Doktor Wassers Rezept

Gustafsson Dr. Wasser

Gustafsson Dr. Wasser Lars Gustafsson sagte über sich selbst, er fühle sich als Philosoph, dessen Werkzeug die Literatur sei. Wie etliche seiner Werke unterstreicht auch sein letzter Roman „Dr. Wassers Rezept“ dies eindrücklich.

Gustafsson war einer der bekanntesten und bedeutendsten Autoren Schwedens, er verstarb im April diesen Jahres im Alter von 80 Jahren. Erst im letzten Jahr erhielt er den Thomas Mann Preis. Seine Dankesrede zur Verleihung ist noch auf seinem Blog nachzulesen. In dieser Rede bekennt er, dass er Thomas Mann auch deshalb bewundere, weil Mann die Trivialität des absurden Lebens aufheben und ihn in eine ganz andere Sphäre versetzen konnte. Diese Worte muten nun nach Gustafssons Tod an, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Umso mehr, als mit seinem letzten Buch ausgerechnet die Geschichte eines modernen Felix Krull zu seinem Vermächtnis wurde. Denn Gustafssons „Dr. Wasser“, der seine medizinische Laufbahn als Generaldirektor einer Klinik beendete und sich einen Namen in der Schlafforschung machte, ist gar kein Doktor med. Er ist „nur“ Bo Kent Andersson aus den schwedischen Wäldern, Fensterputzer und Hilfskraft in einer Reifenwerkstatt.

Der junge Bo Kent merkt früh, dass er klug ist, genau genommen: zu klug. Zumindest für das kleine schwedische Karbenning. In der Welt, in die er hineingeboren wurde, hilft ihm Klugheit nicht. Eigentlich müsste für ihn eine andere Welt her. Da findet er eines Tages die Leiche eines schon vor Monaten tödlich verunglückten Motorradfahrers – und dessen Papiere, die den Verunglückten ausweisen als Dr. Kurth Wolfgang Wasser, DDR-Flüchtling und approbierter Mediziner. Dieser Fund gibt ihm einen zufälligen Moment der Freiheit und er verwandelt den „eigentümlich durchsichtigen, fast unsichtbaren schmalen Typ aus Karbenning, die gläserne Mücke“ in einen angesehenen Wissenschaftler. Er entschied sich für den Identitätswechsel „nicht, weil ich mir besonders viel von diesem anderen versprach, sondern weil die Verführung, die von der Idee eines eigenen freien Willens ausging, unwiderstehlich war“. Nun verbringt er seinen Lebensabend als Gewinner, zumindest legen das die Ergebnisse seines Hobbys – Preisausschreiben in allen erdenklichen Formen – nahe. Aber hat er auch in seinem Leben gewonnen? Das ist die Frage, die ihn nun mit dem nahenden Lebensende vor Augen umtreibt. Kann es ihm wirklich reichen, dass er sich heiter fühlt und nicht unzufrieden?

„Doktor Wassers Rezept“ ist weit mehr als ein Schelmenroman über einen gewieften Hochstapler. Gustafsson erzählt mit der Geschichte seines Helden eine Geschichte über riskante Lügen, sinnliche Lieben und fragile Identitäten. Er folgt dabei allerdings keiner stringenten Chronik. Die Erzählung folgt – ganz Gustafssons Selbstverständnis entsprechend – einzig und alleine seinen philosophischen Gedankengängen. Die Versatzstücke des Lebens des Dr. Wasser werden dabei fragmentarisch nur zur Untermauerung der philosophischen Überlegungen gebraucht. Doch auch wenn die eigentliche Romanhandlung immer wieder unterbrochen wird, der doch man neugierig folgen möchte, ist „Dr. Wassers Rezept“ ein ungeheuer spannendes Buch. Spannend schon alleine wegen der Fragen, die das Buch aufwirft. Fragen, die sich wohl jeder zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens stellt. Die ganz existentiellen Fragen darüber, wer man ist, wie man zu dem wird, der man sein möchte, ob man überhaupt die Freiheit hat, selber zu bestimmen, wer man ist und welche Verantwortung man damit übernimmt. Noch spannender, weil Gustafsson sich nicht scheut, zumindest in Teilen Antworten zu geben: „Nein, einen Sinn hat das Leben nicht. Aber man kann ihm einen Sinn geben, vielleicht war es das, was ich tat“.

Ganz besonders spannend ist noch eine ganz andere Frage, die der Roman allerdings nur am Rande aufnimmt: Wie konnte Dr. Wasser damit eigentlich durchkommen? Wieso hinterfragte nie einer die doch so offensichtlichen Diskrepanzen in seiner Geschichte? Selbst die, die ihn aus seiner Kindheit noch als Bo Kent kannten, schluckten die phantastische Geschichte von der Adoption durch ein DDR-Ehepaar und fragten nie weiter nach. „Niemand war wirklich daran interessiert, die Fäden zu entwirren“. Gustafsson findet auch darauf eine Antwort: „Die Menschen füllen Lücken gerne aus. Das ist eigentlich nicht so merkwürdig. Leben ist eine sinnstiftende Aktivität. Leben heisst zu deuten.“ Eine Antwort von bestechender Logik, die eine weitere Frage aufwirft: Wen von unseren Mitmenschen kennen wir eigentlich wirklich und wollen wir ihn überhaupt wirklich kennenlernen? Reicht uns nicht vielmehr das Bild, das wir uns von diesen machen?

Immerhin muss man Dr. Wasser zugute halten, dass er gut war auf seinem Gebiet der Schlafforschung. Er hatte diesen Beruf nicht gelernt, aber er war seine Berufung geworden. Sein Fachgebiet hatte er sich schnell ausgesucht, schien es ihm doch eines der wenigen medizinischen zu sein, auf dem er keinen Schaden anrichten konnte. Hat man auch nicht alle Tage – einen Hochstapler, der keinem je geschadet hat. So zeichnet Gustafsson ganz en passant noch das Bild eines Menschen, auf den ihn in Ansätzen durchaus die Bezeichung „Psychopath“ zutrifft, dem man aber seinen friedlichen, verkreuzworträtselten Lebensabend dennoch gönnt.

Diese Rezension erschien ebenfalls in den Revierpassagen.de


Kategorie: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Verlag: Hanser

Der alte König in seinem Exil

51rWF+gDfLLDie ersten Alzheimer-Symptome können durchaus noch alltäglich sein, vorübergehender Verlust von Gedächtnis und Orientierung, aufkeimende Schrulligkeiten. Es dauert seine Zeit, bis die sichere Diagnose vorliegt und man endlich aufhört, mit der Person zu schimpfen und eigentlich die Krankheit zu meinen. Über das was dann kommt hat der österreichische Schriftsteller Arno Geiger ein sehr persönliches Buch geschrieben. Es erzählt über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters, darüber, wie einem geliebten Menschen, für den er immer noch viel an kindlichem Aufblick übrig hat, das geistige Navigationssystem abhanden kommt. Das Buch beginnt mit Szenen aus dem ganz alltäglichen und doch nie wieder alltäglich werdenden Umgang der beiden miteinander. Es sind Momentaufnahmen einer wegziehenden Vernunft. „Früher hatte ich auch Katzen“ entfährt es dem Vater beim Anblick einer Katze „nicht gerade für mich alleine, aber als Teilhaber“. „ Es geschehen keine Wunder aber Zeichen. Ohne Probleme ist das Leben auch nicht leichter“, lautet die Antwort auf die Frage seines Sohnes, wie es ihm geht. Solche und andere, immerhin im mittleren Stadium getane Äußerungen geraten zu Kartengrüßen aus einer ganz neuen Welt. Es ist eine Welt in der die Grundgesetze der Sachlichkeit und Zielstrebigkeit nicht mehr gelten, in der es dem Vater aber dennoch gelingt, sich über längere Zeit mit bewundernswerter Leichtigkeit zu behaupten.
Den Momentaufnahmen folgt die Chronologie. Es ist eine Abfolge von ersten, frühen Irritationen und Verstörtheiten, des Diagnoseschocks, des sich Arrangierens und schließlich des Annehmens einer Krankheit samt eines neuen Menschen. Man erfährt viel über den Vater, über das Trauma der Kriegsgefangenschaft. Er beschließt, sein ganzes restliches Leben in seinem Heimatort zu bleiben, nicht einmal Urlaubsreisen unternimmt er, um solch ein Heimweh nicht noch einmal erleben zu müssen. Tragikomischerweise kann ihn das nicht vor dem Heimweh bewahren, das ihn heimsucht, als er im fortgeschrittenen Stadium seiner Krankheit schlicht und einfach nicht mehr versteht, dass er doch im von ihm selbst erbauten Haus zu Hause ist. Man erfährt viel über die Lust seines Sohnes auf Wiederannäherung. Dazu
trägt mitunter eben auch jener skurrile Charme einer ganz eigenen Privatlogik des Vaters bei, auf die sich der Autor mit einer gewissen Neugier auch einlässt. Es ist überhaupt das Verdienst Geigers, den Krankheitsverlauf nicht als ein stetig voranschreitendes geistiges Ausbluten, sondern als ein Wechsel von lichten und dunklen, von tragikomischen und tragischen Momenten darzustellen. So mutet der Vater nicht selten wie ein leckgeschlagenes U-Boot an, dem vor dem endgültigen Absacken immer wieder unerwartete Auftauchmanöver gelingen. „Was soll ich mit dem Brot auf dem Teller?“ „Das musst du nur abbeißen“. „Wenn ich nur wüsste, wie das geht. Ich bin doch ein armer Schlucker. Es ist bei mir nichts wichtiges mehr vorhanden. Ich kann es nicht beweisen, aber das Gefühl habe ich.“ Solche und viele andere Passagen schärfen den Blick dafür, dass die Würde eines Menschen auch aus scheinbar noch so vernunftsgetrübter Ferne immer noch ergreifend herüberwinken kann.
Man merkt dem Autor den Romancier an, das Buch ist sprachlich geformt. Es ist eine intime Gefühlswelt, voller Eigendramatik, sensibler Dialoge und anreichernder Bilder. Die Melancholie wird zunehmend persönlicher, rührt sie doch von der schmerzhaften Erkenntnis der Unumkehrbarkeit her. Man mag dem Buch vorwerfen, kein Ratgeber zu sein. Dennoch, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann Wahrheit und Korrektheit aufgegeben werden müssen, weil sie keine argumentative Schwerkraft mehr haben, wann man mit unklaren Fragen weiter als mit klaren Antworten kommt, hat durchaus was Alltagstaugliches. Zum Schluss erweist sich die Heftigkeit der Umnachtungen doch als stärker als die Kräfte der Angehörigen und der Betreuer. Der Vater kommt ins Heim.


Kategorie: Erfahrungen
Verlag: Hanser

Empörung

Marcus Messner, College Schüler aus Newark bei New York. Jude. Metzgersohn. Marcus Messner flieht 1951 vor der von ihm als Alptraum empfundenen Fürsorge seines Vaters durch einen Schulwechsel. Aus dem liberalen, urbanen und prosperierenden Newark an der US-Ostküste zieht er nach Ohio, in das konservative College von Winesburg. Hier will er sich auf das Lernen konzentrieren, will sich nicht ablenken lassen. Marcus Messner will in Ruhe gelassen werden. Juden sind in Winesburg eine Randgruppe. Kirchenbesuch verbindlich – in einer christlichen Kirche. Gemeinschaftssinn ist Pflicht. Keine Chance für Marcus Messner in Ruhe gelassen zu werden.
Was folgt, ist die Geschichte der Auflehnung gegen eine subtile, sich nie offen artikulierende Unterdrückung. Umso subtiler der Druck auf Marcus wird, umso unnachgiebiger wird er, umso fundamentaler wird sein Widerstand. In ihm wächst die Empörung.

Schon das dem Roman vorausgeschickte Motto, ein Zitat von E. E. Cummings aus „i sing of Olaf glad and big“ : „Olaf (auf dem was einst Knie waren) wiederholt schier unablässig: nicht jeden Mist fress ich“ macht stutzig.
Die Überschrift des ersten Kapitels „Unter Morphium“ steht quasi wie ein Damoklesschwert über den ersten 190 Seiten der insgesamt 200 Seiten (die Auflösung wird erst im zweiten Kapitel geliefert), die der Roman umfasst. Dessen erste Sätze beschreiben den historischen und politischen Kontext der Geschichte: „Ungefähr zweieinhalb Monate nachdem die gutausgebildeten, von den Sowjets und den chinesischen Kommunisten mit Waffen ausgerüsteten Divisionen Nordkoreas am 25. Juni 1950 über den 38. Breitengrad vorgedrungen waren und mit dem Einmarsch in Südkorea das große Leid des Koreakriegs begonnen hatte, kam ich aufs Robert Treat, ein kleines College in Newark, benannt nach dem Mann, der die Stadt im siebzehnten Jahrhundert gegründet hatte.“
Die Jungen seines Jahrgangs, so erzählt uns Marcus Messner, wollen ihren Abschluss machen um dann als Offiziersanwärter bei den Marines anheuern zu können, um sich in Korea den Kommunisten in den Arm zu werfen. Zugleich hoffen alle, dass der Krieg vor ihrem Abschluss zu Ende sein möge. Ohne Abschluss von der Schule abzugehen ist gleichbedeutend mit sofortiger Rekrutierung als einfacher Soldat, als Kanonenfutter für die erste Reihe. Die Angst, die mit diesem Wissen einhergeht ist für die Jungen sehr konkret und hat Gesichter und trägt Namen. Die großen Brüder, die älteren Cousins waren erst fünf Jahre zuvor von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, aus Europa, aus Japan, aus Indochina zurückgekehrt. Oder eben nicht.

Das zweite Kapitel des Romans umfasst fünfeinhalb Seiten. Marcus hat seinen Widerstand in Winesburg nicht eingestellt. Seine Empörung ist gewachsen und in der Konsequenz bedeutet dies für Marcus: „Verschwinden Sie! Gehen Sie! Sie haben Marschbefehl! Packen Sie ihre rebellische Überheblichkeit und scheren Sie sich noch heute Abend aus Winesburg fort!“ Kein happy ending rettet diese Geschichte.


Kategorie: Romane
Verlag: Hanser