Brünn. 7 Routen durch die Hauptstadt Mährens

Brünn: Die mährische Metropole
Brünn: Die mährische Metropole

Brünn: Die mährische Metropole

Brünn: Die zweitgrößte Stadt der Tschechischen Republik ist nur eineinhalb Stunden von Wien entfernt und kann deswegen auch als Tagesausflug besucht werden. Ein Besuch der mährischen Metropole wird sich in jedem Fall lohnen, denn Brünn hat nicht nur eine historische Altstadt und eine Burg zu bieten, sondern auch die Villen der 1920er und 19 30er Jahre und ein – laut der Autorin – bemerkenswertes Messegelände. Als „Zentrum der zeitgenössischen Architektur“ wird Brünn, die schöne Nachbarin, in diesem Falter City Walks den LeserInnen in sieben Spaziergängerrouten zugänglich gemacht. Natürlich gibt es auch Tipps für Nachtschwärmer, denn Brünn ist eine lebendige, junge Stadt mit rund 40.000 StudentInnen.

Brünn: kulturelles Angebot

Auf den Spuren von Robert Musil, Gregor Mendel, Leoŝ Janáĉek, Adolf Loos u.v.a.m. zeigt uns Irene Hanappi ihr Brünn. Barock und Gotik, anspruchsvolle moderne Architektur, schummrige Bierkeller, schöne Badeanstalten, viele Parks und Grünflächen, ein Zoo, ein botanischer Garten und neue Museen wie etwa eines zur Kultur und Lebensweise der Roma sind in Brünn zu finden. Innerhalb eines Rings – ähnlich wie in Wien – befindet sich die historische Altstadt, die sehr von der gemeinsamen Vergangenheit in der kakanischen Monarchie geprägt ist. Auch der Schöpfer des Ausdrucks, „Kakanien“ für die österreichisch-ungarische Monarchie, lebte zwischen 1897 und 1900 als Student in Brünn. Auf einem Durchmesser von 12 Kilometern finden 380.000 EinwohnerInnen Platz. Zehn Prozent davon sind StudentInnen und wer weiß, viellicht ist auch wieder ein Musil dabei. Sechs Hochschulen und eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte Tschechiens sorgen für ein ausgehfreudiges Publikum, das die vielen Kneipen und Bierkeller, Theater und Musikkeller abends füllt.

City Tipps von Insiderin

Die Zeittafel in vorliegender Publikation weist auf eine Geschichte hin, die bis ins Jahr 870 zurückreicht. Lokale Stadtpläne, auf denen die einzelnen Routen eingezeichnet sind, sorgen für eine gute Orientierung, da auch die Sehenswürdigkeiten, die auf der Route beschrieben werden, im Plan mit einem Sternchen eingezeichnet sind. Überrascht wird man etwa durch das Air Café unter dem Dach des Naturkundemuseums, dem Palais Dietrichstein, das für Nachtschwärmer fixer Bestandteil eines Ausgehabends ist. Das Café ist eine Hommage an die tschechischen Piloten, die bei der Royal Air Force ihren Dienst versahen. Originelles Fliegerdekor, Rum und englische Möbel sorgen für gediegene Atmosphäre für ein durchgehend junges Publikum. Auch ein Gastgarten wird auf der ersten Tour durch Brünn entdeckt: L’Eau vive ist ein wirkliches Idyall an der ehemaligen Stadtmauer. Auf Tour 2 geht es zur hippen Szene und der Historismus wird beleuchtet, Tour 3 zeigt die Gartenstadt Brünn, auf der auch die Villa Tugendhat besucht wird, in Tour 4 geht es um Musil und Mohnparfait und Tour 5 zeigt die Villen der weißen Moderne. Tour 6 besucht das Messegelände, das vom Prager Architekten Josef Kalous 1926 entworfen und 1928 schon fertiggestellt worden war, und Tour 7 führt durch die Freuden der Nacht: Best of Brno-Nightlife. Im gelben Anhang finden sich weitere wertvolle Informationen und praktische Tipps sowie ein Register. Mit Planskizzen, vielen Farbfotos, Tipps und Adressen fürs Einkaufen und Einkehren.

Die Autorin, die Slawistik und Romanistik studierte, arbeitet als Journalistin und Redakteurin sowie Buchautorin in Wien. Obwohl sie für namhafte Zeitungen auch schon in der ehemaligen Sowjetunion unterwegs war, hat sie sich in ihrer Publikationstätigkeit in den letzten Jahren mehr auf die Region Mittel- und Osteuropa konzentriert. In der Reihe Falter City Walks sind von ihr auch die Reiseführer „Bratislava“, „Linz“ und „Prag“ erschienen.

Irene Hanappi
Brünn. 7 Routen durch die Hauptstadt Mährens. Geschichte, Kultur, Sightseeing, Essen und Trinken
EAN: 9783854396031
2017, Falter Verlag, 136 Seiten
Reihe: City-Walks


Kategorie: Reiseführer, Reportagen
Verlag: Falter

Maya. Das Rätsel der Königsstädte

Rätsel der Königsstädte
Rätsel der Königsstädte

Rätsel der Königsstädte

Nach Ausstellungen zum persischen Weltreich, den Samurai und Ägyptens Schätzen hat das Historische Museum der Pfalz Speyer wieder ein internationales Thema für seine heiligen Hallen auserkoren, das sich mit der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt und Natur auseinandersetzt. In Zusammenarbeit und mit Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz und dem Ministro de Cultura y Deportes Guatemala konnten wertvolle Leihgaben finanziert werden. Die Ausstellung sowie die vorliegende Publikation beschäftigen sich mit den Maya, die bis ins 9. Jahrhundert im Regenwald Zentralamerikas eine städtische Zivilisation bewohnten, die ihresgleichen sucht. Für rund 2000 Jahre bestand eine Maya-Kultur, die auf bis heute ungeklärte Ursachen danach plötzlich wieder verschwand, da die Maya ihre Städte verließen. Vermutet werden ununterbrochene kriegerische Auseinandersetzungen, eine Klimaveränderung mit extremen Trockenperioden und natürlich die Invasion der Spanier. Aber dennoch konnten sich viele Maya-Gemeinschaften noch lange erhalten, wie auch der vorliegende Band eindrücklich nachweist.

