Homali Sagina – Wie die Viecher

Homali SaginaImmer mehr Personen verschwinden spurlos aus Lindas Umfeld. Als schließlich sogar ihre geliebte Mutter wie vom Erdboden verschluckt ist, macht sie sich auf die Suche nach ihr. Eine Suche, die jedoch schnell in einem nicht enden wollenden Albtraum endet.
Auf dem Planeten Homali Sagina werden Menschen von Außerirdischen wie Tiere in enge, stinkende Käfige gesperrt und zur Gewinnung von Fleisch, Milch und Kleidung missbraucht. Menschen die gequält, ausgebeutet und geschlachtet werden, um die Gier einer überlegenen Spezies zu befriedigen.

Linda ist Mitte 20 und arbeitet, nicht besonders glücklich, als Krankenschwester in einem großen Krankenhaus. Dass Sie dort nicht glücklich ist, liegt aber nicht daran, dass Sie Ihren Job nicht mag, sondern eher an den Kolleginnen. Außerdem gibt es noch den Arzt Dr. Tristan Schönbeck, der ein Auge auf Linda geworfen hat und sie immer wieder belästigt.

Zu Hause wartet dann auch noch ihr fauler Freund Sven auf sie, der sein Leben nicht auf die Kette bekommt, ständig sein Studienfach wechselt und eigentlich lieber den ganzen am PC spielt als zur Uni zu gehen oder zumindest im Haushalt zu helfen.

Als dann auch noch Lindas Mutter verschwindet, ist das alles zu viel für sie, und Linda beginnt auf eigene Faust, nach ihr zu suchen. Die Suche endet aber, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat, und Linda erwacht in einem engen Käfig, auf einem fremden Planeten zwischen anderen entführten Menschen und ausgerechnet der verhasste Dr. Schönbeck sitzt auch noch in diesem Käfig …

Eine sehr ungewöhnliche Geschichte und eine sehr ungewöhnliche Lektüre für mich, denn Science-fiction ist eigentlich  nicht mein Ding. Die Geschichte klang aber so interessant und ausgefallen, dass ich dem Buch einfach eine Chance geben wollte, und ich habe es absolut nicht bereut!

Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich die Außerirdischen, die von der Autorin geradezu lächerlich beschrieben werden. Es handelt sich um orangefarbene, knetgummiartige Wesen mit Elefantenrüsseln und Tentakeln auf dem Kopf, die sich durch meerschweinchen-ähnliche Laute verständigen, und ich dachte noch: „Na, das kann ja nichts werden.“ Wie sehr ich mich da doch getäuscht habe ,denn ihr lächerliches Aussehen machen die Außerirdischen vom Planeten „Homali Sagina“ durch ihre extrem grausamen Taten wieder wett und bilden somit einen krassen und sehr interessanten Kontrast.

Die Geschichte ist extrem heftig, blutig, brutal und absolut nichts für Leser mit schwachen Nerven oder empfindlichen Mägen. Selbst mir ist an einigen Stellen  flau geworden.

Das Krasse an der Geschichte ist aber, dass den Menschen auf Homali Sagina wirklich nichts anderes angetan wird, als das, was wir auf der Erde täglich Millionen von Tieren für die Fleischindustrie antun. Es wird gemästet, gerupft, geschlachtet, kastriert, gezüchtet und gemolken, nur dass es sich auf Homali Sagina nicht um Tiere, sondern um Menschen handelt, die dies alles über sich ergehen lassen müssen.

Im Prinzip weiß man selbstverständlich ,dass das alles nicht ungewöhnlich ist. Aber der Mensch ist ja Weltmeister im Verdrängen, und diese Taten bekommen einen ganz anderen Stellenwert ,wenn man sich vorstellt, dass wir Menschen so behandelt werden würden, wie wir tagtäglich die Tiere behandeln, obwohl das ja eigentlich keine Rolle spielen sollte.

Die Autorin hat mit diesem Buch  eine großartige Geschichte geschaffen, um auf die unzähligen Missstände in der Massentierhaltung und der Fleischindustrie aufmerksam zu machen und vielleicht sogar den einen oder anderen Verbraucher dazu zu bewegen, respektvoller/bewusster mit Fleisch umzugehen.

Der Roman ist zwar in sich abgeschlossen, aber gleichzeitig auch offen, so dass ich persönlich auf eine Fortsetzung hoffe, denn mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen. Ich habe es regelrecht verschlungen, denn es war ungewöhnlich, spannend, sehr krass und mal etwas völlig anderes.

Absolut zu empfehlen, aber nur für abgehärtete Leser mit unempfindlichen Mägen, die es gern grausam, brutal und blutig haben.

Marie Wigand wurde 1988 in Zittau geboren und im Kreis Kaiserslautern aufgewachsen. Sie lebt heute mit Ihrem Mann und drei Kindern in Niedermohr. Sie studierte Germanistik und evangelische Theologie, danach machte sie ihren Abschluss zur Staatlich geprüften technischen Assistentin für Biologie und ist überzeugte Vegetarierin.

 


Kategorie: Science-fiction, Thriller
Verlag: Books on Demand

Die Erfindung des Verderbens

Mit dem französischen Klassiker der Science-Fiction-Literatur reist man in 80 Tagen um die Welt, zum Mond und zum Mittelpunkt der Erde.

Hier geht es um ein anderes Thema. Thomas Roch ist ein genialer Erfinder. Als einer eines Tages eine Rakete entwickelt, deren Vernichtungskraft der der ersten Atombombe entspricht, realisiert niemand die Bedeutung dieser Entwicklung. Also ist auch niemand bereit, die riesige Summe zu zahlen, die Roch dafür fordert.

Ker Karraje ist ein Pirat, vor dem die Seemächte zittern. Er nutzt die Chance, entführt Roche aus dem Irrenhaus und entwickelt Allmachtspläne: Ker Karraje möchte die Welt beherrschen.

Der Roman verbindet Elemente der Science-Fiction mit dem Abenteuer und Reiseroman: Es gibt unbekannte technische Einrichtungen und unentdeckte Unterwassernhöhlen. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern sind vertreten – nur Frankreichs Erzfeind Deutschland nicht.

Die Geschichte ist teilweise aus der Ich-Perspektive (dann erzählt der ebenfalls entführte Ingenieur und Roche-Pfleger Simon Hart) und teilweise aus der Beobachter-Perspektive erzählt. Einige Zeichnungen illustrieren den Text.

Gut lesbar und auch einigermaßen spannend ist die Handlung geschrieben. Sie eignet sich insbesondere für Leser, die das Gesamtwerk Vernes kennenlernen möchten.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Diogenes Zürich

Wettflug der Nationen

Charles Francis Morgan Reading ist ein reicher US-amerikanischer Industrieller. Er war in der Entwicklung neuer Flugzeuge tätig. Als er stirbt, hinterläßt er ein Testament. Darin ist festgelegt, daß derjenige sein Vermögen erhält, der einen Wettflug der Nationen um die Welt gewinnt.

Länder wie Deutschland, die USA, Japan, Italien, England und Rußland machen sich auf den Weg.

Dominik ist ein Kind seiner Zeit. Deutsch ist die Sprache, die er in seinen Romanen bevorzugt. Preußische Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Fairness und Arbeitsfleiß gehören zumindest bei den deutschen Romanhelden ganz einfach zum guten Ton. Gelegentlich ist auch ein Schuß Liebe in seinen Büchern zu hören
Auch wenn es um technische Neuerungen geht, sind die Dominik`schen Zukunftsromane nicht unbedingt die klassische Science-Fiction. Dafür wird viel zu sehr auch ein klassisches, technisch orientiertes, wertkonservatives Weltbild transportiert. Die Dominik`schen Romane sind trotzdem (oder: dennoch?) gut zu lesen.

