1766-2016: 250 Jahre Prater Kino Welt

prater

prater2016 feierte der Wiener Prater sein 250-jähriges Jubiläum, nachdem Kaiser Joseph II. die ehemals kaiserlichen Jagdgründe öffentlich zugänglich gemacht hatte. 2005 – zum fünfzigjährigen Bestehen des Filmarchivs Austria – erschien die vorliegende Publikation mit dem Titel „Prater Kino Welt“, die sich mit dem Prater als Mythos und Heimat von Illusionen beschäftigt. Eine DVD, die auch heute noch erhältlich ist, sowie eine Ausstellung und ein Festival beim Riesenrad begleiteten das Jubiläum und feierten u.a. auch die ersten Filmvorführungen überhaupt die in eben diesem Prater erstmals Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden. Der Prater ist seit damals ein Raum zur Assimilierung der Moderne in dem Hochschau- oder Achterbahnen, Schiffs- und Aeroplankarusselle oder das Prater Hochhaus Hotel Mysteriös und Kaiserpanoramen ausgestellt wurden. Auch Reisen in fremde Welten wurden dort angeboten, etwa nach Venedig, Japan oder Afrika. Aber auch die literarische Repräsentation des Praters von Stifter, Salten und Zweig wird in vorliegender Publikation Rechnung getragen, sowohl in visueller als auch klanglich-auditiver aber sexueller Konnotation und Dimension.

Krystall-Kino und Milieu im Prater

Attraktionen wie Panoramen, Dioramen, Laterna-Magica-Vorführungen, Schnellfotografen oder Panoptiken und „Kunstkabinette“ und schließlich auch die Cinematagraphie hielten in dem Vergnügungsviertel am Wiener Stadtrand Einzug und begeisterten einerseits ein aristokratisches andererseits auch proletarisches Publikum. Der Prater wurde so schon sehr früh zu einer Begegnungsstätte unterschiedlichster Schichten und Klassen und das noch bevor es überhaupt so etwas wie eine bürgerliche Gesellschaft gab. 1904/05 gab es eine Art Gründerzeitstimmung im Prater, schreiben die beiden Herausgeber in ihrem Einleitungsessay zu vorliegendem Bilderbuch, das mit interessanten wissenschaftlichen Texten versehen auch zu einer Art intellektueller Lektüre der Vergangenheit wird. 1904 bis 1914 sei der Prater ein zentraler Ort des Kinos gewesen, in dem das „Krystall-Kino“ oder „Stiller“-Kino, das „Schaaf-Kino“ und andere Filmpaläste mit bis zu 700 Sitzplätzen ihre Heimat fanden. Einen Vergleich mit dem Lunapark Coney Island/New York unternehmen Siegfried Mattl und Schwarz, wenn sie die „verdrängte Natur wird durch groteske Mimesis zum Spektakel“ die beiden Vergnügungsparks beschreiben: „Die Nacht wird zum effektreich übersteigerten Tag“. Möglich machte dies allein die gerade erfundene Elektrizität. Dem Kaiser gefiel’s, denn ihm gehörte bis 1918 das ganze Gelände, das bei Kriegsende an die Stadt überschrieben wurde.

