Der Mann in der fünften Reihe

der-mann-in-der-fuenften-reihe-veronique-olmiDas Buch startet auf einer Freilichtbühne. „Ich weiß nicht, wie lange ich schon auf dieser Bank sitze. Seit Stunden fährt kein Zug mehr ab, kommt keiner mehr an. Ein regloser Bahnhof. Eisige Stille bis ins Mark meiner Knochen.“ (Seite 7) So beginnt die Erzählerin ihren vielschichtigen Monolog.  An diesem Abend kehrt sie nicht nach Hause zurück, sondern verbringt die ganze Nacht auf dieser Bank am gare d l’est. Sie ist in einem Vakuum gelandet, aber ihr Gehirn ist in vollem Gange, bereit zur Explosion. Sie beginnt Wer ist diese Frau?

Nelly ist eine 47 Jahre alte Frau, Mutter von zwei Jungen und Theaterschauspielerin, die ihre Tage im Erwartungsstress bis zu ihrem Auftritt, zu ihrer Show-time am Abend verbringt. „Ich bin siebenundvierzig und warte immer noch darauf, dass mein Leben anfängt.“ (Seite 24)

Im Augenblick spielt sie in dem Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ von Luigi Pirandello. Es ist eine Tragödie von Missverständnissen und Schrecken; von der Unfähigkeit, sich auszudrücken und, zu kommunizieren. Und tatsächlich scheinen die Frau und die Schauspielerin zu verschmelzen. Wer leidet hier? Die Rolle oder die Frau selber. Bilder ihres Lebens kommen zu ihr zurück wie Bumerangs. Sie liefert eine Art Beichte ab: über die Atmosphäre in der Umkleidekabine, über die panische Angst vor dem Zuspätkommen, vor dem Vergessen ihres Textes, über die Aufregung auf der Bühne, über ihre Kindheit am Meer, ihre Eltern, ihren Geliebten, über eine Mutter, die nach und nach in die Dunkelheit des Vergessens sinkt; über einen Vater, eine wunderbar tragische Figur in seiner zweiten schüchternen Rolle, wo es vielleicht Einsamkeit oder Versuchung von Selbstmord gab; über ihre Söhne, die nicht wissen, „wie sehr sie schon vor mir wegrennen.“ (Seite 36) Und natürlich über den Mann, den idealen Mann am idealen Platz in der Mitte der fünften Reihe, dem sie sich verweigerte, ohne ihn zu vergessen. „Diesen Mann in der Mitte der fünften Reihe – der ideale Platz. Diesen Mann, dessen Name ich seit sechs Monaten verschweige, dessen Existenz ich verleugne. Seine Anwesenheit, die meine vernichtet.“ (Seite 61)

Es gibt keine Gnade für Nelly. Woher bezieht sie die Kraft, sich vor dem Versinken zu retten? Eine lange Geschichte, ein schöner Monolog einer Frau, die in den Fallen der Leidenschaft gefangen ist. Véronique Olmi variiert ihr Hauptthema: das leidenschaftliche Leben von und für Liebe. Sie zeigt uns die Schwierigkeit der Liebe, die Sehnsucht nach Liebe und die unmögliche Liebe. Und sie beschreibt perfekt die verheerenden Auswirkungen der Leidenschaft, das Glück, das sie bringt, und vor allem die Schmerzen die sie verursacht. Wie kaum eine Zweite versteht es Véronique Olmi auf sehr reife, subtile Weise Emotionen genau und kraftvoll zu destillieren und diese Schlüsselmomente festzuhalten, wenn ein ganzes Leben kippt. „Lieben oder sterben wollen, eigentlich ist es dasselbe: der Wunsch, woanders zu sein.“ (Seite 18)

Die zerbrechliche Nelly Bauchard sucht nach Antworten: „Wie nennt man eine Liebe, die weder enden noch neu beginnen, sich weder belügen noch erniedrigen kann?“ (Seite 100); Warum vereinigen wir uns mit Menschen, die uns lieben und uns irgendwann in Fetzen zurücklassen? Warum geben wir dem anderen, was wir so sorgfältig bewahrt haben?“ (Seite 107)

Véronique Olmi liefert eine fragmentierte Erzählung. Kurzer Absatz auf kurze Absätze, mit viele kleinen Szenen. Ihre Sprache ist wie Musik, einfache Akkorde, die den Ton verzweifelter, weiblicher Charaktere treffen. Ein Text kurz, aber reich, gefühlvoll und subtil, der uns auf zwei Ebenen unterhält. Mich berührt dieser präzise und fast minimalistische Stil. Mir scheint, dass dieses Buch eine ganz ausgezeichnete Vorlage für ein Ein-Personen-Stück am Theater geeignet wäre. Ein herausfordernder Monolog für eine große Schauspielerin, wie zum Beispiel Isabell Huppert.

