Der Lärm der Zeit

Mit einem Bild, das haften bleibt, charakterisiert Autor Julian Barnes seinen Titelhelden Schostakowitsch: Der weltberühmte Komponist wartet im Mantel auf gepackten Koffern vor seiner Wohnungstür darauf, dass ihn Stalins Geheimdienst abholt und in das »Hohe Haus« verschleppt, aus dem es kein Entrinnen gab. Der Musiker will seiner Familie den Schrecken des Eindringens grober Geheimpolizisten in seine Privatsphäre ersparen, darum sitzt er innerlich zitternd vor der Wohnung in Positur und wird letztlich doch nicht abtransportiert.

Barnes zeichnet in seinem biografischen Roman »Der Lärm der Zeit« Leben und Schicksal des 1906 in Sankt Petersburg geborenen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, der aufgrund seiner Leistungen im Bereich der sinfonischen Musik schon in jungen Jahren weltweit ebenso wie in seiner sowjetischen Heimat höchste Anerkennung fand. Inspiriert durch die Werke seiner Zeitgenossen Igor Strawinski und Sergei Prokofjew schuf er eine einzigartige Melange aus volkstümlich konventionellen und revolutionären Melodien, die fantasievoll instrumentiert durch eigene Harmonik beeindruckt. Das Sowjetsystem beauftragte ihn dann auch mit hymnischen Auftragsproduktionen zur Oktoberrevolution, für die er gefeiert wurde.

Schostakowitsch baute in seine Kompositionen gern feine Andeutungen auf den Zeitgeist und seine praktischen Auswüchse ein. 1931 fiel er damit erstmals der Zensur auf, die ein groteskes Stück über Industriesabotage, das er als Ballett verarbeitet hatte, absetzte. Der Tondichter verehrte die satirischen Werke Gogols und schuf nach dessen gleichnamiger Erzählung »Die Nase« seine erste Oper, die aber aufgrund der Anspielungen auf die russische Bürokratie gleich wieder vom Spielplan verschwand. Mit seiner zweiten Oper »Lady Macbeth von Mzensk« errang er hingegen in mehr als 200 Aufführungen triumphale Erfolge, die sich auch im Ausland fortsetzten.

Das Schicksal wollte es, dass Stalin, der sich als Freund der Künste verstand, am 16. Januar 1936 eine Aufführung der Oper im Moskauer Bolschoi-Theater besuchte. Dabei übertrieb es das durch den hohen Besuch aufgeregte Orchester und gab zu viel des Guten. Die unter der mit Stahlplatten abgeschirmten Regierungsloge sitzenden Blechbläser trompeteten dem Diktator in die Ohren, sodass sich dieser erhob und wortlos das Haus verließ. Als wenige Tage später in einem vermutlich von Stalin selbst geschriebenen Artikel unter der Überschrift »Chaos statt Musik« die Oper als »Getöse, Geknirsch, Gekreisch« und »Kakophonie« abgeurteilt wurde, begann eine Hetzjagd auf den Komponisten, die einer Exekution gleichkam. Journalisten, die zuvor das Werk in höchsten Tönen gelobt hatten, leisteten öffentlich Abbitte. Intendanten von Opernhäusern, die ihn zuvor umworben und mit offenen Armen empfangen hatten, entschuldigten sich in Erklärungen für ihren »Irrtum«.

Schostakowitsch war bislang von dem kunstsinnigen Marschall Tuchatschewski unterstützt und gefördert worden, jetzt geriet auch dieser hochdekorierte Offizier in das Visier der »Säuberer« und wurde angeklagt, ein Komplott zu Ermordung des Genossen Stalin angezettelt zu haben. Der Komponist wurde zum Verhör zitiert und unter Druck gesetzt, gegen den Marschall auszusagen. Da er aber beim besten Willen nichts sagen konnte und sich ausschließlich an Musik interessiert auswies, wurde ihm Gelegenheit gegeben, seine Erinnerungen über das Wochenende noch einmal »aufzufrischen« und am kommenden Montag erneut zu erscheinen. Pünktlich fand sich Dimitri Dmitrijewitsch im NKWD-Hauptquartier Lubjanka ein, doch der Beamte, der in verhören wollte, war inzwischen selbst in Verdacht geraten und kurzerhand liquidiert worden. So ging Schostakowitsch, der Folter und den erlösenden Genickschuss erwartet hatte, wieder heim und wartete jeden Abend auf gepackten Koffern vor seiner Wohnung darauf, dass sie ihn abholten. »Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon«, schrieb er später über diese Periode.

Der Komponist bemühte sich nun, nicht weiter negativ aufzufallen und schrieb sein wohl bekanntestes Werk, die 5. Sinfonie, die am 17. März 1941 unter deutschem Beschuss in Moskau erstaufgeführt wurde. Das Werk galt als Rückkehr des verlorenen Sohnes in die offizielle Kulturpolitik, der Schöpfer wurde mit dem Stalinpreis geehrt und sollte bald auch international für die sowjetische Kulturpolitik auftreten. Um dies zu erreichen, so erzählt Julian Barnes, rief Stalin den Komponisten persönlich an. Der erklärte, es könne kaum sein, dass er im Ausland auftrete, während seine Musik im Inland verboten sei. Es dauerte nur wenige Tage, da wurden seine Werke wieder gespielt und er selbst mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Es folgten noch einige Diskussionen wegen »Formalismus«, doch 1953 starb Stalin, mit dem Schostakowitsch in seiner 10. Sinfonie musikalisch abrechnete. In der folgenden Periode des »Tauwetter« wurde er auch offiziell rehabilitiert und schuf bis zu seinem Tode 1975 in Moskau noch zahlreiche Streichquartette, Konzerte und Filmmusiken.

Immer wieder klingt in der Künstlerbiografie, die Julian Barnes verfasst hat, die Frage des Selbstverständnisses des Künstlers unter der Diktatur durch. Barnes beschreibt Schostakowitsch als weichen Menschen, der unter Folter alles ausgesagt hätte. Gleichwohl war er kein Feigling, denn sein Werk lebt von satirischen Anspielungen und Andeutungen. In einer seiner Sinfonien zitiert er sogar seine verbotene Oper »Lady Macbeth«, und auch die heroischen Momente seiner Musik lassen den Eindruck entstehen, dass Jubel oft nur unter Zwang entstand. Eine deutliche Sprache spricht schließlich ein Werk, das erst nach dem Ableben des Meisters bekannt wurde, bei dem zwei fiktive Genossen auf eine georgische Volksliedmelodie (Stalin) und einen Walzer (Schdanow) über die »optimistische« Grundstimmung der sowjetischen Musik singen.

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor. © Alan Edwards/f2 2images

Julian Barnes kommt in seinem biografischen Roman zu dem Schluss, dass Schostakowitsch keiner war, der sich als ein zum Helden geborenes Genie verstand. Vielmehr lebte der Komponist für seine Musik und wollte den »Lärm der Zeit«, so der Titel des Buches, möglichst weit von sich weghalten. Offenbar gab es keine Möglichkeit, die Wahrheit mit künstlerischen Mitteln zu sagen und dennoch zu überleben. Hinzu kommt in späteren Jahren sicherlich die Korrumpierbarkeit des erfolgreichen Künstlers, dessen »Lady Macbeth« mit Kürzungen von sexuellen Anspielungen sogar wieder aufgeführt werden durfte, nachdem er endlich unter sanftem Druck in die Partei eintrat und zum Vorsitzenden des Komponistenverbandes bestellt wurde.

Der Autor versucht in seinem äußerst dicht und eindringlich verfassten Roman, die Welt aus der Innensicht des Komponisten zu beschreiben. Dazu bedarf es vieler Fakten und der Herstellung historischer Zusammenhänge, die eingestreut werden müssen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Terror eine Seele zersetzen kann. Schade dabei ist, dass Julian Barnes nur sehr wenig über die Musik selbst schreibt, die doch in hohem Maße dazu beitragen könnte, das Profil des Komponisten zu schärfen. So bleibt nach der Lektüre die Frage im Raum stehen, ob Schostakowitsch ein feiger Mitläufer war. Der Leser mag sich selbst befragen, wie er in einer derartigen Extremsituation handeln würde. Schon die Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung allein macht das Buch lesenswert.


Genre: Biographien, Musik und Literatur, Zeitgeschichte
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Herzog

bellow-1Genie und Wahnsinn

«Das Kind in mir ist entzückt, der Erwachsene in mir ist skeptisch» war der Kommentar des US-amerikanischen Schriftstellers Saul Bellow zur Verleihung des Nobelpreises 1976. Mit «Herzog» gelang ihm 1964 der literarische Durchbruch, dieser Roman gilt heute als bedeutendstes Werk des jüdisch geprägten Autors und war zudem kommerziell erfolgreich, er machte ihn als Autor letztendlich auch in Deutschland bekannt. Wie in vielen anderen seiner Werke analysiert der hellsichtige Denker, – ein einsamer Solitär seiner nationalen Zunft -, hier die Lebensumstände einer dem Individuum immer weniger verständlichen, modernen Gesellschaft, in der seine intellektuellen Protagonisten hoffnungslos unterzugehen drohen.

