Berlin. Eine literarische Einladung

Berlin: Eine literarische Einladung
Berlin: Eine literarische Einladung

Berlin: Eine literarische Einladung

Ich gestehe zu, dass Libyen ausgenommen, wenige Staaten sich rühmen können, es uns an Sand gleich zu thun“, meinte Friedrich der Große 1776 über seine Hauptstadt.Das vorliegende Format, „die literarische Einladung“, ist aus Praktikabilitätsgründen für die reisenden BenutzerInnen stets auf 144 Seiten beschränkt, was sicherlich schwer fällt eingehalten zu werden, da es so viele spannende Geschichten um die jeweiligen Städte gibt. Inzwischen sind schon 23 solche literarischen Einladungen in die schönsten Städte Europas und auch der Welt ergangen und diesen Sommer ist auch endlich die deutsche Hauptstadt dran: der Zeitraum aus dem die Texte zu Berlin stammen umfasst 60 Jahre, also von der Teilung bis zur Wiedervereinigung. Die AutorInnen aus Ost-, West- und ganz Berlin haben teilweise sogar noch unveröffentlichte Texte beigesteuert, darunter welche von Fatma Aydemir, Jurek Becker, Wolf Biermann, Volker Braun, Jan Peter Bremer, Tanja Dückers, Günter Grass, dem GRIPS-Theater, Annett Gröschner, Durs Grünbein, Katharina Hacker, Christoph Hein, Monika Maron, Thomas Melle, Heiner Müller, Katja Petrowskaja, Tilman Rammstedt, Ingo Schulze, Anke Stelling, Ton Steine Scherben, David Wagner, Christa Wolf und anderen. Die Herausgeberin Susanne Schüssler ist seit 1991 beim Wagenbach Verlag und hat auch selbst schon Bücher im Verlag ihres Mannes publiziert.

Metropolis und Jericho

Für Brigitte Reimann ist Berlin eine „ziemlich unappetitliche Sorte Babel“, aber die Linden düften dort süß. „Metropolis. Metropole der Macht“ nennt Christa Wolf Berlin in ihrer „Hadesfahrt“, für Durs Grünbein ist Berlin „der ganz große Bluff, ein täglich gebrochenes Versprechen“, Metropolis und Jericho. Er sieht Berlin als „Paradies für Hochstapler und Händler der heißen Luft“, ist vielleicht deswegen dort alles so „dufte“? Schließlich ist sogar die gute Berliner Luft sprichwörtlich, weht dort doch immer ein leichter Wind. Tanja Dückers moniert die Leerstellen der Stadt und singt ein Loblied auf die „Brachen“, die heute – in der gesamtdeutschen Hauptstadt – leider zusehends verschwinden. Günter Grass berichtet von den Mauerspechten, Katja Petrowskaja macht sich Gedanken darüber, warum in Berlin ankommende Reisende mit „Bombardier Willkommen in Berlin“ begrüßt werden und für wen die „Bomben“ denn wohl bestimmt wären. Günter Kunert definiert ein- und für allemal, worum genau es sich bei einem „Berliner Zimmer“ handelt und Ingeborg Bachmann hat sogar 1965 schon darüber geschrieben. Auch zwei Lieder über die Mauerstadt werden zitiert, das eine aus 1972 von den berühmten Ton Steine Scherben, das andere aus den Achtzigern von Ideal, „Rauch-Haus-Song“ und „Berlin“ fangen zwei wundervolle Stimmungsbilder der Stadt ein und sind so typisch für Berlin wie die Stulle oder der Türkenmarkt am Maybachufer. Aufhorchen lässt ein Beitrag von Adolf Endler, der schon 1981 (!) über die Zugerasten in Prenzlberch (sic) schimpft, dass es „een ja kalt den Rücken runterlooft“. Einen köstlichen WG-Dialog führt Anke Stelling in „Gemeinschaftsfläche“ und auch Peter Schneiders „Mauerspringer“ ist zum Brüllen komisch, wenn es nicht tatsächlich genau so passiert wäre.

