Mein Herz so weiß

marias-2Was nun?

Die Halbwertszeiten aktueller Romane sind oft nach Monaten gezählt, allenfalls ein Bruchteil davon interessiert nach Jahren noch die Leser, einer jahrzehntelangen Wertschätzung aber erfreuen sich nur ganz wenige. Zu diesen besonderen Romanen gehört zweifellos «Mein Herz so weiß» von Javier Marías, einst hoch gelobt vom Feuilleton und seiner damaligen Lichtgestalt Marcel Reich-Ranicki. «Hingehen, kaufen, lesen» hatte Andreas Isenschmid in der «Weltwoche» geschrieben. Auch ich war damals begeistert von diesem Buch, und ich bin es nach erneutem Lesen heute immer noch, soviel sei vorab schon mal gesagt. Lady Macbeth spricht die Worte aus, denen der Titel des Romans entlehnt ist, «I shame to wear a heart so white». Sie hat den Mord an Duncan nicht begangen, ihr Herz ist weiß, aber sie hatte dazu angestiftet, eine Schuld, die sie letztendlich in den Selbstmord treibt. Dies ist auch das Hauptmotiv des vorliegenden Romans, der wie mit einem Paukenschlag beginnt, dem Selbstmord einer jungen Frau unmittelbar nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise. Niemand wird das Buch aus der Hand legen, bevor er nicht erfahren hat, was die Ursache war für diese rätselhafte Verzweiflungstat, der Autor hat seine Leser also fest an der Angel, und das bis zum Schluss. Und auch ich werde mich hüten, die im Roman vierzig Jahre lang eisern verschwiegenen Hintergründe wie ein Spielverderber vorab preiszugeben.

Es geht um die Macht der Worte in diesem Roman, um die Sprache als Werkzeug, um ihre Auswirkung auf das Geschehen. Ich-Erzähler Juan ist Dolmetscher von Beruf, Worte sind also sein Metier, von ihm überaus virtuos beherrscht. Er arbeitet für internationale Organisationen, ist dauernd unterwegs zwischen seiner Heimatstadt Madrid und New York, Genf, Brüssel. Bei einem seiner Aufträge lernt er Luisa kennen, die ihm als Ko-Dolmetscherin beigestellt ist, seine Übersetzung also überwachen muss. Amüsant zu lesen, wie der Small Talk zwischen zwei drögen Staatslenkern mangels Gesprächsstoff peinlich zu werden droht, wie Juan plötzlich, abweichend von den Politikerworten, eine ganz andere Frage stellt ‑ Luisa greift zum Glück nicht ein ‑ und damit erst wirklich ein sinnvolles Gespräch in Gang bringt. Als er später Luisa heiratet, nimmt ihn sein Vater bei der Hochzeitsfeier zur Seite und fragt lapidar: «Was nun»? Ehe und Liebe mit allen ihren Gefährdungen sind ein weiteres dominantes Thema dieses Romans, dargestellt an den deprimierenden, zum Scheitern verurteilten, letztendlich rein sexuellen Männerkontakten von Juans New Yorker Kollegin über die drei Ehen seines lebensgierigen Vaters Ranz bis hin zu seiner eigenen, jungen Ehe, die wenig emotional, eher cool dargestellt wird. Ranz ist im berühmten Prado-Museum angestellt, verfasst nebenbei private Gutachten über Gemälde und tätigt mancherlei dubiose, juristisch grenzwertige Geschäfte auf eigene Rechnung. Neben den Details aus der Dolmetscher-Szene erfährt der Leser also auch viel Interessantes aus der Welt der Malerei und der Museen, von Fälschern und von Kunst-Spekulanten.

Der raffiniert aufgebaute Plot ist in einer anspruchsvollen Sprache geschrieben, die mit langen Satzkaskaden und häufig zusätzlich (in Klammern) eingefügten Anmerkungen alles andere als leicht lesbar ist. Das Geschehen ergibt sich zum überwiegenden Teil direkt aus den Schilderungen des Ich-Erzählers, die Geschichte ist auffallend dialogarm aufgebaut. Weite Passagen des Romans werden in Form des Bewusstseinsstroms erzählt, und oft handelt es sich dabei um ausgesprochen kontemplative Einschübe. Dezidiert leitmotivisch erscheinen mehrmals rätselhafte, nächtliche Beobachter auf der Straße, wartend zu einem Fenster hinaufschauend. Auch das Feuer wird, ziemlich unterschwellig allerdings, als Leitmotiv verwendet, und das Macbeth-Motiv taucht ebenfalls ein zweites Mal auf, vorspielartig gleich zu Beginn. Über allem Erzählten schwebt ein elegischer Hauch, südländisch lebensfroh wirkt keine der Figuren, vor allem aber Juan nicht.

«Ich wollte es nicht wissen» beginnt der erste Satz des Romans, dessen Geschichte also keine forcierte Suche ist nach der Wahrheit über ein vierzig Jahre zurück liegendes, schreckliches Ereignis. Die enthüllt sich nämlich weitgehend zufällig durch Gespräche, die unversehens Licht in die düstere Vergangenheit bringen. Der Romanheld wirkt bei alledem recht unheldisch, und pessimistisch ist er obendrein. «Was nun?» lautet denn am Ende auch für ihn die Frage. Der Wirkung all dessen kann man sich als Leser kaum entziehen.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Wenn ein Reisender in einer Winternacht

calvino-1L’ironique amusé

Von seinen Freunden in den literarischen Zirkeln von Paris erhielt er den Spitznamen «Der amüsierte Ironiker», sein Entdecker und Mentor Cesare Pavese bezeichnete ihn als «Eichhörnchen der Feder». Beides kennzeichnet äußerst treffend den Stil des italienischen Autors, die in dem 1983 auf Deutsch erschienenen Meta-Roman «Wenn ein Reisender in einer Winternacht» ihre gelungenste Ausformung erhielt. Sprachlich flockig leicht und beweglich, thematisch kunstvoll durchwoben mit nicht zu übersehender Ironie, widersetzt sich dieser so noch nicht dagewesene, ebenso dichte wie komplexe Erzähltext jedem Versuch einer Zuordnung, er ist vielmehr ein kreatives Spiel mit so ziemlich allen modernen literarischen Gattungen auf einmal.

