Ein wenig Leben

Blick in die Hölle

Ein wenig Leben präsentiert sich, zumindest am Anfang, als eine bescheidene Chronik der Art und Weise, wie das Leben in einer kleinen Gruppe von ein-wenig-leben-hanya-yanagihuraLeuten zusammenhängt, die ein Stück Geschichte gemeinsam haben, als Katalog einer schrittweisen Ansammlung der Dinge ihres Lebens: die Arbeitsplätze und Wohnungen, die One-Night-Stands und Freundschaften und Groll, die Möbel und Kleidung, Liebhaber und Ehepartner und Häuser. Yanagihara folgt den Spuren von vier talentierten und künstlerischen Freunden von ihren gemeinsamen Collegetagen bis sie jetzt, als sie sich mit Anfang dreißig in und um New York City zu etablieren beginnen. Folgt ihrem Sex und Essen und Schlaf und Freunde und Geld und Ruhm. Es ist wie eine Studie über eine geschlossene Gesellschaft, ihre Sprache, ihre Rituale und ihre geheimen Codes.

Vier College-Freunde haben das Studium an einer unbenannten Universität abgeschlossen (scheinbar Harvard) und sind auf dem Weg in ihr berufliches Leben.

Malcolm, ein Mischlingskind, arbeitet in einem Architekturbüro und lebt noch bei seinen reichen Eltern. Sein Vater ist ein unerhört reicher, afroamerikanischer Finanzier.

J.B (Jean Baptist) ist ein homosexueller, haitianischer, ehrgeiziger Künstler an der Schwelle zum Erfolg. Er wurde von seiner Mutter allein erzogen. Er malt gegenständlich und konzentriert sich auf das Malen seiner Freunde.

Willem, gutaussehend, stattlich und liebenswürdig von isländischer-schwedischer Abstammung arbeitet als Kellner und denkt an eine Schauspielkarriere.

Und da ist Jude, faszinierend und verwundet, ein brillanter, gequälter Protagonist, über den die anderen drei wenig herausfinden können. Er hat keine klare Rassenzugehörigkeit, seine Sexualität scheint verwischt oder nicht existent. Vor allem hat er ein dunkles Geheimnis, das sein Leben und das seiner Freunde überschattet. Diese gehen aber nicht den offenen Fragen nach, sondern feiern seine Unterschiede. JB nennt ihn den Post-Mann „… post-sexuell, post-ethnisch, Post-Identität, Post-Vergangenheit.“ (Seite 129)

Alle vier sind gottlos und postmodern. Aufwärts und voran geht es für alle. Aber es ist keine glückliche Geschichte.

Zunehmend konzentriert sich der Roman auf Jude und Willem. JB und Malcolm verschwinden weitgehend von der Bühne und machen ihre eigenen, eher unwahrscheinlichen Sprünge zum amerikanischen Traum. Ein wenig Leben dreht sich um Jude, und Willem spielt eine führende Rolle dabei. „Willem war gut für ihn, aber er war schlecht für Willem.“ (Seite 649) Wir werden schichtweise tiefer in Judes Elend und sein geheimes Leid gezogen, sehen ihn sich ritzen, bemerken Narben auf seinem Rücken, verstehen, dass es vor vielen Jahren einen Unfall gab, der seine Beine stark beschädigt hat. „ … die Schmerzen, die an seiner Wirbelsäule hinab in eines seiner Beine krochen, als hätte man einen Holzpflock in Flammen gesetzt und in ihn hineingebohrt.“ (Seite 139) Und wir erkennen, dass das Geheimnis seines Lebens der erzählerische Motor ist, der den Roman antreibt.

Der Roman führt uns auf eine über 900-seitige Reise durch das Leben eines emotional und körperlich geschädigten Jude St. Francis, und das Leben seiner Freunde, die zwischen ihm und den Dämonen oder Hyänen, die er sieht und peinvoll spürt, stehen. Es ist ein Buch der Selbstbeobachtung, das seinen Focus setzt auf die Grenzen der Freundschaft, die Tiefen des Schmerzes, auf  individuelles Leid, auf Selbstverletzung und auf die Schande, die ein Mensch mit diesem unseligen Erbe kaum ertragen kann.

Yanagihara füttert uns in Rückblenden mit Geständnissen über Judes Leben, Rückblenden, die elektrisieren und gleichzeitig entsetzlich sind. Jude ist Mann, der mehr und mehr Geduld und liebevolle Pflege erfordert. Die frühe Freundschaft ist so warm beschrieben, dass dieser lebendige Teil des Buches unwiderstehlich ist. Willem und Judes Liebe für einander existiert auf einer höheren Ebene, mit Willem als den liebevollen Elternteil, den Jude nie hatte.

Hanya Yanagihara schreibt einen üppigen, fast wollüstigen Prosa-Stil, der zwischen dem exquisiten und maßlos schwankt, mit langen und kraftvollen Beschreibungen. Es gibt aber auch etwas Kühles, Unerbittliches in der Art und Weise, wie Yanagihara den Leser mit Judes Leiden konfrontiert. Yanagihara gibt diesem unerbittlichem Leiden und dem tiefen Schmerz eine intime, innere Stimme. Ein überbordendes Werk, groß, emotional und voller Trauma.

Ihr Stil erinnert mich an Donna Tartt, die gleiche schockierende erzählerische Energie, die gleiche faszinierende Sprache. Und immer wieder schieben sich bei mir die Bilder von Hieronymus Bosch in die Lektüre, Bilder die das Unheimliche in einer Weise zur Darstellung bringt, die uns deshalb so unmittelbar berührt, weil sie nicht mit dem Anonymen und dem Unbekannten agiert, sondern weil sie uns Vertrautes und Bekanntes vor Augen führt, weil sie die Schmerzen der Hölle und deren Fremdheit, dieses gleichzeitig im Feuer brennen und zugefroren sein, weil sie die Schmerzen und das Leiden von Höllenqualen anschaulich macht. Der Ort der Qual ist immer genau dort, wo Deine Gedanken hängen.

Lesen Sie unbedingt dieses Große menschliche Epos, die perfekte Chronik unserer Zeit der Angst, des Leidens und des Überlebens, mit all ihren Begleitdramen und Träumen. Es gibt keine Ruhe, keine Atempause, keine verbindlichen Überzeugungen, die uns zusammenhalten, und es gibt eine Lücke zwischen Träumen und Wirklichkeit. Dem großen Leben, das sie wollten, steht das kleine Leben gegenüber, das sie führten.

Sie werden nicht nur dieses Buch verschlingen, ebenso wird es auch Sie verschlingen und ganz lange nicht mehr loslassen. Es ist dunkel und traumatisch, aber ein erfrischender Roman über moderne Freundschaft. So notwendig in diesen Zeiten der Angst.

 


Kategorie: Romane
Verlag: Hanser Verlag München

Der Mann in der fünften Reihe

der-mann-in-der-fuenften-reihe-veronique-olmiDas Buch startet auf einer Freilichtbühne. „Ich weiß nicht, wie lange ich schon auf dieser Bank sitze. Seit Stunden fährt kein Zug mehr ab, kommt keiner mehr an. Ein regloser Bahnhof. Eisige Stille bis ins Mark meiner Knochen.“ (Seite 7) So beginnt die Erzählerin ihren vielschichtigen Monolog.  An diesem Abend kehrt sie nicht nach Hause zurück, sondern verbringt die ganze Nacht auf dieser Bank am gare d l’est. Sie ist in einem Vakuum gelandet, aber ihr Gehirn ist in vollem Gange, bereit zur Explosion. Sie beginnt Wer ist diese Frau?

Nelly ist eine 47 Jahre alte Frau, Mutter von zwei Jungen und Theaterschauspielerin, die ihre Tage im Erwartungsstress bis zu ihrem Auftritt, zu ihrer Show-time am Abend verbringt. „Ich bin siebenundvierzig und warte immer noch darauf, dass mein Leben anfängt.“ (Seite 24)

Im Augenblick spielt sie in dem Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ von Luigi Pirandello. Es ist eine Tragödie von Missverständnissen und Schrecken; von der Unfähigkeit, sich auszudrücken und, zu kommunizieren. Und tatsächlich scheinen die Frau und die Schauspielerin zu verschmelzen. Wer leidet hier? Die Rolle oder die Frau selber. Bilder ihres Lebens kommen zu ihr zurück wie Bumerangs. Sie liefert eine Art Beichte ab: über die Atmosphäre in der Umkleidekabine, über die panische Angst vor dem Zuspätkommen, vor dem Vergessen ihres Textes, über die Aufregung auf der Bühne, über ihre Kindheit am Meer, ihre Eltern, ihren Geliebten, über eine Mutter, die nach und nach in die Dunkelheit des Vergessens sinkt; über einen Vater, eine wunderbar tragische Figur in seiner zweiten schüchternen Rolle, wo es vielleicht Einsamkeit oder Versuchung von Selbstmord gab; über ihre Söhne, die nicht wissen, „wie sehr sie schon vor mir wegrennen.“ (Seite 36) Und natürlich über den Mann, den idealen Mann am idealen Platz in der Mitte der fünften Reihe, dem sie sich verweigerte, ohne ihn zu vergessen. „Diesen Mann in der Mitte der fünften Reihe – der ideale Platz. Diesen Mann, dessen Name ich seit sechs Monaten verschweige, dessen Existenz ich verleugne. Seine Anwesenheit, die meine vernichtet.“ (Seite 61)

Es gibt keine Gnade für Nelly. Woher bezieht sie die Kraft, sich vor dem Versinken zu retten? Eine lange Geschichte, ein schöner Monolog einer Frau, die in den Fallen der Leidenschaft gefangen ist. Véronique Olmi variiert ihr Hauptthema: das leidenschaftliche Leben von und für Liebe. Sie zeigt uns die Schwierigkeit der Liebe, die Sehnsucht nach Liebe und die unmögliche Liebe. Und sie beschreibt perfekt die verheerenden Auswirkungen der Leidenschaft, das Glück, das sie bringt, und vor allem die Schmerzen die sie verursacht. Wie kaum eine Zweite versteht es Véronique Olmi auf sehr reife, subtile Weise Emotionen genau und kraftvoll zu destillieren und diese Schlüsselmomente festzuhalten, wenn ein ganzes Leben kippt. „Lieben oder sterben wollen, eigentlich ist es dasselbe: der Wunsch, woanders zu sein.“ (Seite 18)

Die zerbrechliche Nelly Bauchard sucht nach Antworten: „Wie nennt man eine Liebe, die weder enden noch neu beginnen, sich weder belügen noch erniedrigen kann?“ (Seite 100); Warum vereinigen wir uns mit Menschen, die uns lieben und uns irgendwann in Fetzen zurücklassen? Warum geben wir dem anderen, was wir so sorgfältig bewahrt haben?“ (Seite 107)

Véronique Olmi liefert eine fragmentierte Erzählung. Kurzer Absatz auf kurze Absätze, mit viele kleinen Szenen. Ihre Sprache ist wie Musik, einfache Akkorde, die den Ton verzweifelter, weiblicher Charaktere treffen. Ein Text kurz, aber reich, gefühlvoll und subtil, der uns auf zwei Ebenen unterhält. Mich berührt dieser präzise und fast minimalistische Stil. Mir scheint, dass dieses Buch eine ganz ausgezeichnete Vorlage für ein Ein-Personen-Stück am Theater geeignet wäre. Ein herausfordernder Monolog für eine große Schauspielerin, wie zum Beispiel Isabell Huppert.