Exkursionen in das alte und neue Berlin

In Acht nehmen sollte man sich in Berlin übrigens von den Kellnerinnen, meint Jakob Hein, denn die ständen den Kellnern von Wien in ihrem schlechten Ruf in nichts nach. Am eindringlichsten ist aber die Geschichte von Ingo Schulze, dessen Protagonist eine „Exkursion nach Berlin West“ macht und schon hinter dem Brandenburger Tor Heimweh bekommt. Mit beissendem Spott und gleichzeitig voller Ernsthaftigkeit schildert er darin die Vorzüge des kommunistischen Systems und erinnert daran, was wir seither alles verloren haben. Und damit meine ich jetzt nicht den Sand. „und wenn man wieder hinaussteigt“, schreibt Tilman Rammstadt über das Ausflugsziel Flughafensee Tegel, „wartet am kleine Strand eine stattliche Wildsau und schaut einen teilnahmslos an.“

Susanne Schüssler (Hrsg.), Linus Guggenberger (Hrsg.)
Berlin. Eine literarische Einladung
SALTO. 2017
144 Seiten. 11 x 21 cm. Rotes Leinen. Fadengeheftet. Gebunden mit Schildchen und Prägung
ISBN 978-3-8031-1328-3
Wagenbach Verlag
17,– €


Kategorie: Erinnerungen, Kulturgeschichte, Kurzprosa, Reiseführer
Verlag: Wagenbach

Brünn. 7 Routen durch die Hauptstadt Mährens

Brünn: Die mährische Metropole
Brünn: Die mährische Metropole

Brünn: Die mährische Metropole

Brünn: Die zweitgrößte Stadt der Tschechischen Republik ist nur eineinhalb Stunden von Wien entfernt und kann deswegen auch als Tagesausflug besucht werden. Ein Besuch der mährischen Metropole wird sich in jedem Fall lohnen, denn Brünn hat nicht nur eine historische Altstadt und eine Burg zu bieten, sondern auch die Villen der 1920er und 19 30er Jahre und ein – laut der Autorin – bemerkenswertes Messegelände. Als „Zentrum der zeitgenössischen Architektur“ wird Brünn, die schöne Nachbarin, in diesem Falter City Walks den LeserInnen in sieben Spaziergängerrouten zugänglich gemacht. Natürlich gibt es auch Tipps für Nachtschwärmer, denn Brünn ist eine lebendige, junge Stadt mit rund 40.000 StudentInnen.

Brünn: kulturelles Angebot

Auf den Spuren von Robert Musil, Gregor Mendel, Leoŝ Janáĉek, Adolf Loos u.v.a.m. zeigt uns Irene Hanappi ihr Brünn. Barock und Gotik, anspruchsvolle moderne Architektur, schummrige Bierkeller, schöne Badeanstalten, viele Parks und Grünflächen, ein Zoo, ein botanischer Garten und neue Museen wie etwa eines zur Kultur und Lebensweise der Roma sind in Brünn zu finden. Innerhalb eines Rings – ähnlich wie in Wien – befindet sich die historische Altstadt, die sehr von der gemeinsamen Vergangenheit in der kakanischen Monarchie geprägt ist. Auch der Schöpfer des Ausdrucks, „Kakanien“ für die österreichisch-ungarische Monarchie, lebte zwischen 1897 und 1900 als Student in Brünn. Auf einem Durchmesser von 12 Kilometern finden 380.000 EinwohnerInnen Platz. Zehn Prozent davon sind StudentInnen und wer weiß, viellicht ist auch wieder ein Musil dabei. Sechs Hochschulen und eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte Tschechiens sorgen für ein ausgehfreudiges Publikum, das die vielen Kneipen und Bierkeller, Theater und Musikkeller abends füllt.

