Kassandra

wolf-1Mythischer Determinismus

Einem verpassten Flug nach Athen verdanken wir die Erzählung «Kassandra» von Christa Wolf, sie habe sich nämlich die Wartezeit lesend mit der «Orestie» des Aischylos verkürzt. Und sei dabei besonders von der Figur der Kassandra, Lieblingstochter des trojanischen Königs Priamos, beeindruckt gewesen. Von Apoll umworben und mit der Gabe einer Seherin beschenkt, wurde sie, als sie Apolls Liebe abwies, mit dem Fluch belegt, dass niemand je ihre Weissagungen glauben sollte. Eine Tragik, der sich Christa Wolf durch die DDR-Zensur damals wohl ganz ähnlich ausgesetzt sah, auf unbequeme Wahrheiten reagierten die Herrschenden auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später mit kleinlicher Zensur und nicht selten auch mit Repressalien. Die 1983 veröffentliche Erzählung wurde inhaltlich, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, in Ost und West gleichermaßen geschätzt als versteckte Mahnung an die Politik, wurde aber, des Mythos wegen ebenso wie der modernen sprachlichen Umsetzung des Stoffes, auch geschätzt von einem eher unpolitischen Bildungsbürgertum in beiden deutschen Staaten. Und so gehört diese Erzählung noch heute zu den meistgelesenen Büchern dieser hochgeehrten, trotz ihrer Courage aber nicht unumstrittenen Schriftstellerin.

Eine Nebenfigur aus Homers «Ilias» also dient der Autorin als Ich-Erzählerin, wir erleben das Ende des trojanischen Krieges aus der ebenso reizvollen wie ungewohnten Perspektive dieser als Kriegsbeute des Agamemnon verschleppten Königstochter. Auf dem Karren vor den Toren von Mykenae sitzend, den unmittelbar bevorstehenden Tod durch Klytaimnestra, Agamemnons rasend eifersüchtiger Frau, erhobenen Hauptes erwartend, zieht ihr Leben im Zeitraffer noch einmal an ihr vorbei. In Rückblenden erscheint sie als Prophetin der bevorstehenden Niederlage Trojas, als unbeirrbare Mahnerin im Rat von Troja, vom Vater in den Kerker gesperrt deswegen. Als Frau letztendlich ist sie hoffnungslos unterlegen in einem Patriarchat, in der nur der Held etwas gilt, die Frau hingegen wie ein Objekt angesehen und behandelt wird, da ist auch die Königstochter nicht von ausgenommen.

Ohne sich durch 15.693 Hexameter quälen zu müssen werden wir Leser hier geradezu kurzweilig durch die wesentlichen Geschehnisse eines Epos geführt, das zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gehört. Hand aufs Herz, welcher Normalleser kennt schon alle diese Figuren, alle Hintergründe der ausufernden griechischen Mythologie, die Heldengestalten und die Verwandtschaftsverhältnisse der Götterwelt mitsamt den unzähligen Halbgöttern? Insoweit ist die Erzählung auch eine den Horizont erweiternde Lehrstunde der griechischen Antike, die ja das Fundament unserer europäischen Kultur bildet und deren Spuren sich tagtäglich finden, nicht nur in Begriffen wie dem Kassandraruf.

Kassandra ringt, wenn auch vergeblich, um Autonomie, versucht ihren eigenen Weg zu gehen, eine feministische Außenseiterin in der männerdominierten Gesellschaft Trojas. «Ich versuche, einen Raum zu erzeugen, in dem das Irrationale, wenn es Macht hat, wie in Kassandra […], durch, ja: humane Werte ein Gegengewicht bekommt», sagte Christa Wolf in einem Interview. Die Sprache, die sie findet für ihre Geschichte, ist wohltuend knapp, geradezu komprimiert, leicht und angenehm lesbar, zuweilen verblüffend direkt in einem heutigen, modernen Stil. Der nicht selten sogar leicht ironisch wirkt und damit durchaus auch zu amüsieren vermag. Ein Kontrast zur hochgestochenen, lyrischen Dichtung des homerischen Originals jedenfalls, der angenehm überrascht von der ersten Seite an. Die politischen Seitenhiebe auf die Stasi zum Beispiel, der ein gleichermaßen rigides Spitzelsystem in Troja entspricht, die Utopie einer zwangfreien sozialistischen Gesellschaft, die im Buch etwa dem entspricht, was Kassandra bei den Armen vor den Mauern Trojas findet, Christa Wolfs Themen sind geschickt verwoben in einer deterministischen Antikriegsgeschichte, die man gelesen haben sollte.

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Kategorie: Roman
Verlag: Luchterhand

Das Ungeheuer

mora-1On the Road mit Urne und Laptop

Dieser buchpreisgekrönte Roman wirkt polarisierend wie kaum ein zweiter, und das nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Layouts. Welches so neu allerdings nicht ist, schon Arno Schmidt benutzte ja 1960 diese auch drucktechnisch realisierte, zweisträngige Erzählweise, in seinem Roman «KAFF auch Mare Crisium» nämlich. Zehn Jahre später, in «Zettels Traum» dann, wurde es bei ihm sogar dreisträngig. Während bei Schmidt diese Erzählstränge vielfach ineinander verwoben sind, fehlt bei «Das Ungeheuer» eine vergleichbare Intertextualität, es sind deshalb eigentlich zwei Bücher, die man da liest, eines oben auf der Seite und eines unten, beide durch einen Strich getrennt. Oben handelt es sich um eine im Stil eines Roadmovies erzählte, moderne Odyssee des lethargischen Romanhelden Darius Kopp, den Mora-Fans als IT-Spezialisten schon aus dem vorhergehenden Band «Der einzige Mann auf dem Kontinent» kennen, in der unteren Hälfte liest man fragmentarische Tagebucheinträge und wirre Notizen seiner manisch depressiven Ehefrau. Flora hat sich das Leben genommen, seitdem lebt Darius apathisch dahin, denn er hat zeitgleich auch noch seinen Job verloren. Auf ihrem Laptop findet er autobiografische Skizzen, in ihrer ungarischen Muttersprache verfasst. Er lässt sie übersetzen und begibt sich spontan auf eine Reise in ihre Heimat, um dort die Urne mit ihrer Asche zu bestatten, ein letzter Liebesdienst an seiner Frau, von der er wenig wusste, wie er nun erkennt. Entfremdung also ist das Generalthema dieses Romans.

