Geburt bestimmt, dessen Weg längst vorgezeichnet ist. Was folgt, ist nur mehr der Ablauf. Bestimmend ist die Verheißung, das Schicksal, der Tod. Dazwischen die ,Gnadenfrist: ,,Ohne Uhr, ohne Ausweis / wies man uns ein ins Heim Vogelfrei. / Sie strichen uns aus im Register. / Wir trugen uns auf: Keine Worte! / Sie haben gelobt, nicht zu stören. / Man weiß: uns darf nur wecken / der Tod.“

Dies als Metapher für Leben, für Schicksal; für alle, und im besonderen doch für die Juden. Dies ist die Welt der Verheißung und ihrer Erfüllung. Der Einzelne sowie alle unentrinnbar ausgeliefert. Kein Exil, keine Gnadenfrist täuscht darüber hinweg. Aus dem Wunschbild einer gewollten Wirklichkeit, aus der Einbildung eines sich selbst beruhigenden Sicherheitsgefühls, unauffindbar, un(an)greifbar zu sein – ,,Ich habe mich abgesetzt / ohne Spur, ohne Marke …“ – treten hinter diesem Spiegelbild der eigenen Illusion von Gerettsein immer wieder als Befürchtung und schließlich als mahnende Gewi3heit die Erkenntnis und das Bewußtsein des Verlorenseins, der Unausweichlichkeit, Opfer zu sein und zu werden, hervor, einzig noch von Sehnsucht beseelt, die Zeitspanne zwischen Bestimmung und ihrer Erfüllung, die Gnadenfrist, zu nützen. – ,,Was bleibt uns übrig, als / einmal noch das das Salz und die Süße / des nächsten Leibes zu kosten, / bevor man uns stellt?“ Dies ist die Welt der Erkenntnis: Leben ist Geopfertwerden. Und dies schon wie schicksalhaft im voraus bestimmt.

Auch so schon beim Vater: ,,Gefreiter der k. und k. Infanterie, / mit zwei Schußwunden ausgezeichnet am lsonzo, / kehrte heim in seine an Rumänien verlorene Heimat… Arbeitete sechzehn Stunden im Tag… Als ‚Ausbeuter’ von den Sowjets im Viehwaggon / verladen, vier Wochen durch den Orlogsommer 41 /… verlor seine Brille im Eis / und starb am Nervenfieber, wimmernd im tauben Schnee / von Novosibirsk …“

Der Sohn: „,In die Welt ausgestoßen als Schrei“ (1920), in seinen Geburtsort Czernowitz, in einen Schmelztiegel verschiedenster Völker, Religionen, Sprachen und Kulturen; in die Stadt eines Gregor von Rezzori, aber auch in eine, in der man ,,Paul Celan mit Trakl unterm bei den Tulpen begegnen“ konnte. Dort ging er zur Schule und, bevor er noch lesen konnte, lehrte man ihn, „daß es süß sei fürs Vaterland zu sterben … später mehr nutzloses Zeug: / die Zehn Gebote zum Beispiel … / Dazu sechs Sprachen, darunter drei tote, / auch die Kunst des Sophismus, Dialektik, den Talmud – „ doch wußt er „später kein Sprüchlein / um die Mörder versöhnlich zu stimmen…“ Dann Flucht vor den Mördern, dann Wien, dann weiter in die USA; seit langem in New York, integriert in der Fremde.

Und noch immer auf der Suche nach Heimat. Sie wird zum Bild seiner Kindheit, zur Gewißheit seiner Verankerung im Dort und im Damals: „Die Steine gedenken meiner …“ , Erinnerung an eine Heimat, in der man auf die Frage „was Sterne sind“, den Kindern zur Antwort gab: „Sind die Seelen von Opa und Oma / und allen Lieben, die auf dem jüdischen / Friedhof von Czernowitz ruhn.“ Und wo ,,Rabbi Ezra blinzelte im Fenster / und wußte: Heut seid ihr Kinder – / morgen werdet ihr Juden sein.“

Und das Jetzt, und die Zukunft und das, was bleibt an Erwartung? – „Angepflockt, anbequemt, ansässig / … unbeteiligt, unbekümmert, ungerührt Sinnlos, ohne Berufung, ohne Aussicht auf ein Auferstehn.“ Die Resignation, die bereits auf ein unerträgliches Maß reduzierte Anteilnahme am Leben, die in der Frage an sich selbst zum Ausdruck kommt: „…. was hast du noch zu gewärtigen? / Wie schlägt man dann seine Zeit / bis zur Abberufung tot? … „ schlägt noch einmal ein Sichaufbäumen als Ausdruck und zum Zeichen der Selbstachtung um: ,,Zerschlag die Uhren, die Spiegel, den Trug“, um freilich darauf kraftlos in Wehmut zu versinken, gepeinigt von einer Sehnsucht weil mit dem Wissen um ihre Unerfüllbarkeit: ,,Einmal sagen dürfen: September – / und meinen alle September / von einst und dereinst …“

Jetzt ist der Punkt im Leben erreicht, wo ,,hinter schneeblinder Luke / legendenweiß / deine Kindheit …“, erscheint. Dann ist es Zeit, die die Hoffnung zu suchen, die Liebe. Und dazu zu mahnen: ,,Liebt, liebt endlos, ohn Erbarmen .. .“! Denn dann, wenn ein Mensch, ein Vertriebener, Getriebener sagt: ,,Alt bin ich und vergessen / und ohne Feinde geblieben …“, beginnt der ,,Schatten des Schneefalls!“ Und mit ihm vielleicht die Erlösung.

Alfred Gong: „Gnadenfrist in einem fremden Land“, Band 15 der Reihe „Lyrik aus Österreich“, herausgegeben von Alois Vogel und Alfred Gesswein. Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1980.

Peter Paul Wiplinger
Wien 1980


Kategorie: Lyrik
Verlag: Verlag G. Grasl Baden bei Wien

Das siebte Wien

SPRACHE UND EXIL
Der österreichische Lyriker Fritz/Frederick Brainin
Peter Paul Wiplinger

,,Nach Jahren kam, verstört, ich wieder her;
der alten Gassen manche sind nicht mehr,
der Ringturm kantig sich zum Himmel stemmt:
erst in der Heimat bin ich ewig fremd.“
Theodor Kramer – Wien, 28.11.1957
Wiedersehen mit der Heimat, GA III/590

Mit diesen Zeilen beschreibt der große österreichische Exildichter Theodor Kramer, dessen Andenken der Jugendfreund und Exilgenosse Fritz/Frederick Brainin sein literarisches Werk, den Gedichtband ,,Das siebte Wien“, widmet, die Zeichen seiner Heimkehr.

Es ist nicht ein momentanes Gefühl der Verzweiflung, das sich im letzten Satz dieser Verse manifestiert, keine psychische Überreaktion, hervorgerufen und gesteigert durch den psychischen Streß eines lang erwarteten und herbeigesehnten Wiedersehens mit der Heimat, nein, das ist zwar die poetisch-literarische, aber doch zugleich nüchterne Formulierung einer Selbstdiagnose betreffend die nicht mehr gegebene Integrationsfähigkeit augrund des Leidens an der Krankheit mit dem Namen „Exil“.

Wie jede Krankheit hat auch diese ihre Wurzeln, ihre Ursachen, ihre Bedingungen, ihren Ausbruchsort und ihre Ausbruchszeit, ihre Eigendynamik, ihre Schübe, ihre krisenhaften Höhepunkte, ihren chronischen Status, ihre Langzeitwirkung. Wie jede Krankheit hat auch diese ihre symptomatischen Begleiterscheinungen, die der Deformation im physischen und psychischen Bereich; für einen Dichter auch in dem der Sprache. Fritz/Frederick Brainin ist dafür ein Beispiel.

Was Kramer im letzten Satz seines Gedichtes oben ausspricht, zwei Monate nach seiner Rückkehr aus dem Exil und nur fünf Monate vor seinem Tod, das ist die allgemein gültige Formel, die für viele gilt, für viele österreichische Dichter, die, wenn schon nicht am Exil zugrunde gegangen, so doch letztendlich an ihm physisch, psychisch und oft auch literarisch zerbrochen sind. Neben Kramer und Brainin nenne ich hier noch die Namen zweier anderer österreichischer Exildichter: Friedrich Bergammer (Glückselig), ein Freund Brainins, gestorben 1981 im New Yorker Exil; und Alfred Gong, ebenfalls im New Yorker Exil gestorben, 1982. Und natürlich denkt man in diesem Zusammenhang vor allem auch an Joseph Roth.

