Von der Kirche missbraucht

Von der Kirche missbrauchtUnlängst besuchte ich Regensburg, die Stadt der missbrauchten Regensburger Domspatzen. Deren Schicksal interessiert mich, es waren nachweislich 547 Kinder, die den frommen Brüdern zum Opfer fielen und sich nun endlich öffnen. Mein erster Weg führte mich deshalb in die Dom-Buchhandlung. Denn inzwischen gibt es Augenzeugenberichte der Betroffenen in Buchform, und die wollte ich mir gern ansehen.

Doch wundersamer Weise gibt es diese Bücher zu dem brandaktuellen lokalen Thema dort nicht. Zwar ist eine Buchhändlerin der Dom-Buchhandlung sehr bemüht und sucht im Computer nach »Von der Kirche missbraucht«. Doch auf meine Frage, ob denn dieses Buch in Regensburg selten nachgefragt werde, schaut sie mich von der Seite an und meint vorsichtig, die Nachfrage nach dem (erst vor kurzem erschienenen) Titel sei gering. Ich solle doch in die gut sortierte Buchhandlung Dombrowsky gehen und dort einmal fragen …

Ich suche also die genannte Buchhandlung auf und stelle meine Frage, weil im Regal für »Regionalia« zwar allerlei Lesenswertes aus und über Regensburg steht, mein spezielles Interesse jedoch nicht bedient wird. Der junge Buchhändler schaut irritiert: Gibt es tatsächlich diesen Titel? Er hat noch nie davon gehört! Dabei sind die Zeitungen und das Fernsehen voll von dem Missbrauchsskandal. Ja, da stand doch was in der Zeitung … Durchaus hilfsbereit will er mir das Buch bestellen und entschuldigt sich, sein Unternehmen sei eine »literarische« Buchhandlung, ich solle es doch besser in der Dom-Buchhandlung versuchen …

Regensburger Domspatzen über Missbrauch

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Lediglich bei Pustet findet man in Regensburg das Buch von Alexander J. Probst • Fotos: Ruprecht Frieling

Fündig werde ich schließlich bei Bücher Pustet, wo mir eine Buchhändlerin die Autobiographie von Alexander J. Probst zeigt. Dieser Autor hat es gewagt, den Mantel des Schweigens über dem jahrzehntelangen Missbrauch an Aberhunderten von Jungen zu lüften. Seine Veröffentlichung hat dazu beigetragen, dass der damalige Papst Benedikt XVI., dessen Bruder Georg Ratzinger ebenfalls in den Skandal verwickelt ist, den Regensburger Bischof Müller abzog und im Vatikan versteckte.

Probst beschreibt, wie er sich auf die Schule der Regensburger Domspatzen freute, wo er gleich zu Beginn dem Herrn Domkapellmeister Ratzinger vorsingen darf und als sehr begabt eingeschätzt wird. 189,05 DM müssen die Eltern monatlich aufbringen, damit der Junge auf die Vorschule der Domspatzen gehen kann. Er lernt die Lehrer und ihre Launen kennen, jeden Morgen geht er mit seinen Schulkameraden um 6:30 Uhr zur Messe, darf anschließend als Nummer 439 antreten und erlebt, dass Ohrfeigen und andere Züchtigungen zur Tagesordnung gehören. Ein System des Terrors zwingt die Knaben, »freundlich und dienstgefällig« zu sein. An jedem Sonntag werden sie genötigt, einen »schönen« Brief nach Hause zu schreiben, in dem kein Wort darüber verloren werden darf, dass den Schülern teilweise das Blut aus der Nase schießt, wenn sie am frühen Morgen verprügelt werden oder ein Teller an ihrem Kopf zerschellt.

Entsprechend abgerichtet wechselt Alexander nach vier Jahren ins Musikgymnasium. Nun wird es ernst für den Domspatzen, der sich schon darauf freut, Georg Ratzinger wiederzusehen. Den erlebt er jedoch bald darauf als unausgeglichenen Mann, der ständig brüllt und mit Tellern aus Tabernakeln, mit Bechern und Kerzenständern um sich wirft. Der Zehnjährige schafft es, in den Palestrina-Chor aufgenommen zu werden, dort finden sich die Schüler mit den besten und weichsten Stimmen, und er lernt den Präfekten Cornelius Hafner kennen, den er »Corny« nennen darf.