Véronique Olmi hat uns eine brillante zeitgenössische Variation zum Denken von Tristan in „Tristan und Isolde“ geliefert, der Beweis, dass Leidenschaft ebenso zeitlos ist, wie sie der menschlichen Natur eigen ist: Oder wie Gustave Flaubert sagte „Liebe erblüht im Staunen einer Seele, die nichts erwartet und sie stirbt an der Enttäuschung des Ichs, das alles fordert.“

Mit Véronique Olmis traurigem und berührendem Buch „Der Mann in der fünften Reihe“ wählen Sie eine Lektüre in dessen erzählerischen Spannung Sie sich verlieren, ja ertrinken können. Das Buch wird Sie verführen.


Kategorie: Romane
Verlag: Kunstmann München

Geschwisterkinder

GeschwisterkinderMilla und Ritschie sind Geschwister, gemeinsam verlebten sie eine wohl als normal und behütet zu bezeichnende Kindheit. Mittlerweile sind sie in ihren Zwanzigern, leben beide in Berlin, räumlich nicht weit voneinander entfernt und einander doch entfremdet. Es gab keinen greifbaren Anlaß für die Distanz, die zwischen ihnen entstand. Eher war es die Trivialität ihrer Alltage, die beide verstummen ließen und dazu führte, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Was sie noch eint, sind die Erinnerungen an die Zeit, als der große Bruder die kleine Schwester Milla beschützte und ihr den Weg ebnete. Wenn auch jeder von ihnen sich seiner Erinnerungen nicht sicher ist, „wie viele Erinnerungen es geben mochte, die niemals wieder hervorgerufen wurden.”

In ihrer in fünf Abschnitte gegliederten Erzählung Geschwisterkinder berichtet die junge Autorin Hanna Lemke von einer langsamen Wiederannäherung zweier Geschwister im oft flüchtigen Umfeld einer hektischen Großstadt. Der Besuch eines alten Freundes ihrer Familie und die Einladung zu einer Hochzeit von Bekannten sind die Auslöser dafür, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie beginnen zu reden, über ihre Gedanken und Gefühle. Über die Zeit, die sie hatten und die Zeit, die vor ihnen liegt. Sie erkennen, dass nicht jede Erinnerung eine glaubwürdige sein muss und sie es verdienen, einander ganz neu kennen zu lernen und ihre erstarrte Beziehung zu beleben. Sich gegenseitig die Angst vor all dem zu nehmen, was sich in ihrem Leben falsch und fremdbestimmt anfühlt. Schließlich wagt der ältere Bruder ein klares, ehrliches Hilfsangebot. Für die nächste Zeit wird er wieder derjenige sein, der die kleine Schwester beschützt und unterstützt auf ihrem Weg zu sich selbst. Auch wenn ihrer beider Leben scheinbar einfach nur seinen Lauf fortsetzt, die Gangart in diesem Lauf wird eine andere sein.

Hanna Lemke legt mit ihrer Erzählung zwei fein gezeichnete Charakterstudien vor. Ihr klarer Bericht zwingt den Leser zur Langsamkeit, dazu jeden ihrer poetischen Sätze so genau und bewusst zu lesen, wie sie auch geschrieben wurden. Hanna Lemke erzählt geschliffen, sie beobachtet genau, fast schon detailverliebt, aber sie wertet nicht. Der Leser mag seine eigenen Schlüsse ziehen. Zwar kommt er den Geschwistern näher, doch so richtig versteht er sie nicht. Zur Identifikation wird er nicht aufgefordert. Er bleibt seltsam distanziert und ein Beobachter aus der Ferne. Man legt das Buch tief beeindruckt aus der Hand, doch richtig begeistert ist man nicht. Das Bemühen der Autorin, die Beziehung der Geschwister auf das Wesentliche zu reduzieren – vielleicht ist es zu radikal. Auch wenn man die Abgründe hinter der Banalität des Lebens spürt, der letzte entscheidende, empathische Funke – mir hat er gefehlt.

Nachwirken werden Hanna Lemkes Sätze. Sätze wie gemalt, fein komponiert. Es sind Sätze, die man sich in die eigene Erinnerung mitnehmen und von denen man sich begleiten lassen kann.