Im Herbst 1988 kommt Fritz/Frederick Brainin nach 50 Jahren Exil in den USA (New York) zu einem längeren Besuch in sein Heimatland Österreich, in seine Geburtsstadt Wien. Aber kann und darf man hier wirklich das Wort ,,Heimatland“ gebrauchen, kann und darf man dieses Wien mit seiner Geschichte seit 1934 wirklich noch als die ,,Vaterstadt“ des Exilanten bezeichnen? Würde er dies selber tun, dies von anderen zulassen? Ist nicht dieses ,,Heimatland“, das seine Heimatlosigkeit durch Vertreibung und Exil um den Preis des Am-Leben-Bleibens verschuldet hat, nicht längst zur Fremde geworden; und er ein Fremder in ihr? Kann man eine Vaterstadt so nennen, die einen ausgestoßen, ausgewiesen, verbannt und auch nie zurückgeholt hat; die für diese und die anderen Vertreibungen, für die Ermordungen von Tausenden ihrer Mitbürger, ihrer Kinder, nie Sühne geleistet, nie den Versuch einer wenigstens symbolhaften, an jenen, bei denen es noch möglich gewesen wäre, „Wiedergutmachung“ unternommen hat, die sich nie der eigenen Wahrheit gestellt hat.? Muß man diese so schönen Worte der Bezeichnung für Herkunft nicht auf die emotionslose Angabe ,,Geburtsort“ bzw. „Geburtsland“ reduzieren? Gerechterweise, für die Betroffenen und für die Verursacher, für die Täter und für die Opfer?

Wer aber ist nun dieser Fritz/Frederick Brainin? Was war sein Leben, was ist seine Literatur? Er ist ein Vertriebener, ein Verschollener, ein Heimatloser, der in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent für fünfzig Jahre seinen Aufenthalt gefunden hat. Er ist einer, der die Heimat verloren, weil man sie ihm weggenommen hat. Auch die ursprüngliche Heimat hat damit etwas verloren, auch sein Wien. Und seine Literatur, seine Gedichte legen davon Zeugnis ab. Zeugnis von diesem Fremdsein in der Fremde, in der Welt, und nicht zuletzt im eigenen Leben. Ausgestoßen, weil ein Ausgestoßener. Vertrieben, weil ein Vertriebener. Unberührbar, weil ein Unberührbarer. Unsicher, weil ein Verunsicherter. Ein Verstörter, weil man sein Leben in einem Maße gestört hat, daß es an Zerstörung grenzte. Ein unglücklicher, weil Unrecht unglücklich macht. Ein Entwurzelter, weil man ihn aus seinem Boden ausgerissen, von seinen Wurzeln getrennt hat. Ein Liebender, dem man seine Liebe mit Bedrohung, Vertreibung, mit Vergessen beantwortet hat. Ein Dichter, dem man die Sprache, seine Muttersprache, seine Dichtersprache genommen hat.

Dieser Dichter kommt nach Wien zurück und arbeitet hier 1988 an der Zusammenstellung seines Manuskriptes ,,Das siebte Wien“. Gibt seinem Buch den Titel mit dem Namen seiner – längst verlorenen Heimatstadt. Er legt ein literarisches Lebenswerk wie ein Vermächtnis vor, als Zeugnis für seine Verbundenheit mit dieser seiner ,,Heimatstadt“ ,aber auch als Zeugnis für sein Getrenntsein, für seine Trennung von ihr, für die daraus entstandene Verwundung und Deformation. Und publiziert diesen Gedichtband mit diesem Titel sechzig Jahre später in jener Stadt, wo 1929 sein erster Gedichtband ,,Alltag“ erschienen war, mit den Gedichten, die er als Sechzehnjähriger in seiner damals wirklichen Heimatstadt Wien geschrieben hatte. Und widerlegt, vielleicht nur scheinbar, jene Erkenntnis, die er resumeehaft in der ,,Ballade von den Bronx Fiestas“, einem Gedicht aus den Jahren 1960 bis 1970, folgendermaßen formuliert:
,,Ein siebentes Wien, von dessen erstem verbleibt keine Spur!“

Was hier literarisch ausgedrückt wird, stimmt jedoch existentiell nicht, jedenfalls nicht ganz. Im Gegenteil: Ein Leben lang begleiten Fritz/Frederick Brainin diese Spuren vom ersten Wien, vom Wien seiner Kindheit und Jugend, vom Wien mit seiner Familie, seinen Freunden, seinen politisch-weltanschaulichen Bindungen, von seinen ersten literarischen Versuchen und Erfolgen. Diese Spuren durchziehen sein ganzes Leben, sein ganzes literarisches Schaffen, sein ganzes dichterisches Werk. Diese Spuren sind es, die ihn immer wieder auf dem Weg der Erinnerung zurückführen in das Einst, wie in ein vergangenes Leben. Diese Spuren – sie werden zu tiefen Furchen, die sein Leben durchziehen es prägen ihm jenes Gesicht gelebten Lebens geben. Und am Ende des Weges führen sie ihn wieder zurück. Gelebte Bitterkeit weicht in der Erinnerung und manchmal dann auch im Gedicht einer wieder aufdämmernden Wärme und Zärtlichkeit, die ihn umfängt, wenn er an dieses erste Wien denkt. Die Wehmut aus dem Wissen um den bevorstehenden Abschied mischt sich ein, mildert die Trauer, die Enttäuschung, die Verbitterung; verringert die Distanz zum Schuldpotential der Verursacherstadt, verringert seine Resignation, verkürzt die einst unüberwindbar scheinenden Abstände und Gräben zu seiner Jugendstadt. Das erste Wien, das Wien seiner Kindheit rückt in diesem Alter wieder näher mit dem zusammen, das er jetzt erlebt. Geburt und Tod, frühe Kindheit und spätes Alter, liegen nahe beisammen.

Aus einem späten Gedicht Brainins aus den Achtzigerjahren, betitelt ,,Österreich – Ein kürzliches Selbstbildnis“ ist dies vielleicht zu entnehmen: ,,Seit neunundvierzig Jahren hier in New York City,/ auf meiner amerikanischen Kriegsinvalidenpension, /hab ich noch immer mitten in der Nacht den Traum,/ wo unter vielen Rot und Braun-Wandschrift-Graffiti/ ich noch immer in der Lessinggassen wohn/ (noch unrasiert den Ober-Bundesrealschülerflaum!)“

In diesen sechs Zeilen sind ganz wichtige. Schlüsselwörter enthalten, mit denen uns der Autor Fritz/Frederick Brainin den Zugang auf der Ebene der Textinterpretation zu seinem Leben und zu seinem dichterischen Werk ermöglicht. Die Wortzusammensetzung „Wandschrift-Graffiti“ ist eine für Brainin typische Wortverbindung aus Deutschsprachigem und Fremdsprachigem, wobei jedes der beiden Wörter eigentlich das Gleiche bedeutet, sodaß die Zusammensetzung beider Wörter nichts anderes als eine Tautologie ergibt. Hier werden also die beiden Sprachebenen, das Deutsche und das Fremdsprachige, meist Anglo-Amerikanische, auf denen die dichterische Exilsprache beruht, die so etwas ist wie eine individuelle, künstliche Kunstsprache, die mit vielen Alltagsfloskeln aus beiden Sprachen durchsetzt ist, sichtbar. Beide Sprachebenen sind im Werk Fritz/Frederick Brainins immer wieder ineinander geschoben, durchdringen und durchsetzen das literarische Werk. Die Bewußtseinsebenen, aus denen das Gedicht entsteht, diese wiederum liegen wie die verschiedenen Schichten von mehreren Graffiti übereinander. Immer wieder wird die Schicht eines soeben fertiggestellten Graffitos durch die eines neuen ersetzt, überdeckt, wobei das Bild des vorhergehenden Graffiti jeweils verändert, übermalt, zerkratzt, perforiert und zum Teil auch zerstört wird. Den verschiedenen Zeit-, Erinnerungs- und Bewußseinsebenen – unter Einbeziehung des Unterbewußten in den künstlerischen und dialektischen Prozeß -entsprechen die verschiedenen tektonischen Schichten der übereinander gelegten Graffiti, die sich am Ende als bruchstückhaftes Gesamtbild, als ein vielschichtiges Netzwerk, aufgebaut aus einer Aktionseinheit von schöpferischer Konstruktion und Destruktion, präsentieren.

