Auerhaus

bjerg-1

Ambivalent

Das nach langen Jahren wieder zum Leben erweckte Literarische Quartett des ZDF hat in seiner dritten Folge unter anderem den Roman «Auerhaus» von Bov Bjerg besprochen, das zweite Buch dieses Autors, der auch als Kabarettist bekannt ist. Es handelt sich um einen typischen Coming-of-Age-Roman, der von den Problemen handelt, denen sechs junge Leute beim Eintritt ins «richtige» Leben gegenüberstehen. Nun ist diese Thematik ja nicht neu in der Literatur, was also macht diesen aktuellen Roman lesenswert?

Wir haben es hier mit einer tragikkomischen Adoleszenz-Geschichte aus den späten achtziger Jahren zu tun, deren Titel von dem Popsong «Our House» der britischen Ska-Band Madness abgeleitet ist. Unter dem verballhornten Namen «Auerhaus» wird von vier Jugendlichen im leerstehenden alten Bauernhaus von Höppners verstorbenem Opa eine Wohngemeinschaft gegründet. Dort versammelt sich ein illustres Völkchen, dem neben Abiturient Höppner, dem vornamenlos bleibenden Ich-Erzähler, der sich mit seinem Stiefvater nicht versteht, auch Vera angehört, seine Freundin, ferner Frieder, sein depressiver Freund, der einen Suizidversuch hinter sich hat, und Cäcilia, ein Klassenkameradin Veras aus begütertem Elternhaus. Zu ihnen gesellen sich später noch Pauline, die Höppner als Brandstifterin in der Psychiatrie kennenlernt, als er Frieder dort besucht, und Harry, ein Elektriker, der sich als schwul outet, sein Geld als Stricher verdient und mit Rauschgift handelt. Sie alle eint der Wunsch nach einem anderen, einem erfüllten Leben, nicht nach dem, was ihnen die Eltern da so vorleben, von ihnen nur verächtlich mit dem Etikett Birth-School-Work-Death gebrandmarkt. Es ist vornehmlich ein therapeutisches Motiv, das Höppner zu der WG inspiriert, Frieder soll nach dem Klinikaufenthalt keinen Rückfall erleiden, soll von weiteren Suizidversuchen abgehalten werden durch das enge Zusammenleben mit den Freunden.

Dieses illustre Ensemble erleben wir nun in angeregten Diskussionen über die Probleme dieser Welt und in allerlei verzwickten, zum Teil amüsanten Situationen, deren Komik mit der unbekümmerten, naiven Art zusammenhängt, wie die jungen Leute dem Alltag begegnen. Sie erproben sich an der Realität, wozu dann auch gehört, dass sie durch regelmäßigen Ladendiebstahl die gemeinsame Haushaltskasse schonen, sich durchmogeln bei Abitur und Musterung. Aus Gaudi wird dann auch schon mal nächtens der beleuchtete Weihnachtsbaum der Gemeinde gefällt, was zum zeitweiligen Stromausfall im ganzen Dorf führt. Oder ein Streifenwagen der Polizei mit Suchscheinwerfer und einer Pistolenattrappe aus dem alten Cadillac von Harry heraus provoziert, ein Vergehen, das nicht ungesühnt bleibt. All das wirkt jedoch immer wie eine Art stummer Notwehr, wird zudem im Hintergrund stets vom permanent drohenden Tod des lebensmüden Frieder überschattet.

In einer dem Alter des Ich-Erzählers angepassten, flapsigen Sprache entwickelt der Autor seine Reflexionen über Leben und Tod, über die Sensibilität der jungen Leute den Zumutungen des Lebens gegenüber, über ihre Sinnsuche und ihren ungestümen Drang nach Freiheit, über die geplatzten Illusionen letztendlich. Denn in einer Art doppeltem Schluss wird zunächst eine imaginierte, kitschige Variante von den Erfolgen der Protagonisten im späteren Leben vorausgeschickt, der dann die Realität folgt: «Im richtigen Leben war das Ende vom Auerhaus ziemlich ambivalent. Ambivalent, so sagten sie später an der Uni, wenn was durchwachsen war, oder irgendwie zweischneidig.» Die minimalistische Erzählweise dieses Romans dürfte nicht jedermanns Sache sein, manche Figuren scheinen mir ein wenig zu skurril geraten, Liebe und Sex sind erstaunlicherweise völlig ausgespart, in einigen Punkten ist zudem der ansonsten realistische Plot partout nicht stimmig, fiktional überstrapaziert jedenfalls. Und den Sinn des Lebens zu finden ist hier ebenfalls nicht gelungen, – wie sollte es auch? Gleichwohl wartet eine kurzweilige Lektüre auf den Leser!