Hans (Joachim) Dominik wurde am 15. November 1872 in Zwickau geboren. Der Schriftsteller, Sachbuchautor, Wissenschaftsjournalist und Ingenieur starb am 9. Dezember 1945 in Berlin. Er ist der Enkel des Schriftstellers Theodor Mügge und Großneffe des Berliner Militär-Tierarztes Christian Friedrich Dominik, das heißt sein in Dyrotz geborener Großvater, der Regiments-Roßarzt und zuletzt Berliner Tierarzt Friedrich Wilhelm Ludwig Dominik (1814-1883), und letzterer waren Brüder.

Seine Jugendjahre wie auch den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Berlin. Er besuchte verschiedene Gymnasien. Am Gymnasium in Gotha erteilte Kurt Laßwitz, ein anderer Wegbereiter der Zukunftsliteratur in Deutschland, Unterricht in Mathematik und Physik. Diese Begegnung sollte für Dominik prägend für sein ganzes weiteres Leben werden. Kurd Laßwitz ließ einen Teil seiner literarischen Werke bei Dominiks Vater publizieren.

Nach seinem Abitur 1893 studierte Hans Dominik an der Technischen Hochschule in Berlin Maschinenbau mit Schwerpunkt Eisenbahntechnik. 1894 erkrankte sein Vater schwer. Hans Dominik mußte sein Studium unterbrechen, da durch diese Erkrankung die geschäftlichen Aktivitäten seines Vaters stark zurückgingen. Er mußte Geld verdienen und arbeitete als Elektriker im Rheinland, bis sich eine Fortsetzung des Studiums ergab.

1895 unternahm er eine erste Amerikareise. 1898 brach er sein Studium ab und arbeitete aufgrund verlockender Angebote aus der Industrie als Elektroingenieur. 1900 kam Dominik zu Siemens & Halske in die Abteilung für Beleuchtung und Kraft. Hier fertigte er eine gründliche Arbeit über die Elektrifizierung im Bergbau für die Pariser Weltausstellung an und übernahm anschließend für ein Jahr das Büro für Literatur von Siemens & Halske. 1905 wechselte er seine Stellung und wurde technischer Lokalreporter beim Berliner Lokal-Anzeiger.

Seit 1901 arbeitete er bereits nebenher als technischer Autor und Werbetexter. Dominiks erste utopische Erzählungen erschienen ab 1907 im Neuen Universum, einem Jahrbuch für die Jugend.

1910 schloß er mit Lieselotte Runge die Ehe. Aus ihr ging als einziges Kind seine Tochter Lieselotte hervor. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er infolge eines Wirbelsäulenleidens nicht eingezogen und arbeitete erneut für die Elektrofirma Siemens & Halske, diesmal im Bereich der Telegraphie.

Von 1912 bis 1919 schrieb er für den Berliner C. Duncker Verlag fast jedes Jahr einen Roman. Diesen Werken war jedoch kein großer Erfolg beschieden. Sie kamen nur selten in mehr als einer Auflage heraus. Nach dem Krieg war Dominik von 1918 bis 1920 als Dramaturg für technische Kurzfilme tätig.

Der erste utopische Roman Die Macht der Drei erschien 1922 als Fortsetzungsroman in der Woche und wurde im selben Jahr in Buchform herausgegeben. Der große Erfolg machte Dominik bekannt. Die Inflation zwang ihn allerdings zunächst zur Annahme einer festen Stellung. Erst ab 1924 konnte er erneut als freier Schriftsteller arbeiten. In schneller Folge erscheinen weitere Zukunftsromane, davon viele im Scherl-Verlag. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus blieb Dominik Erfolgsautor.

Dominik ist der Sekundärliteratur zufolge einer der bedeutendsten Pioniere der Zukunftsliteratur in Deutschland. Seine Science-Fiction-Erzählungen erfreuen sich seit Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die Gegenwart großer Beliebtheit. Sie wurden in hohen Auflagen gedruckt und werden bis heute immer wieder neu aufgelegt. Neben Science Fiction hat Dominik auch Sachbücher und Artikel mit technisch-wissenschaftlichem Inhalt geschrieben.

Hans Dominiks Romane der 1920er Jahre waren vom damaligen Zeitgeist in Deutschland geprägt. Im Mittelpunkt seiner Handlungen stehen meist deutsche Ingenieure oder Wissenschaftler, die ihre Erfindungen und Entdeckungen gegen undurchsichtige Konzerne und feindliche Nationen verteidigen müssen. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg bedienten Dominiks Romane die deutschnationalen Träume vieler Leser, wobei allerdings in den Romanen Deutschland als Nation praktisch keine Rolle spielte – im Gegenteil: Ein Leitmotiv in fast allen Romanen ist eine multinationale Kooperation (zumeist bei der Forschung), in manchen Romanen wurde ein vereintes, demokratisches Europa angedeutet. Primäres Ziel der Erfindungen und Entdeckungen ist die friedliche Nutzung und teilweise eine recht deutliche Ablehnung von Krieg (in Das Erbe des Uraniden geht es z. B. um den Mißbrauch von Atomenergie zu kriegerischen Zwecken und die Verbitterung des Entdeckers). In Atlantis wird trotz Warnungen der Panamakanal mit Hilfe einer Atomsprengung drastisch erweitert, so daß der Golfstrom in den Pazifik entweichen kann, was eine Eiszeit auf der Nordhalbkugel auslöst.

In späteren Neuauflagen wurden mitunter recht drastische Änderungen vorgenommen, um die Romane zu modernisieren. So beschreibt Dominik in Wettflug der Nationen ausschließlich Propellerflugzeuge samt den damit einhergehenden Geschwindigkeiten und technischen Problemen. In den Neuauflagen wurden daraus Strahlflugzeuge mit verdoppelten Geschwindigkeiten, was den Fluss der Handlung stört. Hier liegt also nicht das literarische Original, sondern ein umgeschriebenes Exemplar vor.

Ich gebe es gerne zu, daß ich mich bei Dominiks Biographie und literaturwissenschaftlicher Einodnung an Wikipedia orientiert habe. Dies ist aber auch im Sinne einer geistigen Auseinandersetzung mit den dortigen Ausführungen gemeint.

Dominik führt uns nicht in fremde Zeiten und unbekannte Welten ein. Wie im hier besprochenen Buch bleiben seine Geschichten oft in der Gegenwart und auf der Erde. Sieht man die Bücher, die im Handel erhältlich sind, sind sie auf den ersten Blick etwas altmodisch – eben deswegen, weil sie in vielen Dingen vertraut, wenn nicht gar inhaltlich überholt sind.

Bei Wikipedia ist auch in Dominiks Biographie nachzulesen, daß seine Werke von der indischen Mystik beeinflußt sind – zu sehen ist das kaum. Dafür ist sein literarisches Schaffen auch nicht umfangreich genug im Buchhandel erhältlich, als daß sich ein ltieraturwissenschaftlicher Laie ein umfangreiches und detailliertes Wissen darüber aneignen kann.

Wikipedia behauptet, daß Dominik viele Anglizismen benutzt. Mir persönlich ist dies nie so aufgefallen. Ich persönlich empfinde es eher als angenehm, daß sich Dominik eher der deutschen Sprache bemächtigt und so verständlich bleibt.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Weltbild

Copyworld

Michael Szameit (* 1950) zählte zu den viel gelesenen Autoren im Genre wissenschaftliche Phantastik der untergegangenen DDR. Sein veröffentlichtes Werk ist umfangreich und wurde in großen Auflagen verbreitet. Der Roman »Copyworld«, man glaubt es kaum, entstand tatsächlich schon zu einer Zeit, als Hammer und Zirkel noch regierten, und manch ein Leser erkennt darin auch Anspielungen auf das autokratische System des sozialistischen Deutschlands. Nun liegt das Opus nach komatösem Schlummer in einer Schreibtischschublade als E-Book vor, und es ist zu hoffen, dass der Text neue Freunde des Genres erreicht.