Die Worte Rot und Braun haben natürlich einen realen Sprachbezeichnungscharakter als Bezeichnung für eine Farbe, darüber hinaus aber sind sie symbolhafte Metaphern für Blut, Gewalt und Tod,, aber auch für „das Rote Wien“, für die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie, der Fritz Brainin als Mitglied der Roten Falken nahestand. Und Braun steht selbstverständlich für die Nazis, für die Braunhemden, für die SA.Farben, als Metaphern für politische Richtungen und Organisationen, als Symbole für Uniformen und Fahnen, für Gedankengut und politische Einstellung.

Und dann ist da noch das Wort „Traum“. Ein solcher Traum, von dem Brainin hier spricht, ein solcher Traum, den es ,,noch immer mitten in der Nacht…seit neunundvierzig Jahren…in New York…“ gibt, in dem eine über ein halbes Jahrhundert sich erstreckende Erinnerung gespeichert ist, die im Traum deutlich sichtbar und erlebbar wird, ein solcher Traum hat auch etwas mit dem Wort des gleichen Wortstammes zu tun, nämlich mit dem Wort „Trauma“. Laut Duden ein Begriff für Verletzung, Verwundung, Wunde,, seelischer Schock, starke psychische Erschütterung, Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung.

Ein Traumbild also, in dem unter vielen Schreckensbildern, die wie Graffiti in verschiedenen tektonischen Schichten, aber nicht deckungsgleich, übereinander lagern, das Bild der Kindheit und Jugend in Wien in der Lessinggasse bruchstückhaft hervorleuchtet, als Spur vom ersten Wien. Ein Traumbild als Widerspiegelung des Bewußtseins: Das eigene, ursprüngliche, jetzt verletzte und zum Teil zerstörte Selbstbildnis, wie es im Titel des Gedichtes heißt.

Was war das für ein Wien, an das sich Brainin im Traum erinnert? Wie war dieses Wien, wie war die Leopoldstadt damals, dieses Viertel, das ,,Mazzesinsel“ genannt wurde? War es ein Ort inmitten der ,,Insel der Seeligen“, um diese verlogene Österreichbezeichnung, diesen Inbegriff selbstgefälligen Selbstbetruges anzuführen, dessen Wurzeln in der Verdrängung und Verfälschung der Wirklichkeit liegen, gerade auch in der heutigen Gesellschaft und Zeit?

Am 22. August 1913 wird Fritz Brainin in ein Wien der zu Ende gehenden Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie hineingeboren. Sein Vater, aus Litauen stammend, Schüler des Bildhauers Anton Hanak, nimmt am Ersten Weltkrieg teil, wird verwundet, kehrt 1919 aus der italienischen Kriegsgefangenschaft endlich heim, wird ein kleiner Beamter im Heeresministerium. Also schon von Anfang an war die Kindheit überschattet durch unruhige Verhältnisse in der Familie, durch Krieg, durch den großen politischen und gesellschaftlichen Umbruch nach dem ersten Weltkrieg. Brainin verbringt die Jahre 1914-1919 mit seinem älteren Bruder Max und seiner Mutter bei den Großeltern. in Leipnik in Mähren. Fritz absolviert seine Schulpflicht in Wien, besucht die Realschule in der Vereinsgasse, gleich um die Ecke von der Lessinggasse. Sein Bruder und sein Freund und dichterischer Mentor, Theodor Kramer, sind einige Klassen vor ihm. Später erinnert er sich noch immer an die ,,bösartige Traumatik“ (Gedicht: Ein kürzliches Selbstbildnis), die ihn mit diesem pädagogischen Institut verband. 193l legt er dort die Matura ab und beginnt anschließend ein Studium der Philosophie an der Universität Wien, das er jedoch 1932 wieder abbricht. Schon in der Realschule ist er Mitglied bei den Roten Falken, hat Kontakt zur Jugendberatungsstelle Viktor Frankls, der nicht weit entfernt, jenseits der Praterstraße in der Czerningasse wohnt, und zur ,,Gruppe der Jungen“, der auch Hermann Hakel, Fritz Hochwälder und Richard Thieberger angehören. Aus dieser Zeit stammt auch seine Freundschaft mit dem anderen österreichischen Exildichter Friedrich Bergammer, der mit seinem Familiennamen eigentlich Glückselig heißt. Unter dem Einfluß von Frankl und dessen Freund, dem Verleger Erwin von Barth-Wehrenalb, beginnt Brainin schon früh zu schreiben, erreicht schon früh eine erstaunliche Fertigkeit und eine große Reife in seinen Gedichten, die natürlich noch an großen Vorbildern (Brecht, Tucholsky, Kästner) und den herrschenden literarischen Strömungen (Spätexpressionismus, Balladenform des genrehaften Arbeitergedichtes) orientiert waren. Und doch erreicht er schon früh, mit sechzehn Jahren schon, eine starke persönliche Aussagekraft und eine literarische Gestaltungsform, wie dies das wunderschöne Liebesgedicht ,,Hauptallee“, eines der schönsten Liebesgedichte der deutschen Literatur, beweist, das er als etwa Zwanzigjähriger schrieb. Hier dieses Gedicht.

Hauptallee, an Thea S.

Kühl wirds auf der Bank. Rück nah. Dein Kleid ist dünn.-
Liebst du so wie ich den Herbst in dieser Stadt?-
Leichter gibt sich seiner Traurigkeit hier hin,-
wenn die Nacht wächst und die Tage kürzer glühn,-
einer, der wie ich jetzt keine Arbeit hat, Geliebte.

Lass dein Haar an meiner Wange ruhn, es riecht
so herb wie eine Wiese im Oktoberdunst.
Die Autos hupen fern; uns trifft kein Bogenlicht.
Mit meinen Lippen nur begreif ich dein Gesicht –
und das Sein trotzalledem als eine Gunst,
Geliebte.

Dieses Gedicht atmet noch ,,trotzalledem“ eine ergreifende, unbeschreibliche Geborgenheit aus, die noch nicht erschüttert ist von den umliegenden und später noch kommenden Ereignissen, die dann das Weltbild Brainins erschüttern, destabilisieren und das Ich- und Seinsgefühl traumatisieren und brüchig werden lassen. Gerade in der Hinwendung zu einem geliebten Du, in einer noch so jugendlichen, aber doch schon reifen Liebesbeziehung, mag der Autor eines solchen Gedichtes noch die tragfähige Brücke über die schon sich auftuenden Gräben, über den wenig später aufbrechenden Abgrund, gesehen und erlebt haben. Dieses Gedicht ist noch getragen und gezeichnet von einem Gefühl der Hoffnung und Zuversicht; als ob die Liebe etwas sei, sie allein, die den Abgrund überspannen und überwinden könnte. Aber die Gewalt spricht eine andere Sprache. Und die Gewalt ist es, die zerstört, die alles zerstören wird. auch das Urvertrauen in die Unverletztbarkeit der eigenen, ja überhaupt der menschlichen Existenz. Von dieser Zerstörung werden die anderen Gedichte Brainins, die aus den nächsten fünfzig Jahren, dann sprechen; exemplarisch und als Paradigma anhand seiner physischen, psychischen. intellektuellen und literarischen Existenz. Das ist das Zeichen seiner Exilliteratur, in der Sprache des Exils: Das literarische Zeugnis vom Zerbrechen einer ursprünglich vorhandenen und gegebenen Einheit und Unverletztheit seines Persönlichkeits- und seines Weltbildes.