Hochkultur im 5-Länder-Eck

Die Kultur der Maya ist wohl auch deswegen erst so spät in das Bewusstsein des Abendlandes vorgedrungen, weil die Maya im tiefsten Herzen des Regenwaldes lebten und anders als die Kultur der Azteken in Zentralmexiko oder der Inka in den Andenländern Südamerikas dadurch schwerer zu erreichen waren. „Die Grüne Hölle“ – der Regenwald – war für die Maya ein Paradies der Artenvielfalt, das sich über Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador erstreckte. Ab etwa 1000 v. Chr. wurden die Menschen dort sesshaft und es entstanden die ersten Kulturbauten unter der Fußböden die Verwandten bestattet wurden. In der Präklassik entwickelten die Maya dann auch einen Kalender und eine Hieroglyphenschrift. Bauwerke hatten damals die Höhe von 20 Metern erreicht, später erreichte etwa die Danta-Pyramide von El Mirador sogar 72 Meter. Sie steht auf einem Sockel von 500 mal 350 Meter.

K’uh: Gesamtheit alles Heiligen

Eine Chronologie verschafft einen guten Überblick über die gesamte Geschichte der Mayas. Im ersten Kapitel werden dann die Städte im Regenwald näher unter die Lupe genommen sowie kulturelle Artefakte abgebildet und beschrieben. Die digitale Rekonstruktion der Maya-Welt extra für die Ausstellung wird aufschlussreich erklärt sowie durch Karten und Fotos ergänzt. Die Maya hatten zum Beispiel auch schon ein ausgeklügeltes System der Wasserversorgung durch Kanäle und Reservoirs – z.B. in Yucatan gibt es keinen Fluss – und auch ihre Gesellschaftsstruktur war komplex. Mit Hilfe von durch Ausgrabungen gefundenen Figurinen (Figuren aus Keramik), die teilweise schon 2000 Jahre alt sind, können die Archäologen und anderen Wissenschaftler die Kultur der Maya erklären. Viele dieser Figurinen (ca. 225) werden in vorliegendem reich bebilderten Prachtband des Hirmerverlages auch gezeigt und ausführlich beschrieben, quasi inventarisiert, sodass ein verblüffend authentischer Eindruck von der damaligen kulturellen Größe entsteht. Besonders beeindruckend ist etwa auch ein Jadefischchen aus dem Tiefland Guatemalas oder der Gott L., Chef der Unterwelt, der schon Zigarre (!) raucht. Es gab aber auch einen Mais- und Kakaogott und K’uh, die Gesamtheit alles Heiligen und aller Götter. Faszinierend sind auch die astronomischen Berechnungen der Maya, die zum Beispiel auch schon den Planeten Saturn miteinschlossen.

Nikolai Grube (Hg.) Historisches Museum der Pfalz Speyer
Maya. Das Rätsel der Königsstädte
Hirmer Verlag
320 Seiten, Format 24,6 x 3,3 x 28,4 cm
ISBN-13: 978-3777426037

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Kategorie: Dokumentation, Kulturgeschichte, Reportagen, Volkskunde und Brauchtum
Verlag: Hirmer

Romy Schneider – Film für Film

romy

romyRomy Schneider Film für Film: 63 Filme hat die im Alter von nur 44 Jahren verstorbene Romy Schneider in ihrem kurzen Leben gedreht. Die Liste der berühmten Regisseure (Luchino Visconti, Orson Welles, Andrzej Zulawski und immer wieder Claude Sautet, u.v.a.m.) mit denen sie zusammengearbeitet hat ist lang, auch die ihrer Filmpartner und berühmten Kollegen, obwohl sie wohl am liebsten mit Alain Delon gedreht hat. Der vorliegende prächtige Bildband zeichnet die Karriere der Femme fatale Film für Film noch und kann so wie ein Lexikon benutzt werden für Filmfreaks und Romy-Fans ebenso wie für einfache Cineasten. Isabelle Giordano zeichnet in ihren Film-Rezensionen, die reich illustriert sind, ein intimes Porträt der Schauspielerin und des Menschen Romy Schneider. Vor allem soll aber eine selbstbewusste Frau gezeigt werden, die zum Symbol ihrer Zeit wurde, denn sie prägte nicht nur das Bild von Generationen, sondern wurde auch zum Vorbild für die heranwachsende neue Generation von Frauen.

Chronologie Romy Schneider Film für Film

Chronologisch nach den Jahrzehnten ihres Wirkens geordnet beginnt die Zusammenstellung mit einem Film aus den Fünfzigern „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ und endet mit „Der Spaziergängerin von Sans-Souci“, ihrem letzten Film. Dazwischen liegen weitere 61 Filme, die sich mit unterschiedlichen Thematiken beschäftigen. Von den „Mädchenjahren einer Königin“ einmal abgesehen, stammt auch der verstörende Thriller „Nur die Sonne war Zeuge“ noch aus diesem ersten Jahrzehnt von Romys Schaffen. Spätestens ab den Sechzigern habe Romy Schneider die moderne Frau verkörpert, schreibt Giordano, die „sich befreien und ihr Schicksal selbst bestimmen wollten“. Ihre Persönlichkeit stehe für „eine Epoche, eine Generation und, noch tiefer reichend, für eine leidenschaftliche Suche nach Freiheit, einen Durst nach Anspruch und Perfektion“, so die Herausgeberin. Giordano sieht in ihr eine moderne Antigone, die wie einst die griechische Heldin laut und deutlich betone „Ich will alles!“

Romy und Alain am Pool

Der erste Film von Romy, der in den Sechzigern gedreht wurde, war „Die Sendung der Lysistrata“, allerdings fürs Fernsehen und nicht fürs große Kino. Aber „Lysistrata“ ist ein sehr politischer Film mit einem politischen Inhalt, geht es doch darum, dass sich die Frauen ihren Männern verweigern, um den Krieg zu verhindern. Der „Sexstreik“ steht somit am Beginn der Filmkarriere Romys in den wilden Sechzigern, in denen sie am Ende mit Alain Delon an einem Swimmingpool liegt und der Liebe frönt. „La piscine“ – so der Originaltitel von „Der Swimmingpool“ kam 1968 heraus und zeigt Romy in „voller sonnengebräunter und strahlender Schönheit“ zusammen mit Alain Delon in „katzenhafter Anschmigesamkteit (…) auf dem Höhepunkt ihrer Kunst und ihrer Verführungskraft“. Neugierige erfahren übrigens auch wo genau in Frankreich sich der Swimmingpool mit der dazugehörigen Villa befinden. Die einzigartige Atmosphäre des Films verdankt er wohl auch dem wirklichen Leben: Romy und Alain hatten ihre Beziehung schon hinter sich und wurden nun – durch die Drehareiten – zu echten Freunden. Aber das erotische Knistern zwischen den beiden ist vielleich gerade darauf zurückzuführen und – dass Romy schon Mutter geworden war.