Kann man einem Leser mehr Ehre antun, als ihn zum Protagonisten eines Romans zu erheben? Es wird konsequent in der zweiten Person erzählt, und das hört sich so an: «Vielleicht hast du schon im Laden ein bisschen darin geblättert. Oder du konntest es nicht, weil das Buch noch eingeschweißt war. Nun stehst du im Bus, eingezwängt zwischen anderen Leuten, hängst mit der einen Hand an einem Haltegriff und versuchst mit der freien anderen, das Buch auszupacken, ein bisschen zappelig wie ein Affe, der eine Banane schälen und dabei weiter an einem Ast baumeln will. Pass auf, du stößt die Nachbarn an. Entschuldige dich wenigstens». Natürlich trägt dieses soeben frisch erworbene Buch den Titel «Wenn ein Reisender in einer Winternacht», es bringt dem Helden, seinem Leser also, allerdings wenig Freude. Denn nach 14 Seiten wiederholt sich der erste Textblock des spannenden Romans um eine konspirative Kofferübergabe fortlaufend bis zum Schluss, ein Bindefehler womöglich. Nach diesem Schema werden nicht weniger als zehn Romananfänge erzählt, die aus unterschiedlichen Gründen alle abbrechen. Sie werden jeweils eingeleitet von einem weiteren Teil der Geschichte, die der Leser erlebt auf den Spuren dieses mysteriösen Buches, von der Buchhandlung über Uni, Hörsaal, Café, Verlag bis zur Wohnung von Ludmilla, einer ebenso verunsicherten Leserin wie er. Ergänzt werden diese Einleitungen, welche listenreich die Rahmenhandlung bilden, durch das kuriose Tagebuch eines Schriftstellers. Überhaupt ist die turbulente Geschichte gespickt mit Details verschiedenster Aspekte zum Thema Buch, aus der Werkstatt von Autor und Übersetzer natürlich, aus der Druckerei, dem Verlag, dem Buchhandel und, last but not least, der Lesestube des Buchkäufers. Denn die Lust am Lesen und die Liebe zu Büchern ist das beherrschende Thema dieses Romans.

Calvino unternimmt stilistisch einen Parforceritt durch fast alle Spielarten der modernen Literatur, persifliert sie sehr gekonnt, man muss häufig schmunzeln, der Autor als Schelm und Nestbeschmutzer! In seinem labyrinthischen Plot ohne Ariadnefaden, der wie eine literarische Schnitzeljagd anmutet, finden sich neben einigen ins Nichts führenden Abzweigungen zehn wunderbar gelungene, an Stilübungen erinnernde Textfragmente. Dazu gehören, mit der Zensur in einer osteuropäischen Diktatur zum Beispiel, Anklänge an Kafka, es finden sich ferner Elemente des typischen Campusromans, des Liebes- und des utopischen Romans ebenso wie Sex and Crime des Thrillers, völlig gleichberechtigt übrigens neben solchen des Nouveau Roman, des magischen Realismus oder des Symbolismus.

Der Seitenhieb auf die Bibliophilen mit ihren ungelesenen Büchern, «die sie böse anschauen», wenn schon wieder neue angeschleppt werden, wird manchen Leser wenig freuen, dass Calvino den weitverbreiteten Wunsch nach stringenter Handlung ad absurdum führt, gewiss noch mehr. Wo sonst aber kann der Leser, also du, so viel über sich selbst und seine Leidenschaft erfahren? Das allein schon macht dieses als Jahrhundertroman apostrophierte Buch sehr lesenswert, und das glaubst du dem Rezensenten. Also liest du es einfach …

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Alle Seelen

marias-1Ein Panoptikum mit viel Hintersinn

Wo er recht hat, hat er recht, unser Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki, und deshalb verzichtet auch kein Verlag auf jenen verkaufsträchtigen Satz, den auch mein Buchexemplar zitiert: «Begeistert bin ich von diesem Marías, ich glaube, das ist einer der größten im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt». Vor etlichen Jahren habe ich «Mein Herz so weiß» von Javier Marías gelesen, der als sein bester Roman gilt und mich seinerzeit begeistert hat. Deshalb war ich nun sehr gespannt, ob sein drei Jahre vorher erstmals erschienener Roman unter dem rätselhaften Titel «Alle Seelen», der auch mit dem Untertitel «Die Irren von Oxford» herausgebracht wurde, ebenso lesenswert ist. Was ich an dieser Stelle schon mal bejahen kann.

Das einzige, was mich stört an diesem Buch, um es vorweg zu sagen, ist die Art, wie die verschiedenen Verlage es anpreisen, sei es im Untertitel, der suggeriert, es gehe um schrullige britische Figuren in diesem Roman, im Coverfoto mit einer aufreizenden weiblichen Pose, die in der Erzählung kaum Entsprechung findet, oder im Klappentext, der die Liebesaffäre ins Zentrum rückt und mit einem Zitat aufwartet, in dem von «offener sexueller Bewunderung» die Rede ist. All das kommt auch vor, aber es ist beileibe nicht das, was diesen Roman ausmacht, worauf ja schon der Buchtitel «Alle Seelen» deutlich hinweist. Der Autor ist ein Könner im Beschreiben von Menschen, denen er in seinem Roman tief in die Seele schaut, ihr Innerstes offenlegt, ihr Wesen erfasst, sich also nicht nur mit ihrem Äußerlichen, Sichtbaren begnügt. Und er ist ein Meister im Erfinden unterschiedlichster Figuren, die für uns sehr lebendig werden in seinen Schilderungen, allesamt markante Individuen, die in großer Zahl auftreten in seinem literarischen Panoptikum. Es sind wahrlich skurrilen Typen darunter, von denen uns einige gleich zu Beginn bei einem «high table» genannten Essensritual an der Universität von Oxford vorgeführt werden, vom Autor allerdings satirisch ziemlich überzeichnet. Marías hat sich da wohl einiges von der Seele schreiben müssen aus seinen Erfahrungen im Umgang mit Spinnern, Genies und Exzentrikern verschiedenster Couleur während seiner Zeit als Dozent an dieser berühmten Uni.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Der Ich-Erzähler geht für zwei Jahre als Gastdozent für spanische Literatur nach Oxford (sic!) und bandelt schon bald mit seiner verheirateten Kollegin Clare an, von der er sich, das ist vorhersehbar, am Ende wird trennen müssen. Für ihn als Spanier ist und bleibt Oxford fremd und unwirtlich, sein Aufenthalt ist also nur ein berufliches Zwischenspiel, und seine Geliebte andererseits wird Mann, Kind und Oxford niemals verlassen. Eine Liaison auf Zeit also, auch wenn er das am Ende nicht wahrhaben will und versucht, ihr beim letzten Rendezvous eine gemeinsame Zukunft schmackhaft zu machen. Sie erzählt ihm daraufhin ein beklemmendes Erlebnis aus ihrer Kindheit, das sensiblen Lesern unter die Haut gehen dürfte. War in «Mein Herz so weiß» gleich zu Beginn der Selbstmord einer gerade erst von der Hochzeitsreise zurückgekehrten jungen Frau ein ziemlicher Schock, dessen Hintergründe dann in Rückblenden erzählt werden, so ist in Clares Erzählung ganz am Ende der ebenso überraschende Selbstmord ihrer Mutter der Schock. Von Marías sehr raffiniert konstruiert auch hier, denn Clare ist als kleines Kind völlig ahnungslos, als sie ihre Mutter vom Garten aus auf einer hohen Eisenbahnbrücke entdeckt und dann mit ansehen muss, wie sie sich hinunterstürzt in den Fluss. Auch dabei ging es um Ehebruch.

