Warum die Sache schiefgeht

Warum die Sache schiefgeht von Karen Duve

In ihrem Buch »Warum die Sache schief geht« schildert Karen Duve, wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um unsere Zukunft bringen. Die Autorin geht dabei davon aus, dass die Menschheit in eine unkontrollierbare Katastrophe rast und sich letztlich selbst ausrottet. Vor allem Bankenwesen, Pharmakonzerne, Großindustrie und die ihre Interessen vertretenden Regierungen seien an dem unvermeidlichen globalen Kollaps schuld. Erforderlich sei eine sofortige radikale Änderung unseres Lebensstils und vor allem die Abschaffung des gedankenlosen Konsums, um anständig überleben zu können. Continue reading


Kategorie: Sachbuch
Verlag: Goldmann München

Tief im Wald und unter der Erde

tief-im-waldEine einsame Bahnschranke im Wald, dunkle Nacht. Seit an diesem Ort vier ihrer Freunde bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kamen, wird Melanie von panischer Angst ergriffen, wenn sie hier nachts anhalten muss. Denn jedes Mal scheint es ihr, als krieche eine dunkle, schemenhafte Gestalt vom Waldrand auf ihren Wagen zu. Niemand glaubt ihr – bis die junge Jasmin Dreyer verschwindet, und ihr Fahrrad an der Bahnschranke gefunden wird…
 

Ein etwas unpassender Klappentext denn Melanie und Jasmin sind nur Nebenfiguren die nach ein paar Seiten auch schon wieder verschwunden sind.
Die Hauptfiguren sind die junge Polizistin Nele Karminter und Ihre Kollegin/Freundin Annouschka Rossberg, die alles daran setzen um denjenigen zu schnappen, der innerhalb von drei Tagen, drei Frauen entführt hat und sie vermutlich tief im Wald und unter der Erde, in der Nähe von Lüneburg gefangen hält…!

Nach anfänglichen, für meinen Geschmack etwas zu schleppenden Ermittlungen, entwickelt sich die Geschichte und wird ziemlich rasant und spannend.

Im Vordergrund steht die junge Polizistin Nele, die bei diesen Ermittlungen einen ziemlichen Spagat zwischen Beruf und Privatleben absolvieren muss und natürlich der Entführer, über den man im Laufe der Geschichte sehr viel erfährt. Man bekommt Einblicke in sein Leben und seine fürchterliche Kindheit, was mir gut gefallen hat.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Neles Sicht, der Sicht der entführten Frauen, der Sicht des Entführers und auch aus Annouschkas Sicht erzählt, was mir ebenfalls gut gefallen hat. Auch dass manche Szenen/Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden fand ich klasse.
Die Geschichte ist streckenweise schon sehr brutal und blutig, dies hält sich aber noch in Grenzen.

Alles in allem ist es ein spannendes und sehr kurzweiliges Buch. Umgehauen hat es mich allerdings nicht, da hab ich von Herrn Winkelmann schon Besseres gelesen (z.b „Die Zucht“ oder „Kill Game“) denn „Tief im Wald und unter Erde“ ist bereits das vierte Buch dass ich von Andreas Winkelmann gelesen habe, da waren die Erwartungen natürlich auch dementsprechend groß…!

Empfehlen kann ich das Buch aber auf jeden Fall!


Kategorie: Thriller
Verlag: Goldmann München

Herzschlag

Paul Stein arbeitet als engagierter Journalist. Eines Tages erfährt er von seinem Hausarzt, daß er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Der Arzt eröffnet ihm, daß er (Stein) nur noch wenige Monate zu leben hat.

Gleichzeitig läuft der Wahlkampf – schließlich steht die Wahl eines neuen Bundestages an. Die Nationalkonservative Volkspartei ist eine rechtsradikale Partei, der große Chancen eingeräumt werden, in den Bundestag einzuziehen. Strategie und Propaganda erinnern stark an das Vorgehen der Nationalsozialisten zu Beginn der 1930er Jahre.

Stein beginnt, sich mit der Partei zu beschäftigen. Er möchte nicht nur als Journalist darüber schreiben. Er faßt irgendwann auch den Beschluß, den Parteivorsitzenden zu ermorden…

Hansjörg Martin ist Jahrgang 1920. Er wurde in Leipzig geboren. Nach Schulabschluß und Studium der Gebrauchsgraphik und Buchillustration war er Soldat, Clown, Schaufensterdekorateur, Leiter eines Volksbildungswerkes, Bühnenbilder, Lehrer, Gebrauchsgraphiker, Journalist und Dramaturg. 1965 macht er sich dann als Schriftsteller freiberuflich selbständig. 1999 ist er dann gestorben.

Bekannt geworden ist er als Kriminalschriftsteller. In der Sekundärliteratur wird er als jemand gefeiert, der dem deutschen / deutschsprachigen Kriminalroman zu neuer Geltung verschaffen hat.

Dies hier ist allerdings kein Kriminalroman; man könnte das Werk eher als Thriller einordnen. Gleichzeitig ist es auch ein Gesellschaftsroman. Er seziert die Befindlichkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Erschreckend ist dabei, wie tagesaktuell das Thema dabei auch in den 2000er Jahren noch ist – siehe das Erstarken rechter und rechtspopulistischer Parteien. Inhaltlich beschreibt das Buch also, inwieweit stockkonservatives, wenn nicht gar rückwärtsgewandtes und nationalistisches Gedankengut auch heute noch in der Mitte der Gesellschaft vorhanden ist. Der Vorwurf, Autor und Inhalt wären überholt, kann also nicht geltendgemacht werden.

Der Text ist dabei gut geschrieben. Es fängt mit einer gepflegten Sprache an, die nur deutsche und keine fremdländische Begriffe verwendet. Mancher Ausdruck hat eher barocken Charakter – das Wort „obschon“ sei hier als beredtes Beispiel genannt. Auch die konservative Namensgebung bei den handelnden Personen gehört dazu. Die Charaktere werden ausführlich gezeichnet, ohne daß es dem Handlungsablauf schadet.