„Organlust“ mit Buffalo Bill im Prater

Die „Organlust“ bestand im Prater im Wandel der körperlichen Bewegung hin zum Auge und den Sinnen, denn die „kinästhetische Wende“ presste die Schaulustigen in ihre Sitze und machte aus dem „roller coaster“ des Körpers jenen des Gemüts. „Die Zuschauer wurden – im Kino – zwar physisch ruhig gestellt, ihre Sinne aber zugleich rasant mobilisiert“, wie die beiden sinngemäß schreiben. „Der Prater ist nicht das Delirium einer Welt der Simulcren, die konsumiert werden kann, sondern exaltiertes Schauspiel der Massen, die sich vor allem an der eigenen Fertigkeit zur Travestie erfreuen“, schließen Mattl/Schwarz ihren Beitrag ab. Ein anderes interessantes Phänomen wird von Ursula Storch angesprochen, die die Geburtsstunde des Wien Tourismus in einer Reise in den Prater versetzt. Anders als heute reisten aber die Wiener selbst in die nahegelegene Welt in den Praterauen, in der minutiös eben diese Welt repliziert wurde, deren Besuch sich damals nur Aristokraten leisten konnten. Reiseersatz und Reiseillusion sei der Prater damals gewesen und die erste elektrische Grottenbahn Europas zeigte die Wüste, den Nordpol, die Niagara-Falls und den Dogenpalast in Venedig. Buffalo Bill war 1906 mit 300 Reitern zu Gast und zeigte den Wilden Westen „wie er wirklich war“, obwohl es ihn so nie gegeben hatte. „Da man die ganze Welt an einem Punkt zusammenführt, erspart der Besuch der Weltausstellung die Weltreise“, sprach’s Werner Hofmann rund hundert Jahre später aus. Eindrucksvolle Fotografien zeigen etwa die Adria-Ausstellung und die Jagd-Ausstellung auf dem Gelände des Praters in den Zehner-Jahren des vorigen Jahrhunderts und beweisen, welch gigantischer Aufwand hier betrieben wurde.

Prater: „Venedig in Wien“ oder „Merry-Go-Round“

Die Sonderausstellung „Venedig in Wien“ hatte Repliken der Cá d’Oro, des Palazzo Dario, der Porta del Arsenale des Palazzo Priuli und Desdemona lebensgroß nachgebaut und einen ein Kilometer langen Gondelkanal mit 40 Gondolieri und 25 Gondeln. Oskar Marmore hatte es 1895 erbauen lassen, aber schon 1901 war es wieder verschwunden. Der Prater war damals das Las Vegas von Wien. Auch dort begegnen sich unterschiedliche Klassen und überwinden den Klassengegensatz wie etwa in dem aus dem Jahre 1923 stammenden Film „Merry-Go-Round“. Alexandra Seibel schreibt in ihrem Essay, wie „die rückwärtsgewandte Utopie“ Alt Wiens in Los Angeles für den Film eigens aufgebaut wurde und Wien als „Exportplatz für Sentimentalität“ diente. Der „wohltemperierte Genuss von Sex and Romance“ sollte klassenüberwindend und versöhnlich wirken, nachdem der Weltkrieg als melancholische Anekdote die beiden unterschiedlichen Liebenden wieder zusammenführt. Das Karussell des Praters wird in der amerikanischen Produktion zur Propaganda für die American Middle Class und eine Gesellschaftsform, die sich als sehr viel prosperierender und vielversprechender erweisen sollte als die des alten Kontinents Europa.

Christian Dewald/Werner Michael Schwarz (Hg.)
Prater Kino Welt. Der Wiener Prater und die Geschichte des Kinos
Filmarchiv Austria


Kategorie: Biografie, Dokumentation, Erinnerungen, Kino, Kinogeschichte, Kurzgeschichten und Erzählungen, Memoiren, Sachbuch, Wien

Almost forever young

cohen

cohenZwischen 2008 und 2010 war Leonard Cohen nochmals auf Tournee, darunter auch Auftritte in Europa und vielleicht beschlich schon damals einige Zuschauer das mulmige Gefühl, dass es ja die letzte sein könnte. Im selben Jahr war er auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden. Im Herbst 2016 trat der „bibelfeste Jude aus Westmount/Montreal“ wie ihn zuletzt ein Kollege nannte seine letzte Reise und viele mögen dabei in das von ihm oft gespielte „Hallelujah“ eingestimmt haben, leise, zum Abschied eines Sängers, der eigentlich Schriftsteller werden wollte: „I did my best, it wasn’t much/I couldn’t feel, so I tried to touch/I’ve told the truth/I didn’t come to fool you/And even though it all went wrong/I’ll stand before the lord of song/With nothing on my tongue but hallelujah“. Leonard Cohen starb mit 82 Jahren und hinterließ einen „Tower of Songs“, also viel mehr als in dem Song Hallelujah anklingt: it was really much and it it still is.