Die Stärken dieses Romans sind sein klug konstruierter Plot, seine wunderbar detailgenau beschriebenen Figuren, das universitäre Ambiente mit der Literatur im Mittelpunkt. Hinzu kommen viele kluge Gedanken philosophischer Art, so zum Beispiel auch Reflexionen über den Tod, die ein genialer emeritierter Professor äußert, – etwas vergleichbar Weises zu diesem permanent verdrängten Thema habe ich noch nie gelesen.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Mrs Dalloway

woolf-1Keine Angst

Selbst notorischen Büchermuffeln dürfte der Name dieser englischen Autorin geläufig sein, von dem Bühnenstück «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» nämlich, 1966 kongenial verfilmt mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Die Idee zu diesem Titel kam Edward Albee im Waschraum einer Bar, er hielt den graffitiartig auf einen Spiegel geschmierten Satz für einen Ulk, bei dem der gefürchtete Wolf aus dem Spottlied des englischen Märchens als Wortspiel durch den Namen der Schriftstellerin ersetzt wurde, – oder etwa, weil sie als schwieriges Studienobjekt bei den Literaturstudenten gefürchtet war? Anspruchsvoll jedenfalls ist auch ihr vierter Roman «Mrs Dalloway», der einen künstlerischen Höhepunkt im Œuvre dieser bedeutenden Autorin darstellt. Vor dem kontemplativ veranlagte, aufnahmefähige Leser aber keinesfalls Angst haben müssen, soviel vorab!

Virginia Woolf wird neben Gertrude Stein als berühmteste Autorin der klassischen Moderne angesehen. Sie hat in ihren Werken unermüdlich gegen das englische Spießertum angeschrieben, gegen den elitären Snobismus gehobener Kreise und die als zunehmend unerträglich empfundene gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen. Zeitlich im Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt, stimmungsmäßig der «Lost Generation» Pariser Prägung vergleichbar, diente beim vorliegenden Roman die literarisch interessierte Mäzenatin Lady Ottoline Morrell als Vorlage für die titelgebende Protagonistin Clarissa Dalloway. Mit der in diesem Roman von 1925 avantgardistisch benutzten, damals neuartigen Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms gewährt Virginia Woolf einen tiefen Einblick in das Innerste ihrer Figuren, hier nun sehr konsequent großräumig eingesetzt als sprachliche Form, erlebte Rede und inneren Monolog einschließend. Aus dieser multiperspektivischen, vom Blickpunkt her willkürlich erscheinenden Erzählweise generiert sich letztendlich der eigentliche Plot, der auktoriale Erzähler selbst ist damit über weite Textabschnitte hinweg nicht mehr vernehmbar. Die stilistischen Parallelen zu dem drei Jahre vorher erschienenen «Ulysses» von James Joyce sind überdeutlich, und auch hier ereignet sich das gesamte Geschehen an einem einzigen Tage im Juni 1923. Als Tempus fugit- Symbol wird dabei leitmotivisch sehr wirkungsvoll immer wieder der Glockenschlag von Big Ben eingesetzt.

«Die Psyche des Menschen zu ergründen» sah Virginia Woolf als Aufgabe des Schriftstellers an, und so kreist ihr Roman, in dem sie sich Freuds neuartige Erkenntnisse der Psychoanalyse zunutze macht, um einige wenige Personen: Die 52jährige Clarissa Dalloway, eine Salondame der Oberschicht, Septimus Warren Smith, Kriegsveteran mit massiven posttraumatischen Störungen, der umtriebige Peter Walsh, nach fünf Jahren aus dem Kolonialdienst zurückgekehrter, ehemaliger Verehrer von Clarissa, sowie ein völlig unfähiger Psychiater. Mit Letzterem laufen die Fäden der beiden losen Handlungsstränge am Ende zusammen, auf jener Abendgesellschaft, deren Gastgeberin Clarissa ist und um deren Gelingen sich letztendlich alles dreht für sie. Was geschieht in diesem Roman, das erfahren wir zu großen Teilen nur durch den Gedankenfluss des jeweils im Fokus stehenden Protagonisten, entsprechend sprunghaft ist das Erzählte denn auch, ohne allerdings jemals unverständlich zu bleiben, wenn man denn den Text aufmerksam liest.

So ereignisarm dieser Plot um die beginnende Vereinsamung des Menschen in der modernen Massengesellschaft auch erscheint, so reich ist die Gedankenfülle, die da vor dem Leser ausgebreitet wird in Tausenden von Bildern, die breitgefächert Assoziationen auslösen, Gefühle wachrufen, Einblicke gewähren, Reflexionen anregen. Virginia Woolfs Sprache scheint anspruchsvoll, – ist aber keineswegs artifiziell -, mit zum Teil ausgedehnten Satzkonstruktionen, denen zu folgen dank gut durchdachtem, klarem Aufbau jedoch stets gelingt. Trotz seiner Kürze ein großer, ein grandioser Roman der Weltliteratur, den zu lesen man nicht versäumen sollte.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Aus dem Leben eines Fauns

schmidt-2Heilitler, Herr Düring

Schon der Titel des Kurzromans «Aus dem Leben eines Fauns» von 1953 weist deutlich auf das Wesen seines Protagonisten hin. Der dem Autor Arno Schmidt in vielem ähnelnde Ich-Erzähler flüchtet aus der Öde seines langweiligen Beamtenalltags, der Trostlosigkeit seiner familiären Situation und den zutiefst verachteten politischen Verhältnissen in eine entlegene Einsamkeit, wo er faunisch, als lüsterner Waldgeist, ein von allen Zwängen befreites Doppelleben genießt. Der dreiteilig aufgebaute Roman, in der NS-Zeit angesiedelt, beleuchtet das Bürgertum in typischen Phasen dieser verhängnisvollen geschichtlichen Epoche aus einem ganz speziellen Blickwinkel. Dem des kritischen, aber nicht rebellierenden Intellektuellen nämlich, der seinen Rückzugsraum in der inneren Emigration findet.

Im mit «Februar 1939» überschriebenen ersten Teil wird Heinrich Düring als gebildeter Beamter geschildert, der im Landratsamt von Fallingbostel einer ihn deutlich unterfordernden Beschäftigung nachgeht. Im Privaten findet er keinen Ausgleich, seine Frau weist ihn sexuell ab, der Sohn schließt sich, provokativ ihm gegenüber, der Hitlerjugend an, die pubertierende Tochter bleibt ihm fremd. Er findet seinen Ausgleich in der Natur, unermüdlich die geliebte Heidelandschaft durchstreifend, außerdem in der Beschäftigung mit alter Literatur, die ihm als geistige Fluchtburg aus der realen Welt dient. Dabei erweist er sich als glühender Verehrer Wielands, hebt aber auch Ludwig Tieck Prosa heraus: «Und wie steifbeinig-altklug dagegen Goethes ‚anständige’ Geheimratsprosa: der hat nie eine Ahnung davon gehabt, dass Prosa eine Kunstform sein könnte». Als ihn der Landrat mit der Errichtung eines Kreisarchivs betraut, kann er der Ödnis seines Berufslebens nun wenigstens zeitweise entfliehen.