Das Buch gefällt. Es ist auch in unseren Tagen noch sehr gut lesbar.

Hansjörg Martin: Herzschlag; Wilhelm Goldmann Verlag München 1980; 254 Seiten; ISBN: 3-442-03951-7


Kategorie: Gesellschaftsroman
Verlag: Goldmann München

Ihr tötet mich nicht

toetetSie ist 16 Jahre alt und im 7. Monat schwanger, als sie auf dem Heimweg von der Highschool überwältigt und in einen Lieferwagen gezerrt wird. Doch die Entführer machen Fehler – Fehler, die ihr vermeintlich hilfloses Opfer kühl kalkulierend registriert. Und der größte Fehler war, sich dieses Opfer auszusuchen. Denn das Mädchen in ihrer Gewalt verfügt über einen messerscharfen Verstand und die einzigartige Fähigkeit, seine Emotionen vollständig zu kontrollieren. Sie weiß, dass es den Kidnappern um ihr Baby geht, und sie selbst nach der Geburt wertlos für sie ist. Also fasst sie einen Plan: Ihr werdet mich nicht töten, ihr werdet mein Kind nicht bekommen – und ich werde mich rächen…

Die Geschichte beginnt am vierten Tag der Entführung. Dies und die Tatsache dass man überhaupt erst nach einer ganzen Weile den Namen des Mädchens erfährt, hat es mir recht schwer gemacht mich in das Buch reinzufinden und eine Bindung zur Hauptfigur aufzubauen.

Man erfährt aber ziemlich schnell dass das entführte Mädchen freikommen wird denn 17 Jahre später schreibt sie Ihre Entführungsgeschichte nieder.

Aus der Ich-Erzählperspektive und teilweise direkt an den Leser gewandt, berichtet das Mädchen ziemlich detailliert und sachlich über Ihre Zeit in Gefangenschaft und später auch von der Entführung selbst und den ersten Tagen nach der Entführung.

Da das Mädchen (ich habe mich dazu entschlossen ihren Namen auch nicht zu nennen) außergewöhnlich intelligent ist und durch eine besondere Ausprägung des Frontallappens auch Ihre Gefühle wie auf Knopfdruck ausschalten kann, schildert sie die Ereignisse nüchtern und sachlich, was auch nicht gerade dazu beiträgt eine Beziehung ihr aufzubauen. Im Gegenteil: Sie weiß wie intelligent sie ist, das lässt sie den Leser deutlich spüren und somit kommt sie nicht sonderlich sympathisch sondern eher überheblich und arrogant rüber! Es fiel mir sehr schwer mich in diese Geschichte reinzufinden und das entführte Mädchen überhaupt zu mögen, obwohl sie einem natürlich schon leidtut denn was die Entführer mit ihr Vorhaben ist absolut grausam! Sie wollen sie so lange gefangen halten bis sie ihr das Kind aus dem Leib schneiden und an wohlhabende, kinderlose Paare verkaufen können…! Das Mädchen lässt aber keine Angst zu und schmiedet mit Hilfe von „Pluspunkten“ (Der Eimer in Ihrer Zelle, einer roten Wolldecke usw) über Wochen einen Plan um aus der Gefangenschaft zu entkommen…!

Dann gibt es noch den FBI Agenten Roger Lui und seine Partnerin „Lola“ die mit dem Entführungsfall betraut werden. Auch Roger hat die ganze Geschichte aufgeschrieben und spricht den Leser zwischendurch immer wieder direkt an. Ich muss gestehen, dass mir die Kapitel über die Ermittlungen auch oftmals besser gefallen haben als die nüchterne Berichterstattung des entführten Mädchens, was sehr ungewöhnlich ist denn meistens finde ich die Ermittlungsbeschreibungen in Büchern zu ausschweifend und schleppend…!

Was mich auch ziemlich gestört/genervt hat: Roger und das entführte Mädchen schweifen in ihren Erzählungen immer wieder stark ab und das teilweise an den unmöglichsten Stellen, so dass ich hätte ausflippen können. Eine super spannende Situation, voll mit Aktion und Schnelllebigkeit und die Autorin lässt die Figuren an eine banale Sache aus der Vergangenheit denken und ausführlich darüber berichten –zum Haare raufen!! Natürlich aber auch ein cleverer Schachzug denn man MUSS einfach weiterlesen und am Ball bleiben und wird noch neugieriger auf die eigentliche Handlung…!

Was mir allerdings sehr gut gefallen hat: Das Mädchen bzw die Frau berichtet in ihren Aufzeichnungen auch recht ausführlich darüber wie es nach der Entführung weiterging. Über Ihr Leben, was aus ihr geworden ist, was aus Agent Lui geworden ist und über die Gerichtsverhandlung nach der Entführung und das hat mir sehr gefallen!

Nachdem ich mich einmal in die Geschichte reingefunden hatte (was aber wie gesagt recht lange gedauert hat), hat mir das Buch gut gefallen! Es hat mich nicht umgehauen aber ich würde es durchaus empfehlen!

Shannon Kirk ist Anwältin und lebt und arbeitet in Massachusetts. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Ihr Debütroman »Ihr tötet mich nicht«, wurde von der Presse euphorisch aufgenommen und die Produktionsfirma Next Wednesday sicherte sich gleich nach Veröffentlichung die Filmrechte.