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: Blumenbar Verlag

1933 war ein schlimmes Jahr

john_fanteDer deutschstämmige US–Kultautor Charles Bukowski war einer seiner größten Fans. In höchsten Tönen lobte der »Mann mit der Ledertasche« seinen Schriftstellerkollegen John Fante und schrieb ihm sogar ein Vorwort für eines seiner Bücher. Grund für so viel Begeisterung: Beide Autoren schöpften ihre Geschichten direkt aus dem eigenen Erleben, sie schrieben klar und wahr, blieben stets authentisch und waren genauestens vertraut mit ihren meist gebrochenen Charakteren.

»1933 war ein schlimmes Jahr«, das Fante 1963 im Alter von 54 Jahren schrieb, ist weitgehend autobiografisch geprägt. Das mit 130 Druckseiten ausgesprochen schlanke Werk erzählt in fünf Kapiteln ähnlich einem Bühnenstück in fünf Akten die Geschichte eines 17-jährigen Jungen, der fest davon überzeugt ist, ein berühmter, hochbezahlter Baseballstar zu werden. Continue reading


Kategorie: Biographien
Verlag: Blumenbar Verlag

Vermessung der Utopie

51KKcr+zePL



Utopien sind wie Horizonte. Man erreicht sie nie, aber wer sich ihnen nicht nähert, tritt auf der Stelle. Das aus dem Altgriechischen stammende Wort „Utopie“ bedeutet aber auch Nichtörtlichkeit, auch Nirgendwo genannt. Nun ist die Vermessung von etwas Nichtörtlichem keine leichte Angelegenheit, aber die Autoren Raul Zelik, politischer Romancier und Elmar Altvater, ehemals Professor für politische Ökonomie und heute Attac-Mitglied lösen das Titelrätsel schon gleich im Vorwort auf. Es ist eine Art Negativvermessung gemeint, ein Aufzeigen, was eben nicht mehr so weitergehen soll wie bisher, damit es in Zukunft ein wenig besser, um nicht zu sagen utopischer wird. Dazu arbeiten sich die beiden an allerlei Vergangenem und Gegenwärtigem ab. Sie sinnieren darüber, wie sich die wissenschaftliche Ökonomie von ihrer ursprünglich normativen Einbettung in Politik und Gesellschaft zu einer reinen Entscheidungslehre mit dem Fetisch Gewinnmaximierung entwickeln konnte. Sie untersuchen den Patienten Gegenwartskapitalismus, tasten ihn auf Brüchigkeiten und Porösitäten ab. Sie gehen detailliert auf die große Krise ein, jene gewaltige Polonaise an Wertevernichtung, wenn das Kapital anstelle realen Zinsnachwuchses zu viele spekulative Fehlgeburten hervorbringt. Da platzen erst reihenweise Hypotheken, die Besitzer fliegen aus ihren Häusern, der Immobilienmarkt implodiert infolge seines Überangebotes und die Häuser beginnen zu vergammeln, weil niemand mehr drin wohnt, bis sie eine Adresse für die Abrissbirne werden. Aber auch der Sozialismus kriegt sein Fett, denn dieser hat, so Altvater und Zelik, anders als der Kapitalismus sein 1968 nicht als Chance zur Verjüngung begriffen, sondern buchstäblich mit Panzern platt gemacht. Außerdem hat er den untauglichen Versuch unternommen, mit dem Kapitalismus in ein und dieselbe Kampfarena, die des Massenkonsums und des Wirtschaftswachstums zu steigen. Gelegentlich schimmert es auch tiefgrün, wenn die Vergesellschaftung von natürlichen Ressourcen gefordert wird, weil anders als spekulative Gewinnblasen die Erdöl- und Luftvorkommen eben nicht von alleine wachsen und man aus einem Aquarium wohl eine Fischsuppe machen kann, aber aus einer Fischsuppe kein Aquarium.
Der Text ist dialoggeformt, ein Kamingespräch zwischen Buchdeckeln, ein Reißverschluss an Einvernehmen und Ergänzung. Das kommt nicht immer spannend aber dafür mit einem Hauch von knisternder Harmonie daher. Gelegentlich macht Zelik den visionären Vorprescher, um dann ein wenig altväterliche Zurückhaltung auferlegt zu bekommen.
So weit so gut. Ob und inwieweit die beiden dem Kapitalismus auch positive Tugenden wie die wettbewerbsgarantierte Weitergabe von Kostenvorteilen und treffsichere Leistungsanreize abgewinnen können, wird über die gesamte Lektüre hinweg nicht so ganz klar. Wenn Zelik die Entmachtung herrschender Eliten vorschlägt, und dass Produzenten und Konsumenten demokratisch über den Einsatz von Produktionsmitteln bestimmen sollen, dann droht die Sache gegen Ende doch etwas ins räterepublikanische Fahrwasser abzudriften. Auch Altvaters Kernbehauptung, dass es für lebbare Alternativen zum Kapitalismus keiner umerzogenen oder gar komplett neuen Menschen bedarf, sondern dass die bereits vorhandenen Vorkommen an Verstand, Solidarität und Verantwortungsgefühl dazu vollkommen ausreichen, darf in ihrer Breitenannahme durchaus angezweifelt werden. Seine Verweise auf die anonym und unentgeltlich mitgestaltete Internet-Enzyklopädie Wikipedia“ und auf das Open-Source-Betriebssystem Linux,“ das ebenfalls als freie und offene Kooperation im Internet weiterentwickelt wird, liefern immerhin ein paar Belege dafür, dass Wirtschaften nicht immer nur auf dem Konkurrenzgedanken basieren muss, sondern durchaus auch solidarisch angelegt sein kann. Dadurch gelingt es den beiden aus dem großen rätselhaften Nirgendwo ein paar kleine wenn auch zaghafte Irgendwos zu machen. Ansonsten ist das Werk eher als kleiner Katechismus an teilqualifizierter Kapitalismuskritik einzuordnen.