Die gebürtige Wuppertalerin Hanna Lemke studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 debütierte sie mit dem Kurzgeschichtenband Gesichertes, welcher von der Kritik hoch gelobt wurde. Auch Geschwisterkinder ist in Summe eine lesenswerte Erzählung, die Lust auf mehr von dieser jungen Autorin macht.

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Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Kunstmann München

Das Mädchen, das sterben sollte

Auf dem Filmset von Megastar Thomas Bayne in der libyschen Wüste geht eine Bombe hoch und tötet fast hundert Leute. Die Welt hält 99 Minuten lang den Atem an, bis feststeht, dass Bayne nicht zu den Getöteten zählt. Während dessen sucht die 28jährige Fremdenführerin Susan Mantle eine Wahrsagerin, Dawn Sage, auf, mit der sie in einem Haus wohnt. Von ihr will sie wissen, ob ihr neuer Freund der Richtige für sie ist. Doch die Prophezeiung der geheimnisvollen Seherin wirft sie aus der Bahn. »Sie werden berühmt. Sie werden reich. Sie werden über Erde und Wasser reisen. Sie werden einem großen dunklen Fremden begegnen. Sie werden Nein zu ihm sagen bis zu dem Tag, an dem Sie Ja sagen. Am Tag darauf werden Sie sterben.«

Völlig verwirrt stolpert Susan aus der Höhle der Wahrsagerin und läuft tränenüberströmt einem Fernsehteam in die Arme, das Stellungnahmen zu dem Attentat sammelt. »Dem Tod wird kein Reich mehr bleiben«, stammelt sie unter dem Eindruck der Nachricht vom bevor stehenden eigenen Tod weinend in die Kamera, ohne zu wissen, worum es den Interviewern überhaupt geht. Die mysteriöse Stellungnahme gelangt in die Nachrichten und wird dort immer wieder gezeigt. Bald ist Susan »das geheimnisvolle Mädchen« und wird über Nacht berühmt. Die erste Prophezeiung der Wahrsagerin geht damit in Erfüllung.

Schon am nächsten Tag ist das geheimnisvolle Mädchen in aller Munde. Zeitungen drucken ihr Konterfei und PR-Berater belagern sie am Telefon. Von einem Unbekannten wird eine Million Dollar auf ihr Konto überwiesen, und damit trifft auch der zweite Teil der Weissagung ein. Susan bekommt Angst und würde am liebsten der Wahrsagerin die anonyme Million überweisen, damit keine weiteren Voraussagen in Erfüllung gehen. Ehe sie sich versieht, haben jedoch die Medien Besitz von ihr ergriffen. Filmstars, Rockgenies und die Shakespeare Company wollen mit ihr gemeinsam auf Sendung gehen, doch sie verkriecht sich in ihrem Bett, um dem verkündeten Schicksal zu entgehen. Clevere Fernsehleute machen daraus die Reality-Show »The Babe in Bed Forever«.

Susan Mantle will einfach nicht berühmt werden und wehrt sich gegen das Liebeswerben quotengieriger TV-Typen, spirituell erleuchteter Hollywood-Stars, Ex-Lover und angeblicher Freundinnen, die sich um sie versammeln. Je mehr sie sich dem Trubel zu entziehen versucht, desto mehr wird sie in den Mahlstrom hinein gezogen. Selbst verliebte Zyniker, Depressive und voll verblödete Typen geben sich die Tür in die Hand und lassen ein Bild vom Narrenhaus entstehen, das sich Fernsehen nennt.

Das Buch, dessen Titel im ersten Augenblick wie ein Kriminalroman wirkt, ist tatsächlich ein höchst verschachtelter Dialogroman mit Anspruch. Der gesamte Text besteht ausschließlich aus ständigen Telefonaten und Gesprächen mit Eltern, Freundinnen, Freunden, Managern und anderen Figuren. Abgesehen von der Kunstfertigkeit, mit der die Handlung entwickelt und erzählt wird, verlangt der Text vom Leser höchste Konzentration, um der Satire folgen zu können.


Kategorie: Romane
Verlag: Kunstmann München

Der Ruinenwächter von Havanna

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Ponte liest. Foto: © Wilhelm Ruprecht Frieling

In seinem satirischen Roman »Unser Mann in Havanna« schreibt Graham Greene seinem Protagonisten James Wormold, einem als Staubsaugervertreter getarnten britischen Geheimagenten, ins Tagebuch: »Es war an der Zeit … seine Sachen zu packen und die Ruinen von Havanna zu verlassen«. Anders als Wormold verlässt Pontes Protagonist Havanna zum vollkommenen Unverständnis seiner Freunde nicht. Vielmehr hält er es mit Maupassant, der Frankreich wegen des Baus des von ihm und anderen Künstlern als »Schandfleck« bezeichneten Eiffelturms verließ, dann jedoch zurück kehrte und häufig im Restaurant der Stahlgiraffe anzutreffen war. Dies war nach seinem Bekunden der einzige Platz in Paris, wo er den Turm nicht sehen musste.