Kategorie: Psychothriller
Verlag: Goldmann München

Die Kunst, Elch-Urin frisch zu halten

ElchurinTim und Bullwinkel haben einfach kein Glück bei Frauen – und sie hatten noch niemals Sex. Auf einer Party begegnen sie zwei Stewardessen, die sich für exotische Drogen interessieren. Und für Männer, die den Stoff anbieten. Die beste Droge der Welt, so finden die Jungmänner heraus, ist Urin von einem Elch, der psychogene Pilze gefressen hat. In der Hoffnung, mittels dieses Zaubersaftes endlich zum ersehnten Sex zu kommen, fliegen Tim und Bullwinkel nach Finnland, um auf eine Elchjagd der besonderen Art zu gehen. Aber wie so vieles im Leben der beiden verläuft nichts wie geplant …

Tim und Bullwinkel sind zusammen zur Schule gegangen, waren aber nie eng befreundet und haben sich dann aus den Augen verloren. Jetzt sind beide 25 Jahre alt und ziemlich frustriert denn beide hatten noch nie eine Freundin und was noch viel schlimmer ist, auch noch nie Sex! Tim und Bullwinkel treffen sich zufällig wieder als Bullwinkel in der Patsche steckt und spontan von Tim aus einer brenzligen Situation gerettet wird…! Sie verbringen den Abend gemeinsam, ziehen um die Häuser und finden recht schnell heraus dass sich beide in derselben, miesen Situation befinden, nämlich der mit Mitte 25 noch jungfräulich zu sein…!

Auf einer Party treffen Sie auf zwei Stewardessen die voll und ganz dem bevorzugten Frauenbild der beiden entsprechen. Sie beschließen sich gegenseitig bei diesem Vorhaben zu unterstützen denn mit der verhassten Jungfräulichkeit soll jetzt endlich Schluss sein und das erste Mal soll unbedingt mit diesen heißen Mädels stattfinden…!

Die beiden Mädels sind aber nicht wirklich angetan von den Jungs und somit greift Bullwinkel zu einem Trick. Er verspricht den beiden den Trip ihres Lebens mit einer sehr exotischen Droge denn auf Drogen fahren die Mädels voll ab…! Dummerweise haben die Jungs von exotischen Drogen keine Ahnung und somit durchforschen sie das Internet. Sie stoßen auf eine Droge der ganz besonderen Art die in Finnland konsumiert wird, nämlich dem Urin eines Elches der zuvor für den Menschen eigentlich giftige Pilze gefressen hat…! Die Jungs verabreden mit den Mädels ein Treffen in der darauffolgenden Woche und schon am nächsten Tag sitzen Tim und Bullwinkel im Flugzeug Richtung Finnland…!

Ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll dieses total bekloppte Buch beschreiben! Die beiden Protagonisten Tim und Bullwinkel sind wirklich eine Marke für sich. Während Tim eigentlich ein recht harmloser, eher unscheinbarer, frustrierter und eher schüchterner jungen Mann ist, ist Bullwinkel eine Marke für sich. Er fällt schon allein durch seinen ausgefallenen Kleidungsstil und seine permanente Dauergeilheit auf. Er redet fast pausenlos nur über Sex und hat so manch skurilen Trick erfunden um seiner Dauergeilheit zumindest Abhilfe zu verschaffen! Man kann nur mit dem Kopf schütteln und die Erfahrungsberichte der beiden Jungs über Ihre sexuellen Misserfolge sind einfach zum Schreien! Ich musste soooo oft schmunzeln und teilweise auch laut lachen…! Ihre Weltanschauungen und Redewendungen sind einfach grandios!

Als ich das Buch zur Hälfte durch hatte, fragte mich eine Freundin ob es noch immer so gut und lustig ist und ich antwortete ihr „Das Buch erinnert mich an das Dschungelcamp. Es ist so bekloppt aber auch so unterhaltsam dass man zwar teilweise das Gefühl hat Gehirnmasse zu verlieren aber man kann einfach nicht aufhören zu lesen weil man unbedingt wissen will was noch so alles kommt“! Dann sagte ich ihr noch „Ich glaube aber dass ich, wie beim Dschungelcamp, doch froh sein werde wenn ich es durch habe und der Spuk dann trotz hohem Unterhaltungswert dann doch vorbei ist“! Diese zweite Aussage muss ich jetzt zurücknehmen denn ich finde es jetzt richtig schade dass ich es schon ausgelesen habe…! Es ist eine absolut durchgeknallte Geschichte (roadtrip) denn selbstverständlich geht in Finnland so einiges schief und Tim und Bullwinken bringen sich selbst immer wieder in die kuriosesten und verfahrensten Situationen…!

Der Autor hat so viel Liebe und Detailgenauigkeit in diese beiden Figuren und die komplette Geschichte gelegt, dass man irgendwann richtig tief in der Geschichte steckt und selbst das Gefühl hat mit den beiden Jungs auf diesem verrückten roadtrip zu sein!

Man freundet sich irgendwann quasi mit diesen Jungs an und akzeptiert einfach ihre reichlich schräge, völlig unkonventionelle und durchgeknallte Art. Während man relativ schnell erkennt dass in Tim eigentlich ein ganz normaler junger Mann steckt, muss man sich hinterher auch eingestehen dass selbst Bullwinkel keinesfalls so ein oberflächlicher Geist ist der nur Sex im Kopf hat sondern durchaus ein echt guter Kerl ist der mehr Tiefgang und Werte hat als man ihm zutraut…!

Und auch die Jungs erkennen während ihrer zahllosen, kuriosen Abendteuer, dass sie im anderen einen wahren Freund gefunden haben denn was eigentlich als Zweckgemeinschaft begann, wird bald zu einer tiefen Freundschaft…!

Selbstverständlich darf man kein literarisches Meisterwerk erwarten, sondern man bekommt eine völlig durchgeknallte aber sau-coole Geschichte bei der ich mich oft gefragt habe wie er Auto nur auf solch verrückte Ideen gekommen ist und ob er wohlmöglich selbst diesen Elchurin probiert haben könnte…! 😉

Man bekommt ein locker-leichtes Buch, bei dem man einfach nur viel Spaß haben kann wenn man sich darauf einlässt und das einen mit seinem letztendlichen Tiefgang noch ziemlich überrascht!