Im zweiten Teil «Mai/August 1939» stürzt er sich begeistert in die Arbeit, lebt regelrecht auf dabei. Besonders fasziniert ihn die Geschichte eines Deserteurs aus dem Deutsch-Französischen Krieg, der jahrelang versteckt im Moor gelebt haben muss, ohne dass man ihn ergreifen konnte. Zufällig entdeckt er dessen Hütte und errichtet dort sein Refugium, das zum Liebesnest wird, als die Nachbarstochter sein Liebchen wird. Den nahen Krieg richtig einschätzend hebt er schließlich all sein Geld vom Konto ab und deckt sich mit Dingen ein, von denen er aus dem Ersten Weltkrieg weiß, dass sie schon bald kaum noch zu haben sein werden. Nach dem Zeitsprung zum dritten Teil «August/September 1944» werden seine Vermutungen bestätigt, man lebt in bitterer Not, wobei schließlich die hartnäckig verkündeten Endsieg-Phrasen in einer Art Autodafé widerlegt werden, bei dem die benachbarte Munitionsfabrik im Bombenhagel zerstört wird. Die mich unwillkürlich an Picassos berühmtes Guernika-Gemälde erinnernde Schilderung des Infernos aus Bomben und explodierender Fabrik ist in seiner drastischen Ausformung kaum zu überbieten, der zweifellos stärkste, aber natürlich auch am meisten schockierende Teil dieses Romans.

Schmid hat von Pointillier-Technik gesprochen bei seiner expressionistischen Erzählweise, die aus aneinander gereihten, im Layout deutlich erkennbaren kurzen Textschnipseln bestehend den Leser ständig zum ergänzenden Mitdenken zwingt. Über weite Teile als innerer Monolog angelegt, spiegeln die Textfragmente die menschliche Denkweise wider; sein Leben sei «kein Kontinuum», lässt Düring den Leser gleich auf der ersten Seite wissen. In seinen Reflexionen formuliert er vehement, oft auch polemisch, seine Antipathien gegen Religion, NS-Regime, Übervölkerung, vermeintlich schlechte Literatur; aber auch gegen bergige Landschaften, die seinem Flachland-Ideal widersprechen. Der überbordende Wortwitz von Arno Schmidt wird von unzähligen kreativen Neubildungen jenseits aller Dudenregeln noch übertroffen, oft auch verballhornt im Argot des Alltags, «Heilitler» heißt die Grußformel dann. Eine ungemein bereichernde Lektüre mithin, für denkfreudige Leser geradezu ein Muss!

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Der Untertan

mann-h-1Vom hässlichen Deutschen

Aus dem umfangreichen Œuvre von Heinrich Mann ist «Der Untertan», neben dem Hauptwerk mit den beiden grandiosen «Henry Quatre» Bänden, sein erfolgreichster Roman. Er wurde kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vollendet, der Vorabdruck, unter anderem im Simplicissimus, fiel jedoch bald der Zensur zum Opfer, erst nach Kriegsende konnte er dann, und zwar gleich in erstaunlich hoher Auflage, veröffentlicht werden. In dieser berühmten Satire nimmt der Autor mit beißender Ironie die Wilhelminische Epoche aufs Korn, eine entlarvende Gesellschaftskritik jener Zeit des widerspruchslosen Obrigkeitsdenkens. Der Roman ist Zeitzeugnis und Lehrstück zugleich, er gehört zweifellos zum Kanon der deutschen Literatur und ist als unterhaltsamer Klassiker auch nach hundert Jahren noch eine empfehlenswerte Lektüre.

Diederich Heßling, Sohn eines Papierfabrikanten in der fiktiven preußischen Provinzstadt Netzig, markiger Student einer schlagenden Verbindung, promovierter Jurist, drückt sich nach seinem Studium erfolgreich um den ungeliebten Militärdienst und übernimmt nach dem Tod des Vaters die Fabrik. Wir erleben als Leser den Aufstieg des rücksichtslosen, aber feigen Opportunisten zu einem angesehenen bourgeoisen Patriarchen, der in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist, sich zudem als charakterloser Denunziant erweist. Mit seiner rigiden kaisertreuen Gesinnung jedoch gewinnt er schon bald die Sympathie der konservativen, nationalen Kräfte, macht sich andererseits die Liberalen und Sozialdemokraten zu politischen Feinden. Der unsympathische, ehrlose Protagonist ist tief in politische Ränkespiele mit wechselnden Partnern verstrickt, sucht aus seiner gesellschaftlichen Stellung stets einen materiellen Vorteil zu ziehen, ist durchaus auch korrumpierbar. Sein mit Orden geschmückter politischer Aufstieg findet bei der Einweihungsfeier für ein lang umkämpftes Kaiser Wilhelm Denkmal einen Höhepunkt, als während seiner Festrede ein Unwetter symbolträchtig die Honoratioren in die Flucht treibt, eine Vorahnung drohenden Unheils durch den von verblendeten Patrioten dringend herbeigesehnten Krieg. Auch im Privaten ist Heßling ein bösartiger Tyrann, der sich nicht scheut, beispielsweise dem Vater von Agnes, einer von ihm verführten Jugendfreundin, höhnisch entgegenzuhalten, seine Ehre lasse es nicht zu, ein solcherart «gefallenes» Mädchen zur Mutter seiner Kinder zu machen. Gleiches widerfährt ihm am Ende, nun allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, als seine unverheiratete Schwester in genau derselben Situation ist. Seinen ansehnlichen Wohlstand erwirbt er durch reiche Heirat und vermehrt ihn trickreich mit dubiosen Aktiengeschäften, durch die er Andere ungerührt in den Ruin treibt.

Der Autor erzählt seine ereignisreiche Geschichte aus kritischer Distanz in einem sprachlich sehr gefälligen Stil, dem man natürlich die hundert Jahre anmerkt, die seit Erscheinen des Romans vergangen sind. Er karikiert den autoritätsgläubigen Untertanengeist der Epoche auf amüsante Art, sogar Bismarcks «Reichshund» wird da persifliert in einer köstlichen Szene. Ferner bedient er sich eines zahlreichen Figurenensembles, in dem archetypisch viele Charaktere treudeutscher Mannsbilder vertreten sind, vom erzkonservativen Regierungspräsidenten bis zum sozialistischen Werkmeister in Heßlings Fabrik, der später mit seiner heimlichen Hilfe sogar Abgeordneter des Reichstags wird, – alles aus Kalkül, wohlgemerkt.