Noch einmal ein Blick zurück auf das Wien der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Es ist die Zeit des großen Umbruchs nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in der alle bisherigen Ordnungen sich aufgelöst hatten und keine tragfähigen Neuordnungen gefunden und aufgebaut werden konnten. Es ist ein Wien voller Flüchtlinge aus dem Osten, ein Wien voller Armut und Not, aber auch ein Wien, in dem neue solzialpolitische Ideen große Hoffnungen wecken, auch zu berechtigen. 1919 flüchten über 350.000 Menschen aus den ehemaligen Ost- und Südostgebieten nach Westen, darunter viele Juden. 25.000 Ostjuden, alle die Ärmsten der Armen, siedeln sich in Wien, in der Leopoldstadt, in der Mazzesinsel an; womit die Zahl der Juden in der Leopoldstadt auf über 60.000 ansteigt: Jeder zweite Leopoldstädter ist ein Jude. Insgesamt gibt es in Wien an die 120.000 Juden, jüdische Mitbürger, wie es seit dem Toleranzpatent Kaiser Joseph II. sprachamtlich heißt. Über 120 jüdische Vereine regeln das Alltagsleben der Juden in Wien. Das Ansteigen der jüdischen Bevölkerung steigert auch – provoziert durch die Hetzpropaganda der Deutschnationalen und der Christlichsozialen und durch gezielte antijüdische Aktionen wie die vom ,,Deutschösterreichischen Schutzverein Antisemitenbund“, der Progromaufrufe in der Leopoldstadt verteilt, den Antisemitismus unter der nicht-jüdischen Bevölkerung, sowohl in der Leopoldstadt als auch im gesamten Wien, sowie überhaupt in Österreich. Keine politische Partei, auch nicht die Sozialdemokraten, keine kirchlichen oder sonstige Organisationen treten offen und geschlossen gegen den aufflammenden Antisemitismus auf. Seit 1925 agieren Nazis und andere Völkische gemeinsam gegen die Juden. 1929 wird von ihnen das Café Produktenbörse überfallen, die Einrichtung wird zertrümmert, die Juden werden mit Gewalt bedroht. 1932 stürmen sie am jüdischen Neujahrsfest das provisorische jüdische Bethaus im Café Sperl in der Großen Sperlgasse und schlagen auf die Betenden mit Stahlruten ein (Ruth Beckermann in „Die Mazzesinsel“, Seite 20). Und die Menge schaut zu. Den Tätern passiert nichts. Es ist wie eine Generalprobe zur Reichskristallnacht am 9. November 1938, in der alle Synagogen und jüdischen Geschäfte zerstört und die jüdischen Mitbürger mißhandelt wurden; voll Zynismus, voll Verachtung, voll Haß, mit Gewalt.

Eine Anmerkung zum sozialen Hintergrund dieser Zeit, die nichts entschuldigt, sondern nur veranschaulichen soll, auf welchem Boden und vor welchem Hintergrund sich diese Ereignisse abspielen. 1925 gewinnen die italienischen Faschisten die Wahl mit 65% Mehrheit. Mit dem ,,Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse beginnt 1929 die Weltwirtschaftskrise mit der Folge einer ungeheuren Inflation in ganz Europa und ca. 30% Arbeitslosen und Ausgesteuerten in Deutschland und in Österreich. Zwischen 1929 und 1937 begehen allein in Wien 27.000 Menschen Selbstmord, weil ihnen ihre Lage unerträglich und ausweglos erscheint. Hoffnung für viele und die breite Masse ist der Kommunismus, ist auch die Sozialdemokratie, ist die nationale Bewegung, die 1934 in Österreich zur Diktatur, zum Bürgerkrieg, zum Ständestaat führt. Und vor allem die erstarkende die Nationalsozialistische Partei, die 1932 in Deutschland stimmenstärkste Partei wird, 1933 an die Macht kommt und mit Zustimmung des Reichstages zum ,,Ermächtigungsgesetz“ die Parteidiktatur der NSDAP mit ihren Organisationen einführt. 1938 kommt es zum Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich, unter dem frenetischen Jubel der Mehrheit der Österreicher. Darauf folgen sogleich die planmäßigen Verhaftungen und Deportationen in die Konzentrationslager, folgt die systematischen Judenverfolgung, folgt die Ermordungen der Juden sowie der Roma und Sinti und anderer Menschen im Holocaust. Insgesamt eine Ausrottung und Auslöschung von über sechs Millionen Menschenleben, was heute noch viele Zeitgenossen leugnen. Der Neonazismus erblüht zu neuem Leben. Und wird noch da und dort geschützt.

Zurück zu Brainin! Am 1. Juli 1938 verläßt Fritz Brainin, zum Exil gezwungen um den Preis, am Leben zu bleiben, seine Vaterstadt Wien, sein Heimatland Österreich, das aufgehört hatte, für ihn und für viele noch Heimat zu sein. Damit endete nicht nur ein Lebensabschnitt für ihn und seine so hoffnungsvoll begonnene literarische Karriere. Im Jahr 1929 war sein erster Gedichtband „Alltag“ erschienen, dem 1934 noch sein Gedichtband „Die eherne Lyra“ ,folgte, was seinen Namen nicht nur in literarischen Kreisen, sondern durch die Veröffentlichung seiner Gedichte in der Arbeiterzeitung auch einem breiteren Publikum bekannt machte, sodaß er 1936 seinen ersten und einzigen Literaturpreis, den „Julius-Reich-Preis“, zugesprochen erhielt. Die Emigration ins Exil war für ihn der Beginn eines zweiten Lebens, einer anderen Existenz, die – ein halbes Jahrhundert dauernd – mit seinem ersten Leben in Wien nichts mehr gemeinsam hatte, ihn von seinem eigenen Ursprung und auch von seiner ersten und eigentlichen Literatursprache für ein ganzes weiteres Leben trennte.

In dieser zwanghaften Vertreibung, in dieser erzwungenen Emigration, in diesem Begreifen des plötzlich Ausgesetzseins, des Vogelfreiseins, des Andersseins, des Nicht-mehr-Dazugehörens, des Mit-dem-Tode-Bedrohtseins, liegt der ganze gewaltige Schock, das Trauma seines Lebens, von dem er stigmatisiert wird und stigmatisiert bleibt, sein Leben lang. Sein weiteres literarisches Schaffen – in der ersten Zeit der Emigration schreibt er noch in seiner Muttersprache Deutsch, später, als aus der als vorübergehend gedachten Emigration längst ein lebenslanges Exil geworden war, schreibt er in Anglo-Amerikanisch – und die Sprache der Literatur erweisen sich nicht als die therapeutisch geeigneten Instrumente, diesem schweren Trauma beizukommen, es mit Hilfe der Literatur zu überwinden. Je länger die Emigration, das Exil dauert, insbesondere nach 1945, da vielleicht eine Rückkehr nach Österreich wieder möglich gewesen wäre, ihm aber nicht mehr möglich war oder möglich schien, ihm wie so vielen anderen Exilanten auch nicht möglich gemacht wurde, umso tiefer versinkt er in dieses Trauma, immer mehr wird er sein eigener Gefangener, immer mehr – und dies in ,,Schüben“ – erfolgt eine Deformierung und Destabilisierung seiner psychischen Existenz, was sich auch in seinem literarischen Schaffen abzeichnet. Immer größer und bedrohlicher wird die Brüchigkeit seiner inneren Lebensgrundlage, immer deutlicher und schmerzhafter, auch für ihn spürbar, ablesbar wiederum am Stil und Sprachgestus seiner Gedichte. Der äußere Zwang erzeugt inneren Zwang, Beklemmung. Zwangsreime und Klammernsetzung sind Zeichen dafür, nicht für einen literarischen Manierismus. Aus Brainin und seinen Gedichten spricht das Gefühl in der Sprache des Vertriebenen, des Entwurzelten, des Ausgestoßenen, des Heimatlosen, des Verbannten; eben genau die Sprache des Exils. Sich selbst als physische Person vermochte er zu retten, seine ursprüngliche Sprache nicht.