Wirklich ganz großes Kino, ich kann dieses Buch sehr empfehlen, es hat mir super gefallen und ich könnte noch lange weiter schwärmen…!

Rochus Hahn ist 54 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Frankfurt / Main. Seit über dreißig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor. Seine bekanntesten Arbeiten sind „Das Wunder von Bern“, „Sketchup“, „Der Geschmack von Apfelkernen“, „Tatort“ und „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. „Die Kunst, Elch-Urin frisch zu halten“ ist sein erster Roman.

 


Kategorie: Roman
Verlag: Goldmann München

Der Keller

KellerMunas Leben ist die Hölle. Und niemand kommt ihr zu Hilfe, denn keiner weiß, dass die Familie Songolis ihr Hausmädchen behandelt wie eine Sklavin. Dabei muss sie sich nicht nur Tag für Tag bis zur Erschöpfung um das Wohl der Songolis kümmern, sondern wird auch noch jede Nacht in einen dunklen, fensterlosen Keller gesperrt. Doch dann kehrt eines Tages der jüngste Sohn der Familie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr nach Hause zurück. Damit die ermittelnden Polizeibeamten nichts von Munas Schicksal erfahren, darf sie ihren Keller verlassen. Und diese Chance nutzt sie auch. Denn Muna ist sehr viel klüger, als alle ahnen – und ihre Pläne sind sehr viel schockierender, als irgendjemand jemals vermuten würde…

Muna ist 14 Jahre alt und wurde im Alter von 4 Jahren von der Familie Songolis aus einem afrikanischen Waisenhaus nach England geholt. Man könnte meinen dass die ebenfalls afrikanische Familie Mitleid mit dem schwarzen Mädchen hatte aber das ist nicht der Fall. Muna wurde nämlich nur aus einem Grund nach England geholt, nämlich um den Songolis auf jede nur erdenkliche Art und Weise zu Diensten zu sein. Für die faule Mutter ist sie Putzfrau, Köchin und Prügelknabe, für den Vater ist sie Sexsklavin und die beiden verzogenen Söhne (10 und 15 Jahre), reagieren Ihre sadistischen Triebe an ihr ab und behandeln sie ebenfalls wie Dreck.

Muna verlässt niemals das Haus, muss im Keller schlafen und darf auf keinen Fall die englische Sprache lernen damit sie keine Chance hat ihrem Schicksal zu entkommen…!

Eines Tages verschwindet aber der 15 jährige Sohn der Familie und von diesem Tag geht die Polizei im Haus der Songolis ein und aus. Zwangsläufig verändert sich Munas Leben denn jetzt bekommt sie schicke Kleidung und wird als zurückgebliebene Tochter der Songolis ausgegeben. Das ist Munas Chance aus dieser Hölle zu entkommen denn Muna ist viel schlauer als die Songolis ahnen denn sie hat u.a durch Kinderfernsehen, im Laufe der Jahre doch heimlich die englische Sprache gelernt und versteht es die Familienmitglieder geschickt gegeneinander auszuspielen…!

Das Buch ist schon ziemlich grausam! Zwar werden die krassesten Geschehnisse (der sexuelle Missbrauch) nicht detailliert geschildert sondern nur angedeutet aber die Geschichte ist schon ziemlich brutal und stellenweise sehr blutig.

Nach einer Weile wird ziemlich schnell klar wie Muna vorhat ihren Peinigern zu entkommen und was hinter dem Verschwinden des 15 jährigen Jungen wirklich steckt und die Geschichte wird recht durchschaubar…! Trotzdem ist sie ziemlich fesselnd und spannend und das Ende ist offen, was in diesem Fall aber gut passt…!

Das Buch hat mir gut gefallen, es hat mich zwar nicht umgehauen aber es hat mich gut unterhalten.

Allerdings ist eine solche Geschichte natürlich nicht jedermanns Sache, man muss schon auf solch kranke und grausame Geschichten stehen…!

Bevor Minette Walters Schriftstellerin wurde, arbeitete Sie lange als Redakteurin in London. Seit Ihrem Debüt „Im Eishaus“ (1994) zählt sie zu den Lieblingsautoren von Millionen Leserinnen und Lesern in aller Welt. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit wichtigen Preisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Dorset, England.


Kategorie: Psychothriller
Verlag: Goldmann München

Der törichte Engel

“Wie ein schleimiges Ungeheuer schleppte sich Weihnachten durch Pine Cove, zog eine Spur von Lametta, Girlanden und Schlittenglöckchen durch den Ort, triefte vor Eierpunsch, stank nach Tannenbaum und festlichem Verhängnis, wie Herpes unter einem Mistelzweig.“

Ein Buch, das so beginnt kann nicht gänzlich unbrauchbar sein und dieses ist im Gegenteil höchst vergnüglich, auch wenn man es stilgerecht eigentlich in der Adventszeit lesen müsste. Wir befinden uns in dem kalifornischen Kaff Pine Cove, nicht zum ersten Mal Schauplatz eines Romans von Christopher Moore, wo die Vorbereitungen für das Fest der Liebe auf Hochtouren laufen. Durch ein Missgeschick kommt der dabei der als Weihnachtsmann verkleidete Rabauke Dale Pearson nach einem Gerangel mit seiner Ex-Frau zu Tode un ein kleiner Junge droht ob des zufällig beobachteten Ablebens des heiligen Mannes traumatisiert zu werden. Wie praktisch, dass der törichte Erzengel Raziel (bekannt aus „Die Bibel nach Biff“) gerade in der Nähe und auf der Suche nach dem alljährlich fälligen Wunder ist: Flugs macht er das Geschehene rückgängig; allerdings werden durch einen Flüchtigkeitsfehler auch gleich noch alle anderen Bewohner des Friedhofs wiederbelebt. Und wie man es aus zahlreichen einschlägigen Filmen kennt, ist mit den lebenden Toten nicht gut Kirschen essen…