Ein schöner Bildband mit einmaligen Szenen- und Standfotos, interessanten Geschichten zu den Dreharbeiten und viel Details über Romy. Die Journalistin und Kinoexpertin Isabelle Giordano zeichnet eine reich bebilderte Filmographie und ein intimes Portrait der großen Darstellerin, Bild für Bild von den Anfängen als Tochter des deutschen Vorzeige-Schauspielerpaars Magda Schneider und Wolf Albach-Retty über ihre ersten filmischen Ausflüge nach Frankreich (mit Alain Delon) und die Jahre der Hollywood-Produktionen bis zum Image der Grande Dame des französischen Films der 1970er Jahre und ihrem tragischen Ende in Paris.

Isabelle Giordano (Hg.)
Romy Schneider Film für Film
2017, Schirmer/Mosel, 256 Seiten,
206 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß.
Format: 24,5 x 28,5 cm, gebunden.
Deutsche Ausgabe.


Kategorie: Biografie, Biographien, Briefe, Dokumentation, Erinnerungen, Fotografie, Frauenliteratur, Kulturgeschichte, Memoiren, Reportagen
Verlag: schirmer/mosel

Frank Sinatra ist erkältet

Frank Sinatra hat einen Schnupfen, und der Himmel scheint einzustürzen. Das Debakel droht, weil den Meister eine Erkältung seines größten Schatzes, seiner Stimme, beraubt, und das wird besonders dann gefährlich, wenn es gerade um die Aufzeichnung einer wichtigen Fernseh-Show geht, bei der »Frankie Boy« brillieren muss. 75 persönliche Mitarbeiter beginnen zu zittern, wenn Sinatra ein Taschentuch hervorzieht und sich schnäuzt, seine Filmproduktion, seine Plattenfirma, seine Fluggesellschaft, seine Rüstungsfabrik, seine Immobiliengesellschaft und all die vielen Geschäfte, in die er investiert ist, geraten in Schieflage und fürchten um ihre wirtschaftliche Stabilität. Einen solch kritischen Moment im Leben des vielleicht einflussreichsten Sängers der amerikanischen Popmusik zu schildern, gelang Gay Talese. Der 1932 geborene Autor zählt zu den bekanntesten Vertreter des »New Journalism«, ein literarischer Reportagestil, der höchst subjektiv ist und Wert auf starke literarische Stilmittel setzt, ohne von den Fakten abzuweichen. Diese unverwechselbare Methode setzt der Autor bei seiner Beschreibung Sinatras ein.

Der eigentliche Clou der Geschichte ist, dass Talese versucht hatte, einen Interviewtermin mit Sinatra zu bekommen, jedoch von dem publicityscheuen Sänger eine Absage erhielt. Der Reporter verbiss sich darauf in das Thema und heftete sich monatelang an den Tross um den Superstar. Dutzende Interviews mit Mitarbeitern und Familienangehörigen flossen in den Tatsachenbericht ein, der von Taleses enormer Beobachtungsgabe lebt. Zur »besten Reportage des Jahrhunderts« kürte das amerikanische Magazin »Esquire« den Text, der den Autor weltberühmt machen sollte. In der Journalistenausbildung gilt die Schilderung heute als genialer Wurf, von der jeder Autor viel lernen kann. Taleses Meisterschaft erweist sich nämlich unter anderem darin, dem Sänger auf Schritt und Tritt zu folgen und mit seiner milieudichten, präzisen Schilderung feinste literarische Qualität zu liefern, ohne ein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben und es den Leser bemerken zu lassen.

Neben der Titelstory werden in dem neu aufgelegten Bandes neun spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten präsentiert, die pures Lesevergnügen bescheren. »New York: Stadt im Verborgenen« setzt den durch Gotham City streunenden, unabhängigen, für sich selbst sorgenden Straßenkatzen ein literarisches Denkmal. »Deines Nächsten Weib« beschreibt die Welt eines pubertierenden Amerikaners, der sich in einer klerikal-prüden Umgebung in eine Illustriertenschönheit verliebt und nächtens in seinem Bett besteigt. In »Vogueland« seziert der Autor die Innereien der exaltierten internationalen Modezeitschrift »Vogue«, deren RedakteurInnen »bezaubernd« statt »niedlich« sagen, ihre Leserinnen zu einem »Dinner« statt zu einer »Party« laden und einem Veloursledermantel attestieren, er sei »eine willkommene Ergänzung der Garderobe fürs Landhaus« statt »ideal für den Wochenendausflug ins Grüne«.

In »Die Brücke« verfolgt er eine Truppe aus Zirkusartisten und Nomaden, die von Ort zu Ort ziehen und gewaltige Brücken aus Stahl und glitzernde Hochhaustürme errichten. Städte, in denen ein Bauboom ausbricht, üben eine magische Anziehungskraft auf diese Typen aus, deswegen man die Männer auch »Boomer« nennt.

Besonders Boxer sind Talese ans Herz gewachsen.
In »Ali in Havanna« begleitet er anno 1996 den bereits von Parkinson gezeichneten Muhammad Ali zu einem Treffen mit Staatschef Fidel Castro nach Kuba. Das Schwergewicht bringt dem Revolutionsführer dabei einen Taschenspielertrick mit einem künstlichen Daumen bei, den Fidel spontan einstudiert. Wie Talese es dabei mit Worten schafft, ein Bild des Revolutionsführers im Kopf des Lesers zu erzeugen, das ist schon ganz großes Kino!