Weitere Stationen seines Lebensweges: Von 1939 bis 1942 arbeitet er als Kabelbote bei verschiedenen deutsch-amerikanischen Zeitungen. 1943 wird er zum amerikanischen Militär eingezogen, bewacht österreichische Kriegsgefangene. Eine schwere Krankheit, welcher Art geht aus keinen Aufzeichnungen hervor, bringt eine neue Krise, einen neuen „Schub“ an psychischer Destabilisation; bedingt sein Ausscheiden aus der Armee 1945. Die ersten Nachkriegsjahre verbringt er im Kiegsveteranen-Krankenhaus im New Yorker Stadtteil Bronx. 1949 heiratet er die gebürtige Russin Florence Priluk, 1959 kommt ihr Sohn Perry Isak zur Welt. Die Familie übersiedelt im gleichen Jahr in einen New Yorker Gemeindebau für Kriegsverletzte, Brainin arbeitet in den nächsten Jahrzehnten als Patentübersetzer im technischen Bereich und als Redakteur. Gleichzeitig schreibt er Gedichte und Prosa in englischer bzw. amerikanischer Sprache, übernimmt mit der neuen Sprache, die er als nunmehrige zweite Literatursprache für sich adaptiert, auch deren Sprachduktus und Sprachgestus, was sich später, als er wieder zum Deutschen als Literatursprache zurückkehrt, in einer Anhäufung von Amerikanismen und gängigen Kürzeln niederschlägt, ein literarisches Sprachgebilde erzeugt, das oft so sehr verklausuliert und mit Chiffren durchsetzt ist, daß der verschlüsselte Sinn und die Bedeutung oft nur mehr ,,Eingeweihten“ zugänglich ist. Fast so etwas wie eine reine Ich-Sprache, eine geheime Tagebuchsprache entsteht: die Exilsprache Frederick Brainins. Eine neue literarische Gattung, eine neue ,spezifische Form innerhalb der Lyrik scheint entstanden zu sein, eine die mit anderen Kriterien der Ästhetik und Formalkritik behandelt werden muß, als man sonst gewohnt ist und dies tut, und die sonst üblich sind in der Wissenschaftsmethode der Germanistik. Um die Literatur Frederick Brainins verstehen, beurteilen und bewerten zu können, muß man sein Leben, seinen Lebensbruch, sein Bruchleben verstehen, es richtig einordnen, auch wertschätzen, wenn man es würdigen will.

Äußerlich scheint in diesen dreißig Jahren, von 1950 bis 1980, alles soweit in Ordnung zu sein, soweit man mit solchen Beurteilungsbegriffen überhaupt operieren kann und darf. Ein zweites Leben scheint über das erste drübergelegt zu sein, es zu überdecken, die Wunden zu Verschleißen. So etwas wie eine künstlich-technische Stabilisierung scheint dem Leben Brainins Halt zu geben, es zu umschließen, vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren.

Bis der nächste große, schwere Schock kommt: Durch einen tragischen persönlichen Schicksalsschlag. Am 3.6.1981 wird sein Sohn Perry Isak von einem ,,faschistisch angehauchten“ (Thunecke) Puertorikaner, der Hitlers „Mein Kampf“ in einer Übersetzung ins Amerikanische gelesen hatte (Konstantin Kaiser), in seinem Studio in Brookly ermordet. Die Folge: Brainins Frau wird wahnsinnig, wird als unheilbar krank in eine Heilanstalt eingeliefert, verbleibt für immer dort. Das ist der dritte große Schock, nach dem ersten der Zwangsvertreibung aus Wien und dem zweiten nach seiner schweren Erkrankung, den er erleidet und der ihn wahrscheinlich an einer Rückkehr nach Österreich gehindert hat, sodaß er ein Exilant auf Lebenszeit geworden ist. Jetzt bricht auch die mühsam aufgebaute zweite Welt zusammen. Brainin ist wieder ein Zurückgebliebener, ein Ausgesetzter, zum zweiten Mal ein Heimatloser. So etwas wie ein inneres Exil beginnt für ihn. Er zieht sich zurück, in ein kleines Jungesellen-Apartment im 18. Stock eines modernen Hochhauses in New York (Thunecke). Er wird isoliert, isoliert sich selbst und vereinsamt.

Seine Gedichte, die er nun wieder in Deutsch schreibt oder die er aus dem Amerikanischen rückübersetzt, weisen jetzt nicht nur zwei verschiedene Sprachebenen auf, sondern auch zwei divergente Mitteilungsebenen. Immer wieder geschieht es, daß er neben der im Gedicht publizierten „offiziellen Mitteilung“, nun in Klammern gesetzt und angefügt, noch ,,private“ Anmerkungen dazugibt, ganz als wolle er irgendeinem Vertrauten, dem einzigen, den er noch hat, nämlich sich selber, oder einem unbekannten Leser, das geschilderte Geschehen auf einer ganz persönlicher Basis erläutern. Die Ich-Identität des Autors bricht auseinander in zwei verschiedene Worte-Verwender und Sprecher. Der Zweite interpretiert – und ironisierend, oft aus einem Gefühl der Bitterkeit heraus, ja der Verbitterung, und aus einer Haltung zwanghafter Vertraulichkeit die Aussage des literarischen Autors durch eine persönliche Aussage des privaten Ichs. Die künstliche, oft krampfhaft wirkende Distanz zum Geschehen und seiner Schilderung, die in den vorherigen Zeilen vom literarischen Ich des Autors aufgebaut werden, wird wie in einem verzweifelten und somit aussichtslosen Versuch des persönlichen Ichs des Autors zu einem letzten personalen Mitteilungsgespräch wieder aufgehoben und eliminiert. Die Brücke vom Ich zum Du, auch die im Gedicht, ist nicht mehr tragfähig, nicht mehr wirklich begehbar; das spürt auch Brainin.

,,Doch einmal im Herbstlicht (ihr Kinder werdet schon sehn!)
wann ihr stoppt für einen Alten wie mich,
da steh ich wartend (ihr drosselt und hupt zehn
Mal!) auf Godot wie ein dummes Viech,
das nichts von Geheimnis-Labors braucht zu verstehn:
Er stoppt, GANZ STOPP, bei der Verkehrskleeblatt-Kurv,
für mich allein, seinen Passagier….
Das Gridlock senkrecht hinauf durchbricht er für mich!
Er lächelt, und meint meinen Zeitmaschinen-Entwurf,
wir fliegen nach Viennas Hauptquartier.“

(VIENTIANE, LAOS; Vienna, Virginia, 2, S.110)

Im Herbst 1988 kommt Brainin wieder nach Wien, nur zu Besuch, um an der Zusammenstellung des Manuskriptes für sein nun vorliegendes Buch „Das siebte Wien“ zu arbeiten.

Was ist das für ein Wien, was ist das für ein Österreich, in das er, wenn auch nur für kurze Zeit, zurückkehrt? Welche Erfahrungen macht er hier, wie schlagen sie sich, wenn überhaupt, literarisch nieder? Wie wissen es nicht.

Im Herbst des gleichen Jahres, als er hier weilt, gibt es einen Vorfall, der keinen Aufschrei der breiten österreichischen Öffentlichkeit hervorruft, sondern nur zum Rücktritt des betreffenden, aber nicht betroffenen Parteifunktionärs als Parteisekretär der ehemals christlich-sozialen Partei führt. Dieser Politiker, ein Rechtsanwalt und Parlamentsabgeordneter zieht die Grenzen für politische und moralische Verantwortung im Zusammenhang mit dem Holocaust und dem damaligen Wehrmachtsoffizier und späteren Bundespräsidenten der Republik Österreich, Dr. Kurt Waldheim, etwa folgendermaßen: „Solange jemand nicht mit eigenen Händen sechs Juden erwürgt hat, kann man nicht von persönlicher Schuld sprechen.“ Das also ist es! Das ist die Lehre, die aus der Geschichte, um es so wertfrei und distanziert zu formulieren, in Österreich gezogen wurde und wird. Das ist das Ergebnis der nicht geleisteten ,,Trauerarbeit“, von deren Verpflichtung und Notwendigkeit -von Sühne sei ohnedies nicht gesprochen – ein in Österreich sehr bekannter Starkolumnist einer in jeder Hinsicht kleinformatigen Zeitung als einem unzumutbaren ,,Aberwitz“ und ,,Hirngespinst“ spricht. Und von einem ,,sogenannten Bedenkjahr“ im Jahre 1988 als einer – den erweiterten Bedeutungsradius im Wienerischen miteinbezogen – ,,absoluten Unnötigkeit“.

Ein weiterer Schock wird das für den amerikanischen Staatsbürger, den ehemaligen Wiener, den Wiener Juden, nicht mehr gewesen sein. Eine solche Haltung ist hier bereits wieder etwas Alltägliches, gehört zum politischen und gesellschaftlichen Alltag, wird protestlos akzeptiert.

Mit Erschütterung jedoch entnehme ich, daß in der vorliegenden Endfassung des druckreifen Manuskriptes bei den biographischen Angaben über Fritz/Frederick Brainin entgegen der vorherigen Fassung der Passus „geboren als Sohn jüdischer Eltern“ – wahrscheinlich auf Anordnung des Autors – gestrichen ist. Womit der letzte Faden zum ersten Wien durchgeschnitten, die letzte Spur zum ureigensten Ich von diesem Ich selbst zerstört worden ist. Es ist der letzte Versuch dieses Menschen, sein zweites Leben anzunehmen, auch um den letzten Preis der Verleugnung seiner Herkunft, seiner Identität. Ein Verzweiflungsakt, eine Art psychischen Suizid. Es ist die letzte Äußerung, die letzte Handlung des Exilanten. Es ist das Opfer eines Opfers. Es ist die Sprache des Exils. Diese mündet – in einem Akt des Verschweigens – nun endgültig ins Schweigen.