Heinrich Mann, dessen Kontakte zu seinem deutschnationalen Bruder jahrelang abgebrochen waren, kritisiert in seinem Roman den rückwärts gewandten Ungeist der Bourgeoisie ebenso wie den heuchlerischen Nationalismus und den schnöden Materialismus der Sozialdemokraten. In einer symbolträchtigen Szene am Ende stirbt ein von Heßling in den Ruin getriebener politischer Gegner, Teilnehmer der Deutschen Revolution von 1848, bei dessen völlig unerwartetem Anblick, – Heßling erscheint ihm geradezu als böser Geist in seiner Todesstunde.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Das goldene Notizbuch

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Existenzerhellung nach Karl Jaspers

Spät wurde der dieser Tage verstorbenen, englischen Schriftstellerin Doris Lessing im Jahre 2007 der Nobelpreis zuerkannt, «der Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen» habe, wie das Komitee etwas gestelzt formuliert hat. Und wie so oft gab es auch hier Stimmen, die sich skeptisch geäußert haben, Marcel Reich-Ranicki gehörte dazu. Ihr literaturwissenschaftlich als Hauptwerk angesehener Roman «Das goldene Notizbuch» erschien 1962, in Deutschland dann erst 1978, ein Klassiker des Feminismus, wie behauptet wird. Lessing hat sich vehement gegen dieses Etikett gewehrt, schon im Vorwort von 1971 schreibt sie, sie wolle sich nicht feministisch vereinnahmen lassen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Anna, eine erfolgreiche, politisch engagierte, intellektuelle und emanzipierte Schriftstellerin (sic!) mit temporärer Schreibblockade. Sie ist geschieden, hat eine schulpflichtige Tochter, ist alleinerziehend, zeitweise Mitglied der Kommunistischen Partei, versteht sich als «Ungebundene Frau», und so lauten denn auch die Überschriften der fünf Hauptkapitel, die in vier ebenfalls gleichnamige Unterkapitel gegliedert sind, betitelt das rote, schwarze, gelbe und blaue Notizbuch. Im Roten schreibt sie über ihr politisches Leben, das in Afrika begann, und über ihre allmähliche Desillusionierung, was den Kommunismus anbelangt. Das Blaue ist mehr ein Tagebuch, dort hält sie ihre Gefühle fest, es dient aber auch als literarische Stoffsammlung, im Gelben sind vorläufige Texte und Geschichten enthalten, im Schwarzen finden sich eher praktische, alltägliche Notizen, alles das aber ziemlich überlappend, also nicht immer streng abgegrenzt, wie sie selbst anmerkt. Diese Protagonistin erlebt allerlei Abstürze, nicht nur was ihre Schriftstellerei anbelangt, sondern auch bei ihrem politischen Engagement, vor allem aber in ihren problematischen Beziehungen zu Männern. Wobei schnell klar wird, dass alle diese persönlichen Debakel zusammenhängen, sich sogar gegenseitig bedingen.

Man kann von Geschlechterkampf sprechen, der da stattfindet in diesem Roman, die Gleichberechtigung, die Emanzipation der Frau ist sein Generalthema. «Ungebundene Frauen» aber, der neue weibliche Typus, wie Lessing ihn nennt, scheitern darin grandios, sind aber unverdrossen immer wieder erneut auf der Suche nach einem beständigen Partner, nach wahrer Liebe. Sie finden stattdessen Liebhaber auf Zeit, schnellen Sex mit verheirateten Männern, sie müssen immer wieder erkennen, dass sie, anders als die Männer, nicht in der Lage sind, Liebe und Sexualität zu trennen. Beide Geschlechter, Frauen wie Männer, wirken nicht gerade glücklich bei diesem Spiel, Lösungen für deren Probleme bietet die Autorin jedoch nicht, – wie denn auch, die gibt es ja selbst heute noch nicht, nicht mal ansatzweise! Nur der berühmte erste Satz – hier lautet er «Die beiden Frauen waren allein in ihrer Londoner Wohnung.» – eröffnet zum Schluss hin, im Kapitel «Das goldene Notizbuch», einen kleinen Lichtblick.

Doris Lessing erzählt ihre Geschichte strikt aus weiblicher Perspektive, ist dabei aber absolut fair und unparteilich. Sie entwickelt in ihrem voluminösen Roman ein facettenreiches Szenario der archetypischen Mann/Frau-Problematik, wie es in der Weltliteratur ohne Beispiel ist. Ihr Text ist sprachlich auf hohem Niveau, aber unkompliziert, leicht lesbar mit einfacher Syntax, ohne sprachliche Mätzchen. Der Roman ist in Teilen unübersehbar autobiografisch, über das Fiktionale hinaus aber sicher auch oft dokumentarisch – und damit den Horizont erweiternd. Schon vom Umfang her setzt der Roman die Bereitschaft beim Leser voraus, sich dem komplexen Thema geduldig zu stellen, sich in die virtuos erzählte Geschichte zu vertiefen und deren Aussagen intensiv auf sich wirken zu lassen. Das Ergebnis dieser Lektüre dürfte dann eine «Existenzerhellung» sein, ganz im Sinne von Karl Jaspers.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Cox oder Der Lauf der Zeit

ransmayr-2Zweckfreier Ästhetizismus

Vergleicht man Christoph Ransmayrs ersten mit seinem neuesten, fünften Roman, der den Titel «Cox oder der Lauf der Zeit» trägt, dann kommt auch gleich die Zeit ins Spiel, denn es sind mehr als drei Jahrzehnte, die zwischen ihrer Veröffentlichung liegen. Man findet trotz dieser beachtlichen Zeitspanne Bestandteile einer für diesen Autor typischen Erzählweise: beide Romane schildern ein Geschehen an fernen, uns fremd erscheinenden, fast schon mystischen Handlungsorten, sie sind zeitlich weitab der Jetztzeit angesiedelt und verbinden beide historisch Verbürgtes mit fantasievoll Erdachtem. Und ihre Protagonisten eint ein Hang zur Weltentrücktheit, sie befinden sich in einer Sinnkrise, sind auf der Flucht vor einer Realität, deren Unbill sie in der Ferne zu entkommen hoffen.

Der weltberühmte englische Uhrmacher Cox folgt Mitte des 18ten Jahrhunderts einem Ruf an den Hof des chinesischen Kaisers Qiánlóng, um vor Ort ganz besondere Uhren für den damals mächtigsten Mann der Welt zu bauen. Den Gottkaiser verlangt es nach Uhren, die in der Lage sind, die unterschiedlich schnell erscheinenden Zeitläufte der Kindheit, der Liebe und des Sterbens adäquat anzuzeigen. Nachdem drei entsprechende Kreationen des Meisters die hochgespannten Erwartungen des «Herrn der Zehntausend Jahre» erfüllen, erhalten Cox und seine Mitarbeiter schließlich von ihm den Auftrag, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit zu bauen, ein Perpetuum mobile mithin. Ein vermessenes Unterfangen, für das Cox eine perfekte Lösung findet, die letztendlich dann auch dem Kaiser seine Endlichkeit vor Augen führt, auch er ist nicht zeitlos. Denn selbst die ihm ehrfurchtsvoll – in der maßlosen Verehrung seines Hofstaates – zugedachten zehntausend Jahre sind nur ein Wimpernschlag in der Ewigkeit der Zeit.