In »Der Verlierer« besucht Talese Floyd Patterson, den Ex-Weltmeister im Schwergewicht und öffnet dessen Seele. Er zeigt den einstmals stärksten Mann der Welt als einen sensiblen Fighter, der mit falschem Bart und Haarteilen zu seinen Kämpfen reiste, um im Fall einer Niederlage unerkannt aus der Umkleidekabine entkommen zu können. Er lässt ihn bekennen, ein echter Sieger und zugleich ein erbärmlicher Feigling zu sein und beleuchtet verborgene Kammern der Seele seines Gesprächspartners, der weiß, dass sich erst in der Niederlage das wahre Gesicht eines Menschen zeigt.

In einem dritten Porträt schließlich schildert der Reporter Joe Louis als einen Mann, der schlecht mit Geld, aber ausgezeichnet mit Frauen und dem Golf-Schläger umgehen kann. Für Amerikas schwarze Bevölkerung gab es »nichts Größeres als Gott und Joe Louis«, und Talese beleuchtet, warum das so war.

Mit seinem Buch »Ehre Deinen Vater« schuf Gay Talese übrigens die erste und bislang einzige Tatsachenschilderung aus dem Inneren der Mafia. Es ist die Geschichte der Familie Bonnano, die in den sechziger Jahren New Yorks Unterwelt dominierte. Die in dem Band enthaltene Story »Das Verschwinden« schildert die außergewöhnliche Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung, die New Yorks Pförtner auszeichnet: genau in dem Augenblick, als Mafia-Boss Joe Bonanno von rivalisierenden Mafioso vor seinem Wohnhaus entführt wird, ist der Pförtner in ein Gespräch mit dem Fahrstuhlführer vertieft und bemerkt nichts …

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Reportagen
Verlag: Edition Freitag Berlin

Am Beispiel des Hummers

Hummer wollte ich immer schon einmal essen, aber es ist nie dazu gekommen. Mal schien er mir unerschwinglich teuer, mal hielt ich es für dekadent und deshalb ablehnenswert. Dann wieder wusste ich nicht, wie die Scheren fachgerecht geknackt werden müssen, um ohne öffentliche Blamage an das eiweißreiche Fleisch zu kommen. Jetzt habe ich David Foster Wallaces kurze Reportage über das Maine Lobster Festival gelesen und dadurch miterlebt, wie 25.000 Pfund fangfrischer Hummer in die Mägen von mehr als 100.000 Besuchern wandern. Ja, und irgendwie ist mir dadurch der Appetit auf die mit Furcht erregenden Zangen bewaffneten Krebstiere gründlich vergangen.

Dabei kommt der Text, ursprünglich für ein Gourmet-Journal geschrieben, wie ein Appetithäppchen daher: Wallace, Großmeister der Reportage, besucht das traditionelle Hummerfestival und beschreibt, was dort geboten wird. Tonnenweise Hummer wird direkt vom Kutter in den größten Hummerkessel der Welt geworfen und in kochendem Wasser gesotten, um dann im großen Fest- und Fresszelt von entfesselten Schlemmern verzehrt zu werden. Kochwettbewerb, Rummelplatz, Schönheitswettbewerb und Souvenirparaden bilden das Rahmenprogramm, mit dem der US-Bundesstaat Maine als weltgrößter Hummerlandeplatz punktet.

Der Leser erfährt, dass Hummer noch im 19. Jahrhundert als Dreckfraß galt, der zur Gefangenensättigung genutzt wurde. Denn der Hummer als alles vertilgender Müllschlucker des Meeres genoss den Status der Ratte, und derartiges Zeug war für den verurteilten Abschaum der Gesellschaft gerade gut genug. Inzwischen hat sich das grundlegend gewandelt, das aromatische weiße Fleisch der Krebstiere gilt als Delikatesse, das in seinen Rang als Luxusgut allenfalls dem Kaviar den Vorrang lassen muss. Das hat vielleicht auch mit der Zubereitungsart zu tun, denn zu Vorväters Zeiten wurden die Tiere komplett zermahlen und an die Sträflinge verfüttert. Hier setzt das Lobster Festival an, mit dem der US-Bundesstaat Maine Werbung für ein Produkt macht, das ihm die Natur quasi direkt auf den Tisch spült. Denn an keinem anderen Ort der Erde tummeln sich derartig viele Hummer.

Und genau über dieses Festival schreibt Wallace, ohne die Massenfütterung zu loben. Im Gegenteil: er schafft es, den Leser sanft an sein Thema heran zu führen, er begleitet ihn durch die schmatzenden Massen des Mega-Events, und er prüft – durch und durch Journalist – auch die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft in Bezug auf Nerven und Schmerz der Hummer. Nach der Lektüre des zu einem schmalen Büchlein aufgeblasenen Textes bleibt dem Leser der Hummer dann aber im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken.

Mehr über den Autor:
David Foster Wallace: Freitod mit 46


Kategorie: Reportagen
Verlag: Arche Zürich

Die Hunde bellen

Truman Capote verzichtete bewusst auf die üblichen Reporterutensilien wie Tonband oder Diktiergerät, er nutzte nicht einmal Stift und Papier bei seinen Interviews. Der Autor setzte lediglich sein Hirn als Speichermedium ein, weil er der Überzeugung war, nur so eine natürliche Beziehung zwischen den Interviewpartnern (dem nervösen Kolibri und dem Vogelfänger, wie er es nannte) herstellen zu können. Die Ergebnisse dieser Arbeitsmethode lässt sich jetzt in geballter Form in seinen gesammelten Reportagen und Porträts nachlesen, und ich gestehe neidlos: Capotes Texte sind gnadenlos gut.

Eingeleitet wird der voluminöse Band nicht-fiktionaler Texte von Capotes umfangreichem Konversationsporträt des exzentrischen Schauspielers Marlon Brando, den er in einem Hotel in Kyoto während der Dreharbeiten zum Liebesmelodram »Sayonara« besuchte. Er schildert den Charakterdarsteller als »Fürst in seinem Reich« und nutzt Brando zugleich als Versuchskaninchen, um eine neue Art des journalistischen Schreibens auszuloten.