Kanadischer Star der Melancholie: Leonard Cohen

In der Hippie-Ära lebte Cohen auf der griechischen Insel Hydra und versuchte dort sein schriftstellerisches Werk voranzubringen, aber aus Geldnot musste er dann doch die Bühne betreten. 1967 erschien sein erstes selbstbetiteltes Album, das vor allem aufgrund seiner tiefsinnigen Melancholie den europäischen Zeitgeist traf, denn der „Summer of Love“ war bereits in einen ernüchternden Herbst übergegangen und führte zu dem Aufbruch der Jugend von 1968, in dem die eben verloren gegangene Woodstock-Idylle neu eingefordert wurde. Leonhard Cohen verweigerte es ebenso wie Bob Dylan zum Sprachrohr seiner Generation zu werden, aber er traf dennoch den Nerv der Zeit. Der vorliegende Bildband feiert den 80. Geburtstag Leonhard Cohens im Jahre 2014 und zeigt intime Bilder aus Hydra, aber auch Konzertfotos seiner unzähligen Auftritte in Farbe und Duotone.

Wiedergeburt im Kloster in L.A.

Wie Sparschuh in seinem Vorwort erzählt, habe Cohen auch einmal den Versuch unternommen, mit seiner Olivetti unter Wasser zu schreiben – in der Badewanne. Sein Großvater sei der Rabbi Solomon Klonitzki-Kline gewesen, der lebte allerdings nicht in Kanada, sondern in Litauen. Der selbsternannte „lazy bastard living in a suit“, der nie ohne Zigarette abgelichtet wurde, schuf mit „Suzanne“, „So long, Marianne“ und „Sisters of Mercy“ Meilensteine des Songwritings und lernte seine Stimme durch Hypnose zu beherrschen: „Senken Sie Ihre stimme tiefer und tiefer, bis sie beinahe einem Flüstern gleicht“, eine Erinnerung aus Jugendjahren, die er später auch auf den Bühnen der Welt so eindrücklich beherzigte. Federico Garcia Lorca, der von den Faschisten Francos umgebrachte spanische Dichter, gehörte zu seinen dichterischen Vorbildern, aber das Gitarrespielen soll er von einem in einem Park Montreals spielenden Zigeuner gelernt haben. Woher seine Melancholie kam? Vielleicht weil er seinen Vater schon im Alter von neun Jahre verloren hatte? „Jikan“ war der Name den er in dem Mount Bald Zen Kloster 80 km östliche von L.A. erhielt: der Stille. Die Jahre im Kloster hatte er dringend benötigt, denn als er wieder zurück kam, erfuhr er, dass seine Managerin und Vertraute Kelley Lynch (nomen est omen) sein ganzes Geld beiseite geschafft hatte. Totalverlust. Ein Grund, warum er sich 2008 wieder auf Tournee begab: er wollte sich seine Pension verdienen.

Ein intimes Porträt voller schöner Eindrücke und eine wunderbare Möglichkeit, Abschied von Leonard Cohen Abschied zu nehmen, während im Kamin ein Feuer brennt und eine Flasche Rotwein entkorkt am Couchtisch steht. Auf die Frage nach seiner Wiedergeburt soll Cohen 2012 auf einer Pressekonferenz in Paris geantwortet haben: „Als Hund meiner Tochter.“

Leonard Cohen
almost young
Eine Bildbiographie
Mit einem Text von Jens Sparschuh
schirmer/mosel, 168 Seiten, 75 Abbildungen in Farbe und Duotone
ISBN: 9783829606639