In einer dem höfischen Zeremoniell angepassten, blumenreichen Sprache erzählt Ransmayr eine fantastische Geschichte, zu der ihn ein Museumsbesuch in Peking inspiriert habe. Bewundernswert ist die Detailfülle, mit der er den Leser penibel in die Uhrmacherkunst einführt, mit der er die von ihm selbst erdachten, wundersam anmutenden, feinmechanischen Kreationen minutiös beschreibt, um die sich scheinbar alles dreht. Tatsächlich aber geht es hier um Sinnsuche, um die Endlichkeit des Seins, letztlich um den Tod also, Ursache und Fundament sämtlicher Religionen. Sehr farbenprächtig ist auch die Schilderung des höfischen Lebens in der Verbotenen Stadt, zu dessen sagenhafter Glorie die eingestreuten Szenen auf dem Blutgerüst einen brutalen Kontrast bilden, der den Leser aus himmlischen Sphären in die Wirklichkeit – und Endlichkeit – zurückholt. Denn die Zeitmesser stehen als Metapher für die zeitliche Begrenztheit alles Irdischen, die der Mensch so gern verdrängt, wenn es um ihn selbst geht. Proust hat in seiner «Recherche» bekanntlich resümiert, man müsse einen Roman schreiben, um die verlorene Zeit zu finden, Ransmayrs Versuch deutet in die gleiche Richtung.

Geradezu verstörend war für mich die pathetische, effekthascherische Sprache, die hier zuweilen hart an Kitsch grenzende Satzgebilde hervorbringt, deren Aussagewert gegen Null tendiert. «Es war Selbstmord, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen, eine Uhr, die ihre Stunden aus dem Inneren der Zeit in die Zeitlosigkeit schlug». Man staunt als Leser darüber mindestens ebenso wie über die fantastischen Uhrwerke selbst, aber auch über das ausufernd beschriebene Hofzeremoniell, von dem immer wieder langatmig und völlig humorfrei berichtet wird. Beim Lesen stellt sich da trotz aller Wortgewalt allmählich gepflegte Langeweile ein, weicht das anfängliche Staunen dem Eindruck, hier werde poetisch hübsch verpackt philosophisch Belangloses behandelt, ein zweckfreier Ästhetizismus, bei dem Zeit und Vergänglichkeit zur Nebensache geraten. Bei allen Meriten des Autors, Etiketten wie «Weltliteratur» oder «Der größte Gegenwartsautor in deutscher Sprache» auf dem Buchdeckel sind nichts als platte Werbesprüche.

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Kategorie: Roman
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Ein Mann namens Ove

oveDer Mensch muss eine Funktion haben, findet Ove, die Hauptfigur dieses Romans aus Schweden. Und er hat immer funktioniert, daran kann niemand rütteln. Er hat alles getan, was die Gesellschaft von ihm verlangte: Er hat gearbeitet, ist nie krank gewesen, hat geheiratet, die Hypothek abgetragen, Steuern bezahlt, seine Sache gut gemacht, ein ordentliches (schwedisches) Auto gekauft und nun erfährt er mit 59 den »Dank« der Gesellschaft, indem sein Arbeitsgeber ihn funktionslos macht und vor die Tür setzt.

Ove ist damit eigentlich am Ende, zumal seine geliebte Sonja, mit der er 40 lange Jahre liiert war, an Krebs verstorben ist und ihn einsam und allein zurückließ. Er sucht Wege, seiner Frau zu folgen, doch dies misslingt immer wieder, weil seine Nachbarn ihn derart nerven, dass er nicht mal in Ruhe aus dem Leben scheiden kann. Dafür blättert aus der harten Maske des schrulligen Eigenbrötlers nach und nach ein durchaus liebenswerter Mann, der aufgrund zweier goldener Hände nahezu alles kann – von der Reparatur von Fahrrädern über das Entlüften von Heizungen bis hin zum fachgerechten Einparken von Fahrzeugen mit Hänger.

Frederik Backman hat ein wundervolles Porträt eines Kauzes geschaffen, den es wohl nicht nur in Schweden gibt. Durch geschickte Rückblenden erfährt der Leser viel über die Entwicklung seines Heldens und dessen Sichtweise der Welt, die immer wieder auf »die gute alte Zeit« zurückgreift, in der alles noch von Menschenhand gemacht und von Sachverstand geprägt war.


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Die Lästigen

die laestigenDer Titel »Die Lästigen« ist Programm. Einblicke in alltägliche kleine und große Dramen, bildhaft und verstörend, manchmal tröstlich. Der Untertitel »Eine amerikanische Chronik« trifft, denn Oates schreibt sehr amerikanisch. Vorstadtidylle (scheinbar) und dann sticht sie zu, entblättert ihre Protagonisten Schicht für Schicht. Was bleibt?

Demontiert stehen sich die Personen gegenüber. Ob da was zu reparieren ist? Selten. Aber das überlässt Oates den Lesern, denn diese Kurzgeschichten zeichnen sich als typische »american short stories« aus, in dem das Ende offenbleibt. Klassisch erzählt: Rein in die Szene und wieder rausgesprungen, das versteht die Autorin meisterhaft. Die Leser müssen selbst aktiv weiterdenken.

Dazu kommt bei Oates, und das schätze ich sehr bei ihr, dass sie über scheinbar überflüssige Kleinigkeiten schreibt, und doch sind genau die von ihr ausgewählten Details (das ist die Kunst!) unerlässlich für die Stimmung des jeweiligen Textes. Wer selbst Kurzgeschichten schreibt, kann sich viel über die Technik aus dieser Sammlung herausholen. Fünf Sterne, definitiv.

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Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Kölscher Kaviar

Beate Fuchs ist Staatsanwältin zur Probe in der rheinischen Metropole Köln. Eines grauen Morgens stößt sie auf die Akte Dorsten. Dunkle Geschäfte, Mord, Erpressung und Sachbeschädigung sind ihr Thema.

Wolff wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Die studierte Juristin hat für zwei Jahre eine eigene Kanzlei geleitet; von 1985 bis 2009 arbeitet sie als Staatsanwältin, u. a. in Duisburg, Neubrandenburg, Düsseldorf, Neuruppin und Potsdam.

Der hier vorliegende Krimi handelt von einer Staatsanwältin, die tatkräftig mithilft, einen Kriminalfall aufzuklären; der Roman ist das literarische Debüt der Autorin.

Die Geschichte bietet bestenfalls durchschnittliche literarische Kost. Die Handlung ist vorhersehbar. Die Personen wirken schablonenhaft. Ein wenig Lokalkolorit kommt hinzu.

Das Buch kann man gut an verregneten Wochenenden oder im Sommerurlaub lesen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Die Vielfalt des Begehrens

Bisexualität ist die Liebe zu Männern und Frauen gleichermaßen. Zahlreiche Beispiele aus Geschichte und Literatur, Psychoanalyse, Film und Alltagskultur sollen zeigen, wie präsent, reizvoll und allgegenwärtig Bisexualität als Lebensform sein kann. Bisexualität ist demnach mehr als die exzentrische Lebensart von Künstlern und Prominenten.