Nach der für mich seinerzeit unerquicklichen Lektüre von Moras Roman-Erstling «Alle Tage» hätte ich dieses Buch wohl links liegen lassen, wäre da nicht der Buchpreis gewesen, der einen denn doch neugierig macht. Und so fand ich nun auch hier wieder das schon erwartete Panoptikum ziemlich seltsamer Figuren, von denen einem keine wirklich sympathisch wird, alle erscheinen seltsam distanziert und rätselhaft, mir jedenfalls. Die Situationen auf der chaotisch verlaufenden Osteuropa-Reise sind teilweise grotesk, es entfaltet sich ein sehr gekonnt erzählter, kunterbunter Bilderbogen an Eindrücken und Geschehnissen auf dieser schier endlosen Autofahrt, die man zu Recht als Fahrt ins Blaue bezeichnen könnte, deren Etappen jedenfalls weitgehend der Zufall bestimmt.

Immer wieder schwenkt die detailreiche Erzählung zwischen Realität und Imagination hin und her, wechselt die Perspektive vom Er- zum Ich-Erzähler, nicht selten sogar im gleichen Satz. Auch Flora taucht da plötzlich auf und redet mit Darius, ganz souverän wendet die Autorin in ihrem neuen Roman viele moderne Stilmittel an, der innere Dialog zum Beispiel, aber sehr häufig auch Bewusstseinsstrom und inneren Monolog, an den «Ulysses» von James Joyce erinnernd. Wagemutig gebraucht die Autorin durchgestrichene Wörter, Sätze ohne jedwede Interpunktion, ungarische Textstellen, Buchstabensalat á la J. S. Foer, psychiatrische Diagnosen, Medikamenten-Beipackzettel, ja sogar ein Kochrezept für ihren Romantext, und all das ist wohltuend unkonventionell, wie ich finde.

Thematischer Nährboden dieses Romans ist mithin der Kontrast zwischen dem technisierten, gnadenlos auf Effizienz getrimmten Leben des IT-Menschen Darius und Floras Lebensuntüchtigkeit, ihre sich zur Pein auswachsende Angst, das titelgebende «Ungeheuer» in ihr also, das sie in den Suizid getrieben hat. Mir wäre, um einen Begriff der IT-Branche zu benutzen, zwar eine sequenzielle Druckfolge lieber gewesen als die parallele, die Teresia Mora gewählt hat, aber ihrer Erzählweise kann der Leser mit Hilfe der Kapitelnummern auch so mühelos folgen, gleich zwei Lesebändchen helfen ihm dabei und deuten ja darauf hin, wie es gedacht ist. So mancher Leser dürfte sich freuen über eine nicht alltägliche Lektüre, die ihm womöglich sogar eine spürbare Erweiterung seines Lesehorizonts beschert.

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Kategorie: Roman
Verlag: Luchterhand

Fallensteller

stanisic-2Katzenjammer inklusive

Mit dem Erzählband «Fallensteller» ist nach zwei erfolgreichen Romanen von Saša Stanišić nun ein drittes Prosawerk erschienen. Der deutschsprachige Autor mit bosnischen Wurzeln erweist sich auch hier als sprachlicher Zauberer, und so ist es sicher kein Zufall, dass gleich seine erste Erzählung von einem Magier handelt, Irreales und Mystisches ist nun mal sein bevorzugtes Sujet. Was die Fallen anbelangt, so läuft auch der Leser Gefahr, dem Autor auf den Leim zu gehen, sich mit Witz und allerlei Tricks hineinlocken zu lassen in Geschichten, die sich als Fallen erweisen, in denen man stecken bleibt, wo es nicht weitergeht, weil man falschen Fährten gefolgt ist.

Freddie, der Fantastische, dilettiert als Magier auf der Weihnachtsfeier des Sägewerks seiner Familie, aber das Publikum ist anderweitig beschäftigt. Die zweite Geschichte führt uns in einen Billard-Salon, wo allerlei skurrile Typen um Geld spielen und ein Russe trickreich absahnt. Es gibt unter den zwölf Geschichten zwei trilogieartig zusammengehörige, Protagonist ist in der einen ein schriftstellerisch ambitionierter Justitiar einer Brauereigesellschaft, dem die Sprache sich zuweilen verweigert, der neben sich selbst steht auf einer Reise nach Rio. Wundersamer Weise gelangt er dann unvermittelt nach Bukarest auf einen Germanistenkongress. Auf die Frage, warum er eigentlich dort sei, heißt es im Buch: «Weil er sich gern verwechseln und entführen ließ. Weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte». In der zweiten Trilogie reist eine Ich-Erzählerin mit ihrem Freund Mo um die Welt, sie erleben allerlei Abenteuer in einer aberwitzig erscheinenden Geschichte, bei der sie zum Beispiel in Stockholm einer syrischen Surrealistin ein Gemälde klauen, das Mo dann seinem Vater verkaufen will, «oder sonst wem».