Kategorie: Bildbiographie, Biografie, Biographien, Dokumentation, Fotobuch, Kunst, Musik und Literatur, Sachbuch
Verlag: schirmer/mosel

Twin Peaks 3.0.: Das langersehnte Wiedersehen

reclamMit dem Ausspruch „If you miss it tonight, you won’t know what everyone’s talking about tomorrow“ warb der amerikanische Sender ABC für die zweite Staffel der wohl besten Serie über einen der „wunderbarsten und zugleich seltsamsten Orte“ des Nordwestens der USA und wenn 2017 das Twin Peaks Fieber anlässlich der dritten Staffel wieder ausbrechen wird und alle Münder nach einem „Damn Good Coffee“ und Kirschkuchen verlangen werden kann man sich jetzt schon sicher sein, dass die TV-Landschaft danach wieder nicht mehr dieselbe sein wird. Schon vor 25 Jahren revolutionierte Twin Peaks nämlich das Genre indem es das Zeitalter der „Autorenserien“ eröffnete und das Ende des Mediums zweiter Wahl einläutete. Twin Peaks 3.0 wird von Showtime ausgestrahlt werden und wahrscheinlich wieder in 30 Episoden aufgeteilt sein. Mit dabei sind natürlich wieder die Gründer der Serie allen voran David Lynch und Mark Frost sowie Kyle MacLachlan als Special Agent Dale Cooper.

Twin Peaks: Hommage an den Cliffhanger

„I will see you again in 25 years“, sagte Laura Palmer in der surrealen Traumsequenz der finalen Episode vom 10. Juni 1991 und tatsächlich wird es nun beinahe auf den Tag genau zu einem Wiedersehen kommen. Grund genug dafür, das bisher Geschehene nochmals auf 100 Seiten zusammenzufassen und in die nunmehr ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Ereignisse erneut einzutauchen. Dabei hilft nun besonders der hier vorliegende kleine Reclam-Führer der nicht nur mit genauen Personenbeschreibungen, sondern auch schönen Grafiken zu Twin Peaks aufwartet. Zudem erfährt man natürlich auch, was in der Dritten Staffel geschehen wird und wer alles wieder mit dabei sein wird, aber auch was in den vergangenen 30 Episoden alles geschehen ist. Mit dem Satz: „Und da gibt es diesen Wind, der durch die Bäume streift“ soll David Lynch damals den ABC-Programmverantwortlichen davon überzeugt haben, sich an die Serie zu wagen, die damals alles bisher in der TV-Geschichte Dagewesene in den Schatten stellte. Leider war es dann auch ABC, die für den Einbruch der Einschaltquoten verantwortlich war, als der Mörder von Laura Palmer schon in der 18. Episode gestellt wurde. Natürlich war für den Einbruch auch die Sendeplatzverlegung auf den „graveyard slot“ verantwortlich, aber sicher nicht die Serie selbst, die man auch als Hommage an den Cliffhanger bezeichnen könnte.

2017: Give Peaks a chance!

Die vorliegende liebevoll zusammengestellte Publikation erzählt auch vom COOP (Citizens Outraged at the Offing of Peaks), die 1991 schon „All we are saying is give Peaks a chance“ skandierten. Auch Kritik an der zweiten Staffel ist zu vernehmen, die cinematographischen Vorbilder der Serie werden genannt sowie die Twin Peaks eigene Magie erklärt, etwa schon beim Vorspann: „mit seinen sanften Überblendungen steht für die Entdeckung der Langsamkeit, Entschleunigung, Kontemplation, für eine Traumreise, er erzeugt eine hypnotische Wirkung, lässt einen eintauchen in eine fremde Welt, entführt einen an einen idyllischen Meditationsort“. Wenn der Vorspann dann verklungen ist, sei man in einer Traumwelt angekommen, in der immer wieder die Gesetze der Wirklichkeit außer Kraft gesetzt würden.