Das Buch ist weniger sexualwissenschaftlich angelegt. Hier geht es nicht um Pro und Contra, nicht um Sexualstellungen und das illustre Leben von Prominenten.

Neben der klassischen Antike steht in diesem der US-amerikanische Kulturkreis im Vordergrund. Europa, Asien und Afrika kommen genausowenig wie Südamerika oder gar Ozeanien vor. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts gelegt.

Auch wenn jegliche Abbildungen fehlen, das Buch also eine reine Bleiwüste ist: Es ist sehr anschaulich und leicht verständlich geschrieben. Der Ansatz ist also eher populärwissenschaftlich denn auf Wissenschaft im universitär-wissenschaftlichen Sinne ausgerichtet.

Das Werk wirft aber auch Fragen auf. Was ist seine Zielrichtung? Soll hier eine interessierte Fachöffentlichkeit unterhalten werden? Über ein eher abseitiges sexualkundliches Thema?

Wer gehört zur Zielgruppe? Homosexuelle? Bisexuelle? Gerade in Zeiten scheinbar unbegrenzter (sexueller) Freiheiten löst gleichgeschlechtliche Liebe und Literatur darüber keinen öffentlichen Skandal mehr aus. Es kann offen über die unterschiedlichen Spielarten der Liebe gesprochen werden.

Aufgrund der regionalen Beschränkung auf die USA fehlen Angaben für das gute alte Europa. Wie wurde beispielswei in Frankreich, England und dem deutschsprachigen Raum Bisexualität ausgelebt? Angaben darüber wären schon schön gewesen.


Kategorie: Dokumentation
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Warum wir siegen wollen

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Sport betrreibt und nur um des Gewinnen willens gewinnen möchte. Sind Sport und Spiel die natürliche Fortsetzung der menschlichen Entwicklung hin zum homo sapiens? So fragt die Inhaltsangabe auf dem hinteren Buchdeckel.

Fortpflanzung, Nahrung oder Lebensraum – dies sind die Gründe, warum sich Tiere bewegen. Der Drang, Erster, Bester, Schönster oder Größter zu werden, kommt hier nicht vor.

Die Zielrichtung des Buches ist nicht ganz eindeutig.

Sport besteht bekanntlich nicht nur aus der Leichtathletik. Der Schwimmsport, Mannschaftssportarten, Kraftsport und in unseren Tagen Segelsport und Motorsport kommen hinzu. Hier sind eine ganze Bandbreite an Fähigkeiten – Kondition, Taktik, Kraft, Reaktionsschnelligkeit und ein Auge für die Situation und den Raum interessant.

Die Kommerzialisierung des Sportes hat insbesondere im 20. Jahrhundert ein ungeahntes Ausmaß angenommen. Mit Spaß an der Freude hat das nichts mehr zu tun.

Wenn überhaupt, hat Spotr etwas mit sozialer Evolution zu tun. Insbesondere Spitzensportler sind wohlhabende Menschen; wer mit ihnen zusammen ist, braucht sich über materielle Geischtspunkte keine Sorgen machen und steht genauso im Vordergrund wie der erfolgreiche Sportler.

Das Buch ist keine sportwissenschaftlich – sporthistorische Analyse, es bleiben auch Zweifel, ob hier eine sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Beschreibung vorliegt. Daführ fehlen die empirischen Untersuchungen. In der vorliegenden Form hat das Buch eher den Charakter einer allgemeinen Beobachtun.


Kategorie: Volkskunde und Brauchtum
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Zehn Minuten und ein ganzes Leben

Zehn MinutenEine Frau liegt auf dem Sterbebett. Die Stimmen um sie herum blendet sie aus. Sie mag ihre eigenen Stimmen hören, ihre eigenen Bilder sehen. Die Bilder ihres Lebens. Sie braucht zehn Minuten, um siebzig fragmentarische Szenen ihres Lebens vor ihrem geistigen Auge ablaufen zu sehen. Es werden die letzten zehn Minuten ihres Lebens sein. Die Zeit der Möglichkeiten ist endgültig vorbei. Die Szenen, die sie sieht, sind flüchtige Bestandsaufnahmen von der Kindheit bis ins Alter. Die Autorin Manuela Reichart schreibt in „Zehn Minuten und ein ganzes Leben“ die Rückschau eines erschreckend banalen Frauen-lebens. Vielleicht kein Zufall, dass auch der Titel an den eher banalen, aber wirkungsvollen Slogan fürs Blutspenden erinnert.

Es ist kein außergewöhnliches Leben gewesen, an das die namenlose Protagonistin sich erinnert. Es gab Höhen und Tiefen, aber zumeist nur Höhen und Tiefen, die sie selbst in die Banalität der Ereignisse hinein interpretiert hat. Hauptsächlich erinnert sie sich an Männergeschichten, so gut wie alle gescheitert. Gelegentlich blitzen zwar Erinnerungen aus ihrem frühen Familienleben auf, auch aus der Kindheit ihrer eigenen Kinder, aber in der Relation sind sie selten. Selbst eine der allerersten Szenen aus ihrer Kindergartenzeit ist der Frau nur deshalb erinnerlich, weil eine vierjährige Rivalin ihr den Kindergartenfreund abspenstig machte. Ihre eigenen Kinder haben sie wohl enttäuscht, haben der Mutter nicht die erwartete Anerkennung, den erwarteten Dank erwiesen.

Sie erinnert sich an den Mann, der einstmals sogar mit Selbstmord drohte, wenn sie ihn nicht erhöre. Doch auch dessen Verehrung währte nicht ewig. Er schloß eine Ehe, die nicht auf ihren Stöckelschuhen daherkam, sondern „fest in den Gesundheitsschuhen“ einer bodenständigeren Frau stand. So war auch „er ihr zum Verräter geworden“. Der Mann, den wiederum sie einst bis zum Wahnsinn verehrte, er erzählt beim Wiedersehen von seiner letzten Darmspiegelung. So geht es mit den Männergeschichten munter weiter und gipfelt schließlich in der Erinnerung an unbefriedigende Masturbationsversuche.

Ist es wirklich das, woran man sich am Ende eines Lebens erinnern will? Sind dies wirklich die Ereignisse, die bleiben? Im Klappentext steht „Es ging ihr immer nur um die Liebe“. War das wirklich so oder ging es ihr nicht vielmehr doch um die verzweifelte Suche nach Anerkennung? „Einen gescheiten Satz sollte jeder zurücklassen“. Das ist ihr dringendster Wunsch. Doch „hat sie ihn gesagt, hat man ihn gehört?“ Manuela Reichart hat mit dieser kurzen Prosa kein Rührstück geschrieben, auch keines, welches an die viel beschworenen wirklich wichtigen Dinge im Leben gemahnt. Vielmehr zeigen ihre kurzen Fragmente, wie erschütternd wenig bleiben kann, wenn man am Ende seines Lebensweges angelangt ist. Als Leser empfindet man es bitter, dass diese Lebensrückschau sich in erster Linie mit der unbefriedigt gebliebenen Suche nach Anerkennung und Respekt beschäftigt. Es scheint wenig Gutes gegeben zu haben, an das die namenlose Frau sich erinnern kann.