Der Inhalt all dieser Erzählungen entzieht sich hartnäckig dem Versuch, ihn kurz zusammenfassend einigermaßen stimmig wiederzugeben. Genau daran aber erkennt man als Rezensent – und ziemlich früh auch als Leser, dass diese Sammlung von skurrilen Abenteuer- und Reise-Erzählungen nichts anderes enthält als surreale Parabeln, die sich jeder rationalen Deutung entziehen. So spielen Tiere zum Beispiel in der titelgebenden, mit knapp 90 Seiten dominant längsten Erzählung «Fallensteller», eine bedeutende Rolle, wobei sie wie im Märchen selbstverständlich sprechen können. Was im Kontext der ebenso eigenartigen wie eigensinnigen Prosa dieses trickreichen Autors aber nicht weiter verwundert, es gibt derlei Überraschungen zuhauf, literarische Zauberei eben!

Stanišić beherrscht seinen dem Magischen Realismus zuzurechnenden Schreibstil souverän, er ist ein ebenso kreativer Wortschöpfer wie listenreicher Situationsarrangeur mit Sinn für Tragisches, Sentimentales, das er perfekt hinter absurd Komischem versteckt. Und all das spielt sich in verschiedenen reizvollen Milieus ab, seine Geschichten behandeln zudem vorwiegend existenzielle Themen. Bei aller durchschimmernden Empathie erscheinen seine Figuren jedoch merkwürdig konturlos, blutarm geradezu. Im Gedächtnis bleibt nach dem Lesen, so war es bei mir jedenfalls, nur der in Reimen sprechende Fallensteller, eine dem Rattenfänger von Hameln nachempfundene, sympathische Figur, der Inbegriff des Gauklers. Die stilistische Souveränität des Autors, seine sprachliche Brillanz vor allem, erscheint mir effekthascherisch auf Pointen hin optimiert, – das ist auf Dauer einfach zuviel des Guten. Die altklug verbreitete, subjektive Weltsicht dieses selbstverliebt Schreibenden, sein Bild der Gegenwart, weist eine merkwürdige, um nicht zu sagen abartige Färbung auf. Bleibt anzumerken, dass die schelmisch erzählten Geschichten geradezu überbordend von Sprachwitz daher kommen und dem Leser somit doch Einiges an Lesespaß bieten. Man kehrt schließlich wie nach einem Drogenrausch in die Realität zurück, Katzenjammer inklusive.

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Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Luchterhand

Unterleuten

zeh-2Lucy Finkbeiner lässt grüßen

Man darf ihn als Opus magnum von Juli Zeh bezeichnen, den neuen Roman mit dem wunderbar deskriptiven, originellen Titel «Unterleuten». Eine Gesellschaftsroman also, wobei es sich hier um Leute einer fiktiven dörflichen Gemeinschaft in Brandenburg handelt. Man schreibe, hat sich die Autorin mal geäußert, immer nur über das, was nicht klappt, und zwar, soweit es ihr Schreiben betreffe, ohne Intention. Und so ist es denn auch, ihr ambitionierter Dorfroman ist ein klug angelegtes Epos vom Scheitern, ganz ohne Botschaft. Und er ist wahrlich keine Hymne auf das Landleben, obwohl das ja nahegelegen hätte bei einer Autorin, die persönlich auch «Landflucht» begangen hat. Es sind Phänomene der Zeit, mit denen sich die politisch engagierte und streitbare Autorin vornehmlich auseinandersetzt, hier speziell das komplizierte Spannungsgeflecht im Mikrokosmos eines überschaubaren Soziotops aus Einheimischen und Zugezogenen in der Nähe Berlins.

Die zeitlich im Sommer 2010 angesiedelte Geschichte weist ein vielköpfiges Ensemble von Figuren auf, deren jeweiliges Agieren kapitelweise wechselnd erzählt wird. Als Protagonist ist dabei der ehemalige Großgrundbesitzer Gombrowski dominant, der nach den Enteignungen durch die DDR Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft von Unterleuten wurde und nach der Wende dann Chef der neugegründeten Ökologica GmbH, die aus dieser LPG hervorging. Er ist nicht nur der größte Arbeitgeber im Dorf, er hält auch alle Fäden in der Hand in einem nur von wenigen Eingeweihten durchschaubaren, virtuosen Wechselspiel von gegenseitigen Abhängigkeiten der Dorfbewohner. Man regelt in diesen Kreisen alle Angelegenheiten unter sich, die Obrigkeit wird nicht gebraucht beim Austarieren von Forderungen und Gegenforderungen, die oft auch mit brutaler Gewalt geregelt werden.

In diesem literarischen Panoptikum fehlt weder der unbelehrbare Altkommunist noch die geldgierige Heuschrecke, die toughe Pferdeflüsterin aus der Villa Kunterbunt, ein zum Vogelschützer mutierter Soziologe, der gewalttätige Autoschrauber als Gombrowskis Mann fürs Grobe, die demente Oma mit zwanzig Katzen, der wirklichkeitsferne Nerd, der marionettenhaft im Dienste Gombrowskis handelnde Bürgermeister, um nur die Wichtigsten zu nennen. Bei dieser sich großenteils schon während der DDR-Zeit gebildeten Gemengelage wirkt der projektierte und politisch stark forcierte Bau einer Windkraftanlage wie die Lunte am Pulverfass, es kommt zu diversen Konflikten aller Beteiligten, und beteiligt ist in dem kleinen Dorf letztendlich jeder. Und alle scheitern am Ende auch, wie wir in einem Epilog der eigentlichen Autorin von «Unterleuten», der Journalistin Lucy Finkbeiner erfahren, in dem sie kurz die Vorgeschichte ihres uns vorliegenden Romans und das weitere Schicksal ihrer Figuren über das Romanende hinaus skizziert. Eine ähnliche Camouflage benutzt Juli Zeh auch, indem sie die «Pferdefrau» in ihren Handlungsstrategien gläubig dem real existierenden Ratgeberbuch «Dein Erfolg» von Manfred Gortz folgen lässt, ein in Wahrheit aber von ihr selbst unter Pseudonym geschriebenes Werk, das «sofort als Satire erkennbar» sei, wie sie angemerkt hat.