«Wenn ich den Verstand verloren habe, soll’s mir auch recht sein, dachte Moses Herzog». Schon im ersten Satz ist ja, nach der Erkenntnis von Edgar Allen Poe, oft die ganze Geschichte enthalten, so auch hier. Ein an der Welt verzweifelnder, zerstreuter Professor mit Forschungsschwerpunkt Romantik hat nach der Scheidung von seiner zweiten Frau, die ihn mit seinem besten Freund betrogen hat, und nach einem von ihr erbarmungslos geführten Rosenkrieg, völlig den Boden unter den Füßen verloren. Der an Nabokovs «Pnin» erinnernde Held taumelt zunehmend orientierungslos durch das Leben, ist ständig in irgendwelche Gedankengänge verfangen und agiert meist völlig irrational, er scheitert am eigenen Unvermögen, was den profanen Alltag anbelangt. In Wissenschaftskreisen ist er weithin bekannt und hoch angesehen, und auch die Bindungen innerhalb der Familie sind sehr eng, seine durchweg lebenstüchtigen Brüder mögen ihn und helfen ihm, wo es geht. Bei schönen Frauen ist er überraschend erfolgreich, seine diversen Affären werden von Freunden recht neidisch registriert. Diese Frauen übrigens werden hinreißend beschrieben, fiel mir auf, aber Moses als Don Juan passt wirklich nicht so recht. Als der fünfmal verheiratete Saul Bellow mit 89 Jahren starb, hinterließ er eine 5-jährige Tochter (sic!), – das erklärt’s vielleicht, Charlie Chaplin lässt grüßen!

In immer wieder neuen Rückblenden wird die Vita eines tragisch-komischen Helden ohne religiöse Bindung vor uns ausgebreitet, der in vielerlei Aspekten übrigens unverkennbar ein Alter Ego des Autors ist. Mit brillanten philosophischen Exkursen hinterfragt Bellow in seinem Roman den Sinn des Lebens und erörtert soziologische Probleme der modernen Gesellschaft und der sich immer schneller wandelnden Lebensverhältnisse in den üppig wuchernden Metropolen der USA, – der Roman wirkt insoweit wie eine literarische Feldstudie des in Chikago beheimateten Autors. Diesen mühsamen Prozess der Selbstfindung realisiert der Autor sprachlich mit einem originellen Erzählstil, in dem er seinen verwirrten Helden Don Quichotte-artig immer neue Briefe an die unterschiedlichsten Personen schreiben lässt, ein wüstes Sammelsurium von Gedanken politischer, soziologischer und kultureller Art, ergänzt um viele wissenschaftliche Diskurse. Adressaten der fast immer nur imaginierten, nicht wirklich aufgeschriebenen und auch nie abgeschickten Briefe sind lebende wie auch tote Personen. Obwohl all diese inneren Monologe kursiv gesetzt und somit leicht erkennbar sind, erfordert die Lektüre doch einige Lesedisziplin nicht nur in Hinblick auf den geistigen Gehalt des Erzählten, sondern auch der abrupten Wechsel wegen, mit denen Bellow diese Gedankensplitter ins Textganze integriert.

Moses Herzog endet bei seiner Sinnsuche in einer Ablehnung des Nihilismus moderner Prägung, wie ihn Viele in seiner Umgebung praktizieren. Er beginnt nach dem Rückzug in sein entlegenes Landhaus die seelisch wohltuende Wirkung einsamer Natur zu entdecken, erkennt zudem den Wert selbstloser Liebe, wie sie ihm seine attraktive neue Freundin entgegenbringt, vor der er verstört dorthin geflüchtet war, – ein hoffnungsvoller Lichtblick am Ende des Tunnels seiner von Einweisung in die Psychiatrie bedrohten Existenzkrise.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Flauberts Papagei

barnes-4Ein Vexierspiel

Mit «Flauberts Papagei», seinem dritten, 1984 für den Booker Prize nominierten Roman, gelang dem britischen Schriftsteller Julian Barnes der Durchbruch. Inzwischen liegt ein stattliches Œuvre dieses Autors vor, der literarisch der Postmoderne zugerechnet wird. Kennzeichnend für seine subjektivistische Prosa sind zum einen die Betrachtungsweise aus einer dezidiert individuellen Perspektive, ferner seine häufige Beschäftigung mit historischen Themen sowie sein deutlich spürbares Faible für französische Lebensart und Literatur. Wobei Letzteres viele intertextuelle Bezüge mit einschließt, im vorliegenden Roman natürlich vor allem zu dem literarischen Olympier Gustave Flaubert. Und, – last, but not least -, gehört natürlich auch der typisch britische Humor dieses Romanciers dazu, dessen hintergründige Ironie ja schon im Titel des Romans aufblitzt.

Protagonist und Ich-Erzähler ist Geoffrey Braithwaite, Landarzt im Ruhestand und als Privatgelehrter ein geradezu fanatischer Flaubert-Forscher. Seine Spurensuche durch Museen  und Archive, durch Bibliotheken und Antiquariate bezieht auch jenen ausgestopften Papagei mit ein, der als Leihgabe zeitweise auf dem Arbeitstisch des Romanciers stand und ihm wohl als Inspirationsquelle diente. In «Ein schlichtes Herz», erste Erzählung des erfolgreichen Triptychons «Trois Contes» von 1877, jenem spöttischen Abgesang auf illusionäre Idealsuche, spielt der Vogel denn auch eine tragende Rolle. Barnes benutzt ihn als Leitmotiv in seinem Roman und erzählt in 15 Kapiteln von den laienhaften Forschungen des verwitweten Arztes. Dabei bleibt kein Aspekt aus der Vita des verehrten Schriftstellers ausgespart, seine Liebesaffären werden ebenso thematisiert wie seine zurückgezogene Lebensweise und diverse Marotten, zu denen zum Beispiel sein Hass auf die Eisenbahn gehört. Im Kapitel «Die Flaubert-Apokryphen» wird lebhaft über seine nicht geschriebenen Bücher spekuliert, in anderen stehen seine Beziehung zu Tieren im Vordergrund, und natürlich auch die gesellschaftlichen Anfeindungen, die der Roman «Madame Bovary» hervorgerufen hatte, ein gefährlicher juristischer Strudel damals, aus dem er glänzend rehabilitiert wieder aufgetaucht ist.

Selbstverständlich ist diese eindeutig bekannteste Romanfigur Flauberts im Roman allgegenwärtig, Julian Barnes lässt Emma Bovary geradezu lebendig werden, erhebt die Ehebrecherin beinahe zu einer historischen Figur. Und so wird denn auch die köstliche Anekdote erzählt, dass man in Hamburg schon ein Jahr nach Erscheinen des Romans eine «Bovary» mieten konnte, eine zum Kopulieren zweckentfremdete, ziellos herumfahrende Pferdedroschke, so benannt in Anspielung auf die berühmte Fiakerszene. Der Protagonist kann sich nach einem Museumsbesuch dann auch die Anmerkung nicht verkneifen, dass ihm die ausgestellten Droschken aus jener Zeit beängstigend klein vorgekommen sind und allesamt kaum geeignet seien für den von Flaubert ersonnenen, zweckentfremdeten Gebrauch. Typisch Barnes!

Mit seinem dilettierenden Literaturforscher Braithwaite karikiert der Autor gekonnt die ganze Zunft, weist auf Absurditäten und Hirngespinste hin, denen da so übereifrig nachgegangen wird. Ein Leser, der Flaubert nicht kennt, nichts von ihm gelesen hat, wird kaum auf seine Kosten kommen bei dieser Eloge auf den berühmten Romancier, zu häufig wird doch auf dessen Werk Bezug genommen. Das Fiktionale des Romans wird hier durch massenhaft Historisches unterfüttert, man glaubt sich beim Lesen zuweilen eher in einer Schriftsteller-Biografie angesichts der vielen Daten und Fakten, die da ausgebreitet werden. Aber die Rahmenhandlung mit ihrem Ich-Erzähler holt einen dann doch immer wieder ins Fiktionale zurück. Der experimentell aufgebaute Plot ist hervorragend durchdacht mit vielen stimmigen Verweisen, er wird in einer brillanten Sprache erzählt und vermittelt en passant eine Menge Wissenswertes über Gustave Flaubert. Einfach zu lesen ist dieses gekonnte Vexierspiel allerdings nicht.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Die Toten

Für alle, die es noch nicht wissen: Christian Kracht hat einen neuen Roman geschrieben. Über das aufstrebende Filmmilieu der dreißiger Jahre zur Zeit der NS-Machtübernahme. Titel: „Die Toten“. Ja, den Titel hat es schon mal gegeben. Bei James Joyce. Anspruch will eben formuliert sein.