Szameit wagt mit seinem Buch einen Spagat. Es versetzt eine klassische Fantasygeschichte mit einer Science-Fiction-Story und lässt beide erst ganz zum Schluss ineinander verschwimmen.

Eine Schwierigkeit beider Genres besteht bekanntlich darin, dem Leser in eine vom Autor erschaffene Kunstwelt zu helfen. Wird zu wenig geliefert, wirkt die Geschichte vielleicht nicht fantastisch genug. Wird zu viel des Guten getan, springt der überanstrengte Leser ab, bevor die Handlung richtig ins Rollen kommt und ihn gefangen nimmt. Szameit beansprucht seine Leser überdurchschnittlich. Zwar wird bereits im ersten Kapitel ein spannendes Kampfgeschehen im Präsenz erzählt, indem er einen jungen Krieger gegen einen mächtigen Gegner antreten lässt, um dessen wertvolles Ei zu rauben, das dazu dient, Macht, Herrschaft und Ansehen zu gewinnen. Aber der Autor konfrontiert seinen Leser auch mit einer Vielfalt von Figuren, Waffen, Kleidungsstücken Zubehör und naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die den Einstieg nicht gerade leicht machen.

Nach einem Cliffhanger – der Kampf auf Leben und Tod bleibt vorerst unentschieden – wechselt er in eine andere Welt – eben die titelgebende Copyworld – und lässt den Leser am Leben des Internatsschülers Hyazinth Blume teilhaben, der für eine besondere Mission auserwählt wurde. Es ist die Rolle des Märtyrers, der sich für die reine Lehre opfert und nicht – wie angeblich alle anderen Bewohner – zu ewigem Leben in Form einer digitalen Kopie finden. Dazu sollen sich die Auserwählten nehmen, was sie zu nehmen imstande sind, bis es ihnen zur Qual wird, Reichtum und Besitz hinterherzujagen. Ein »Shoppingdebit« muss erfüllt werden, sie müssen so viel Geld wie möglich ausgeben, die doppelte Summe wird ihnen dann zur Belohnung gutgeschrieben. Allerdings darf ein bestimmtes Tagessoll nicht unterschritten werden, sonst gibt es Strafpunkte. Im Ergebnis soll ein Wohlstand erreicht sein, der jede Sorge um Materielles entbehrt. Wer einen vorgegebenen Kontostand erreicht, empfängt die ersehnte Märtyrerweihe.

Hyazinth Blume erkennt bald, dass sich in seinem Ohr ein Wächter befindet, der im vorgeschriebenen jährlichen Gesundheits-Check eingesetzt wurde. Damit können observierende Instanzen nicht nur alles hören, was um ihn herum vorgeht, sie können sogar seine Gedanken, Fragen und Zweifel lesen. Nichts kann im Verborgenen gedacht, nichts unbeobachtet gesagt, nichts getan werden, was nicht in intellektronischen Impulsen aufgezeichnet worden wäre. Damit öffnet sich die Ebene, wonach der junge Mann selbst lediglich eine Matrix für die Vorstellungen und Phantasien einer anderen Kaste sein könnte, die das wirkliche Geschehen von Copyworld bestimmt.

Diese wiederum gründet auf der Gedankenwelt von Arthur Schopenhauer (1788-1860), einem Philosophen des 19. Jahrhunderts. Der lehrte – im Gegensatz zum Materialismus von Karl Marx (»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«) die Erschaffung des Seins aus dem Bewusstsein. Es geht damit um die Schöpfung aus dem Nichts durch das einzelne Subjekt, Schöpfung im Sinne einer veritas aeterna.

Dasjenige, das alles erkennt, aber von keinem erkannt wird, ist das Subjekt. Nur für das Subjekt ist alles, was Gegenstand seiner Erkenntnis ist – also auch der eigene Körper – Objekt. Objekte liegen in Raum und Zeit, das Subjekt hingegen liegt außerhalb von Raum und Zeit, daher sind Subjekt und Objekt zwei unzertrennliche Hälften, eines kann ohne das andere nicht existieren. Die Welt der Objekte aber ist und bleibt Vorstellung, sie hat transzendentale Identität, weil die ganze Wirklichkeit nur durch den Verstand und im Verstand ist.

Copyworld nun ist ein Projekt, bei dem jedes Subjekt sich seine Welt aus Wille und Vorstellung erschaffen kann, und die Akteure träumen einen vom Autor als »Schopenhauerwelt« bezeichneten Traum, der gleichzeitig real ist. Das Projekt Copyworld ist nicht schlechthin der Übergang von einer Existenzsphäre in die andere – Unsterblichkeit wird zu etwas qualitativ vollkommen anderem als die Bannung des physischen Todes. Als Schöpfer der Realität werden Subjekt und Copyworld eins, Bewusstseinsinhalte sind der Stoff, aus dem die Welt geschaffen wird.

So ist die Fantasygeschichte, die Szameit erzählt, eine derartige Schopenhauerwelt, die erträumt und durch subjektiven Willen gesteuert wird. Aber auch die Welt des Hyazinth Blume könnte eine Ebene sein, die aus Träumen, Phantasien und möglicherweise bösen Absichten geschaffen wurde. Und so fiebert der Leser, der sich auf die streckenweise hochphilosophischen Gedankengänge Szameits einlässt, der Lösung des Rätsels entgegen: Wer kontrolliert eigentlich wen, wozu und mit welchem Interesse …

Auf Position 8324 seines E-Books hilft der Autor dem Kritiker zu dessen Entlastung beim Abfassen seiner Rezension: »Nur der Stümper braucht Kritiker, die seinem Publikum erklären, was Sinn und Anliegen seines Werkes war.« Erleichtert seufze ich auf und danke Michael Szameit, der mir eine Last von den Schultern nimmt, denn es ist wahrlich keine ganz leichte Aufgabe, seinen Roman angemessen zu interpretieren.

Unter dem berühmten Strich schenkt das immer wieder an eine Melange aus Tad Williams »Otherworld« und »Shadowmarch« erinnernde Szameit-Epos Erkenntnis über die Funktion der Gesellschaft: »Gib dem Volk eine Ideologie, ein Ziel und einen Weg. Kontrolliere damit ihre Sehnsüchte und Ängste, ihr Fühlen und Denken«, meint einer der Protagonisten. »Dann wirst du frei sein, um wie ein Gott schaffen und wirken zu können, denn sie selbst werden dich zu ihrem Gott machen«.

Ob es dem Buch insgesamt wirklich dient, die Fantasyebene mit hineinzuheben, – und damit komme ich auf den Ausgangspunkt zurück – bezweifele ich, zumal diese unvermittelt an einer wirklich spannenden Stelle abbricht. Letztlich zerfällt das Werk in zwei Geschichten, eine spannende erzählte, klassische Fantasy-Story und ein anspruchsvolles existenzphilosophisch angehauchtes Stück Science-Fiction-Literatur.

PS. Bekannt wurde Schopenhauer nicht nur durch sein Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung«, sondern auch durch seinen leidenschaftlichen Kampf gegen Setzfehler. Vor diesem Hintergrund sei dem Autor empfohlen, noch einmal Korrektur lesen zu lassen und vor allem die massenhaft auftretenden doppelten Leerzeichen zu beseitigen, die den Lesefluss auf einem Reader beeinträchtigen.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Kindle Edition

Sämtliche 118 SF-Geschichten

Philip K. Dick war ein Maniac. Sein Werk umfasst 108 Geschichten und 43 Romane, von denen diverse verfilmt worden sind. In dieser fünfbändigen Werkausgabe sind sämtliche Geschichten in chronologischer Reihenfolge enthalten. Dies erlaubt es, die Entwicklung des legendären Science-ficition-Autors zu verfolgen.

