Justizpalast

Ein weites Feld

Eines muss man Petra Morsbach lassen, in ihren Romanen wagt sie sich mutig an große Fragen unserer Zeit, so auch in ihrem neuen, hoch prämierten Bildungsroman «Justizpalast», dem eine neunjährige Recherchearbeit der Nichtjuristin vorausging. Etwa fünfzig Juristen, unter ihnen dreißig Richter, hätten ihr mit Rat und Tat bei dieser Fleißarbeit auf schwierigem, mitunter auch vermintem Terrain geholfen, ließ sie wissen, jeweils mindesten zwei von ihnen haben Korrektur gelesen. Anders aber als in «Landgericht» stehen hier die Justiz und ihre ausführenden Organe selbst im Mittelpunkt, gespiegelt an der Vita einer extrem ehrgeizigen Juristin, und nicht, wie bei Ursula Krechel, das tragische Schicksal eines um Restitution kämpfenden jüdischen Richters nach dem Zweiten Weltkrieg. Der muss nämlich am eigenen Leibe erfahren, dass jenes von ihm immer so überkorrekt angewendete Recht rein gar nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Eine Erfahrung übrigens, die auch Morsbachs Protagonistin machen muss. Ein weites Feld also, wie sich der potentielle Leser denken kann.

Thirza wird als Kind aus einem desaströsen Elternhaus vom Großvater und zwei Tanten liebevoll großgezogen und antwortet irgendwann auf die Frage des Opas, eines pensionierten Richters alter Schule, was sie denn mal werden möchte, unbeirrt: Richterin. Und das intelligente Mädchen erreicht schließlich auch mit Intelligenz und Fleiß ihr Traumziel, sie landet im Münchner Justizpalast. Ihr Werdegang und die Karriere sind das literarische Rückgrad einer bereichernden Erzählung, aus der in unzähligen Verästelungen mit Zitaten aus Schriftsätzen oder Skizzen der Vita sämtlicher Figuren allmählich ein beeindruckendes Panorama des rechtsuchenden Bürgers und der Organe der Rechtsprechung entsteht. In ihrem selbstlosen Eifer lebt Thirza gründlich am Leben vorbei und genießt, nach wenig ermunternden Versuchen mit der Männerwelt, ein viel zu kurzes, spätes Glück. Schließlich meldet sich dann auch bei ihr das Leben, denn überdeutlich bekommt sie, ganz unerwartet, gesundheitlich einen Schuss vor den Bug.

In hunderten von Einschüben erzählt die auktoriale Erzählerin von Thirzas Kollegen und Vorgesetzten, von den Klägern und Beklagten, von den Ränkespielen und Intrigen im Justizapparat, und natürlich von den teils aberwitzig komplizierten Rechtsfällen, mit denen ihre Protagonistin befasst ist. All die unzähligen Figuren in diesem Roman werden detailliert beschrieben, schon das Äußere erscheint dabei oft als Indiz für die Psyche, aber auch ihre Vita wird skizziert, sie geht in das individuelle Bild ihrer Persönlichkeit mit ein. Das ist für Thirza dann hilfreich, wenn verzwickte, aussichtslos scheinende Fälle zu richten sind oder, im Zivilrecht, wenn Vergleiche anstehen. Und der Roman ist gespickt mit rechtsphilosophischen Aphorismen, deren Urheber bis zu Augustinus und in die Antike zurückreichen und die den Gesprächstoff bilden in vielen Debatten Thirzas mit den Kollegen.