Trailer ab. Es treten auf :

In den Hauptrollen:
Emil Nägeli, ein Schweizer Avantgarde-Regisseur, mit einem ausgewachsenen Vaterkomplex behaftet.
Masahiko Amakasu: Japanisches ex-Wunderkind, als Erwachsener vor allem durch sein Faible für deutsches Brauchtum und Mythen auffallend.

In den Nebenrollen: eine dralle, blonde deutsche Schönheit namens Ida, ferner UFA-Tycoon Hugenberg, Charlie Chaplin, Siegfried Kracauer, Lotte Eisner, Ernst „Putzi“ Hanfstaengl und Heinz Rühmann (geschickter Schachzug, auf nickende Kennermienen der Leser und Kritiker abgestellt).

 

Schauplätze:

das Berlin der Weimarer Republik
Japan vor einer Zeitenwende
Hollywood als vermeintlicher Rettungsanker
diverse Berge und Bauernhöfe

Handlung: Mit deutschem Geld soll in Japan ein Vampirfilm gedreht werden – sozusagen als Zelluloid-Achse, um die faschistoide zu unterstützen. Mit Vampiren, viel Blut und nicht ganz soviel Kultur gegen den amerikanischen Kulturimperialismus, der allerdings schon da ist – in Gestalt des gerade in Japan nahezu gottgleich verehrten Charlie Chaplin. Dazu Fressorgien, Besäufnisse und reichlich historische Ereignisse (die zwar nichts zur Sache tun, aber wenn sie sich schon zum Zeitpunkt der Handlung ereignen. Man will ja nicht umsonst recherchiert haben).

Trailer Ende.

Doch bevor es im Buch um den Plot geht, (sieht man mal vom in allen Details beschriebenen Harikiri eines japanischen Offiziers direkt zu Beginn ab) ist die Hälfte des Buches schon um. Denn zunächst geht es in epischer Breite um die Leiden des jungen Nägeli und des jungen Amasuko. Kann man ja nicht unter den Tisch fallen lassen. Problematische Vater-Sohn-Beziehungen oder frühe Traumata wie der Tod des weißen Nicht-Kuscheln-Wollen-Hasen geben literarisch ja auch richtig was her. Und erst die autoritäre Kadettenanstalt, die das kleine Genie Masahiko den Flammen überlässt.

Das alles taugt zwar nicht als Rahmenhandlung oder gar als roter Faden, ist auch komplett bedeutungslos für die weitere Handlung, aber gepflegtes Leiden ist schließlich auch wichtig. Und das alles schön parallel montiert. Es geht ja um den Film als Kunstform. Im Film ist Parallelmontage sehr gefragt. So kann man gleich ganz klug und beseelt schließen, ah ja, hier ist die filmische Kunstform ins Literarische übersetzt. Und gelitten wird später auch noch. Wenn auch eher kunstblutig. Aber vielleicht ist das ja der rote Faden. Irgendwie will man als Leserin den Kreis ja dann doch geschlossen kriegen.

Kommt man dann zum Plot, treffen sich Nägeli und Amakasu endlich in Japan, wird dummerweise die (gemäß Verlagsbeschreibung „…das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiernde“) begonnene Handlung schon wieder unterbrochen. Schade. Aber was will man machen, wenn die blonde Ida dem japanischen Genie den Kopf verdreht und auf ganz andere vampirische Art als die geplante saugt. Dem Nägeli bleibt immerhin noch die „Augenblicklichkeit des Universums“ und die blonde Spielverderberin kriegt ihre Kunstblut-Strafe. Und nicht zu vergessen: die Toten. Die haben wir ja auch noch. Die mischen sich dauernd zwischenrufend ein. Sind wahrscheinlich sowas wie das Kinopublikum für edel leidende junge und ältere Herren. Dass hingegen der Roman der dramatischen Struktur des japanischen No-Theaters folgt, das braucht man gar nicht groß herauszufinden. Kracht ist so stolz drauf, dass er einen mit der Nase draufstößt. Aber schön, oder? Da haben wir doch so einiges, was die Nicht-Rahmenhandlung und den kleinen Plot zusammenhält.

Der Roman schafft das Kunststück, viel zuviel Information bei gleichzeitiger Inhaltslosigkeit zu liefern. Aber immerhin in schön gedrechselten Sätzen, beinhaltend eine wahre Fundgrube für die beliebte Sammlung „Schöne, fast vergessene Wörter“. Die „Ästhetisierung des Schrecklichen“ passt dazu, aber es bleibt eine elegante Spielerei. Statt Herzblut spritzt einem auch dort nur Kunstblut entgegen und es ist einem ganz unglaublich egal, ob man Gewalt so beschreiben darf, weil diese Passagen so bemüht wirken, dass sie einen nur kalt lassen können. Christian Kracht ist sicherlich ein feinsinniger Autor, aber was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist der Eindruck, inhaltsleere Manierismen eines klugen Kopfs gelesen zu haben. Und Fragen bleiben: Die nach dem Warum und Wozu? Und vor allem: Warum wird das derart gefeiert? Alles, was ich sehe, ist eine Klamotte, eine langweilige noch dazu. Garniert mit dem Muff deutschen Mythen, von denen einem auch nicht im Ansatz erklärt wird, warum sie so toll sind und schon gar nicht, welche Lehren man daraus für die Zukunft ziehen könnte. Irritierend.

Abspann: Vielleicht ist die Entstehung des Romans mit einem drängenden Bedürfnis des Autors zu erklären, sich mit aller Macht und Gewalt um jeden Preis aus den Schubladen lösen zu wollen, in die man ihn hineingepresst hat: Wunderkind, Popliterat und was da nicht immer alles an überfrachteten Erwartungen zu lesen ist. Dieser Intention und dem ganzen Roman hätte dafür allerdings eine Rückbesinnung auf Krachts Begabung als Satiriker gut getan.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Genre: Roman
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Lebensstufen

barnes-3Ein literarisches Taj Mahal

In seinem neuen Buch «Lebensstufen» verarbeitet der englische Schriftsteller Julian Barnes seine Trauer über den Tod seiner innig geliebten Frau. «Zwischen Diagnose und Tod lagen 37 Tage», wie er schreibt, und diese wenigen Tage waren beherrscht von «Angst, Schrecken, Sorge, Entsetzen». Nun könnte jemand, der das Buch schon kennt, einwenden, es gäbe neben dem letzten Teil über die Trauerarbeit des Autors ja noch zwei weitere, vorangehende Teile, in denen es um Anderes geht. Und in der Tat, der für sein Romanwerk mit bedeutenden Literaturpreisen geehrte Autor hat im vorliegenden Band versucht, so Verschiedenes wie die Anfänge der Ballonfahrt und der Fotografie mit solchen Themen wie Liebe und Trauer zu verbinden. Dieser Versuch aber ist gescheitert, es würde dem Buch nichts fehlen, hätte er die beiden ersten Teile einfach weggelassen. Denn die wenigen Stellen, in denen vage Bezüge zwischen ihnen geknüpft werden, sind keineswegs überzeugend, sie wirken konstruiert und nur dazu bestimmt, die seltsame literarische Melange aus einem Essay, einer Kurzgeschichte und einem autobiografischen Bericht irgendwie zu rechtfertigen.

Unter der Überschrift «Die Sünde der Höhe» wird im ersten Teil von den Anfängen der Ballonfahrt erzählt, als kühne Männer den Traum vom Fliegen verwirklicht haben auf den Spuren von Ikarus. Der von mir ungemein geschätzte, ironische Erzählton von Julian Barnes, sein trockener britischer Humor, blitzt hier – aber leider nur hier – an einer Stelle kurz auf. Wenn nämlich die englischen Ballonfahrer nach glücklicher Landung in Frankreich dem Wind dankbar sind, der sie dorthin getrieben habe, der kulinarischen Genüsse wegen, denen sie bei der Begrüßungsfeier entgegensehen, kein Vergleich mit dem, was sie bei einer Landung irgendwo auf englischem Boden erwarten würde, erklärt der frankophile Autor. Auch «La divine Sarah» wagt sich in den Ballon, die legendäre Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Göttliche, und Gaspard Félix Tournachon alias Nadar macht aus der Gondel die ersten Luftaufnahmen. Zu den kühnen Aeronauten gehört auch Fred Burnaby, der sich im mehr fiktional angelegten zweiten Teil «Auf ebenen Bahnen» in die Diva verliebt und natürlich scheitert, eine Göttin heiraten zu wollen muss ja schiefgehen.

«Ein Buch über das Wagnis zu lieben» kündet der Klappentext an, und so ist denn schließlich, nach einem Zeitsprung von mehr als hundert Jahren, auch der dritte Teil das, worum es eigentlich geht: Die tiefe Liebe des Autors zu seiner Frau Pat Kavanagh und der Schrecken, als er sie nach dreißig Ehejahren plötzlich verliert. Es ist eine wahrhaft grenzenlose Liebe, die da vor uns ausgebreitet wird, man ist geschockt und tief gerührt als Leser über den unbewältigten Schmerz dieses Mannes, der mit seiner neuen Lebenssituation nicht umgehen kann, sie nicht akzeptieren will, auch nach mehreren Jahren noch nicht. Mit einer Fülle von Gedanken und leidvollen Erfahrungen als Hinterbliebener versinkt Julian Barnes in eine scheinbar nicht enden wollende Trauer, bei der ihn, der sich einmal selbst als glücklichen Atheisten bezeichnet hat, keine Jenseitsversprechen, kein Glaube an Wiedergeburt oder den Eingang ins Nirwana trösten.