Gleichwohl macht dieses Buch nicht traurig. Melancholie ist das äußerste Gefühl, welches die kühl und komprimiert geschriebene Prosa hervorruft. Die Autorin lässt den Szenen selten einen freien erzählerischen Lauf. Sie traut sich durchaus was mit diesem Buch, doch sie traut den Lesern zu wenig zu. Rasch und unbeteiligt analysiert Manuela Reichart lieber selbst. Gerade bei den Erinnerungen an Szenen aus dem Familienleben lässt sie kein Klischee gelten, sie entlarvt und verurteilt unerbittlich.

Am Ende jedes Fragments steht eine lakonische Zusammenfassung, die den Kern drastisch vor Augen führt. Die kurzen, komprimierten Texte bringen dem Leser jedoch nur wenige Einsichten. Vor allem die Männerfixiertheit als Priorität irritiert. Andere Geschichten werden nur angedeutet, obwohl sie eine wohltuende Abwechslung gewesen wären. So erfährt man nur an Rande, dass die Schwester, mit der sie den Anfang teilte, in der Mitte des Lebens unwichtig wurde und jetzt am Sterbebett die wichtigste Bezugsperson ist. Wieso und warum, das erfährt man nicht.

Aber nun – einen wichtigen Satz hinterlässt jeder. Die namenlose Sterbende hinterlässt eine Erkenntnis, die den Leser mit der im Unterton der Unzufriedenheit geschriebenen Rückschau versöhnt: „Klar ist am Ende nur eins. Man hat in all den Jahren viel zuwenig getanzt.“ Dem werden wohl viele Frauen zustimmen.

(Die Autorin: Manuela Reichart lebt als Radio-Moderatorin und Autorin in Berlin. Den Lesern in NRW dürfte sie auch als langjährige Moderatorin von „Gutenbergs Welt“ auf WDR3 bekannt sein).

Erstveröffentlichung dieser Rezension am 16.07.2012 in den Revierpassagen.de


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Agnes

Luxus-Eisenbahnwagen sind auf Dauer nicht das ergiebigste Thema, dem man sich widmen kann. Ein Schweizer Autor, der sich mit Sachbüchern über abseitige Themen einen Namen gemacht hat, recherchiert über eben diese und ist dabei dankbar für jede Ablenkung. Zu Studienzwecken hält er sich in den USA auf und lernt im Lesesaal der Public Library Chicago die junge Agnes kennen. Agnes, eine Physikerin, fasziniert ihn durch ihre Rätselhaftigkeit und ihr elfenhaftes Wesen gleichermaßen. Zu seinem Erstaunen geht Agnes schnell auf sein Werben ein und die beiden werden ein Paar. Agnes zieht zu ihm, doch sie kommen sich nicht wirklich näher. Nicht so nahe, nicht so verschmelzend, wie der Sachbuchautor, dessen Name der Leser nie erfährt, es gerne hätte. Er versucht zu ergründen, was außer Agnes morbider, fast zwanghafter Beschäftigung mit dem Tod noch zwischen ihnen steht. Agnes Profession als Physikerin scheint nicht zufällig. Obsessiv will sie alles über das Leben und seine Begrenzungen wissen. Ihre Grundlagenforschung über atomare Kristallgitter wird ebenso von einem unerbittlichem Entschlüsselungswunsch getrieben, wie ihr Wunsch, ihre eigene Geschichte am besten schon vorab zu überblicken.

Die Liebe ist ihr unheimlich, sie ist ihr nicht begrifflich genug. Auch der Erzähler kann ihre Zweifel nicht zerstreuen, zumal er sich im Laufe der Erzählung auch immer wieder der burschikoseren Louise, dem exakten Gegenpart von Agnes, zuwendet. Agnes wird schwanger und verliert das Kind. Diese Tragödie bringt sie vollends um ihr subtiles Gleichgewicht. Sie drängt ihren Geliebten, ein mehr aus Spaß begonnenes Beziehungstagebuch wieder aufzunehmen und die Geschichte/ihre Geschichte fortzuschreiben. Sie wünscht sich von ihm, dass er ihr ein Leben aus Punkten male, wie die Bilder impressionistischer Künstler. „Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen.“ Durch das Schreiben soll er es schaffen, „das Kind für sie zu machen“. Sie habe es ja nicht geschafft. Die Geschichte als Ersatz für das Leben, das ihr abhanden kam. So wird der Ich-Erzähler zum Erfinder, der Report zum Roman: „Jetzt war Agnes mein Geschöpf“ – damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Halbherzig wehrt er sich zunächst, doch bald schon erliegt er dem Reiz, nicht nur eine Geschichte, sondern auch Agnes nach seinem Willen und Wunsch zu formen. Was nicht gelebt werden kann, soll wenigstens geschrieben werden. Artig bemüht er sich um eine Wendung hin zu einem Happy End. In der Geschichte darf das Kind leben, sie werden eine glückliche Familie.

Doch diese Geschichte ist nicht authentisch, das spürt der Erzähler, das spürt auch Agnes. Er schreibt heimlich den Schluß 2.  Agnes, von einer manischen Suche getrieben, findet diesen schließlich auf der Festplatte: den folgerichtigen, wahrhaften Schluss der Geschichte und es ist an ihr, ob dieser Schluss wirklich der Schluss ihrer/dieser Geschichte werden wird.  „Agnes ist tot, eine Geschichte hat sie getötet“. So beginnt der Roman. Ist sie tot, ist sie nur innerlich tot, ist sie für den Erzähler tot, ist der Erzähler für sie tot? Im Buch wird es nicht entschieden, diese Entscheidung wird jedem Leser neu überlassen.

Das vorherrschende Thema des Romans ist Identität. Peter Stamms Roman zieht den Leser trotz seiner gleichwohl distanzierten und unterkühlten Sprache in einen Sog unerbittlicher Trauer. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zerfließen, bis einer der beiden Protagonisten daran zerbricht. Es sind zwei im Grunde gleiche Fragen, die zu unterschiedlichen Motiven werden: Agnes, die wissen will, was von ihr bleibt und der Ich-Erzähler, der der Verlockung, sich des Anderen zu bemächtigen, nicht widerstehen kann. Im Spiel der Charaktere läuft alles auf die Frage hinaus: Können wir ohne ein selbst gefertigtes Bild des Anderen auskommen?

Es geht aber nicht nur um die Identität einzelner Personen, elegant beleuchtet Peter Stamm auch die Frage nach der Identität eines Buches. Wie viel Erfahrung, wie viel Wahrheit muss einem Roman zugrunde liegen? Kann ein Roman ein Ersatz sein für ein nicht gelebtes oder ein nicht mehr lebbares Leben? Das Reale verwandelt sich ins Mediale, der Roman wird zum Sammelbecken. Es ist dies ein immer wiederkehrendes Dilemma in der Literatur, welches Stamm hier begreifbar vermittelt.


Kategorie: Romane
Verlag: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main