PS: Während der Zeit, da ich an diesem Essay schreibe, fahre einmal ich in einer Nachdenkpause mit dem Fahrrad zum Geburtshaus Brainins in der Lessinggasse Nummer 8 in der Leopoldstadt (2. Wiener Bezirk). Ich trete vor das Haus, hinein kann ich nicht, das Haus ist verschlossen. Ich sehe an der linken Ecke des Hauses im Parterre ein vergilbtes, vielleicht mit einem Messer oder einer Rasierklinge in der Form eines Judensternes zerschnittenes Plakat, vermutlich vor langer Zeit, zur Zeit des Wahlkampfes, der mit der Wahl des früheren Deutschen Wehrmachtsoffiziers und späteren UNO-Generalsekretärs Dr. Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten der Republik Österreich endete, von einer linken Organisation achiffiert. Die Headline des Plakates lautet: „Das hat Österreich nicht nötig!“ Darunter angeführt sind die persönlichen Bekenntnisaussprüche des österreichischen Gerichtspsychiaters, des Arztes und ehemaligen Parlamentariers Dr. Scrinzi, des früheren SA-Sturmbannführers, den die NDP (Nationaldemokratische Partei) als Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl unserer Republik Österreich aufgestellt hatte, unterstützt von vielen öste


Kategorie: Lyrik
Verlag: Verlag für Gesellschaftskritik, 1989 (Antifaschistische Literatur und Exilliteratur) Wien

Bündel – Budzo

Heimatlosigkeit

In zerrissenen Kleidern und schmutzigen Hosen
ziehe ich schon tausend Jahre durch die Welt…

„Budžo/Bündel“ heißt der in Deutsch und Romanes erschienene Gedichtband des serbisch-österreichischen Roma-Dichters Ilija Jovanović. Dieser, 1950 in Rumska in der Nähe von Belgrad geboren, lebt seit dreißig Jahren in Wien; in der Fremde, wie aus seinen Gedichten hervorgeht. Denn die Heimatlosigkeit ist das Thema seiner Gedichte, sowohl die persönliche als auch die seines Volkes, das seit Jahrhunderten fern der angestammten Heimat Indien durch viele Länder Europas und der übrigen Welt zieht; wo sich die „Zigeuner“ zeitweilig auch niedergelassen haben, dann wieder verfolgt und vertrieben oder zwangsassimiliert wurden, und ein Großteil schließlich auch der NS-Rassenideologie zum Opfer gefallen ist. Mehr als eine halbe Million Roma und Sinti wurden ermordet, kamen in den Konzentrationslagern um.

Immer ist das Bündel gepackt als Zeichen der ständigen Bereitschaft zum Aufbruch; in der Gewißheit der gemachten Erfahrung, nirgendwo willkommen, höchstens für eine begrenzte Zeit geduldet zu sein; und dann auch nur als ein Außenseiter, manchmal auch als ein Ausgestoßener. Unauslöschlich die Sehnsucht nach „einem fernen Ort, wo Menschen einander lieben…sich im Anderen suchen und finden“, wie es im Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Suche nach Frieden“ heißt. „Wir sind stets an Händen und Füßen gebunden“ – das ist die dichterische Metapher für Gefangenschaft, für ein Leben ohne Entfaltung und Entwicklungsmöglichkeit in einem identitätslosen, kulturlosen Getto mitten in unserer konsumorientierten Zivilisationsgesellschaft, an der „Zigeuner“ stranden und oft auch zerbrechen. „Wie ein Getreidekorn bin ich zwischen Mühlsteine geraten“ bekennt Jovanović.

Gott und die Liebe sind fern; unerreichbar. Das Erleben des Ausgestoßenseins wird zum Grundgefühl der eigenen Existenz. Ausweglosigkeit. Hoffnungslosigkeit. Dazwischen das Leben; zerrieben zwischen diesen beiden Mühlsteinen. Todesgedanken flackern auf, Todessehnsucht wird spürbar; vorallem in der Zeit, da auch die Natur abstirbt. „Der Herbst läßt Trauerfahnen über uns wegen. Der Tod freut sich…Alles, was mir lieb und teuer, ist von der Farbe des Todes befallen.“ Das ist kein psychopathologischer Ich-Befund. Hier geht es um mehr. Das individuelle Schicksal ist stets untrennbar mit dem seines Volkes verbunden. Von dorther leitet sich das individuelle existenzielle Grundgefühl ab. Und er kommt zu folgendem Resümee: „Verstummt sind wir. Zerstört ist unsere Welt, wir sind am Ende…Wir wissen nicht mehr, wohin.“ Aus der Sicht der unauflösbaren Ich-Zugehörigkeit zu seinem Volk lokalisiert er seine Existenz mit folgenden Worten: „Ich habe keine Heimat. Jahrhunderte lang schon habe ich keine. Armut, Hunger und Gewalt treiben mich von Ort zu Ort. Ich habe nichts, außer dem Wind im Rücken und das Grab vor mir.“ Nur die Liebe könnte retten; aber sie zerbricht oder bleibt in der Ferne – unerreichbar, unerreicht.

Das sind Gedichte als Lebensäußerung eines in Österreich lebenden „Zigeuners“ – jenseits aller operettenhaften „Zigeunerbaron“-Schablone mit ihrer diskriminierender Verlogenheit. Denn so „lustig ist das Zigeunerleben“ weder hier noch dort. Davon zeugt dieser Aufschrei einer verwundeten Seele, eines gequälten Menschen, der auch Zeugnis gibt für sein Volk.

Ilija Jovanovic 1950-2010
Nachruf von Peter Paul Wiplinger

Magazintext | erschienen in Wienzeile 59

Ein bedeutender, aber weithin unbekannter Dichter ist tot: der serbisch-österreichische Roma-Dichter Ilija Jovanovic. Verfasser von zwei Gedichtbänden: „Budzo / das Bündel“ (EYE Literaturverlag, 2000) und „Dromese rigatar / Vom Wegrand“ (Drava Verlag, 2006).

Keines der beiden Bücher hat mehr als 100 Seiten zweisprachiger Lyrik. Und doch ist in den Gedichten dieser beiden Bücher das ganze Leben des Dichters Ilija Jovanovic erfaßt, festgehalten und ausgedrückt: Die unerfüllte Sehnsucht des heimatlosen Rom Ilija Jovanovic nach dem, was es für ihn nie gegeben hat: Heimat. Dokumentation des ausgesetzten Einzelnen als Paradigma für sein Volk; das Volk – ich sage es jetzt bewußt so – der Zigeuner. Das Heimatlossein im Ausgesetztsein, in einem Grenzland, nein mehr noch, in einem Land jenseits der sie oftmals umgebenden luxuriösen und umso brutaleren „Zivilisation“. Und die Beschimpfung als „dreckiger Zigeuner“, „Asozialer“, als „Gesindel. Man siedelt sie aus, an den Rand der Städte und Orte; man treibt sie wieder zurück in ihre Herkunftsländer. Die Juden wollte man als menschliche Lösung einmal nach Madagaskar oder Uganda aussiedelten, sie landeten aber dann im Gas von Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen und anderswo; ebenso die Zigeuner. Aber „das ist längst vorbei“, sagen die Kultivierten, die Zivilisierten. So denken die Mächtigen, die Politiker; sagen: „Wir haben ein Roma-Problem!“. Und schicken die Menschen mit ihren Bündeln irgendwohin wieder zurück; in ihre „Heimat“, in ihr „Herkunftsland“; in ihr Elend, in ihre Chancenlosigkeit, in ihr Verstoßensein, in ihre Würdelosigkeit, in ihr „Zigeunersein“.

Das ist die Wahrheit und zugleich die Realität. Und das war in meinem Freund Ilija, das hat auch er erfahren, erlebt, durchlitten, aufgezeichnet, literarisch festgehalten. Das hat ihn in seiner Grundstimmung so traurig, so voller Wehmut und Melancholie gemacht, die ihn oft niederdrückte. Das hat ihm als lebenslange Begleiterscheinung neben seiner Krankheit so früh das Leben gekostet.

