Benzin

2175E2D5-5868-4180-9679-6C174950081EAxel Hollmann liefert mit „Benzin“ einen spannenden Krimi, der im zweiten Drittel voll durchstartet und bis zum Höhepunkt rasant durchhält. Seine Geschichte spielt im Milieu der neuen Berliner Mitte und erzählt vom Aufbegehren der „Ureinwohner“ gegen das Profitstreben unersättlicher Baulöwen und ihrer Helfershelfer.

Hollmans Heldin Julia Wagner ist eine auf den ersten Blick taffe Motorradbraut, die ihren Helm gern vom Kopf reißt und auf den Tisch knallt, in einem Saustal haust, von Lieferpizzen lebt, sich in Sofas fallen lässt, Bier aus Flaschen schluckt, Kerle zu Boden wirft und auch sonst diverse typisch männliche Allüren an den Tag legt.

Auf der anderen Seite ist die unzuverlässige Dreißigjährige ein naives Sensibelchen, das dem LKA, dem sie angehörte, den Sheriffstern auf den Tisch warf, nachdem sie ihr Vorgesetzter, mit dem sie ein Verhältnis hatte, von der Bettkante schubste. Beim ersten Rendezvouz mit einem anderen Kriminalbeamten werden ihre Knie jedoch gleich wieder weich.

Und auch in ihrem nächsten Beruf als Fotografin eines Berliner Boulevardblattes ist sie unglücklich, weil sie es ihrer Chefin nicht recht machen kann, Dinge nicht zu Ende bringt und der festen Überzeugung anhängt, Journalisten täten „was man ihnen sagt“ und lögen wie gedruckt. Außerdem glaubt sie, als freie Fotografin irgendwelche „Stories“ auftun statt Aufnahmen machen zu müssen.

Die Hauptheldin wirkt also charakterlich schwach, unentschlossen und in ihrer figürlichen Anlage noch recht unausgeformt. Sie will in erster Linie stets ihrer Umwelt etwas beweisen, um in einem besseren Licht zu stehen. Hinzu kommt ein seltsam negatives Bild vom Selbstverständnis des Boulevardjournalismus, dessen Vertreter entweder gebrochene Alkoholiker oder Zyniker sind. Hier wäre der Autor gut beraten, sich ein wenig intensiver mit Berufsbild und -wirklichkeit des Journalisten zu befassen, um Klischees zu vermeiden und durch Sachkenntnis zu überzeugen. Ein freier Fotograf lebt von der Anfertigung überzeugender Bilddokumente. Es recherchiert keine „Stories“ und ist auch nur in den allerseltensten Fällen investigativ tätig.

Bei Arbeiten, die im Self-Publishing entstanden sind, ist neben der Frage, wie gut ein Autor sein Milieu recherchiert hat, interessant, welche Erzählperspektive gewählt wird. Axel Hollmann macht es sich mit der Wahl der Ich-Erzählung aus der Sicht eines weiblichen Protagonisten doppelt schwer. Vielleicht stammt daher auch das ausgeprägt maskuline Verhalten von Julia Wagner.

Außerdem wechselt der Autor in den Kapiteln 13, 33 sowie 47 ohne Grund die Erzählperspektive. Aus der personalen Erzählerin wird plötzlich ein allwissender (auktorialer) Erzähler, der das Geschehen von außen überschaut. Dies hätte ein erfahrener Lektor bemerkt, und wenn die Ich-Erzählerin dann plötzlich berichtet, was im Inneren einer anderen Person vorgeht, dann hätte er diesen Schnitzer auf jeden Fall eliminieren müssen.

Streiten kann man schließlich über die Frage, ob der als Klammer genutzte zusätzliche Handlungsstrang um Sandras Fitnessstudio und ihren Trainer nicht besser entfallen wäre. Sie bremst das Einstiegstempo und hat mit der eigentlichen Krimihandlung nur insofern zu tun, als sie das Stehaufmännchenprinzip der Heldin erklären will. Eine ersatzlose Streichung hätte die explosive Handlung sofort entzündet und wäre für das Gesamttempo förderlich, zumal „Benzin“ als Prequel für eine ganze Serie Julia-Wagner-Krimis dient, die der Protagonistin bestimmt noch manchen Entwicklungsspielraum bietet.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten hat Hollmann eine interessante Geschichte mit viel Potential kreiert, die allerdings eine noch gewissenhaftere Auseinandersetzung mit Thema und Sprache verlangt, will sie denn wirklich abheben.


Kategorie: Berlin, Kriminalromane
Verlag: Kindle Edition

Alles schick in Kreuzberg?