Antonio José Ponte versteht sich selbst als »Ruinologe«. Der in Kuba mit Preisen und einer Literaturprofessur geehrte Autor ist dort inzwischen in Ungnade gefallen und lebt seit 2006 im Madrider Exil. Er wurde vom kubanischen Schriftstellerverband »deaktiviert«, damit bleibt er zwar formal Mitglied, darf jedoch weder publizieren noch Ehrenämter bekleiden. »Der Ruinenwächter von Havanna« ist seine erste in deutscher Sprache vorliegende Publikation.

Ponte unternimmt literarische Streifzüge durch Havannas Altstadt auf den Spuren von Graham Greene, Jean Paul Satre und Ry Cooder. Er beschreibt die Altstadt der kubanischen Hauptstadt als einen Unfall in Zeitlupe, als ein unaufhaltsames Zerbröseln von Bausubstanz, von Gebäuden und Quartieren. Über Jahre häufte sich ein Berg von Problemen an, der auch durch die Einrichtung neuer Museen und von Bars, die sich bei näherem Hinsehen selbst als Museen entpuppen, nicht abgetragen wurde. Ponte meint, die größte städtebauliche Leistung durch die Revolutionsregierung bestehe darin, Havanna seinen Bewohnern entfremdet zu haben: »Derart fremd geworden, dass niemand sich für die Stadt verantwortlich fühlt, wird sie aus der Ferne vermisst«.

Der Autor beobachtet das Entstehen von etwas, das er »horizontale Ruine« nennt: nicht einzelne zusammen stürzende Gebäude, sondern eine ganze Stadt, die sich flächendeckend in eine gigantische Ruinenkonstruktion verwandelt, in der immer wieder der Strom ausfällt. Jahrelang leuchtete ganz oben an der Fassade des Bauministeriums die Losung »Revolution ist Bauen«. Allerdings wird die Ära Castro nach Ansicht des Autors wohl ohne bemerkenswerte bauliche Hinterlassenschaften zu Ende gehen; es fehlt sowohl an Verantwortungsbewusstsein für die Rettung der Altstadt als eine Architektur der Moderne.

Letztlich besteht der Irrtum der sozialistischen Wohnungspolitik darin, den Bewohnern die Verantwortung über den Wohnraum zu überlassen, die den vorherigen Eigentümern genommen wurde. Doch die neuen Besitzer, die in Havanna teilweise sogar ihre eigene Miethöhe festsetzen durften, verhalten sich wie Tauben: sie verlassen die Gebäude, sobald sie vollends unbewohnbar geworden sind und flattern durch die Löcher in den Dächern, um den nächsten freien Winkel zu besetzen.

Wann wird ein Gebäude zur Ruine, fragt Ponte und antwortet: »Man steht von dem Moment an vor einer Ruine, wenn die Schäden an einem Gebäude unwiderruflich sind. Wenn es nicht mehr das Verlangen nach Wiederaufbau weckt, hat das Gebäude angefangen, zur Ruine zu werden. Das Zeichen ist ein Sims, der unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit am Boden landet, oder das nicht zur Kenntnis genommene Abfallen eines Balkons.«

Abseits aller Revolutionsromantik um Fidel Castro, Camilo Cienfuegos und Ernesto Che Guevara und dem von der Buena-Vista-Rhythmik beschworenen Mythos wird mit diesem ungewöhnlichen Werk das Ende eines Systems an einem seiner schwächsten Punkte karikiert: an seinem Umgang mit dem Altern der Hauptstadt. Der »Ruinenwächter von Havanna« ist ein romanhafter Essay mit verstörendem Effekt auf den Leser und sicherlich eines der ungewöhnlichsten Zeugnisse der aktuellen kubanischen Literatur.

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Kategorie: Romane
Verlag: Kunstmann München

Wortstoffhof

Kaum ein Land dürfte es auf der Welt geben, meint Axel Hacke in der Vorrede zu seinen alphabetisch aufgereihten Sprachgeschichten, in dem der Wiederverwertungsgedanke ausgeprägter ist als in unserem lieben Deutschland. Ergo legte er in seinem Büro ein Eckchen für sprachlichen Abfall an, den er jetzt in Buchform wiederverwertet.