Véronique Olmi hat uns eine brillante zeitgenössische Variation zum Denken von Tristan in „Tristan und Isolde“ geliefert, der Beweis, dass Leidenschaft ebenso zeitlos ist, wie sie der menschlichen Natur eigen ist: Oder wie Gustave Flaubert sagte „Liebe erblüht im Staunen einer Seele, die nichts erwartet und sie stirbt an der Enttäuschung des Ichs, das alles fordert.“

Mit Véronique Olmis traurigem und berührendem Buch „Der Mann in der fünften Reihe“ wählen Sie eine Lektüre in dessen erzählerischen Spannung Sie sich verlieren, ja ertrinken können. Das Buch wird Sie verführen.


Kategorie: Romane
Verlag: Kunstmann München

Die Liebesgeschichten-Erzählerin

liebesgeschichtenerzaehlerin

liebesgeschichtenerzaehlerinDie Strandpromenade von Scheveningen im Jahr 1969: Eine Frau, Marie, sitzt auf einer Bank, schaut dem Wellenspiel zu, atmet die herbe Seeluft. Sie ist von Haus aus die Ostsee gewohnt, die rauen Gezeiten der Nordsee sind ihr neu, die Kraft, welche dieses Meer entfaltet, ebenfalls.

Dennoch spürt sie etwas von dieser Kraft in sich. Sie ist dieser Tage frei von Pflichten, Mann und Kinder kommen auch einmal ohne sie zurecht. Finanziell scheint es in ihrer Familie aufwärts zu gehen, das gibt ihr ungewohnte Freiheiten. Sie hat Zeit und Muße, sich auf sich selbst und ihre Ambitionen zu konzentrieren. So recherchiert sie in niederländischen Archiven den Liebesgeschichten ihrer Vorfahren hinterher. Den Liebesgeschichten, von denen sie schon lange spürt, dass sie erzählt werden sollten. Die Geschichte des ersten Königs der modernen Niederlande, der mit einer Berliner Tänzerin eine uneheliche Tochter zeugt, welche wiederum in ihre mecklenburgische Adelsfamilie verheiratet wird. Die Geschichte des Urenkels der Tänzerin (Vater der Erzählerin), der Geschehnisse aus seiner Zeit als kaiserlicher U-Boot Kapitän nie ganz verwunden hat. Und schließlich ihre eigene Geschichte. Sie hat einen Spätheimkehrer geheiratet, einen Gutsbesitzersohn. Und sie entfernt sich immer weiter von ihm.

Friedrich Christian Delius, Träger des Georg-Büchner-Preises, verarbeitet auch in seinem neuen Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ Teile seiner eigenen Familiengeschichte. Delius‘ Romane beschäftigen sich meist mit der bundesrepublikanischen Geschichte, so ist er auch einer der Wenigen, die sich literarisch an den „deutschen Herbst“ wagten. Diesmal erzählt er Sequenzen aus dem ganzen letzten Jahrhundert, dieser von Kriegen nie vorher dagewesen Ausmaßes geprägten Epoche, wobei die Liebesgeschichte des niederländischen Königs und der Berliner Tänzerin dem Leser schon aus „Der Königsmacher“ bekannt sein könnte.

Marie nun, die designierte Liebesgeschichtenzählerin, ist das literarische Denkmal für Delius‘ Tante, Irmgard von der Lühe, die ihr Studium für die Familie abbrach und sich erste Sporen als Biographin verdiente – wie Marie. Von der Lühe publizierte auch später noch, allerdings sind von ihr keine Romane veröffentlicht. In Delius‘ Roman bleibt folgerichtig das Ende offen: Wird Marie es wirklich schaffen, „die Liebesgeschichtenerzählerin“ zu werden? Sie verspürt den inneren Drang, „altes verborgenes Wissen von Not, Liebe und Schmerz als von den Vorfahren geerbtes Wissen weiterzugeben“. Diese Marie ist keine Rebellin, sie will auch nicht ausbrechen aus ihrem Leben als umsichtige Hausfrau und Mutter, sie mag dieses Leben. Aber sie hofft darauf, dass dieses Leben auch für sie nun Zeit und Gelegenheit bereithält, ihrem kreativen Gestaltungswillen Raum zu geben. Wobei der Leser nie so recht weiß, ob die Recherche für Marie nicht doch eher so etwas wie eine Flucht aus der Realität bedeutet, um sich nicht allzu tief mit der eigenen Vergangenheit als ehemaliges BDM-Mädel auseinandersetzen zu müssen. Dennoch zeigt Delius anhand ihrer Geschichte, wie sehr politische Geschehnisse in das Leben Einzelner eingreifen. Sehr greifbares Anschauungsmaterial gerade auch in unseren turbulenten Zeiten, besonders auch für diejenigen, die meinen, aktuelle Geschehnisse hätten mit ihnen und ihren Leben nichts zu tun.

Delius erzählt mit leiser, sehr eleganter Sprache, seine Figuren beschreibt er behutsam, immer eine gewisse Distanz wahrend. Auch kritischen Themen wie dem der deutsch-niederländischen Aussöhnung nähert er sich mit sehr viel gebotenem Respekt und Feingefühl. So wie das Ende des Romans offen bleibt, ist auch im Roman selbst bei weitem nicht alles auserzählt. Die Leser mögen die Gelegenheit nutzen, Bruchstücke aus dem eigenen Erinnerungsfundus hinzuzufügen. Auf das, was Marie berichtet, hat sie einen liebevollen Blick, sie ist keine Zynikerin. Auch wenn sie – typisch für ihre Generation – beim Anblick der „Hippies“ im Amsterdam nicht anders kann, als zu denken, ihre Geschichte möge dazu beitragen, dass diese Gestalten erkennen, wie gut sie es doch haben.

Im Roman nimmt die Vater-Tochter-Beziehung einen weiten Raum ein. Viel eher noch als das, was man von einer „Liebesgeschichtenerzählerin“ erwartet, ist er das eigentliche Thema der Marie: der Vater, der nach dem enttäuschten Kaiser-Gehorsam nathlos zum Gottesgehorsam wechselte und Marie unbewusst im Geiste des calvinistisch geprägten Teils der Niederlande erzog. Aber sei es drum: Ist die Vater-Tochter-Beziehung nicht auch eine Liebesgeschichte? Die, aus der sich weitere entwickeln? Insofern folgt Marie dem Leitsatz ihres altes Deutschlehrers: Schreiben heißt ordnen. Auch einordnen. Im Zug auf der Rückfahrt von den Niederlanden am Rhein entlang ordnet Marie das Recherchierte in ihr eigenes Leben ein: Sie ist eine Überlebende und sie ist stolz darauf. Marie ist fest entschlossen, noch vor ihrem Fünfzigsten sich im Familienleben einen neuen Platz als „Liebesgeschichtenerzählerin“ zu erobern und keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, was vor den Augen der Eltern und des Ehemanns Bestand haben könnte. Und vor allem will sie nicht mehr den vom Vater eingebimsten Familien-Imperativ „Schlucks runter, schlucks runter“ befolgen. Immerhin.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Kategorie: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Verlag: Rowohlt

Belgravia

Belgravia von Julian Fellowes

Lady Mary ist glücklich, Lady Edith ist glücklich, Carson und Mrs Hughes auch, das vom Schicksal so gebeutelte Ehepaar Bates ist glücklich, wenn sie nicht gestorben sind und selbst Unter-Butler Thomas ist geläutert und belohnt. Alle sind glücklich, nur das Publikum nicht. Aus dem einfachen Grunde, dass eine der grandiosesten Fernsehserien der letzten Jahre zu einem unwiderruflichen Ende gekommen ist. Die Rede ist – natürlich – von Downton Abbey. Dieses einzigartige Vergnügen zu verdanken hatten wir in erster Linie Julian Fellowes, aus dessen Feder die epische Geschichte der Crawleys floss. Doch Abhilfe naht. Es gibt ein Trostpflaster und ein gar nicht mal so kleines:

Belgravia, der neue Roman des mittlerweile selbst in den Adelsstand erhobenen britischen Kultautors. Mit der Veröffentlichung wurden neue Wege beschritten. Belgravia ist als digitaler Fortsetzungsroman komponiert, eine Serie zum Lesen. In Deutschland wurde Belgravia seit Anfang Oktober digital in insgesamt 11 Folgen veröffentlicht und ist seit kurzem auch als kompletter Roman verfügbar, digital und klassisch.

Belgravia von Julian Fellowes

Belgravia ist seit dem Beginn der Industrialisierung der Londoner Stadtteil, der wie kein anderer für Luxus und adeligen Lebensstil steht. Dort leben Lady und Lord Brockenhurst, die ihren einzigen Sohn in der Schlacht von Waterloo verloren und deren Erbe nun der nichtsnutzige Neffe sein wird. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Oder besser gesagt, geschah. Denn es gibt ein Geheimnis, von dem sie lange nichts ahnen.

Die Geschichte um dieses Geheimnis nimmt seinen Anfang am Vorabend der Schlacht von Waterloo, in Belgien auf einem Ball der Herzogin von Richmond. Ein Ball, dem bis heute der Mythos des Legendären anhaftet. Auf der anderen Seite des Geheimnisses steht die Familie Trenchard, durch geschäftlichen Erfolg zu Geld und einem luxuriösen Lebensstil gekommen, allerdings nicht zu gesellschaftlichen Renommee. Denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts steht man erst ganz am Anfang einer Zeit, in der sich die adelige Gesellschaft von Belgravia mit der der Emporkömmlinge und abschätzig als Kriegsgewinnler bezeichneten Neureichen überschneidet. Der Großteils des Romans ist der Aufdeckung eben jenes Geheimnisses gewidmet, ein Geheimnis, dessen Aufdeckung die Lebenswege aller Beteiligten unwiderruflich verändern wird.

Wer an die Vielfalt des Downton Universums gewöhnt ist, wird auch hier nicht enttäuscht. Alles da, alles drin: Die prunkvollen Häuser, Teenachmittage, Dinnerpartys, die Bediensteten, die mal loyal, mal intrigant in das Leben ihrer Dienstherren eingreifen. Liebe, Hass, Ehrgeiz, Intrigen, Mordversuche. Fellowes lässt auch in Belgravia nichts aus, gewohnt historisch genau, detailverliebt – nur, dass man sich den Film zum Geschehen diesmal selbst vorstellen muss. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Eine der Nebenwirkungen der Veröffentlichung in Episoden ist das Geühl, ein fast fertiges Drehbuch zu lesen.

Zunächst einmal profitiert aber der Roman davon, dass das Buch nicht in klassischen Kapiteln, sondern episodisch erzählt wird. Befreit von üblichen Kapitelbögen kann sich die Dynamik der Geschichte bestens entfalten, die Erzählung hat eine stark vorwärts treibende Kraft und lässt genug Platz für die von seinem Publikum so geliebte detailgetreue Zeichnung des Settings. Gleichzeitig liegt darin aber auch die Schwäche des Romans. Die Episoden konzentrieren sich zu sehr darauf, die Entwicklung der Geschichte voranzutreiben und vernachlässigen die Entwicklung der Charaktere.