Die Reihe „100 Seiten“ erscheint bei Reclam als Taschenbuch im Format 11,4 x 17 cm auf 100 Seiten und enthält auch einige Abbildungen. Weitere Themen der Reihe sind: Asterix, Superhelden, David Bowie, Reformation, JOhn F. Kennedy, Resilienz u.v.a. Themen mehr.

 

Gunther Reinhardt

Twin Peaks. 100 Seiten

Broschiert. Format 11,4 x 17 cm

100 S. 7 Abb. Reclam Verlag

ISBN: 978-3-15-020421-4


Kategorie: Agentenroman, Biografie, Biographien, FBI, Kriminalromane, Kult, Kulturgeschichte, Lynch, TV-Serien
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Das ZickZack-Prinzip: Ein Leben für den Underground

ZickZack-Prinzip

ZickZack-PrinzipDer in Berlin lebende Journalist und Soziologe, sowie Herausgeber von Rat Race in den 80er Jahren und heutige Ressortleiter für Feuilleton und Sport bei der Tageszeitung Junge Welt, Christof Meueler, verfasste mit dem ZickZack-Prinzip die Geschichte des Labelchefs Alfred Hilsbergs, der bekannten Musikern wie den Einstürzenden Neubauten und vielen anderen zu ihrem Erfolg verhalf.

Auch an der Entstehung und des Erfolges der Neuen Deutschen Welle in den 80-er Jahren war Hilsberg maßgeblich beteiligt.

Er wollte den Musikern Selbstbestimmung garantieren, geriet aber im Laufe der immer wieder wegen ausbleibender Zahlungen mit ihnen aneinander. Trotzdem blieben sie ihm und er ihnen treu. So grandios wie seine Karriere begann, so traurig scheiterte er am Ende an seinem eigenwilligen Geschäftsgebaren.

Das ZickZack-Prinzip ist keine reine Biografie, sondern spiegelt die deutsche Popgeschichte der letzten vierzig Jahre wider.

Ernsthaft ebenso wie humorig und teils mit einem Augenzwinkern erzählt der Autor Christof Meueler den Aufstieg und Fall des Labelchefs Alfred Hilsberg. Mit Euphorie steigt er in diese Geschichte, die über ein Leben ganz oben auf der Erfolgsleiter erzählt ein und mit ebenso viel Feingefühl erzählt er den langsamen aber unausweichlich stetigen Fall eines der erfolgreichsten Labelchefs in der deutschen Musikgeschichte.

Er erzählt darüber, wie riskant teilweise dessen Aktionen waren und gerade diese Arbeitsweise brachte dem Label ZickZack den gewünschten und zielstrebig angesteuerten Erfolg.

Meueler hat ausgiebig in der Musikgeschichte und im Leben von Hilsberg recherchiert und damit ein Werk geschaffen, das längst fällig war.

Wer in der deutschen Musikgeschichte nicht so bewandert ist, wie auch ich, wird sich immer wieder durch google suchen müssen, um zu wissen, um wen oder was es gerade eben geht. Da dieses Thema an sich aber so interessant und facettenreich ist, macht das in diesem Fall auch noch richtig Spaß.

Der chronologische Aufbau lässt einen den roten Faden nicht verlieren und man kann auch immer wieder Pausen einlegen, da es sich hierbei mehr um ein Sachbuch, als um eine Autobiografie im üblichen Stil handelt.

Ich fühlte mich von diesem Buch sehr gut unterhalten und informiert und bin der Meinung, dass es jeder lesen sollte, der denkt, mehr über die deutsche Musikgeschichte wissen zu wollen oder zu müssen.

Das Cover ist einfach in schwarz-weiß aufgebaut, Schörkel und Firlefanz sucht man vergebens. Aber es sind die meisten er erfolgreichen Musiker der letzten 40 Jahre darauf aufgelistet und so mancher wir hier nach seinen Favoriten suchen.