In seiner posthumen literarischen Liebeserklärung, die souverän konventionelle Gattungsgrenzen ignoriert, hat Julian Barnes, den man der Postmoderne zuordnet als Autor, in beeindruckender Weise die Schrecken geschildert, die der Tod auf den hinterbliebenen Partner auszuüben vermag, ja die in seinem Fall sogar Gedanken an Suizid ausgelöst haben. Nicht alle seiner diesbezüglichen Reflexionen sind überzeugend, manche Vergleiche erscheinen mir missglückt in seiner sehr persönlich gehaltenen Geschichte. Er erzählt unpathetisch und atmosphärisch dicht von der unsäglichen Trauer um seine Frau, der er mit diesem intimen Buch eine Art literarisches Taj Mahal errichtet hat, das mir allerdings in etlichen Aspekten nicht als gelungen erscheint.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Das Geheimnis des Luca

silone-1Vierzig Jahre Schweigen

Unter dem Pseudonym Ignazio Silone hat der italienische Politiker und Autor Secondino Tranquilli ein relativ kleines Œeuvre geschaffen, wobei einige seiner Werke eine liebevolle Hommage an seine Heimat in der Provinz L’Aquila der Region Abruzzen darstellen. Und dazu gehört zweifellos auch der Roman «Das Geheimnis des Luca», ein bedeutendes Werk der italienischen Literatur, das im Jahre 1956 im Original erstmals erschien, ein Jahr später dann schon in deutscher Übersetzung vorlag und den Autor auch hier bekannt machte.

Silone hatte ein bewegtes politisches Leben in verschiedensten Funktionen, er war für die Sozialisten und eine Zeit lang auch für die Kommunisten Italiens vor allem journalistisch tätig. Wegen seiner politischen Gesinnung wurde er mehrmals interniert und musste während der Zeit des Faschismus dann ins Schweizer Exil gehen. Als Mitglied des Komintern für die Kommunistische Partei Italiens erlebte er aus nächster Nähe den Aufstieg Stalins zum verabscheuungswürdigen Diktator, eine Erfahrung, die ihn mit dem Kommunismus brechen ließ, er trat aus der Partei aus und wandte sich wieder den Sozialisten zu. Seine politische Orientierung ist Ergebnis seiner Erfahrungen in der Jugend, das Leben in einer kargen, rauen Bergregion, die ihre Bewohner in besonderer Weise prägt. Schon als Fünfzehnjähriger verlor er seine Mutter und fünf Geschwister bei einem schweren Erdbeben, kämpfte mit den Landarbeitern gegen die feudalen Großgrundbesitzer und engagierte sich beim Protest gegen die Tatenlosigkeit der Politiker bei der Aufarbeitung der Erdbebenschäden. Ein Unvermögen übrigens, an dem sich auch Jahrzehnte später rein gar nichts geändert hat, wie jeder erstaunt feststellen wird, der nach dem Erdbeben vor fünf Jahren die besonders stark betroffene Stadt L’Aquila heute mal besucht.

Der vorliegende Roman erinnert mit seiner scheinbar zeitlosen, ebenso weltentrückten wie unbeirrbaren Liebesbindung an Gabriel Garcia Marquez, nur dass Florentino dort nach fast lebenslanger Wartezeit am Ende seine Hermina doch noch bekommen hat in dem berühmten Roman «Die Liebe in den Zeiten der Cholera». Solch ein spätes Happyend ist Luca aber nicht beschieden, so viel kann hier gesagt werden, ohne der Geschichte, die allein mit dem Wort «Geheimnis» im Titel ja schon neugierig macht, ihre Spannung zu nehmen. Denn man ahnt gleich zu Beginn, als ein alter Mann nach vierzig Jahren, die er unschuldig im Zuchthaus verbracht hat, in sein Heimatdorf in den Abruzzen zurückkehrt, dass hinter den vielen Rätseln eine Frau stecken dürfte. Luca wird von fast allen Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt und gemieden, nur der alte Pfarrer Don Serafino und der ehemalige Dorflehrer Andrea Cipriani, der vom Schuldienst in die Politik übergewechselt ist, halten zu ihm. Letzterer ist es dann auch, dem das Geheimnis keine Ruhe lässt, ganz besonders nämlich treibt ihn die Frage um, warum Luca sich im Prozess einst nicht verteidigt hat und ihm auch jetzt, nach seiner Begnadigung, immer noch kein Sterbenswörtchen zu entlocken ist. Denn dass er den ihm zur Last gelegten Raubmord nicht begangen hat, ist inzwischen längst belegt, mehr will ich aber hier nicht verraten.

Der Reiz dieses Romans liegt in der klug erdachten, spannenden Geschichte, die der Autor ruhig und gelassen erzählt, ohne jede dramatische Effekthascherei, die karge Landschaft gibt also auch sprachlich die Richtung vor. Alle Figuren sind sehr liebevoll gezeichnet, sie wirken glaubwürdig und oft auch sympathisch, besonders in den vielen, durchweg lebensechten Dialogen, die den Leser häufig mal schmunzeln lassen. Eine solch angenehme, in schnörkelloser Sprache verfasste Lektüre legt man ungern zur Seite, ehe man nicht den letzten Satz gelesen hat, ehe nicht alles geklärt ist in dieser emotional anrührenden Geschichte.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Odessa Star

koch-1Satire oder nicht

Wer da glaubt, die Romane eines Comedians müssten doch lustig oder zumindest amüsant sein, der irrt sich. Herman Koch nämlich, niederländischer Autor, Schauspieler, Kolumnist und TV-Comedian, ist eher ein schreibender Misanthrop, sein Roman «Odessa Star» von 2003, zehn Jahre später auch auf Deutsch erschienen, zeigt dies sehr deutlich. Es ist dies nämlich eine geradezu niederschmetternde Geschichte, thematisch der Fernsehserie «Breaking Bad» verwandt, die sich aus einer derart bösartigen Erzählhaltung heraus entwickelt, dass man sich als Leser am Ende einfach nur resigniert wünscht: Hätte man doch dieses unerfreuliche Buch nie zur Hand genommen!

Den Durchbruch zum Bösen begeht hier Fred Moorman, ein Endvierziger in der Midlife-Crisis, der unter seinem so völlig unspektakulären Leben leidet, sich als Versager fühlt. Er wünscht sich sehnlich einen anderen Bekanntenkreis, schämt sich für seinen popligen Opel, träumt stattdessen von einem schwarzen Jeep Cherokee mit allem Schnickschnack. Als ihm sein protzig auftretender ehemaliger Schulkamerad Max G. begegnet, sieht er in dem vermutlich mafiosen Jugendfreund einen Helfer für den Aufstieg aus seinem drögen Mittelstandsdasein. Was folgt ist eine haarsträubende Geschichte, in deren Verlauf wir nicht nur die bucklige Verwandtschaft des fragwürdigen Helden näher kennen lernen, sondern auch ihn selbst, wir erleben ihn samt Frau und halberwachsenem Sohn zum Beispiel bei einem Urlaub auf Menorca. Währenddessen sorgen der zwielichtige Freund und dessen Bodyguard dafür, dass die unliebsame Mitbewohnerin in Freds Haus spurlos verschwunden ist, als er zurückkommt.

Die dezent eingebauten Thrillerelemente kontrastieren mit vielen geradezu unappetitlichen Szenen im Leben dieses Antihelden, dessen Häme vor nichts haltzumachen scheint. Seien es die schon eine viertel Stunde vor Öffnung des Speisesaals «wie eine Herde an einem Wasserloch» wartenden Senioren im Hotel, über die er sich ärgert, die einen penetranten Geruch nach Apotheke und Windeln ausströmen und dann binnen kurzem das Buffet ratzeputz leer fressen, oder der mongoloide Junge, dessen Anblick ihn so stört, dass er ihn am liebsten im Pool ertränken würde. Er mokiert sich aber auch über die grottenhässlichen Belgier und die ewig Fish and Chips mampfenden Engländer, der menschenfeindliche Protagonist gehört also unzweifelhaft zur Spezies der Kotzbrocken. Man fragt sich als Leser, mit welchem Kalkül der Autor seine wirre Geschichte mit so unappetitlichen Szenen wie die Kopulation des Nägel kauenden Französischlehrers mit seiner hässlichen Frau oder die Ekel erregenden Zustände in der Wohnung seiner dementen Mitbewohnerin anreichert. Ist es der pure Spaß am Unkorrekten, Geschmacklosen, Gehässigen? Ist diese sarkastische, zynische Erzählhaltung ein bewusst eingesetztes Stilmittel, trickreich die Erwartungen der Leser zu konterkarieren, sind alle diese Tiraden eines Egomanen also nur als Satire zu verstehen?

Dann aber wäre die Übertreibung als typisches Kennzeichen der Satire hier auf die Spitze getrieben, die Grenze zur Verunglimpfung ist eindeutig überschritten. Ich hatte vielmehr das ungute Gefühl, dem Autor ist seine Story irgendwie entglitten. Denn vieles daran ist derart haarsträubend und verworren, dass man sich nur wundert, – die völlig abstruse Szene um die TV-Sendung «Wer wird Millionär» ist ein beredtes Beispiel dafür, aber auch der Mord an Max G. oder die manipulierte Gasleitung des Schwagers. Und wenn der Junge mit Dow-Syndrom als «Mongo» bezeichnet wird, als ein Halbmensch, dessen Eltern sich schämen müssten, ihn gezeugt zu haben, dann ist man einfach nur angewidert von diesem unsäglichen «Thriller». Nun könnte man einwenden, all diese Tabubrüche begeht ja nur der fiese Ich-Erzähler Fred, eine Romanfigur also, stünde dem nicht entgegen, dass dieser unsägliche Held ja durchaus wohlwollend beschrieben wird von seinem Schöpfer Herman Koch, eine abgrenzende Distanz ist da für mich nicht erkennbar.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Das Mädchen

kluessendorf-1Kein Wohlfühl-Roman

«Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig». Ob schon im berühmten ersten Satz die ganze Geschichte steckt, wie Edgar Allan Poe als bedeutender Literaturtheoretiker des Neunzehnten Jahrhunderts konstatierte, sei dahingestellt, aber dieser erste Satz hier führt uns gleich äußerst brutal hinein in das bedrückende Leben eines heranwachsenden Mädchens. Und das Foto auf dem Buchumschlag passt so gar nicht dazu, aber auch der Klappentext, in dem von trockenem Humor in der Prosa der Autorin die Rede ist, führt uns in die Irre, denn Humor ist an keiner einzigen Stelle dieses Romans zu finden. Im Gegenteil! Beklemmend, düster, brutal geradezu werden etwa fünf Jahre im Leben der namenlos bleibenden Protagonistin geschildert, der Zeitraum der Pubertät dieses bedauernswerten Menschenkindes. Eine der eher seltenen Geschichten aus dem Prekariat der DDR, die aber ebenso stimmig in der Bundesrepublik hätte angesiedelt sein können, Politik ist kein Thema also, auch wenn immer wieder mal ein Foto von Honecker an der Wand hängt. Der Handlungsort deutet vielmehr auf die biografische Nähe der Verfasserin zu ihrer Figur hin, in der Berufswahl Zootechniker/Mechanisator am Ende des Romans stimmen beide darin jedenfalls überein.

Distanziert, emotionslos, geradezu lakonisch erscheint Klüssendorfs Sprache, in der die Erzählung permanent für Spannung sorgt, indem sie ständig zwischen Ausweglosigkeit und Hoffnung pendelt, den Leser damit aber auch einem ständigen Wechselbad der Gefühle aussetzt, ihn immer wieder zwischen Abscheu und Mitleid schwanken lässt in dieser unsäglichen Geschichte. «Das Mädchen» lebt völlig vernachlässigt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihrem kleineren Bruder in einer familiären Hölle aus Armut, Lieblosigkeit und brutaler Gewalt bis hin zum Sadismus. Die Wirkungen sind verheerend, das malträtierte, vernachlässigte Mädchen reagiert ihrerseits mit Hass, wehrt sich gegen den psychischen und physischen Terror, gleitet in die Kleinkriminalität ab, flüchtet sich aber auch in ihre Träume, sucht verzweifelt einen Halt in der Literatur, versucht dem sozialen Abstieg entgegenzusteuern, die Opferrolle los zu werden. Es gibt keinen Spannungsbogen in diesem Roman, keinen Höhepunkt, auf den alles zuläuft, lauter kleine Begebenheiten reihen sich gleichberechtigt aneinander bis hin zum abrupten Ende, das uns ohne jeden positiven Ausblick in völliger Hoffnungslosigkeit zurücklässt.

Zu dieser düsteren Thematik passt die knapp und kühl wirkende Sprache ideal, durchgängig im Präsens formuliert, fast reportageartig wirkend und sich sehr radikal zurückhaltend mit Deutungen oder Hinweisen, damit den Leser in eine Stimmung versetzend, die nicht gerade als erfreulich bezeichnet werden kann, ihn aber eher wütend macht als melancholisch. Man kommt ins Sinnieren, inwieweit hier Realität abgebildet wird, hofft, es wäre nicht so, ahnt aber, leider doch, es ist real! Was kann aus Menschen werden, die so heranwachsen, die kaum eine Chance haben nach ihrer traumatischen Kindheit, an der sie selbst ja überhaupt keine Schuld tragen?

Ein Wohlfühl-Roman ist dieses schmale Buch also nicht, irgendwie ist man froh, wenn man das Ende erreicht hat, kann aber dann nicht umhin, immer wieder noch mal auf die Geschichte zurückzukommen, ihre Botschaft zu ergründen, auch wenn sich die Autorin jedweder Interpretation enthalten hat. Wofür man ihr dankbar sein muss! Was die Lektüre bewirkt beim Leser, unterscheidet sich erheblich voneinander, aber auch wenn die Mehrheit begeistert ist, ich war es nicht! Was natürlich ganz allein meine Schuld ist, mich hat letztendlich weder der Plot noch die karge Sprache überzeugt in ihrer fragwürdig erscheinenden Sprunghaftigkeit.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Fegefeuer

Eine Ahnung vom Enoksanen-1de

Die finnische Autorin Sofi Oksanen hat die Handlung ihres dritten Romans «Fegefeuer», dem ein Jahr vorher ein gleichnamiges Theaterstück vorausging, in Estland angesiedelt, dem sie durch ihre estnische Mutter verbunden ist und dessen Sprache sie beherrscht. Als ausgewiesene Feministin angesehen, sind ihre bisherigen Themen konsequent frauenbezogen gewesen, sie widmen sich Problemen wie Gleichberechtigung oder Gewalt gegen Frauen in patriarchalisch geprägten Gesellschaften. Schon der Titel dieses autofiktiven Romans, in dem sie Autobiografisches mit Erfundenem vermischt, deutet voraus, dass es um Unerquickliches gehen dürfte, dass die Hölle darin zur Realität wird, und diese Hölle heißt hier UDSSR. Die zornige Autorin scheut sich nicht vor schwierigen Themen, das kommunistische System, nach ihren eigenen Worten eines der schlimmsten der Weltgeschichte, sei bisher im Gegensatz zum Nationalsozialismus viel zu selten thematisiert worden.

Zara, eine junge russische Prostituierte, landet auf der Flucht vor ihren brutalen Zuhältern bei Aliide, einer alten Bäuerin in Estland. Widerwillig nimmt diese die geschundene junge Frau auf und versteckt sie in ihrem Haus. Erst allmählich stellt sich heraus, dass Zara nicht zufällig bei Aliide Unterschlupf gesucht hat, ihre Oma ist deren Schwester. Diesem nur wenige Tage im Jahre 1992 dauernden Handlungsstrang, also nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Unabhängigkeit Estland, steht ein zweiter gegenüber, der zeitlich mehr als vierzig Jahre zurückliegt und Aliides Leben als junge Frau schildert. Deren Schwester heiratet Hans, einen estnischen Nationalisten, und stürzt sie damit in ein lebenslanges Trauma, war Hans doch ihr Märchenprinz. Sie selbst heiratet später einen kommunistischen Apparatschik, und in einer spannenden Geschichte um Schicksal, Gewalt, Eifersucht, Verrat, Angst und Scham schält sich nach und nach das Bild einer menschlichen Tragödie heraus, die sich damals abgespielt hat, während Stalins Schreckensherrschaft. Bei dieser kurzen Skizzierung will ich es bewenden lassen, mehr zu verraten wäre einfach unfair den potentiellen Lesern gegenüber.

Die Autorin versteht es meisterhaft, mit einfacher Sprache verwickelte Zusammenhänge zu schildern, sie erweitert immer nur fein dosiert mit zusätzlichen Details ihr fiktionales Werk, das sich dann allmählich puzzleartig zu einem Panorama fügt. Und trotz der sprachlichen Schlichtheit schafft sie es, ihre Figuren und das Umfeld, in dem sie leben, glaubhaft und plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen, das Rotlicht-Milieu in Berlin ebenso wie das Landleben in Estland. Ähnlich polarisierend sind auch ihre beiden Protagonistinnen angelegt, Russin aus Wladiwostok gegen Estin, Jung gegen Alt, Nutte gegen Bäuerin, und die zwei wichtigen Männerfiguren sind ebenfalls konträr, estnischer Nationalist gegenüber sowjetischem Apparatschik. All das verleiht der atmosphärisch dicht erzählten Geschichte eine zusätzliche Dramatik. In Form der erlebten Rede rekapitulieren ihre Figuren häufig das Geschehene und dessen Hintergründe, eine detektivische Methode zur Klärung des Erkenntnisstands, die auch dem Leser hilft, den Durchblick zu behalten. Ergänzend werden Tagebucheinträge des untergetauchten estnischen Nationalisten eingeblendet, letzte Klärung bringen dann viele am Ende des Romans angefügte KGB-Dossiers, die das fünfte Kapitel bilden, ein raffinierter Schluss, der dem Roman fast so etwas wie Authentizität verleiht.