City Tipps von Insiderin

Die Zeittafel in vorliegender Publikation weist auf eine Geschichte hin, die bis ins Jahr 870 zurückreicht. Lokale Stadtpläne, auf denen die einzelnen Routen eingezeichnet sind, sorgen für eine gute Orientierung, da auch die Sehenswürdigkeiten, die auf der Route beschrieben werden, im Plan mit einem Sternchen eingezeichnet sind. Überrascht wird man etwa durch das Air Café unter dem Dach des Naturkundemuseums, dem Palais Dietrichstein, das für Nachtschwärmer fixer Bestandteil eines Ausgehabends ist. Das Café ist eine Hommage an die tschechischen Piloten, die bei der Royal Air Force ihren Dienst versahen. Originelles Fliegerdekor, Rum und englische Möbel sorgen für gediegene Atmosphäre für ein durchgehend junges Publikum. Auch ein Gastgarten wird auf der ersten Tour durch Brünn entdeckt: L’Eau vive ist ein wirkliches Idyall an der ehemaligen Stadtmauer. Auf Tour 2 geht es zur hippen Szene und der Historismus wird beleuchtet, Tour 3 zeigt die Gartenstadt Brünn, auf der auch die Villa Tugendhat besucht wird, in Tour 4 geht es um Musil und Mohnparfait und Tour 5 zeigt die Villen der weißen Moderne. Tour 6 besucht das Messegelände, das vom Prager Architekten Josef Kalous 1926 entworfen und 1928 schon fertiggestellt worden war, und Tour 7 führt durch die Freuden der Nacht: Best of Brno-Nightlife. Im gelben Anhang finden sich weitere wertvolle Informationen und praktische Tipps sowie ein Register. Mit Planskizzen, vielen Farbfotos, Tipps und Adressen fürs Einkaufen und Einkehren.

Die Autorin, die Slawistik und Romanistik studierte, arbeitet als Journalistin und Redakteurin sowie Buchautorin in Wien. Obwohl sie für namhafte Zeitungen auch schon in der ehemaligen Sowjetunion unterwegs war, hat sie sich in ihrer Publikationstätigkeit in den letzten Jahren mehr auf die Region Mittel- und Osteuropa konzentriert. In der Reihe Falter City Walks sind von ihr auch die Reiseführer „Bratislava“, „Linz“ und „Prag“ erschienen.

Irene Hanappi
Brünn. 7 Routen durch die Hauptstadt Mährens. Geschichte, Kultur, Sightseeing, Essen und Trinken
EAN: 9783854396031
2017, Falter Verlag, 136 Seiten
Reihe: City-Walks


Kategorie: Reiseführer, Reportagen
Verlag: Falter

Die Erbseninseln

41T-cl2H6hL._SX307_BO1,204,203,200_Ich muss gestehen, dass mir die Erbseninseln (eine Gruppe von winzigen Eilanden bei Dänemark) bisher kein Begriff waren, aber das hat sich nach der Lektüre dieses wunderbaren Werkes gründlich geändert. In zehn Geschichten (»Passagen«) erzählt die Autorin vom Leben auf den Inseln und ihren Bewohnern; dabei fehlt weder Historisches noch Sportliches und am Ende wird der Leser sogar mit dem Rezept für eine leckere Erbsensuppe beschenkt.

Man sollte sich Zeit nehmen beim Lesen, zu groß ist sonst die Gefahr, etwas zu übersehen und somit passt die Geschichtensammlung perfekt zu den beschriebenen Eilanden, wo Stress und Hektik ebenfalls keinen Platz finden. Der Autorin gelingt es ausgezeichnet, uns Lesern Land und Leute nahe zu bringen, sie vermittelt kongenial ihre eigene Sympathie für diese Region, am liebsten möchte man sofort den nächsten Flug dorthin buchen. Das Buch ist nicht nur mit viel Liebe geschrieben, sondern auch gestaltet und produziert; Papier und Einband sind von hervorragender Qualität.

Doris Brockmann kannte ich bisher von ihrem exquisiten Werk »Das Schreiben dieses Romans war insofern ein Glücksfall« und »Die Erbseninseln« stehen dem in keiner Weise nach; auch hier machen Sprachwitz und (trockener) Humor das Buch zu einem ungetrübten Lesevergnügen, zu einem echten Kleinod im oft doch recht tristen Literaturbetrieb.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen, Reiseführer
Verlag: Edition Krill Wien