Die Gruppe 47

boettiger-1Von literarischem Kannibalismus

Bei der Lesung Helmut Böttigers im Münchner Literaturhaus, mit der sein neu erschienenes Buch über die Gruppe 47 vorgestellt wurde, folgte das zahlreich erschienene Publikum gespannt den Ausführungen über eine literarische Epoche, die Vielen durchaus noch gut in Erinnerung war. Mich eingeschlossen, der ich mich seinerzeit zwar literaturfern mit ganz anderen Dingen beschäftigte, die nicht gerade seltenen Meldungen über diese Gruppierung aber am Rande durchaus registrierte. Jetzt war nun plötzlich Anlass und Gelegenheit, sich näher mit dieser Episode der Zeitgeschichte zu beschäftigen, das Thema für sich persönlich aufzuarbeiten, damals Versäumtes nachzuholen, den Mythen mal auf den Grund zu gehen.

Ohne Frage ist es dem Literaturkritiker Böttiger mit seinem informativen Sachbuch gelungen, die Entwicklungsgeschichte dieser literarischen Gruppierung, für die es kein Vorbild gab und auch keine vergleichbare Nachfolge, sehr anschaulich und detailreich darzustellen. Dem heutigen Leser dürften viele der teilnehmenden Schriftsteller bei den Treffen der Gruppe 47 vom Namen her weitgehend unbekannt sein, erst recht aber vom Werk, so kurzlebig ist Literatur in der Tat! Auch die Thematik der heftigen Diskurse ist heute kaum noch nachzuvollziehen, von einem für alle gültigen Konsens konnte jedenfalls kaum die Rede sein, vernünftig Argumentierende gehörten damals wie heute zu einer raren Spezies. Man staunt schon, was diese hochgeistige Elite sich gegenseitig an den Kopf geworfen hat, wie gnadenlos die Verrisse ausgefallen sind. Es war purer literarischer Kannibalismus, der da praktiziert wurde in den sogenannten Werkstattgesprächen, meist destruktiv statt konstruktiv, den beurteilten Autor somit oft total entmutigend. Mit der triumphalen Lesung der «Blechtrommel» hat Günter Grass eines der raren Gegenbeispiele geliefert, wo das ziemlich einhellige Lob und die unumstrittene Verleihung des Preises der Gruppe 47 dem späteren Erfolg auf dem Buchmarkt vorausgeeilt war.

Überhaupt hat sich die Entwicklung der Berufskritiker, die jedenfalls ziemlich komplett versammelt waren und untereinander sowie mit den Autoren die Klingen gekreuzt haben, zu einem maßgeblichen Teil in der Gruppe 47 vollzogen. Walter Jens, Joachim Kaiser, Walter Höllerer, Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer saßen da in der ersten Reihe auf der «Kritikerbank» und nutzten ihre Anwesenheit zu persönlicher Profilierung. Sie wurden ihrerseits grandios verspottet, als «Großkritiker» regelrecht auseinander genommen von niemand Geringerem als Martin Walser, und zwar in einem Zeitungsartikel, dessen Text «zu den besten gehört, die er jemals geschrieben hat», und den Böttiger deshalb genüsslich zitiert. Man kann also auch herzhaft lachen bei dieser Lektüre, und staunen obendrein, was für einen Nonsens diese sich klug wähnenden Herren, es gab ja noch keine Damen in der Riege, selbstgefällig abgesondert haben. Dem Rundfunk ist es zu danken, dass durch Mitschnitte bei den späteren Treffen heute vieles rekonstruierbar ist, was da so alles gesagt wurde, Walsers köstliche Satire teils wortwörtlich bestätigend.

Mit dem Datum war Helmut Böttiger beim Signieren meines Buchexemplars der wahren Zeit zwar einen Tag hinterher, sein ausgezeichnetes Buch ist fachlich aber anderen recht deutlich voraus, und brillant geschrieben ist es obendrein. Es zu lesen lohnt sich somit für Leute, die tiefer einsteigen wollen in die deutsche Literaturgeschichte mit Autoren, von denen einige inzwischen ja schon fast Denkmalstatus erlangt haben. Dieses Buch erweitert den Horizont jedenfalls ganz ungemein, und man kann ihm als seriösem Sachbuch sogar hin und wieder einen gewissen Unterhaltungswert attestieren.

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Kategorie: Sachbuch
Verlag: DVA München

Charlotte

foenkinos-1C’est toute ma vie

Dem französischen Schriftsteller David Foenkinos ist mit seinem jüngsten Roman «Charlotte» ein Bestseller gelungen, der mit dem von Schülern vergebenen Prix Goncourt de lycéens geehrt wurde und auch in Deutschland prompt auf der Spiegel-Bestsellerliste landete. Seine Bücher gelten nicht gerade als schwere Kost, was angesichts der Thematik, um die es hier geht, denn doch Zweifel aufkommen lässt, ob der ebenso sensible wie anspruchsvolle Stoff bei ihm in den richtigen Händen gelegen hat. Denn es geht um nicht weniger als die tragische Biografie der jüdischen Berliner Malerin Charlotte Salomon, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Über sie zu schreiben sei dem Autor, wie er einräumt, geradezu eine Obsession geworden.

Mit den Worten «Das ist mein ganzes Leben» übergibt die 26jährige schwangere Künstlerin einem befreundeten Arzt in ihrem südfranzösischen Zufluchtsort einen Koffer zur Aufbewahrung, bevor sie in ein Lager der Nazis abtransportiert wird. Darin befindet sich in einem Konvolut von Zeichnungen auch ein von ihr als Singspiel bezeichneter Bilderzyklus «Leben? Oder Theater?», eine im Sinne Wagners als Gesamtkunstwerk gedachte, mit Texten und zu unterlegender Musik komplettierte Autobiografie. An diesem Werk entlang, das heute im Jüdischen Museum in Amsterdam aufbewahrt ist, erzählt Foenkinos seine fiktional angereicherte Geschichte. Zwischendurch berichtet er immer wieder mal auch von seiner Spurensuche, beginnend bei den Stolpersteinen im Pflaster vor dem Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg und endend in Südfrankreich, wo statt der alten Villa, die ihr einst als Unterschlupf gedient hatte, nun eine protzige neue Villa steht, deren Bewohner keinerlei Verständnis für seine Recherche zeigen.

Er sucht Spuren von Charlotte, in deren Familie sich die Selbstmorde häuften, deren Jugend vom aufkommenden Nationalsozialismus überschattet wurde, die immer wieder den schikanösen Pressionen gegen die Juden ausgesetzt war. Ihre Eltern sind anfangs noch optimistisch über die weitere Entwicklung in Nazideutschland. Bei «optimistisch» fügt Foenkinos eine jener für ihn typischen Fußnoten ein, die da lautet: «Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills, meinte Billy Wilder». Wie wir im Epilog lesen, überlebten die Eltern im holländischen Untergrund, die zu den Großeltern geflüchtete Charlotte tragischerweise eben nicht! Erzählt wird diese Tragödie in einer stilistisch eigenwilligen Form, in extrem kurzen, niemals über eine Buchzeile hinausreichenden Einzelsätzen nämlich, was Flattersatz bedeutet, im Seitenlayout also eher wie Lyrik wirkt statt wie Prosa. Dieser nebensatzarme Stil erzeugt einen abgehackten, stakkatoartigen Rhythmus beim Lesen, das durchgängig verwendete Präsens unterstreicht noch diese stereotyp anmutende Diktion. Am Ende des dritten von acht Kapiteln lesen wir dazu:
«
Ich verspürte ständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.
»
Peinlich wird das Ganze, wenn der Autor vermeintlich authentische Gefühle seiner Figur beschreibt, die Liebe zum Beispiel, und dann die romantischen Gefühle seiner Heldin zynisch mit Männern konterkariert, deren unbeholfene Distanziertheit derartige Gefühle als Trugbilder entlarven sollen. Ein Gschmäckle, wie der Schwabe sagt, hat auch die in der Familie als immanent dargestellte Todesverfallenheit in Hinblick auf Charlottes Tod, gleich im ersten Satz heißt es darauf anspielend: «An einem Grabstein lernt Charlotte ihren Namen lesen.» Ein ebenso wenig entschuldbarer Fauxpas ist der voyeuristische Blick in die Gaskammern von Auschwitz. Folgt nun «Anne», werden auch die Tagebücher Anne Franks demnächst ebenso impertinent ausgeschlachtet? Mir erscheint der Autor unsensibel wie Paparazzi auf der Jagd nach Sensationen, sein Roman gleicht stilistisch genau dieser Boulevardpresse, er ist einfach nur auf dem Grauen der Nazizeit basierender Kitsch!

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Kategorie: Roman
Verlag: DVA München

Das amerikanische Hospital

Ein genialer Beobachter ist dieser Michael Kleeberg. Es gibt nur wenige Schriftsteller, die so genau hinschauen und das Gesehene so lebendig wiedergeben, daß sie Atmosphäre schaffen. Und die Atmosphäre in Kleebergs neuem Buch geht unter die Haut.
Der Autor führt seine Leser durch Paris, wie es nur Einheimische kennen. Er nimmt sie mit in die irakische Wüste und in ein Dorf mitten im Krieg.
Die Pariserin Hélène und der amerikanische Offizier Cote begegnen einander im Amerikanischen Hospital der französischen Hauptstadt. Sie sucht Hilfe, um sich endlich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, er muß behandelt werden, weil er an einem schweren Kriegstrauma leidet. In den Stunden des Wartens erzählen die beiden einander ihre Geschichten. Kaum zu ertragen sind manche Szenarien, und doch lassen sich die faszinierten Leser mitten ins Geschehen ziehen. Auf einem Ölfeld ersticken die Vögel – sagenumwobene Ibisse -, arglose Kinder sterben, als sie amerikanischen Soldaten vertrauen, eine Flüchtlingskolonne wird bombardiert. Angst, Wut und Unsicherheit lösen Katastrophen aus, von denen sich auch die, die davongekommen sind, kaum erholen. Hélène hört dem Traumatisierten zu und sucht ihn mit ihrer positiven Lebenseinstellung zu stärken. Sie redet mit ihm über Gedichte und zeigt ihm Orte des Glücks. Doch auch ihre Zuversicht bröckelt, wenngleich ihr Urvertrauen bleibt. Ein Generalstreik versetzt Paris in einen Ausnahmezustand und verändert auch das Leben der beiden Besucher des Amerikanischen Hospitals.

Der 1959 in Stuttgart geborene Wahlberliner Michael Kleeberg, preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer, erzählt seine neue Geschichte lakonisch und mit höchster Intensität. In Ruhe, gleichsam entschleunigt, entwickelt er den Roman und öffnet seinen Lesern die Augen für innere wie äußere Katastrophen und Glücksmomente.


Kategorie: Romane
Verlag: DVA München

Babettes Fest

Sie kennen das Buch? Sind Sie sicher? Oder kennen Sie vielleicht die (sehr gute) Verfilmung dieser Geschichte durch den dänischen Regisseur Gabriel Axel? Dann kennen Sie die Handlung — aber Sie kennen das Buch nicht. Das aber sollten Sie unbedingt kennen lernen.

Die Geschichte der französischen Köchin Babette, die nach der Zerschlagung der Pariser Kommune nach Norwegen flieht, für zwölf Jahre die Haushälterin zweier asketisch in einer streng protestantischen Dorfgemeinschaft lebenden Schwestern ist, kann schnell erzählt werden. Aber die Geschichte ist doch so reich, wie die Handlung scheinbar schlicht ist. Die Französin blieb für diese zwölf Jahre in der norwegischen Einöde durch ein Lotterie-Los mit ihrer Heimatstadt Paris verbunden. Dieses Los verhilft ihr nun nach all den Jahren zu einem stattlichen Gewinn von 10.000 französischen Francs. Babette lädt aus diesem Anlass die Schwestern und die gesamte asketische Protestantengemeinde zu etwas für diese Menschen schier Unbeschreiblichem ein: zu einem französischen Dîner. Und sie kocht meisterlich. In die Kälte und Öde des norwegischen Dörfchens und in die Askese seiner Bewohner bricht etwas Warmes, Reiches und zutiefst Sinnliches ein: ein kulinarisches Fest auf höchstem Niveau. Die Einwohner ihrerseits ahnen schon kurz nach der Einladung zum Essen Böses und schwören sich gegenseitig darauf ein, den Abend furchtbar zu finden und der Versuchung und der Sünde nicht nachzugeben. Daraus wird nichts. Aus Ablehnung wird Skepsis, diese verwandelt sich im Verlaufe des Abends und im Fortgang der Gänge des Menüs in Seeligkeit und Glück. Etwas Neues, Fremdes hat Einzug gehalten — und hat alles verändert.

Das Buch hat 80 Seiten. Lesen Sie es an einem Nachmittag, an dem Sie Ruhe haben. Trinken Sie einen guten Tee oder Kaffee dabei. Die Lektüre dauert nicht lange — aber sie sollte in einen Abend münden, an dem Sie sich etwas Schönes gönnen. Und sei es ein wunderbares Essen — aber nicht allein! Auf jeden Fall werden Sie nach der Lektüre das Textzitat, das auf der Rückseite des Buches steht, verstehen: »Diese Frau verwandelt ein Dîner im Café-Anglais in eine Art Liebesaffäre — eine Liebesaffäre von der edlen, romantischen Sorte, wo man nicht mehr unterscheidet, was körperliche und was geistige Begierde und Sättigung ist.«


Kategorie: Romane
Verlag: DVA München