Die handelnden Personen kommen über eine eindimensionale Ebene nicht hinaus, sie bleiben entweder grundgut oder unauflösbar böse. Die Entwicklung und Vielschichtigkeit der Charaktere war auch ein Grund mit für den enormen Erfolg von Downton Abbey und wird in Belgravia schmerzlich vermisst. Dennoch ist die Geschichte schön zu lesen, ein guter Schmöker für trübe Herbsttage und ein Trost für die trauernde Downton Abbey Fangemeinde. Denn in einem bleibt Fellowes sich treu. Die Zeit, eine Moral von der Geschicht‘ zu vermitteln, hat er sich genommen: Belgravia zeigt, wirkliche Liebe überwindet alle Hürden.


Kategorie: Belletristik, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Romane
Verlag: C. Bertelsmann München

Fremde Gäste

Fremde Gäste

1922, London im Jahr 4 nach dem Ende des ersten Weltkriegs: Die Stadt ist geprägt von sozialen Unruhen, die hermetisch in Klassen abgeriegelte bürgerliche Welt ist im Umbruch. Im vornehmen Süden der Stadt sitzt die alte Mrs. Wray in einer hochherrschaftlichen Villa, die sie kaum noch halten kann. Ihre Söhne sind gefallen, ihr Mann vor Gram und Kummer verstorben, nicht ohne vorher noch das Familienvermögen durch gewagte Investitionen verschleudert zu haben. Geblieben ist ihr nur Tochter Frances, die auf dem besten Weg ist, eine alte Jungfer zu werden. Die beiden Damen müssen ohne Dienstboten auskommen, Frances übernimmt alle Arbeiten im Haushalt und seien sie noch so niedrig. Während die Mutter vor Scham vergeht, scheint es, als ob Frances sich mit der Fron für etwas selbst bestraft.

Fremde Gäste Die Damen Wray sehen sich in ihren schwierigen finanziellen Verhältnissen gezwungen, Mieter aufzunehmen. Ein junges Paar aus der Arbeiterklasse, Lilian und Leonard, zieht ein. Scheinbar modern sind sie, ausgelassen und jung, sie glauben an eine bessere Zukunft. Mit ihnen verändert sich alles, nicht nur die mühsam gewahrte Ruhe und Routine im Haus. Wecken Lilian und Leonard zunächst nur die Neugier der Damen Wray, üben beide bald schon auf Frances eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Sie zwingen sie, ihre eigenes Leben und einiges aus ihrer gar nicht so unbeschriebenen Vergangenheit neu zu überdenken. Hat sie ihre Verarmung, ihren Rückzug in traditionelle Werte und Pflichten nicht als eine Art Schutzschild mißbraucht?.Dazu kommt vor allem Leonards zupackende Art, mutig und ehrgeizig im Leben voranzukommen, die Frances zeigt, dass es auch in und an einem selbst liegt, was man aus seinem Leben macht.

Doch niemand hätte am Anfang gedacht, wie weitreichend und wie verheerend die Folgen wachsender Vertrautheit zwischen Frances und dem Paar seien könnten. Denn Frances will direkt etwas, was für die damalige Zeit undenkbar und unerhört ist und das führt schließlich zu dem sich entfaltenden Drama. Die Spannungen im Haus gipfeln in einem tödlichen Streit, der letztlich eine schwer vermeidbare Folge der neuen Ordnung und ihrer Möglichkeiten war. Ab diesem Punkt entwickeln die Ereignisse ein Eigenleben, es ist fast ein Schneeballsystem, das Lilian und Frances in Gang setzen. Die Frage ist zum Schluß nur noch, werden sie die Letzten sein in diesem System oder doch diejenigen, die damit durchkommen?

Mehr soll hier an dieser Stelle nicht verraten werden, denn Sarah Waters erzählt über fast 600 Seiten zwar eine fesselnde Geschichte, doch die Spannung speist sich hauptsächlich aus ihrer Erzählkunst. Der eigentliche Plot wirkt zusammengefasst betrachtet recht banal, aber Waters macht aus der zugrunde liegenden Situation, dem Verlust des Schutzes der Klassenzugehörigkeit, eine quälend spannende von Zärtlichkeit und Leidenschaft getragene Sozialstudie.

Waters große Kunst liegt in ihrer Detailgenauigkeit, man könnte fast sagen, Detailversessenheit. „Fremde Gäste“ ist ein minutiös aufbereitetes Kostümdrama in Schriftform, die Genres Krimi, Justizdrama und lesbischer Liebesroman als unerwartete, aber unerschrockene Beigabe dazu gemischt. Spannender als der eigentliche Plot ist die Schilderung der Atmosphäre, der Milieus im Nachkriegslondon aus weiblicher, noch dazu aus lesbischer Sicht. Eine Perspektive, ein Aspekt, über den man niemals in Geschichtsbüchern lesen wird. Genauso wie man in Geschichtsbüchern auch nie mit akribischen Schilderungen des Alltags und der Anstrengungen, die es kostet, den Schein bürgerlicher Ordnung wenigstens notdürftig aufrechtzuerhalten, konfrontiert wird. Als reine sachliche Beschreibung wäre dies wohl auch langweilig, aber eingebettet in den Kontext einer Romanhandlung entfalten gerade diese Teile des Romans einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Waters läßt sich viel Zeit, ihre Erzählung zu entfalten, aber es wird an keiner Stelle langweilig. Ein wenig erinnert ihre Erzählweise an die vielgelobten Serien wie Mad Men oder Downton Abbey, deren besonderer Reiz auch in der detailverliebten Zeitbeschreibung liegt.

Sarah Waters lässt mit den fremden Gästen eine verschwundene Epoche wiederauferstehen, mehr noch, sie zeigt die verborgenen Leben, die in dieser Epoche existiert haben und von denen man sonst ganz sicher nie etwas erfahren hätte. Dabei sind beide Milieus, sowohl das Arbeitermilieu als auch das der bürgerlichen Klasse akribisch genau rekonstruiert. Ihre Charaktere sind bis in die kleinste Nebenrolle scharf konturiert und durchweg glaubwürdig, wenn auch nicht immer sympathisch. Ein bißchen ins Lächerliche gezogen sind die Rollen der später hinzukommenden Polizei-Bediensteten, da wäre eine schärfere satirische Abgrenzung nicht verkehrt gewesen, um den teils arg an den Haaren herbeigezogenen Konstruktionen milde begegnen zu können.

Sarah Waters ist eine in Großbritanien sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Bekannt wurde sie mit Tipping the velvet, einem Roman, der auch sehr erfolgreich als Fernsehserie adaptiert wurde. In Deutschland ist sie eher einem Nischenpublikum bekannt. Leider wird sie oft auf die Rolle einer Autorin lesbischer Liebesromane reduziert, was ihrem Gesamtwerk meiner Meinung nach ganz und gar nicht gerecht wird. Um für mich zu sprechen: Ich persönlich bin ganz grundsätzlich kein großer Freund von reinen Liebesromanen, gleich welcher sexueller Ausrichtung. Aber ich lese sehr gerne Gesellschaftsromane und Sarah Waters beherrscht dieses Genre ganz eindeutig sehr gut.Ich würde daher die Beschreibung Autorin gut auserzählter und recherchierter Gesellschaftsromane, die (nicht immer) auch lesbische Themen behandeln, bevorzugen.

Auch in Fremde Gäste ist die lesbische Komponente für die Handlung nur insofern entscheidend, als sie die Außenseiterposition klärt und die zu dieser Zeit herrschende Moral literarisch einfängt, es ist keineswegs das entscheidende Merkmal des Romans. Was ich im übrigen gerade sehr gekonnt finde und was mit ein Grund dafür ist, diesen Roman uneingeschränkt zu empfehlen. Zumindest all jenen, die ebenfalls gerne episch lesen.


Kategorie: Historischer Roman, Kriminalromane, Romane
Verlag: Bastei Lübbe

Rechts blinken, links abbiegen

Rechts blinken, links abbiegen

Rechts blinken, links abbiegenAls junge Frau kam Sonja aus Jütland nach Kopenhagen, um ein Leben voller Spannung und Aufregungen zu führen. Nun ist sie in ihren Vierzigern und die Träume und Ideale ihrer Jugend nur noch schwer erinnerbar. Zwar hat sie einen begehrten Job als Übersetzerin millionenfach gelesener Kriminalromane eines schwedischen Erfolgsautors. Doch die düstere Grundstimmung und Hoffnungslosigkeit dieser Romane stößt sie von Band zu Band mehr ab, immer schwerer fällt es ihr, für die Brutalität der Krimihandlungen Worte in ihrer Muttersprache zu finden.

Sie empfindet ihr Leben als festgefahren und beschließt als ersten Akt der Befreiung, endlich ihren Führerschein zu machen, doch sie scheitert schon daran, die richtigen Gänge einzulegen. Ganz zu schweigen von der richtigen Reihenfolge eines Abbiegemanövers. Rechts blinken, links abbiegen scheint ihr keine schlechte Metapher für ihr Leben zu sein. Dass ihre Masseuse Ellen als Metapher für die Verwerfungen ihres Lebens die nachlassende Spannkraft ihres Bindegewebes bevorzugt, hilft ihr hingegen weniger weiter.

Die Geschichte beginnt recht humorig, zunächst erwartet man eine witzige Emanzipationsgeschichte. Doch weit gefehlt. Rechts blinken, links abbiegen zeichnet eine selten dagewesene Aufrichtigkeit aus. Dorthe Nors erzählt von der Einsamkeit, unter der Alleinstehende in unserer auf Individualität bedachten Leistungsgesellschaft leiden. Sonjas Einsamkeit ist exemplarisch für viele, deren Lebenswege Abzweigungen genommen und nicht den Weg in klassische Gemeinschaftsmodelle gefunden haben. Sie fühlt sich von ihrer Unabhängigkeit überwältigt – und überfordert. Nur in der Natur fühlt sie sich freier und authentischer, doch in der großen Stadt gibt es die Natur nicht, die sie sucht. Wie überhaupt das Dänemark in diesem Buch ein relativ trostloses Land ist. No country for lonely people. Denn auch der Umgang mit anderen Menschen fällt Sonja immer schwerer. Was nicht Wunder nimmt, da diese genau wie Sonja selbst fast nur in ihrem eigenen Kosmos kreisen.

Rechts blinken, links abbiegen ist ein schonungsloser Roman, aber er ist angenehm frei von Larmoyanz. Dorthe Nors gelingt das Kunststück einer zärtlich geschriebenen Geschichte über eine einsame Frau an dem Punkt ihres Lebens, wo sie nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt ist. An dem Punkt, an dem es klug wäre, die Richtung zu bestimmen, die ihr Leben nehmen soll. Doch wie soll sie das Steuer ihres eigenen Leben herumreißen, wenn sie nicht einmal die Gänge des Fahrschulautos richtig einlegen kann? Nun, Gänge richtig einlegen, das lässt sich mit viel Geduld und Willen lernen. Aber gilt das auch für die Weichenstellungen des Lebens? Muss man nicht erstmal wissen, wonach genau man sucht? Genau wie man auf einer Strassenkarte den richtigen Weg markiert? Sonja jedenfalls wird umso mutiger in ihren Überlegungen zur Lebensplanung, je besser es in den Fahrstunden mit den Gängen klappt. Langsam beginnt sie zu verstehen, dass Einsamkeit nicht automatisch Freiheit bedeutet.

