Die Ordnung der Sterne über Como

zeiner-1Dance Me to the End of Love

Erfreulicherweise gibt es immer wieder Überraschendes auf dem Buchmarkt, denn Monika Zeiners Debütroman mit seinem zunächst kryptischen, auf eine Zäsur im Plot hinweisenden Titel, war für mich eine faustdicke Überraschung. Nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch an Thomas Mann erinnernd, behandelt dieser ambitionierte Künstlerroman elementare Fragen wie Glück, Liebe, Freundschaft, Alter, Tod, Trauer, und den Sinn des Ganzen natürlich. Die Kunst ist auch hier die Musik, von der Autorin kenntnisreich eingewoben in die Handlung, ist sie doch in ihrer zweiten Karriere unter dem Namen Mona Stinelli Gründerin der Italoband «marinafon». Und auch zum Thema Liebesleid weist sie reichlich Fachkompetenz auf, sie hat ja schließlich über mittelalterliche Liebesmelancholie promoviert.

Ihr radikal illusionsloser Roman dreht sich um den chaotischen Antihelden Tom, ein labiler, schwermütiger, lethargischer Pianist, der in einer studentischen WG im Berlin der neunziger Jahre lebt, zusammen mit seinem besten Freund Marc, einem hoffnungsvollen Komponisten moderner Musik, und mit Betty, die eigentlich Medizin studieren soll nach dem Willen ihre Eltern, sich zeitweise aber eher als Sängerin sieht und mit den beiden zusammen gelegentlich in einer Jazzband auftritt. Marc und Betty werden ein Paar, Tom hat das selbstlos eingefädelt für seinen zunächst desinteressierten Freund, ist sich später aber nicht mehr sicher, ob das nicht ein Fehler war, auch er fühlt sich irgendwie zu Betty hingezogen. Und so endet diese Ménage-à-trois irgendwann am Comer See, als während Marcs Abwesenheit Tom und Betty doch noch zusammenfinden und dann nächtens den Sternenhimmel betrachten auf der Suche nach einer Ordnung dort oben. Am nächsten Tag kommt Marc bei einer Schneewanderung um, die Beiden sind entsetzt und gehen auseinander, sehen sich zehn Jahre lang nicht mehr.

Erzählt wird diese vielschichtige Geschichte von ihrem tragischen Kern aus, dem alles verändernden Tod von Marc, dieser fast als Lichtgestalt erscheinenden Figur. In Rückblicken schildert die Autorin anschaulich und metaphernreich das Leben der drei Freunde in Berlin, sie nimmt sich Zeit dafür, zuviel, glaubt man ihren Lektoren, denen angeblich auch 200 Seiten genügt hätten. Gottlob ist sie konsequent geblieben, es wären dem Leser sonst viele erfreuliche und behagliche Lektürestunden vorenthalten worden. Denn man würde, so man Gefallen an unaufgeregt erzählten Geschichten und die nötige Muße dafür hat, am liebsten ewig weiterlesen, freut sich immer wieder an philosophischen Betrachtungen, sympathisch gezeichneten Figuren, wird sogar, wie ich, zum Musikhören angeregt. Als nämlich Tom «Dance Me to the End of Love» am Klavier spielt und Betty spontan zum Singen auffordert, da konnte ich nicht anders und habe meine Lektüre unterbrochen, um mir mal wieder diesen wunderbaren Titel von Leonard Cohen anzuhören.

Man ist gespannt, wie die Geschichte ausgeht, denn nach langer Zeit treffen Tom und Betty am Ende in Neapel wieder zusammen. Bei diesem Showdown klärt sich der mysteriöse Tod von Marc als Freitod, Betty hatte ihm alles gebeichtet seinerzeit, und Tom gesteht, dass er zu lange gewartet hat damals, bis es für eine Rettungsaktion zu spät war. Beide, die sich nun wieder gefunden haben nach so vielen Jahren, sind unrettbar in ihrer Schuld verstrickt, es gibt selbstverständlich kein Happy End. Vielleicht liegt es an der weiblichen Perspektive der Autorin, dass die Männer in diesem Roman allesamt ein wenig trottelig wirken, die Frauen aber eher dominant sind wie die bourgeoise Anne zum Beispiel, die darauf besteht, beim «Sie» zu bleiben mit ihrem jugendlichen Liebhaber und Klavierlehrer. Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten aufzuweisen, er bietet Lesefreude pur auf einer genüsslichen literarischen Entdeckerreise, seine überaus positive Rezeption ist absolut gerechtfertigt.