„Vom Landarbeiter zum Dichter“. So könnte man seinen Lebensweg betiteln. Geboren wurde Ilija Jovanovic am 25. Februar 1950 in Rumska nahe Belgrad in Serbien, als einziges Kind einer sehr armen Roma-Familie. Schon als Kind arbeitete er als Erntehelfer und dann überhaupt in der Landwirtschaft. Diese Kindheitsprägung findet sich Jahrzehnte später spurenhaft in seinen Gedichten wieder. Das reifende Korn, die schwarze Erde, der Gesang der Vögel u.a. sind immer wiederkehrende Metaphern in seinen Gedichten. Er besuchte in Rumska einige Klassen der Grund- und anschließend sogar die Hauptschule. Also war sein Bildungsstreben bereits damals vorhanden. Dann der Pflicht-Militärdienst in der Jugoslawischen Volksarmee. Tito-Patriotismuskult und Geschundensein; jahrelang, irgendwo. Vielleicht trieb ihn das schon damals in seine innere Emigration. Mit 20 Jahren hatte er bereits eine Familie mit drei Kindern. Einfach nur üblich bei einer Zigeunerfamilie; oder glaubte er, die Familie sei seine Rettung, ein Ort der Geborgenheit, den er nie und nirgendwo, auch nicht in seiner eigenen Familie, gefunden hat? 1971 erfolgte seine Übersiedlung nach Wien. Die Frau kommt später nach. Die Kinder bleiben bei den Großeltern. Er hofft, sich eine „anständige Existenz“ aufbauen und der Armut entrinnen zu können? Ilija arbeitet zuerst zwei Jahre lang in einer Metallfabrik und anschließend 25 Jahre als Apothekengehilfe in den Wiener Spitälern AKH und Rudolfstiftung. Das Medikamentendepot lag im Keller. Ich fragte ihn einmal, ob das nicht unerträglich sei, jahrzehntelang die meiste Zeit kein Tageslicht zu sehen und unter der Erde zu leben. Er antwortete darauf: „Nein, das ist für mich richtig, dort gehöre ich hin, dort bin ich ja: unter der Erde.“

Schon früh (1975) begann Ilija, der in Wien in einer Abendschule seinen Hauptschulabschluß gemacht hatte, sich mit Literatur zu beschäftigen; in drei Sprachen: in Romanes, Serbisch und Deutsch. Er las viel. Er liebte das Lesen, die Literatur. Dann begann er, selbst zu schreiben. Er wandte sich von Anfang an der Lyrik zu, machte eigene Gedichte, tat dies auch mit Erfolg. Bald schon kam es zu Publikationen, sogar zur Auszeichnung eines Gedichtes von ihm, später zu Buchpublikationen und Lesungen, zu Stipendien und Preisen (Theodor-Körner-Preis 2000, Exil-Lyrik-Preis 2010). Im Jahr 2008 erhielt er das Bundes-Ehrenzeichen für Verdienste um den interkulturellen Gedichte.
Und: „Wir gehen und gehen /
wissen nicht, /
wie lange und wohin“ in einem
anderen.
Bezeichnend und erschütternd zugleich die Aussage:
„Ich habe keine Heimat /
…ich habe nichts, /
außer den Wind im Rücken /
und das Grab / vor mir.“
Ilija war aber auch ein Glaubender und Hoffender, der sowohl an den ihn erlösenden Gott als auch an die Möglichkeit des Menschen zur Humanität glaubte. Beides gab ihm Halt und in beidem stellte er sich selbst doch zugleich immer wieder in Frage. Ilija war ein Suchender; manches fand er mit und in seinen Gedichten, in seinem Dichten. Er war aber vor allem ein Liebender, einer der liebte und gleichzeitig in diesem Lieben litt.

„Ich liebe die Liebe / weiß aber nicht, / was das ist…“
So sein Bekenntnis.

Wir haben ihn am 7. Dezember zu Grabe getragen, am Wiener Zentralfriedhof wurde er in die Erde gebettet; in die Erde, in der er ein Leben lang verwurzelt war. Kalt war es und weiß verschneit war alles rundum. Ilija hat das Grün geliebt, das Grün der Wiesen und Wälder; und das wogende Korn. Er hat seine Kindheit geliebt, die Erinnerung daran. Ein Kreis hat sich nun geschlossen mit und in seinem Tod. Hinterlassen hat er uns seine Gedichte; in denen wir ihn wiederfinden können, weil er in ihnen lebt.

Wien, 7.-10. Dezember 2010


Kategorie: Lyrik
Verlag: EYE-Verlag Landeck in Tirol

Was am Anfang aller Dinge geschah

Sakin Kale wurde von Schriftstellern der europäischen wie von der orientalischen Klassik inspiriert. Er empfindet Schreiben als eine Liebeserklärung an seinen Leser und lädt diesen ein, Teil seiner Gedankenwelt zu werden.

Dazu stellt der Autor in seiner ersten Arbeitsprobe Lyrik und Prosa zusammen, die bunt gefächert über Liebe und Leid, Freude und Kummer, Krieg und Frieden, Sehnsucht und Zufriedenheit erzählen. Er folgt dabei dem Gedanken von Goethe, der im »Faust 1« den Theaterdirektor sagen lässt: »Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.«

Bereits das titelgebende Gedicht macht Sakes Weltsicht deutlich. Denn als der Mensch begann, die Gesetze der Natur zu brechen, erhob er sich selbst zum Schöpfer und damit zum Zerstörer der Welten, in die ihn ein Schöpfer vor Jahrmilliarden sezte.

In »Erzengel Gabriel« lässt der Autor den Engel der Verkündigung berichten, was am Anfang aller Dinge geschah und wie es zum Sündenfall und damit zum Bösen auf Erden kam.

Ausklang des Bandes sind Kurzgeschichten sowie einige Gedichte auf Türkisch, der Muttersprache des Autors.

Großartig ist das Titelbild des Buches, das von dem chinesischen Illustrator Wie Chen stammt und ein von Kolibris umschwärmtes lesendes Mädchen zeigt.

Insgesamt ist das vorliegende Werk eine beachtenswerte Probe eines heranwachsenden Talents, das Anerkennung verdient.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Kindle Edition

Der andere Frühling

Ein hochwertig gearbeitetes Hardcover, das mir der glückliche Zufall in die Hände spielte, kündigt einen lyrisch-musikalischen Spaziergang durch Riddagshausen an. – Riddagshausen? – Wikipedia, ohne dessen Hilfestellung ich verloren wäre, weiß, dass es sich um ein historisch gewachsenes Naturschutzgebiet im Osten von Braunschweig handelt, dessen Kern ein altes Teichgebiet bildet.
Hier spaziert der Autor also offensichtlich gern; hier fotografiert und verdichtet er im wahrsten Wortsinn seine Eindrücke in Gedichte nach klassischem Versmaß. Zwölf Lieder sind auf diese Weise entstanden. 43 vollfarbige Fotos illustrieren großzügig die Texte und verstärken sie damit in ihrer Wirkung.
Thematisch geht es um die Erwartung des Menschen nach dem Licht, das auf die kalte Zeit folgt. Der Autor spiegelt die Hoffnung auf die Befreiung von eisigen Fesseln wie die Sehnsucht nach Ablösung von winterlichem Trübsinn und Schwermut durch des Frühlings farbenversprühenden Frohsinn. Er beschreibt den Aufbruch der Natur in neues Leben als Aufforderung an den Menschen, sich aufzurichten und neue Wege einzuschlagen.
Die Sammlung beginnt mit dem Klanggedicht »Winterüberdruss«, einem klassisch gearbeiteten Sonett mit 14 metrisch gesetzten Zeilen. Diese Gedichtform beherrscht Eberhard Kleinschmidt formvollendet, wie er bereits mit seinem Band »Stationen – Sonette um Freundschaft und Liebe – Ein Zyklus« bewiesen hat.
Kleinschmidts lyrischer Bilderbogen ist insgesamt klangbetont gearbeitet und in unterschiedliche Reimschemata gefasst. Der Dichter verwendet als Versilbungsprinzip konsequent Endreime, die mal männlich stumpf, mal weiblich klingend, mal dreisilbrig reich auftreten.
Einen Höhepunkt des Buches bildet die Ballade »Der neue Pygmalion«. Hier schildert der Autor die Kraftlosigkeit des sagenhaften Bildhauers, der verzweifelt am Boden liegt, als sich ein Fenster öffnet und der hereinströmende Frühling ihn und seine Leidenschaft neu erweckt. Pygmalion schafft aus einem Marmorblock eine Traumgestalt, die ihm den knospenden Frühling verkörpert und die durch die Macht der Götter schließlich zum Leben erweckt wird.
Dieser ursprüngliche auf Ovid basierende Stoff wurde von George Bernard Shaw zu einer Komödie verarbeitet, die wiederum Grundlage für das Broadway-Musical »My Fair Lady« war. Damit schließt sich der Bogen zum Lied »Es grünt so grün …« und Klavierimprovisationen, mit denen Peer Kleinschmidt auf einer beiliegenden CD die Texte rahmt und klangmalerisch nachzeichnet. Auf der CD werden die zwölf Gedichttexte vom Autor selbst vorgetragen, der sich in der gelungenen Vater-Sohn-Präsentation auch nach als Rezitator profiliert.
So entstand im Ergebnis ein kleines Gesamtkunstwerk, das Freunden klassischer Dichtkunst Anregung und Freude beschert.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Unbekannter Verlag