Capotes Ansatz lautete, eine Reportage ebenso anspruchsvoll zu schreiben wie jede andere Art Prosa, sei es Essay, Kurzgeschichte oder Roman. Im Erscheinungsjahr 1956 war das ein Wagnis, und Capote schildert den Ausgangspunkt seiner Überlegungen: »Was ist die niederste Stufe des Journalismus? Anders gefragt, welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Geld machen? Antwort, ganz klar: Interviews mit Hollywood-Stars, dieses unerträgliche Promi-Gelaber … So etwas zur Kunst zu erheben, wäre eine echte Aufgabe.«

Capote gelang mehr als das: seine journalistischen Texte lesen sich wie Literatur und wurden zu einer eigenen Kunstform. Seine Reportagen und Porträts sind Kampfansagen an eine zunehmend unverständliche Sprache der so genannten Hochliteratur, die sich auf rein formale Spielereien und auf die Vernachlässigung der Alltagsstoffe kapriziert. »Schlicht sollen sie sein, meine Sätze, und klar wie ein Gebirgsbach«, lautete sein sprachliches Credo, während er bei seinem Stil besonderen Wert legte auf die Gestaltung »statischer« Textteile, mit denen er seinen jeweiligen Gesprächspartner und die Stimmung des Interviews herausarbeitete.

Eine gewalttätig knisternde Spannung liegt auf seinem Gespräch mit Robert Beausoleil, einem Dauergast im Hochsicherheitstrakt von San Quentin in Kalifornien. Der Leser spürt unmittelbar den mörderischen Atem der wohl schillerndsten Gestalt aus der Charles-Manson-Sekte, der sich im Gefängnis zum Anführer der faschistischen »Arischen Bruderschaft« erhob.

Ganz anders und nahezu beschwingt schilderte Capote das Tagewerk der Mary Sanchez. Er begleitet die Putzfrau auf ihren Einsatzorten in New York und erfährt dabei enorm viel über sie wie über die Bewohner der Appartements, die sie putzt. Sanchez erträgt ihre Arbeit als Putzteufel, indem sie immer wieder zu einer kleinen Blechschachtel greift, in der sich eine Ansammlung von Jointkippen befindet. Irgendwann gelingt es ihr, Capote zum Mitrauchen zu animieren und darauf bekommt die Story einen wundervoll leichten, geradezu bekifften Touch.

In »Versteckte Gärten« wiederum beschäftigt sich Capote in einer Art Selbstgespräch mit seiner Heimatstadt New Orleans. Dazu setzt er sich an einem prachtvollen Frühlingstag in einen uralt gewachsenen Park und reflektiert, was er dort sieht und erlebt. In einem der Gespräche, die der Wind an sein Ohr trägt, streitet sich ein Zuhälter mit einer Frau, die für ihn anschafft, und es wäre kein Text von Capote, wenn die Dame nicht am Schluss der Geschichte wie zufällig vorbei kommt und ihn anspricht.

Wer sich für journalistische Sprache und Stil interessiert, der wird von Capote vorzüglich bedient. Der am 30. September 1924 in New Orleans geborene Autor steht für den »New Journalism«, zu dessen Wegbereitern auch Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Norman Mailer zählen. Sein 1958 veröffentlichtes »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. Capote begründete 1965 mit seinem Welterfolg »Kaltblütig«, der exakten Aufarbeitung eines blutigen Mordes an einer Farmerfamilie, sogar eine neues Genre: den Tatsachenroman. Truman Capote starb am 25. August 1984 in Los Angeles.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Reportagen
Verlag: Kein & Aber Zürich

In 80 Tagen um die Welt

»Le tour du monde en quatre-vingts jours«, »Reise um die Erde in 80 Tagen« nannte Jules Verne seinen 1873 veröffentlichten Erfolgsroman. Darin beschreibt er die höchst abenteuerliche Weltreise eines reichen englischen Exzentrikers namens Phileas Fogg sowie seinen Dieners Passepartout. Der Journalist Helge Timmerberg reist 135 Jahre nach Vernes großem Wurf ebenfalls »In 80 Tagen um die Welt«, wobei ihm wesentlich schnellere Verkehrsmittel zur Verfügung standen als dem leidenschaftlichen Whist-Spieler Phileas Fogg. Während Fogg noch sein halbes Vermögen in bar mit sich führte, wurde Timmerbergs Reise durch ein gut gefülltes Spesenkonto abgefedert, das weltweit verfügbar ist.

Der Autor reist per ICE mit 230 Stundenkilometern von Berlin nach München, wo er in einer Wohnzimmer-Kneipe im Bahnhofsviertel landet, in der sich einsame Männer beim Weizen trösten. Er fährt weiter nach Venedig und begegnet bereits am Bahnhof einer Prozession von abertausend Touristen mit Masken, spitzen Nasen und schwarzen Umhängen. Venedig feiert Karneval, und wer so bescheuert ist, ausgerechnet in diesem Trubel den Canale Grande sehen zu wollen, der zahlt für das einzige freie Zimmer im »Marco Polo« eben 330 Euronen, selbstverständlich ohne Frühstück. Irgendwie fällt unserem Weltreisenden auch hier nichts Besseres ein, als die nächste Trinkhalle aufzusuchen, um sich die Kante zu geben. Ihm geht es dabei um »das disziplinierte, konzentrierte, mathematische Besaufen«.

Die dritte Nacht seiner Weltreise verbringt Timmerberg in Triest, und – raten Sie mal – wo er landet? Na klar, in einem kleinen Weinlokal, an den Stehtischen für Raucher. Die Welt in achtzig Tagen zu umreisen verlangt nicht, wie zu Jules Vernes Zeiten, permanentes, pausenloses und zielstrebiges Voraneilen. Heute braucht es das glatte Gegenteil: Trinkfestigkeit, Drogenerfahrung und ein gewisses Klebenbleiben, eine gewisse Unentschlossenheit. Als unentschlossen erweist sich der Autor immer wieder, dies ist sein deutlichster Charakterzug. Später, denn hier soll nicht jede Station erwähnt werden, als er in Bombay, das heute Mumbai heißt, weilt, überlegt er beispielsweise, mit welchem Verkehrsmittel er sich weiter bewegen will. Jules Verne ließ seinen Helden mit dem Zug von Bombay nach Kalkutta reisen, und der hat während dieser Fahrt die Frau seines Lebens getroffen. Die Frau des Lebens, sinniert Timmerberg, ist keine schlechte Vision, aber dafür zweiunddreißig Stunden mit dem indischen Zug?