Gegensatzpaare wie Natur/Technik, Ossis/Wessis, Reiche/Habenichtse, Landvolk/Großstädter, Utopisten/Ewiggestrige kennzeichnen das Geschehen, und immer wieder gibt es trotzdem Zweckallianzen, – aus jeweils knallhartem Kalkül, Empathie ist nirgendwo im Spiel bei alldem. Der extrem handlungsorientierte Roman wird sprachlich betont sachlich und distanziert erzählt. An verblüffend vielen stimmigen Details erkennt man Juli Zehs äußerst penible Recherchearbeit, in ihrem Plot konzentriert sie sich ansonsten weitgehend auf die psychologischen Aspekte ihrer diversen Figuren. Ihr journalistisch nüchterner Text – Lucy Finkbeiner lässt grüßen – zeichnet gekonnt ein zeitkritisches Stimmungsbild der Gegenwart, zum wirklich großen Roman aber fehlt ihm das entscheidende Quantum Emotionalität.

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Kategorie: Roman
Verlag: Luchterhand

Unterleuten

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042_87487_164196_xxl „Mit Unterleuten habe ich alles gegeben, was ich konnte, um einen Gesellschaftsroman für unsere Zeit zu schaffen.“* – So die hochgelobte, hochdekorierte Schriftstellerin Juli Zeh über ihren Roman „Unterleuten„. Keine Frage: so eine Ankündigung – demütig und selbstbewusst zugleich – macht neugierig. Ungemein neugierig. Auch wenn man bisher nicht gerade als großer Fan der Autorin aufgefallen ist. Das Fazit vorab: Juli Zeh hat das Genre Gesellschaftsroman zwar nicht neu erfunden, aber sie hat es neu belebt. „Unterleuten“ ist ein großartiger Gesellschaftsroman, einen besseren hat es in Deutschland lange nicht gegeben.

Nicht weniger als 11 Hauptpersonen gönnt sich Juli Zeh für ihren Roman, die einzelnen Kapitel sind aus den unterschiedlichen Perspektiven dieser Personen erzählt. Dazu kommt die übergeordnete Erzählerin, die sich erst im letzten Kapitel zeigt und die Geschehnisse resümiert. (Dies im übrigen die einzige Meta Ebene, die sich im Buch selber findet. Aber nicht die einzige Meta Ebene im Zusammenhang mit diesem Buch, wie sich nach Veröffentlichung zeigte. Doch dazu später.)

Das Geschehen spielt im fiktiven Dorf mit doppeldeutigem Namen: „Unterleuten“ in Brandenburg, gar nicht weit weg von Berlin, aber doch eine ganz andere Welt. Unberührte Natur, seltene Vogelarten, Pittoreske pur, aber die Idylle täuscht. Das Dorf wird beherrscht von einem unsichtbaren und nur den Alteingesessenen verständlichen und für sie logischen Beziehungsgeflecht, welches die Geschicke der Dorfbewohner maßgeblich bestimmt. Sie wissen genau, wer wem einen Gefallen schuldet, nutzen diese als die eigentliche Währung, die in Unterleuten zählt und schaffen so eine Art rechtsfreien Raum. So haben sie es in der DDR gehalten, so halten sie es heute.

Zugezogene Stadtflüchtige wie der Vogelschützer Gerhard Fließ und seine kleine Familie haben es da schwer. Dabei wollen sie doch eigentlich nur der Tochter ein unbeschwertes Leben auf dem Lande ermöglichen und der ihnen „heilige Aufgabe“ nachgehen, „das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen„. Sie wollen ihr bisheriges Leben hinter sich lassen, anstatt an ihm zu verzweifeln. Kaschieren durch geschickte Deko aber lediglich, dass sie in diesem Leben noch nichts wirklich auf die Beine gestellt haben. Nun sitzen sie bei Tag und Nacht hinter runtergelassenen Rollos, weil ihr Nachbar unablässig giftigen Müll auf seinem Schrottplatz verbrennt. Sie wissen weder, warum er es tut – vielleicht als Strafe für etwas, das sie getan haben, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein – noch, wie sie es stoppen können.

Besser arrangiert sich da die Pferdeflüsterin Linda Franzen, die in Unterleuten ein Gestüt von internationalem Renommee aufbauen will, widerwillig unterstützt von ihrem Lebensgefährten, der eigentlich lieber in der Küche eines Berliner Start-Ups sitzt und Computerspiele entwirft. Linda orientiert sich am Werk des Motivators Manfred Gortz „Mein Erfolg“ und handelt ganz nach der Maxime „Wer eine Situation inszeniert, ist ihr Herr“. Die Widerstände um sie herum lassen sie völlig unbeeindruckt, ihre Nachbarn hält sie für Menschen, die noch während des Weltuntergangs die Ellenbogen auf die Gartenzäune stützen und Sätze wie „irgendwas ist immer“ sagen.

In diese fragile Gesellschaft fällt eines Tages eine der gefürchteten „Heuschrecken“ ein. Einen Windpark will der Investor errichten, für einige winkt schneller Reichtum. Schnell bekommen die potentiellen Verkäufer der geeigneten Grundstücke den Hass der Dorfbewohner gratis dazu. Die Zugezogenen erkennen die schon in der Großstadt verhassten Mechanismen wieder und stellen sich gegen diese „sich selbst subventionierende Gutmenschenbürokratie„, die Alteingesessenen wehren sich dagegen, dass die Randgebiete „zur Rumpelkammer der Zivilisation“ verkommen.