Alles schick in Berlin? Wer Berlin liebt, wird gerne mit dem Verleger und Autor Klaus Bittermann durch sein Viertel Kreuzberg flanieren, das unlängst mit dem Ost-Bezirk Friedrichshain zu einer Verwaltungszone vereint wurde. So soll Ost und West zusammenwachsen und (wieder)vereinen was einst getrennt. Dass das aber nicht unbedingt immer friktionslos geschehen muss, erzählt Bittermann in kurzen Episoden aus seinem Alltagsleben, in denen der passionierte Flaneur sich inbesondere mit Touristen, Pennern und Gentrifizierten auseinandersetzt. Bittermann, der seit 1981 in Berlin lebt, kennt seine Wahlheimat und ihre Sprache, die ist oft abrupt und wirkt sehr aggressiv, aber die Berliner meinen das dann ja alles gar nicht so. Es geht eigentlich mehr darum, das Terrain abzustecken und abzuchecken wie der andere so drauf ist. Das mag für Uneingeweihte etwas ruppig wirken, für andere aber sehr witzig, mitunter auch unabsichtlich. Vielleicht ist es dem Autor ja damals auch so gegangen, als er von Kulmbach in die geteilte Stadt zog.Bittermann-SchickinKreuzberg

“Ich schwör! Echt ma’…“

Es bärlinert. Nicht nur Harry Rowohlt (Pu, der Bär) beherrscht das Idiom bei der Live-Lesung dieses Buches, das gleichzeitig auch auf CD beim selben Verlag erschienen ist. Man hört aber auch die Stimme des Autors, die beiden wechseln sich mit einigen Kalauern ab und das Publikum lauscht aufmerksam. Besonders unterhaltsam sind natürlich die Passagen, wo sich das typisch Berlinerische mit anderen Idiomen mischt, etwa wenn ein Zuwanderer von einem Baseballschlägertypen verfolgt wird und ruft: „Ich schwör! Echt ma, frag die Leute da.“ Die versammelten Polizisten – wohl bei einer 1.Mai Demo – stehen aber mit ihren Sprüchen keineswegs im sozialen Abseits. „Niemand fickt hier jemanden“ heißt der titelgebende Satz dieser Episode aus Bittermann’s Berliner Leben zwischen Absturz und Chaos. Das neueste sind nun aber keine 1.Mai-Demos mehr, sondern Flashmobs anstelle von Solidaritätskundgebungen. „Capulcu 36“ heißt es hier auf einem T-Shirt, so hat Erdogan regimekritische Demonstranten genannt und es bedeutet Marodeur. Das „36“ steht für das Viertel in dem sich das alles ereignet, der alte Postleitbezirk um das Kottbusser Tor und die verschriene Oranienstraße (nicht Oranienburger!) sind das politische Zentrum Berlins, damals, als es noch politisch war. „Aber seitdem hier ständig deeskaliert wird, kann man nicht mal mehr was Illegales machen“, beklagt sich der Flaneur ironisch provokant.

Lese- und Hörspaß

Alte FraKLAUS2uen mit Tourette-Syndrom, baseballschwingende Demonstranten, freundliche Polizisten und ein Design-Festival in Berlin, das eigentlich ja eine „contradictio in adjecto“ darstellt, wie Bittermann beflissen hinzufügt, denn eigentlich ist Berlin ja hässlich oder worin besteht der Widerspruch? Der Hangar des Tempelhofer Flughafens ist zwar eine besonders gut gewählte Location dafür, aber in den Hangar-Hallen gehen die Design-Stücke fast unter. Denn Tempelhof steht für faschistische Architektur: Schwerindustrie, Kruppstahl, Stahlstreben und –treppen. Aber auch für die Rosinenbomber nach dem Krieg. Die CD-Lesung mit dem Titel „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“, worauf auch einige Passagen aus „Alles schick in Kreuzberg“ enthalten sind, sowie das Buch sind in der Editon Tiamat erschienen. Auch auf dieser 140-minütigen (zweiten) DoppelCD des leider kürzlich verstorbenen Vorlesers Harry Rowohlt verteidigt er seinen Ehrentitel „Paganini der Abschweifung“ (Titel der ebenfalls bei Tiamat erschienen 1. CD) und berlinert, flucht, schreit, schimpft oder flötet liebevoll Bittermanns Beobachtungen in der neuen deutschen Hauptstadt. Ein kurzweiliger Lese- und Hörspaß für einen lustigen Sommer, vielleicht ja in Berlin?

Klaus Bittermann
Alles schick in Kreuzberg.
Unter Touristen, Pennern, Gentrifizierten.
Edition Tiamat Critica Diabolis 212, 2016


Kategorie: Berlin, Humor und Satire, Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Edition Tiamat Berlin