Kategorie: Sachbuch
Verlag: Blumenbar Verlag

Das Lieblingsspiel

Ein großer Dichter ist Leonard Cohen, auch wenn ihn viele „nur“ als Sänger kennen oder wahrnehmen. Dabei unterlegte er seine Verse anfangs nur deshalb mit Musik, weil er damit besser Geld (auch fürs sorgenfreie Dichten) verdienen konnte, und weil die Gedichte selbst eher verhalten Absatz und Verbreitung fanden. Sogar zwei Romane schrieb der 1934 in Montreal Geborene, und so wäre eigentlich er, und nicht nur der dichtende Rockmusiker Bob Dylan, ein heimlicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis, der sich der musikalischen Dichtung bislang verschlossen hat. Cohens elegante, originelle, psychologisch anspruchsvolle Liedtexte verraten bereits den Meister der Seelensprache.
Nun liegt der hierzulande nahezu unbekannte, autobiografisch geprägte Roman „Das Lieblingsspiel“ aus dem Jahre 1963 wieder vor. Er wurde im Auftrag des kleinen, aber feinen Blumenbar Verlages (vor kurzem aus München nach Berlin umgesiedelt) von Gregor Hens neu ins Deutsche übertragen.

Der poetische Roman mit den wunderbaren Metaphern erzählt die Geschichte eines Jungen, der hin- und hergerissen ist zwischen dem wohlhabenden jüdischen Elternhaus und dem Suchen nach einer eigenen Identität. Lawrence Breavman führt tagsüber philosophische Gespräche mit seinem Freund Krantz und pflegt des Nachts einsame Spaziergänge durch den menschenleeren Park zu unternehmen, wo er sich als Herr über die Stadt fühlen kann. Nach dem Tod des Vaters entflieht er der knebelnden Liebe seiner Mutter und geht zum Studium – zumindest bildet das College den lockeren Rahmen zu seinem anarchistisch anmutenden Leben. Er weiß nicht, was er mit seiner Zukunft anfangen soll. Er diskutiert und dichtet und verfällt einer eigentümlichen Hassliebe zu der schönen Kommunistin Tamara (die später länger währen soll als die große Liebe zu der gleichsam vollkommenen Shell). Allmählich gewinnt Breavman in der Stadt eine gewisse Popularität als Dichter, auch weil sich manche Leser seiner schonungslos offenen Texte Klatschgeschichten aus Westmount, dem vornehmen Vorort Montreals, erhoffen. Andere, vor allem Frauen, lieben die disziplinierte Melancholie, die Breavman zu Beginn seiner dichterischen Laufbahn der Welt vorgaukelt. Dabei hat seine Vorstellung vom Dichterdasein mit Demut und Opferbereitschaft zu tun. So tut er gleichsam Buße und wird Hilfsarbeiter, statt ein Dasein als Edeldichter zu genießen. Später entzieht er sich gar mit schmerzhafter Konsequenz der großen Liebe, um unabhängig und frei zu bleiben, um immer wieder die Möglichkeit eines neuen Anfangs zu haben, um weiter nur sich selbst zu gehören. Schließlich flüchtet er sich in ein jüdisches Sommerlager, das von seinem alten Freund Krantz geleitet wird, und scheitert auch dort dramatisch. Doch Breavman erinnert sich endlich an das Lieblingsspiel seiner Kindheit und nimmt dessen Unbeschwertheit mit in die Zukunft …
Selten sind das Wesen der Liebe und das Geheimnis des Lebens so originell und plastisch ergründet worden wie von dem eigenwilligen Kanadier Leonard Cohen. Seine Lieder entfalten ebenso wie der vor über vier Jahrzehnten entstandene lyrische Roman bis heute einen besonderen Zauber, sensibel, doch unsentimental und zuweilen auch verwirrend. Sie offenbaren so manches Rätsel menschlichen Miteinanders auf eigene, bedächtig-vitale und nachdrückliche Weise.


Kategorie: Romane
Verlag: Blumenbar Verlag