Dabei geht es oft lustig zu, in geradezu funkelnden, schlagfertigen Disputen werden da die Klingen gekreuzt, und vieles davon ist unübersehbar ironisch angelegt von der Autorin. Die narrativ äußerst schwierige Symbiose zwischen emotional aufgeladenem Geschehen und völlig seelenloser Rechtssystematik ist hier jedenfalls gut gelungen, die Lektüre ist ebenso bereichernd wie unterhaltend. Mit seiner seriellen Erzählweise ist der Roman zudem vom unkomplizierten Plot her leicht lesbar, auch in Etappen, wobei allerdings gewisse Längen nicht übersehbar sind. «Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch» heißt es zum Schluss versöhnlich. «Wunderbar … wenn das ein Roman wäre, müsste er hier enden» antwortet Thirza daraufhin, und das ist dann tatsächlich auch der letzte Satz. En passant erhält der Leser hier also einen tiefen Einblick in unser für Laien ziemlich abstraktes und oft auch unverständliches Rechtssystem, und genau darin aber liegt der Verdienst dieser Lektüre.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Suite française

nemirovsky-2Ein literarischer Live-Mitschnitt

Dieses posthum, mehr als sechzig Jahre nach dem Tode der jüdischen Autorin erstmals veröffentlichte Romanfragment wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert, was erstaunlich ist, wird doch die «Grande Nation» darin alles andere als ruhmreich beschrieben. Irène Némirovsky lebte als russische Exilantin und Schriftstellerin in Paris, wo ihr 1929 mit dem Roman «David Golder» der Durchbruch als Autorin gelang. Ihr Opus magnum «Suite française» blieb unvollendet, fertig wurden nur die ersten beiden Teile des fünfteilig angelegten Epos über den Zweiten Weltkrieg aus französischer Sicht. Wie man ihren im umfangreichen Anhang des Buches abgedruckten Notizen entnehmen kann, hatte sie dabei durchaus auch Tolstois «Krieg und Frieden» im Blick, wobei sie ihren Roman allerdings als zeitnah entstehende und damit bestmöglich authentische Erzählung nicht im Nachhinein, sondern quasi als Live-Mitschnitt niederschreiben wollte. Sie arbeitete bis unmittelbar vor ihrer Verhaftung am 13. Juli 1942 an ihrem Manuskript, einen Monat später starb sie in Auschwitz.

Der erste Teil des Romans mit dem Titel «Sturm im Juni» behandelt den bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen 1940 in Paris. In Panik fliehen viele Franzosen Richtung Süden, wobei auf den heillos verstopften Fluchtwegen schließlich niemand mehr voran kommt, alles im Chaos versinkt. Némirovsky baut hier ein umfangreiches Figurenkabinett auf mit den verschiedensten Charakteren, die sie kapitelweise abwechselnd in etlichen parallel verlaufenden Strängen der Handlung auftreten lässt. Sie schafft damit ein großformatiges Panorama der französischen Gesellschaft, dargestellt speziell unter den moralischen Aspekten einer Ausnahmesituation wie der des Krieges. Vom einfachen Bauern über die verschiedenen Schichten der Bourgeoisie bis in höchste Kreise der Regierung hinein zeigen die Menschen ihr wahres Ich, sind Feiglinge oder Helden, Aufrechte oder Lumpen, der Exodus entlarvt allenthalben böse charakterliche Mängel. Und auch historische Gesichtspunkte sind im Spiel, wie man ihren Notizen entnehmen kann: «Niemand wird wissen, wie es zugegangen ist, es wird um alles eine solche Verschwörung aus Lügen geben, dass man daraus wieder einmal eine glorreiche Episode der französischen Geschichte machen wird».

Unter dem Titel «Dolce» wird im zweiten Teil, ein Jahr später, im Sommer 1941, die Okkupation im Dörfchen Bussy beschrieben, wobei die von General de Gaulle denn auch prompt heroisch verklärte Résistance der Franzosen hier von der Autorin als kleinmütiges Wegducken, als bloßes Ignorieren und ängstlich verborgenes Verachten der deutschen Besatzer dargestellt wird, die man bauernschlau übervorteilt, wo immer es geht. Insgeheim, zuweilen auch offen, bewundert man aber die einquartierten Soldaten, sie werden als korrekte, nette und oft auch gebildete Männer geschildert, mit denen man bald schon gute Kontakte hat, mehr noch, es entstehen natürlich auch zarte Liebesbande. Mit der Kriegserklärung gegen Russland endet dieser Teil dann ziemlich abrupt, alle deutschen Soldaten werden an die neue Front verlegt.