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Kategorie: Roman
Verlag: Aufbau Berlin

Narrenweisheit

feuchtwanger-1Vitam impendere vero

Zum Spätwerk von Lion Feuchtwanger, einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller im vergangenen Jahrhundert, zählt der 1952 erschienene Roman «Narrenweisheit», dessen Untertitel «Tod und Verklärung des Jean-Jaques Rousseau» seine Thematik verdeutlicht. Er gehört zur Gattung der historischen Romane, mit denen der Autor, beginnend mit «Jud Süß», weltweit großen Erfolg hatte, und umfasst zeitlich die letzten Monate vor dem Tod des großen französischen Denkers und Schriftstellers 1778 bis zur feierlichen Überführung seines Leichnams ins Pariser Panthéon im Jahre 1794.

Bereits der Titel spielt darauf an, dass Rousseau, der im Roman fast nur Jean-Jaques genannt wird, neben seiner unbestrittenen Weisheit auch ein Narr war mit wahnhaften Ängsten und psychotischen Abwehrreaktionen. Unbeholfen zudem, was seine privaten Lebensumstände betraf, sein Unvermögen beispielsweise, aus seinen Werken den ihm gebührenden finanziellen Nutzen zu ziehen. Wie so oft in seinem Leben war er auch 1778 nach heftigen Querelen in Paris wieder mal auf die Gastfreundschaft eines seiner Gönner und grenzenlosen Bewunderer angewiesen, des Marquis de Girardin, Seigneur von Ermenonville. Der aber konnte sich nicht lange im Ruhme des gefeierten Gastes sonnen, Rousseau verstarb ganz plötzlich, nach offizieller Version an einem Schlaganfall. Feuchtwanger, der sein Buch einen «Detektivroman mit historischem Hintergrund» nannte, ergänzt die Fakten jedoch um eine Mordgeschichte, der Liebhaber von Rousseaus Ehefrau Théresè habe den berühmten Denker aus Geldgier erschlagen, der Mord aber wurde aus den verschiedensten Gründen vertuscht und als haltloses Gerücht abgetan. Ebenfalls in die Handlung eingebettet ist die Romanze von Girardins Sohn Fernand mit Gilberte, eine Jugendliebe, die sich erst auf vielen Umwegen zu erfüllen scheint, wenn da nicht die Einberufung zur republikanischen Armee wäre, die ein mögliches Happy End für die Beiden letztendlich in Frage stellen könnte.

Das Besondere dieses stilistisch ausgezeichneten Romans ist die Fülle von historischen Ereignissen und berühmten Zeitgenossen, die hier eingebaut sind und die eigentliche Handlung immer wieder überlagern, die oft sogar im Zentrum des Erzählten stehen. Man erlebt als Leser den Beginn der französischen Revolution aus der Perspektive der Aristokratie, als deren geistiger Vater Rousseau angesehen wird, von Robbespiere, der ihn in Ermenonville besucht, grenzenlos bewundert. Im Verlauf der Revolution jedoch werden auch Girardin und sein Sohn denunziert und geraten ins Visier des republikanischen Tribunals, Fernand landet in Untersuchungshaft, sei Vater steht unter Hausarrest, beide trotz ihrer republikanischen Gesinnung. Gilberte, die durch Heirat in den Adelsstand erhoben wurde, muss sogar erkennen, dass die frisch errungenen Privilegien nun eher nachteilig, sogar hochgefährlich sind in Zeiten der Revolution mit ihren unvorhersehbaren Auswüchsen an Gewalt. Rousseaus eigentlich ja unpolitische Thesen erweisen sich als widersprüchlich und fragwürdig angesichts des jakobinischen Terrors, den er mit heraufbeschworen hat, Fernands einst felsenfeste Überzeugungen jedenfalls sind gewissen Zweifeln unterworfen.

