Orgelgeschichten

Schon bevor er spielt, ahnt der Organist die Farben der Orgel: Wind bläst die Bälge auf, Atem weht durch die Kanäle. Sie warten auf die Berührung eines Fingers, um die Sanftheit des Gedackts, die strahlende Klarheit der Mixturen, das ausdrucksvolle Schweben der Voix céleste, die Wildheit der Spanischen Trompeten, die Majestät des Plenums zu erwecken. Continue reading


Genre: Anekdoten
Illustrated by BoD Norderstedt

Märchen aus der Unterschicht

Eine märchenhafte Gesellschaftskritiktorsten-siekierka-maerchen-aus-der-unterschicht-9783734760921

Diese Überschrift soll nicht in die Irre führen, märchenhaft meint in diesem Fall nicht so etwas wie traumhaft oder rosa und glitzerig. Sie besagt lediglich, dass vorliegendes Buch ein Märchenbuch ist. Und Märchen waren schon zu früheren Zeiten eine Möglichkeit, Kritik am System, an der herrschenden Klasse zu üben. So auch in diesem Buch: Es beinhaltet altbekannte Geschichten dieser Art, nur wurden sie in unsere moderne Welt adaptiert.
Frau Holle lebt nicht im Himmel, sondern auf einer Onkologiestation. Hänsel und Gretel werden zu einer modernen Version von Bonnie und Clyde. Allerleihrau hat ihren Namen durch ihre von Neurodermitis geschändete Haut bekommen, ausgelöst durch Zitrusfrüchte. Nebenbei hilft diese Haut einer „Pferdebürste“ auch, den zudringlichen Heimleiter abzuwehren, leider nicht langfristig.
Schneeweißchen und Rosenrot leben auf Sylt und müssen sich mit ihrer Mutter allein durchschlagen, weil ihr Erzeuger ausschließlich Geld scheffeln will.
Die sieben Geißlein stammen eigentlich aus dem Kongo und sollen abgeschoben werden und der Fischer mit seiner dicken, gierigen Frau lebt, natürlich, in Wilhelmshaven.
Der böse Wolf jagt in Gestalt eines grantigen Hausmeisters Rotkäppchen. Es ist schließlich eine Unverschämtheit, dass eine Sozialschmarotzerin mit einem roten Kopftuch herumläuft, mit dem Aufdruck einer teuren Label-Marke.

Märchen haben eine moralische Aussage, heute wie früher. Und Märchen sind brutal, erzählen eine lange Geschichte komprimiert zusammengefasst, nur mit den wichtigsten Inhalten.
So hat es der Autor hier auch gehalten.
Die Bremer Stadtmusikanten ziehen als Punks durch die Lande und gehen knallhart vor, als sie sich eine Villa erobern wollen. Trotzdem erscheint es für den Leser richtig, wird das Haus doch von Ausbeutern bewohnt, die es nicht besser verdient haben. Zimperlich darf man jedoch nicht sein, harte Worte zur Beschreibung des Geschlechtsaktes fallen z.B. häufig und ungeschönt.
Einen großen Unterschied von diesen zu den alten, bekannten Märchen gibt es: Sie gehen nicht immer positiv aus und das Gute gewinnt nicht immer (nebenbei: auch bei älteren Märchen, abseits der Grimmschen, siegt manchmal das Böse).
Sehr eindrücklich ist „Die Alle-Ausländer-nehmen-Drogen-und-werden-kriminell-Geschichte“. Vorurteile werden hier geschickt verpackt aufgezeigt, wer hier nicht merkt, dass da irgendwas gehörig schief läuft, dem ist nicht mehr zu helfen.

Märchen waren früher nicht für Kinder gedacht und dieses Buch ist es auch nicht. Wer ein Problem mit deutlichen Worten außerhalb des gehobenen Schriftniveaus hat, sollte die Finger davon lassen. Wer nicht bereit ist, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen, ebenso. Wenn ich auch gerade diesen Menschen zu gerne dieses Büchlein in die Hände drücken würde, es hätte wohl keinen Sinn. Perlen vor die Säue und so.