Dieser unter allen literarischen Aspekten großartige Roman ist ebenso aufwühlend wie das Schicksal der Autorin selbst, die ihren Tod voraussah, obwohl sie das Thema Judenverfolgung mit keiner Silbe erwähnt. «Gefangenschaft», «Schlachten» und «Frieden» sollten die drei folgenden Teile betitelt werden, wie wir aus ihren Notizen wissen, und dort sind auch ihre Überlegungen nachzulesen, wie sie die Fäden der Handlung zu verknüpfen gedachte, alles natürlich unter dem Vorbehalt der realen Entwicklung. Ein grandioses Werk zweifellos, die ergänzenden Informationen über seine Entstehung, die abenteuerliche Wiederentdeckung und seine Schöpferin aber machen es einzigartig.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Gehen, ging, gegangen

erpenbeck-2Mea culpa

Nach dem mäßigen Vorgänger hatte ich an den neuen Roman «Gehen, ging, gegangen» von Jenny Erpenbeck keine hohen Erwartungen; allein mein Vorhaben, alle sechs Romane der Shortlist 2015 des Deutschen Buchpreises zu lesen, hat mich denn doch zur Lektüre bewogen. Zudem wurde dieser Roman auch noch als Favorit gehandelt vom Feuilleton, was ja ebenfalls neugierig macht. Es war im übrigen mein letzter der sechs Finalisten-Romane, und im Rückblick kann ich nun die Jury nur loben für ihren Sachverstand und Mut, Frank Witzels so gar nicht massentauglichen Roman über die Alte Bundesrepublik mit dem Preis zu ehren und nicht etwa den vorliegenden Roman mit seiner aktuellen Flüchtlingsthematik. Denn ein an sich begrüßenswerter Impetus und fleißige Recherchearbeit allein ergeben keinen guten Roman, wenn es wie hier an einer adäquaten literarischen Umsetzung fehlt.

Doch zunächst zum Plot: Richard, emeritierter Altphilologe, verwitwet, saturiert im eigenen Haus an einem See am Rande Berlins wohnend, mit viel Zeit, die er kaum zu nutzen weiß, wird unvermittelt mit den Problemen afrikanischer Flüchtlinge konfrontiert, die auf dem Oranienplatz ein Protestcamp errichtet haben, um auf ihre Situation hinzuweisen. Er kommt mit den allesamt jungen, männlichen Asylsuchenden in Kontakt, besucht sie immer wieder, führt lange Gespräche mit ihnen und erfährt so manches aus ihrem Leben, den bedrückenden Verhältnissen in ihren afrikanischen Heimatländern und der gefährlichen Flucht über das Mittelmeer nach Italien. Zunehmend tut sich ihm eine neue Welt auf, er hilft, wo er kann, nicht nur als Begleiter und Berater beim Verkehr mit Behörden, sondern auch finanziell und vor allem als persönlicher Freund. So ermöglicht er einem der Männer, an seinem Klavier zu üben, besorgt einem anderen eine Pflegejob, kauft einem Dritten ein Grundstück in seiner Heimat, mit dem die dort zurückgelassene Familie eine Existenzbasis erhält. Jenny Erpenbeck schildert sehr anschaulich und kenntnisreich den menschenverachtenden Behördenwahnsinn, der das Trauma dieser Gestrandeten zum Horror werden lässt. Als schließlich die Abschiebung unmittelbar bevorsteht, nehmen Richard und einige seiner Freunde die Männer der Oranienplatz-Gruppe privat bei sich auf. Die Geschichte endet mit Richards Geburtstagfeier, bei der alle Freunde und Asylsucher in seinem Haus zusammenkommen.

In einer bunten Mischung aus inneren Monologen, häufigen Reflexionen des auktorialen Erzählers und einsilbig knappen Dialogen, zuweilen mit englischen und italienischen Sätzen angereichert, wird eine Geschichte erzählt, in der so gut wie nichts passiert. Der Plot verharrt in einem spannungslosen Schwebezustand, der dem ungeklärten Asylstatus der jungen Afrikaner ähnelt und, wie man am Ende dann endlich weiß, auch zu nichts hinführt. Die Figuren, allen voran Richard, bleiben seltsam konturlos, sie sind allesamt nicht dazu angelegt, als Sympathieträger zu fungieren für den Leser.

Im Präsenz erzählt, sprachlich einfach und knapp gehalten, sehr direkt wirkend dadurch, wird die Lektüre besonders an den vielen Stellen schnell ermüdend, wo Richard seine Asylanten laienhaft nach ihrer Vorgeschichte befragt, man ahnt als Leser oft die Antworten voraus, vieles kommt einem jedenfalls bekannt vor. Die immer wieder mal eingestreuten Konjugationen werden irgendwann ebenfalls lästig, auch wenn sie wohl eine Sprachbarriere verdeutlichen sollen. Gleiches gilt für die reichlich eingebauten Redensarten, Liedtexte und Sprichwörter, die diese Geschichte vermutlich auflockern sollen, aber nur unsäglich albern wirken. Und wenn der Satz «Länger als eine Nacht konnte ich nicht bei Ihnen bleiben, dazu war ihr Zimmer zu klein» zum zehnten Mal vorkommt, fehlt mir jedes Verständnis dafür, der immer wieder erwähnte Ertrunkene im See nervt ebenfalls. Eine seltsame Erzählweise, die literarisch nicht geglückt ist, der ich jedenfalls absolut nichts abgewinnen kann – mea culpa!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Altes Land

altesLandVera ist fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter auf dem großen steinernen Gutshof im alten Land, dem großen Obstanbaugebiet unweit von Hamburg strandet. Sie sind 1945 aus Ostpreußen geflohen, die wortkargen Norddeutschen heißen die Flüchtlinge nicht gerade willkommen. „Diet Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nenn’t ook noch sien“ steht über der Tür. „Von mi gift dat nix!“ ist der einzige Satz, den die alte Bäuerin zu den Flüchtlingen spricht.

Vera wird ihr Leben auf diesem Hof verbringen, aber mehr als „die Fremde“ wird sie nie sein – immerhin schon ein Fortschritt zum „Polackenkind“. Sie wird das Haus erben, jedoch nie die Kraft finden, es instandsetzen zu lassen. Es ist ihr Haus und doch nicht ihr Haus, ganz so wie die Inschrift über der Tür es dunkel prophezeit. Sechzig Jahre später steht ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn vor der Tür. Auch Anne ist ein Flüchtling, aber sie flüchtet nicht vor Krieg, Elend und Vertreibung, sie flüchtet aus ihrer Ehe, weil ihr Mann eine andere liebt und sie das nicht einfach sachlich abwickeln kann und will, so wie es die ungeschriebenen Gesetze der Hamburg-Ottenser Vollwert-Schickeria es diktieren. Nun will sie dort Fuß fassen, wo schon ihre Oma nie Fuß fassen konnte.

Vera und ihre Mutter waren preußisch bis in die Knochen, ungeachtet der ihnen entgegengebrachten Ablehnung kämpften sie stoisch und standesbewusst um ihr Bleiberecht. Die Mutter machte Nägel mit Köpfen, in dem sie den Sohn des Hauses heiratete, doch dann flieht sie weiter und schafft durch die nächste Heirat eine weitere Stufe der gesellschaftlichen Leiter im Wirtschaftswunderland. Ihre wunderliche Tochter Vera lässt sie bei ihrem ersten Mann auf dem Hof zurück. Vera erkämpft sich gegen alle Widerstände ein Studium und wird die Zahnärztin des Dorfes. Man begegnet mit einer Art widerwilligem Respekt, doch mehr ist es nie geworden.