Ohne Pathos stellt Oksanen mit ihrem großartigen Roman geschundene Frauen in den Mittelpunkt, denen jedwedes Grundvertrauen abhanden gekommen ist, die ihr Martyrium mit unglaublicher Zähigkeit ertragen, es mutig abzuwenden versuchen und dabei selbst auch nicht schuldlos bleiben. Trotz der menschlichen Abgründe, in die uns Sofi Oksanen blicken lässt, trotz aller brutalen Härte, ist am Ende ihres raffinierten Psychodramas ein versöhnlicher Ausgang immerhin zu erahnen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Im Lichte der Vergangenheit

banville-1Ein sprachliches Fest

In seinem Roman «Im Lichte der Vergangenheit» erzählt der irische Schriftsteller John Banville aus der Perspektive eines älteren Mannes, der auf sein Leben zurückblickt und merkt, wie fragwürdig seine Erinnerung ist, ein dramaturgisches Verfahren, das sich auch in anderen Romanen von ihm findet. Im Schatten seiner großen irischen Kollegen James Joyce und Samuel Beckett stehend, wird der mit renommierten Buchpreisen ausgezeichnete Autor von Literatur-Insidern zuweilen auch als Nobelkandidat angesehen. Mit Recht?

«Billy Gray war mein bester Freund, und seine Mutter war meine erste Liebe» lautet der für die Rezeption wichtige erste Satz. In vielen Werken Banvilles ist der Einfluss von Vladimir Nabokov unverkennbar, in diesem Roman hier wird das deutlich schon im Sujet, der Liaison eines altersmäßig ungleichen Paares nämlich, allerdings in konträrer Konstellation zur berühmten Vorlage. Theaterschauspieler Alex Cleave, der sich schon in den Ruhestand zurückgezogen hat, erinnert sich an seine Zeit als fünfzehnjähriger Junge, der eine intime Beziehung zu einer zwanzig Jahre älteren Frau hatte. Das halbe Jahr dieser leidenschaftlichen Affäre, die abrupt beendet wird, als die Beiden in flagranti von Kitty, der Tochter Mrs Grays, überrascht werden, diese sein Leben prägende Episode zieht sich in fortschreitend erzählten Rückblenden durch den ganzen Roman, sie bildet quasi das Gerüst des Plots. Ebenfalls in diversen Fragmenten erinnert sich der Ich-Erzähler immer wieder auch an seine psychisch kranke Tochter Cass, die vor zehn Jahren als Schwangere in Italien Selbstmord beging. Als Alex, für einen reinen Theatermann ziemlich überraschend, das Angebot bekommt, die Hauptrolle in einem Spielfilm zu übernehmen, trifft er am Set auf den berühmten Filmstar Dawn Devonport, die die weibliche Hauptrolle spielt. Vor Abschluss der Dreharbeiten unternimmt der Star einen Suizidversuch, Alex fährt deshalb mit ihr für einige Tage nach Italien, als Reha gewissermaßen, den Spuren seiner suizidalen Tochter folgend.

Banville legt bewusst falsche Fährten an in seiner Geschichte, so zum Beispiel, dass Cass in Italien einen gewissen Swidrigailow getroffen hat, dann vermutet er, es könnte auch der Literaturkritiker Alex Vander gewesen sein, der Mann, dessen Rolle sein Protagonist in dem Film spielt. In den Cinque Terre trifft der Romanheld auf einen geheimnisvollen Mann, der auf ihn gewartet zu haben scheint, auch das eine falsche Fährte. Als er zu einer Festveranstaltung für Alex Vander eingeladen wird, sinniert sein Held: «Ich gehe nach Amerika. Ob ich dort Swidrigailow suchen soll? JB und ich werden zusammen reisen, kein ideales Paar, ich weiß». Der Autor bezieht sich also selbst mit ein, und auch seinen Leser lässt er teilhaben an der Genese seines Textes, spricht ihn direkt an, ein mir persönlich sehr sympathisches Stilmittel, das eine intime mündliche Erzählsituation simuliert. Wie brüchig Erinnerungen sind, «im Lichte der Vergangenheit» betrachtet, wie der Titel es ja vorgibt, das klärt sich am Ende, als Kitty erzählt, wie es wirklich war damals, der Eklat mit ihrer Mutter.

Das Besondere an diesem anspielungsreichen Roman mit seinen vielen Querverweisen und intertextuellen Bezügen ist für mich die mit stimmigen Metaphern und klugen Reflexionen gleichermaßen brillierende Sprache, in der er geschrieben ist, genau beobachtend, äußerst detailreich, gleichwohl im Plauderton, oft auch launig, mit kreativen Wortbildungen erzählt. «Wie herrlich, jung zu sein und frisch gebeichtet» heißt es da zum Beispiel nach der Initiation des jungen Helden und seinem reuevollen Kirchenbesuch. Ein Mann wird beschrieben als «Albert Einstein in mittleren Jahren, in seiner präikonischen Periode». Die kongeniale Übersetzung hat einen wesentlichen Anteil an dem sprachlichen Fest, das die Lektüre dieses Romans für den geduldigen und aufnahmefähigen Leser bedeutet. Ob für die Herren in Stockholm auch, das bleibt abzuwarten.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Totenberg

hettche-1Wenn ein Kopf und ein Buch …

Durch Dennis Schecks Hymne in 3Sat-Kulturzeit neugierig geworden, bin ich recht euphorisch an diese Lektüre herangegangen. Teilt man mit ihm die sicherlich ganz subjektive Erwartung, ein gutes Buch müsse den Leser bereichern, dann ist der vorliegende Essayband von Hettche zweifellos ein gutes Buch. Denn es hat mich bereichert, hat mich mit zehn intelligenten Prosatexten teilhaben lassen an recht verschiedenartigen Begegnungen mit interessanten Zeitzeugen, all das überaus sprachmächtig erzählt und mit klugen Reflexionen des Autors zu seinen Themen angereichert.

Es beginnt denn auch gleich mit Literaturwissenschaft, ein Besuch bei seiner ehemaligen Professorin Christa Bürger nämlich. Sodann folgt ein Treffen mit Filmregisseur Hans Jürgen Syberberg in dessen glücklich zurückerworbenem elterlichen Gutshaus, als nächster Text frühe Kindheitserinnerungen des Autors in dörflicher Idylle mit dem nahegelegenen Berg, der dem Buch seinen Namen gab. Dem schwierigen Thema Ernst Jünger nähert sich ein weiteres Essay durch Gespräche mit dem Verleger Ernst Klett, ergänzt durch Reflexionen von Jan Philipp Reemtsma und einen anschließenden Besuch in Jüngers Haus bei dessen Nachlassverwalterin. Auch der Volkskrankheit Adipositas ist ein sehr informativer Essay gewidmet, in dem die vielen Facetten dieses neuzeitlichen Phänomens sachlich und emotionslos beleuchtet werden. Erste Begegnungen des Autors mit Literatur, sein Streifzug durch die Bibliothek seiner Deutschlehrerin, die Schüler zum Tee lud, um über Literatur zu sprechen, sind Thema des nächsten Essays, wobei Thomas Manns Doktor Faustus eine wichtige Rolle spielt. Nicht minder anregend ist die auf gleich zwei Kunstgattungen fußende Position der Schriftstellerin und Malerin Anita Albus zur Moderne, wobei die Recherche von Marcel Proust für ihre Betrachtungen herangezogen wird. Beim Besuch der Fotografin Angelika Platen erfährt der Leser so manche Anekdote von prominenten Kunden und Künstlern. Henriette Fischer wiederum erzählt dem Autor von ihrer Zeit als Buchhändlerin auf Sylt, wo sich Prominente bei ihr die Klinke in die Hand gaben. Mit einem Essay über Ursprung und Zukunft von Literatur, vom Papyrus zum Byte also, was ihre Darstellungsform anbelangt, endet diese geistreiche Sammlung.