Dicks erster veröffentlichter Text, »Roog« von 1953, schildert die verquere Welt eines treuen Hundes, der nach faszinierendsten Leckereien duftende Mülltonnen bewacht und einmal die Woche Alarm schlägt und in Gefechtsposition geht, wenn seine ärgsten Feinde, die Müllmänner, die seinem Schutz anvertrauten Köstlichkeiten rauben. Dick schafft es, die Wahnvorstellung des Hundes, dass seine Besitzer den Müll für wertvoll halten, zum Thema seiner Geschichte zu machen, muss der Vierbeiner doch annehmen, er lebe auf einem Planeten voller Verrückter, die nicht bemerken, wie ihnen regelmäßig das Allerheiligste gestohlen wird. Das Weltbild des Hundes erscheint damit vollkommen logisch, wenn es sich auch von dem der Zweibeiner unterscheidet.

Schon in dieser ersten Erzählung macht der Autor deutlich, dass er sich gern philosophischer Grenzfragen stellte, die er in seinen Texten verarbeitete. So geht es nur vordergründig um Raumexpeditionen auf Planeten, die ihre Eroberer verschlingen, um mechanische Nannies, die ihre Konkurrentinnen umbringen, um der Industrie neue Absatzmärkte zu schaffen, um Zeit- und Bewahrungsmaschinen. Es stehen stets grundsätzlichere Fragen im Hintergrund, auf die sich der Leser einlassen mag oder auch nicht.

Hinsichtlich der Vielfalt seiner Themen und der immer wieder spannenden Art, wie er seine Geschichten auflöst, ist Philip K. Dick in der Literaturgeschichte des Quanten-Zeitalters einer der ganz Großen.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Haffmans bei Zweitausendeins

Grau

\"grau\"Ein Mann sieht rot. Und das ist auch gut so. Denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der jeder Mensch nur eine Farbe sehen kann. Wenn er Glück hat. Denn es gibt auch noch die Grauen. Die, die gar keine Farbe sehen können und ganz unten in der Hierarchie als unterwürfige Drohnen ihres Kollektivs dienen müssen. In Eddies Welt ist Farbe zu einer Ware geworden, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Machtbefugnisse basieren ausschließlich darauf, welche Farbe man wie gut sehen kann. Eddie steht kurz vor dem gesellschaftlichen Aufstieg, durch seine exzellente Rotsicht sind seine Chancen auf dem Heiratsmarkt bis hin zur Erbin eines Bindfadenimperiums gestiegen. Er lebt in einer Welt, 500 oder 600 Jahre nach dem \“großen Ereignis\“, genau weiß man das nicht. Es herrscht Löffelknappheit, dafür gibt es zum Glück Ovomaltine im Überfluss. Das Land ist fruchtbar. Es leben dort nicht allzu viele Menschen, dafür Sprungziegen und Antilopen. Äußere Zeichen früherer Zivilisation sind von wildwuchernder Megafauna verdeckt. Was der aggressive Rhododendron nicht schafft, wird durch verordnete Rücksprünge vernichtet. Höflichkeit ist verordnet, das Leben genau geregelt. Mit geschürter Angst vor Schwanattacken, Blitzeinschlägen und der Dunkelheit wird das Volk in Schach gehalten. Eddie fühlt sich nicht unwohl in dieser Welt. Wenn er nun noch lernt, seine Neugier und seine Kreativität im Zaume zu halten, dann steht einem erfolgreichen Leben als roter Präfekt nichts mehr im Wege. Womit er nicht gerechnet hat, ist die Liebe. Wider jede Vernunft verliebt er sich in Jane. Jane ist zwar wunderbar stupsnasig, aber eben auch der verachteten grauen Unterschicht zugehörig. Das ist fast genauso schlimm, als wenn sie Grüne wäre, denn intime Verbindungen zwischen Komplementärfarben sind verboten. Plötzlich hat Eddie mächtige Feinde, erfährt unbequeme, bestürzende Wahrheiten und seine Angebetete erwidert seine Liebe nicht. Sie ist nämlich nicht nur stupsnasig und eigensinnig, sondern hütet auch noch ein explosives Geheimnis, von dem Eddie bereits viel zu viel herausgefunden hat. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles zu versuchen, Eddie den fleischfressenden Yateveo Bäumen zum Fraße vorzuwerfen.

Jasper Fforde hat eine perfekt entworfene Welt gebaut, bis ins kleinste Detail durchdacht , überbordend vor Phantasie und Ideenreichtum. Anschaulich zeigt er, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und die Wahrheit. Fforde selber sagt, dass es erschreckend einfach war. eine Hierachie zu erfinden. Er begann mit ein paar ganz einfachen Regeln, schuf eine Ordnung, die auf Farbwahrnehmung beruht und \“sobald er einen Schuß Ehrgeiz und Missgunst zugab, kam ihm alles irgendwie entsetzlich vertraut vor.\“ Er fasst in seiner Dystopie so manches heiße Eisen an, bis hin zur institutionalisierten Sterbehilfe, enthält sich aber jeder Wertung. In \“Grau\“ entfaltet sich eine völlig neue, andersartige Welt. Abstrus und befremdend, in ihrem Wiedererkennungswert jedoch fast schon genial. Der Handlung tut es gut, dass Fforde nie der Versuchung erliegt, das \“große Ereignis\“ näher zu spezifizieren. Sein humorvoller Stil macht Spaß, besonders die versteckten Anspielungen auf unsere heutige Welt, sich z.b. manifestierend in Namen oder Buchtiteln. Die Handlung verliert nie ihren roten Faden, hat jedoch einige Längen. Gerade im letzten Drittel , wenn die chromatokologische Welt einmal hinreichend gezeichnet ist, ist es oft des Guten ein bißchen zuviel. Da wird eine Intrige nach der anderen gesponnen, Verschwörungen geplant und man wünscht sich, er würde jetzt irgendwann mal zum Punkt kommen.

Die Geschichte um Eddie Russett ist als Trilogie angelegt und trotz der erwähnten Kritikpunkte darf man gespannt und unüberschätzbar neugierig auf die Fortsetzung sein. \“Grau\“ ist ganz sicher kein Sprung zurück und mehr als nur ein Hüpfer nach vorne unter den allzu oft immer gleichen Zukunftsvisionen.

Der in Wales lebende Jasper Fforde wurde 2001 weltbekannt mit dem Roman \“Der Fall Jane Eyre\“ und erschrieb sich mit seiner Thursday Next Reihe eine beständige Fangemeinde. Ins Deutsche übersetzt wurde das Buch von Thomas Stegers. Bei all den von Fforde neu erfundenen Begriffen sicher kein leichtes Unterfangen, hier aber sehr gut und sorgfältig gelöst, wie im Fall des gerade im Deutschen sehr doppeldeutigen Mustermanns.

Zum Buch gibt es neben der Facebook Fanseite auch eine Microsite und einen Trailer. Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Eichborn Verlag

Wer stiehlt schon Unterschenkel

Prokop erzählt im Prolog seines Werkes, wie er in der Skybar eines Chicagoer Wolkenkratzers Bekanntschaft mit einem eitlen, arroganten und versnobten Zwerg namens Timothy Truckle schließt. Die äußerst trinkfeste Attraktion der Bar gilt als der beste Detektiv der Vereinigten Staaten. Mittels glänzender Kombinationsgabe, gut informierter Freunde und einem mächtigen Elektronengehirn namens Napoleon löst »Tiny« Truckle schwierigste Kriminalfälle.