Von mir bekommt dieses Buch eine 100%ige Empfehlung


Kategorie: Biografie, Sachbuch
Verlag: Heyne München

Sag nicht, dass du Angst hast

»Samia Yusu91MRpPsRdgL._SL1500_f Omar, Leichtathletin.
Geboren am 25. März 1991, Mogadischu, Somalia; gestorben am 19. August 2012, im Mittelmeer
Größe 1,63 m, Gewicht 54 kg«

Hinter diesen kurzen Anmerkungen bei Wikipedia verbirgt sich ein Drama, das wie ein Spiegelbild zur aktuellen Diskussion um die Flüchtlinge passt. Aber ich will nicht politisch werden, mir geht es um das Buch.
Der Titel des Buches ‚Sag nicht, dass du Angst hast‘ drückt eindrucksvoll aus, was für ein Mensch Samia war, von welch unglaublichem Durchhaltewillen geprägt.

Samia wollte ihre Heimat bei den Olympischen Spielen vertreten und das erreichte sie auch. Bei der Olympiade 2008 in Peking trug sie die Flagge Somalias beim Einmarsch der Teilnehmer. Beim 200-Meter Lauf ging sie weit abgeschlagen als letzte Läuferin durch das Ziel. Trotzdem: Wenn jemals der Spruch „dabei sein ist alles“ eine Berechtigung hatte, dann war es Samias Lauf.

Dafür muss man wissen, wie sie trainierte, wie sie sich auf Wettkämpfe vorbereitete. Nachts am Strand, trotz Ausgangssperre und der permanenten Gefahr, marodierenden Soldaten in die Hände zu fallen, denn Somalia ist seit Jahrzehnten von Bürgerkriegen geschüttelt. In einem islamisch geprägten Land treibt eine Frau Sport? Das geht nur im Verborgenen, höchstens bei Mondlicht.

Die Mutter ist Gemüsehändlerin, Straßenverkäuferin, womit hinreichend beschrieben ist, wie die Familie lebt – von Gemüse und der Hand im Mund. Der Vater ist tot, umgekommen bei einem der vielen Straßenkämpfe.

Die Behörden stellen ihr keine korrekten Reisepapiere aus, sie wollen ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London verhindern. Samia fasst einen folgenschweren Entschluss. Sie will illegal nach Europa, wenn es anders nicht möglich ist. Sie macht sich auf den Weg – wie viele Afrikaner heute.

Der Autor Guiseppe Catozzella schafft es meisterhaft, das Leben der notleidenden Bevölkerung Somalias zu beschreiben. Wobei er – vielleicht unabsichtlich – die aktuelle Not vieler Afrikaner beschreibt. Er erzählt, wie man in einem über Jahrzehnte von Bürgerkriegen geschüttelten Land lebt, wie man zusammengepfercht wie auf einem Viehtransport auf der Ladefläche eines Lkws durch die Sahelzone und dann durch die Libysche Wüste an die Mittelmeerküste gelangt. Menschen fallen entkräftet von der Ladefläche, bleiben dem Tod überlassen am Wegrand liegen. Auf dem langen Weg sind Zwischenstationen eingerichtet, Mautstellen, wo die Schlepper zusätzliches Reisegeld kassieren, dass von den Angehörigen auf verschlungenen Wegen geschickt wird. Erst wenn gezahlt wird, geht die Reise weiter. Kommt kein Geld, ist der Hungertod gewiss.

An der libyschen Küste warten ausrangierte Fischerkähne und löchrige Schlauchboote, die ruhige See, keinesfalls Wind und höheren Wellengang überstehen. Gezahlt wird vorher und schaffen es die Boote wegen schlechter Wetterbedingungen gerade aus der Drei-Meilen-Zone und müssen umkehren, muss für den nächsten Versuch neue Passage bezahlt werden.

Das Buch geht wahrlich unter die Haut. Ich habe es an einem langen Abend gelesen, konnte es nicht aus der Hand legen. Es ist wohltuend unpolitisch, keine Anklage, die eindrucksvolle Beschreibung des kurzen Lebens einer tapferen jungen Frau.