Christopher Moore hat mit „Der törichte Engel“ wiederum einen Roman geschrieben, der richtig Spaß macht und den dankbaren Leser verzaubert. Mit viel Liebe zum Detail brennt er ein Feuerwerk des Humors ab und lässt seine skurillen Protagonisten mächtig aufdrehen: Sheriff Crowe, der meistens bekifft ist und seine Frau Molly, die etwas aus dem Ruder läuft, seit sie eigenmächtig ihre Medikamente abgesetzt hat, nehmen an der Seite der übrigen Dorfbewohner den Kampf auf gegen blutrünstige Zombies, die zunächst Gehirne verspeisen und anschließend zu IKEA gehen wollen. In kleinen aber feinen Nebenrollen dürfen wir auch ein Wiedersehen mit dem Piloten Tucker Case und seinem sprechenden Flughund Roberto aus „Himmelsgöttin“ feiern und dabei bleibt kein Auge trocken.

Ich staune über die unerschöpfliche Fantasie des Autors und bewundere seinen herrlich trockenen Schreibstil, der im Genre der intelligenten Unterhaltung nicht leicht zu finden ist. Zu Recht wird Moore von den Kritikern immer wieder in die Nähe von Terry Pratchett und Douglas Adams gerückt und er braucht diesen Vergleich beileibe nicht zu scheuen. Ich wünschte, es gäbe mehr Bücher dieser Qualität, dann wären auch die Prüfungen, die die Deutsche Bahn täglich ihren (an Kummer gewohnten) Kunden auferlegt leichter zu ertragen.


Kategorie: Romane
Verlag: Goldmann München

Himmelsgöttin

412vWWEUq0L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Der junge Tuck ist Pilot, als solcher aber nicht sehr verantwortungsbewusst, und so geschieht es, dass er eines Tages den Jet eines Kosmetikkonzerns, für den er tätig ist, in sämtliche Bestandteile zerlegt. Es drohen der Verlust seiner Fluglizenz sowie strafrechtliche Konsequenzen und so ist Tuck mehr als froh, als er ein obskures aber prächtig dotiertes Angebot erhält: Transportflüge für einen Arzt/Missionar auf einer winzigen mikronesischen Insel. Allerdings gestaltet sich schon die Anreise dorthin mehr als abenteuerlich, denn das Boot ist in der Obhut eines wenig erfahrenen Navigators (ein Transvestit mit einem sprechenden Flughund!) und kentert. Die beiden Schiffbrüchigen retten sich mit letzter Kraft ans Ufer, wo sie sogleich von einem greisen Kannibalen in Empfang genommen werden.

Nach Klärung einiger Missverständnisse lernt Tuck dann seinen neuen Arbeitgeber und dessen Frau kennen, die eine Klinik auf der Insel der Haifischmenschen betreiben. Von Missionierung ist jedoch nicht viel zu sehen, die Eingeborenen hängen vielmehr einem „Cargo-Kult“ an und verehren ein altes Kriegsflugzeug mit einem aufgemalten Pin-up-Girl. Und es gibt noch mehr Merkwürdigkeiten: Geld scheint für den guten Doktor keine Rolle zu spielen, das Krankenhaus ist bestens ausgerüstet und wird streng bewacht, der Strand ist vermint und Tuck ist es untersagt, das Gelände zu verlassen. Klar, dass der draufgängerische Abenteurer jetzt erst recht neugierig wird und Erkundigungen anstellt…

Nach meiner ersten, eher zwiespältig verlaufenen Begegnung mit Christopher Moore in „Die Bibel nach Biff“ beschloss ich, dem Autor eine zweite Chance zu geben und siehe da, es hat sich mehr als gelohnt! „Himmelsgöttin“ sprüht nur so vor Witz und Erzählfreude und der Leser verfolgt das bunte Treiben der liebevoll ausgestalteten Protagonisten mit großem Vergnügen. Trotzdem ist der Roman mehr als nur eine Komödie, denn auch medizinisch brisante Themen stehen auf der Tagesordnung und werden ebenso souverän abgehandelt wie Religionswahn oder der Evergreen zwischenmenschliche Beziehungen. Moore bleibt dabei stets voller Humor, aber nicht ironisch distanziert, sondern er fühlt und leidet mit seinen herrlich skurrilen Figuren und das wirkt ansteckend. So entsteht ein wunderbarer Lesespaß, den ich allen Freunden intelligenter Unterhaltung guten Gewissens empfehlen kann.


Kategorie: Romane
Verlag: Goldmann München

Die Bibel nach Biff

51WFGZrIdxL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Wir schreiben das Jahr 1999, der zweitausendste Geburtstag Jesu Christi steht kurz bevor und die himmlischen Mächte beschließen, an ihrer Außendarstellung zu arbeiten. Sie schicken den – nicht sonderlich intelligenten und zuverlässigen – Engel Raziel zur Erde, um Jesus‘ besten Freund Biff wieder zum Leben zu erwecken, damit dieser die wahre Geschichte der Jahre des jungen Messias aufschreibt; ein neues Evangelium muss her. Die beiden mieten sich in einem Hotel in New Orleans ein, und während der Engel sich mit TV-Seifenopern und Wrestling-Kämpfen die Zeit vertreibt, erzählt Biff, was damals wirklich geschehen ist.