Sturm und Tang

55 Reisegedichte liefern zwei Autoren, die unterschiedlicher nicht sein können und dennoch freundschaftlich verbunden sind. Elsemarie Maletzke ist Journalistin und ausgesprochen reisefreudig. Christian Golusda hingegen bleibt lieber auf dem Boden seiner angestammten Heimat und schaut sich dort um.

Im lyrischen Wechselgesang der beiden Dichter werden verschiedene Gedichtformen angewandt. Vom Haiku über den Limerick bis hin zum Sonett ist alles dabei.

Keine große Literatur, aber ein unterhaltsamer Spaß für jeden, der sich an Gereimtem und Ungereimtem erfreuen kann.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Weissbooks Frankfurt am Main

Stationen

Wer von Sonetten spricht, der denkt an Shakespeare. Seine Klanggedichte mit jeweils 14 Zeilen in fester Metrik erschienen erstmals 1609, also vor mehr als 400 Jahren.

William Shakespeare, über dessen wahre Identität sich die Forschung leidenschaftlich streitet, gilt als der König des Sonetts »in jambischen Pentameter mit weiblicher oder männlicher Kadenz«, um es literaturwissenschaftlich exakt auszudrücken. Der Dichter des elisabethanischen Zeitalters hat 154 dieser fragilen Blüten erschaffen und damit einen Höhepunkt der englischen Renaissance und ihrer Widerspiegelung in Literatur und Dramatik inszeniert.

Shakespeare wendet sich an einen »fair boy« und eine »dark lady« als scheinbar homoerotische Geliebte. Er appelliert an den jungen Mann, einen schönen Nachkommen zu erzeugen, um damit unsterblich zu werden. (»Im Vers zwingst du die Sterblichkeit. / Solang ein Mensch noch atmet, Augen sehn, / Solang dies steht, solang wirst du bestehn.«) Er spricht über das Altern, die Eifersucht, das Alleinsein, die Furcht vor Liebesverlust, aber auch über Tod, Tugend, Redlichkeit und die Dummheit der Welt.

Mit Shakespeares Sonetten verbindet mich eine persönliche Leidenschaft. Die Texte wurden nämlich unter anderem von Martin Flörchinger ins Deutsche übertragen. DDR-Nationalpreisträger Flörchinger spielte unter Langhoff ab 1953 im »Deutschen Theater« und ab 1956 im BE. Seine Übertragung der als unübersetzbar geltenden Sonette Shakespeares durfte ich betreuen und herausgeben. Sein Buch unter dem Titel »Und Narren urteil\’n über echtes Können« ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Umso erfreulicher ist es, dass sich der promovierte Germanist Eberhard Kleinschmidt dem Gedicht nach klassischem Vorbild angenommen hat. Seine »Stationen« genannten 154 Sonette behandeln ebenso wie bei Altmeister Shakespeare den Themenkomplex Freundschaft und Liebe. Der Autor versucht, die bei Shakespeare abgebildete Geschichte »neu-gewandet« als neues »Beispiel für des Lebens Spiel« (Prolog) »dem Vorbild nah, bald fern, bald von ihm abgekehrt« (Epilog) nachzuzeichnen. In Form einer Art Visionssuche (Aufstieg auf den Berg, Verweilen, Abstieg) ist das lyrische Ich der Dichter-Figur auf der Suche nach sich selbst und seiner Freundschafts- und Liebesbeziehung.

Kleinschmidt reflektiert in seiner Lyrik das eigene Sein und sein fortwährendes Tasten, Suchen, Spüren und Finden. Seine Versen sprechen vom Wandel der Gestalten, vom immerwährenden Kampf um das Entfachen von Liebe, Zuneigung und Nähe. Der Dichter begreift das Leben als wechselhaftes Spiel, das ihn mit seinen sowohl ernsten wie heiteren Seiten immer wieder neu gefangen nimmt. So nähert er sich gedanklich dem Vorbild Shakespeare und schließt den Bogen.

»Stationen« ist eine filigran gewirktes Werk, das gefangen nehmen kann, so man sich darauf einlässt.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Döring Braunschweig

Sieben wilde Tage hab ich dir geschenkt

Mit den elegischen Texten, die sie in diesem kurzen Lyrik-Prosa-Mix versammelt, spannt Elsa Rieger einen weiten Bogen von der Kindheit ins Altwerden.

Der Titel des Bandes „Sieben wilde Tage hab ich dir geschenkt“ spielt auf die ungezügelte Jugend der Dichterin an, in der Jim Morrison und die „Doors“ den Mond von Alabama besangen und den Weg zum nächsten Whiskey und dem nächsten Mädchen suchten.

Jahrzehnte später sind die wilden Geschichten Vergangenheit. Liebesangelegenheiten, die einst tief erschütterten, sind zum Hauch verblasst. Die Zeit wird knapp. Jedes Aufbrezeln gegen die zunehmende Geschlechtslosigkeit ist sinnlos geworden, wenngleich der Geist im tiefsten Inneren siebzehn, vielleicht achtzehn, höchstens zwanzig Lenze jung denkt. Aus einem jungen Ding ist eine ältere Dame geworden, deren Räume mit Erinnerungen und Vergangenem so verstopft sind, dass ihre Türen klemmen.

Elsa Riegers Texte sind voll Schwermut. Wehmütig beschreibt sie die zerrinnende Zeit, die immer wieder in Bildern aufsteigt und innere Saiten zum Klingen bringen.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Kindle Edition

Durch ein Jahrhundert geweht

Elf Gedichte hat Elsa Rieger versammelt, die sie zum Familienbuch anordnet. Beginnend anno 1909 mit ihrer Großmutter, einer Gutsverwaltertochter aus dem Lande Rübezahls, ordnet sie anhand von markanten Jahreszahlen lyrische Blitzlichter.

Die Autorin erzählt von der wilden Zwanziger Jahren, in denen ihre Mutter aufwuchs, die dann 1939 dem zweiten Weltkrieg ins Auge blicken musste. Der endete für sie mit dem Einzug der russischen Befreier in Wien und der großen Lüge, auch nur einer habe für den Gröfaz aus Österreich den Arm ausgestreckt.

Zwischen „Heil“ und „Shalom“ erblickte die Autorin 1950 selbst das Licht der Welt, halb jüdisch, halb arisch. Mit 16 sieht sie in Gestalt von Jimi Hendrix die vermeintlich große Freiheit, um dann in den Iden des März 1974 ein Kind des Rock´n´Roll zur Welt zu bringen.

1985 stirbt der Papa – nur seine Brille erinnert noch an ihn. Fünf Jahre später hat sich der gewaltsam geteilte Himmel wieder geschlossen. Berlin tanzt auf den Resten der Mauer, und es beginnt eine vermeintlich bessere Zeit.

1999 zieht die Autorin ein Resümee ihrer Betrachtung von Großmutter, Mutter und Tochter: Drei Frauen haben sich behauptet. Mit einem Lächeln schaut die Dichterin zurück.

Elsa Rieger ist mit ihrem kleinen, nachdenklich stimmenden Gedichtband Großes angegangen. Wo andere Autoren ein dreibändiges Prosawerk schreiben, um Familiengeschichte generationenübergreifend schildern zu können, greift sie auf die gebundene, rhythmische Sprache zurück und belichtet Momentaufnahmen. – Ein interessantes Experiment!


Kategorie: Lyrik
Verlag: Kindle Edition