Jedem, der ein bisschen Futter zum Nachdenken sucht, Märchen mag, Kritik erkennen und annehmen kann oder einfach ein Buch lesen möchte, welches auf einer schönen Idee basiert, sei es ans Herz gelegt. Manche der Geschichten sind sogar ein bisschen witzig, der größere Teil jedoch eher positiv (im Sinne von aufrüttelnd) verstörend. Ganz nebenbei ist es handwerklich einfach toll geschrieben, kleine, feine Sprachspielereien haben mich begeistert und die Anlehnung an etablierte Märchen ist perfekt gelungen.
Definitiv ein Autor, den ich im Auge behalten werde und von dem ich mehr lesen will.


Genre: Märchen, Sagen und Fabeln
Illustrated by BoD Norderstedt

Labyrinth Tokio

Wer Japans Hauptstadt Tokio bereits im Titel seines Führers ein »Labyrinth« nennt, weiß, wovon er spricht. Tatsächlich gilt es immer noch als Abenteuer, sich individuell und ohne Sprachkenntnisse in der 13-Millionen-Metropole zu bewegen. Häufig fehlen Straßennamen, das Hausnummern-System gleicht höherer Mathematik und ist oft in der Reihenfolge der Bauanträge geordnet. Taxifahrer kennen sich nur grob aus, und zu allem Überfluss ist Englisch für viele Japaner ein Buch mit sieben Siegeln.

Dennoch wagt es Axel Schwab, seinen Leser in das Tokio zwischen Mythos und Moderne zu locken. Er liefert dazu keinen Reiseführer im klassischen Gewand. Der Autor schlägt vielmehr 29 Touren im Zentrum und weitere neun in der näheren Umgebung vor, die auch die Sehenswürdigkeiten umfassen.

Besonderer Pfiff des Buches sind zweisprachig gehaltene Kartenausschnitte von den jeweiligen Routen. Einige davon sind mit QR-Codes ausgestattet. Mit einem Smartphone lassen sich diese Pixelkästchen entschlüsseln und führen zu detaillierten Online-Straßenkarten.

Axel Schwab hat jahrelang in Tokio gelebt und als Ingenieur für einen Automobilhersteller gearbeitet. Er arbeitet ständig an der Weiterentwicklung seines sorgfältig erstellten Vademecums, das mit 90 Fotos, 42 Karten, 260 Internet-Links und 20 Online-Karten lockt. Darüber hinaus ist der Verfasser für interessierte Leser per E-Mail erreichbar.

Derart gut ausgerüstet verfügt der Leser mit dem Buch über einen Ariadnefaden, mit der er das Layrinth Tokio betreten und sicher wieder herausfinden kann.


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

altkatholisch – zeitgemäß

Die altkatholische Kirche ist eine relativ kleine, unbekannte christliche Kirche. Sie ist mit einem eigenen Bistum bei uns in Deutschland vertreten.

Ihre Wurzeln liegen im 19. Jahrhundert. Konkreter Anlaß für ihre Gründung und Institutionalisierung war, daß der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes zum Dogmar erhoben wurde.

Das hier vorliegende Werk beschreibt die Entstehungsgeschichte der alt-katholischen Kirchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auch auf deutlich frühere Gedankenwelten wie der Konzialiarismus, Jansenismus, Gallikanismus, Febroniarismus oder Josephinismus werden als innerkirchliche Reformbemühungen vorgestellt.

Außerdem werden wichtige theologische Dokumente wiedergegeben.

Wer sich für Kirchengeschichte interessiert, hält hiermit sicherlich ein gut gemachtes und informatives Werk in den Händen. Es sind alle wichtigen Ereignisse des 19. Jahrhunderts enthalten. Leider ist die Veröffentlichunt sehr textlastig, Abbildungen fehlen also weitestgehend. Der Textteil ist auch sehr kopflastig. Ein gewisses Grundverständnis für Kirche und ihre Begrifflichtkeiten sollte also schon vorhanden sein.


Genre: Dokumentation
Illustrated by BoD Norderstedt

Japan in Berlin

Einen nützlichen Reiseführer für Japan-Fans in Berlin liefert Axel Schwab mit diesem 88-seitigen Vademecum. Von den zahlreichen Japan-Restaurants an der Spree wählte er 36 Restaurants aus, die er zusammen mit Empfehlungen für 35 Geschäfte und anderen nützlichen Adressen kombinierte.

Mich freut, dass Schwab viele der Adressen, die ich selbst zu meinen Favoriten zähle, mit Bestnoten versieht. Dazu zählen das »Udagawa« mit feinsten Tempura-Spezialitäten (und einer leider schnell überforderten Bedienung, was Schwab indes gnädig verschweigt), das »Ishin« an der Steglitzer Schlossstraße mit einer sensationell günstigen Happy Hour und das »Daitokai« als wohl ältestes Japan-Lokal in Westberlin.

Toll ist auch, dass es in Berlin mittlerweile Zugang zum japanischen Tee und dem mit seiner Darreichung verbundenen Zen-buddhistischen Zeremoniell gibt. Auch hier weist Axel Schwab den Weg.

Neu entdeckt bei der Lektüre habe ich das »Sake Kontor«. in Berlin-Friedrichshain. Ich muss diese kurze Besprechung deshalb jetzt leider beenden, damit ich dort noch vor Ladenschluss eintreffe..


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Spannung – Der Unterleib der Literatur

Setzt ein gestandener Redakteur, Lektor, Kritiker, Literaturcoach ein Buch in die Welt, schauen Branchenkollegen gern genau hin: Begeht er hier oder dort einen unverzeihlichen Fehler? Sammelt er beim Spaziergang die berühmten drei Steine ein, um später fünf davon auf der heimischen Fensterbank zu drapieren? Rutscht er auf dem Parkett der Sprache, schlägt er rhetorische Purzelbäume? – Legen Sie sich beruhigt zurück, lieber Leser: Hans-Peter Roentgens Ratgeber kostet zwar als Elektrobuch nur ein paar Euro. Die Veröffentlichung ist jedoch bis zur letzten Zeile stimmig, informativ und spannend.

SPANNEND?

»Spannend soll ein Buch sein, das wünschen sich die Leser, und Autorinnen und Autoren möchten spannend schreiben«, schreibt der Verfasser gleich in der Einleitung. In erster Linie bezieht er diese Aussage auf das Schöngeistige. Doch ich behaupte, ein Sachbuch muss den Leser ebenfalls in Atem halten. Es muss Neues wie Altbekanntes auf eigene Art präsentieren, ihn packen, fesseln, in Bann schlagen. Auch ein Schreibratgeber sollte »spannend« sein, will er wirken und Spuren hinterlassen.

Spannung sei, so zitiert der Verfasser Erfolgsautor Andreas Eschbach, wenn der Leser einen Text nicht mehr weglegen kann. Weil er weiterlesen MUSS. Im Idealfall vergisst er, dass längst Schlafenszeit ist, kneift die Knie zusammen, weil er dringend auf die Toilette will. Aber er lässt es, denn dazu müsste er den Text weglegen …

Roentgen erzeugt Spannung, indem er weder erklärt noch doziert. Er baut geschickt Textproben, Fragestellungen und Übungen ein, bei denen der Leser viel erfährt und durch die eigene Brille prüfen kann. Er zeigt auf, wie wesentlich es für einen Autor ist, sein Thema sowie die handelnden Personen genau zu kennen. Denn nur so lässt sich einer Szene Tiefe schaffen, die den Stoff glaubwürdig macht. Kennt der Autor hingegen Sujet oder Akteure nur oberflächlich, dann wird seine Schilderung schwammig. Der Leser spürt das unbewusst, ohne es exakt formulieren zu können.

Wichtig dabei ist neben dem, was konkret im Text steht, all das, was nicht explizit ausgesprochen wird. Ich nenne diese unterschwelligen Botschaften »Subtext«. Roentgen spricht von »Lücken, die der Leser füllen muss«. »Erzählen«, so der Verfasser des Ratgebers, »ist immer eine Gratwanderung zwischen dem, was der Rezipient weiß, und dem, was er wissen möchte, was ihm der Autor aber nicht verrät.«

Letztlich geht es darum, über das zu schreiben, was der Verfasser selbst liebt oder hasst. Ein Text muss den Autor selbst berühren, nur dann bewegt sie auch den Leser. Hans-Peter Roentgen beherrscht und mag das Thema, das er sich mit diesem Ratgeber vorgenommen hat. Und er kann einiges dazu sagen, das vielleicht schon lange bekannt ist, aber hier in einem Zusammenhang vorgetragen wird, der plausibel ist. Im Ergebnis kann der Leser davon profitieren, indem er mit dem Roentgen-Blick sein Werk durchleuchtet.


Genre: Ratgeber
Illustrated by BoD Norderstedt

Die Launen der Reichen

Irma Ondra ist ein „dienstbarer Geist“, wie es in vergangenen Jahrhunderten hieß, eine Haushälterin, die überall positiv wirkt, sich ständig zurücknimmt, die Klappe hält, nie über ihre Auftraggeber redet und möglichst wenig kostet.

In eine Branche, in der hohe Fluktuation herrscht, täglich Arbeitsplätze frei werden und das Arbeitspensum von den Auftraggebern locker unterschätzt wird, muss man/frau vielleicht hineingeboren werden, um den Wünschen, Anforderungen und Launen der „Herrschaft“ gewachsen zu sein. Der Autorin jedenfalls ist Sauberkeit und die Freude am Putzen in die Wiege gelegt, und so entscheidet sie sich eines schönen Tages, als Haushälterin tätig zu werden.

Was sie auf ihrer Suche nach einem passenden Arbeitgeber erlebt hat, schildert sie in der vorliegenden Autobiografie. Dabei sind die Erwartungen des Lesers hoch gespannt, denn schon die Titelei verspricht allerlei Indiskretionen und Blicke unter die Bettdecken der Reichen und Schönen. Irma Ondra bleibt in ihren Schilderungen allerdings bodenständig, ihr geht es in erster Linie um die persönliche Anerkennung ihrer Leistung und eine angemessenen tariflichen Bezahlung und Urlaubsregelung.

In ihren Erlebnissen wird deutlich, dass die Haushaltsvorstände vermögender Familien, die sich den Luxus einer ständigen Hilfe leisten können, zu diesen Punkten eher Ansichten aus der Feudalzeit vertreten. Denn Menschen, die Zeit ihres Lebens an Hauspersonal gewöhnt sind, haben selbst meist keinen blassen Schimmer davon, wie lange man für Arbeiten in Haus und Garten benötigt.

Der Text liest sich fließend und leicht. Er ist unspektakulär geschrieben und braucht allerdings rund hundert Seiten, um zur ersten Arbeitsstellenbeschreibung zu kommen. Hier wäre eine Straffung wünschenswert.


Genre: Erinnerungen
Illustrated by BoD Norderstedt

Die verrücktesten Hotels

Eine Fleißarbeit legt Kurt Jaworski mit diesem Band vor, der vom Verlag mit der Aufnahme in seine neu angelegte »Edition BoD« geadelt wird. Auf rund 230 Seiten werden in kurzen Artikeln Quartiere auf Inseln und Bergen, in Palästen und Klöstern, bei Eskimos und Dschungelbewohnern beschrieben.

Die Buchidee ist nett, obwohl es derzeit mehr als 600 deutschsprachige Hotelführer gibt, die sich gegenseitig das Wasser abgraben wollen. »Absolut unvergleichlich« sei sein Führer, erklärt Autor Jaworski, der nach eigenem Bekunden fast 50 Jahre als Tourismus-Manager die Welt bereiste. Den Beweis bleibt er leider schuldig. Nur bei sechs von ihm persönlich favorisierten Häusern vermittelt er den Eindruck, auch tatsächlich vor Ort gewesen zu sein.

Die Zusammenstellung wirkt ein wenig steril. Es scheint, als habe der Autor einen großen Teil seiner Recherche vom Lehnstuhl aus per Internet abgewickelt. Dabei listet er dann häufig Adressen von Reiseveranstaltern auf statt direkt zu den Unterkünften zu führen, die mit Google durchaus zu finden sind.


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt