Moriarty

Clarence Devereux ist ein gefürchteter Verbrecher aus Amerika. Ende des 19. Jahrhunderts möchte er seine Geschäfte nach England ausdehnen. Das kann Prof. Moriarty natürlich nicht zulassen! So kommt es zu einem Machtkampf in der englischsprachigen Unterwelt. Als eine grausam zugerichtete Leiche in London gefunden wird, nimmt Inspektor Jones von Scotland Yard, ein glühender Anhänger von Sherlock Holmes, die Ermittlungen auf. Eine blutige Spur führt ihn von den Docks bis in die Katakomben des Smithfield Meat Market.

Horowitz wurde 1956 im englischen Stanmore geboren. Er lebt heute in London und ist auch schon im deutschsprachigen Raum als Autor in Erscheinung getreten.

Die Bezüge zu dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes sind unübersehbar. Der Fall des Clubs der Rothaarigen und sein dramatisches Ende an den Reichenbach-Fällen werden unmittelbar genannt. Jones hat sein privates Arbeitszimmer mit Devotionalien ausgestattet.

Gleichzeitig gibt es aber auch gravierende inhaltliche Unterschiede. Jones ist der geniale Ermittler. Er arbeitet für Scotland Yard. Frederick Chase heißt sein Adlatus. Er ist (angeblich?) Amerikaner und arbeitet für Pinkerton. Sie nehmen gemeinsam die Arbeit auf. Die Geschichte wird wie ein traditioneller Kriminalroman erzählt. Bis eben zum Ende. Die Horowitz`sche Erzählkunst kommt hier zu ihrem Höhepunkt. Der kriminalliterarische Dreisprung wird dabei eingehalten: Aufgabenstellung – Ermittlung – Lösung. Als Rezensent gerät man dabei in eine Zwickmühle. Wie diese geniale Auflösung beschreiben, ohne dem interessierten Leser zu viel zu verraten?

Jede Menge Spannung und Dramatik ist dabei, aber eben auch viel schwarzer Humor und Satire – so etwas kann sich nur ein Engländer ausdenken: Wie geht es weiter, im Leben des Sherlock Holmes, nach seinem Unfalltod in der Schweiz? In vielen Pastiches gehen diverse Autoren allein dieser Frage nach. „Wie könnte es im Leben des Prof. Moriarty ohne seinen Rivalen Sherlock Holmes weitergehen?“ Horowitz dreht die Frage ganz einfach um. Und geht ihr in angenehm lesbarer Art und Weise nach. Man muß kein Sherlock-Holmes-Liebhaber sein, um zu diesem Roman zu greifen. Es reicht, daß man gerne Kriminalromane liest, um dieses Buch zu mögen.

Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty; Insel Verlag Berlin 2014; 342 Seiten; ISBN: 978-3-458-17612-1


Verlag: Insel Frankfurt am Main

In hora mortis

Wild wächst die Blume meines Zorns
und jeder sieht den Dorn
der in den Himmel sticht
dass Blut aus meiner Sonne tropft
es wächst die Blume meiner Bitternis
aus diesem Gras
das meine Füße wäscht
mein Brot
o Herr
die eitle Blume
die im Rad der Nacht erstickt
die Blume meines Weizens Herr
die Blume meiner Seele
Gott verachte mich
ich bin von dieser Blume krank
die rot im Hirn mir blüht
über mein Leid.

Zum Frühwerk von Thomas Bernhard zählen rund 400 Gedichte. Sein Gedichtzyklus „In hora mortis“ („In der Stunde des Todes“) erschien erstmals 1958 und war der zweite Lyrikband, der von dem österreichischen Schriftsteller veröffentlicht wurde.

Der Titel ist dem „Ave Maria“ entlehnt und beschwört die Todesstunde eines Sterbenden. In Form eines direkt an Gott („Oh, Herr!“) gerichteten Stoßgebetes beschreibt der Dichter die Qualen, die er angesichts des Wartens auf seine Todesstunde empfindet. Thomas Bernhard stand aufgrund schwerer Lungenprobleme wiederholt auf der Schwelle des Todes und beschäftigte sich wohl auch deshalb immer wieder mit dem Thema Sterben.

Der Text beginnt mit der durchaus noch festen Klage „Wild wächst die Blume meines Zorn …“, um dann abzuklingen und in Traurigkeit zu verbrennen: „Ich bin vor Frost schon müd´ und traurig, weil mein Tag verglüht.“

Der Tod und die Relativierung aller anderen Werte angesichts dessen steter Nähe und Bedrohung ist eines der wichtigsten Motive des Zyklus. „Wo ist, was ich nicht mehr bin? – Die Zeit ist ausgelöscht“ schreibt der Dichter und stammelt schließlich am Ende des Textes: „zerschnitten ach zerschnitten ach zerschnitten ach ach ach mein Ach.“ Zerschnitten wird die Wahrnehmung der Außenwelt und des eigenen Ich. Der Tod erwischt alle, und keiner entkommt.

Deutlich klingt in dem Gebet auch die katholische Prägung Bernhards durch, wenn er mehrfach den Wunsch zu beten äußert und Gott als seinen Herrn preist. Später sagte er sich von der Amtskirche los und erklärte sie als eine der Hauptschuldigen für die Verkrüppelung des Individuums.


Kategorie: Lyrik
Verlag: Insel Frankfurt am Main

Die Stimmen des Flusses

Herrschende Geschichte und Geschichte der Herrschenden

Was der Mensch auch braucht, ist, dass man ihm gute Geschichten erzählt. Dieses Buch enthält eine solche und ihr katalanischer Autor Jaume Cabré erzählt sie uns auf fast 700 Seiten. Sie beginnt im spanischen Bürgerkrieg und findet in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts noch nicht ihr Ende. Erzählt werden mehrere Handlungen, die ineinander verwoben sind. Cabrés Roman startet damit, dass eine Lehrerin im Jahre 2004 hinter der Tafel eines Klassenraumes einer zum Abriss bestimmen Dorfschule in den Pyrenäen, die Tagebuchaufzeichnungen des ehemaligen Dorflehrers Oriol Fontelles findet. Fontelles ist im Dorf als Faschist bekannt, der 1944, in jungen Jahren, von Antifaschisten ermordet worden sein soll.
In seinen Tagebuchaufzeichnungen lernt die Lehrerin Tina Bros einen gänzlich anderen Oriol Fontelles kennen, und sie erfährt viel über die Zeit zu Beginn der Franco-Herrschaft.

Historischer Ausgangspunkt von Cabrés Geschichte ist aber das Jahr 1936. Vater und Bruder von Elisenda Vilabrú, Sprössling der reichsten und mächtigsten Familie im Dorf, werden während des spanischen Bürgerkrieges von Anarchisten erschossen. Dieser Mord treibt die junge Frau ihr gesamtes Leben lang um. Alles zu tun, um diese Tat zu rächen, wird zu ihrem Lebensinhalt. Und diese Rache will sie durch den von ihr durch Bestechung als Bürgermeister eingesetzten Falangisten Valenti Targa erreichen. Er soll für sie die Mörder ihrer Angehörigen töten. Einmal im Amt, richtet Bürgermeister Targa, nicht nur zu diesem Zweck, ein Schreckensregime ein. Grausamer Höhepunkt seiner Schreckensherrschaft ist die Ermordung eines vierzehnjährigen Jungen, nur weil dessen Vater im antifaschistischen Widerstand aktiv ist.
Der Dorfschullehrer Oriol Fontelles wird Zeuge dieses Verbrechens, aber er unternimmt nichts dagegen. Von der Familie des Jungen und den anderen Dorfbewohnern wird er deshalb beschuldigt, seinen Schüler an die Faschisten ausgeliefert zu haben, selbst ein Faschist zu sein. Die Gewaltherrschaft verändert das Leben im Dorf verändert nach und nach. Hass, Unterdrückung, Widerstand und Unterwerfung: Die Widersprüche im Alltag der spanischen Gesellschaft unter Franco, die sich in diesen Jahren erst bildet, können im Mikrokosmos dieser Geschichte beobachtet werden. Mittendrin das Leben des Dorfschullehrers: Wir lernen es in der Version kennen, die die faschistischen Machthaber verbreiten. Oriol Fontelles der Märtyrer für Franco, Kirche und Vaterland. Wir lesen aber auch seine Tagebuchaufzeichnungen. In ihnen lernen wir einen ängstlichen Mann kennen, der als Doppelagent des antifaschistischen Widerstandes agierte. Der seine Schule zu einem Zentrum des Maquis umfunktionierte.

Cabré erzählt seine Geschichte mit waghalsigen Schnitten, die den Leser wiederholt auf ein und derselben Seite aus den 1940er Jahren in das Jahr 2004 und zurück befördern. Dialoge zwischen den Protagonisten des vergangenen Jahrhunderts werden nicht selten von Personen im 21. Jahrhundert weitergeführt. Damit gelingt es ihm, den Leser unaufhaltsam in die Welt dieses katalanischen Dorfes, in die beginnende faschistische Herrschaft einzubeziehen, aber auch in die nur mit angezogener Handbremse stattfindende Auseinandersetzung des neuen, demokratischen Spanien mit seiner faschistischen Vergangenheit.

Jaume Cabré hat mehr als sieben Jahre an diesem Roman geschrieben. „Die Stimmen des Flusses“ ist das bisher einzige ins Deutsche übersetzte Buch des 1947 geborenen katalanischen Autors. Die Tatsache, dass es glücklicherweise auch in Deutschland zum Bestseller geworden ist, beschert uns hoffentlich noch die eine oder andere Übersetzung aus seinem Werk.


Kategorie: Romane
Verlag: Insel Frankfurt am Main

Vindings Spiel

Wenn die Not der Pubertät mit dem Tod der Mutter zusammentrifft, kann dies nur in eine Katastrophe münden. Doch der fünfzehnjährige Aksel Vinding nennt eine starke Kraft sein eigen, die einzige Hinterlassenschaft seiner Mutter: die Liebe zur Musik. Wie viele Stunden haben sie gemeinsam dem alten Bechstein-Klavier himmlische Musik entlockt, wie viele Tage und Nächte vor dem Radiogerät gesessen und den Konzerten großer Musiker gelauscht. Nun ist die Musik alles im Leben des Aksel Vinding, die Musik und jenes unnahbare Mädchen, das sich schließlich als virtuose Pianistin mit dunklem Geheimnis offenbart …

Der norwegische Schriftsteller Ketil Bjornstad ist selbst von Haus aus Musiker. Sein psychologisch raffinierter und tiefgründig ausgefeilter Roman hat die Rezensentin zwei Urlaubsnächte lang völlig vereinnahmt und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Liebe, Leben und Musik prägen den steinigen Weg seines eigenwilligen Protagonisten, einer starken Persönlichkeit, die beharrlich und kompromißlos nach Höherem strebt.

»Vindings Spiel« – ein zuweilen unbequemes, beinahe sprödes Buch, das sich intensiv und voller Spannung ins Bewußtsein der Leser drängt.


Kategorie: Romane
Verlag: Insel Frankfurt am Main

Der Schatten des Windes

In dieser Liebeserklärung an das morbide Barcelona übernimmt der junge Sohn eines Buchhändlers die Patenschaft für das Buch eines unbekannten Autors, der ihn bald in den Bann zieht und zu Nachforschungen über dessen Leben inspiriert. Dabei gerät er in einen Strudel von Namen und Ereignissen, die ihn schließlich selbst gefährden. Der verschlungen angelegte, hoch literarische Krimi schlägt den Leser schnell in Bann und lässt ihn atemlos den Ereignissen folgen.


Kategorie: Romane
Verlag: Insel Frankfurt am Main