Nun geht eine Weltreise in heutiger Zeit dank moderner Verkehrsmittel sehr viel unkomplizierter als anno Verne. Und dennoch hat Helge immer wieder Entscheidungsschwierigkeiten, die sein Wesen auszumachen scheinen. Der Reisende, der noch die Nachwehen der Hippiezeit in sich spürt, wendet sich an einen Guru um Rat. Schließlich bereiste Timmerberg bereits in der Blütezeit der Gurus Indien und kennt sich nach eigenem Bekunden auf diesem Gebiet aus. Jedoch fehlt die Antwort des Meisters nicht zur Zufriedenheit des Reisenden aus, denn letztlich empfiehlt er ihm, eine Münze zu werfen. So kann es Weltreisenden ergehen! – In dem Augenblick fällt dem Rezensenten ein, dass er selbst eine solche Entscheidermünze in seinem Schreibtisch in Griffnähe hat. Diese Münze, ein Geschenk einstiger Kollegen, sollte ihm helfen, grundsätzliche Entscheidungen seines Lebens zu fällen, da er zu jener Spezies gehört, und hier entsteht eine Gemeinsamkeit mit Timmerberg, die unfähig sind, sich zu entschließen.

Ansonsten erweist sich Timmerberg als arrivierter Althippie, der mit gefülltem Säckel nicht mehr in Hauseingängen oder der Bahnhofsmission kampieren und per Anhalter durch die Galaxis trampen muss. Er genießt den Luxus der Sterne-Hotels und lässt sich vor Ort gern mit dem Taxi chauffieren. Bedrängt ihn ausnahmsweise das nackte Leben, wie beispielsweise in Shanghai in Gestalt besonders aggressiver Bettler, rettet er sich vor dem Mob in eine Droschke und braust davon. Sozialkritik ist nicht das Thema des Buches.

Immerhin schafft es der Autor, seiner Weltreise eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen, die den Leser in Bann schlägt. Er unterstützt dies durch eine flotte Sprache sowie milieudichte Schilderungen über Drogenexzesse. Hier spürt der Leser, dass Timmerberg life dabei war und sein Wagemut ihn bevorzugt ins Land der Kopfreisen führte. Er kennt die Illusionsromantik des Reisens, er predigt Toleranz und fühlt sich schließlich doch am wohlsten dort, wo er startete und wieder ankommt: im multikulturell gefärbten Berlin.

»In 80 Tagen um die Welt« ist lesenswert für den gestandenen Reisenden, der sich an dies oder jenes erinnern möchte. Es ist kein Reiseführer, und es sucht auch nicht Erkenntnisse in Slums und Absteigen, wie sie von einem Journalisten vielleicht erwartet werden. Das Buch ist amüsant, und der Autor ist fraglos weit herum gekommen. Die Freude am Reisen, mit Ausnahme des Abstechers nach Mexiko-Stadt, scheint ihm dabei jedoch mit den Jahren abhanden gekommen.


Kategorie: Reportagen
Verlag: Rowohlt

Ehre Deinen Vater

Denkt der Durchschnittsleser an die Mafia, stellt er sich meist wild bewegte Schwarzweißszenen und blutige Gewalttaten vor, dramatische Intrigen und illegale Millionen-Dollar-Projekte sowie große schwarze Limousinen, deren Insassen die Gehsteige mit Maschinenpistolenfeuer überziehen. Vieles von dieser Hollywood-Version entspricht zwar der Wahrheit, aber die wesentlichen Umstände der Existenz eines Mafioso werden dabei völlig ignoriert: eine Routine endlosen Wartens, der Langeweile, der Notwendigkeit, immer wieder unterzutauchen, und die zwangsläufigen Folgeerscheinungen jener Phasen, die man in Deckung verbringen musste – Kettenrauchen, zu reichliche Kost bei zu wenig körperlichem Ausgleich, das eingesperrt Sein in Zimmern mit herabgelassenen Rollläden, die zermürbende innere Leere, der man ausgeliefert ist, während man alles tut, um am Leben zu bleiben.

Der Mythos der blutrünstigen Mafia, die eine Spur des Todes durch die USA legte, diente in den Siebziger Jahren vor allem der amerikanischen Propaganda. Während US-Truppen die grausamsten Verbrechen in Vietnam beging, der CIA in aller Welt folterte und mordete und Spezialeinheiten wie die »Green Berets« sich 1969 eines Doppelagenten entledigten, indem sie ihn töteten und die Leiche mit Ketten beschwert ins Meer warfen, war der Regierungspropaganda jedes Mittel recht, um auf den angeblichen Staatsfeind Nummer Eins abzulenken. Millionen Dollar wurden investiert, um den Polizeiapparat aufzurüsten, und die Presse überschlug sich mit bizarren Schlagzeilen und Aufmachern bei jedem Delikt, das dem organisierten Verbrechen in die Schuhe geschoben werden konnte. Dabei spielte der Einfluss der Mafia längst nicht die große Rolle, die ihr öffentlich angedichtet wurde. Vieles ähnelt dem heutigen Propagandakampf gegen die bösen Terroristen, die angeblich unser Dasein zerstören wollen, während »wir« klammheimlich Kulturstaaten in Schutt und Asche legen und aus purer Gewinnsucht Jahrtausende alte gewachsene Strukturen vernichten.

Die amerikanische Mafia ist berühmt als gefährliche Geheimgesellschaft, kriminell, undurchschaubar, aber auch faszinierend. Sie war Stoff unzähliger Romane, von denen Mario Puzos furioses Werk »Der Pate« durch die Verfilmung von Francis Ford Coppola der berühmteste ist. Es ist eine Welt, die von überlieferten italienischen Familienwerten, pompösem Lebensstil und politischen Verstrickungen bis in die höchsten Schichten Amerikas bestimmt wird. Puzo hatte allerdings nie mit einem echten Mafioso gesprochen und schrieb sein fiktionales Werk allein aus seiner Vorstellungskraft.

Der amerikanische Journalist und Autor Gay Talese liefert dagegen mit »Ehre Deinen Vater« die erste und bislang einzige Tatsachenschilderung aus dem Inneren der Mafia. Es ist die Geschichte der Familie Bonnano, die in den sechziger Jahren die Unterwelt New Yorks dominierte. Talese wandte sich im Januar 1965 in der Verhandlungspause eines Prozesses, den er für die »New York Times« beobachtete, direkt an den Angeklagten Bill Bonanno und schlug ihm vor, ein Buch über dessen Werdegang zu schreiben. Obwohl die Macht der Mafia auf jenem Gesetz des Schweigens beruht, das die Paten »Omertà« nennen, knackte Talese diesen Kodex.