Schlecht übersetzte Speisekarten, rätselhafte Schild-Texte, kryptische Gebrauchsanweisungen, falsch getrennte Wörter, vollkommen unverständliche Tourismus-Prospekte und anderes mehr sammelte der Autor. Unter dem Titel »Der Sprach-Wertstoffhof« richtete er im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« eigens eine Kolumne ein, um nachzuweisen, dass sich aus fast allem etwas machen lässt. Es geht ihm dabei um nichts anders »als um den Spaß am Valschen, die Poesie des Irrthums, die Freude an der Fehlleistunck« – um einen Reichtum also, der erst durch menschliche Schwäche entsteht.

Hacke beginnt seine Betrachtungen mit »Äh« und »Ähm« und der Frage, ob es sich bei diesen Lauten um Geräusch- bzw. Sprech-Abfall oder um normale Wörter handelt. Unter diesem Aspekt analysiert er den König des »Äh«, Edmund Stoiber. Er kommt zum Ergebnis, dass Stoiber ein ganz Großer ist: »Ein Rhythmiker. Ein Sprachmusiker. Ein Virtuose des Äh«.

Er wandert weiter über das »Autorenerwachen«, den »Betäubungslärm« zum »Biermörder«, bestellt ein »Drahthuhn«, erfreut sich am musikalischen Spiel einer «Fötengruppe«, erfreut sich einer »hyänischen Kauflaune«, kommt vom »Mischdünger« auf den »Mpfplan«, behandelt den »No-Nonsense«, besucht das »Öktöbärfäst« enträtselt das Geheimnis des »Poppencorken« und springt schließlich durch ein »Zeitfenster«.

Wer Freude an lebendiger Sprache hat und gern lacht über Wortschöpfungen, die uns der Alltag schenkt, dem sei dieser Band von Axel Hacke dringend empfohlen.


Kategorie: Sprache
Verlag: Kunstmann München

auweia

»Hopp! Hopphopphopp! Hoppala. Au! Auweia, der ging ins Aus. Aber jetzt erst recht, ha! Dicke Luft! Und? Und? Ein As!« –

Worthülsen, Kalauer, Sprichwörter, Redensarten, Jargon, Denglisch und Sportreporterdeutsch mixt Eckhard Henscheid in seinem Werk »auweia« und bläst es zu rosa Kaugummiblasen auf. Er will damit die Hirnlosigkeit zeitgenössischer Pop- und Lifestyle-Literatur parodieren. Mannomann!

Um den ungestüm Fragenden zuvor zu kommen: Ja, es gibt den Ansatz einer Handlung. Wer abseits der Sportwelt lebt, muss sich allerdings einiges erklären lassen. Danach soll die Hauptheldin des Textes, ein »Heidi« genannter Tennisstar, Ähnlichkeit mit einer gewissen Steffi Graf haben, die der deutschen Märchenpresse einst als Wunderkind diente. Aber das spielt für das Opus selbst nur eine Nebenrolle. Hat der Mensch noch Töne?

Henscheid schiebt besagte Heidi als fünfjähriges Kindertalent in den Text. Ohne den Leser an die Hand zu nehmen, springt der Autor wieselflink in die erste Schwangerschaft der Dame. Nein, es geht nicht um Schändung einer Minderjährigen! Quatsch mit Sauce! Uns Heidi ist urplötzlich erwachsen, heiratet einen gewissen Ron und gebärt einen Sohn, Laden Bin geheißen. Drei Jahre später schlüpft die Tochter Johanna Isidora Pia Fuck Surinam. Wie gut, dass es Nachschlagewerke gibt: die Story ist offenbar dicht an der Wirklichkeit. Zum Ausklang des 126 Seiten starken Werkes ziehen sich Heidi und Ron in ein Seniorenheim in Bodenmais zurück. Schluss mit lustig.

Alles roger in Kambodscha. Doch wo bleibt der Witz?

Fixsapperment. Klingeling. Heißassa! Henscheid hat mit seinem Text ein neues Genre in die deutsche Literaturgeschichte eingeführt. Es ist der »Infantilroman«. Rumskedi, da freuen sich die Päpste des Feuilletons! Der Infantilroman will, ganz entgegen den Regeln der klassischen Poetik, nicht erfreuen oder erbauen, sondern hauptsächlich beißende Sprachkritik üben.

Dem Leser hilft der in Klardeutsch verfasste Klappentext. Der Roman will weder Vergnügen noch Behagen herstellen. Er beabsichtigt vielmehr das Gegenteil: »mit durchaus künstlerischen Mittel, artifizieller Stringenz und sogar artistischem Ehrgeiz« ein »episches Novum« zu schaffen. Wuff! Autsch! Hahaha! Scheißescheiße!