Es beginnt mit den Kindheitstagen der beiden Freunde, Jesus (oder Josua, wie er im Buch heißt) lässt tote Eidechsen auferstehen; er weiß zwar, dass er Gottes Sohn ist, aber nicht recht,was von ihm genau erwartet wird. Biff und Josua treffen Maria Magdalena („Maggie“), verlieben sich beide in das Mädchen, aber der Sohn des Herrn sich nicht mit fleischlichen Gelüsten beschäftigen darf, ist er auf seinen Freund angewiesen und lässt sich alles haarklein schildern. Als Maggie jedoch einem Pharisäer zur Frau versprochen wird, brechen die Freunde zu einer langen Reise nach China und Indien auf; sie suchen die drei Weisen aus dem Morgenland, die zu Josuas Geburt erschienen waren, denn von ihnen erhoffen sie sich Aufschluss über seine Mission…

Der Roman nutzt geschickt den Umstand, dass in der Bibel in der Biographie von Jesus ca. 30 Jahre fehlen, berichtet wird lediglich über die Geburt und die letzten Wochen vor seinem Tod. Auch die Spekulation, dass er sich im fernen Osten aufgehalten haben könnte, ist ja so neu nicht. Christopher Moore schreibt durchaus humorvoll, sehr gelungen sind beispielsweise die Passagen, in denen der dämliche Engel durch die TV-Kanäle zappt und auch Jesus weist bisweilen allzu menschliche Eigenschaften auf. Allerdings legt der Autor nie den (zu) großen Respekt vor seinem Protagonisten ab, gerade gegen Ende geht es dann schon ziemlich christlich zu. Eigentlich ist das schade, denn man hätte mehr aus dem Stoff machen können, ich denke zum Beispiel an den Film „Das Leben des Brian“. So ist es aber nicht mehr als ein vergnügliches Buch, das wohl auch Papst Ratzinger ohne schlechtes Gewissen lesen könnte.


Kategorie: Romane
Verlag: Goldmann München

Der Preller

Dies ist Band 116 von Goldmanns Taschen-Krimis. Getreu dem Werbeslogan „Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“ enthält die Anthologie die Kurzgeschichten „Schach dem König“, „Die Rennlotterie“, „Eine Aktienspekulation“, „Der fingierte Bankkrach“, „Mr. Limmerburgs Reinfall“, „Engster Wettbewerb und seine Folgen“, „Wie ein Fuchs in die Falle ging“, „Mr. Sparkes Detektiv“, „Der U-Boot-Jäger“, „Ein merkwürdiges Filmabenteuer“, „Das Mädchen von Gibraltar“, „Eine Spielklub-Razzia“, „Der Gelegenheitskauf“, „Der Fall der Dolly de Mulle“, „Der vierundsiebzigste Diamant“, „Filmkurse per Post“, „Der Zusammebruch der Biliter-Bank“ und „Schätze in Spanien“.

Insgesamt sind hier 18 Kurzgeschichten. Jeder dieser Texte ist rund 10 Seiten lang. Sie können daher nicht so ausgefeilt wie die Romane sein und geben von daher eher schlaglichtartig einen Überblick des englischen Autoren.

Wer das Gesammtwerk von Wallace kennenlernen möchte, sei an dieser Stelle dazu eingeladen, zu diesem Buch zu greifen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Goldmann München

Der rote Kimono

Der Orient-Expreß bleibt auf seinem Weg von Istanbul nach Calais in Jugoslawien in einer Schneeverwehung stecken. Als der Amerikaner Ratchett tot in seinem Abteil aufgefunden wird, kann der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot in Aktion treten.

Das hier vorliegende Buch ist auch unter dem Titel „Mord im Orient-Expreß“ bekannt und unter diesem anderen Namen bereits erfolgreich verfilmt worden.

Was auch nicht von ungefähr kommt. Auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick vielleicht konstruiert erscheinen mag, so ist sie doch wunderbar erzählt und auch menschlich anrührend. Die Handlung ist im guten Sinne durchkomponiert.

Es gab wohl auch ein reales Ereignis, das die englische Erfolgskriminalautorin zu diesem Buch inspirierte. Und zwar waren es die Ereignisse um die Entführung des Lindbergh-Babys:

„Charles Augustus Lindbergh jr., der Sohn des Flugpioniers Charles Lindbergh, war im März 1932 im Alter von 20 Monaten aus seinem Elternhaus entführt worden. Nach der Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von 50.000 US-Dollar wurde das Kleinkind ermordet aufgefunden.

Ein bei den Eltern von Mrs. Lindbergh angestelltes Dienstmädchen wurde zu Unrecht der Komplizenschaft verdächtigt und beging nach sehr harschem Polizeiverhör Selbstmord. Dieser Zwischenfall diente Agatha Christie als Motiv für die Beteiligung des Schlafwagenschaffners Pierre Michel an der Ermordung von Ratchett/Cassetti, indem sie nach dem Vorbild des Dienstmädchens aus dem Lindbergh-Fall für den Roman das Dienstmädchen Paulette Michel – Tochter von Pierre Michel – schuf, das nach unrechtmäßiger Verdächtigung ebenfalls den Freitod wählte.

Zur Zeit der englischsprachigen Erstveröffentlichung von Mord im Orient Express im Januar 1934 war der Fall Lindbergh noch unaufgeklärt. Der mutmaßliche Täter Bruno Hauptmann wurde am 19. September 1934 festgenommen, wegen Mordes 1935 schuldig gesprochen und am 3. April 1936 hingerichtet,“ berichtet die Internetenzyklopädie Wikipedia.

Dieses Buch ist eines der besten Werke der Christie.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Goldmann München

Dreizehn bei Tisch

Die berühmte Schauspielerin Jane Wilkinson möchte ihren Ehemann, den exzentrischen Lord Edgware, loswerden. So oder so, der Weg dahin ist ihr egal. Also bittet sie den ebenfalls berühmten belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot um Hilfe. Bei einem Gespräch mit Lord Edgwarr erklärt sich dieser bereit, in die Scheidung einzuwilligen. Jane Wilkinson ist zwar überglücklich, Lord Edgware dafür am nächsten Morogen tot – er wurde erstochen.