Kinder von Würdenträgern missbraucht

Eines schönen Tages führt ihn Hafner in ein Zimmer, in der sich bereits andere Schüler herumlümmeln, Zigaretten paffen und Flaschenbier trinken. In einer Ecke dieses geheimen Raumes steht ein Projektor, der einen Pornofilm abgespult. Gebannt starrt der Junge auf den Film, in dem nackte Paare stöhnen und schreien. Er versteht die Welt nicht mehr, als ihn der Präfekt dabei liebevoll streichelt statt nach Art der anderen Lehrer zu prügeln. Tagsüber wird im Religionsunterricht die Nächstenliebe gepredigt, in der Nacht steht Corny Hafner an seinem Bett und schiebt seine Hand in seine Hose, während er flüstert, was für ein liebenswerter Junge Alexander doch sei.

Kratzt man am Lack der Regensburger Kirchen, wird der Missbrauch deutlich

Kratzt man am Lack der Regensburger Kirchen, wird der Missbrauch deutlich

Rund 200 Mal missbraucht Hafner seinen Schutzbefohlenen, spielt an ihm herum oder befriedigt sich selbst, während Pornos im »geheimen« Zimmer laufen. Alexander stellt sich immer häufiger die Frage, warum die Frauen in den Filmen das mit Männern machen, was Hafner mit ihm macht. Gern würde er einen älteren Bruder fragen, aber er hat keinen. Als er sich dann endlich seinem Vater anvertraut, nimmt der ihn sofort von der Schule. Er hatte es wohl geahnt, hinter vorgehaltener Hand tuschelt Regensburg schon lange über die Exzesse am Hofe des Bischofs.

40 Jahre soll es noch dauern, bis Alexander J. Probst die Kraft aufbringt, über die erschütternde Wirklichkeit bei den Domspatzen zu sprechen. Anfangs trifft er auf eine Phalanx des Schweigens. Alle um ihn herum versuchen ihn zu beruhigen, das sei damals eben so gewesen, man dürfe die katholische Kirche keinesfalls öffentlich in Misskredit bringen. Doch dann öffnen sich weitere ehemalige Domspatzen und beginnen, die Fälle systematisch aufzuarbeiten. Die Presse steigt ein, im Fernsehen kommen erste Berichte. Schnell zeigt sich anhand hunderter Fälle, dass Misshandlungen und Missbrauch beim Regensburger Vorzeigechor an der Tagesordnung waren.

Leidensgeschichte eines Missbrauchsopfers

Probst erzählt seine Leidensgeschichte, indem er in den erzwungen schöngefärbten Briefen seiner Kindheit blättert und diese mit der traumatischen Wirklichkeit seiner Kindheit vergleicht. Eines Tages ruft ihn sogar Cornelius Hafner an und meint, er könne sich überhaupt nicht vorstellen, solche Dinge getan zu haben! Doch Probst ist klar: Dieser von mächtigen Kirchenleuten vor der Strafverfolgung geschützte Schwarzkittel repräsentiert das Böse. Hafner steht stellvertretend für das Krebsgeschwür in der katholischen Kirche, das dafür sorgt, dass sich hunderttausende Menschen mit Grauen von dieser Kirche abwenden.

»Von der Kirche missbraucht« ist das Buch eines Mannes mit einem Löwenherzen. Ihm verdankt die Öffentlichkeit die Wahrheit über die unter dem Zwang des Zölibats erkrankten Psychen katholischer Würdenträger, die bis auf wenige Ausnahmen alles dafür tun, einen Mantel des Schweigens über die systembedingten Ursachen ihres Fehlverhaltens zu decken.

So ist es auch kein Zufall, dass der Konflikt vor Ort in Regensburg weitgehend ausgeblendet wird. Es wirkt, als wolle man die Peinlichkeit vertuschen und empfiehlt dem Besucher der schönen Stadt lieber großformatige Bildbände von den Domspatzen, CDs mit ihren Jubelchören und Farbfotos, auf denen der einstige Chorleiter Ratzinger heuchlerisch das Haupt der Knaben tätschelt.