Hettche hat mit Totenberg keineswegs eine uneitle Autobiografie vorgelegt, wie Scheck das behauptet, er zeigt sich vielmehr «als Wanderer zwischen den Welten», wie es im klappentextartigen Anhang heißt, «der autobiographische Skizzen mit theoretischen Diskursen verbindet». Genau das ist es, was den Leser erwartet, ein geistreicher Parforceritt durch eine grandiose Kulturlandschaft, brillant erzählt mit fundierter Sachkenntnis. Den im letzten Essay pessimistisch prognostizierten Geistesverfall durch den medialen Bruch, der ja bereits in vollem Gange ist, möchte ich jedoch bezweifeln. Gerade bei der Lektüre dieses Buches ist ein häufiges Recherchieren vonnöten, will man alle Anspielungen und Verweise wirklich verstehen, die Personen richtig würdigen. Dazu sind die beklagten neuen Medien sehr segensreich, man würde sich sonst im Dschungel der aufgelisteten Sekundärliteratur verlieren und viel Zeit sinnlos vertrödeln dabei. Und genau diese Möglichkeiten dürften dem befürchteten geistigen Verfall nicht nur entgegenwirken, sondern ihn eher ins Gegenteil verkehren.

Übrigens hat ja bereits Lichtenberg vor mehr als zweihundert Jahren derartige Defizite diagnostiziert und in seinen berühmten Aphorismen treffend und süffisant artikuliert, woraus Hettches Deutschlehrerin dann wohl oft und auch gern zitiert hat: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch? Ein paar verständige Leser werden sich also immer finden, nicht nur für dieses lesenswerte Buch, sondern auch für seine medialen nichtpapiernen Nachfolger.

Fazit: erfreulich

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Genre: Essays
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Vogelweide

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Reif für die Insel

Als ehemaliger 68er beschreibt Uwe Timm in seinem Roman ein Milieu von saturierten Wohlstandsbürgern, dem damals, wie wir heute wissen allerdings vergeblich, heftige Proteste und Demonstrationen galten, bei denen schließlich sein Freund Benno Ohnesorg erschossen wurde. Vor einem bourgeoisen Hintergrund also entwickelt sich eine Amour fou, und den «Wahlverwandtschaften» vergleichbar lieben sich schließlich zwei Paare «über Kreuz». Mit dem von Goethes Romantitel adaptierten Begriff der Triebkraft einer chemischen Reaktion wird sehr treffend das Zwanghafte bei der Leidenschaft verdeutlicht, die ja nicht selten, so auch hier, im Chaos endet. Eine Ménage-à-quatre nämlich wollen die Protagonisten nicht eingehen.

Erzählt wird in diesem Roman die Geschichte von Christian Eschenbach, einem einst erfolgreichen Software-Unternehmer, der sich nach seinem Konkurs mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und auf der unbewohnten Nordseeinsel Scharhörn als Vogelwart lebt. Er erwartet seine ehemalige Geliebte Anna, die ihn nach sechs Jahren erstmals wieder treffen will, kurzfristig ihren Besuch auf der Insel angekündigt hat. In breit angelegten, fast das ganze Buch füllenden Rückblenden erzählt der Autor von der Leidenschaft zwischen dem mit der Silberschmiedin Selma liierten Unternehmer Christian, der von Ehefrau und erwachsener Tochter getrennt lebt, und Anna, einer Lehrerin für Latein und Kunst, die mit dem erfolgreichen Architekten Ewald glücklich verheiratet ist. Anna hält dem psychischen Druck des Seitensprungs nicht lange stand, fühlt sich zutiefst im Unrecht, schließlich macht sie endgültig Schluss mit Christian, beichtet ihrem Mann die Liaison und verlässt ihn, zieht mit den Kindern zu ihrem Bruder in die USA. Die beiden betrogenen Opfer der verhängnisvollen Amour fou finden glücklich zueinander, Selma bekommt sogar noch ein, schon lange ersehntes, Kind von Ewald. Ganz am Ende des Romans nun kommt es endlich zu dem Zusammentreffen des einst in seine Leidenschaft schicksalhaft verstrickten Paares. Beide sind inzwischen ziemlich illusionslos geworden, und auch wenn sie noch ein letztes Mal zusammen im Bett landen, bleibt ihnen letztendlich nicht viel mehr als eine nachträgliche Aufarbeitung ihrer einst so abrupten Trennung, es gibt keine gemeinsame Perspektive für sie

Uwe Timms Roman steckt voller Anspielungen, beginnend schon beim Titel, der sich auf den Minnesänger gleichen Namens bezieht, und die Hauptfigur hat ihren Namen von dessen Zeitgenossen Wolfram von Eschenbach, beide sind ja Gestalten in Wagners Liebesoper Tannhäuser. Eine «Norne» genannte Meinungsforscherin ist unschwer als Elisabeth Noelle-Neumann zu identifizieren, der vom Wal verschluckte biblische Prophet Jonas ist Namensgeber für Annas Kind, das sie bald nach ihrer Übersiedlung in den USA bekommt. Dies und Dutzende weitere Bezüge überfrachten die Geschichte regelrecht.

Der Konflikt zwischen Begierde und Vernunft wird in ausgedehnten philosophischen Meditationen des einsamen Helden auf der Insel vor dem Leser ausgebreitet, ruhig und gelassen erzählt, allerdings völlig altmodisch anmutend, geradezu der Zeit entrückt in seiner rigiden Ehemoral. Anders als bei «Effi Briest» gibt es hier wenigsten kein Duell mehr. Die weibliche Sehnsuchtsfigur Anna bleibt ungewöhnlich blass, Begehren und Leidenschaft, gar Liebeswahnsinn wird nicht glaubhaft vermittelt bei diesem seltsam coolen Paar. Wer «Die Entdeckung der Currywurst» gelesen hat von Uwe Timm mit wahrlich mitreißendem Plot, der dürfte hier ziemlich enttäuscht sein. Nur der kauzige englische Freund am Telefon war mir da zuweilen ein Lichtblick mit seinen erstaunlichen Reflexionen, und dann gibt es ja auch noch die zweite Erzählebene, die Vogelinsel mit ihrem einsamen Bewohner und ihrer Natur. Da erfährt man dann unter anderem vom unterschiedlichen Liebesleben der Vögel, von denen sich, wenn wundert’s, die Spatzen als besonders promiskuitiv und schamlos erweisen.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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London N-W

smith-1Bewundert und ungeliebt

Nach sieben Jahren hat Zadie Smith, eine im englischen Sprachraum mit vielen Preisen geehrte Autorin, 2015 unter dem Titel «London N-W» erneut einen Roman vorgelegt, ihren vierten mittlerweile. Die Tochter eines Engländers und einer Mutter, die aus Jamaika stammt, ist in dieser Arbeitergegend im Nordwesten Londons aufgewachsen, sie ist mit dem trostlosen Milieu in ihrem multiethnischen Kiez also bestens vertraut, er diente auch schon in ihrem Debütroman als Schauplatz. Ihre in der Jetztzeit angesiedelte Erzählung bricht mit ihrem narrativen Stil radikal alle Konventionen, sie konterkariert damit die Erwartungen eines breiten Lesepublikums. Und eine Geschichte wird hier streng genommen auch nicht erzählt, es passiert so gut wie nichts. Also muss es wohl etwas anderes geben, das die mehr als vierhundert Seiten dieses Buches lesenswert macht.

Es ist fürwahr eine rasante Lektüre, die da auf ihren Leser wartet, ein in fünf Abschnitte und mehr als zweihundert Kapitel extrem unterschiedlicher Länge aufgeteiltes Kaleidoskop der menschlicher Befindlichkeiten, dargestellt am Beispiel von vier Mittdreißigern, die alle aus dem gleichen Londoner Problemviertel stammen und sich kennen. Stilistisch der Postmoderne zuzurechnen ist der erste Abschnitt, der Leah gewidmet ist. Sie ist bei einer karitativen Organisation beschäftigt, mit einem Franzosen verheiratet und aus tiefster Überzeugung kinderlos. Ihre während der Teenagerzeit beste Freundin ist Keisha, eine Farbige, der ein weiterer, der längste Abschnitt, gewidmet ist. Schon in der Schule zielstrebiger, schafft sie tatsächlich den Aufstieg in die Middle-Class, nennt sich fortan Natalie, wird Rechtsanwältin und heiratet einen Beau, ihren Traummann, ein Banker, mit dem sie zwei Kinder hat. Mit viel Hintersinn schildert die Autorin das Auseinanderdriften der beiden heranwachsenden Mädchen, deren Freundschaft durch ein deplaziertes Geburtstagsgeschenk dann für längere Zeit völlig unterbrochen wird. Die beiden männlichen Protagonisten sind Losertypen, antriebslos und ständig bekifft. Während Felix seiner neuen Freundin zuliebe bemüht ist, sich aus dem verhängnisvollen Kreislauf von Rauschgift und Kleinkriminalität zu befreien, ist der dunkelhäutige Nathan als Zuhälter und Dealer total heruntergekommen.