Dorthe Nors erzählt die Geschichte der Sonja in einer sehr zurückhaltenden Sprache, literarisch ausgereift, dabei angenehm und unaufdringlich zu lesen. Ihre Sprache ist klar und schonungslos, aber so empathisch, dass der Leser unmittelbar Sonja Gefühlswelt mit erlebt. Ein Hauch von Tragikomik durchweht die Geschichte. Unter der Oberfläche humoristischer Episoden liegt Trauer. Trauer über nicht ergriffene Chancen und verpasste Gelegenheiten. Diese Trauer trifft den Leser wohl auch deshalb so unvermittelt, weil jeder dieses Gefühl, dieses Bedauern kennt. Umso schöner, dass sich zum Ende hin die Tür zu einem Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit wenigstens einen Spalt breit öffnet. Möge Sonja diese Tür aufstoßen und hinduchgehen können.

Ihre Schöpferin, die dänische Autorin Dorthe Nors hat diese Tür für sich sehr weit aufgestoßen. Sie gilt als Dänemarks große Literaturhoffnung, wahrscheinlich die größte weibliche Hoffnung seit Tania Blixen. Dorthe Nors feierte erste Erfolge in Großbritannien und den USA und ist die erste Dänin, deren Kurz-Geschichten im New Yorker veröffentlicht wurden. In deutscher Sprache erschien bisher der Erzählband Handkantenschlag.


Kategorie: Biographien, Romane
Verlag: Kein & Aber Zürich

Doktor Wassers Rezept

Gustafsson Dr. Wasser

Gustafsson Dr. Wasser Lars Gustafsson sagte über sich selbst, er fühle sich als Philosoph, dessen Werkzeug die Literatur sei. Wie etliche seiner Werke unterstreicht auch sein letzter Roman „Dr. Wassers Rezept“ dies eindrücklich.

Gustafsson war einer der bekanntesten und bedeutendsten Autoren Schwedens, er verstarb im April diesen Jahres im Alter von 80 Jahren. Erst im letzten Jahr erhielt er den Thomas Mann Preis. Seine Dankesrede zur Verleihung ist noch auf seinem Blog nachzulesen. In dieser Rede bekennt er, dass er Thomas Mann auch deshalb bewundere, weil Mann die Trivialität des absurden Lebens aufheben und ihn in eine ganz andere Sphäre versetzen konnte. Diese Worte muten nun nach Gustafssons Tod an, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Umso mehr, als mit seinem letzten Buch ausgerechnet die Geschichte eines modernen Felix Krull zu seinem Vermächtnis wurde. Denn Gustafssons „Dr. Wasser“, der seine medizinische Laufbahn als Generaldirektor einer Klinik beendete und sich einen Namen in der Schlafforschung machte, ist gar kein Doktor med. Er ist „nur“ Bo Kent Andersson aus den schwedischen Wäldern, Fensterputzer und Hilfskraft in einer Reifenwerkstatt.

Der junge Bo Kent merkt früh, dass er klug ist, genau genommen: zu klug. Zumindest für das kleine schwedische Karbenning. In der Welt, in die er hineingeboren wurde, hilft ihm Klugheit nicht. Eigentlich müsste für ihn eine andere Welt her. Da findet er eines Tages die Leiche eines schon vor Monaten tödlich verunglückten Motorradfahrers – und dessen Papiere, die den Verunglückten ausweisen als Dr. Kurth Wolfgang Wasser, DDR-Flüchtling und approbierter Mediziner. Dieser Fund gibt ihm einen zufälligen Moment der Freiheit und er verwandelt den „eigentümlich durchsichtigen, fast unsichtbaren schmalen Typ aus Karbenning, die gläserne Mücke“ in einen angesehenen Wissenschaftler. Er entschied sich für den Identitätswechsel „nicht, weil ich mir besonders viel von diesem anderen versprach, sondern weil die Verführung, die von der Idee eines eigenen freien Willens ausging, unwiderstehlich war“. Nun verbringt er seinen Lebensabend als Gewinner, zumindest legen das die Ergebnisse seines Hobbys – Preisausschreiben in allen erdenklichen Formen – nahe. Aber hat er auch in seinem Leben gewonnen? Das ist die Frage, die ihn nun mit dem nahenden Lebensende vor Augen umtreibt. Kann es ihm wirklich reichen, dass er sich heiter fühlt und nicht unzufrieden?

„Doktor Wassers Rezept“ ist weit mehr als ein Schelmenroman über einen gewieften Hochstapler. Gustafsson erzählt mit der Geschichte seines Helden eine Geschichte über riskante Lügen, sinnliche Lieben und fragile Identitäten. Er folgt dabei allerdings keiner stringenten Chronik. Die Erzählung folgt – ganz Gustafssons Selbstverständnis entsprechend – einzig und alleine seinen philosophischen Gedankengängen. Die Versatzstücke des Lebens des Dr. Wasser werden dabei fragmentarisch nur zur Untermauerung der philosophischen Überlegungen gebraucht. Doch auch wenn die eigentliche Romanhandlung immer wieder unterbrochen wird, der doch man neugierig folgen möchte, ist „Dr. Wassers Rezept“ ein ungeheuer spannendes Buch. Spannend schon alleine wegen der Fragen, die das Buch aufwirft. Fragen, die sich wohl jeder zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens stellt. Die ganz existentiellen Fragen darüber, wer man ist, wie man zu dem wird, der man sein möchte, ob man überhaupt die Freiheit hat, selber zu bestimmen, wer man ist und welche Verantwortung man damit übernimmt. Noch spannender, weil Gustafsson sich nicht scheut, zumindest in Teilen Antworten zu geben: „Nein, einen Sinn hat das Leben nicht. Aber man kann ihm einen Sinn geben, vielleicht war es das, was ich tat“.

Ganz besonders spannend ist noch eine ganz andere Frage, die der Roman allerdings nur am Rande aufnimmt: Wie konnte Dr. Wasser damit eigentlich durchkommen? Wieso hinterfragte nie einer die doch so offensichtlichen Diskrepanzen in seiner Geschichte? Selbst die, die ihn aus seiner Kindheit noch als Bo Kent kannten, schluckten die phantastische Geschichte von der Adoption durch ein DDR-Ehepaar und fragten nie weiter nach. „Niemand war wirklich daran interessiert, die Fäden zu entwirren“. Gustafsson findet auch darauf eine Antwort: „Die Menschen füllen Lücken gerne aus. Das ist eigentlich nicht so merkwürdig. Leben ist eine sinnstiftende Aktivität. Leben heisst zu deuten.“ Eine Antwort von bestechender Logik, die eine weitere Frage aufwirft: Wen von unseren Mitmenschen kennen wir eigentlich wirklich und wollen wir ihn überhaupt wirklich kennenlernen? Reicht uns nicht vielmehr das Bild, das wir uns von diesen machen?

Immerhin muss man Dr. Wasser zugute halten, dass er gut war auf seinem Gebiet der Schlafforschung. Er hatte diesen Beruf nicht gelernt, aber er war seine Berufung geworden. Sein Fachgebiet hatte er sich schnell ausgesucht, schien es ihm doch eines der wenigen medizinischen zu sein, auf dem er keinen Schaden anrichten konnte. Hat man auch nicht alle Tage – einen Hochstapler, der keinem je geschadet hat. So zeichnet Gustafsson ganz en passant noch das Bild eines Menschen, auf den ihn in Ansätzen durchaus die Bezeichung „Psychopath“ zutrifft, dem man aber seinen friedlichen, verkreuzworträtselten Lebensabend dennoch gönnt.

Diese Rezension erschien ebenfalls in den Revierpassagen.de


Kategorie: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Verlag: Hanser

Die Seelenfischer-Tetralogie

Seelenfischer Teil 1

Seelenfischer Teil 1 In der ehrwürdigen Villa der Nürnberger Fabrikantenfamilie von Stetten finden Handwerker ein Geheimversteck, in dem rätselhafte antike Bücher und Manuskripte wohl schon seit Jahrhunderten vor sich hinstauben. Ist darunter vielleicht die Karte, die zum sagenumwobenen Familienschatz führt oder sind es geheime Dokumente, die die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern könnte? Der Bischof von Bamberg, Bruder des Hausherrn wird zu Rate gezogen und damit der Erste, der seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt. Er wird mit mittelalterlichen Methoden zu Tode gefoltert aufgefunden.

Wenige Monate später wird der junge Jesuit Lukas von Stetten, Neffe des Ermordeten, vom Generaloberen seines Ordens zu einem konspirativen Treffen beordert. Der schwer krebskranke Glaubensmann erteilt Lukas einen Geheimauftrag und lässt ihn schwören, Stillschweigen zu wahren. Eindringlich weist er auf die Gefährlichkeit des Auftrags hin. Lukas hat noch nicht einmal angefangen, seinen Auftrag auszuführen, da geschieht ein weiterer Mord und plötzlich findet er sich nicht nur im Zentrum der Ermittlungen wieder, sondern muss sich auch gegen diverse Geheimbünde wehren, die ihm unvermittelt und für ihn unvermutet auf den Fersen sind. Dann wird auch noch seine Zwillingsschwester entführt und Lukas steht alleine da. Alleine bis auf die Gesellschaft seiner Jugendliebe Rabea, die als Journalistin durch die Kriegsgebiete dieser Welt reist und nach sechs Jahren Funkstille bei ihm auftaucht. Offensichtlich weiß sie etwas, nur was? Soweit ganz grob zusammengefasst die Ausgangslage von Hanni Münzers Seelenfischer-Tetralogie, die einer der größten Erfolge deutscher Self-Publisher wurde.

Seelenfischer

Drei Bände gibt es, in denen Lukas, Lucie und Rabea sich diverser Machenschaften erwehren und gut gehüteten Geheimnissen auf die Spur kommen müssen. Band eins sind die Seelenfischer, Band drei und vier die Akte Rosenthal in zwei Teilen, zwischengeschaltet als Prequel Band 2 Das Hexenkreuz, welches die Vorgeschichte der Familie von Stetten erzählt. Hanni Münzer schaffte mit dieser Tetralogie ihren vielbeachteten Durchbruch, weitere Bestseller sollten folgen. Der renommierte Piper-Verlag wurde auf die Autorin aufmerksam und verlegte ihr Buch „Honigtot“ wie auch dessen Nachfolger „Marlene„, der im September erscheinen soll. Wiederum im Eigenverlag brachte Münzer den Roman „Solange es Schmetterlinge gibt“ heraus, durch den auch ich auf die Autorin aufmerksam wurde. Die Schmetterlinge und danach Honigtot habe ich mit Vergnügen, wenn auch nicht frei von Kritik gelesen, auch auf Marlene freue ich mich. Da lag es nahe, die Wartezeit mit den epischen Seelenfischern zu überbrücken. Zumal die Autorin sich trotz ihrer Erfolge lobenswerterweise nicht zu schade ist, die Bücher auch über die Kindle-Leihbücherei anzubieten.

Gut. Also die Seelenfischer. Wie soll man sagen? Sie sind nicht schlecht, aber – die Abers überwiegen. An die Qualität von Honigtot oder den Schmetterlingen kommt das Seelenfischer-Epos, welches der Autorin nach wie vor am Herzen liegt, bei weitem noch nicht heran. Auch wenn es hart klingt – aber man merkt deutlich, gerade auch im Vergleich mit den Nachfolgern, dass es ein Debüt ist. Ein zwar ambitioniertes, aber dennoch: ein Anfängerbuch. Bei der Lektüre von Honigtot und den Schmetterlingen dachte man noch, ja gut – da schießt sie manchmal übers Ziel hinaus, lässt ihre Protagonisten etwas arg ausschweifend erklären, aber dafür ist die Handlung flüssig, sind die Dialoge meist ganz spritzig und die Charaktere liebevoll gezeichnet.

Bei den Seelenfischern jedoch ist davon noch nicht viel zu spüren. Die Figuren sind hölzern und kommen einem nicht wirklich nahe, die Handlung ist manchmal an den Haaren herbei und künstlich in die Länge gezogen, um plötzlich und unvermutet in einer nicht wirklich begründeten Auflösung ganz simpel zu enden. Gerade ist eine Bedrohung noch lebensbedrohend, doch drei Belehrungen und fünf semi-philosophische Exkurse später: zack fertig, die gerade noch mit dem Tod Bedrohte kann in ihr Leben hinausspazieren. Dafür wird an anderer Stelle weitergestrickt, einmal, ach was mindestens dreimal zu oft eine Rolle rückwärts vollführt, mindestens einmal zu oft mischt sich ein tot Geglaubter wieder fröhlich ins Geschehen ein und vor allem wird mächtig viel doziert. Vorzugsweise in Dialogen.

Nur ein Beispiel von vielen: Im Showdown der Akte Rosenthal Teil eins stehen sich die Journalistin und ihr Widersacher, der Drahtzieher allen Übels endlich gegenüber, es scheint zur finalen Klärung zu kommen und was ist? Die Beiden haben erstmal nichts Besseres zu tun, als in wohlgesetzten, hochtrabenden Worten die Hitparade diverser Verschwörungstheorien zu erörtern. nicht ohne dem Leser noch einen Abstecher in die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner zu gönnen. Davon war zwar bis dato noch keine Rede – kein Wunder, ist doch auch der Drahtzieher eher überraschend aus der Protagonistentorte gesprungen. (was ganz nebenbei bemerkt alles Miträtseln des Lesers vorher ganz undezent ad absurdum führt.) Aber immerhin: so ist schwupdiwupp mal wieder eine neue Wendung vollzogen, ein weiteres Thema untergebracht. Wenn es nicht so schrecklich ermüdend wäre, wäre es lustig.

Das kann man ohne Wenn und Aber sagen: An Hanni Münzer ist eine Lehrerin verloren gegangen. Nach eigener Aussage schreibt sie für ihr Leben gerne, aber noch offensichtlicher doziert sie gerne. Breitet ihr ganzes Wissen aus, kein Thema zu abseitig, um nicht noch Eingang in die Seelenfischer gefunden zu haben. So ziemlich alles, was in den 2013 Jahren vor Erscheinen des Werkes eine Meldung wert war, ist verwurstet und leider auch erklärt. Auf die Allgemeinbildung ihrer Leser scheint sie zumindest nicht allzu sehr zu vertrauen. Die Seelenfischer wurden gerne als Mischung aus Dan Brown und Rosamunde Pilcher bezeichnet, in beiden Fällen noch etwas arg hoch gegriffen, aber ganz falsch lag man damit nicht. Der Autorin hat es wohl gefallen, denn so episch wie sie geworden sind, waren die Seelenfischer zunächst nicht angelegt. Aber es kamen während des Schreibens immer neue Meldungen hinzu, für die sich doch wohl noch ein Plätzchen finden würde. Und Romantik und Erotik wurde erbeten. Kein Problem, auch das packte Frau Münzer ganz locker rein. Gerade das mittelalterliche Prequel bot sich da ja an. Und da der vierte Teil noch Platz satt bot, wird direkt noch dem nur mäßig getarnten Limburger nunmehr Ex-Bischof ein Opfergewand angezogen und – nur keine Scheu davor, gleich das ganz große Faß aufzumachen – mal eben das globale Energieproblem gelöst. Respekt. Im Nachsatz sogar mit diversen Links belegt. Und Verweisen auf Literatur aus dem Kopp-Verlag. Das lasse ich jetzt mal unkommentiert so stehen.

Was die Vergleiche mit Autoren-Vorbildern angeht, in einem (aber nur in diesem) Punkt setz ich noch einen drauf. Mir fällt da ganz spontan noch eine Autorin ein, die für ihr Leben gerne doziert und unbedingt ihre enorme Allgemeinbildung beweisen muss: Siri Hustvedt. Die immerhin packt ihre Belehrungen in Fußnoten, da kann der Leser sich wenigstens noch frei entscheiden, ob er sich das antun will. Alles in allem kann man die Seelenfischer trotzdem lesen, gerade für den Kindle, den man oft unterwegs dabei hat, sind sie eine gute Alternative. Aber – sie sind kein Bildungsroman à la Hustvedt, kein Thriller à la Brown und auch keine romantische Geschichte à la Pilcher. Sie kratzen nur an der Oberfläche dessen, was die Autorin kann und später auch gezeigt hat. Sehr schade für die viele Arbeit, die sicher darinsteckt und die guten Absichten. Man kann deutlich sehen, auch Frau Münzer musste erst lernen, dass schreiben können leider auch streichen können bedeutet. Auch in den späteren Werken wird noch ein bißchen zu oft und zuviel doziert, aber es hält sich in zumutbaren Grenzen. Frau Münzer kann flüssig und packend erzählen, sie kann Dialoge und am besten wird sie dort, wo man ihre Sympathie für ihre Protagonisten klar erkennt. Natürlich ist es toll, wenn Bücher so gut recherchiert sind, aber man muss dem Leser nicht jedes Recherche-Ergebnis mitteilen. Er kommt auch so klar.

Exkurs 1 : Was Frau Münzer allerdings wohl bereits zu Anfang gewusst und beherzigt hat und woran sich viele, leider zu viele andere Self-Publisher dringend ein Beispiel nehmen sollten: Sie hat sich ein vernünftiges Korrektorat gegönnt. Die Bücher enthalten tatsächlich keine Fehler. Kein Rechtschreibfehler, kein Grammatikfehler, kein Kommafehler. Das sollte eigentlich nicht weiter erwähnenswert sein, ist es aber bedauerlicherweise doch. Und ich bin nicht die einzige Rezensentin, die sich weigert, Bücher, welche vor Fehlern nur so strotzen, zu besprechen. Oder auch nur zu Ende zu lesen.

Exkurs 2 : Auf der Amazon-Seite der Seelenfischer findet man die ++breaking news++ , der Vatikanstaat habe Hanni Münzer den Zutritt verwehrt. man vermutet aufgrund der Enthüllungen in ihrem Werk über die Kirche und den Jesuitenorden, sowie ihrer kritschen Äußerungen darüber. Ganz ehrlich – ich glaube das nicht. Also den verwehrten Zutritt schon. Das glaube ich sofort und ohne jeden Nachweis. Aber der Grund wird ein anderer sein. Enthüllungen und kritische Äußerungen sitzt die Kirche für gewöhnlich milde lächelnd einfach aus. Nein, der Grund liegt nach meinem Dafürhalten im erdichteten Jesus Evangelium. Denn auch hier ist die Autorin deutlich über’s Ziel hinausgeschossen: Jesus ein eigenes Evangelium nachzusagen, welches unter Verschluss gehalten wird, ist eine Sache. Kann man machen. Ist sie nicht die Erste und auch das würde die Kirche milde lächelnd durchgehen lassen . Aber dieses Evangelium dann als Epilog auch noch zu schreiben, Jesus Worte in den Mund zu legen und seien sie auch noch so edel – das ist exakt die Art Anmaßung, die eine Kirche – nicht nur die katholische – nicht duldet. Nur mal so angemerkt.


Kategorie: Belletristik, Romane
Verlag: Kindle Edition

Im diplomatischen Dienst

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41KYJ73ECEL._SX261_BO1,204,203,200_Auf Empfehlung eines Freudes, der im Berliner Auswärtigen Amt seinem Leben als Berufsbeamter frönt, habe ich dieses Buch verspeist. Im Vorfeld wurde mir gesagt, es sei erstaunlich, wie exakt der Autor den Zustand im Bauche der deutschen Diplomatie beschrieben habe.

Protagonist Harry von Duckwitz hängt seinen Beruf als Anwalt an den Nagel und tritt in den diplomatischen Dienst ein, der ihn unter anderem nach Kamerun und Ecuador führt. Er gibt sich dabei als Enfant terrible der Behörde und versucht auszuloten, wie weit man mit Indiskretionen und Provokationen gehen kann, um entlassen zu werden. Letztlich interessiert ihn jedoch nur die Damenwelt. Er heiratet Rita, eine bildschöne Inderin und pflegt eine Ménage-à-trois mit seiner alten Freundin Helene.

Beschrieben wird in dem Roman aus dem Jahre 1992 die Zeit von 1975-1990. Es endet mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und bietet Einblicke in einen Teil der jüngeren deutschen Geschichte, der schon größtenteils wieder vergessen ist.

Nach der insgesamt durchaus vergnüglichen Lektüre habe ich allerdings jeden Respekt vor Diplomaten verloren. Von Westphalen beschreibt sie als eine faule Bande, die neben dem Besuch von Parties ihr Tagewerk mit dem Verfassen von Berichten verbringen, die ungelesen in Leitz-Ordnern verschwinden. Ein Diplomat sei »ein typisches Exemplar der menschlichen Gattung, feige, falsch, vorsichtig, machtlos, untätig und mit vernageltem Gesichtskreis«, lässt er Harry von Duckwitz sagen. Ob sich in dieser Hinsicht etwas in den letzten 25 Jahren verändert hat, wage ich zu bezweifeln.


Kategorie: Romane, Satire
Verlag: dtv München

Ein Mann namens Ove

oveDer Mensch muss eine Funktion haben, findet Ove, die Hauptfigur dieses Romans aus Schweden. Und er hat immer funktioniert, daran kann niemand rütteln. Er hat alles getan, was die Gesellschaft von ihm verlangte: Er hat gearbeitet, ist nie krank gewesen, hat geheiratet, die Hypothek abgetragen, Steuern bezahlt, seine Sache gut gemacht, ein ordentliches (schwedisches) Auto gekauft und nun erfährt er mit 59 den »Dank« der Gesellschaft, indem sein Arbeitsgeber ihn funktionslos macht und vor die Tür setzt.

Ove ist damit eigentlich am Ende, zumal seine geliebte Sonja, mit der er 40 lange Jahre liiert war, an Krebs verstorben ist und ihn einsam und allein zurückließ. Er sucht Wege, seiner Frau zu folgen, doch dies misslingt immer wieder, weil seine Nachbarn ihn derart nerven, dass er nicht mal in Ruhe aus dem Leben scheiden kann. Dafür blättert aus der harten Maske des schrulligen Eigenbrötlers nach und nach ein durchaus liebenswerter Mann, der aufgrund zweier goldener Hände nahezu alles kann – von der Reparatur von Fahrrädern über das Entlüften von Heizungen bis hin zum fachgerechten Einparken von Fahrzeugen mit Hänger.