Kategorie: Autobiografie, Dokumentation
Verlag: Riva Verlag München

Ich bekenne, ich habe gelebt

neruda-1Faszinierende Vita eines Politlyrikers

Als Memoiren bezeichnet der als lyrischer Politiker oder, ebenso stimmig, als kommunistischer Poet einzuordnende chilenische Dichter Pablo Neruda seinen Band mit dem selbstbewussten Titel «Ich bekenne, ich habe gelebt». Er hat daran bis unmittelbar vor seinem Tode 1973 gearbeitet. «Ich schreibe diese raschen Zeilen drei Tage nach den empörenden Ereignissen, die zum Tode meines großen Gefährten, des Präsidenten Allende, führten» heißt es auf der letzen Seite. Nur neun Tage später erlag er seinem Krebsleiden. Für ihn war der Militärputsch von Pinochet eine persönliche Katastrophe, die er in den allerletzten Zeilen seiner Erinnerungen desillusioniert, fast zynisch beschreibt und resignierend kommentiert. Hier am Ende wie auch im ganzen Buch zeigt sich, dass der Nobelpreisträger von 1971 ein ebenso leidenschaftlicher Dichter wie Politiker war. Für ihn gehörten Poesie und Politik zusammen, es waren zwei Seiten der gleichen Medaille, er setzte seine Lyrik ganz bewusst und wirkungsvoll immer wieder auch politisch ein.

Was für ein außergewöhnliches Leben, das der unter Pseudonym schreibende Sohn eines Lokomotivführers aus der Stadt Temuco im Süden Chiles da stolz vor dem Leser ausbreitet! Nicht in Form einer Autobiografie geschrieben allerdings, sondern als eine riesige Sammlung von Berichten über Erlebnisse und Begegnungen, von geistreichen Reflexionen, von feinfühligen Beobachtungen, dazu viele amüsante Anekdoten aus einem wahrhaft bunten Leben. Wo der Mann überall war und wen er alles kannte! Es ist eine riesige Schar an Menschen, denen er als Poet wie auch als Politiker begegnet ist, von ihm häufig als Freunde bezeichnet oder auch nur, als Mitstreiter, Kollegen, Gegenüber bei diversen Begegnungen, namentlich erwähnt. Während die genannten Politiker mir meistens bekannt waren, hatte ich mit den Poeten, insbesondere den vielen Lateinamerikanern, so meine Probleme, die meisten der illustren Namen hatte ich noch nie gehört. Das mag daran liegen, dass ich ausschließlich Epik lese, keine Lyrik, mein Brockhaus allerdings kannte manche der Namen ebenfalls nicht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Autobiografisches geschönt und idealisiert wird, der Mensch ist nun mal gefallsüchtig, auch Pablo Neruda bekennt sich offen dazu. Und so fliegen ihm in seinen Jugendjahre die Frauen mühelos zu, kriechen nächtens in sein Strohlager, ohne dass er überhaupt weiß, wen er da in Armen hält. Ein Macho braucht wohl solche verbalen Trophäen. Bei seinen sicherlich hochverdienten Ehrungen drückt der schwedische König gerade ihm die Hand ein wenig länger als allen anderen, berichtet er von der Nobelpreis-Verleihung. Das und Ähnliches mehr mag ja alles wahr sein, es wirkt aber im selbstverfassten Bericht überaus eitel und damit peinlich, auf mich jedenfalls.

Sprachlich präzise und klar, zuweilen schwärmerisch und blumig werdend, wenn es um Heimat und Natur geht, sind diese Memoiren sehr angenehm und flüssig zu lesen. Dass hier ein Lyriker schreibt, merkt man schon an den gelegentlichen, vom übrigen Text kursiv abgesetzten, kontemplativen Einschüben, alleinstehende Einzelsätze zumeist mit poetischer Anmutung. Pablo Neruda entführt den Leser in seine ganz eigene, exotische Welt und lässt ihn teilhaben an einer wahrlich außergewöhnlichen Karriere. Man kann ihm vorwerfen, er habe viele Fragen offen gelassen, politisch einäugig den Kommunismus verherrlicht, Privates weitgehend ausgeklammert. Gleichwohl ist seine Vita faszinierend, und das, was er darüber preisgibt, ist allemal die Lektüre wert.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Autobiografie
Verlag: Luchterhand