Dies ist einer der besten Kriminalromane um Poirot. Was aber nicht nur daran liegt, daß die Geschichte gut lesbar geschrieben ist. Sie hat auch eine persönliche und menschlich anrührende Note. Dies ist ein Merkmal, das vielen Geschichten der Christie fehlt. Es lohnt sich also durchaus, zu diesem Buch zu greifen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Goldmann München

Der Distelfink

„Ich nehme an, es gab eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich eine beliebige Anzahl von Geschichten gewußt, aber jetzt gibt es keine andere mehr. Dies ist die einzige Geschichte, die ich je werde erzählen können.“ Zwanzig Jahre ist es her, dass dieser Satz den Prolog von Donna Tartts geheimer Geschichte beendete,  zwanzig Jahre, in denen von der Autorin außer einem kleinen, schmalen Band nichts zu lesen war und man zu fürchten begann, dieser Satz wäre zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden.

Die geheime Geschichte. Viele werden sich erinnern, als Anfang der 90er Jahre dieses wortgewaltige Debüt wie aus dem Nichts auftauchte und unzählige Leser in seinen Bann zog. Es war eines der nachdrücklichsten Werke des ausgehenden 20. Jahrhunderts, ein Buch, das auch Jahrzehnte später unvergessen und präsent im Gedächtnis seiner Leser ist. Immer verbunden mit dem Wunsch, diese Autorin möge noch einmal so ein monumentales, berührendes, verstörendes Werk schreiben. Zwanzig Jahre Zeit hat sie sich dafür gelassen, zehn Jahre davon verbrachte sie damit, das so sehnlich erwartete zweite Meisterwerk zu verfassen. Zehn Jahre nicht nur für die Entstehung des Buches, zehn Jahre ist auch genau die Zeitspanne, den das Buch umfasst. Spannend, sich vorzustellen, wie die Autorin zehn Jahre in genau diesem Zeitraum mit ihrer Geschichte gelebt hat.

Der Distelfink. Genauso verstörend, genauso begeisternd, genauso meisterhaft und monumental wie die geheime Geschichte. Noch bevor ich die erste Seite aufschlug, hatte ich meine ganz eigene Geschichte mit diesem Buch. Die geheime Geschichte gehört ganz sicher zu den „Büchern meines Lebens“, meine Erwartungshaltung an ein nachfolgendes Werk war enorm und meine Aufregung groß, als ich vor 2 Jahren in einer holländischen Buchhandlung „het puttertje“ sah. Mein Wunsch nach einem zweiten, ebenso epochalen Werk schien endlich erhört zu werden, doch ich musste mich noch lange gedulden, bis das Werk endlich auch dem deutschen Markt zugänglich war. Der Distelfink wurde zeitgleich in den USA und den Niederlanden veröffentlicht, was schon nach kurzer Lektüre nicht mehr verwundert. Ein entscheidender Teil des Buches spielt in Amsterdam, der Ich-Erzähler bezeichnet die Stadt als sein persönliches Damaskus und noch vor der Lektüre schien es mir eine gute Wahl. Das Bild, das ich mir von der Autorin und ihren Geschichten gemacht hatte, passt außerordentlich gut in diese Stadt.

Der titelgebende Distelfink ist ein kleines, auf den ersten Blick unscheinbares Bild des holländischen Malers Carel Fabritius. Fabritius war ein Rembrand-Schüler, der 1654 bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle ums Leben kam. Bei dieser Explosion ging auch ein Großteil seiner Werke verloren. Der bis heute erhaltene Distelfink ist ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert und im den Haager Mauritshuis zu besichtigen. In Donna Tartts Roman wird dieses Bild wiederum durch eine Explosion bedroht. Im Roman ist das Bild eine Leihgabe im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Der junge Theo Decker besichtigt es mit seiner Mutter, als sich die (fiktive) Explosion ereignet. Die Mutter verliert ihr Leben, das Kind Theo überlebt und nimmt im Chaos und der Panik der Explosion das Bild von der Wand und flieht mit diesem in eine ungewisse Zukunft. Das verstörte Kind wird von einem Ort zum anderen gereicht, seine einzige Konstante ist der Distelfink. Das kleine Bild ist Millionen wert, was ihm aber (noch) nicht klar ist. Für ihn ist es die letzte Verbindung zur Mutter, sein Trost inmitten seines von Einsamkeit und Verlassenheit geprägten Lebens.

Donna Tartt, der Distelfink

Einen Teil seiner Jugendjahre verbringt er in der surrealen Wüste unweit von Las Vegas. Dort lernt er den charismatischen, furchtlosen aber auch unzuverlässigen Ukrainer Boris kennen. Durch Boris erfährt Theo erstmals wieder ein Gefühl der Zugehörigkeit und Anerkennung, allerdings um den Preis einer nicht mehr endenden Sucht nach der Welt halluzinierender Drogen, in die Boris ihn mitnimmt. Es entwickelt sich eine Freundschaft, die Theos Leben bestimmen und überschatten wird. Boris Hang zur selbstverliebten Selbstzerstörung führt trotz mancher Wendungen, die die Handlung noch zurück ins Gute hätte führen können, zur Katastrophe. Wenn überhaupt etwas die mittlerweile erwachsenen Männer aus dieser Katastrophe herausholen kann, wird es die Liebe zur Kunst und zu Geschichten sein. Nur dieser „polychrome Rand zwischen Wahrheit und Unwahrheit“ macht es ihnen „überhaupt erträglich, hier zu sein.“ „Unheil und Katastrophen sind diesem Gemälde durch die Zeiten gefolgt, aber auch die Liebe.“ Und so fügt Theo Decker seine Geschichte den „Geschichten der Menschen hinzu, die schöne Dinge geliebt und auf sie geachtet haben, […] die sie buchstäblich von Hand zu Hand weiterreichten, strahlend singend aus den Trümmern der Zeit zur nächsten Generation von Liebenden und zur nächsten.“