Unterleuten“ stellt die große Frage unserer Zeit: Gibt es noch, kann es noch ein Miteinander, eine Moral geben jenseits von Eigeninteresse? Das Dorf dient dabei als komprimierter Mikrokosmos, die handelnden Personen sind examplarisch und lassen sich überall beobachten – ebenso wie die immer größere Geringschätzung von Prinzipien und moralischen Werten. Sie alle sind getrieben von Verlustängsten, sie fürchten ihre Tradition, ihre Heimat zu verlieren und haben doch allzu oft einfach nur Angst vor Veränderung. Für sie bedeutet Veränderung in erster Linie „Ungeheuerlichkeiten in immer neue Gewänder zu kleiden„. Am Ende kämpft in Unterleuten jeder für sich – allen geschlossenen Allianzen zum Trotze. Sie alle wollen immer nur „das Beste“, doch alleine die Frage danach, was denn „das Beste“ sei, bringt das Schlimmste in den Menschen hervor. Es geht in „Unterleuten“ nur vordergründig darum, wie schnell der Traum vom Landleben zum Albtraum wird oder um den ewig schwelenden Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Juli Zeh zeigt mustergültig, wie ungeheuer fragil ein Miteinander ist und wie schnell es bedroht wird, ja sogar in Gewalt zu eskalieren droht, wenn Einzelne ihre Interessen bedroht sehen.

Die Thematik und die Handlung erscheinen auf den ersten Blick als Lesestoff schwer verdaulich. Doch weit gefehlt: Selten so gut auf so hohem Niveau unterhalten worden. Juli Zeh hat einen formidablen Rundumschlag geschafft. Kaum ein Thema unserer Zeit, welches nicht Eingang in den Roman gefunden hat. Umso bewundernswerter die Leichtigkeit, mit der Juli Zeh all das komprimiert und spannend erzählt. Trotz der dauernden Perspektivwechsel treibt die Autorin ihre Handlung entschlossen voran. Überhaupt – diese Perspektivwechsel. Sie gelingen Juli Zeh außerordentlich gut, mit einer ganz erstaunlichen Konsequenz zeigt sie kompromisslos die Sichtweise jedes einzelnen Charakters. Jedes Kapitel, jede Perspektive ist in sich schlüssig, der Leser bringt all ihren Protagonisten das gleiche Verständnis und gelegentliche Unverständnis entgegen. Was den Leser zum Schluss in sicher gewollter Verwirrung verharren lässt. Jeden konnte man verstehen in seinen Beweggründen und man selbst kann die Frage nicht beantworten, zu wem man gehalten hätte. Aber man kann die verstehen, die sich scheuen, die „toxische Frage nach Schuld oder Unschuld“ zu stellen. Juli Zehs Kunstgriff ist, sich selbst sich jeden Urteils zu enthalten. Sie wertet nicht, weder Charakterzüge noch Beweggründe, sie erzählt es „nur“. Dies aber anteilnehmend, mitfühlend, verständnisvoll, keine menschliche Neigung ist ihr fremd.

Wenn man überhaupt etwas an „Unterleuten“ richtig schlecht findet, dann dies: Der Roman ist so rund in sich abgeschlossen, dass eine Fortsetzung wohl undenkbar ist. Leider. Aber – um nun zurückzukommen auf die auf den ersten Blick und bei bloßer Lektüre des Buches nicht erkennbaren Meta-Ebenen – man kann sich ganz prima noch eine Weile nach Lektüre in den Weiten des world wide web und in diversen Feuilletons amüsieren ob der Frage nach Schein oder Sein oder Nichtsein: Denn natürlich muss man als begeisterter Leser nach Lektüre erstmal schauen, ob es das von Linda Franzen so episch zitierte Werk des Manfred Gortz überhaupt gibt. Es gibt es. Irritiert fragt man sich aber doch, ob Juli Zeh neben all ihren anderen Fähigkeiten auch das Talent zur Zeitreise entdeckt hat. Ist „Mein Erfolg“ doch erst 2015 erschienen und Juli Zeh hat nach eigenem Bekunden über 10 Jahren mit Unterbrechungen an „Unterleuten“ gearbeitet. Wie kann sie da dauernd dieses Werk zitieren? Oder hat sie auf den letzten Metern alles kurzentschlossen umgeschrieben?

Und überhaupt! Ist das nicht schon nahe dran an Copy and paste? Hat Juli Zeh etwa plagiiert? Das frage nicht ich, das fragten aufgeregt diverse renommierte Feuilletonisten. Derweil twittert Manfred Gortz genüßlich vor sich hin, veröffentlicht auf Youtube eine Stellungnahme – den Schal passend zur Gesichtsfarbe – und zeigt sich ganz und gar entzückt davon, von Juli Zeh so expressiv zitiert worden zu sein. Man will ja auch den Verlagsfrieden nicht stören, ist „Mein Erfolg“ doch unter demselben Dach wie „Unterleuten“ erschienen. Blöd nur, dass er Interviews nur per Mail gibt, dabei auch noch mit einiger Chuzpe „Cybris“ (ein Fake von Sascha Lobo und Volker Weidermann, welches für etliche Schlagzeilen sorgte) als Lieblingsbuch empfiehlt und trotz aller investigativer Bemühungen diverser Rechercheure keiner zu finden ist, der Manfred Gortz jemals kennengelernt hat, geschweige denn eines seiner Seminare besucht hat.