Mensch, Henscheid! Um es in den Worten Deines Infantilromans zu sagen: »Das tick ich nicht«. Mit Deiner »Trilogie des laufenden Schwachsinns« hast Du mal das Feinste verfasst, was die literarische Hochkomik deutscher Zunge zu bieten hat. Dein gesamtes Werk sprüht vor Witz. Deine Texte sind Leckerbissen für jeden, der nach Lachfalten und Humor lechzt. – Doch in diesem Fall?

Auweia, bummsti, hoppsala! Mit dem Text bist Du meisterhaft auf die Nase gefallen. Deine Worthölle ist weder witzig noch originell. Es ist kaum besser als das parodierte Genre, es ist eine Floskelparade, die jede Schmerzgrenze überschreitet. Na, darauf einen Dujardin!

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Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Kunstmann München

München-Blues

Spätestens seit Jacques Berndorf 1989 seinen Krimi »Eifel-Blues« veröffentlichte, tourt der Blues durch die deutsche Regionalliteratur. Nun ist er auch im Süden angekommen. »München-Blues« betitelt Max Bronski seine Erzählung aus der bayerischen Landeshauptstadt.

Der Münchner Trödler Gossec findet zur Oktoberfestzeit, in der er seinen Laden im Schlachthofviertel kaum verlässt, eine ausgeplünderte Bierleiche vor seiner Tür. Der Zufallsfund entpuppt sich als einflussreicher Lokalpolitiker, der seinem Tascheninhalt zufolge von einer Immobilienfirma auf die »Wiesn« geladen wurde. Als Gossec wenig später einem guten Freund eine neue Bleibe verschafft, weil der von einer Entmietungsfirma vor die Tür gesetzt wurde, stößt er wieder auf den ehrenwerten Abgeordneten und die ominöse Firma. Bei seinen Recherchen gerät er schnell in einen Strudel von Korruption und Spekulantentum.

Bronski mixt gute Ortskenntnis, reichlich Lokalkolorit und einen kräftigen Schuss Milieu, garniert dies mit derben Baulöwen sowie smarten Immobilienhaien und serviert eine flotte, witzig geschriebene Erzählung. Einige Spritzer Jargon und ein liebevoller Blick auf die Underdogs von München sind weitere Bestandteile des München-Blues, den der Autor anstimmt.

Das Buch ist stilistisch flappsig und liest sich flüssig. Es erweist seinen Verfasser als milieudichten Beobachter mit Wortwitz. Wer München mag und keinen literarischen Spitzentitel erwartet, wird gern in Bronskis Blues einstimmen.

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Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Kunstmann München

Wenn Sie mich fragen

Rainer Erlinger bekleidet im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« die Position des Moralapostels. Mit seiner Kolumne »Gewissensfragen« behandelt der gelernte Arzt und Jurist Alltagsfragen seiner Leserschaft. Dabei versucht er, auf vergnügliche Weise in die philosophischen und rechtlichen Grundlagen unseres Wertesystems einzuführen.

Darf das Tagebuch einer Verstorbenen, das zur Vernichtung bestimmt ist, geöffnet werden? Verhält sich ein passionierter Radfahrer korrekt, wenn er einem liegen gebliebenen Autofahrer die Hilfe verweigert? Ist es statthaft, den noch nicht abgelaufenen Parkschein eines anderen Automobilisten zu verwenden? Darf ein umweltbewusster Mensch den Verkehr aufhalten? Besteht eine Verpflichtung, seiner besten Freundin zu verraten, dass ihr Lebensgefährte sie ständig betrügt? Sollte eine Mutti mit Kinderwagen einen Radfahrer, der wegen schlechter Straßenverhältnisse den Gehweg benutzt, passieren lassen? Ist es richtig, 8,20 Euro Lohnsteuerjahresausgleich geltend zu machen, wenn es den Staat Hunderte von Euro kostet, das zu bearbeiten?

Erlinger beantwortet diese und ähnliche Fragen, indem er in die Tiefen der Jurisprudenz ebenso einsteigt wie in die Summations- oder Intelgralethik beziehungsweise ihr Gegenteil, die Fraktal- oder Einzelaktethik. Bei der Lösung der moralischen Zwickmühlen vermittelt er Denkanstöße und vermittelt Wissen und Einsichten ohne zu belehren. Dabei differenziert er zwischen der Moral als Ansammlung von formellen oder informellen Regeln des Staates, die sich historisch aus Gründen des Erhalts von der Macht einer Gemeinschaften gebildet haben und der Ethik, die es gestattet, Verhaltensregeln für die Menschen im Staat abzuleiten.