Der Autor schildert darauf einige dieser Fälle, die dem Leser höchst seltsam anmuten. Warum werden zur Transplantation vorbereitete Unterschenkel gestohlen und wieder zurückgegeben? Wieso verschwinden auf mysteriöse Weise Eisberge, die zur Trinkwasserversorgung der USA aus dem Eismeer herangeschleppt werden? Wer hat zwei Mitglieder des aus den einflussreichsten Pharmabossen bestehenden »Clubs der Unsterblichen« ermordet?

In der Auflösung der Fälle wird deutlich, dass Truckle in einer Welt ermittelt, die einer totalen Überwachung durch Staatsorgane unterliegt, denen kein Schritt und kein Gedanke der Bürger entgeht. Es ist eine Gesellschaft, in der übermächtige Konzerne alles und jeden beherrschen und dem Einzelnen keinerlei Freiraum geschenkt wird. Es herrscht Mangel an Trinkwasser und Grundnahrungsmitteln, die Städte sind von einer undurchdringlichen Smogschicht bedeckt, und zum Betrachten eines Sonnenuntergangs müssen die Bewohner in Skybars gehen, die viele tausend Stockwerke hoch über den Wolken liegen.

Truckle, der Held der Erzählungen, arbeitet offiziell für die Mächtigen und hilft zugleich einer Untergrundbewegung, von der in Andeutungen die Rede ist. Dabei schützt ihn ein Mausoleum, das er den staatlichen Gewalten aufgrund seiner kriminalistischen Erfolge abgetrotzt hat, und in dem er ohne fremde Ohren und »Elektronenaugen« sprechen und arbeiten kann. In diesem abhörsicheren Raum nimmt er Kontakt mit dem »Großen Bruder« auf, der ihm Zugang zu den Rechnersystemen des Staatsapparates verschafft. Dieser steht jedoch, anders als in Orwells Roman »1984«, der Prokop Pate gestanden hat, auf der Seite der Systemkritiker und symbolisiert nicht die Macht des Bösen.

»Wer stiehlt schon Unterschenkel« rangiert aufgrund seiner in der Zukunft spielenden Handlung als Science-Fiction-Literatur. Fortgesetzt wurden die Erzählungen um den zwergenhaften Meisterdetektiv in »Der Samenbankraub«. Es handelt sich dabei um eine Dystopie oder Anti-Utopie. Damit werden Geschichten bezeichnet, die in einer fiktiven Gesellschaft spielen, die sich zum Negativen entwickelt hat. Die Erzählungen waren in der DDR vor allem unter kritischen Geistern bekannt, und auch als Sciene-Fiction-Autor genoss Prokop im östlichen Deutschland einen guten Ruf. Außerdem hat der Autor eine ganze Generation DDR-Kinder und Jugendliche fasziniert und mit geprägt. Sein Kinderbuch »Detektiv Pinky« gilt als Klassiker der DDR-Kinderbuchliteratur und wird heute noch gern erinnert. 2001 wurde es sogar verfilmt.

Prokops Erzählungen um Timothy Truckle können als Kritik an den übermächtigen USA verstanden werden. Möglich ist aber auch die Deutung als eulenspiegelhaftes Schmunzeln über die Verhältnisse im eigenen Land, denn auch die DDR trug ausgeprägte Züge eines Überwachungsstaates. Gerade die Form der Zukunftsliteratur bot sich an, auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen und diese kritisch zu beleuchten. 1977 erstmals veröffentlicht wirkt manches auf den heutigen Leser im Zuge der Entwicklung der letzten 30 Jahre allerdings technisch überholt. Ungeachtet dessen ist die Lektüre vergnüglich. Im Westen blieb Gert Prokop, der anno 1994 im Alter von 61 Jahren freiwillig aus dem Leben schied, weithin unbekannt.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Das Neue Berlin Berlin

Paradiese der Sonne

Der britische Autor James Graham Ballard gilt als ein Großmeister der Science-Fiction-Literatur. In den Sechziger und Siebziger Jahren waren seine Bücher in deutscher Übersetzung an jeder Ecke erhältlich. Dann wurde es still, vielleicht, weil seine drastischen Visionen im Zeitalter von Wirbelstürmen, Erdbeben, Tsunamis und Überflutungen zur täglichen Realität wurden. Der Edition Phantasia ist es nun zu verdanken, dass die bereits 1962 geschriebene Endzeitvision »The Drowned World«, auf deutsch ursprünglich als »Karneval der Alligatoren« vertrieben, unter geändertem Titel und in frischer Übersetzung wieder greifbar ist.

David Cronenberg verfilmte 1996 Ballards Roman »Crash«, einen Highway-Thriller über Todestrieb und Selbstzerstörungssehnsüchte. Stephen Spielberg hatte Jahre zuvor glücklos Ballards autobiographisches Werk »Im Reich der Sonne« verfilmt. Der jetzt vom Verlag gewählte Titel »Paradiese der Sonne« erinnert stark an diesen Titel, es handelt sich jedoch um ein eigenständiges Werk.

Ausgangspunkt des Romans ist eine extreme Erderwärmung in Folge gigantischer geophysikalischer Erschütterungen, die unsere Welt in die Zeit des Jura zurück katapultiert. Heftige Sonnenstürme lassen die Temperaturen stark ansteigen. Die Mehrzahl der tropischen Zonen wird unbewohnbar, ehemals gemäßigte Zonen werden tropisch, die Menschen wandern auf der Flucht vor Temperaturen zwischen 55 und 60 Grad nach Süden oder Norden. Sie besiedeln das antarktische Plateau und die nördlichen Grenzgebiete Kanadas und Russlands als letzte bewohnbare Lebensräume. Erdrutschartig hat Mutter Natur ihre Kreaturen wieder zurück in die Vergangenheit des Planeten geschickt.

Europa ist inzwischen nahezu vollständig überflutet, lediglich die Skyline der Wolkenkratzer ragt aus dem morastigen Dschungel empor. Wildwuchernde Schlingpflanzen und aggressive Reptilien haben die Herrschaft übernommen. Über den dampfenden Dächern der versunkenen Stadt London brechen Forscher ihre Station ab, um der immer brutaler brennenden Sonne zu entkommen. Aber die faulige Fieberhitze, die gnadenlos gleißende Glut und die schwülfeuchte Stimmung der Lagunenlandschaft hinterlassen auch in der Psyche der Menschen deutliche Spuren.

Der Biologe Dr. Keran widersetzt sich mit einigen Kollegen dem Abzug und will in dem Außenposten bleiben. Die Psyche der Zurückbleibenden scheint sich unter dem Duft der bizarren Wasserpflanzen und dem Geschrei der hungrigen Leguane und Alligatoren zu verändern. Sie beginnen, zu halluzinieren und verlieren die Kontrolle über Zeit und Raum. Unvermittelt taucht ein Schiff mit Plünderern auf, deren Kapitän Strangman aus unerklärlichen Gründen nach Kunstwerken taucht. Er gebietet über ein Heer von Krokodilen und sonderbaren Gestalten. Die Truppe beginnt, das Wasser der Lagune zu stauen und einen Teil der Londoner City freizulegen. Benommen ziehen die Forscher durch die versumpften Straßen und erkennen einen Teil ihres früheren Lebens wieder …

»Paradiese der Sonne« erinnert an die wissenschaftliche begründete Phantastik, die in den Siebziger Jahren besonders aus dem osteuropäischen Raum auf den deutschen Markt flutete. Es handelt sich um bizarres Gedankenbild, das in den Klimakatastrophen der Neuzeit, wie der Überflutung New Orleans, bereits konkret wurde. Besonders spannend ist, dass sich Ballard für die mit den veränderten Verhältnissen einher gehenden Verschiebungen der sozialen Gefüge und damit letztlich jedes Einzelnen befasst. Thematisch ist das Werk Spitze, sprachlich wirkt es leider farblos und schon recht antiquiert.