Trotz rascher Wechsel zwischen den vielen, teilweise beziehungslos nebeneinander stehenden Szenen bewirkt Zadie Smith, oft im Bewusstseinsstrom erzählend, doch einen kontinuierlichen Lesefluss mit ihrem atemlosen Schreibstil, welcher das hektische Leben, besser gesagt den Moloch, den eine moderne Megacity wie London nun mal darstellt, treffend abbildet. Ihre leichtverständliche, klare Sprache ist mit Slang durchmischt, in kurzen Sätzen werden stakkatoartig Einzelszenen, Dialoge, Aphorismen und Reflexionen aneinander gereiht. Dabei ändert sich ihr Stil gleitend vom postmodernen Anfang zum eher konventionell erzählten Ende. Dort treffen die weiblichen Hauptfiguren, die sich beide gleichermaßen schuldhaft in einer bedrohlich zugespitzten Ehekrise befinden, nochmals wie früher zusammen, ein versöhnlicher Abschluss allerdings wäre realitätsfern für Zadie Smith.

Migration, Prekariat, Aufstiegskampf sind Themen, die ihr am Herzen liegen, und dabei hebt sie Bildung als entscheidende Komponente hervor, ohne jedoch zu beschönigen, dass der daraus normalerweise resultierende Wohlstand beileibe keine Garantie für Wohlergehen ist, Konsumsucht ebenso verwerflich sei wie Haltlosigkeit und die ständige Jagd nach einem Joint. Es ist eine pessimistische, illusionslose Weltsicht, die da verbreitet wird, schon die Geburt sei eine Zumutung, da ihr zwingend der Tod folge, und die Spanne dazwischen bedeute allenfalls Chaos und Scheitern. Wozu also das Ganze? Natürlich ist es auch Zadie Smith nicht möglich, diese von ihr verklausuliert gestellte Frage stimmig zu beantworten, sie versucht es auch gar nicht erst. Man darf ihn bewundern, diesen Roman, lieben wird man ihn sicher nicht.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Hier bin ich

foer-2Zulassung plus Couch

Wenn eine Karriere als Romancier so fulminant begonnen hat wie die von Jonathan Safran Foer, ist man natürlich neugierig auf Neues aus dessen Feder. Nach elf Jahren ist nun «Hier bin ich» erschienen, sein dritter Roman, zugleich auch sein Opus magnum. Waren die ersten beiden Romane aus einer kindlichen Perspektive erzählt, so ist es hier die eines jüdischen Mannes aus der US-Hauptstadt Washington, der eine Trennung von seiner Frau durchlebt. Die sich ankündigende Scheidung ist eingebettet in ein aufgeklärt liberales, jüdisches Lebensumfeld der Familie, das zwischen Amerika und Israel oszillierend allgegenwärtig ist und die innere Geschichte einer Entfremdung sogar weitgehend überlagert, den Trennungsroman zu einem jüdischen Sittenbild ausweitet. An seine einstigen literarischen Erfolge als junger postmoderner Schriftsteller, soviel sei hier schon gesagt, kann der US-Amerikaner, der vor zwei Jahren selbst geschieden wurde, damit allerdings nicht anknüpfen.

Julia Bloch, Architektin von Beruf, findet zufällig ein zweites Handy ihres Mannes. Nachdem ihr ältester Sohn das Passwort geknackt hat, entdeckt sie darauf dessen abstoßend vulgäre SMS-Korrespondenz mit einer Kollegin. Jakob Bloch, der Scripts für eine Fernsehshow schreibt, initiiert durch diesen drögen Verbalsex mit einer Frau, die er niemals angerührt hat, ungewollt einen Prozess der Entfremdung, welcher für das Ehepaar und die drei heranwachsenden Söhne in einem Auseinanderbrechen ihrer bis dato intakten, unkonventionellen Familie endet. Diese soziale Krise spiegelt sich in einer politischen Katastrophe für den Staat Israel, das Land wird durch ein verheerendes Erdbeben schwer getroffen, was seine feindlichen Nachbarn dazu ermuntert, die Gunst der Stunde zu nutzen und den solcherart angeschlagenen Erzfeind nun auch noch mit Krieg zu überziehen. Als der israelische Premierminister alle waffenfähigen Juden in der Diaspora zur Rückkehr nach Israel auffordert, entschließt sich Jakob spontan, dem Aufruf zu folgen. Er, der noch nie ein Held war, versagt aber auch hier, verharrt letztendlich kleinlaut doch lieber in seiner gutbürgerlichen amerikanischen Existenz. Ihm wird am Ende sogar das Einschläfern seines alten, inkontinenten Hundes zu einer Entscheidung, die ihn fast überfordert.

Ein jüdisches Buch, hat Philip Roth einmal geäußert, erkenne man nicht an dem, wovon die Rede ist, sondern daran, dass es immer weiter redet, ohne Ende. Insoweit ist dieser sprachverliebte Roman jüdisch durch und durch, zudem erschließt sich sein Inhalt größtenteils in seinen geradezu slapstickartigen Dialogen, Geschwätz mit oft pingpongartig wechselnden Kurzsätzen, bei denen die Antwort auf eine Frage oft in der erstaunten Wiederholung der Frage selbst besteht. Besonders die temporeichen Gespräche mit den frühreifen Söhnen sind amüsant, verlieren sich nicht selten aber abschweifend auch völlig ins Leere. Bei alldem erfährt der Leser en passant so einiges vom American Way of Life in der heutigen Zeit, da wird völlig tabulos Gott und die Welt hinterfragt. An einer Stelle antwortet Jakob entnervt, aber schlagfertig auf Vorhaltungen seiner Frau, seinen psychischen Zustand betreffend: «Du solltest dir wirklich eine Zulassung und eine Couch besorgen».

Der Roman einer Midlife-Crisis weist schon durch den Titel auf die verzweifelte Sinnsuche des Helden hin. Und das Judentum wiederum, wie es die aufgeklärte Familie Bloch lebt, sei nicht religiös motiviert, erfahren wir Leser, sondern sei lediglich Brauchtum, man fühle sich einfach als Jude. Gleichwohl lauschen die sonst so vorlauten Blochs andächtig der grandiosen Trauerrede des Rabbis bei der Beerdigung des Urgroßvaters, für mich übrigens die stärkste und zudem geistreichste Passage im ganzen Roman. Flott geschrieben, ironisch Distanz haltend, ist dieser dickleibige Roman zweier Krisen durchaus lesenswert, auch wenn er teilweise allzu geschwätzig erscheint und philosophisch zuweilen schlicht Nonsens verbreitet.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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„Die Drehtür“ von Katja Lange-Müller

Ein Augenblick des Verharrens auf einem Flughafen wird zum Blick zurück. Eine Krankenschwester kehrt nach ihrem letzten Auslandseinsatz aus Lateinamerika heim nach Deutschland. Aber es ist eigentlich keine Heimkehr, sondern eine Strandung. Ihre letzten Kollegen in einer Klinik in Nicaragua haben ihre fehlende Eignung für die dortigen Anforderungen erkannt und Geld für das Rückflugticket gesammelt. Inspiriert vom Vielerlei der dem Ab- und Anschlussflug harrenden Menschen und Gesichter lässt sie ihr eigenes Berufsleben in fernen Landen und  Kulturen noch einmal Revue passieren. Dabei schöpft sie aus viel Selbst- aber auch aus Fremderlebten, indem sie Erinnerungen derer mit ein flechtet, die ihr in all den Höhen und Tiefen, die dieser Beruf ganz besonders im Ausland nun einmal mit sich bringt, begegnet sind. Und führwahr, als Krankenschwester gibt es in der großen weiten Welt viel zu erleben, sei es nun die Frauen verachtende Kastenkultur in Indien, jener kräftige Grauschleier der nur noch wenig Lust auf sonstige spirituelle Erleuchtungen übrig lässt, oder auf den Pfaden von Che Guevara und Guerilla-Ikone Tamara Bunke im bolivianischen Dschungel. Dazwischen eingestreut sind private Reisehumoresken und ihre Auswirkungen auf die Paardynamik im Endstadium.

Das Ganze ist gut geschrieben, mit einem wachen Blick für die großen und kleinen Dramen der Unwägbarkeit des Lebens. Gerade ihr Sarkasmus, der zudem von originellen Bildern gut unterstützt wird, schafft über die Ehrlichkeit die Empathie. Alle, sogar bis hin zur jammernden Katze vor der Appartement-Tür im Ferienparadies bekommen den ihnen gebührenden Anteil davon ab.

Indes ahnt man während der Lektüre zunehmend weniger, worauf das Ganze hinaus laufen soll und auch nach dem Schluss bleibt Ratlosigkeit zurück, denn zu sehr stehen die Geschichten in ihrer Episodenhaftigkeit im Vordergrund und damit für sich alleine da. Sie weisen keinen tieferen Zusammenhang auf, als von ein und derselben Person zum Besten gegeben zu werden. Sie entfalten im Verhältnis zueinander keine Wechselwirkung und münden auch in keinen erkennbaren Entwicklungsstrang ein. Das Ende besteht in der Vorenthaltung von Weiterem. Es ist  eine Begrenzung der Erzählmenge aber kein erzählerischer Abschluss. So gesehen ist das Werk von vornherein dazu verurteilt, nicht mehr sein zu können als die Summe der erzählten Teile, aber die sind durchweg lesenswert und gut.

 

 


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