In mühsamer Kleinarbeit gelang es ihm, ein Vertrauensverhältnis zu dem Mafiaboss aufzubauen. Bill Bonanno war der Sohn des berühmt-berüchtigten New Yorker Mafiabosses Joseph »Joe Bananas« Bonanno. Es war die Zeit, als Bonannos 450 Mann starke Verbrecherorganisation sich gerade in einem blutigen Krieg gegen rivalisierende Familien befand, der als »Bananen-Krieg« in die Kriminalgeschichte einging. Der Journalist begleitete ihn sechs Jahre lang, kam mit seinen Freunden und Verwandten in Kontakt und besuchte schließlich sogar die sizilianische Heimat der Bonanno-Familie.

Taleses Erzählung beginnt an einem regnerischen Tag im Jahr 1964, als Bills Vater Joseph Bonanno spurlos verschwindet. Nie wurde geklärt, ob er entführt wurde oder sich versteckt hielt, weil er die Vorladungen vor staatliche Untersuchungsausschüsse umgehen wollte. Der Autor schildert die brutale Fehde innerhalb der Mafia und schlägt einen weiten Bogen zu den Ursprüngen der Familie in den sizilianischen Bergen. Er schildert das Alltagsleben der Mafiosi und ihre Kommunikationsstruktur. Die Reportage endet mit der Verurteilung von Bill Bonanno aus fadenscheinigen Gründen und dem Antritt einer langjährigen Haftstrafe.

Gay Talese, Jahrgang 1932, gehört mit Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Truman Capote zu den wichtigsten Vertretern des »New Journalism«. Der Begriff für diese Stilrichtung wurde von Tom Wolfe geprägt. Es handelt sich dabei um einen Reportagestil, der höchst subjektiv ist und Wert auf starke literarische Stilmittel setzt, ohne jedoch von den Fakten abzuweichen. »Ehre Deinen Vater« liest sich wie ein Roman, tatsächlich ist es eine bis ins kleinste Detail wahre Geschichte, die spannender ist als jede Fiktion. Es handelt sich bei dem vorliegenden Werk um eine der besten Reportagen, die je veröffentlicht wurden.


Kategorie: Reportagen
Verlag: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Die Letzten ihre Art

Douglas Adams, Autor bekannter Science-Fiction-Abenteuer wie der Weltraumodyssee »Per Anhalter durch die Galaxis«, ist auch als Verfasser amüsanter Reiseschilderungen empfehlenswert, die ausgelassenes Lesevergnügen bieten.

»Die Letzten ihrer Art« nennt Adams seine Reiseberichte zu den aussterbenden Tieren unserer Erde, die er gemeinsam mit dem Zoologen Mark Carwardine unternahm. Wer ein staubtrockenes Sachbuch vor ernstem Hintergrund erwartet, wird positiv enttäuscht.

Federleicht und unaufdringlich beschreibt der Autor seine Expeditionen zu den Komodo-Waranen, die ihm wegen ihres penetranten Mundgeruchs auffallen, zu den Kakapos, den dicksten und flugunfähigsten Papageien Neuseelands, zu den letzten weißen Nashörnern in Zaire und zu den Aye-Aye, merkwürdigen, nachtaktiven Lemuren mit Fledermausohren, Biberzähnen und straussenfederähnlichen Taillen, die in Madagaskar auf Bäumen hocken und sich verstecken.

Bereits die Suche nach dem Aye-Aye gestaltet sich für die Forschungsreisenden zu einem Alptraum. Der Landwirtschaftsminister hatte zugesagt, ihnen zwei Landrover und einen Hubschrauber zur Verfügung zu stellen. Es stellt sich bald heraus, dass er leider nur ein Moped hat, und das ist kaputt.

Mit wundervoller Leichtigkeit schildert Douglas Adams in der ihm eigenen humorigen Art Ablauf und Ereignisse der Expeditionen in Dschungel und Regenwald, wobei er – wie ungewollt – Informationen über die Tiere und ihre Lebenswirklichkeit einstreut.

In Zaire vermittelt den Reisenden bereits in der Zollhütte des Flughafens Bukavu ein farbiges Foto ein Bild davon, was sie bei ihrer Suche nach bedrohten Tierarten in der früheren Kolonie Belgisch-Konto erwartet. Auf dem Lichtbild ist ein Leopard zu sehen. Das heißt, so schildert es Douglas Adams in seiner britisch-trockenen Art, »auf dem Bild war nur ein Teil des Leoparden zu sehen. Das bewusste Leopardenteil war zu einem ziemlich adretten Pillenschachtel-Hütchen umgestaltet worden und schmückte den Kopf von Marschall Mobutu Sésé Séko Kuku Ngbendu Wa Za Banga, dem Präsidenten der Republik Zaire, der mit gebieterischer Ruhe auf uns herabsah, während zwei seiner Beamten uns in die Mangel nahmen.«

Dennoch gelingt es dem Team, einige der letzten von Wilderern noch nicht getöteten weißen Nashörner zu sehen. Außerdem beobachten sie aus nächster Nähe eine Herde Berggorillas, deren Überleben in einem Nationalpark gesichert wird. Unverändert herrscht ein reger Handel mit Gorillaschädeln und -händen, die an Touristen und Auswanderer verkauft werden, die irrtümlicherweise glauben, die Gorillateile würden auf ihrem Kaminsims besser wirken als am Körper der ursprünglichen Besitzer.