Bitte kommentiere diese Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Edition Phantasia Bellheim

Reality-Show

Die Belgierin Amelie Nothomb ist gerade mal vierzig Jahre alt und hat schon einige Romane geschrieben, die in Frankreich zu Bestsellern wurden. Ihr neuester Roman erschien im März dieses Jahres in Deutschland; er ist ein dünnes Büchlein mit nur 170 Seiten und trägt den Titel „Reality-Show“.
Der Roman spielt in der Zukunft in einem nicht näher bezeichneten Land, von dem der Leser nur erfährt, dass dort unmenschliche Zustände herrschen. Ein Fernsehsender überträgt Tag für Tag live eine Sendung, die über ein Gefangenenlager berichtet, das in vielem an die Konzentrationslager der Nazis erinnert. Männer, Frauen und Kinder werden ohne Grund gefangengenommen und in diesem Lager interniert, sie leiden Hunger und magern ab, müssen Zwangsarbeit verrichten, werden von Aufsehern und Aufseherinnen gedemütigt und misshandelt und müssen täglich damit rechnen, vor einem Millionenpublikum an den Fernsehern grausam hingerichtet zu werden. Denn jeden Tag werden zwei Gefangene für die „Selektion“ ausgewählt, zunächst vom Wachpersonal des Lagers später vom Publikum per Fernbedienung.
Reality-Show erzählt die Geschichte einer Gefangenen, die gleich einer Kunstfigur aus einer Parabel mit gewaltlosen Mitteln versucht, ihren Mitgefangenen zu helfen und durch ihren Widerstand das grausame Spektakel zu beenden. Doch was sie auch unternimmt, es scheint immer die gegenteilige Wirkung hervorzurufen: die Einschaltquoten steigen, die Organisatoren reiben sich die Hände, die Ausstrahlung der Sendung ist nie gefährdet.
Nothomb analysiert zum Teil sehr scharfsinnig die Beziehungen der Menschen in einem solchen Vernichtungslager, die Skrupellosigkeit der Organisatoren und die Verlogenheit und Heuchelei des Millionenpublikums an den Fernsehgeräten, das ihrer Meinung nach die Hauptschuld dafür trägt, dass so etwas Unvorstellbares überhaupt möglich ist. Es erinnert bisweilen an ein Lehrstück von Brecht, wenn in den verschiedensten Szenen vorgeführt wird, wie die Umstände das Verhalten der Menschen formen.
Etwas naiv und operrettenhaft scheint mir auf den ersten Blick das Ende der Geschichte: Allein durch List und den Versuch, Würde und Stolz zu bewahren, und durch die Kraft der Liebe konnte in der Geschichte der Menschheit noch kein repressives und verbrecherisches System zum Einsturz gebracht werden. Aber vielleicht gibt es ja für die Hauptperson des Romans und das Ende eine ganz andere Lesart: Nothomb distanziert sich durch Ironie.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Diogenes Zürich

Die Möglichkeit einer Insel

Houellebecqs Buch „Die Möglichkeit einer Insel“ thematisiert das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Die Liebe, die Sexualität, Werte, das Altern, Religion und künstlerische Tätigkeit stehen im Mittelpunkt philosophischer und politischer Betrachtungen mehrerer Erzähler.
Vor der Lektüre des Romans muss aber nachdrücklich gewarnt werden: Dieses Buch ist nur etwas für erwachsene Leser, die mit Zumutungen, Abstoßendem und Abscheulichem umzugehen wissen. Der empfindsame Literturfreund wird vermutlich das Buch bald aus der Hand legen, weil ihm die Darstellung sexueller Handlungen und menschlicher Grausamkeiten unerträglich sind. Erbauliches und Trost findet sich bei Houellebecq wenig, Desillusionierendes und Deprimierendes dagegen viel. Aber, wer nach Erkenntnis strebt, darf Zumutungen eben manchmal nicht meiden.

Daniel, der uns die letzten Jahre seiner Lebensgeschichte erzählt, ist Zeitgenosse, lebt in Spanien und betätigt sich als Komiker. Er schreibt Sketche, Drehbücher und auch mal einen Rap, steht selbst auf der Bühne und vor der Kamera und lässt kein Tabuthema aus. Je geschmackloser und provozierender seine Produktionen sind, umso erfolgreicher, prominenter und vermögender wird er. Der Wille zu politischer Veränderung ist Daniel fremd, er bezeichnet sich selbst als „Kollaborateur“ und vergleicht sich und seine Kunst mit der Tätigkeit eines Hofnarren. Sein Urteil ist ohne Eitelkeit: „Ich wusste genau, dass keiner meiner billigen Sketche, keines meiner kläglichen Drehbücher, die mit dem Know-how eines gewieften Profis zusammengebastelt waren, es verdiente, mich zu überleben“. Daniel hatte mit zahllosen Frauen Sex; war ohne verliebt zu sein verheiratet und hatte einen Sohn, der ihm nichts bedeutete; lebte mit einer Frau in zweiter Ehe, die auf wechselseitiger Liebe basierte und dennoch scheiterte, weil die Sexualität erloschen war. Am Ende seiner vielfältigen Erfahrungen kommt er zu dem biologistischen Fazit: „Alle Energie ist sexueller Natur, und zwar nicht vorwiegend, sondern ausschließlich, und wenn ein Tier nicht mehr imstande ist, sich fortzupflanzen, ist es zu nichts mehr nütze; dem Menschen geht es genauso.“ Nach einer kurzen Zeit, in der er allein lebt, begegnet der 47jährige der 22 Jahre alten Esther und gerät in eine zügellose und selbstzerstörerische Beziehung mit ihr, die in Hörigkeit und Selbsterniedrigung endet.

Mit Daniels Autobiografie verwoben ist der Bericht über die Elohimiten. Sie verehren außerirdische Wesen und erwarten deren Wiederkehr. Die Sekte will zu Beginn ihres Aufstiegs, dass Sexualität unter Erwachsenen keinerlei Zwang und Einschränkungen unterworfen ist und jedes Sektenmitglied seinen Todeszeitpunkt selbst bestimmt. Von der Speicherung der Erbinformationen eines Menschen erhoffen sie sich in naher Zukunft von ihren Wissenschaftlern die Fähigkeit, Menschen zu reproduzieren, also wenn man so will: das ewige Leben, die Unsterblichkeit. Nach internen Auseinandersetzungen und krimireifen Ereignissen gelingt es der Führung der Elohimiten, den Zulauf neuer Mitglieder enorm zu steigern; sie bauen ihre Organisation aus, kaufen sich Anteile an einem TV-Sender und steigen so zu einer mächtigen internationalen Religionsgemeinschaft auf, die der im Niedergang begriffenen katholischen Kirche den Rang streitig macht. Dem Atheisten Daniel ist vom Sektenführer eine ganz besondere Rolle zugedacht. Er soll seinen Lebensbericht niederschreiben, der den Elohimiten sodann zu Propagandazwecken dienen könnte: „ Ich würde im übrigen…eine unabwendbare historische Entwicklung nur beschleunigen. Die Menschen würden in zunehmendem Maße den Wunsch haben,in völliger Freiheit zu leben, verantwortungslos und ständig auf der Suche nach Sinnengenüssen…und wenn sich das Alter mit seiner ganzen Last bemerkbar machte…würden sie sich das Leben nehmen; aber vorher würden sie der elohimitischen Kirche beitreten, ihren genetischen Code speichern lassen und so in der Hoffnung sterben, dieses dem Genuss geweihte Dasein ewig fortzusetzen.“