Darf ich dies, darf ich das? – In den Fragen, auf die der Moralkolumnist eingeht, spiegelt sich indes auch die Mentalität seiner Leser, und die ist mitunter erschreckend. Mit der Unbescheidenheit von Erbsenzählern wird auf vermeintlichen Rechtspositionen geritten, und die Hilfssheriff-Mentalität vieler Deutscher schimmert aus dem Dickicht der Fragen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist es vergnüglich, Erlingers Antworten zu goutieren. Ob es allerdings dazu eines eigenen Buches bedurft hätte, kann nur der Verlag beantworten, der sich davon eine Zweitverwertung erhofft. Viele der Kolumnen sind jedenfalls auch online zu finden.

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Kategorie: Kolumnen
Verlag: Kunstmann München

Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück

Nach dem Erfolg seines ersten Bandes legt Axel Hacke jetzt einen Nachschlag zum Stichwort »Verhören« bei Gedicht- und Liedzeilen vor. Der auf dem Hörfehler eines Musikenthusiasten fußende Buchtitel machte seinen »weißen Neger« zu einer poetischen Traumgestalt. Der Zuhörer verwandelte die vertonten Gedichtzeilen »und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar« aus »Der Mond ist aufgegangen« von Matthias Claudius in: »und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba«.

Wie bereits im ersten Band schöpft der Autor aus zahlreichen Leserzuschriften auf seine entsprechenden Kolumnen in der »Süddeutschen Zeitung« sowie aus inzwischen entstandenen Internetforen, die sich alle mit dem Thema des Verhörens beschäftigen. So ergänzt er seinen Wumbaba durch den »Kinder-Lehmann«, »Jack, die Sau« und den »Schlächter Müller«, allesamt Gestalten, die aus Hörfehlern resultieren.

Hacke belauscht das kirchliche Leben, wenn Gläubige singen: »Lasst uns froh und Monster sein«. Er besucht Landstriche wie »Hedwig Holstein« und widmet sich der deutschsprachigen Popmusik, für die er eine »Hitparade deutschsprachiger Verhörsänger« aufstellt. Erstplatzierter wird Herbert Grönemeyer, der es mit seiner Nuschelstimme gerade darauf anlegt, dass der Hörer eigene Texte erraten und herstellen soll.

Der Autor widmet sich der Thematik in professioneller Routine. Die Lektüre des Büchleins ist vergnüglich, ein sprachliches oder stilistisches Meisterwerk ist es jedoch nicht. Da hat Hacke mit seinem »König Dezember« wesentlich bessere Leistungen vorgelegt. Deutlich aufgewertet wird das Werk jedoch von dem Berliner Maler und Zeichner Michael Sowa, der herrliche Illustrationen beisteuerte, die allein schon den Erwerb des Buches rechtfertigen.

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Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Kunstmann München

Das Doppelleben des Vermeer

Er ist bankrott, krank, drogensüchtig, doch triumphierend. Obwohl er ein wahnsinniges Vermögen verdiente, war sein Ziel die Rache an einer Kunstwelt, die sein Werk belächelte. Han van Meegeren ist Künstler, der es verstand, einen der außergewöhnlichsten und geheimnisvollsten Maler der holländischen Kunstgeschichte so perfekt zu fälschen, dass sich die Kunstwelt nach wie vor streitet, ist er echt, ist er nicht echt? Jan Vermeer.
Wie viel muß ein Fälscher wissen, Technik, Malstil, Epoche, Leinwand, Farbzusammensetzung und…?
Der Künstler, der in die Haut eines anderen schlüpfte, um Anerkennung zu finden, wird vom Hochverräter zum Volksheld, als man nach 1945 in Holland entdeckt, dass ein Hauptwerk Vermeers in den Besitz von Hermann Göring gelangte. Der Drahtzieher des Verkaufs war der heruntergekommene Maler Han van Meegeren. Er wird verhaftet und Han van Meegeren gesteht. Doch nicht den Verrat an Holland, den Ausverkauf nationaler Kulturgüter. Er hat das Bild gefälscht, und mit ihm sechs weitere, erst „unlängst“ wiedergefundene Vermeers, mit denen sich die bedeutendsten Museen der Zeit schmücken.
Wie konnten sich die Experten über Jahre derartig täuschen lassen? Wie gelang es einem Autodidakten, alle technischen Analysen auszutricksen und die Mär vom untypischen „anderen Vermeer“ durchzusetzen?
Ein spannendes Buch – wie ein Kriminalroman: ich empfehle es jedem, der sich für Kunst und Malerei und die dahinter steckenden Machenschaften interessiert.