Frederik Backman hat ein wundervolles Porträt eines Kauzes geschaffen, den es wohl nicht nur in Schweden gibt. Durch geschickte Rückblenden erfährt der Leser viel über die Entwicklung seines Heldens und dessen Sichtweise der Welt, die immer wieder auf »die gute alte Zeit« zurückgreift, in der alles noch von Menschenhand gemacht und von Sachverstand geprägt war.


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Die Muchachas-Trilogie

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So schnell kann es gehen. Gerade noch feierten wir ein frohes Wiedersehen mit Josephine Cortès und ihren Töchtern, tanzten mit ihr in den Tag, stürzten uns kopfüber ins Leben, schon müssen wir uns wieder verabschieden und lassen liebgewordene Muchachas „nur einen Schritt vom Glück entfernt“ zurück.

Teil drei der neuen Trilogie von Katherine Pancol ist erschienen und ihre LeserInnen schauen zurück auf einen Frühling, der von ganz besonderen Freundinnen begleitet wurde. In den Monaten März, April und Mai erschien jeweils ein Teil der Muchachas-Saga und versorgte uns mit sehnlich erwarteten Neuigkeiten über die Frauen, die uns teilweise schon seit Katherine Pancols erster Trilogie so vertraut waren. Die Schicksale der Muchachas werden unabhängig voneinander erzählt, wobei sich ihre Wege gelegentlich kreuzen. Wir lesen von ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Schicksalen, aber eines verbindet die Frauen: der Wille, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und ihm das Beste abzutrotzen.

Die Erwartungen waren nach der überraschenden ersten Trilogie hoch geschraubt und – auch wenn ich die Muchachas sehr gerne gelesen habe – der Nachfolger erreicht die selbst gelegte Latte nicht ganz. Die Geschichten sind nicht so dicht wie von der Autorin gewohnt und kratzen wenig mehr als die Oberfläche. Katherine Pancol erzählt Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Mode und Kunst, vom Leben in großen Städten und bodenständigen ländlichen Gebieten, von Rache und großen Gefühlen. Das alles in ihrem ganz eigenen Stil: mal plaudert sie unterhaltsam , mal gleitet sie unvermutet in nachgerade phantastische Geschichten ab, immer aber mit viel Liebe und Empathie zu ihren Figuren. Katherine Pancol ist eine Erzählerin, die mit Herzblut erzählt, man könnte sagen, in gutem Sinne ist sie eine begnadete Märchenerzählerin. Das kann sie, damit macht sie ihren LeserInnen viel Freude. Aber – sie wäre gut beraten, wenn sie es auch dabei belassen würde.

Was sie nicht kann, ist Sozialkritik. Sie erzählt in den Muchachas in bekannter Manier von der ehrgeizigen Hortense, der talentierten Geigerin Calypso, der verträumten Josephine. Dass sie zwischendurch Anleihen bei Erfolgsformaten wie Sex and the City nimmt – geschenkt. Kann man machen, hätte sie eigentlich nicht nötig. Aber all diese Geschichten reichen ihr diesmal nicht. Sie hat den Ehrgeiz, ein dunkles Thema mit in ihren Roman zu packen – und verhebt sich daran ganz gewaltig. Es geht diesmal auch um Gewalt in der Ehe und Mißbrauch in der Familie. Im Nachwort erzählt sie eine beobachtete Begebenheit, die sie zu diesem schweren Thema gebracht hat. Dieser Bericht ist wahrhaftig und macht betroffen, man glaubt der Autorin sofort, wie wichtig es ihr danach war, dies in ihre Bücher mit aufzunehmen.

Alleine – sie schafft es nicht, diese Betroffenheit, diese Wahrhaftigkeit mit in die Erzählung zu nehmen. Sie bleibt ihrem Märchenstil treu, wirkt dadurch vage und das hinterlässt beim Leser ein äußerst schales Gefühl. An keiner Stelle, zu keiner Zeit wird wirklich klar, warum Leonie – die mißhandelte Ehefrau und Frau – das alles einfach so hingenommen hat und schon gar nicht, wie sie zulassen konnte, was mit ihrer Tochter geschah. Die Erklärungsversuche im dritten Band jedenfalls sind noch weniger als halbherzig. Wo Pancol es sonst an jeder Stelle mit Leichtigkeit schafft, den Leser zum Komplizen zu machen, hier verärgert sie. Klassischer Fall von gut gemeint ist noch nicht gut gemacht.

Den ungetrübtesten Lesespaß hat man daher mit Band 2, in dem sich vor allem Hortense und ihr Umfeld kopfüber ins Leben stürzen und die Geschichte von Leonie und ihrer Tochter außen vor bleibt. Zu Beginn von Teil 3 haben es alle Figuren an einen Wendepunkt geschafft, von dem aus sie dem Ende ihrer Geschichten zustreben. Es liegt bei ihnen selbst, wie sie das Erlebte verarbeiten, sie haben es selbst in der Hand, den letzten Schritt zum Glück zu wagen. Für einige ist dies die Zeit der Befreiung. Oder Hoffnung. Das ganz besondere Markenzeichen der Autorin hier wie auch in der ersten Trilogie: Sie gesteht ihren Figuren das Recht auf Rache zu und ermöglicht damit den Lesern das Vergnügen einer erlebten Stellvertreter-Gerechtigkeit. Und bei aller Scheherazade-Phantasterei widersteht sie der Verlockung von grandiosen Happy Ends. Dabei hätte man ihr das noch nicht einmal übel genommen. Aber so bleibt die Hoffnung auf eine Fortsetzung. Auserzählt sind die Geschichten noch nicht. Da geht noch was.

Alles in allem: Trotz der bemängelten Stellen war es schön, diesen Frühling von den Muchachas begleitet zu werden. Wie die Jahreszeit verhießen auch die Geschichten der Freundinnen einen neuen Aufbruch. Leicht zu lesen, aber nicht so leicht zu vergessen. Sagen wir es mit der Autorin: „Niemand erinnert sich am Ende seines Lebens an die Nächte, in denen er gut geschlafen hat“. Aber an die Muchachas werden wir sicher noch ein bißchen denken.

Noch einmal der bereits in der ersten Rezension gegebene Hinweis: Die einzelnen Teile sind nicht ins sich abgeschlossen, die „Muchachas“ sind eher eine Serie zum Lesen als eine herkömmliche Trilogie.


Kategorie: Romane
Verlag: Carl´s Books

Die Geschichte der Baltimores

Baltimores

Baltimores Die Goldmans sind eine ganz besondere Familie, so besonders, dass es gleich zwei Clans von ihnen gibt: Der eine Teil lebt in Baltimore in Saus und Braus, der andere ein mühsames Mittelklasseleben im New Yorker Vorort Montclair. Die Großeltern benannten der Einfachheit halber ihre Familienzweige nach den Wohnorten und dabei ist es geblieben. Es gibt die Baltimores und die Montclairs.

Ein Hauch Grausamkeit schwingt dabei mit. „Die Baltimores“ wird immer mit leichter Ehrfurcht in der Stimme ausgesprochen, „die Montclairs“ eher abfällig betont. Marcus Goldman gehört zu den Montclairs, aber in den Ferien wird er zu einem Baltimore. Er bewundert den reichen Teil seiner Familie über alles und wäre nur zu gerne wie sie: erfolgreich, elegant und vom Habitus der Unbesiegbaren umweht. Mit seinem hochintelligenten, aber sozial schwachem Cousin Hillel und dessen wehrhaftem Freund Woody, den die Baltimores als zweites Kind im Hause aufgenommen haben, bildet er die Goldman Gang. Sie sind jung, sie haben Träume, gemeinsam sind sie unschlagbar. In Baltimore so scheint es, ist das Leben leichter und schillernder. Und ja – es ist DER Marcus Goldman. Der Schriftsteller, der uns schon das Buch im Buch über die wahre Geschichte des Harry Quebert geschenkt hat. Seit diesen Ereignissen sind zu Beginn des neuen Romans des Schweizer Ausnahmeschriftstellers Joël Dicker vier Jahre vergangen. Wir schreiben das Jahr 2012 und Marcus räumt in Florida das Haus seines Onkels Saul, des einstigen Baltimore-Onkels aus. Was mit dem Onkel geschah und seiner glanzvollen Familie – das erfahren wir zunächst nicht. Aber von Anfang wissen wir, dass das Märchen von den Baltimores ein brutales Ende haben wird.

Marcus trifft in Florida seine Jugendliebe Alexandra wieder, mittlerweile eine gefeierte Sängerin. Alexandra ist ein Teil der Geschichte, sie hat den Zauber der Baltimores nicht nur miterlebt, sondern auch mitgeprägt. Marcus wird von seinen Erinnerungen an die schönsten Monate seiner Jugend überrollt. Doch die Rückschau ist auch schmerzhaft, denn ihm wird klar, der Keim für die Katastrophe, welche über die Baltimores hereinbrechen sollte, wurde früh gelegt. Aber immer noch vermisst er die Goldman-Gang und er weiß, dass er diese nur zurückholen kann, wenn er von ihr erzählt. Eigentlich will er ihnen ein Denkmal setzen, aber auch ein noch so begabter Schriftsteller wie Marcus Goldman kommt an der Wahrheit nicht vorbei. Dennoch oder gerade deshalb schreibt er die Geschichte der Baltimores in einer Melange aus traditionellem Familienroman und coming-of-age Geschichte. Er berichtet vom Aufstieg und Fall der Baltimores und entlarvt dabei auch seine eigenen Selbsttäuschungen, Die Montclairs spielen eine untergeordnete Rolle, zunächst. Doch irgendwann wird klar, was Alexandra immer schon wusste: Dass die Montclairs der bessere Teil des Clans waren. Und am Ende nur die Menschen zählen, die man liebt und von denen man geliebt wird.

Wieder zeigt Joël Dicker, wie gut er Charaktere und Situationen zu zeichnen vermag, wie aufmerksam er menschliche Abgründe erfühlt und aus all dem dramatische Spannung erzeugt. Auch dieser Roman ist erstaunlich komplex, dabei mit Leichtigkeit auf verschiedenen Zeit-und Handlungsebenen beleuchtet. Nach und nach sehen wir, dass die Baltimores eine Familie sind, die viel Zeit damit zubringt, ihr eigenes Image zu pflegen. Vergangenes – und sei es noch so belastend – wird nicht aufgearbeitet, alle zeigen sich von ihrer besten Seite und es funktioniert. Die Großeltern, die Montclairs, Marcus – sie alle sehen nur das, was sie sehen sollen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht eine Katastrophe, auf die alles zusteuert, die aber keiner kommen sah. Zu perfekt war das Image. Ein weiteres wiederkehrendes Thema im Roman ist Eifersucht. Eifersucht, die nicht nur in der Liebe, auch in einer Freundschaft zum vorherrschenden Gefühl werden kann. Eifersucht ist ein beschämendes Gefühl, aber auch eines, das Energien freisetzen kann. Leider nur allzu oft düstere Energien, die in Verrat münden, wenn man sie nicht kontrollieren kann. Die Frage, wieviel Rivalität Freundschaft verträgt, wird zum Überlebenskampf.