Neben Daniel lernt der Leser die beiden Erzähler Daniel24 und Daniel25 kennen. Sie sind Klone und leben 1000 Jahre nach unserer Zeit in einer Welt, die sich durch einschneidende Katastrophen radikal geändert hat. Hochentwickelte Technik und Wohlstand sind die Grundlagen der Gesellschaft der Neo-Menschen, während die Wilden wie Tiere auf niederstem Niveau und in archaisch organisierten Gesellschaften leben. Die Klone verbringen ihr Leben zurückgezogen und einsam, direkter und körperlicher Kontakt zu Artgenossen ist ihnen fremd, einzig über das Internet haben sie Verbindung untereinander. Sie scheinen unter ihren Lebensbedingungen nicht zu leiden, da ihre Gefühlswelt sehr reduziert ist. So kommt es zu einem überaus interessanten Experiment: Die Nachfahren Daniels lesen den Lebensbericht ihres Ahnen; und das bleibt nicht ohne Folgen …

Der Ich-Erzähler in Houellebecqs Roman ist ein Wesen, das unser Mitleid verdient, obwohl wir dieses edle Gefühl nur selten während der Lektüre empfinden. Glück und Zufriedenheit vermag Daniel nur sein Sexualtrieb zu verschaffen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass ein Leben in großem Wohlstand, den täglichen Mühen und Anstrenungen einfacher Menschen enthoben, zu einem derartig verengten Blick auf das menschliche Leben führen kann. Für mich ist die Gedanken- und Gefühlswelt der Romanfigur, ohne dass ich die große Bedeutung menschlicher Sexualität leugnen wollte, Ausdruck einer verkrüppelten und verarmten Existenz. Houellebecqs Roman ist eine Provokation. Indem er uns diesen reduzierten Menschen in seinem trostlosen Leben in seiner eindimensionalen Welt vorstellt, nötigt er jeden vernunftbegabten Leser zum Nachdenken über die grandiose Vielfalt des menschlichen Lebens.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Rowohlt

Otherland 4

Der vierte und letzte Band der »Otherland«-Reihe reißt die auf der Suche nach den verlorenen Kindern befindlichen Gefährten vollständig auseinander und lässt sie in verschiedenen Simwelten wieder auftauchen. Sie erleben dort atemberaubende Verfolgungsjagden und hasten von einem lebensbedrohenden Abenteuer in Märchen- und Mythenwelten in die nächste Umgebung.

Dabei stoßen die umherirrenden Reisenden auf immer neue Rätsel: Wer steckt hinter dem Betriebssystem, das als »Der Andere« bezeichnet wird und offenbar intelligentes Leben beherbergt? Wo stecken die offline im Koma liegenden Kinder, die ins Netz gelockt und dort offensichtlich missbraucht wurden? Wie gelingt es den Gefährten, sich aus den Klauen des Netzes zu befreien und wieder offline zu gehen? Welche der vielen Gestalten ist real, welche nur reiner Code? Schaffen es die in der realen Welt fieberhaft um das Leben ihrer online gefangenen Freunde kämpfenden Personen, in das Herz des Unternehmens einzudringen, das Otherland betreibt?

Es gelingt dem Autor trotz erheblicher Längen und einer schier unübersehbaren Schar von Akteuren, die Handlung bis zum letzten Augenblick im Griff zu behalten. Die endlos vielen Handlungsfäden, die er im Laufe der Ereignisse spinnt, nimmt er auf und bindet sie wieder zusammen. So gibt er in sich schlüssige Antworten. Er erzeugt ernorme Spannung, wobei er den Einsatz von Cliffhangern stark strapaziert.

Williams zeichnet seine zentralen Figuren überzeugend und in sich schlüssig: Die Programmiererin Renie ist die kühne und nie allzu verbissene Heldin der Geschichte. Der Buschmann !Xabbu spielt ihren weisen Freund. Paul Jonas ist der Spielball des Schicksals, sich selbst und den anderen ein Rätsel. Martine gibt die blinde Seherin, die dank ungewöhnlicher Sinneskräfte schier unmögliche Dinge vollbringt, eine Zauberin, eine gute Hexe. Den Part des Bösen übernimmt der nach Unsterblichkeit strebende Multimilliardär Jongleur, der ein wenig an Bill Gates erinnert, sowie sein mordender Ziehsohn Dread, der sich letztlich gegen ihn wendet. Sellars ist die vom Militär missbrauchte Kampfmaschine, der seine Fähigkeiten zur Änderung der Zeitläufe einsetzen will. Die vielen hundert um die Hauptrollen herum agierenden Charaktere sind differenziert ausgearbeitet. Allerdings verlangt es vom Leser sehr viel Aufmerksamkeit, jeden Strang im Auge zu behalten.

Tad Williams Tetralogie ist vor allem deshalb ein lesenswertes Werk, weil er das Basismaterial des Genres auf die Verhältnisse der Multimediawelt hochrechnet. Er verarbeitet literarisch die symbiotische Beziehung, die Menschen mit Maschinen eingehen. Damit stellt er sich weniger als Fantasy-Autor im Geiste von Tolkien und seinem unerreichten »Herr des Ringe« vor. Vielmals präsentiert der Verfasser ein komplexes und in sich geschlossenes Stück durchaus realistisch scheinender Zukunftsliteratur.

Williams wirft die Frage nach der Entwicklung der virtuellen Realität ebenso auf wie er die Möglichkeit einräumt, für kurze Zeit ein Gott zu werden und in eine Welt einzutreten, die aktiv verändert, ja vernichtet werden kann. Interessant ist die Betrachtung, wie im virtuellen Raum zwischen Mensch und Maschine unterschieden werden kann, zumal auch künstliche Intelligenz programmierte Gefühle zeigen kann.

Für jeden, der sich gern und viel im Internet tummelt, stellt sich irgendwann die Frage, in welchem Leben er sich mehr bewegt und besser zurechtfindet. Dabei ist die Entwicklung klar: immer mehr Leute unterschiedlichsten Alters, neben Kids vor allem die Generation 50+ bewegen sich teilweise ganztags im virtuellen Raum und richten sich in Blogs, Chatrooms und Second Life mit ihren unterschiedlichsten Interessen und Neigungen bequem ein. Ob sie in naher Zukunft ganz in einen wie auch immer gearteten virtuellen Leben aufgehen? – Vieles spricht derzeit dafür, und das Kolossalwerk »Otherland« beschreibt anschaulich, wohin die Entwicklung laufen könnte.

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Kategorie: Science-fiction
Verlag: Heyne München

Otherland 3

Im dritten Band des umfangreichen Werkes gehen Renie und ihre im Netz gefangenen Freunde auf die Suche nach einem Schwarzen Berg aus Glas, von dem sie die Lösung aller Rätsel erhoffen. Darin vermuten sie das Betriebssystem des Netzes. Dabei geraten sie immer tiefer in das Geflecht aus Mythen und Märchen, aus denen das virtuelle Netzwerk gebaut zu sein scheint. So zieht es sie in eine Troja-Simulation, in der sie auf den verschiedenen Seiten Positionen einnehmen und die jeweiligen historischen Rollen spielen müssen. Dabei stoßen sie erstmals auch auf einen Mann namens Paul Jonas, der sich ebenso wie die Gefährten hilflos durch Otherland bewegt.