Dazu kommen die Webseiten des Vogelschutzbundes Unterleuten mit der Überschrift „Bei uns piept’s“ und die Seite des Unterleutener Gasthauses Märkischer Landmann, der gerade Fischeintopf im Angebot hat. Ins Impressum der Webseiten guckt man dabei besser nicht. Denn – will man es wirklich so genau wissen? Will man zum „Killjoy“ werden, jener Typus, den Linda Franzen und Manfred Gortz so verachten – der Typ, der anderen den Spaß verdirbt, weil er selbst keinen hat. Nein, das will man nicht. Den Spaß an Unterleuten verlängert die Websuche allemal. Zitieren wir die Autorin ein letztes Mal: „ich dachte, alles was im Internet steht, existiert auf alle Fälle„. Ein Schelm, der bei dem Ganzen an eines der frühen Werke Juli Zehs denkt: Spieltrieb.

Prädikat: Unbedingt empfehlenswert! Lesen! Stellt sogar Leute zufrieden, die die Buddenbrooks für das Maß aller (Gesellschaftsroman)-Dinge halten.

*Zitat Juli Zeh im Interview des Buchjournal eins.2016 des deutschen Buchhandels


Kategorie: Gesellschaftsroman, Roman
Verlag: Luchterhand

Unterleuten

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Da gab es mal oder gibt es noch ein berühmtes Gallisches Dorf, das der Römischen Besatzungsmacht unbeugsamen Widerstandswillen entgegengesetzt hat. Zwar hat es seitens der Römer nicht an Versuchen gemangelt,  kreativen Zwiespalt in die Bewohnerschaft hinein zu tragen, aber die Dorfbewohner haben  spätestens in letzter Sekunde immer noch erkannt, wer ihre wahren Feinde wahren und es ihnen jedes Mal nicht zuletzt dank eines gewissen naturheilkundlichen Anabolikums kräftig heimgezahlt.

Einen Zaubertrank gibt es in dem Prignitzdorf „Unterleuten“ nicht, aber dafür ist eine Armee aus langen Propellerspargeln im Anmarsch. Die Gemarkung soll Standort für einen Windpark werden und der schafft es, dass die Bewohner nicht nur bis hin zu tätlichen Übergriffen, das tun die Gallier schließlich auch, sondern bis hin zur finalen Unversöhnlichkeit übereinander herfallen.

Einer der vielen Stärken des Buches besteht in der Vielfalt und Vielschichtigkeit der Protagonisten. Da gibt es den berlinflüchtigen besserwisserischen Birkenstock-Macho, seines Zeichens Natur- und Vogelschützer und seine vom Nachbarschaftskrieg bis hin zur Desorintiertheit zermürbte Frau, den früheren Leiter der LPG und jetzigen Chef eines Bio-Betriebes, den Grundstücksspekulanten aus Bayern und noch einige mehr. Entweder sie jagen der Anwartschaft auf goldene Berge wie einem Rugby-Ei nach oder sie versuchen, sofern sie denn eh nichts davon haben, es dem Landschaftsschutz oder eines rein restkommunistischen Proftbashings zu Liebe ins Seitenaus zu befördern. Bei manchen ist es auch der reine Neid und bei anderen sind beide Triebfedern ein- und dieselbe.  Alle diese Menschen nicht nur trennscharf sortiert, sondern auch energetisch aufgeladen zu haben, darin besteht die eigentliche Meisterleistung der Autorin. Man lauert seiten- und kapitelweise darauf, was sie im Schilde führen. Die darin innewohnende Schablonen-Falle umschifft Julie Zeh meisterlich, indem sie die Menschen mit viel seelischem Resonanzboden versieht. Da wird einfach nachvollziehbar reflektiert und aus der Vergangenheit tief Verborgenes hervor geholt und zwar so, dass man, wären sie denn leibhaftige Tresennachbarn, durchaus ungelangweilt zuhören möchte. Einzig und allein eine angehende Pferdeflüsterin und in Personalunion größeres Zahnrad im Getriebe gerät derart zur knallharten, über Leichen gehenden Karriere-Barbie,  dass es bei ihr schon allein wegen ihres fast noch  jugendlichen Reifestadiums doch etwas an Glaubwürdigkeit hapert. Sie wirkt fast wie ein empathieloses Kalkül-Monster von einem anderen Stern.

Julie Zeh ist von Haus aus Juristin und als solche mit der Fähigkeit zur passgenauen Formulierung und Zuschreibung vertraut. Das gilt auch für die Gedanken und Temperamente derer, die sie aufeinander los lässt. Gelegentlich galoppiert eine erkennbare Lust an der Formulierungsfreude mit sich fort. Insgesamt aber hält sich ein leiser und gerade deshalb unterhaltsamer Begleitsarkasmus. Er ist neben dem spannenden Inhalt die Leitplanke, die das Lesevergnügen auch stilistisch stabilisiert. Der zuweilen gallige Blick auf  die Menschen oder vielmehr auf das, was die voraus geworfenen  Schatten mit ihnen machen,  bedient nicht nur den gesunden Voyeurismus des Lesers, er verselbständigt sich durchaus amüsant und bringt originelle Landschafts- und Kontextbeschreibungen hervor, wenn etwa Dinge in die Skurrilität wegabstrahiert werden, seien es durch Kornfelder gepolsterte Freiflächen oder Häuseransammlungen, die durch das Ortsschild zum Dorf erhoben werden und noch so manches mehr.

Der Lichtblick kommt mit dem Ausblick, mit der Erkenntnis dass der  Zäsurschmerz eben auch Geburtsschmerz ist, wenn die zornigen Alten einer jüngeren Nachrückergeneration Platz machen müssen.  Deshalb weicht zum Ende auch die Bitterkeit der Hoffnung.

„Unterleuten“ ist weitaus mehr als eine Dorfposse. Es zeigt eine Manege der Ellenbogen, in dem jeder auf seine Art Recht hat und in dem es keine kollektiven Gewissheiten mehr sondern nur noch individuelle Irrtümer gibt. Die Art und Weise wie Juli Zeh sie ineinander greifen lässt, hat daraus einen wirklich gelungenen Gesellschaftsroman und aus der Autorin eine Literatin gemacht.


Kategorie: Roman
Verlag: Luchterhand

Die Glücklichen

Kristine Bilkau - die Glücklichen

Fürchten wir uns nicht alle davor, aus dem Paradies vertrieben zu werden?

Kristine Bilkau - die Glücklichen Isabell und Georg sind ein junges, schickes und schönes Paar. Wohlig haben sie sich in ihrer famosen Hamburger Altbauwohnung eingerichtet und schlürfen den Schaum ihres Latte Macchiato in angesagter Achtsamkeit, sich ihrer politischen und ökologischen Korrektheit stets sorgsam und stolz versichernd. Isabell ist Cellistin in einem Musical-Orchester, Georg schreibt als Journalist mit wohlwollendem Schauder über Aussteigerpaare auf dem Bauernhof. Die ganz große Karriere ist nur einen Sprung weit entfernt, aber immerhin – es reicht für Risottomischungen in durchsichtigen Tütchen und andere für das gepflegte Leben unverzichtbare Dinge wie Wildfeigen, Rosenkandis, Bio-Lavendelblütenhonig und Pfefferschokolade.

Dass nicht nur die ganz große Karriere, sondern auch der Absturz nur einen Sprung weit entfernt ist, scheint vor allem Isabell unbewusst zu ahnen. Irgendwoher muss es ja schließlich kommen, dieses Zittern in den Händen, welches sie zunächst noch verbergen kann. Doch der Druck steigt. Zuhause wartet nicht nur die Altbau-Idylle, sondern mittlerweile auch der kleine Sohn Matti und mit ihm die Verantwortung. Das Zittern nimmt zu und sie verliert ihren Job, der zwar nur als Zwischenstation geplant war, ihr nun aber unerreichbar großartig scheint. Zugleich berichtet Georg nicht mehr nur über Nachrichten, er selbst bzw. sein Arbeitgeber ist die Nachricht geworden. Das große Zeitungssterben beginnt, dem Verlag geht es schlecht. Georg fällt den berüchtigten Synergien zum Opfer, sein Job ist nur noch etwas, das schnellstmöglich outgesourced wird.

Natürlich kommt jetzt eine Mietpreiserhöhung, natürlich kommen auch noch andere Verpflichtungen auf sie zu. Georgs Mutter stirbt und hinterlässt nur Schulden, schon die Beerdigungskosten sind utopisch hoch. Schluß mit Rosenkandis und Bio-Gemüsekisten. Isabell und Georg reagieren verstört und hilflos, sie sind völlig verunsichert. Gegenseitig treiben sie sich immer mehr in die Enge, bis ihr Glück und ihre kleine Familie zu zerbrechen droht.

Kristine Bilkau zeichnet in ihrem Debütroman »Die Glücklichen« das präzise Bild einer überreizten überforderten Generation, die sich davor fürchtet, aus dem Paradies vertrieben zu werden. Es ist die Generation Praktikum, die Generation, die immer wieder von ihren Lebensentwürfen Abschied nehmen muss. Die sich unter den Druck der absoluten Perfektion setzt und doch gleichzeitig den Umgang mit einer zunehmend präkeren und unsicheren Existenz lernen muss. Dazu verdammt, ein Leben ohne Niederlagen zu führen. Solange es alles einigermaßen läuft, übertünchen sie ihre Unsicherheit mit dem Gehabe der nach außen hin ach so politisch und ökologisch korrekten Welt. Sobald jedoch etwas ins Wanken gerät, haben sie nichts als Unsicherheit. Alle erlernten Verhaltensmuster greifen nicht mehr. Isabell und Georg sind nur die Prototypen all der freien Künstler, Journalisten, der Mitarbeiter mit befristeten Verträgen in ihren grundsanierten Altbauwohnungen.

Isabell und Georg kommt plötzlich nicht nur ihr Lebensstil abhanden, sondern auch ihre mangels anderer Werte und Orientierungen mühsam zurechtgezimmerten Identität. Sie können sie sich schlicht nicht mehr leisten. Wirklich gerechnet hat keiner von ihnen damit. In ihrem Inneren haben sie immer geglaubt, dass man sich den Anspruch auf Sicherheit verdienen könne, mehr noch, ihnen war die Selbstverständlichkeit anerzogen, dass ihnen ein gutes Leben zustünde. Die plötzliche Erkenntnis, dass nichts im Leben sicher ist und das es per se keinen wie auch immer gearteten Anspruch gibt, lässt sie ermüden und nachgerade ungerecht und boshaft werden.

Das Romandebüt der Journalistin Kristine Bilkau erzählt von zunächst kaum wahrnehmbaren Verschiebungen, von erst kleinen, dann schmerzlicher werdenden Verlusten. Die diffusen Ängste ihrer Protagonisten macht sie an präzisen Ereignissen fest, lange bevor Isabell und Georg es selber merken. Fürchten wir uns nicht alle davor, aus dem Paradies vertrieben zu werden? Sie erzählt es ganz leicht, fast beiläufig, dabei ist der Leser Isabell und Georg immer einen kleinen Schritt voraus. Genau das aber erweckt seine Neugier, er will wissen, wie sie schließlich damit fertig werden. Vielleicht wünscht der Leser sich auch ein Patentrezept, welches er sich merken kann, wenn ihn dann mal die Keule trifft.