In meiner Rezension zum erstem auf deutsch erschienenen Roman des Genfer Juristen und Schriftsstellers Joël Dicker „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ schrieb ich „Ein Buch wie ein Autounfall. Man will nicht hinsehen, tut es aber doch man kann einfach nicht aufhören, zu lesen. Vollkommen unmöglich.“ Mit der Geschichte der Baltimores ist es genauso, ganz genauso. Man sollte sich besser für die kommenden Tage nicht allzu viel vornehmen, wenn man mit diesem Buch beginnt. Der Roman zieht einen einfach zu tief in einen ganz besonderen Sog und das Schlimmste daran: Man weiß nicht wirklich, wie der Autor das macht. Joël Dicker bedient sich einer unprätentiösen, klaren Sprache. Seine Cliffhanger am Ende eines Kapitels sind nicht allzu spektakulär, seine Charaktere sind fein gezeichnet, so richtig verliebt man sich dennoch nicht in sie und dennoch: Man kommt einfach nicht weg von dieser Geschichte, man kann sich dem Zauber, den Dicker entfaltet, einfach nicht entziehen. Es ist, als ob man zur Familie der Goldmans gehört, als ob einem der Wind eine Geschichte erzählt, die Geschichte von Dir und mir, die Geschichte von uns allen. Dicker erschafft Welten, die einem fremd sind, zu denen man sich aber zugehörig gefühlt. Eifersucht, Neid, Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeit, der Wunsch, etwas darzustellen – das sind Gefühle, die jeder kennt. Gefühle, die jeden von uns antreiben. Und Dickers Geschichten erzählen davon, was diese Gefühle mit uns und unserem Beziehungsgeflecht machen und wo sie hinführen können. Vielleicht ist es das, was so fesselt an seinen Büchern: Er schafft Situationen, in die man sich gut hineinversetzen kann und man erkennt sich wieder, man will einfach wissen, wie es ausgeht, wenn eine Person so handelt, wie man es selber vielleicht schon oft gedacht hat. Und dabei ist die Geschichte phantastisch genug, dass sie den Zauber des uns Fremden, einer ganz anderen Welt darüber legt.

Das Buch endet acht Jahre nach der Katastrophe und wir erfahren noch, wie es den Überlebenden gegangen ist. Vor allem müssen sie erkennen, dass es die eine alles bestimmende Katastrophe nicht gibt. Es gibt nur Katastrophen, große und kleine, wenn auch manche Katastrophen so gewaltig sind, dass sie einen Schlusspunkt setzen. So banal, so schrecklich. Vielleicht müssen wir lernen, was der bewunderte Onkel am Schluss des Buches erkennt: Katastrophen sind unvermeidlich, sie haben im Grunde keine große Bedeutung. Wichtig ist nur, wie wir sie überwinden. Die letzten Seiten widmen sich der Versöhnung und hätten eine üble Kitschorgie werden können, aber Dicker bleibt auf seinem Kurs. Das Ende ist bittersüß mit einer Prise tieftraurig, aber auch ehrerbietend und sehr wahrhaftig. Weil es in wenigen Worten das Fazit resümiert, welches Dicker so sehr am Herzen liegt: man kann nicht glücklich werden, wenn man nicht verzeihen kann. Nicht nur denen, die einem etwas angetan haben, auch sich selbst.


Kategorie: Gesellschaftsroman, Romane
Verlag: Piper München, Zürich

Black Rabbit Hall

Black Rabbit Hall

Roman, Familiensaga

Klappentext:

Der Geruch nach Bienenwachs, das Summen des Globusses. Der Geschmack der Vergangenheit. Salzig, köstlich auf der Zungenspitze – das ist

BLACK RABBIT HALL

Amber Alton weiß, dass die Stunden auf Black Rabbit Hall, dem Sommersitz ihrer Familie, langsamer vergehen als anderswo. Es passiert nicht viel. Bis zu einem stürmischen Abend 1968. Vereint durch eine unfassbare Tragödie, müssen Amber und ihre drei Geschwister sich nun mehr denn je aufeinander verlassen.

Jahrzehnte später fahren Lorna Smith und ihr Verlobter Jon auf der Suche nach einem Ort für ihre Hochzeitsfeier durch die wilde Landschaft Cornwalls – und stoßen auf ein altes , leicht verfallenes , aber wunderschönes Haus…

Mein Umriss:

Lorna und Jon wollen heiraten. Weitab ihrer Heimatstadt London, in Cornwall. Auf einem alten Landsitz soll die Hochzeit gefeiert werden. Auf der  Suche nach Black Rabbit Hall will Jon schon aufgeben, als er in einen Beinaheunfall verwickelt wird und ihm der Bauer den restlichen Weg auf den Landsitz erklärt. Dort angekommen, sieht Jon das Gebäude nüchterner als Lorna. Er will ihr die Feier dort ausreden. Lorna jedoch verliebt sich auf Anhieb in das alte Gemäuer und bleibt sogar ein paar Tage, um mehr darüber zu erfahren.

Als sie Bruchstücke über die ehemaligen und auch der noch aktuellen Bewohner erfährt, sieht sie einen Zusammenhang mit ihrer eigenen Adoption und beginnt, näher zu forschen und stößt auf Dinge, die sie niemals für möglich hielt…

Mein Eindruck:

Schnell liest man sich in diesen Roman ein. Die Schreibweise der Autorin erinnerte mich etwas an die Bücher der Jahre 1950 bis 1970. Damals beherrschten die Autoren sie ebenso wie Eve Chase. Blumig, bildhaft, teils so detailverliebt, dass es schon unrealistisch ist und trotzdem einfach nur schön zu lesen. Nein, um anspruchsvolle Literatur handelt es sich bei diesem Buch nicht, aber das wollte Chase wohl auch nicht erreichen. Hier geht es nur darum, den Leser nach Cornwall zu entführen, ihn eintauchen zu lassen, in die Landschaft und diesen ehemaligen Landsitz, der zu verkommen begann, als sich der Herr des Hauses nach dem Tod seiner ersten Frau eine Nachfolgerung für sie ins Haus holte. Durch die Beschreibungen der Autorin, kommt es einem während des Lesens vor, als würde man mitten drin sein, die Gerüche wahrnehmen, den Wind, die salzige Meeresbrise und man hört die Kinder, die dort lebten.

Die Aufmachung des Buches verdient besonderes Lob. Der Schutzumschlag besteht aus Transparentpapier, auf dem der Klappentext und der Titel gedruckt ist. Nimmt man diesen ab, so erkennt man nur noch Black Rabbit Hall unter einem wolkenverhangenen Himmel.

Eben wie das Buch an sich, ist die Aufmachung auch eine Augenweide, die sich in jedem Bücherregal einen Sonderplatz verdient

Mein Fazit:

Nette Unterhaltung für entspannte Urlaubstage oder während einer längeren Bahnfahrt

Danksagung:

Mein Dank geht an den Blanvalet Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zukommen ließ. An Randomhouse geht mein herzlicher Dank, das Cover zum Zwecke der Veröffentlichung in Verbindung mit meiner Rezension veröffentlichen zu dürfen


Kategorie: Belletristik, Frauenliteratur, Romane
Verlag: Blanvalet

Götter

GötterIn Deutschland gibt es vier geheime Reservate, in denen, nach Geschlechtern getrennt, Männer und Frauen wie Sklaven gehalten und körperlich sowie sexuell durch sogenannte Götter ausgebeutet werden. Diese gebärden sich zu ihrem eigenen Vorteil als Herren über Leben und Tod und führen über ihre Untertanen ein strenges Regiment bis hin zur Todesstrafe.
Diesem Terrorregime entfliehen unabhängig voneinander Agnes und Günter. Sie treffen sich zufällig in der Freiheit, tun sich zusammen und müssen das zivilisierte Leben von Grund auf neu lernen. Mithilfe von Freunden gelingt ihnen dieser Prozess erstaunlich schnell. Zugleich entsteht bei ihnen der Wunsch, die vermeintlichen Götter zu entmachten. Werden sie diesen Kampf erfolgreich bestehen?

Agnes ist noch fast ein Teenager als ihr die Flucht aus einem dieser Reservate gelingt denn Sie wurde zum Tode verurteilt und musste fliehen. Seit Generationen werden in den Reservaten Frauen und Männer zum Arbeiten gehalten, Ihnen wird jegliche Bildung und Allgemeinwissen verwehrt. Das wurde im Laufe von 2 Jahrhunderten so intensiv und ausgeklügelt betrieben dass sogar die Existenz von Männern in den Frauenreservaten und umgekehrt die Existenz von Frauen in den Männerreservaten völlig unbekannt ist. Es wird nur gearbeitet und gebetet denn vor den Toren der Reservate lauern viele Gefahren und nur die „Götter“ können die Reservatsbewohner vor diesen Gefahren beschützen…!

Einmal in der Woche kommen die Götter in großen, lauten stählernen Vögeln ins Reservat, halten Gottesdienste ab und überbringen den Reservatsbewohnern wundersame und göttliche Sachen wie z.b Medikamente! Im Gegenzug nehmen Sie Geschenke in Form von angebautem Obst, Gemüse und Schnitzereien mit und man ist dankbar dass die Götter wohl gesonnen sind…! Besonders gläubige Frauen werden von den „Göttern“ auserwählt, bekommen einen göttlichen Trank und werden von ihnen mitgenommen…! Nach Ihrer Rückkehr ins Reservat verändern Sie sich dann meist nach ein paar Monaten denn Ihr Bauch wird dicker und scheint ein Eigenleben zu führen aber das sind nur die Dämonen die dank der Götter in den Körpern geweckt wurden und dabei sind ihn bald endlich zu verlassen…! Nach ungefähr 8 Monaten werden die Frauen erneut von den Göttern abgeholt und kehren dann „gereinigt“ zurück denn die Götter haben die Dämonen endlich aus den Körpern geholt, was eine Narbe am Bauch der Frauen beweist…! Ein paar Wochen später bringen die Götter dann oftmals ein Baby ins Reservat, welches natürlich ebenfalls sehr gläubig und gehorsam aufgezogen und in die Gemeinde integriert wird…!

So geschieht es seit Generationen aber die aufgeweckte und neugierige Agnes will sich mit diesem Leben nicht zufrieden geben! Warum ist es außerhalb des Reservates so gefährlich und was ist außer Herz, Lunge und Magen noch in unseren Körpern? Agnes fängt an sich heimlich ein paar Mäuse als Haus- und Forschungstiere zu halten und ist ganz verblüfft dass es nach kurzer Zeit viel mehr Mäuse sind! Wo kommen die kleinen Mäuse nur her? Haben die Götter sie gebracht? Agnes fängt an ihr Weltbild komplett in Frage zu stellen, an den „Göttern“ zu zweifeln und soll deshalb zum Tode verurteilt werden! Mit viel List gelingt ihr die Flucht tief in die Wälder, wo sie von nun an die Welt ganz neu entdeckt…!

Nach 3 Jahren in der Wildnis trifft sie zufällig auf Günther der erst kürzlich aus einem der Männerreservate geflohen ist weil auch ihm die Todesstrafe drohte…! Agnes und Günther freunden sich an und werden nach einiger Zeit sogar ein Liebespaar, was beide viel Überwindung kostet denn schließlich hatten sie noch nie Kontakt zum anderen Geschlecht, hatten ja auch gar keine Ahnung dass es überhaupt ein anderes Geschlecht gibt und selbstverständlich war in den Reservaten jeglicher Körperkontakt strengstens verboten…! Nach einiger Zeit wollen Agnes und Günther auch die Welt außerhalb der Wälder erkunden, stoßen dabei auf ein kleines Dorf und kommen mit der Zivilisation in Kontakt…!

Die Geschichte beginnt an der Stelle an der Agnes und Günther zum ersten Mal völlig verwundert vor der Kühltruhe eines Supermarktes stehen und dabei vom Kartoffelhändler Clemens beobachtet werden. Die Geschichte wird nämlich nicht nur aus Agnes´ Sicht erzählt sondern auch aus Clemens´ Sicht, aus der Sicht eines gewissen Rudolphs und aus der Sicht einer jungen Frau namens Inga Braun. Am Anfang fragt man sich öfter mal was diese Figuren mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben aber nach und nach verdeutlichen sich die Zusammenhänge und es entstehen allerlei Verbindungen zu den Reservaten. Auch den Geheimbund „der Streber“, der immer öfter zum Thema wird, kann man zuerst nicht richtig einordnen aber nach und nach ergibt alles einen Sinn und man erkennt wie viele Gedanken sich der Autor über Zusammenhänge und Querverbindungen gemacht hat…!

Als Agnes und Günther sich in der Wildnis kennen und lieben lernen, erinnerte mich dieser Teil sehr stark an „die Blaue Lagune“ und ich musste oftmals schmunzeln denn auch in diesen Teil hat sich der Autor ganz hervorragend hineinversetz!

Generell hat der Autor viel Liebe zum Detail bewiesen und ist auch auf den Übergang der beiden in die Zivilisation gut eingegangen. Die Geschichte umfasst einen Zeitraum von ca. 30 Jahren. Herr Hofmann hat sich wirklich sehr viele Gedanken gemacht und schafft es auch, diese doch schon ziemlich „an den Haaren herbei gezogene“ Geschichte plausibel zu erklären und zu begründen, wie es so lange möglich war mitten in Deutschland und in unserer heutigen Zeit solche Reservate zu „betreiben“ und zu verheimlichen…!

Ein wirklich tolles und spannendes Buch, das ich persönlich wirklich sehr empfehlen kann denn es hat mich total gefesselt!

Will Hofmann, geboren 1949, arbeitete nach dem Medizinstudium in Mainz. Er führte eine Praxis für Allgemeinmedizin in Berlin-Neukölln und ist seit seiner Studienzeit schriftstellerisch tätig. Er hat Kurzgeschichten, Fantasyromane und ein Kinderbuch veröffentlicht.


Kategorie: Dystopie, Romane
Verlag: Fabulus Verlag

Altes Land

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altesLandVera ist fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter auf dem großen steinernen Gutshof im alten Land, dem großen Obstanbaugebiet unweit von Hamburg strandet. Sie sind 1945 aus Ostpreußen geflohen, die wortkargen Norddeutschen heißen die Flüchtlinge nicht gerade willkommen. „Diet Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nenn’t ook noch sien“ steht über der Tür. „Von mi gift dat nix!“ ist der einzige Satz, den die alte Bäuerin zu den Flüchtlingen spricht.

Vera wird ihr Leben auf diesem Hof verbringen, aber mehr als „die Fremde“ wird sie nie sein – immerhin schon ein Fortschritt zum „Polackenkind“. Sie wird das Haus erben, jedoch nie die Kraft finden, es instandsetzen zu lassen. Es ist ihr Haus und doch nicht ihr Haus, ganz so wie die Inschrift über der Tür es dunkel prophezeit. Sechzig Jahre später steht ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn vor der Tür. Auch Anne ist ein Flüchtling, aber sie flüchtet nicht vor Krieg, Elend und Vertreibung, sie flüchtet aus ihrer Ehe, weil ihr Mann eine andere liebt und sie das nicht einfach sachlich abwickeln kann und will, so wie es die ungeschriebenen Gesetze der Hamburg-Ottenser Vollwert-Schickeria es diktieren. Nun will sie dort Fuß fassen, wo schon ihre Oma nie Fuß fassen konnte.

Vera und ihre Mutter waren preußisch bis in die Knochen, ungeachtet der ihnen entgegengebrachten Ablehnung kämpften sie stoisch und standesbewusst um ihr Bleiberecht. Die Mutter machte Nägel mit Köpfen, in dem sie den Sohn des Hauses heiratete, doch dann flieht sie weiter und schafft durch die nächste Heirat eine weitere Stufe der gesellschaftlichen Leiter im Wirtschaftswunderland. Ihre wunderliche Tochter Vera lässt sie bei ihrem ersten Mann auf dem Hof zurück. Vera erkämpft sich gegen alle Widerstände ein Studium und wird die Zahnärztin des Dorfes. Man begegnet mit einer Art widerwilligem Respekt, doch mehr ist es nie geworden.

Dörte Hansen gibt in ihrem Debütroman „Altes Land“ einen Einblick in das Leben und den Alltag der Menschen in den Elbmarschen, in ihre doch recht eigene Welt, ihre Wertvorstellungen und vor allem in die Maßstäbe, die sie an sich und gnadenlos auch an ihre Mitmenschen anlegen. Es ist die Welt des alten Hinni, der zwar drei Söhne, aber keinen Erben für seinen so penibel gepflegten Hof hat, des Bauern Dirk und seine Frau Britta, die ihren Obstanbau klassisch betreiben – sprich mit viel Chemie und die sich von den Stadtflüchtigen bedrängt fühlen. Von jenen „möchte-gern-Kreativen“, die es aus der Hektik der Großstadt hierhin verschlagen hat und deren Welt es nie werden kann. Die Sehnsucht nach der heilen Welt auf dem Lande -die Marotte unserer Zeit, man kennt das. In Wahrheit finden „die Stadtflüchtigen“ alles allenfalls pittoresk -solange es nur neu ist, aber alt aussieht und was hermacht und man es in Artikeln in Hochglanzmagazinen, die die Seele des gestressten Städters streicheln sollen, verwursten kann. Hauptsache, die „dickschädeligen“ Bauern kommen authentisch rüber.

Dem gegenüber stehen die Schilderungen der jungen alternativen urbanen Familien, die doch soviel spießiger und engstirniger sind als noch ihre Eltern. Während Dörte Hanse den knorrigen Menschen aus dem alten Land – ob Alteingessene oder „neu“ Hinzugezogene – mit Respekt und Verständnis begegnet, müssen die Übermütter und Väter aus Ottensen sich mit leichtem Spott begnügen. Das gelingt Hansen witzig, mit viel Wiedererkennungswert. Man kennt sie, die bemühten Eltern mit ihren Einkäufen im Bio-Supermarkt, den Baby-Schlafsäcken aus reiner Schafswolle, die ihre Kinder im stylischen Buggy vom Chinesisch für die Kleinsten zur musikalischen Früherziehung karren. Hochbegabte, wohin man schaut, die von in abgeklärten Beziehungen lebenden Eltern wohlwollend zu Höchstleistungen erzogen werden, biologisch korrekt ernährt und in politisch korrektem Sprech geleitet. In Unwissenheit der Tatsache, dass auch Sprache Heimat sein kann. Die Leute im alten Land wissen das, sie benutzen ihr Plattdeutsch als Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit, aber auch als Ausschlußtechnik. Dörte Hansen gibt diese Sprache in manchen Sätzen ganz bewusst so wieder, der Leser muss sie mehrmals lesen und sich laut vorlesen, damit er sie versteht. Aber so versteht er auch, was es heißt, als völlig Fremder in eine in sich geschlossene Gesellschaft zu kommen.

Anne, die gelernte Tischlerin nimmt sich schließlich des alten Hauses an, sie sorgt dafür, dass Wände trocken gelegt, Fenster erneuert werden und die alten Stützbalken wieder gestärkt werden. Sie, die völlig Fremde, wird dafür sorgen, dass ein Jahrhunderte altes Erbe bewahrt werden kann. Und sie sorgt dafür, dass Vera wieder schlafen kann. Auch wenn es bedeutet, dass sie selber wach bleiben wird und die Träume derer behütet, denen das Haus vielleicht doch noch eine Heimat wird – dadurch, dass sie gefunden haben, was sie eigentlich nie suchten – eine Familie. Die Handlung in „Altes Land“ ist recht überschaubar, seine Anziehungskraft besteht in Dörte Hansens Schilderungen. Das Buch lebt sowohl von den beschriebenen Gegensätzen, als auch von Dörte Hansens scharfem Blick, von ihrem trockenen Wortwitz und einem hintergründigen, oft erst auf den zweiten Blick erkennbaren Humor. Sie erzählt mit Distanz, die Verbindung zu den Charakteren muss man sich über eine längere Strecke „erlesen“.

„Altes Land“ steht seit Monaten auf den vorderen Plätzen diverser Bestsellerlisten. Mit ihrem Buch scheint die Autorin einen Nerv getroffen zu haben. Sie erzählt von der Suche nach Heimat, nach Zugehörigkeit, vom Fremdsein, von der Suche nach dem Platz im Leben. Ich nähere mich diesen Bestsellern ja nach diversen Enttäuschungen mit hoher Vorsicht, aber die Neugier überwog doch. Und – ich mochte das Buch. Sehr sogar. Es ist sehr behutsam erzählt, bei aller Distanz fühlt die Autorin sich gut ein in ihre Charaktere, Manche Personen sind liebevoll gezeichnet, andere wieder witzig, allerdings steht zu befürchten, dass wirklich keiner der Charaktere überzeichnet ist, auch wenn man es gelegentlich hofft. Alleine ihre Beschreibungen der Hamburger Vollwert-Eltern (das ist allerdings nicht Hansestadt-spezifisch, die gibt es mittlerweile überall, sogar im Ruhrpott) lohnt die Lektüre.

In etlichen Feuilletons war von „plumper“ Belletristik zu lesen, ich kann dem nicht zustimmen. Belletristik ja, ok. Sind wir wieder bei der alten Frage, warum ist das eine Abwertung? Es geht doch nichts über eine gut erzählte Geschichte. Und ich mochte nicht nur das Buch, welches in seinen besten Momenten an „die hellen Tage von Zsuzsa Bank“ erinnert, ich mochte durchaus auch das hoffnungsspendende Ende. Mein persönliches Fazit: Aufgrund der vielen abwertenden Rezensionen habe ich extra so lange gewartet mit meiner Beurteilung. Denn für mich ist ein Buch immer dann ein gutes Buch, wenn es lange nachwirkt. Altes Land habe ich noch im letzten Jahr gelesen und – es wirkt bis heute nach, ist mir bis heute präsent. Daher: Echte, uneingeschränkte Leseempfehlung.

Darüberhinaus – und davon kann in diesen unseren Zeiten gar nicht genug erzählt werden – „Altes Land“ gibt eine eindringliche Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich heimatlos ist. Und vor allem, wie es sich anfühlt, wenn man unerwünscht ist, obwohl man im Grunde nichts anderes will als überleben.

Die Journalistin Dörte Hansen lebt in der Nähe von Hamburg. Sie arbeitete als Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk und heute als Autorin für Hörfunk und Print. „Altes Land“ ist ihr erster Roman und ein erstaunlicher – meiner Meinung nach verdienter – Überraschungserfolg.


Kategorie: Romane
Verlag: Knaus München