Auf die Reise zu den letzten Drachen dieser Erde gehen Adams & Co. mit einem Fischerboot, das von weitem einem Stück Treibholz gleicht. in Begleitung von vier Hühnern landen sie auf der Insel Komodo, die den dort lebenden Reptilien Heimat und Namen gibt. Sie erleben eine traurige Touristenschau, bei der übersättigte Riesenechsen Fleischbrocken von einem Haken reißen und angewidert liegen lassen. Ebenso angewidert verlässt Adams die Insel der Warane. Er notiert, dass wir die Verkörperung dessen, was wir als »böse« bezeichnen, in Dingen entdecken, die nicht in uns sind, sondern in Lebewesen, die von all diesen Fragen nichts wissen, weshalb wir uns von ihnen abgestoßen und uns selbst im Gegensatz zu ihnen »gut« finden können. – »Und falls es ihnen nicht aus eigener Kraft gelingt, uns ausreichend anzuwidern«, ergänzt Adams, »heizen wir sie mit einer Ziege an. Sie wollen die Ziege nicht, sie brauchen sie nicht, Falls sie eine wollten, würden sie Beute ohne fremde Hilfe finden. Das einzig wirklich Abstoßende, was mit der Ziege geschieht, verursachen in Wirklichkeit wir.«

Soweit die Gedanken des geistigen Vaters von Ford Perfect und Zaphod Beeblebrox, die mir Guido Grigat, Herausgeber von Kolumnen.de als freundschaftliche Reaktion auf meine Glosse »Ich kaufe mir ein wildes Tier« in gebundener Form zukommen ließ. Das Buch verschlinge ich an den Gestaden des Ionischen Meeres, das vielleicht auch noch Ungeheuer beherbergt, denen kaum jemand persönlich begegnen will. Argwöhnisch beobachte ich deshalb bei der Lektüre das Meer, und das Meer blickt ebenso argwöhnisch zurück.

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Kategorie: Reportagen
Verlag: Heyne München

Gonzo Generation

Aus der literarischen Tradition der »Beat Generation« wuchs mit der Hippie-Bewegung das Bestreben engagierter Schreiber, neue journalistische Formen auszuprobieren, die unmittelbarere Ausdrucksformen gestatteten und den Leser stärker zu fesseln vermochten. Das ist der »New Journalism«.

Tom Wolfe begründete den »New Journalism« mit seiner Geschichte über »Das bonbonfarbene tangerin-rot-gespritzte Stromlinienbaby«. Truman Capote, Norman Mailer, Gay Talese und Hunter S. Thompson sind weitere weltberühmte Vertreter des Stils.

Wesensmerkmal des »Neuen Journalismus« ist ein extrem subjektiv geprägter Reportagestil, der gern Randfiguren zu Hauptdarstellern macht und Themen aus einem völlig unerwarteten Gesichtswinkel beleuchtet. In seiner Geschichte »Frank Sinatra ist erkältet« versucht beispielsweise Gay Talese, wochenlang an den bekannten Sänger heranzukommen, was aber immer wieder daran scheitert, dass Sinatra tatsächlich erkältet oder einfach schlecht gelaunt ist. Stattdessen erfährt der Leser Erstaunliches über Freunde und Umfeld von Sinatra und seinem Milieu.

Ähnlich arbeitete Hunter S. Thompson, der erklärte Anarchist des »New Journalism«. Er nannte seine Form des Schreibens »Gonzo-Journalismus«, wobei das Adjektiv »gonzo« für bizarr, verrückt, hemmungslos und schräg steht. Monatelang lebte er unter »Hells Angels«, um ein Buch über sie zu schreiben. Er ging stets voll in seinem Thema auf, er nahm Recherche wichtig und versuchte, mit dem jeweiligen Milieu eins zu werden.
Zum Symbol wählte Thompson die Gonzo-Faust, eine zur Faust geballte Hand mit zwei nach innen zeigenden Daumen, die eine Peyote-Kaktee halten.

In seiner vielleicht bekanntesten Geschichte »Das Kentucky-Derby ist dekadent und degeneriert« besucht er mit einem britischen Zeichner das berühmte amerikanische Derby, um das feiste und verlogene Amerika zu beschreiben. Die Story verläuft turbulent, die Pferde sieht der Berichterstatter überhaupt nicht, da er meistens die VIP-Bar plündert. Er beschreibt, wie einige tausend volltrunkene Trottel »schreien, heulen, kopulieren, sich gegenseitig niedertrampeln und sich mit zerbrochenen Whiskeyflaschen angreifen«. Schließlich versprüht er eine Dose Kampfgas, was zu einem infernalischen Tohuwabohu führt. Dabei ist die vermeintliche Leichtigkeit, mit der die Geschichte daherkommt, Teil der Kunstfertigkeit des Autors und seiner Fähigkeit, sich selbst in seinen Texten zu inszenieren.

Beim Gonzo-Journalismus handelt es sich um einen unverwechselbaren Reportagestil, der auf William Faulkners Überzeugung basiert, die beste Dichtung sei weitaus wahrer als jede Art von Journalismus. Der im deutschen Sprachraum anspruchsvollen Journalisten als literarischer Maßstab dienende »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch dachte ähnlich über dieses Thema und schrieb: »Nichts ist verblüffender als die Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts phantastischer als die Wirklichkeit …«

Damit sei nun keinesfalls gesagt, dass Dichtung notwendigerweise »wahrer« als Journalismus ist – oder umgekehrt – sondern, dass es sich sowohl bei »Dichtung« wie bei »Journalismus« um künstliche Kategorien handelt; und dass beide Formen in ihren Sternstunden nur zwei verschiedene Mittel zum selben Zweck sind. Belege für diese Sternstunden des Genres liefert die ultimative Sammlung der legendären Gonzo-Papers, die jetzt auf Deutsch vorliegt und Thompsons beste Artikel aus vier Jahrzehnten unermüdlichen Kampfes gegen Dummheit, Bigotterie und Korruption präsentiert.

Thompson ist Vorbild gesellschaftskritischer Autoren, die sich für das Verschmelzen von literarischen und journalistischen Stilelementen stark machen. Er wurde zum Outlaw, weil er die klassischen Werte des »good old America« verhöhnt. und zu einem der letzten Freiheitshelden, der sich mit Mitteln von Sprache und Stil gegen Vermassung und Verblödung wehrt und als kreativer Unruhestifter stets im Mittelpunkt seiner eigenen Geschichten steht.

»Echte Gonzo-Reportage«, schreibt Thompson, »erfordert die Talente eines Meisterjournalisten, das Auge eines Künstlers/Fotografen und den Mumm eines guten Schauspielers«. – Dieses Buch liefert auf 574 Seiten den Beweis für seine Meisterschaft.

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Kategorie: Reportagen
Verlag: Heyne München