Während die virtuell Reisenden im realen Leben von Auftragskillern verfolgt und bedrängt werden, scheint das Netzwerk selbst immer instabiler zu werden. Simulationen geraten durcheinander und stürzen ein. Die Gruppe macht schließlich das Betriebssystem ausfindig. Die Freunde geraten mitten in die entscheidende Zeremonie, mit der sich die neun Kaiser der Netzwelt Unsterblichkeit verleihen wollen, indem sie ihren physischen Körper aufgeben, um künftig nur noch virtuell bis in alle Ewigkeit zu existieren. Inzwischen ist aber auch der vom Gottkaiser der Gralsherren angeheuerte Killer Dread in das System eingedrungen und übernimmt Teile des Betriebssystems.

Nach Dreads Einbruch stürzt Otherland zusammen. Den Gefährten bleibt keine andere Wahl, als sich mit dem Schöpfer und bisherigen Gott der geheimnisvollen Wunderwelt zusammen zu schließen, um gemeinsam einen Ausweg aus der immer realen werdenden Simulation zu suchen.

Nun gewinnt die Erzählung rasant an Fahrt und schlägt den Leser voll in Bann. Viele der losen Fäden, die in den ersten beiden Bänden scheinbar sinnlos ausgeworfen wurden, werden elegant verknüpft. Figuren gewinnen zunehmend an Kontur und werden auch biographisch ausgearbeitet.

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Weiter geht es mit Otherland 4: »Meer des silbernen Lichts«


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Heyne München

Otherland 2

Im zweiten Band der vierteiligen Cyberspace-Saga entdecken die Gefährten, die in das virtuelle System von »Otherland« eingedrungen sind, die verbindende Bedeutung des Flusses. Dieser Fluss aus blauem Feuer ist die einzige stabile Nahtstelle zwischen den verschiedenen Welten der virtuellen Realität, die sie durchqueren.

Über den Fluss gelingt es, die Welten zu wechseln und weiter zu kommen. So stolpern die Freunde durch Cartoonwelten, Urwälder, Eiszeiten und Insektenbauten, mal sind sie winzig, mal sind sie riesig, hier können sie fliegen, dort treiben sie hilflos umher und zittern um ihr Leben. Es ist wie in einem Computerspiel: »Monster töten, Edelstein finden, Bonuspunkte einheimsen. Diddel – duddel – daddel«. Nur wer es schafft, zu überleben, der kommt einen Level weiter!

Renie, !Xabbu, Martine, Orlando, Frederic und ihre Gefährten sind inzwischen längst Gefangene der Matrix geworden, in die sie sich begeben haben, um sie zu ergründen und zu bekämpfen. Gleichzeitig spürt die das »Otherland« beherrschende Gralsbrüderschaft, die sich durch die virtuelle Welt körperloses Überleben erhofft, dass ihre komplexe Schöpfung außer Kontrolle gerät, erhebliche Anomalien aufweist und in Einzelbereichen bereits zusammenbricht.

Hinter den Kulissen deutet sich ein blutiger Machtkampf um die Führung an.

Weiter geht es mit Otherland 3: »Berg aus schwarzem Glas«

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Kategorie: Science-fiction
Verlag: Heyne München

Otherland 1

Die wohl umfangreichste Erzählung über ein Leben im virtuellen Raum ist Tad Williams Monumentalwerk »Otherland«. In dem Werk geht es darum, dass immer mehr Kinder Opfer ihrer Netzsucht werden und nicht mehr offline gehen können. Um diese Kinder zu retten, beschließen Jugendliche und Erwachsene aus unterschiedlichen Kulturen, sich in den virtuellen Raum zu begeben und nach ihnen zu suchen. Sie erleben eine atemberaubende Weltenschöpfung und geraten in gefährliche Auseinandersetzungen.

Die fast viertausend Seiten starke Cyberspace-Saga in vier Teilen beginnt schleppend und ohne erkennbaren Handlungsstrang, indem verschiedene Surfer in einem komplexen virtuellen Netz vorgestellt und bei ihren Erlebnissen begleitet werden. Mit faszinierender Sogwirkung entsteht ein komplexes Handlungs- und Figurengerüst, das mit einem geheimen Bereich der Virtuellen Realität verknüpft ist und vor allem Kinder und Jugendliche magisch anzieht.

Im Zentrum der Geschichte steht eine Gruppe meist junger Helden, die auf unterschiedlichen Wegen diesen geheimen Bereich entdecken, dessen Kunstwelten real erscheinen und dennoch die Grenzen der Wirklichkeit sprengen. Das »Otherland« ist ein elektronisches multidimensionales Universum, errichtet von einer mächtigen Organisation steinreicher Weltmänner, die sich Gralsbrüderschaft nennt. Diese benötigt Kinder, um sich selbst jung zu erhalten. Die Helden ziehen aus, ihre Freunde zu retten und die Gefahr zu vernichten.

Im ersten Band der Tetralogie schafft die Gruppe es, in das erstmals auf Seite 569 der Taschenbuchausgabe erwähnte geheimnisvolle »Otherland« einzudringen und vom Gottkaiser, hinter dem sich eine steinreiche Persönlichkeit verbirgt, empfangen zu werden. Doch im gleichen Moment wird der hinter der Simulation stehende reale Mensch im Auftrag seiner eigenen Bruderschaft ermordet. Die Eindringlinge sind damit im System gefangen und können sich nicht mehr ausloggen.

Hier geht es zum zweiten Band: Fluss aus blauem Feuer

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Kategorie: Science-fiction
Verlag: Heyne München

Per Anhalter durch die Galaxis

Schon der Weltuntergang, mit dem das schrägste Science-Fiction-Spektakel der Literaturgeschichte beginnt, ist ein Klassiker: Der Engländer Arthur Dent versucht verzweifelt, sein Eigenheim gegen die Willkür der Gemeindeverwaltung zu verteidigen, die sein Haus für eine Umgehungsstraße beseitigen will. Da naht eine mächtige vogonische Bauflotte aus den Weiten des Weltraums, die den Auftrag hat, die gesamte Erde aus der Umlaufbahn zu sprengen, um Platz für eine wichtige Hyperraum-Expressroute zu schaffen!

Mit Hilfe eines »elektronischen Daumens« für intergalaktische Anhalter rettet der Außerirdische Ford Prefect, der zu Studienzwecken für seinen Reiseführer »Per Anhalter durch die Galaxis« die Erde besucht, seinen Kumpel Arthur auf ein vogonisches Raumschiff. Vogonen sind allerdings ungastliche Gesellen, und so fliegen Arthur und Ford durch eine Luftschleuse wieder zurück ins All. In letzter Sekunde werden die beiden vom Raumschiff »Herz aus Gold« gerettet. An Bord dieses Schiffs treffen sie die anderen Hauptfiguren der verrückten Geschichte: Das sind Zaphod Beeblebrox, Halbcousin von Ford und Präsident der Galaxis, Trillian, eine Frau, die Arthur einmal auf einer Party traf sowie ein manisch-depressiver, ständig schlecht gelaunter Androide namens Marvin. Die Freunde brechen auf, den legendären Planeten Magrathea zu suchen und schließlich die Frage auf die ultimative Antwort zu finden.

Erstmals liegt jetzt der Klassiker des 2001 verstorbenen Erfolgsautors mit allen fünf Bänden in einer Gesamtausgabe exklusiv beim Versandhaus Zweitausendeins vor. Unterstützt von fröhlichen Illustrationen von Gerhard Seyfried und Ziska Riemann kann der Leser mit dem Reiseführer »Per Anhalter durch die Galaxis« ein äußerst ungewöhnliches Universum durchstreifen und den Erdenbewohner Arthur Dent und seinen Freund, den Reiseführer-Autor Ford, bei ihren extrem unwahrscheinlichen, aber total amüsanten Abenteuern begleiten.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin