Das Herz ist ein einsamer Jäger

mccullers-2Mit literarischem Widerhall

Im überschaubar kleinen Werk der früh verstorbenen US-amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers markiert gleich ihr 1940 erschienener Debütroman «Das Herz ist ein einsamer Jäger» den Durchbruch zum Erfolg. Sie gehört zu den typischen Südstaaten-Autoren, deren Schauplätze von flirrender Hitze und armseligen Hütten geprägt sind, dem jeweiligen Sujet damit ein charakteristisches, stets präsentes Bewusstsein von Ort und Zeit unterlegend. Eine unverkennbar autobiografische Prägung findet sich ebenfalls in diesem frühen Roman, mit Themen wie einseitige Liebe, seelische Einsamkeit, Krankheit, körperliche Behinderung, und auch die Musik wird hier als sinnstiftend gezeigt, wie die Autorin selbst will eine ihrer Figuren Pianistin werden, scheitert aber an den äußeren Umständen. Schwermut allenthalben, kein heiterer Lesestoff also, aber eine zu Herzen gehende Darstellung der Absurdität menschlichen Daseins und der Bemühungen des Einzelnen, der beklemmenden Realität entgegenzuwirken.

Mit einem raffinierten Kunstgriff stellt die Autorin den taubstummen Mr. Singer ins Zentrum ihres Figurenensembles, die solcherart personifizierte Sprachlosigkeit manifestiert überdeutlich das Thema der mangelhaften menschlichen Kommunikation in ihrer Geschichte. Singer wohnt geradezu symbiotisch mit einem taubstummen Griechen zusammen, der aber verhaltensauffällig wird und dessen Vetter ihn dann aus Angst vor finanziellen Schäden, für die er aufkommen müsste, ins Irrenhaus bringt. Um den nun einsamen Singer scharen sich mit der Zeit Menschen, die ihn, der alles von den Lippen ablesen kann, als geduldigen und klugen Zuhörer schätzen, er bekommt den Status eines Weisen, um den sich diverse Mythen ranken.

Zu seinen Freunden zählt der Wirt Brannon, in dessen Café New York er täglich seine Mahlzeiten einnimmt und der nach dem Tode seiner Frau in eine seelische Leere fällt, in der sich sein Leben in schablonenhaften Abläufen nur noch in seinem Lokal abspielt. Ganz im Innersten ist bei ihm anfangs noch eine vage Sehnsucht, die Mick gilt, einem jungen Mädchen in der Pubertät, deren Einbindung in familiäre Pflichten ihrer grenzenlosen Liebe zu Musik gegenübersteht und letztendlich alle diesbezüglichen Träume scheitern lässt. Mit dem Marxisten Blount verkehrt ein versoffener Idealist in dem Café, der ebenso vergeblich gegen die schreiende Ungerechtigkeit im rigiden kapitalistischen System der USA anpredigt wie der farbige Arzt Copeland gegen die skandalöse Rassendiskriminierung. Sie alle finden sich mit ihren Problemen einzig von Singer verstanden, worin angesichts dessen Behinderung als Taubstummer ein Paradoxon zu bestehen scheint, aber nur wer geduldig zuhört, kaum mal antwortet, auch nie widerspricht, ist ein wohlgelittener, angenehmer Gesprächspartner. Als Singer Suizid begeht, nachdem er vom Tode seines griechischen Freundes erfährt, endet der Roman im dritten, epilogartigen Teil unter dem Datum 23. September 1939 wunderbar stimmig mit einem Ausblick auf das weitere Schicksal der vier übriggebliebenen Protagonisten.

Mit seiner existentialistischen Ausrichtung stellt dieser Roman eine mehr als harsche Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts dar, geradezu ein Fanal gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Leider aber nicht auch gegen den Waffenwahn, wie mir auffiel, denn ungerührt wird ein Vorfall geschildert, bei dem ein kleiner Junge mit einer scharfen Waffe spielend ein Nachbarmädchen beinahe totschießt, es fehlten nur Millimeter, – im Roman ein Dummejungenstreich wie bei uns das Einschießen einer Fensterscheibe mit dem Fußball, «business as usual» sozusagen! Abgesehen davon ist dieser elegische Roman ein Fest für einfühlsame Leser, die am Ende tief betroffen vom Einblick in die innere Welt der Figuren das Buch zuklappen. Mit reichlich Stoff zum Nachdenken versehen allerdings, und genau dieser Widerhall macht ja Literatur so einmalig unter den Künsten!

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Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Memento Mori

spark-1Ein Denkanstoß

Der deskriptive Titel «Memento Mori» weist lateinkundige Leser sogleich unverkennbar auf die ziemlich spezielle Thematik von Muriel Sparks 1960 erschienen Roman hin: «Denke daran, dass du sterben musst». Die in Schottland geborene Schriftstellerin löste mit diesem frühen Werk einst eine Kontroverse innerhalb des Feuilletons aus. Kann man, darf man, wurde da gefragt, Alter, Sterben und Tod, diese Zumutung für eine vernunftbegabte Menschheit, so locker und ironisch als Groteske darstellen? Man darf! Und seither wurde Muriel Spark als wichtige Autorin von Rang angesehen, nicht nur im englischsprachigen Raum. 1993 wurde ihr der Titel «Dame» des Order of the British Empire verliehen, die Liste aller ihrer Preise und Ehrungen ist imposant.

«Alter schützt vor Torheit nicht» könnte man dem Roman als Motto voranstellen, und vor Bosheit erst recht nicht, muss man hinzufügen. Drei alte Sünder sind die Protagonisten, Godfrey, seine Frau Charmian und seine Schwester Lettie, alle jenseits der siebzig, um sie herum ein illustres Völkchen der gleichen Altersklasse, die sich an Kuriosität gegenseitig zu übertreffen scheinen. Äußerer Rahmen für die Handlung sind mysteriöse Telefonanrufe, bei denen ein anonymer Anrufer immer wieder «Denken Sie daran, dass sie sterben müssen» sagt und dann auflegt. Die Frage, wer dahintersteckt, wird übermächtig, als neben Lettie, die als erste damit belästigt wurde, immer mehr der Senioren solche Anrufe erhalten, aber weder die Polizei noch ein zusätzlich engagierter Privatdetektiv können den Fall klären. Kunstvoll ineinander verwoben erzählt die Autorin von Testamentsänderungen, Erbschleicherei, Erpressungen, Heimtücke, Rachegelüsten, Bosheiten, Schrulligkeiten und Lebenslügen der Greise, die auch im hohen Alter alles andere als altersweise sind, die im Gegenteil hartnäckig ihre egoistischen Pläne verfolgen, gierig ihren finanziellen Vorteil suchen, ihre schuldbeladene Vergangenheit vertuschen wollen.

Einen breiten Raum nimmt dabei auch die körperliche Hinfälligkeit der Hochbetagten ein, ihr täglicher Kampf gegen ihre diversen Gebrechen, ihre Vergesslichkeit. Die Bühne dafür ist bis ins Altersheim und die geriatrische Klinik erweitert, wo Bettlägerige und Senile von Ärzten und Schwestern betreut werden, die nicht zu beneiden sind angesichts der Kampfeslust der Patienten. Mit schwarzem Humor schildert die Autorin ironisch die Aussetzer und mentalen Fehlleistungen ihres skurrilen Personals, eine zuweilen maliziöse Satire, die nicht selten ins Makabre abgleitet. Todesfälle und Beerdigungen sind dabei nicht ausgenommen, und so etwas wie Trauer kommt einfach nicht vor in dieser rabenschwarzen Geschichte. Wobei der englische Humor mich hier etwas enttäuscht hat, viel mehr als dass der wohlhabende Godfrey aus Geiz seine Streichhölzer aufspaltet habe ich nicht gefunden, stattdessen tea time bis zum Abwinken, very british eben. Die Story ist in der gesellschaftlichen Mittelschicht der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt, man lebt recht auskömmlich ohne wirkliche Geldsorgen.

Der dialogreiche Text ist in einem leicht lesbaren Stil verfasst, bei der Fülle von Figuren ist allerdings erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich, Lesern mit ausgesprochen schlechtem Namensgedächtnis sei ein Spickzettel angeraten. Nicht jeder wird mit der unverblümt sarkastischen Perspektive der Autorin einverstanden sein, Gott, Jenseits und Anderes aus der religiösen Wundertüte fehlt hier völlig, der Tod ist etwas so Normales, dass man kein Aufhebens davon macht, unbeeindruckt wieder zur Tagesordnung übergeht. Und so gibt es auch für die kriminalistische Frage eine einfache Antwort: «Ich bin davon überzeugt, dass der Urheber der anonymen Anrufe der Tod selbst ist, wenn man das sagen darf. Ich weiß nicht, was Sie dagegen unternehmen könnten, Dame Lettie. Wenn Sie sich nicht an den Tod erinnern, erinnert der Tod Sie an sich». Kann man das alles als Denkanstoß im Umgang mit dem Tod auffassen? Aber sicher doch!

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Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Das Bildnis des Dorian Gray

wilde-1Von Bonmot zu Bonmot

Nur 46 Jahre alt wurde Oscar Wilde, in seiner kurzen Schaffenszeit hat der irische Schriftsteller neben vielem Anderen einen einzigen Roman geschrieben, der ihn aber weltberühmt gemacht hat, «Das Bildnis des Dorian Gray», nach einer kritisch aufgenommenen Erstversion in einem Magazin 1891 in überarbeiteter Form als Roman mit Vorwort erschienen. Tragisch bleibt dabei, dass nicht zuletzt dieses Vorwort in einem Prozess wegen Homosexualität zu seiner Verurteilung beitrug. Als er das Zuchthaus nach zwei Jahren verließ, war er gesundheitlich schwer gezeichnet, er starb drei Jahre später in Paris, wohin er sich wegen seiner gesellschaftlichen Ächtung geflüchtet hatte. Sein Roman wird heute in den Kanon von Klassikern der Weltliteratur eingeordnet, man muss ihn einfach gelesen haben, nicht nur weil er erstklassig ist, auch der spektakulären Thematik wegen.

Dorian Gray, Titelfigur des Romans, wird als außergewöhnlich gut aussehender junger Mann von einem ihn grenzenlos bewundernden Maler portraitiert; selbstverliebt wünscht er sich angesichts des Gemäldes, immer so schön zu bleiben wie auf dem Bild. Als der unermesslich reiche Lebemann eine blutjunge Schauspielerin kennenlernt, verlobt er sich spontan mit ihr, ebenso angetan von ihrer makellosen Schönheit wie von ihrer begeisternden Bühnenkunst. Die Liebe des Mädchens zu ihm, die nun erstmals echt ist, nicht gespielt, wirkt sich verheerend aus, ihr Bühnenauftritt wird zum Desaster, so dilettantisch spielt sie plötzlich. Als Dorian enttäuscht die Verlobung löst, bringt sie sich um. Entsetzt merkt er nun, dass sich die Züge auf dem Gesicht seines Bildnisses verhärtet haben, er versteckt das Bild deshalb, niemand darf es mehr sehen. Sir Henry, sein mephistophelischer Freund, gibt ihm ein Buch zu lesen, das den Hedonismus verherrlicht und Moral negiert, Dorian ist wie besessen davon. Der zweiteilig aufgebaute Roman erzählt nun im elften von insgesamt zwanzig Kapiteln im Zeitraffer, wie er sich im Verlauf fast zweier Jahrzehnte allerlei dekadenten Vergnügungen hingegeben hat, das Sammeln kostbarster Gegenstände, eine ausufernde Lust am Genuss, er treibt sich in Opiumhöhlen herum und in Bordellen, ein äußerst lasterhaftes Leben also, welches der Autor nur dezent andeutet, nicht näher ausführt. Dorians Aussehen verändert sich nicht in diesen Jahren, nur sein Abbild auf dem Portrait altert und zeigt unerbittlich alle Spuren seines Lebenswandels. Als der Maler des Bildes ihm ernsthaft ins Gewissen redet, ersticht er ihn im Affekt und sorgt dafür, dass die Leiche spurlos verschwindet. Am Ende des Romans entsagt er der Liebe zu einem Mädchen vom Lande, die er nur ins Verderben stürzen würde, zum ersten Mal tut er also wieder Gutes nach langer Zeit, Sir Henry verspottet ihn deswegen. Dorian will sich ändern, will die schlechte Seele töten, die sein Bildnis ja verkörpert, er sticht mit dem Messer auf die Leinwand ein. Ein Schrei ertönt, sein Diener findet ihn erstochen vor dem unversehrten Gemälde, auf dem er jung und schön aussieht wie ehedem.

Narzissmus, Hedonismus, Ästhetizismus, Dekadenz, Moral, aber natürlich auch Motive aus dem Faust sind Thema in diesem Roman des Fin de Siècle, der konventionell erzählt von seinen köstlichen Dialogen lebt, in denen es von Aperçus nur so wimmelt, wie man sie aus den Bühnenstücken des Autors kennt, – nachdenklich machend, oft aber muss man auch schmunzeln. Das Lesen gerät zu einem Parforceritt von Bonmot zu Bonmot durch eine zynische Gedankenwelt, die der Existenz der Seele gewidmet ist als selbstständiger Instanz.

Es gibt viele Adaptionen des Stoffes, er wurde mehrfach bis in die jüngste Zeit hinein verfilmt. Das Altern nicht akzeptieren zu können als psychisches Krankheitsbild wird heute als Dorian-Gray-Syndrom bezeichnet. Letztendlich steckt nichts Anderes als die Angst vor dem Sterben hinter dieser Phobie, die als Jugendwahn ja fröhliche Urständ feiert. Insoweit ist dieser großartige Roman also zeitlos aktuell.

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Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Elefant

Martin Suter Elefant

Pressebild_ElefantDiogenes-Verlag_72dpiMartin Suter erzählt eine bezaubernde Geschichte um einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunkeln phosphoreszierend schimmert. Dieses klitzekleine Wesen, das mit Holzscheiten statt Baumstämmen jongliert und das Herz jedes Kindes hochschlagen lassen würde, ist keine Schöpfung der Spielwarenindustrie. Es handelt sich um das Produkt geldgieriger Genmanipulateure, die an der Produktion von »glowing animals« (glühenden Tieren) arbeiten und dabei jeden Tier- und Artenschutz ausser Acht lassen. Continue reading


Kategorie: Roman
Verlag: Diogenes Zürich

Im Museum. Unheimliche Begebenheiten

lange im museum2

lange im museum2Einmal Geschehenes kann man nicht zurückholen, auch nicht, indem man Exponate aus vergangenen Zeiten im Museum präsentiert. Da ist das Kleidungsstück fein ausgestellt, doch der Mensch, der vor Jahrhunderten darin steckte, bleibt für immer verschwunden. Ist es denn verrückt, wenn in Erzählungen Gestalten aus vergangenen Epochen in einem Museum lebendig werden? „Die Literatur hat ihren eigenen Wahrheitsgrund“, meint Hartmut Lange und lässt in den sieben Kapiteln seines Bändchens „Im Museum. Unheimliche Begebenheiten“ Protagonisten aus den Tiefen der Geschichte, Museumspersonal und Besucher einander begegnen. Es ist wahrhaft mysteriös, was sich in Hallen, Gängen, Korridoren, auf Treppen und Emporen des Deutschen Historischen Museums in Berlin abspielt.

Wer hätte als Besucher einer Ausstellung nicht schon einmal darüber nachgedacht, was in jemandem vorgeht, dessen Aufgabe darin besteht, Exponate zu bewachen? Zum Beispiel die Frau, die Tag für Tag unauffällig ihre Arbeit neben der Statue Carls des Großen macht. In Langes Geschichte bekommt sie einen Namen und sitzt nach Feierabend auf ihrem Sofa. Wir sind dabei, wie die höchst zuverlässige Frau Bachmann auf der Suche nach der Ursache eines Luftzuges die abendliche Schließung des Gebäudes verpasst, die Nacht im Museum verbringt und spurlos verschwindet. Und da ist Aufseherkollege Klinger, zu DDR Zeiten Leutnant der Staatsicherheit. Als Aufpasser sieht er sich nun mit einem „Schuppen voller Plunder“ konfrontiert. Ihn zieht es in einen Geheimgang im Keller des Hauses, in den er einen arglosen Besucher locken und einen fiesen Plan verwirklichen will.

In nächtlicher Stille wäre das „Gluckern in den Heizkörpern“ und das „Knacken unter dem Fußboden“ ganz normal, wäre da nicht der Schatten eines Mannes mit Militärkappe, der zu Lebzeiten in seinem Rassenwahn Deutschland und Europa terrorisierte. Nacht für Nacht geistert er ruhelos durch die Ausstellungsräume. Die Darstellung eines anderen Despoten lässt ihm keine Ruhe. Da wird das Bildnis Napoleon Bonapartes kostbar mit Brokat und Lorbeerkranz präsentiert, er hingegen „wie ein Paria“ in den Keller verbannt.

Foto: © Andreas von Scheven

Foto: © Andreas von Scheven

Wenn ein Herr Polenz nach Feierabend in die von der Frau verlassene Wohnung kommt, einen Zettel vorfindet, und danach ohne besondere Absicht das Deutsche Historische Museum betritt, ahne ich schon Verwicklungen. Wie ist es möglich, dass weder die Drehtür zum Festungsgraben noch die zum Boulevard Unter den Linden ihn wieder herauslässt und er sein zu Hause im Flur abgestelltes Fagott und die Querflöte im notbeleuchteten Museumsfoyer entdeckt? Und es hat auch etwas Skurriles, wenn eine Frau aus dem 19. Jahrhundert ihrer kleinen Tochter erklärt, warum sie vor der ratternden Rolltreppe keine Angst haben muss und wenn ein junger Volontär mitten in der Nacht heimlich zuschaut, wie jene Mutter und ihr Kind auf den Fliesen im menschenleeren Schlüterhof sitzen und durch das Glasdach den Himmel anschauen.

Wie es sein kann, dass ein Foto von Rodins „Denker“ immer wieder Risse und Kratzer bekommt, fragt sich ein Mitglied des Fördervereins in der letzten Story im Buch. Von einem gewaltsam zu Tode gekommenen Mann wird er darüber aufgeklärt, was sein Schicksal mit Denken zu tun hat. Die Parole „liberté, égalité, fraternité“ hat ihm den Tod gebracht. „Und war es nicht tatsächlich so, dass sich das Töten durch die Perversion des Denkens bis in alle Ewigkeit fortsetzte?“, resümiert der Erzähler.

Foto: © Andreas von Scheven

Foto: © Andreas von Scheven

In den sieben Erzählungen „Im Museum“, die alle im Gebäude des Deutschen Historischen Museum in Berlin spielen, lässt der für seine herausragenden Novellen bekannte Autor Hartmut Lange Protagonisten aus der Gegenwart und aus verschiedenen Epochen einander begegnen und im Dialog miteinander auftreten. Am liebsten nachts bei Notbeleuchtung schickt er sie in den dunklen Korridor, vor die verschlossene Tür, die frisch verputzte Wand, ins Museumscafé, in den Schlüterhof und den “Gigantenhäuptern mit qualvoll aufgerissenen Mündern“ und lässt sie an der verflixten Drehtür verzweifeln. Dabei spielt er souverän mit verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, schlüpft mal in die Rolle des allwissenden Erzählers mal in die des einen oder anderen Protagonisten. Angenehm, mit welcher Selbstverständlichkeit ihm das fern jeder besserwisserischen Psychoschau gelingt.

Foto: © Hans-Christian Plambeck/laif

Foto: © Hans-Christian Plambeck/laif

Beim wiederholten Lesen versuche ich mir zu erklären, mit welcher sprachlichen Raffinesse Hartmut Lange es schafft, diesen Sog zu erzeugen, der mich unwillkürlich am Text hält. Da ist der Widerspruch zwischen schnörkellosen, ja banal anmutenden Formulierungen und der gespannten Erwartung, welche Überraschung der Autor denn nun wieder für mich bereit hält. Und wie könnte ich nicht Abgründe wittern, wenn ein Kapitel so beginnt: „Ich gebe zu, ich mache mir unnötige Gedanken, und ich hatte unlängst die Gelegenheit, vor einem dunklen Korridor zu sitzen.“


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Diogenes Zürich

Kindeswohl

KIndeswohl

KIndeswohlInhalt: Familienrecht ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht.

Rezension: Gewissenskonflikte haben auch Richterinnen und Richter. Wie entscheiden sie im Sinne des Gesetzes und zum Wohl des Betroffenen?

Fremdes Blut vergiftet Geist und Körper, sagt die Sekte. Der Junge soll lieber an Leukämie sterben, als Heilung zu erfahren! Auch er selbst, infiltriert von dieser Meinung, ist überzeugt davon. Die Richterin, selbst in einem privaten Desaster, muss handeln.

Gerichtsfälle aus familiärem Umfeld – das Ressort der Richterin FionaMaye – bestürzen in ihrer grausamen Realität, wir leben ja leider damit, man lese nur die Tageszeitungen. Sehr schön, die privaten Ver- und Entwicklungen des intellektuellen Paars, und das Resümee der Ehefrau.

Anfangs fürchtete ich nach den ersten Seiten, oh, das wird eine juristische Abhandlung, dann aber packte mich McEwan durchaus, eigentlich packt er mich immer mit seiner Sicht auf die Menschen und seinem eleganten Erzählstil.  Ein Buch, das mich überzeugt.


Kategorie: Belletristik
Verlag: Diogenes Zürich

Die Frau auf der Treppe

SchlinkFrauaufTreppe Drei völlig unterschiedliche Männer, vordergründig geeint durch eine unerfüllte Liebe: der narzisstische Künstler, der schwerreiche Unternehmer, der Anwalt, der nur solange vermitteln will, wie er Recht behält. Eine Frau, die sich allen drei Männern gleichermaßen entzogen hat.

Die Frau, Irene, stand einst Modell für ein Frühwerk des heute bedeutenden Künstlers Karl Schwind. Seit Jahrzehnten hat niemand mehr „die Frau auf der Treppe“ gesehen, der Verbleib des Gemäldes ist unklar, von Geheimnissen umwittert. Irenes erster Mann, der Unternehmer Gundlach hat es 1968 bei dem damals noch unbekannten Schwind in Auftrag gegeben, „um den Lauf der Zeit anzuhalten“. Zwischen Künstler und Modell entbrennt eine stürmische Liebschaft, woraufhin Gundlach das Werk systematisch beschädigt. Der Künstler erkennt, dass er nur weitermalen kann, wenn er selbst entscheiden kann, was mit seinen Bildern geschieht.

Es folgt ein erbitterter Streit um die Eigentumsrechte an dem Bild, um das Recht des Künstlers an seinem Werk. In dieser Phase betritt ein junger, aufstrebender Anwalt, Schlinks-Ich-Erzähler die Szene. Von ihm verlangen die Rivalen einen Vertrag, der den Tausch Frau gegen Bild vorsieht, ohne dass die Frau davon weiß. Denn für den einen ist sie doch nur die Muse, für den anderen die Vorzeigegattin, für beide eine Verschiebemasse. Der junge Anwalt verbündet sich mit Irene. Der Vertrag wird nur zum Schein geschlossen, er hilft Irene bei einem gewagten Vorhaben. Irene flieht, mit ihr das Bild. Der Anwalt, der zum ersten Male in seinem Leben die Liebe erahnte, bleibt zurück. Soweit die im Roman in Rückblenden erzählte Vorgeschichte.

In der Gegenwart begleiten wir den Anwalt auf einer Geschäftsreise nach Australien. In seiner Freizeit besucht er eine Kunstausstellung und findet sich plötzlich völlig unvermutet vor der „Frau auf der Treppe“ wieder. In diesem Moment sieht er ganz klar, dass seine Geschichte mit Irene noch nicht auserzählt ist. Er lässt seine Kontakte spielen, recherchiert und findet sie nach einer für seine Verhältnisse abenteuerlichen Reise schließlich wieder. Sie lebt – oder besser gesagt – stirbt auf einer einsamen Insel. Er ändert seine Pläne und bleibt bei ihr.

Ganz so einfach gestaltet es sich auch diesmal nicht, das Wiederauftauchen des Bildes hat sowohl den Maler als auch den Unternehmer auf den Plan gerufen. Auch sie finden Irenes Aufenthaltsort heraus und sich auf der Insel ein. Man reflektiert, streitet, spreizt sich und resigniert schließlich. Der Verbleib des Bildes wird geklärt, Irene hat ihren letzten großen Auftritt. Zum Schluß bleibt nur der Anwalt zurück und begleitet Irenes Sterben. Sie ziehen Bilanz, erträumen sich aber auch einen ganz anderen Lebens-Verlauf. Schlussendlich ist es ausgerechnet der Tod seiner ersten unerfüllten Liebe, der dem Anwalt zu einem neuen Leben verhelfen wird.

Hintergründig eint die drei Männer weniger ihre unerfüllte Liebe als ihr egozentrisches Wesen und ihr unbedingter Wille, ein Lebenswerk vorweisen zu können, dem sie alles opfern. Vor allem ihr eigenes Glück. Irene hingegen will – den nahenden Tod vor Augen – einmal noch die längst vergessen geglaubte Bewunderung „ihrer“ Männer spüren. Schade, dass ihre Figur derart reduziert wird, denn eigentlich hat gerade sie mit einer nicht näher beschriebenen RAF-Vergangenheit den spannendsten Lebenslauf.

Es ist ein ganzes Füllhorn voller Themen, welches Schlink über den Leser ausgießt. Feminismus, Kapitalismuskritik, Terrorismus, die Bedeutung der Kunst, Liebe und Tod, das Alter, Spießertum, Drogensucht – man kann dem Autor nicht vorwerfen, er hätte etwas ausgelassen. Leider wird vieles nur angerissen, weniges vertieft. Den Leser beschleicht das Gefühl, dass man es hier mit einem typischen Problem der Alt-68er-Generation zu tun hat: Sucht der Autor zwanghaft etwas, was geblieben ist und bleiben wird? Gerade diese Generation bedauert ja sehr, dass vieles von dem wegbricht, was sie einst erfolgreich machte und bewegte. Dazu passt auch die resignierte Erkenntnis des Anwalts, dass es doch meist die kleinen Niederlagen im Leben sind, die nachwirken. „Die kleinen Splitter sind schwerer zu entfernen als die großen… “

Seit dem „Vorleser“ scheint Schlink es keinem mehr recht machen zu können. Vielleicht sind die Erwartungen auch deshalb so hochgeschraubt, weil „der Vorleser“ es in den Lektüreschlüssel der gymnasialen Oberstufe geschafft hat, in dem z.B. Bertolt Brecht selten zu finden ist. Diesbezüglich kann man Schlink natürlich überbewertet finden, allerdings kann der Autor selbst wohl am allerwenigsten dafür. Mit der Frau auf der Treppe erzählt Bernhard Schlink einfach eine Geschichte, zwar etwas überfrachtet, aber nicht langweilend. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein leiser Hauch von Melancholie ist spürbar, eine leise Trauer über verpasste Chancen nachvollziehbar. Manchmal ist die Atmosphäre erstaunlich dicht, dann wiederum wird es doch arg schwülstig: „An der Kathedrale der Gerechtigkeit arbeiten viele Steinmetze!“ Ein Sympathieträger fehlt völlig.

Müßig sind Spekulationen, ob Schlink sich bei der Figur des Malers Schwind an Gerhard Richter orientiert hat. Schlink selbst verweist in einem Nachsatz darauf, dass ihn Richters Werk „Ema. Akt auf einer Treppe“ inspiriert habe, der Künstler Schwind jedoch frei erfunden sei.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Kategorie: Romane
Verlag: Diogenes Zürich

Letzte Nacht in Twisted River

41fBYGsgFkL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_New Hampshire 1954: In einer kleinen Holzarbeitersiedlung verdient sich der verwitwete Koch Dominic (genannt Cookie) seinen Lebensunterhalt bis eines Tages sein Sohn Danny die Freundin des örtlichen Polizeichefs mit einem Bären verwechselt und kurzerhand pfännt (= mit einer Pfanne erschlägt). Gezwungen zur Flucht verschlägt es die beiden zunächst nach Boston, wo sie in der italienischen Gemeinde rasch heimisch werden und eine neue Liebe (Cookie) respektive eine gediegene Ausbildung (Danny) verpasst bekommen. 13 Jahre hält das fragile Glück, doch dann ist Constable Carl (der mit der bärigen Freundin) ihnen wieder auf den Fersen und sie setzen sich erneut ab, diesmal nach Vermont.

Auch hier finden sie sich prima zurecht, Cookie experimentiert (nicht nur in der Küche) mit asiatischen Einflüssen und Danny ist inzwischen selbst Vater und auf dem besten Weg, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Den Kontakt zur alten Heimat halten sie über ihren Freund Ketchum, ein grobschlächtiger aber herzensguter Holzarbeiter, der alles tut, um die beiden Exilanten vor dem verrückten und rachsüchtigen Cop zu beschützen. Allerdings können weder er noch eine weitere Flucht bis nach Kanada den unvermeidlichen Showdown nach fast 50 Jahren verhindern; die Dinge nehmen ihren Lauf und es kommt wie es kommen muss…

Es fällt nicht leicht eine Inhaltsangabe zu liefern, die diesem Epos gerecht wird, denn zu vielschichtig sind die Ereignisse in diesem neuen grandiosen Roman des begnadeten Erzählers John Irving. Natürlich finden wir jede Menge Liebe und Beziehungen, sowie tragische Tode und Verluste, die aber nie zu Bitterkeit führen, da sie als normaler Bestandteil des Lebens empfunden werden. Und natürlich gibt es auch Bären und schwergewichtig skurrile Frauengestalten wie Injun Jane, Six-Pack Pam oder Lady Sky, eine nackte Fallschirmspringerin, die im Schweinestall landet. Überhaupt die Charaktere: Wieder einmal gelingt es dem Romancier, liebenswert warmherzige und humorvolle Gestalten zu erschaffen, die den Leser tief anrühren, mit denen er nur zu gern Freud und Leid teilt und die er mit dem Zuklappen des Buches noch lange nicht vergisst.

Irvings fulminantes Werk umfasst fünf Jahrzehnte und ganz nebenbei serviert er als Soundtrack zum Leben der Protagonisten die dazu gehörige amerikanische Geschichte. „Last Night in Twisted River” ist somit auch ein politisches Buch; der Autor nimmt zum Beispiel kein Blatt vor den Mund, wenn die Rede auf den vorigen US-Präsidenten kommt. Keineswegs nur deswegen kann ich den Roman uneingeschränkt wärmstens ans Herz legen, denn viel zu selten stößt man heutzutage auf derartigen literarischen Hochgenuss wortwitziger Fabulierkunst. Irving-Fans werden das Epos lieben und für alle anderen ist es die perfekte Chance für den Einstieg in das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers. Zu wünschen wäre freilich, dass bald auch den Nobelpreisrichtern die Nordlichter aufgehen und dort nicht immer nur belanglose Brabbler á la Herta „Lieschen“ Müller prämiert werden.


Kategorie: Romane
Verlag: Diogenes Zürich

Englischer Sommer

„Englischer Sommer“, „Die Bronzetür“ und „Professor Bingos Schnupfpulver“ heißen die drei Geschichten, die in diesem Buch vertreten sind; es ist Band 12 in der Werkausgabe in 13 Bänden.

„Texte, Parodien und Skizzen“ kommen hinzu. Sie tragen Überschriften wie „Eine bewährte Methode, die Mitbürger zu schockieren: Ist das ein Wunder?“, „Eine bewährte Methode, die Mitbürger zu schockieren: Schneller, langsamer, keins von beiden“ oder „Warten unter Zollverschluß“.

In der Rubrik „Zwei Hollywood-Aufsätze“ finden sich die Texte „Oscar – Abend in Hollywood“ sowie „Abschied mit Vorbehalten“.

Eine umfangreiche Filmographie und Bibliographie am Ende des Buches runden es ab.

Die Kurzgeschichten sind in der allgemeinen, breiten Öffentlichkeit wohl unbekannt. Sie bieten gute, bodenständige Literatur, die es zu kennen lohnt.

Sollte man die übrigen Essays, Aphorismen und anderen Texte unbedingt kennen? Möchte man Lebenswerk und Gedankenwelt Chandlers, dann schon. Die Texte sind zeitgeschichtlich orientiert und beschreiben insbesondere die Verhältnisse in den USA. Ob sie sich unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten verallgemeinern lassen, sei einmal dahingestellt.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Diogenes Zürich

Die Erfindung des Verderbens

Mit dem französischen Klassiker der Science-Fiction-Literatur reist man in 80 Tagen um die Welt, zum Mond und zum Mittelpunkt der Erde.

Hier geht es um ein anderes Thema. Thomas Roch ist ein genialer Erfinder. Als einer eines Tages eine Rakete entwickelt, deren Vernichtungskraft der der ersten Atombombe entspricht, realisiert niemand die Bedeutung dieser Entwicklung. Also ist auch niemand bereit, die riesige Summe zu zahlen, die Roch dafür fordert.

Ker Karraje ist ein Pirat, vor dem die Seemächte zittern. Er nutzt die Chance, entführt Roche aus dem Irrenhaus und entwickelt Allmachtspläne: Ker Karraje möchte die Welt beherrschen.

Der Roman verbindet Elemente der Science-Fiction mit dem Abenteuer und Reiseroman: Es gibt unbekannte technische Einrichtungen und unentdeckte Unterwassernhöhlen. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern sind vertreten – nur Frankreichs Erzfeind Deutschland nicht.

Die Geschichte ist teilweise aus der Ich-Perspektive (dann erzählt der ebenfalls entführte Ingenieur und Roche-Pfleger Simon Hart) und teilweise aus der Beobachter-Perspektive erzählt. Einige Zeichnungen illustrieren den Text.

Gut lesbar und auch einigermaßen spannend ist die Handlung geschrieben. Sie eignet sich insbesondere für Leser, die das Gesamtwerk Vernes kennenlernen möchten.


Kategorie: Science-fiction
Verlag: Diogenes Zürich

Die bösen Schwestern von Concarneau

Georges Simenon: Die bösen Schwestern von Concarneau; Diogenes Verlag Zürich 1988; 172 Seiten; ISBN: 3-257-21559-2

Jules Guérec ist ein reicher Fischereibesitzer. Als er mit seinem nagelneuen Auto den kleinen Joseph Papin überfährt und tötet, begehrt er Fahrerflucht. Von Gewissensbissen gequält, nimmt er Kontakt zu den Papins auf. Guérec verschafft Josephs einfältigem Onkel Philippe eine Anstellung auf einem seiner Schiffe, überhäuft den Zwillingsbruder von Joseph mit Geschenken und bildet sich irgendwann ein, Marie, die blutjunge ledige Mutter Josephs zu lieben. Guérec träumt von einer eigenen Familie und möchte Marie heiraten. Doch er ist ihr gleichgültig. Auch die beiden Schwestern von Guérec stemmen sich gegen die Ehe.

Simenon ist uns ja hauptsächlich als Kriminal-Autor bekannt geworden. Doch er hat auch viele andere Romane veröffentlicht. Dies ist einer davon.

Ausgangspunkt ist eine Art „Kriminalfall“. Ein reiher, verwöhnter und unselbständiger Mann überfährt ein Kind. Er steht nicht zu seiner Tat, sondern begeht einen Fall von Fahrerflucht. Ohne sich gegen seine beiden ebenfalls ledigen Schwestern durchsetzen zu können, möchte er anfangs so eine Art „Verantwortung“ für Marie und deren Familie übernehmen. Doch auch damit scheitert er letztendlich.

Das Ende ist ein wenig enttäuschend. Mit viel Schwung nimmt es Anlauf zu Action, um dann doch wieder in die gepflegte Beschreibung einer Entwicklung abzugleiten. Die Handlung wirkt eher behäbig und umständlich. Es fehlen die Folgerichtigkeit und Tiefgang. Auch Sachen wie Kampf oder Action hätten hinzukommen können.

Greift man einmal zu dem Buch, möchte man es auch zu Ende lesen. Wirklich überzeugen tut es nicht. Es eignet sich gut für Leute, die das Gesamtwerk Simenons kennen möchten.


Kategorie: Romane
Verlag: Diogenes Zürich

Maigret und die alte Dame

Valentine Besson ist eine alte Dame aus Etretat, einem kleinen Ort in der Provinz. Ihre Tochter haßt sie. Und ihre Söhne sind geldgierig und zerstritten, hochmütig und verkommen. Dann wird plötzlich ihr Mädchen Rose vergiftet…

In ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Not fährt Valentine nach Paris. Dort besucht sie Kommissar Maigret und bittet ihn um Hilfe.

Das französischsprachige Original stammt aus dem Jahre 1950, also direkt aus der Nachkriegszeit. Von diesen Zeitumständen ist hier nichts zu spüren; die Geschichte ist so zeitlos geschrieben, daß eher das ländliche, provinzielle Frankreich vorgestellt wird.

Die Zahl der Personen ist – genauso wie die Orte der Handlung – überschaubar.

Kommissar Maigret steht im Vordergrund. Seine Ermittlungsmethoden werden hier gründlich vorgestellt, seine persönlichen Erfahrungen dargestellt. Der Leser erhält so eine Vorstellung von seiner Persönlichkeit und seiner Arbeitsweise. Daß Maigret erfolgreich ist, muß wohl nicht extra erwähnt werden.

Die Handlung wird langsam vorangetrieben; die Geschichte ist im gewissen Sinne umständlich und behäbig. Große Action ist hier nicht zu erwarten. Wer diese Art Kriminalliteratur mag, hält sicherlich ein gut lesbares Buch in den Händen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Diogenes Zürich

Acqua Alta

Die amerikanische Archäologin Brett Lynch wird in ihrer Wohnung zusammengeschlagen. Zunächst einmal regt das niemanden sonderlich auf. Lynch ist schließlich Amerikanerin und frauenbevorzugend.

Doch dann übernimmt Commissario Guido Brunetti in seinem fünften Fall die Ermittlungen. Zwei Tage später wird auch schon der renommierte Museumsdirektor Dottor Semenzato ermordet aufgefunden.

Da Brunetti Lynch und ihre Freundin Flavia Petrelli aus dem Venezianischen Finale, seinem allerersten Fall, persönlich kennt, arbeitet er wie gewohnt hartnäckig auf die Lösung hin.

Dies ist ein durchaus gelungener Krimi. Ob es daran liegt, daß Brunetti einen persönlichen Bezug zu einem der Opfer hat? Gut möglich. Leon beschreibt hier die Verhältnisse in Venedigs Kulturleben, insbesondere in einem archäologischen Museum der Stadt. Ohne zu wissen, ob man es so verallgemeinern kann, kann es sich ein außenstehender, ausländischer Leser schon gut vorstellen, daß es sich im italienischen Kulturleben wirklich so verhält.

Brunettis Kollegen in der Questura, also seiner polizeilichen Dienststelle, werden hier noch eher am Rande behandelt. Wie bei der Autorin nicht anders zu erwarten, kommt auch das Privatleben des Commissario in der Geschichte nicht zu kurz.

Auch wenn der Roman nicht mehr unbedingt der jüngste ist, läßt er sich auch heute noch angnehm lesen – er ist wirklich gut geschrieben.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Diogenes Zürich

Venezianisches Finale

Helmut Wellauer ist ein Stardirigent aus Deutschland. Bei einer Aufführung von „La Traviata“ wird er in der Pause vor dem letzten Akt tot in seinem Raum in Venedigs Opernhaus „La Fenice“ aufgefunden. Ein großer Verlust für die Musikwelt. Der Geruch nach Bittermandel legt eine Ermordung durch Zyankali nache. Diverse Personen aus dem beruflichen und privaten Umfeld hätten ein Motiv für einen Mord. Was hat die plötzlich auftretende Schwerhörigkeit für eine Bedeutung?

Die Amerikanerin Donna Leon ist heute eine feste Größe auf dem internationalen Buchmarkt. Hier liegt ihr erster Kriminalroman vor. Es gibt die Legende, er sei aufgrund einer Wette entstanden. Leon wollte demnach beweisen, daß sie in der Lage sei, ein Buch zu veröffentlichen.

Im Laufe der Zeit ist sicherlich schon viel über die Leon`schen Bücher gesagt und geschrieben worden. Beispielsweise darüber, daß die Werke nicht nur die Aufklärung eines Kriminalfalles beschreiben.

Viele Beobachtungen über das gesellschaftliche, kulturelle, wirtschafliche und politische Leben in Italien und insbesondere Venedig fließen dabei mit ein. Hier wird ansatzweise auch die deutsch-italienische Geschichte der `30er / `40er Jahre mit eingebaut.

Das Familienleben der Brunettis fließt ebenfalls mit die Handlung ein, ohne daß es einen direkten Bezug zur Handlung hätte. Die bürgerliche Gesellschaftsordnung und Familie wird hier hochgehalten.

Das Buch setzt Maßstäbe. Es tut gut, gelegentlich Rückschau zu halten und zu sehen, wo die Anfänge liegen. Nur so kann die literarische Entwicklung der Autorin verglichen und beurteilt werden.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Diogenes Zürich

Im Dunkeln sieht man doch

Vera Hillyard wurde kurz nach den Kriegswirren wegen Mordes verurteilt und auch hingerichtet. Nun wird ihr Fall noch einmal aufgerollt.

Barbara Vine ist das Pseudonym von Ruth Rendell.

Das Buch steht in der Tradition der guten alten angelsächsischen Kriminalliteratur. Es gibt eine gut konstruierte, angenehm erzählte Handlung. Die Autorin achtet auf eine gute Zeichnung der Charaktere und Atmosphäre. Wie stimmig das Ende ist, sei einmal dahingestellt. Im Gegensatz zu vielen US-amerikanischen Kriminalromanen bietet der vorliegende Krimi also erzählerischen Tiefgang.

Über weite Strecken steht aber nicht die Aufklärung eines Verbrechens im Vordergrund, jedenfalls nicht im dem Sinne, daß ein Polizeikommissar Spuren sichert und Zeugen befragt. Das Buch ist über weite Strecken ein Gesellschaftsroman, der über eine längst vergangene Zeit berichtet. Diesen literarischen Ansatz muß man kennen und mögen, wenn man zu dem Buch greift.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Diogenes Zürich