Der flüssig lesbare Roman veranschaulicht durch seine historische Thematik, trotz mancher fiktiven Ergänzungen, recht eindrucksvoll und ohne wissenschaftlichen Anspruch die Wirkungen des Werkes von Jean-Jaques Rousseau auf den Gang der Geschichte. Insoweit bietet die Lektüre neben ihrem Unterhaltungswert en passant eine Auffrischung, wenn nicht sogar einen nicht unbeträchtlichen Zugewinn an Geschichtswissen für den Normalleser, bei mir war es jedenfalls so. Weit mehr als der ihm zugeschriebene, wirkmächtige Aufruf «Zurück zur Natur» überzeugt mich Rousseaus Wahlspruch «Vitam impendere vero», sein Leben der Wahrheit weihen scheint mir ein nachahmenswerter Vorsatz, auch wenn genau das, wie wir in diesem Roman erfahren, allzu schnell als Narretei abgetan wird.

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Kategorie: Roman
Verlag: Aufbau Berlin

Hool

Philipp Winkler Hool

41YX++daNcL._SX289_BO1,204,203,200_Ach was muss man oft von bösen Schlägern hören oder lesen, wie zuletzt als streitbare Anhänger des BVB Dortmund auf die Fans des Bayern-Jägers RB Leipzig losgingen. Mit seinem Romandebüt liefert Philipp Winkler nun prosaische Innenansichten dazu ab.

Hauptfigur ist der ganz und gar unzart besaitete Heiko K.. Er ist ebenso wie sein überschaubarer Freundeskreis eingefleischter Fan von Hannover 96. Wenn ihr Verein auf Tournee geht, richten sie gemeinsam mit Schlachtenbummlern von gegnerischen Mannschaften ihre ganz eigenen Spielpaarungen aus. Anstelle mit den Füßen wird mit Knien und Fäusten herausgefunden wer das stärkere Team ist, mal in Shopping-Malls, mal auf der grünen Wiese.

Heiko hat sich mit seinem scheidungs- und alkoholgeschädigten Vater überworfen, hat eine viertelintakte Beziehung zu seiner Schwester, lebt zur Untermiete bei einem schrägen Vogel auf dem Land, der ihn in im wahrsten Sinne des Wortes in tierisch krumme Geschäfte hinein zieht und hasst seinen Schwager, weil der die Verstachelung einer Frisur vermittelst Haargel für ganz toll Hipster hält. Seinen Lebensunterhalt verdingt er als Laufbursche im Boxstall seines Onkels Axel. Onkel Axel macht in der Szene den Talent-Scout und mischt auch selbst immer wieder mal handgreiflich mit. Zu seiner Ex-Freundin hält Heiko gebührend artige Trennungsdistanz.

Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Arten von Freizeitgestaltung nicht ganz ohne Risiken für die Gesundheit bleiben und so werfen enge Freunde nach und nach das Handtuch, sie wollen oder sie können ob ihrer zerschlagenen Glieder einfach nicht mehr. Allein Heiko bleibt seinen Randale-Idealen treu. Im Prinzip ist damit auch über die zentrale Schwäche des Romans schon viel gesagt. Es mutet durchaus kurz gegriffen an, wenn der Autor seinem Protagonisten jedwede Sehnsucht nach einer höheren Solidarität, nach sinnstiftender Zugehörigkeit abgehen lässt. Die vor Kampfeslust berstenden Frontlyriker des ersten Weltkrieges hatten zumindest zu Beginn ihren Spaß, Schutzschildbürger für Kaiser und Vaterland zu sein, die Freikorpsliteraten der zwanziger Jahre, die Schauweckers und Ballas ihren Glauben an die Wiedererweckung der Nation.  Bei dem eigentlich gar nicht mal so unhellen Heiko führt der Kampf dagegen ein Waisendasein, ist ein inneres aber gänzlich isoliertes Erlebnis.

Hochexplosiver Gemütszustand bleibt im Wesentlichen sich selbst überlassen und die Story damit zur relativen Flachheit verdammt. Mit Nazis will er, wenngleich er nichts dabei findet, Schwule zu klatschen, auch nichts zu tun haben. Mit dem Verweis auf familiäre Zerrüttungen und eine sich im Wesentlichen selbst kultivierende Perspektivlosigkeit wird auch tief in die Kiste gängiger  Erklärungsmuster gegriffen.

Die Sprache ist es, die das Tagebuch des inneren Grolls dennoch lesenswert macht. Trotzige Sarkasmen wie der Nachbar, der zum Herumkrakeelen seine Visage über den Gartenzaun schiebt oder ein Stillleben seines Onkels Axel, wie er sich in seiner „Schnellficker-Jogginghose“ auf einem kurz vor dem Spagat stehenden Stuhl herumfläzt sind einfach gelungen und machen Lust auf mehr. Wie die Karabinerhaken klinken sie sich an dem geheimen Spott-Voyeurismus des Lesers fest und trösten sogar über die Dichte der  Kraftausdrücke  und Unappetitlichkeiten hinweg. Über die durchaus gekonnten dramatischen Zuspitzungen hinaus halten sie Neugier und Leselust am Laufen und schaffen es, das Poesiealbum der fliegenden Fäuste tatsächlich in Literatur zu verwandeln.

 

312 Seiten


Verlag: Aufbau Berlin

Das siebte Kreuz

51W1oiNw2DL._SX302_BO1,204,203,200_Deutschland 1937: Im Konzentrationslager Westhofen bei Worms lässt der Kommandant aus Platanen sieben Kreuze errichten, um daran sieben geflohene Häftlinge nach erfolgter Gefangennahme als abschreckendes Beispiel zur Schau zu stellen. Einer der Flüchtlinge ist Georg Heisler, ein kommunistischer Aktivist, der sich nun auf die Suche macht nach alten Freunden und Verbindungen, die es ihm ermöglichen, das Land zu verlassen. Dabei muss er auf der Hut sein, denn in den zwei Jahren seiner Inhaftierung haben sich nicht nur die politischen Verhältnisse im Land geändert, sondern mit ihnen auch die Menschen; er weiß nicht, auf wen noch Verlass ist. Seine Verfolger, eine unheilige Allianz aus Polizei, Gestapo und SS, sind ihm stets dicht auf den Fersen und sie schrecken vor nichts zurück. Nach und nach werden alle Sträflinge gefasst, nur Georg, unterstützt von seinen Genossen und anderen aufrichtigen Menschen gelingt am Ende die Flucht nach Holland; das siebte Kreuz bleibt leer.

Dieser Roman gehört zu meinen Lieblingsbüchern, ich habe ihn unzählige Male gelesen. Anna Seghers erzählt darin Georg Heislers Geschichte in ruhigem und unaufgeregtem Stil, aber mit Worten von enormer Klarheit und Wichtigkeit. Sie vermeidet Plattheiten, auch die Nazis werden nicht als unmenschliche Monster dargestellt, sondern als die feigen Dummköpfe, die sie waren. Die Autorin weiß wovon sie schreibt, war doch auch ihr eigenes Leben geprägt von Flucht vor den Faschisten und Exil in fremden Ländern. Der Roman zeichnet ein beklemmendes Bild Deutschlands während der Hitler-Diktatur in einem Klima von Misstrauen und Bespitzelung, wo die Grenze zwischen Gut und Böse mitunter innerhalb einer Familie verläuft und nicht einmal Eheleute sicher sind, ob sie einander vertrauen können. Ebenso ein Thema ist die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern durch die perfide Gehirnwäsche in den verschiedenen Nazi-Organisationen.

Dennoch ist es ein optimistisches Buch, es zeigt nämlich Menschen, die sich auch durch schlimmste Misshandlungen nicht zerbrechen lassen und andere, die, obwohl sie durch die Begegnung mit dem Staatsfeind in einen tiefen emotionalen Zwiespalt gestürzt werden, ohne nachzudenken das Richtige tun, weil sie ihre Anständigkeit nicht verloren haben. Nicht zuletzt Georg selbst – in seiner Jugend noch ein unbekümmerter Frauenheld – reift durch die Erfahrungen im KZ und auf der Flucht, er lernt, was wirklich wichtig ist; die schrecklichen Ereignisse bringen in ihm das Beste zum Vorschein. Es handelt sich somit auch um einen Roman über Freundschaft und Treue, über „die Entschleierung der Menschen, das Durchblitzen ihres wahren Gesichts“. „Das siebte Kreuz“ wurde unter der Regie von Fred Zinnemann erfolgreich verfilmt (Hauptrolle: Spencer Tracy), wer Gelegenheit hat, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen. Schließen möchte ich mit dem Motto des Romans von Anna Seghers:

Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet


Kategorie: Politische Romane
Verlag: Aufbau Berlin

Magnolienschlaf

Zwei Frauen, eine junge Russin und eine neunzigjährige Deutsche, sind aufeinander angewiesen: Jelisaweta braucht das Geld, Wilhelmine ist nach einem Sturz von der Leiter pflegebedürftig. Einfühlsam und umsichtig nimmt sich die Junge der dankbaren Alten an, doch plötzlich, nach einem Telefonat mit Rußland, beginnt die Katastrophe. Wilhelmine kann die Russin nicht mehr ertragen. Hilflos sucht sie das Mädchen aus dem Haus zu treiben und kann doch ohne sie nicht sein. Längst verdrängte Erinnerungen drohen sie zu überwältigen. Krieg, Angst, Verlust ergreifen Besitz von ihren Gedanken und Gefühlen und lassen keinen Dialog zu. Jelisaweta ist ratlos, aber auch entschlossen, ihre Rechte zu verteidigen. Immer wieder versucht sie die alte Frau zum Einlenken zu bewegen oder zumindest eine Erklärung zu bekommen. Was wirft sie ihr vor? Sie hat doch nichts Unrechtes getan, sich wirklich nach Kräften um die alte Dame bemüht. Froh ist Jelisaweta gewesen, der gespannten Atmosphäre daheim in Smolensk zu entkommen, wo ihre Mutter nach dem Tod der Großmutter den Boden unter den Füßen noch weiter verloren hat. Daß ihre Tochter ausgerechnet bei den Deutschen ihr Leben bestreiten will, verdrießt sie sehr. Und nun machen sich auch hier Beklemmung und Ratlosigkeit breit, verdrängen alle Freude an der ersehnten Freiheit. Wie nur, wie soll es weitergehen?
Eva Baronsky debütierte im Jahr 2010 mit dem originellen und hintersinnigen Roman „Herr Mozart wacht auf“. Nun präsentiert sie ein ganz andersartiges Werk, das durch seine Intensität und Dramatik besticht. Sie bindet ein Stück europäischer Geschichte in zwei unterschiedliche Lebenswege ein und inszeniert ein faszinierendes Kammerspiel von großer Eindringlichkeit. Diese Autorin verfügt über ungeahnte Facetten an Themen und Charakteren und begeistert ihre Leser mit magischen Geschichten.


Kategorie: Romane
Verlag: Aufbau Berlin

Prinzessinnensuite

Was für eine Frau! Sprühend vor Energie, überquellend von Geschichten, strahlend, charmant und auch im Alter auf besondere Weise schön. Zu ihrem 90. Geburtstag hat Ilse Eliza Zellermayer sich selbst und die Leserschaft mit einem Buch beschenkt, das aus dem alten und „mitteljungen“ Berlin sowie aus der Welt der Musik erzählt.
1920 geboren, wuchs sie im vornehmen Hotel am Steinplatz aus, das ihr Vater, der Bankier Max Zellermayer, aufgebaut und zugleich als Wohnstatt für seine nun fünfköpfige Familie auserkoren hatte. Von klein auf hatte die Autorin Umgang mit verschiedensten Gästen aus vielen Ländern, mit emigrierten russischen (wie zum Beispiel den Nabokows) und polnischen Adligen, mit Künstlern und Gelehrten, die hier immer wieder und oft langfristig Aufnahme fanden. Unterhaltsam und aufschlußreich schildert sie den Hotelalltag, die großen und kleinen Marotten der Gäste und wie liebevoll die Zellermayers und ihre Mannschaft sich um ihr Wohlergehen kümmerten. Der Geiger Yehudi Menuhin gehörte zu den treuesten Gästen: Bereits in den Goldenen Zwanzigern war das Wunderkind am Steinplatz zu Gast und kam auch nach dem Krieg immer wieder gern zurück.
Das Hotel war der Fixpunkt der Familie Zellermayer und blieb dies trotz schwerer Schicksalsschläge wie der Tod des Vaters 1933 und die Jahre von Nationalsozialismus und Krieg.
Anekdoten berichten vom schwierigen Neuanfang, von Ziege Beate, die für die Gäste Milch und Sahne lieferte, von Tomaten auf dem Dach und Champignonzucht im Keller. Bruder Heinz setzte sich erfolgreich für die Aufhebung der Sperrstunde ein und wurde später Herr eines ganzen Gastronomie- und Hotelimperiums zwischen Berlin und Paris, während Bruder Achim sich unter anderem beim Aufbau der Künstlerkneipe Volle Pulle verwirklichen konnte, die dem Hotel am Steinplatz angeschlossen war und Stammgäste wie Gottfried Benn, Heinrich Böll oder Günter Grass anzog.
Ilse Eliza Zellermayer wirkte über Jahrzehnte im Familienbetrieb mit, verfolgte aber stets auch eigene Wege. Als ihr die Karriere als Opernsängerin verwehrt blieb, setzte sie sich mit Leidenschaft und Charisma für andere Sänger ein und eröffnete als erste Frau in Deutschland eine Opernagentur. Sie lebte und litt mit ihren Künstlern und managte deren Auftritte. Durch ihre zahlreichen Kontakte und ihre Weltläufigkeit, durch ihr Wissen um die Musik und ihre Einfühlsamkeit war ihre Arbeit außerordentlich erfolgreich. Mit ihrer Unterstützung eroberten Luciano Pavarotti, Mirella Freni, Giuseppe Di Stefano oder Anna Moffo die großen Opernbühnen der Welt.
Über allem aber steht bei Ilse Eliza Zellermayer die Liebe, im beruflichen wie im privaten Leben. Zweimal war sie verheiratet, doch die wahre Liebe fand sie in dem Pianisten, Organisten und Komponisten Jean Guillou, mit dem sie Anfang der sechziger Jahre liiert war und der sie wie durch ein Wunder kurz vor ihrem 88. Geburtstag wiederfand. Mit ihm verbindet sie eine wunderbare Vertrautheit, die sie glücklich macht.
Der Aufbau Verlag präsentiert mit diesem Buch das charmante Zeitzeugnis einer eigenwilligen Frau, das durch diverse diskret-indiskrete Klatschgeschichten seinen zusätzlichen Reiz bekommt.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Aufbau Berlin

Herr Mozart wacht auf

Kaum hat ihn der kalte Bruder Tod zu sich geholt, wacht Herr Mozart wieder auf – in einer chaotischen WG am Rande von Wien. Nichts ist mehr so wie vorher, nur der alte Stephansdom steht noch an der alten Stelle, sonst ist alles fremd. Menschen, Straßen und Gepflogenheiten. Wie soll er hier zurechtkommen? Der polnische Straßenmusiker Piotr bietet dem verwirrten Compositeur für gelegentliche Klavierbegleitung Kost und Logis, registriert aber schon bald, daß dieser Pianist ein genialer Musiker ist. Ansonsten jedoch stellt er sich ziemlich tollpatschig an, weiß weder mit Technik noch mit der U-Bahn umzugehen.
Als Mozart merkt, daß er quasi 200 Jahre übersprungen hat und niemand ihm diese Zeitreise glaubt, nennt er sich kurzerhand Wolfgang Mustermann und studiert beharrlich die neue Welt. Vor allem die Musik aus dem Mechanikum hat es ihm angetan. Begierig nimmt er alle Töne in sich auf, staunt über neue Strömungen ebenso wie über Altbewährtes und freut sich, daß die meisten seiner Widersacher und Rivalen vergessen scheinen. Den Nachfolgern lauscht er sehr aufmerksam: Apart findet er den lyrisch-milden Franz Schubert, recht ichsüchtig den schroffen Beethoven, der sich einen blauen Teufel um sein Publikum zu scheren scheint, oder ein wenig langatmig den ansonsten harmonischen Chopin.
Den eigentlichen Zweck seiner Wiedergeburt aber sieht der Zeitreisende in der Vollendung seines Requiems, dessen „stümperhafte“ Fortschreibung durch einen seiner Schüler er für unerträglich hält. Immer wieder ringt er sich weitere Teile des Schicksalswerkes ab. Was er sonst schreibt, stößt auf unterschiedliches Interesse: Ein Musikverleger ist perplex, empfiehlt ihm aber, sich „von Mozart freizumachen“, die Besucher eines Jazzclubs hingegen bejubeln unvoreingenommen Mustermanns geniale Improvisationskraft. Endlich entdeckt ihn ein erfahrener und wohlgesonnener Musikinstrumentenhändler und führt ihn anläßlich eines Benefizkonzerts in die gehobene Wiener Gesellschaft ein.
Doch Mustermann hat indessen Wichtigeres zu regeln: Ihm ist die Liebe begegnet, die ihn gleichermaßen beglückt und schmerzt. Mit Anju verbindet ihn vom ersten Augenblick an die innigste Seelenverwandtschaft, doch als er ihr seine wahre Herkunft offenbart, hält sie ihn für geisteskrank. Verzweifelt irrt er durch die Stadt, verursacht einen Verkehrsunfall und kommt ins „Tollhaus“. Seiner Mission aber bleibt er treu.

Unser modernes Leben mit den Augen einer anderen Zeit zu betrachten, ist an sich schon vergnüglich und kurzweilig, denn „Fuhrwerke ohne Pferde, Öfen ohne Feuer, Musik ohne Instrumente, Kaffee ohne Herdstelle“ sind nur für uns so selbstverständlich. Tiefe und Emphase aber erreicht Eva Baronsky vor allem durch die einfühlsame Darstellung der Musik als Medium zwischen allen Zeiten und Kulturen. Auf wundersame Weise findet ihr Mozart dank seines außergewöhnlichen Musikverständnisses einen erstaunlichen Anschluß an die Neuzeit, auch wenn ihn sein Temperament und seine überschäumende Phantasie des öfteren in Konflikt mit den Notwendigkeiten des Alltags geraten lassen.
Das unterhaltsame Debüt mit Hintersinn aus dem Berliner Aufbau Verlag macht gespannt auf weitere Werke aus der Feder von Eva Baronsky!


Kategorie: Romane
Verlag: Aufbau Berlin

Der Sterne Tennisbälle

Endlich kann man seine Rache leben, denkt der Leser bei der Lektüre dieses Buches, der mit Nedd Madstone fiebert, der fantastisch aussieht, der gute Noten im College hat, einen Vater im Unterhaus, eine feste Freundin, mit der er auch richtig guten Sex hat und der dann lesen muss, wie Nedd Madstone übelst mitgespielt wird, als die Polizei Rauschgift bei ihm findet, obwohl er nie kokst, der dann auch noch, zu allem Unglück, einen geheimnisvollen Brief einer Dame übergeben muss und man Nedd dafür die Rippen bricht und anschließend den Arm auskugelt. Und alles nur, weil sein charmantes Auftreten ihm nicht nur Freunde, sondern Neider und zwar Nedds drei beste Freunde bringt. Des Lesers Wut wird über diese Ungerechtigkeiten angeheizt, man fiebert mit, ärgert sich über die Gemeinheiten, die Nedd angetan werden.

Die Verursacher des Ärgers: Ashley, von Ängsten zerfurchter Emporkömmling, der vor Neid zerfressen wird, Rufus, rauschgiftsüchtig, und der liebeskranke Gordon, der scharf auf Nedds Freundin ist und sie ihm nicht gönnt. Und der Leser, der mit Nedd fiebert, hofft, dass ihm nichts mehr passieren wird, als er kaputtgeschlagen auf ein Schiff verfrachtet wird und wie der Leser weiter Horrornachrichten lesen muss (und die Wut sich immer mehr in ihm aufbaut), wie ihm Psychopharmaka gespritzt werden, als er auf einer schwedischen Insel, auf der eine Nervenklinik für ausländische »Kranke« unterhalten wird (und der Leser denkt, so etwas gibt es doch nur in totalitären Staaten) und Nedd nun 18 Jahre seines Lebens dort verbringen wird, bis ihm eines Tages eine spektakuläre Flucht gelingt, die er dem Tod seines dort kennengelernten Freundes verdankt, der ihm auch den Weg zu seinem großen, zukünftigen Reichtum zeigt, und der Leser weiß, der Graf von Monte ist wieder gekommen und setzt nun seine Gerechtigkeit in die Tat um. Und der Leser muss erfahren, dass alle Beteiligten, auch die Leser, mitnichten ihres eigenen Glückes Schmied sind, sondern lediglich »der Sterne Tennisbälle«.


Kategorie: Thriller
Verlag: Aufbau Berlin