So oder so ist Bilkaus Roman ein spannendes, interessantes Buch. Es gibt weniger Antworten, als dem Leser lieb sein wird, aber wenigstens die Fragen, die viele unbehaglich umtreiben, werden einmal gestellt. Im Buch finden Isabell und Georg nur den Anfang des Weges aus ihrem Dilemma, ob er zunkunftsfähig sein wird, das erfahren wir nicht. Das Ende ist ein wenig abrupt und läßt den Leser leicht unbefriedigt zurück, zumal Bilkau auch in ihrem Stil ein wenig aus dem Takt gerät, ja geradezu ins Kitschige abgleitet. Es scheint, als habe sie auf einmal keine Lust mehr gehabt, als wäre ihr das Sujet aus den Händen geglitten und sie habe plötzlich keine Lust mehr auf das Lamento ihrer Hauptfiguren gehabt. Schade, aber abgesehen davon ein Buch, das sich zu lesen lohnt.


Kategorie: Romane
Verlag: Luchterhand

Im Land der Männer

Wie muss ein gutes Buch geschrieben sein, um dem Leser eine erschütternde Thematik nahe bringen zu können ?
Als erstes sollte es sicher authentisch sein, zudem unsentimental, einprägsam und in einer einfachen, doch kunstvollen Sprache verfasst. Es sollte den Leser berühren, letztlich sollte er das Gefühl haben bereichert worden zu sein.
Wenn man mit vorgenannten Ansprüchen konform geht, mag man sich getrost der Lektüre von Hisham Matars »Im Land der Männer« widmen, ohne enttäuscht zu werden.

Hisham Matars Romandebüt führt uns in das Libyen der späten Siebziger Jahre, in die Welt des neunjährigen Jungen Suleiman.
Libyen ist zu dieser Zeit ein Land, in dem seit dem Sturz des Monarchen Idris die Revolution des Muammar al-Gaddafi bereits seit 10 Jahren mit Gewalt und Schrecken das Leben bestimmt.
In diesem »Land der Männer« ist kein Platz für die großen Wünsche und Träume von Frauen und Kindern, doch Hisham Matar erzählt uns genau von diesen.
Suleiman und seine Mutter Najwa sind einander sehr verbunden, dennoch ist ihre Beziehung schwierig. Der von Suleiman bewunderte, aber auch sehr gefühlskalte Vater ist die meiste Zeit auf Geschäftsreisen. Mutter und Sohn sind meist auf sich gestellt. In diesen einsamen Tagen ist Najwa oft »krank«, denn trotz strengem Alkoholverbot trinkt sie. Dann erzählt sie dem Jungen ihre Geschichte. Wie sie, als Mädchen von vierzehn Jahren, einen älteren Mann auf Beschluss des »Hohen Rates« der Familie heiraten musste, ein schwarzer Tag in ihrem Leben. Kurz nach der Hochzeit wird sie schwanger und Suleiman wird geboren. Mit seiner Geburt sterben ihre Hoffnungen und Träume.
Suleiman träumt davon seine Mutter zu retten. Er möchte, dass es ihr gut geht und obwohl es kaum in seiner Macht liegt, beschützt und hilft er seiner Mutter wo er nur kann. Es wird allerdings im Lauf der Geschichte immer schwieriger für ihn sie zu erreichen.

Eines Tages sieht Suleiman seinen Vater, der sich auf einer vermeintlichen Auslandsreise befindet, auf dem Märtyrerplatz in Tripolis. Das Kind kann dies noch nicht verstehen, doch sein Vater ist ein Aktivist der Widerstandsbewegung. Bald beginnt man auf ihn aufmerksam zu werden, und schließlich wird sogar ein Nachbar und Freund der Familie als Verräter verhaftet und verschwindet.
In panischer Angst um ihrer aller Leben verbrennt Najwa die verräterischen Bücher ihres Mannes. Suleimans Welt gerät immer mehr aus den Fugen, er hat keinen Halt mehr, ist verwirrt und verängstigt. Denunziation und Gefahr beherrschen sein junges Leben.
Wohin wird sein Weg ihn führen?

Das Leben des jungen Suleiman hat Hisham Matar in diesem Buch konsequent aus dessen kindlicher Perspektive geschrieben. Die Authentizität und Intensität hierbei ist nicht verwunderlich. Betrachtet man Hisham Matars eigene Kindheit entdeckt man viele Parallelen zu seinem Protagonisten. Auch Matar wuchs im Tripolis der Siebziger Jahre auf, sein Vater verschwand in libyscher Haft und sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Er emigrierte nach Kairo und lebt heute in London.
»Im Land der Männer« ist auch sein eigener Rückblick, eine Liebeserklärung an seine Heimat und auch eine Abrechnung mit der bis heute andauernden Gewaltherrschaft Gaddafis. Authentischer kann man einen Roman kaum schreiben, man ist hautnah dabei, lebt und fühlt mit dem jungen Protagonisten, spürt die brennende Sonne in Tripolis.
Suleimans Gedanken und Gefühle, voller Unschuld, kindlicher Naivität und Fragilität, beschreibt er ohne Pathos, aber sehr anrührend.
Die Geschehnisse verfolgt man gespannt, geschockt und ergriffen. Die schmuckvolle Einfachheit seiner Sprache überzeugt und bewegt.
Besonders wichtig ist, wie ich finde, dass Matar Interesse für die Thematik der lybischen Politik weckt, die ja bis heute in ihren Grundzügen unverändert besteht, auch wenn sie sich wirtschaftlich dem Westen öffnet.
Ein bewegender Roman über eine Kindheit unter einem Gewaltregime, ein tolles Debüt, das noch Großes von Hisham Matar erhoffen lässt.

Dies ist eine Buchrezension aus dem Buchprojekt »Heidi Hof« in Zusammenarbeit mit dem Random House


Kategorie: Belletristik
Verlag: Luchterhand