Dörte Hansen gibt in ihrem Debütroman „Altes Land“ einen Einblick in das Leben und den Alltag der Menschen in den Elbmarschen, in ihre doch recht eigene Welt, ihre Wertvorstellungen und vor allem in die Maßstäbe, die sie an sich und gnadenlos auch an ihre Mitmenschen anlegen. Es ist die Welt des alten Hinni, der zwar drei Söhne, aber keinen Erben für seinen so penibel gepflegten Hof hat, des Bauern Dirk und seine Frau Britta, die ihren Obstanbau klassisch betreiben – sprich mit viel Chemie und die sich von den Stadtflüchtigen bedrängt fühlen. Von jenen „möchte-gern-Kreativen“, die es aus der Hektik der Großstadt hierhin verschlagen hat und deren Welt es nie werden kann. Die Sehnsucht nach der heilen Welt auf dem Lande -die Marotte unserer Zeit, man kennt das. In Wahrheit finden „die Stadtflüchtigen“ alles allenfalls pittoresk -solange es nur neu ist, aber alt aussieht und was hermacht und man es in Artikeln in Hochglanzmagazinen, die die Seele des gestressten Städters streicheln sollen, verwursten kann. Hauptsache, die „dickschädeligen“ Bauern kommen authentisch rüber.

Dem gegenüber stehen die Schilderungen der jungen alternativen urbanen Familien, die doch soviel spießiger und engstirniger sind als noch ihre Eltern. Während Dörte Hanse den knorrigen Menschen aus dem alten Land – ob Alteingessene oder „neu“ Hinzugezogene – mit Respekt und Verständnis begegnet, müssen die Übermütter und Väter aus Ottensen sich mit leichtem Spott begnügen. Das gelingt Hansen witzig, mit viel Wiedererkennungswert. Man kennt sie, die bemühten Eltern mit ihren Einkäufen im Bio-Supermarkt, den Baby-Schlafsäcken aus reiner Schafswolle, die ihre Kinder im stylischen Buggy vom Chinesisch für die Kleinsten zur musikalischen Früherziehung karren. Hochbegabte, wohin man schaut, die von in abgeklärten Beziehungen lebenden Eltern wohlwollend zu Höchstleistungen erzogen werden, biologisch korrekt ernährt und in politisch korrektem Sprech geleitet. In Unwissenheit der Tatsache, dass auch Sprache Heimat sein kann. Die Leute im alten Land wissen das, sie benutzen ihr Plattdeutsch als Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit, aber auch als Ausschlußtechnik. Dörte Hansen gibt diese Sprache in manchen Sätzen ganz bewusst so wieder, der Leser muss sie mehrmals lesen und sich laut vorlesen, damit er sie versteht. Aber so versteht er auch, was es heißt, als völlig Fremder in eine in sich geschlossene Gesellschaft zu kommen.

Anne, die gelernte Tischlerin nimmt sich schließlich des alten Hauses an, sie sorgt dafür, dass Wände trocken gelegt, Fenster erneuert werden und die alten Stützbalken wieder gestärkt werden. Sie, die völlig Fremde, wird dafür sorgen, dass ein Jahrhunderte altes Erbe bewahrt werden kann. Und sie sorgt dafür, dass Vera wieder schlafen kann. Auch wenn es bedeutet, dass sie selber wach bleiben wird und die Träume derer behütet, denen das Haus vielleicht doch noch eine Heimat wird – dadurch, dass sie gefunden haben, was sie eigentlich nie suchten – eine Familie. Die Handlung in „Altes Land“ ist recht überschaubar, seine Anziehungskraft besteht in Dörte Hansens Schilderungen. Das Buch lebt sowohl von den beschriebenen Gegensätzen, als auch von Dörte Hansens scharfem Blick, von ihrem trockenen Wortwitz und einem hintergründigen, oft erst auf den zweiten Blick erkennbaren Humor. Sie erzählt mit Distanz, die Verbindung zu den Charakteren muss man sich über eine längere Strecke „erlesen“.

„Altes Land“ steht seit Monaten auf den vorderen Plätzen diverser Bestsellerlisten. Mit ihrem Buch scheint die Autorin einen Nerv getroffen zu haben. Sie erzählt von der Suche nach Heimat, nach Zugehörigkeit, vom Fremdsein, von der Suche nach dem Platz im Leben. Ich nähere mich diesen Bestsellern ja nach diversen Enttäuschungen mit hoher Vorsicht, aber die Neugier überwog doch. Und – ich mochte das Buch. Sehr sogar. Es ist sehr behutsam erzählt, bei aller Distanz fühlt die Autorin sich gut ein in ihre Charaktere, Manche Personen sind liebevoll gezeichnet, andere wieder witzig, allerdings steht zu befürchten, dass wirklich keiner der Charaktere überzeichnet ist, auch wenn man es gelegentlich hofft. Alleine ihre Beschreibungen der Hamburger Vollwert-Eltern (das ist allerdings nicht Hansestadt-spezifisch, die gibt es mittlerweile überall, sogar im Ruhrpott) lohnt die Lektüre.

In etlichen Feuilletons war von „plumper“ Belletristik zu lesen, ich kann dem nicht zustimmen. Belletristik ja, ok. Sind wir wieder bei der alten Frage, warum ist das eine Abwertung? Es geht doch nichts über eine gut erzählte Geschichte. Und ich mochte nicht nur das Buch, welches in seinen besten Momenten an „die hellen Tage von Zsuzsa Bank“ erinnert, ich mochte durchaus auch das hoffnungsspendende Ende. Mein persönliches Fazit: Aufgrund der vielen abwertenden Rezensionen habe ich extra so lange gewartet mit meiner Beurteilung. Denn für mich ist ein Buch immer dann ein gutes Buch, wenn es lange nachwirkt. Altes Land habe ich noch im letzten Jahr gelesen und – es wirkt bis heute nach, ist mir bis heute präsent. Daher: Echte, uneingeschränkte Leseempfehlung.

Darüberhinaus – und davon kann in diesen unseren Zeiten gar nicht genug erzählt werden – „Altes Land“ gibt eine eindringliche Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich heimatlos ist. Und vor allem, wie es sich anfühlt, wenn man unerwünscht ist, obwohl man im Grunde nichts anderes will als überleben.

Die Journalistin Dörte Hansen lebt in der Nähe von Hamburg. Sie arbeitete als Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk und heute als Autorin für Hörfunk und Print. „Altes Land“ ist ihr erster Roman und ein erstaunlicher – meiner Meinung nach verdienter – Überraschungserfolg.


Genre: Romane
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Das grosse Los

Winnemuth_MDas_grosse_Los_136656In Hamburg sagt man Tschüss. Dachte sich auch die als experimentierfreudig bekannte Hamburger Journalistin Meike Winnemuth, packte einen Koffer und war dann mal ein Jahr lang weg. Auf Weltreise. Einfach weg war das Ziel. Zwölf Monate in zwölf Städten auf fünf Kontinenten.

Meike Winnemuth traut sich gerne was. Gerne aber auch mit eingebautem Sicherheitsnetz.  Aus diesem Grund traute sie sich zunächst einmal nach Köln. Zu Günter Jauchs Wer wird Millionär, beantwortete dank Publikumsjoker sogar die „verfranzte“ 500.000 Euro Frage und gewann eine phantastische halbe Million. Auf Jauchs obligatorische Frage danach, was sie mit dem Gewinn nun anstellen werde, manifestierte sie noch in der Sendung –leicht unter Gewinnschock stehend – ihre bis dahin nur halbgare Weltreiseabsicht.

Keine drei Monate nach Wer wird Millionär war Meike Winnemuths Leben in der Hansestadt eingefroren, in Istanbul feierte sie mit Freunden Silvester und Abschied. Von dort ging der Flieger nach Sydney, ihrer ersten Station. Es sollte keine Reise im eigentlichen Sinne sein. Der Plan war, in den ausgewählten zwölf Städten ihrer Arbeit als freiberuflicher Journalistin weiter nachzugehen, jeweils einen Monat Alltag zu erfahren und mit zu erleben. Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit. Ihre Stationen: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna. Wo immer möglich, lebte sie in möblierten Wohnungen – jede schon eine Geschichte für sich, kaufte dort ein, wo die jeweiligen Städter auch einkauften und tauchte ein in fremde Welten. Nicht zuletzt auch dank diverser Dinge, die sie im Auftrag von Lesern des SZ-Magazins ausführte. Ganz wichtig war ihr, in jeder Stadt etwas Neues zu lernen: „Denn das Wunderbare daran, von etwas überhaupt keine Ahnung zu haben: Du machst rasend schnell Fortschritte.“

Während dieser zwölf Monate führte sie ein Blog – vormirdieWelt.de – und ob der großen Resonanz lag die Idee nahe, nach Rückkehr ein Buch über diese Reise zu schreiben. Das grosse Los avancierte in kürzester Zeit zum Bestseller. Und dies sogar völlig zu Recht. Das grosse Los ist ein bewegendes, humorvolles, spannendes, hoch interessantes und informatives Buch geworden, an keiner Stelle langweilig. Meike Winnemuth ist mehr als eine „gelernte Schreiberin“. Sie schreibt mitreißend, aus dem Bauch und dem Herzen heraus, mal nachdenklich, mal witzig, immer ehrlich. Gelegentlich spöttelt sie ganz gerne, dann aber auf hohem Niveau und am liebsten auch über sich selbst. Das Buch setzt sich zusammen aus zwölf Briefen, aus jeder Stadt einen, addressiert an beste Freundinnen, alte Lieben, ihr jüngeres Ich und an ihren Publikumsjoker. Die Kapitel/ Briefe werden jeweils ergänzt durch eine Liste der 10 Dinge, die sie in der betreffenden Stadt gelernt hat sowie durch während des Jahres entstandene Fotos

In den Briefen beschriebt sie mit viel Empathie für die jeweiligen Städte und ihre Bewohner ihre Erlebnisse und Erfahrungen, nicht zuletzt auch die Erfahrungen mit sich selbst. Denn was macht es mit einem, wenn man in eine ganz fremde Welt, eine ganz fremde Umgebung geworfen alleine zurecht kommen ist? Genau diese Erfahrungen und Meike Winnemuths Fähigkeit zum Staunen sind es, die das grosse Los so spannend machen. Kulturschocks, Überraschungen, immer wieder das Glück des Zufalls – Meike Winnemuth erfährt, wie sehr man durch seine Umgebung geprägt wird und erlebt sich in jeder Stadt neu: „Mal entspannter als die Werkseinstellung, mal neugieriger und umtriebiger. Entflammt, genervt, genießerisch, übermütig, überfordert, ich mochte alle meine Versionen.“

Schon unterwegs und erst recht nach „diesem besoffen machendem Jahr “ stellt sich ihr auch die Frage nach Heimat. Ununterbrochen unterwegs zu sein ist in unserer rastlosen Welt ja nicht länger nur ein Markenzeichen der globalen Elite. Die Frage, ob gute Koffer wichtiger sind als Heimat, liegt heutzutage auf der Hand. Heimat ist auch keine Lösung, zu diesem Schluß kommt auch Meike Winnemuth: „Heimat ist nicht da, wo man geboren ist, Heimat ist da, wo man begraben werden will .“

Ihr größter Schock unterwegs: der zwischenzeitliche Kassensturz. Das eingebaute Sicherheitsnetz in Form des WWM Gewinns– sie hätte es gar nicht gebraucht. Es wäre auch so gegangen. Sie hätte jederzeit einfach nur losfahren müssen. Ihre schönste Erkenntnis: „Was alles geht und was es alles gibt, davon habe ich eine kleine Ahnung bekommen. Dass die Welt voller Möglichkeiten steckt, die Dinge anders zu sehen und anders zu machen.“ In Summe ist das grosse Los ein Plädoyer gegen zuviel Eindeutigkeit und für mehr sowohl als auch.

Fazit der Autorin: Einfach wagen: „Nicht lang schnacken, Koffer packen.
Glück ist ein Gefühl von Möglichkeit

Fazit der Rezensentin; Unbedingt lesen. Das Buch übertraf meine durchaus
nicht kleinen Erwartungen bei weitem.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Dokumentation
Illustrated by Knaus München