Wer verstehen will – und jetzt werde ich doch etwas politisch – was die Afrikaner auf die lange Reise nach Europa treibt, wer erleben will, wie sich Flucht durch die Wüste anfühlt, der sollte dieses Buch lesen. Man begreift auch, dass wir nur einen verschwindend geringen Teil der Toten sehen, wenn in den Zeitungen steht, man habe gerade wieder fünfzig oder mehr Ertrunkene aus dem Mittelmeer gefischt. Das sind nur die Leichen, die bei uns angeschwemmt werden. Die vielen Toten über tausende Kilometer in den Wüsten und Halbwüsten Afrikas sehen wir nicht.

Samia Yusuf Omar hat es durch die Wüste geschafft, sie hat das Mittelmeer überquert, um dann eine Rettungsleine um eine Handbreit zu verpassen und im Mittelmeer zu ertrinken. Sie wurde 21 Jahre alt.


Kategorie: Biografie, Tatsachenroman, Thriller
Verlag: Albrecht Knaus Verlag

Einfach nur ich … ich habe überlebt

51h8Z9SyPML._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Ein Buch über ein abenteuerliches Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Schonungslos offen und ehrlich erzählt. Erfahrungen, auf die ich teilweise liebend gerne verzichtet hätte, aber sie gehören nun mal zu meinem Leben. Nicht immer leicht, keine schöne Geschichte, keine schönen Erfahrungen, einfach nur ICH, mit allen Ecken, Kanten, Fehlern und guten Seiten. Keiner hat dieses Leben für mich gelebt und keiner wird es mir abnehmen und für mich weiterleben.

Daggi Geiselmann schildert in einer verstörend sachlichen Form die Umstände ihres Lebens. Aus einem verschüchterten, fast unsichtbarem Kind wird ein junges Mädchen, naiv und auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Liebe. Dass sie in der Stadt, in der sie aufwächst, leichte Beute für zwielichtige Gestalten wird, ergibt sich fast von selbst. Tiefer und tiefer wird sie in den Abgrund gezogen und arbeitet am Schluss als Prostituierte, um ihre Heroinsucht zu finanzieren. Dass irgendwann am Ende, als es wirklich nicht mehr weitergehen kann, ein rettender Engel auftaucht, ist erlösend und doch weit entfernt von einem Happy-End.

Wer sich vom Cover und dem nicht gerade aussagfähigem Klappentext nicht abschrecken lässt, erhält Einblick in ein Leben, das es einem unmöglich macht, nach Ende des Buches von Daggi Geiselmann loszukommen. Man muss bereit sein, sich mit all seinen Emotionen auf die Autorin einzulassen. Schonungslos und fast sachlich schildert sie, wie ihr Leben von Anfang an schief gelaufen ist. Während man beim Lesen des Buches wohlbehütet im heimatlichen Wohnzimmer sitzt, steigen Bilder auf, die den Leser nach Luft schnappen lassen. Wie tief sich dieses Elend in die Seele der Autorin gefressen hat, erkennt man am Schreibstil. Sie verheimlicht nichts, beschreibt ihre Arbeit als Prostituierte, schildert, wie sie Heroinsüchtig immer auf der Jagd nach dem nächsten Schuss ist und beschreibt auch den Mann, der sie aus dem Schlamassel herausholt. Das alles geschieht ohne große Emotionen und literarische Tiefe. Genau diese „Oberflächlichkeit“ löst aber das Entsetzen im Leser aus. Während des Lesens habe ich ohne Unterlass auf ein Happy-End gehofft, aber auch dieses Aufatmen findet nicht statt.

Eine Biografie, die dem Leser kraftvoll vor Augen hält, wie gut es ihm geht.

Erschütternd. Gerade deshalb lesenswert.


Kategorie: Biografie
Verlag: Kindle Edition