Kategorie: Kunst, Musik und Literatur
Verlag: Kunstmann München

Studs meets music

Viele sagen, das Leben sei mit Hilfe der Musik in den menschlichen Körper gelockt worden. Die Wahrheit ist aber, dass das Leben selbst Musik ist.
Passender als mit diesem Zitat von Hafis, einem persischen Dichter des vierzehnten Jahrhunderts, kann man ein Buch über Musik und Musiker nicht beginnen.
Der Pulitzer-Preisträger Studs Terkel war jahrelang Gastgeber einer Radioshow in Chicago, der Studs Terkel Show, und präsentierte seinen Zuhörern nicht nur Musik, sondern auch Gespräche mit Vertretern verschiedener Musikrichtungen.
„Studs meets music“ enthält mehr als zwanzig Interviews mit den bekanntesten Musikern des zwanzigsten Jahrhunderts.
Unter diesen Höhenpunkten erzählt Jon Vickers von seiner Liebe zur Musik von Wagner, oder Louis Armstrong berichtet aus seinem langen Musikerleben. Ravi Shankar erwähnt seine Begegnung mit den Beatles, und Amerika’s großer Balladensänger Woody Guthry erinnert sich an seine Begegnungen und Wanderungen in den Vereinigten Staaten. Big Bill Broonzy sitzt in einem Studio, spielt die Musik längst verstorbener Freunde und berichtet aus seinem Leben. Kurze Zeit später, man schreibt das Jahr 1958, ist auch Big Bill tot.
Mit einem tiefgreifenden Wissen und einer enormen Wertschätzung seiner Gesprächspartner stellt Studs Terkel seine Fragen und liefert dem Leser ein kenntnisreiches Buch voller herrlicher Porträts.


Kategorie: Kunst, Musik und Literatur
Verlag: Kunstmann München

Der kleine König Dezember

Der kleine König Dezember lebt in einem Mauseloch in der Wohnung des Erzählers, mit dem er sich gelegentlich zu Gesprächen trifft. Kaum größer als ein Gummibärchen, entstammt der kleine Wicht einem Geschlecht, das permanent schrumpft – bis er schließlich völlig verschwunden ist.

Axel Hacke hat den Däumling eines Tages in seinem Bücherregal gefunden und sich mit ihm angefreundet. Er erkundet mit ihm die Stadt und lauscht den Geschichten vom kleinen König Dezember II., der von seinem Vater, König Dezember I. und seinem Großvater König Dritter Januar, erzählt.

In der Welt des dicken kleinen Mannes, der in einem langen roten Mantel mit Hermelinbesatz steckt, wird man groß geboren, man weiß schon alles, kann lesen und schreiben. Mit zunehmendem Alter wird man klitzeklein und zu guter Letzt unsichtbar. Es ist alles spiegelverkehrt zum menschlichen Leben, und doch gleicht sich vieles.

König Dezember vertritt die Ansicht, dass man lebt, um zu träumen. Sein klitzekleines Wohnzimmer ist voller Schachteln, in der seine schönsten Träume fein säuberlich verpackt liegen. So kann er bequem wirklichkeitsfrei leben, und der Leser fühlt sich vielleicht ebenfalls angeregt, ein wenig mit der kleinen Exzellenz in den Tag zu träumen.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Kunstmann München

Der weiße Neger Wumbaba

In dem kurzen Text geht es um das »Verhören« bei Gedicht- und Liedzeilen. Axel Hacke widmete sich in mehreren Kolumnen in der »Süddeutschen Zeitung« dieser vergnüglichen Thematik und erhielt daraufhin zahlreiche Zuschriften mit Beispielen aus allen Bereichen. So fußt der schmale Band, der von dem Berliner Maler und Zeichner Michael Sowa herrlich illustriert wurde, wesentlich auf den Beiträgen, die aus dem Leserkreis des Kolumnisten beigesteuert wurden.

Der Buchtitel fußt auf dem Hörfehler eines Musikenthusiasten. Der verwandelte die vertonten Gedichtzeilen »und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar« aus »Der Mond ist aufgegangen« von Matthias Claudius folgendermaßen: »und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba«. Es entstand damit eine poetische Traumgestalt. Hacke hält das für den besten Beweis seiner im Buch aufgestellten These, »dass die besseren Liedtexte in den Köpfen der Hörer entstehen«.


Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Kunstmann München