Wie schon die geheime Geschichte ist auch der Distelfink getragen von Donna Tartts einzigartigen, unverwechselbaren Art zu erzählen. Sie erzählt leichtfüßig, manchmal bewusst lakonisch, um ihrer Erzählung das Schwere, die Tiefe zu nehmen. Doch so leicht man das Buch auch liest, so schwer hallt es nach, so schwer ist es zu ertragen. Auf der einen Seite ist es ein trauriges Buch, das auf die so banale wie bittere Wahrheit „aus diesem Leben kommt keiner lebend raus“ hinausläuft. Auf der anderen Seite vermag das Buch auch Hoffnung geben. Nie wurde schöner klar, warum die Unsterblichkeit der Kunst solch ein Trost sein kann. Die Kunst zeigt uns „dass das Schicksal grausam ist, aber nicht beliebig“ und dass das unausweichliche Gewinnen des Todes nicht bedeuten muss, dass „wir um Gnade winseln müssen. Es ist unsere Aufgabe, geradewegs hindurchzuwaten, mitten durch die Jauchegrube und dabei Augen und Herz offen zu halten“ damit die „Gegenwart eine strahlende Scherbe der Vergangenheit in sich tragen kann“. Schlussendlich sind es die buntesten Exzentriker aus dem Distelfinken, die den Leser mit der tröstlichen Gewissheit entlassen, „dass es zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist die Realität trifft“ „eine mittlere Zone, einen Regenbogenrand“,gibt, „wo die Schönheit ins Dasein kommt, das ist der Raum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie.“ Kunst als Magie, die den Tod und allem Kummer überwindet.

Der Distelfink ist aber nicht nur eine Reflexion über den Trost der Kunst, es ist auch ein Buch über Verlust, Obsession, Lebenskraft und die gnadenlose Ironie des Schicksals und vor allem über die Freundschaften, die all das mit sich bringen. Theo Decker hat sich nie von dem frühen, seine Welt erschütternden Ereignis der Explosion im Museum erholt, und es sind seine Freundschaften gewesen, die ihn bei aller zerstörerischen Kraft überhaupt am Leben erhalten haben. Und so endet dieses Buch in einem schon fast pilosophischen Diskurs nicht nur über die Macht der Kunst und der Freundschaft, sondern auch übergeordnet in der Frage, ob aus Gutem Böses erwachsen kann und umgekehrt.

Der Distelfink ist ebenso wie die geheime Geschichte eine uralte, sich über die Jahrhunderte immer wieder wiederholende Geschichte, aber trotzdem ein klarer Gegenwarts-Roman. Der Vergleich mit einem anderen Buch der jüngeren Zeit drängt sich auf und es bleibt nur ein Schluss: Der Distelfink ist das, was Bonita Avenue gerne gewesen wäre. Anders als Peter Buwalda traut Donna Tartt ihren Lesern aber einiges zu. Risikofreudiger als sie kann man keine Bücher schreiben. Angefangen davon, wie unbeeindruckt sie sich die Zeit nimmt, die sie für ihre Bücher braucht bis hin zum Anfang des Buches, wo sich ein völlig kaputter Erzähler schon bald als Mörder entpuppt. Donna Tartt schreibt nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sie schreibt, um ihre Geschichten zu erzählen. Man möge ihr folgen oder es lassen.

Ich empfehle dringend: Folgen und sich auf die Geschichte einlassen, auch wenn es nicht einfach ist. Und wer die geheime Geschichte noch nicht kennt: Dringend nachholen.
Sehr dringend.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift. 


Kategorie: Romane
Verlag: Goldmann München

Mama, jetzt nicht!

Dass ein Autor wie Daniel Glattauer, der in der Hochliteratur mit »Gut gegen Nordwind« brilliert, in den Niederungen des Tagesjournalismus alles andere als erstklassig auftritt, beweist die vorliegende Veröffentlichung, die seine Glossen aus der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« sammelt.

Angesprochen werden Leser zwischen Wien, Salzburg und St. Pölten, die des österreichischen Idioms mächtig sind, denn viele der Texte enthalten Begriffe, die dem hochdeutschen Leser kaum geläufig sein dürften. Wer sich indes als deutscher Leser dafür interessiert, was »Gackersackerl« oder »Grantprofis« sind, wer wissen will, ob man sich in Österreich mit »Grüß Gott« oder »Mahlzeit« begegnet, ob die SPÖ Musil liest, was ein »Röster« oder ein »Pantscherl« ist, der erfährt in den 165 ultrakurzen Texten Neues und Wissenswertes.

Wie Glattauers Verlag den eher unverschämten Preis von € 8,99 für die E-Book-Ausgabe des Buches rechtfertigt, hat sich mir während der Lektüre des Werke nicht erschlossen.


Kategorie: Kolumnen
Verlag: Goldmann München

Die unglaubliche Reise des Smithy Ide

Ein Buch geschenkt zu bekommen, ist in etwa so, wie ein Parfüm geschenkt zu bekommen. Es ist ein Risiko! Ein Parfüm kann ganz gut auf dem Teststreifen riechen, aber tut es das auch auf meiner Haut? Ein Buch kann ganz interessant aufgemacht sein, aber wird mich sein Inhalt beim Lesen wirklich faszinieren?

Also ich bin das Risiko eingegangen und habe das mir geschenkte Buch „Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ aufgeschlagen und angefangen zu lesen …

Es hat mich schnell eingesogen, denn wer könnte sich nicht mit der Hauptfigur Smithy identifizieren. Smithy ist über die Jahre bequem und unzufrieden geworden, von Selbstzweifeln geplagt und hat sich scheinbar in sein Schicksal ergeben …

Der fast gleichzeitige Tod seiner Eltern und seiner Schwester Bethany reißen ihn aus seinem Trott. Er tritt eine skurrile Reise an …

Falls Sie Lust haben auf ein zutiefst menschliches Abenteuer, lassen sie sich dieses Buch doch einfach schenken und lesen Sie selbst! Es ist (k)ein Risiko!


Kategorie: Romane
Verlag: Goldmann München